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Full text of "William Shakespeare"

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RedLr P.^OJ 



WILLIAM SHAKESPEARE. 



VON 



KARL ELZE. 



THIS JEWEL IN THK WORLD. 
CYMBELINE I, 2. 



HALLE, 

VERLAG DER BUCHHANDLUNG DES WAISENHAUSES. 

1876. • 



1 7 MAR 1975 

OF Oa- 



Der Verfasser behält sich das Uebersetzungsrecht vor. 



VORWORT. 



Wenn ich dem vorliegenden Werke einige Worte 
vorausschicke, so geschieht es nicht, um den Plan des- 
selben oder sein Verhältniss zu ähnlichen Werken aus 
einander zu setzen — in dieser Hinsicht muss es für sich 
selbst sprechen — sondern nur um dem Leser die schuldige 
Mittheilung zu machen, dass das siebente Kapitel sowie die 
beiden Anhänge bereits im Shakespeare- Jahrbuche (Band X, 
V, IV) erschienen sind, und um mein Bedauern darüber 
auszusprechen, dass es mir nicht mehr möglich gewesen ist 
Professor Ward's History of English Dramatic Poetry (Lon- 
don, 1875), Mr Fleay's Shakespeare -Manual (London, 1876) 
und den dritten Band von Freih. von Friesen's Shakspere- 
Studien (Wien, 1876) zu benutzen. Der Hoffnung, dass 
meinem Buche daraus kein wesentlicher Nachtheil er- 
wachsen sein möge, möchte ich mich um so lieber hin- 
geben, als ohnehin bei einer, sich über Jahre erstreckenden 
Verarbeitimg eines so weitschichtigen und grossentheils 
schwer zugänglichen Materials Irrthümer und Versehen 
unausbleiblich sind, wegen deren ich die wohlwollende 
Nachsicht des Lesers in Anspruch nehmen muss. 

Halle, 4. Juli 1876. 

K. E. 



i 



INHALT. 



Seite 

I. Heimat und Kindheit i 

n. Jünglingsalter und Ehe 82 

IIL London 133 

IV. Das Theater 231 

V. Shakespeare's Werke 311 

VI. Shakespeare's Bildung 421 

VII. Shakespeare's Charakter, seine Welt- und Lebensanschauung . 487 

VIII. Zuruckgezogenheit in Stratford und Tod 551 



Anhang I. Die Schreibung des Namens Shakespeare 617 

Anhang II. Shakespeare's Bildnisse 627 



VERBESSERUNGEN UND NACHTRAGE. 

Zu S. 30, Anxnkg. 2. Die in Rede stehende Urkunde ist jedenfalls 
dieselbe , die in Halliweirs L. ofSh. 36 fg. veröffentlicht ist. 

Zu S. 33, Anxnkg. 2. Auch Dyce, Works of Shakespeare (3«* £d.) 
I, 92 hält es nicht für unwahitcheinlich , dass der Dichter und der 'trained 
soldier* identisch waren. Möglich ist es auch, dass der Dichter 161 4 als 
Mitglied der Jury zu Rowington thätig war. 

Zu S. 42, Antnkg. 2. Nach Malone's Shakspeare by Boswell (1821) 
n, 100, wo ein Verzeichniss der Stratforder Lehrer mitgetheilt wird, wurde 
Jenkins im J. 1577 (wenn nicht früher) an der Grammar School angestellt. 

Zu S. 57, Anmkg. Diese Angaben über Richard Beauchamp's aus- 
schweifenden Haushalt finden sich auch in The Diary of the Rev. John Ward 
ed. Sevem 139 fg. 

Zu S. 120. Das Spottgedicht *A parliamente member 8cc* ist zu sieben 
Strophen ausgesponnen worden, die in W. Harvey's Ausgabe von Shakespeare*s 
Werken (Lond. 1825) und daraus in The Diary of the Rev. John Ward ed. 
Sevem 47 fg. abgedruckt sind. An Echtheit ist natürlich nicht zu denken. 

Zu S. 131. Fleay (Shakespeare Manual 297) ist gleichfalls überzeugt, 
dass Shakespeare bereits im J. 1585 Stratford verliess, und macht darauf 
aufmerksam, dass er in diesem Jahre mündig wurde. 

Zu S. 135, Anmkg. 1. Statt Spencer's lies Spenser's. 

Zu S. 176. Ueber B. Jonson's Verhaltniss zu Shakespeare vergl. Graf 
Baudissin, Ben Jonson und seine Schule I, IX fg. und I, 438 fg. Graf Bau- 
dissin spricht sich klar und entschieden über die * hartnäckige , mit grosser 
Bitterkeit und Persönlichkeit geführte Fehde' aus, die B. Jobson 'gegen 
Shakespeare bis an dessen Tod fortsetzte, worüber besonders der Poetaster 
<ind der -1616 geschriebene Prolog zu Every Man in his Humour die unwider- 
leglichsten Beweise liefern.' Dass dieser Prolog im Jahre 161 6 geschrieben 
wurde, ist allerdings sehr glaublich, aber nicht erwiesen und liicht erweisbar. 
Vergl. S. 186 und Shakespeare -Jahrbuch Vn, 31. 

Zu S. 181, Anmkg. 1. Wegen des Schauspielers Gabriel vergl. S. 310 
und The First Sketches of the Second and Third Parts of K. Henry VI ed. 
HaUiwcll p. XV. 

Zu S. 196. Die Taxe für die Postpferde lernen wir aus The Diary of 
the Rev. John Ward ed. Sevem 297 kennen. ' JUse that rides post, heisst 
es dort, pnys 3d. a^mile for his post - hör se, and 4«'- « stage to the posthoy 
for conducting* Allerdings gehört diese Angabe schon einer etwas späteren 
Zeit an, und auch der begleitende Postillion scheint auffallig. War er gleich 
dem Reisenden beritten , so waren jedesmal zwei Pferde nöthig , lief er aber 
nebenher, so war er ein sehr unbequemes Hindemiss für den Reiter. — 
Was die ausnahmsweise in zwei Tagen vollbrachte Reise von London nach 
Warwickshire anlangt, so muss allerdings bemerkt werden, dass Stratford 
nicht ausdrücklich als ihr Endpunkt bezeichnet ist. 

Zu S. 199. Wegen deit Ueberlieferung , dass Sir William Davenant 
Shakespeare's Sohn gewesen sei, vergl. Ingleby, Shakespeare's Centurie of 
Prayse 320 fg. 

Zu S. 200 fg. Ingleby , Shakespeare's Centurie of Prayse 79 citirt zu 
dieser Erzählung folgende Stelle aus der Microcosmographie (1628) 2\ (A 
Player): The waiting women Spectators are over-eares in love with htm. 



vni 

and Ladies send for htm lo act in iheir Chambers. Danach stünde das 
angebliche Vorkommniss keineswegs vereinzelt da, und Ingleby fügt daher 
hinzu: The 'gante* rejerred to by Manningham NBED have bcen nothing 
worse than a play-scene. 

Zu S. 201. Z. 6 V. u. lies : in seinem 34. Lebensjahre. 

Zu S. 215. Wegen des 'Prozesses vor dem Kanzleigericht im J. 1612 
s. Dyce, The Works of Wm Shakespeare (3<* Ed.) I, 104. 

Zu S. 220. Vergl. den Aufsatz ' Shakespeare*s Arms' in Fleay's 
Shakespeare Manual 311 fg. Fleay führt scharfsinnig aus, dass das Wappen 
zu den sog. 'armes parlantes* gehört; der Speer bildet das Wappenzeichen, 
während das Schütteln von dem Falken dargestellt wird, 'shaking its wings 
pret'ious to flying.* Indirect liegt mithin auch in dem Wappen ein Argu- 
ment für die Schreibung 'Shakespeare' — nicht Shakspearel 

Zu S. 224, Anmkg. 2. Vergl. hierüber Dramatic Table Talk (Lond. 
1825) II, 156 fg. und Halliwell, The First Sketches of the Second and Third 
Parts of K. Henry VI p. XXVII fg. 

Zu S. 229, Anmkg. Lies: £s ist die Stelle gemeint IV, 3. 

Zu S. 268. Ueber die Einrichtung des sog. Balkons herrscht einige 
Unklarheit; aller Wahrscheinlichkeit nach befand sich unter dem Gerüst, also 
in gleicher Höhe mit der grossen Bühne, eine kleinere, die z. B. zur Darstellung 
der Ermordung Gonzago's im Hamlet diente. Auf dem Kupferstich in Graf 
Baudissin's Ben Jonson und seine Schule Bd. i , an welchen sich die Schil- 
derung von Delius (Ueber das englische Theaterwesen zu Shakspere's Zeit 9) 
eng anschliesst, ist über dem Balkon das Orchester angebracht, was mit 
andern Angaben nicht in Einklang steht. Ueberhaupt leidet wol diese An- 
sicht der Shakespeare'schen Bühne einigermassen an Verschönerung, wie 
schon der von dem eleganten Dache herabhängende Kronleuchter beweist. 
Auch eine geometrische Ansicht, Durchschnitt und Grundriss des Fortuna- 
Theaters sind dem Baudissin'schen Werke beigegeben, wobei die Haupt- 
dimensionen nach dem schriftlichen Kontrakt entworfen sind, welchen Alleyn 
mit dem Baumeister abschloss. Vergl. S. 248, Anmkg. 2. 

Zu S. 316. Z. 6 lies: dass Gedanke (mind) und Hand bei ihm Schritt 
hielten, und er nichts ausstrich. 

Zu S. 323, Anmkg. Die angekündigte Bibliographie der Quartos und 
Folios von Justin Winsor ist noch nicht erschienen. 

Zu S. 370. Z. 1 1 lies : Lovell Reeve st. Lovell , Reeve. 

Zu S. 449. Shakespeare's Wortschatz ist lexikalisch behandelt von 
Delius (Shakspere-Lexicon, Bonn 1852) und von AI. Schmidt (Shakespeare - 
Lexicon, Berlin 1874 — 5, 2 Bde.). Als ergänzende Hülfsmittel gehören hier- 
her Mrs Cowdcn Clarke's Complete Concordance to Shakspere, Mrs H. H. 
Furness' Concordance to Shakespeare's -Poems und £. A. Abbott's Shake- 
spearian Grammar (New Ed.). 

Zu S. 456. In der Beschreibung des Paradieses (Paradise Lost IV, 
137 fgg.) vermengt Milton sogar die Bäume verschiedener Klimate und ver- 
sieht die Palmen mit Zweigen: 

and over-head up grew 
Insuperable highth of loftiest shade, 
Cedar, and pine, and fir , and branching palm, 
A silvan scene. 



L 



HEIMAT UND KINDHEIT. 



Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts fasste Steevens 
den wesentlichen Inhalt einer Biographie Shakespeare's in 
folgenden Worten zusammen: *All that is known with 
any degree of certainty concerning Shakespeare, is — that 
he was born at Stratford-upon- Avon — married and had 
children there — went to London, where he commenced 
actoTy and wrote poems and plays — returned to Stratford^ 
made his will, died, and was buried*^ In Deutschland 
ging während der ersten Hälfte des i8. Jahrhunderts die 
Kenntniss von Shakespeare's Leben thatsächlich nicht über 
diese Daten hinaus, wie die naive Notiz in Mencken's 
Compendiosem Gelehrten -Lexicon. (17 15) beweist: 'Shake- 
speare (Wilh.), ein englischer Dramaticus, geboren zu Strat- 
ford 1564, ward schlecht auferzogen und verstund kein 
Latein, jedoch brachte er es in der Poesie sehr hoch. Er 
hatte ein schertzhafftes Gemüthe, kunte aber doch auch sehr 
emsthafft seyn, und excellirte in Tragödien. Er hatte viel 
sinnreiche und subtile Streitigkeiten mit Ben Johnson, wie- 
wohl keiner von Beyden viel damit gewann. Er starb zu 
Stratford 161 6, 23. April im 53. Jahre. Seine Schau- und 
Trauer- Spiele, deren er sehr viel geschrieben, sind in 6 Thei- 
len 1 709 [gemeint ist Rowe's Ausgabe in 7 Bden] zu London 
zusammen gedruckt und werden sehr hoch gehalten.** Ist 



i) Anmerkung zu Sonett 93. 

2) In der ersten Auflage von LudolfT Benthem's Engelländischer Kirch- 
und Schulen • Staat (Lüneburg 1694) wird noch nicht einmal Shakespeare's 
Name genannt. Erst in der spätem Auflage dieses Werkes von 1732 ist 
£ize, Shakespeare. I 



dies auch nicht gelehrt, so ist es doch compendiös, so com- 
pendiös, dass es heutigen Tags für das dürftigste Conver- 
sations - Lexikon nicht ausreichen würde. In der That befand 
sich aber noch vor hundert Jahren ein etwaiger Lebens- 
beschreiber Shakespeare's in ähnlicher Lage wie jener Kan- 
didat, welchem Friedrich der Grosse ein unbeschriebenes 
Blatt als Text hatte auf die Kanzel legen lassen. Zwar war 
Shakespeare's Leben nichts weniger als ein unbeschriebenes 
Blatt, allein die Schrift ist zum grössten Theile für uns 
erloschen, und alle philologischen und kritischen Reagentien 
sind bis jetzt nur im Stande gewesen, eine Anzahl meist 
unbedeutender, ja kleinlicher Thatsachen und abgerissener 
Bruchstücke wieder sichtbar zu machen , welche schwer in 
Zusammenhang zu bringen sind und aus denen nur mit 
unausgesetzter Hülfe von Combinationen und Conjecturen 
ein Gebäude aufgeführt werden kann. Wie Lord Bacon 
einmal bemerkt, dass man grosse Gegenstände durch enge 
Spalten sehen könne, so werden uns hier durch kleine Oeff- 
nungen Blicke auf grosse Abschnitte und wichtige Factoren 
in des Dichters Leben eröffnet, und Knight hat ganz Recht, 
wenn er seinem Leben Shakespeare's das Motto voransetzt, 
dass jede Lebensbeschreibung des Dichters bis auf einen 
gewissen Grad auf Conjectur beruhen müsse. Freilich deckt 
gerade bei ihm selbst diese unbestreitbare Flagge manche 
zweifelhafte Waare. Goethe's Ausspruch , dass alles unzu- 
länglich sei, was über Shakespeare gesagt wird, gilt eben 
nicht bloss auf dem ästhetischen, sondern ebensowohl auf 
dem hermeneutischen und biographischen Gebiete. 



folgender Artikel hüuta gerügt ; '%. 151. William Shakspear kam zu Strad- 

foTd in Warwickahire auf die Welt. Seine Gelehrtheit war sehr schlecht; 

und daher verwunderte man sich um destomehr, dass er ein fürtreflicher Poela 

war. Er hatte einen sinnreichen Kopf, loUer Scherlz, und war in Tragödien 

nnd Comodien so glücklich, dass er auch einen Heraclilnm lum Lachen und 

einen Democritum zum Weinen bewegen konnte.' S. Eschenburg, Ueber 

=*•-■■"—"— (Zürich, 1787) 497 fg. — Vergl. Stahr, Shakespeare in Deutsch- 

t' Lilerathislorischem Taschenbnch, 1S43, i — 89. Koberstein, 

I allmähliches Bekanntwerden in Deutschland, in seinen Ver- 

sätaen (Leipdg 1S5S) 163 — zu. 



Wenn wir uns nach den Ursachen umsehen, welche 
dieses auf Shakespeare's Leben ruhende Dunkel herbeige- 
führt haben, «o ist es zunächst nicht richtig zu sagen, dass 
ihn seine Zeitgenossen nicht genügend gewürdigt hätten, 
oder es ihnen gar, wie Hermann Kurz gethan hat,^ zur 
unauslöschlichen Schande anzurechnen, dass sie uns keine 
ausfuhrliche Kunde von ihm überliefert haben. Abgesehn 
von seiner bewegten Jugendzeit , war Shakespeare 's Leben, 
wie das fast aller Dichter sicherlich reicher an innem als 
an äussern Erlebnissen, so dass er in dieser Hinsicht die 
Neugier und Theilhahme der Mitlebenden wenig in Anspruch 
nahm. Zudem war die biographische «Literatur, die Literatur 
der Lebensbilder, Denkwürdigkeiten u. s. w. noch nicht im 
Schwange; die Zeit der Boswells, welche über das häusliche 
Leben, so zu sagen über die Schlafrocks -Existenz grosser 
Schriftsteller Buch fuhrt, war noch nicht gekommen. AUe 
Bestrebungen waren weit mehr darauf gerichtet auf dem 
politischen, kriegerischen, seemännischen oder dem litera- 
rischen Felde eine eigene Thätigkeit zu entwickeln, als die 
Thätigkeit Anderer zu beschreiben und zu berichten, am 
wenigsten die der Schriftsteller, die sich noch nicht zu einem 
eigenen, noch dazu so bedeutsamen Stande emporgeschwun- 
gen hatten wie heutzutage. Was wissen wir denn von den 
Lebensumständen Spenser's, Marlowe's, Chapman's, Ben Jon- 
son's, Beaumont's und Fletcher's u. A.? So gut wie nichts 
und auch von Milton würden wir nichts wissen, wenn er sich 
nicht am politischen Leben betheiligt hätte. Nichtsdesto- 
weniger möchte sich mehr biographisches Material über 
Shakespeare erhalten haben, wenn nicht politische und 
Natur -Ereignisse sich zur Vernichtung desselben verbunden 
hätten. Der Bürgerkrieg, der Puritanismus und eine merk- 
würdige Reihe von Feuersbrünsten sind es, welche die von 
vornherein wenig umfängliche Kunde von Shakespeare ver- 
tilgt haben. Schon wenige Jahre nach Shakespeare's Tode 
und zwei Jahre nach dem Erscheinen seiner Werke nahmen 
mit Karl's I Thronbesteigung die politischen Angelegen- 



i) Shakespeare -Jahrbuch VI, 342. 



heiten des Landes eine so ernste und drohende Gestalt an, 
dass sie alles andere in den Hinterg^nd drängten, zumal 
das Theater; gegen welches bekanntlich der Fanatismus der 
Puritaner in erster Reihe gerichtet war. Sinn und Theil- 
nahme für die Literatur, insbesondere für die dramatische 
Poesie, die noch eben auf einer so beispiellosen Höhe 
gestanden und alle Schichten der Nation durchdrungen hatte, 
erloschen oder wurden vielmehr gewaltsam erstickt, und der 
Umschwung vollzog sich mit einer erstaunlichen Schnellig- 
keit und alles vor sich niederwerfenden Gewalt. Es sind 
Anzeichen und Einzelheiten genug bekannt, welche diese 
Thatsache auch in ihren Bezügen auf Shakespeare deutlich 
erkennen lassen. Man vergleiche nur die in Ingleby's 
Centurie of Prayse verzeichneten, begeisterten und sach- 
kundigen Stimmen von Shakespeare's Zeitgenossen mit den 
über alle Begriffe dürftigen, kenntniss- und urtheilslosen 
Notizen aus dem letzten Viertel des 17. Jahrhunderts von 
Aubrey, Fulman - Davies , Dowdall und John Ward, von 
denen der letztere sogar die Gelegenheit benutzt, um sich 
einen Knoten ins Taschentuch zu machen : Remember to peruse 
Shakespeare^ s plays^ and be versed in them, that I niay not 
he Ignorant in them. Welch ein Verfall ! Diese Vergessen- 
heit, in welche Shakespeare versank, dieser gänzliche Mangel 
an Verstandniss und Theilnahme für ihn, ist nur dadurch zu 
erklären, dass die politische Umwälzimg zugleich eine kultur- 
geschichtliche war, eine Umwälzung in den sittlichen, litera- 
rischen und ästhetischen Anschauungen und Neigungen der 
Nation. Dass Shakespeare Schauspieler gewesen war, diente 
ihm bei dem obenauf gekommenen Theile der Nation nichts 
weniger als zur Empfehlung. Dauerte auch die völlige 
Unterdrückung des Theaters während der Republik nur 
wenige Jahre, ^ so lässt doch die gänzlich veränderte und 
verwälschte Gestalt, in welcher das Drama mit den Stuarts 
aus der Verbannimg zurückkehrte oder sie bei ihrer Rück- 
kehr empfing , keinen Zweifel darüber bestehen , dass die 



i) Shakespeare - Jahrbuch IV, 138. 



vorgegangene Wandlung das Mark der dramatischen Poesie 
und Kunst ergriffen hatte. 

Zu diesen kulturhistorischen Ursachen traten wie erwähnt 
die elementaren hinzu, jene Feuersbrünste, welche durch ein 
höchst merkwürdiges Zusammentreffen alle diejenigen Stätten 
zerstörten, an denen sich ein Nachlass Shakespeare 's oder 
eine Kunde von ihm vorfinden "konnte. Zuerst brannte 1613 
bei der Aufführung von Shakespeare's Heinrich Vin das 
Globus -Theater ab, wobei allem Vermuthen nach Hand- 
schriften des Dichters oder andere handschriftliche Auf- 
zeichnungen über die Geschichte, die Verwaltung und den 
Bestand dieses Theaters zu Grunde gingen. Im folgenden 
Sommer verwüstete eine zweite Feuersbrunst einen beträcht- 
lichen Theil des oft heimgesuchten Stratford; verschonte 
sie glücklicher Weise auch des Dichters eigenes Wohnhaus 
(New Place), so lässt sich doch annehmen, dass in den nie- 
dergebrannten 54 Häusern und bei der allgemeinen Ver- 
wirrung manches Andenken und manches wichtige Papier, 
das sich auf seine Familie bezog, dem Untergange anheim- 
fiel. Einige Jahre später (1623?) brach ein Feuer in Ben 
Jonson's Hause aus , welches vorzugsweise seine Bücher und 
Papiere vernichtete; dass sich darunter Briefe von Shake- 
speare tmd Einzelausgaben seiner Werke befanden, wird 
nicht zu bezweifeln sein, wenngleich Jonson diesen Umstand 
in seinem bezüglichen Klaggedichte imerwähnt lässt.* 
Zweifelsohne endlich hat auch der grosse Brand von London 
im J. 1666 dazu beigetragen die ohnehin schon dürftigen 
Ueberreste von Shakespeare's Leben und Schaffen noch mehr 
zu verringern; es ist bekannt, dass ein grosser TheU der 
kurz zuvor erschienenen dritten Folioausgabe dabei zum 
Opfer gefallen sein soll, so dass dieselbe gegenwärtig sich 
fast grosserer Seltenheit rühmen kann als selbst die erste. 

Aber noch ein paar Umstände anderer Art dürfen nicht 
ausser Acht gelassen werden. Zimächst hat Shakespeare 



i) An Ezecration upon Vulcan. S. The Works of B. Jonson ed. Wm 
Gifibrd (Moxon, 1846) 707 fg. Vergl. ebenda 41. B. Jonson's Conversations 
with Wm Dnunmond «d. D. Laing 6, Note. 



selbst nicht das Geringste gethan, um eine Kunde von sei- 
nem Leben auf die Nachwelt zu bringen; abgesehen von 
seinen beiden erzählenden Dichtungen hat er sich nicht ein- 
mal um den Druck oder die Erhaltung seiner Werke beküm- 
mert, die man möchte sagen fast gegen seinen Willen auf 
ims gekommen sind. Nie war ein grosser Dichter gleich- 
gültiger gegen den Nachruhm als er. Aber auch seine 
Familie hat nichts für sein Andenken gethan, ausser dass 
sie ihm das allerdings stattliche Denkmal in der Stratforder 
Kirche errichtet hat. Der Grund dieser Erscheinung liegt 
weniger in ihrem Mangel an Achtung und Liebe für den 
Verstorbenen, als darin, dass Shakespeare keinen Erben 
. seines Namens hinterliess, der nach seinem Tode der Mittel- 
punkt der Familie hätte werden können und für den es eine 
Pflicht und ein Stolz gewesen wäre, die Erinnenmg an den 
Gründer derselben zu pflegen. Die Töchter folgten fremden 
Männern und fanden naturgemäss den Schwerpunkt ihres 
Lebens ausserhalb des elterlichen Hauses. Einer Ueber- 
lieferung zufolge soll zwar Shakespeare's Enkelin Lady 
BamcU-d eine Menge Papiere mit in die Heimat ihres zwei- 
ten Gatten genommen haben, allein selbst die Wahrheit 
dieser Sage angenommen, kann es uns nicht in Erstaunen 
setzen, dass sich dieselben dort allmählich verzettelt haben. 
Aller Wahrscheinlichkeit nach hingen auch die unterlas- 
senen des Dichters — vermuthlich sogar schon bei seinem 
Leben — einer kirchlichen Richtung an, welche sie die 
Lebensthätigkeit und den literarischen Nachlass des Gatten 
und Vaters mit wenig sympathischen imd unfrohen Augen 
betrachten liess. In einem spätem Abschnitt dieser Dar- 
stellung wird hiervon ausfährlicher die Rede sein. 

Trotz alledem wissen wir heute imgleich mehr über 
Shakespeare's Leben als sein erster Herausgeber und Bio- 
graph Nicholas Rowe, dessen Ausgabe des Dichters (i 709 — 10) 
gewissermassen die Schleuse aufgezogen hat für eine Flut 
von Ausgaben, deren Ende nicht abzusehen ist. Rowe 
stützte sich bei seinem biographischen Bericht vomämlich 
auf die Angaben von Betterton, Davenant und Aubrey. Better- 
ton ^ der ausgezeichnete Schauspieler, ging nämlich nach 



Warwickshire lediglich zu dem Zwecke, um Nachrichten über 
Shakespeare zu sammeln;^ über die Ausbeute, die er heim- 
brachte, sind wir leider nur unvollständig unterrichtet. Die 
mündlichen Berichte Davenant's, der sich mit Stolz für einen 
unächten Sohn Shakespeare's gehalten haben soll, sind 
kritiklos und wenig zuverlässig. John Aubrey, 1626 — 1697, 
ein fleissiger, aber sehr unkritischer Antiquar, ist am bekann- 
testeif durch seine 'Minutes of Lives', welche er 1680 hand- 
schriftlich an Anthony Wood schickte, damit dieser in sei- 
nem Werke Athenae Oxonienses davon Gebrauch machen 
sollte; in diesen Minutes findet sich auch eine oft citirte 
Stelle über Shakespeare.* Rowe muss aber auch bessere 
Gewährsmänner oder Quellen gehabt haben, denn in allem 
Wesentlichen hat seine Biographie Bestätigung geftmden. 
Seitdem haben während eines Zeitraums von anderthalb 
Jahrhunderten die Untersuchungen über Shakespeare's Leben 
nicht geruht, imd manches Räthsel ist bereits gelöst worden, 
wenngleich es unvermeidlich war, dass, je mehr die For- 
schungen an Breite und Tiefe zunahmen, neue Schwierig- 
keiten imd Räthsel sich in den Weg stellten. Die vermehrte 
Kenntniss ist aus verschiedenen Quellen geflossen, vor allem 
aus der Auffindimg einschlägiger Urkunden, wobei sich 
namentlich Malone und Halliwell durch ihre unermüdlichen 
Nachforschungen ein unbestreitbares Verdienst erworben 
haben. Freilich hat hier auch die Fälschung, die sich vor- 
zugsweise an die Namen Ireland, Collier imd Cunningham 
knüpft, ein ergiebiges Feld fiir ihre verderbliche und schimpf- 
liche Thätigkeit geftmden, die uns bei jedem Schritt die 
gTosste Behutsamkeit zur Pflicht macht.* Als eine zweite. 



1) Nach R. Gr. White, Shakcspcare's Works I, XXXVII im J. 1675; 
nach Knight, William Shakspere; a Biography, 278 dagegen erst um oder 
Bach 1700. Beide Angaben beruhen lediglich auf Vermuthung — wir kennen 
das Jahr nicht. 

2) Aubrey's handschriftlicher Nachlass wird im Ashmolean Museum zu 
Oxford aufbewahrt. 

3) William Henry Ireland, gest. 1834, trieb die Fälscherei im Grossen 
und schrieb u. a. zwei Stücke, Vortigcm und Heinrich II, welche er I799*als 
neuentdeckte Werke Shakespeare's veröffentlichte. Vergl. Authentic Account 



8 

nicht minder ergiebige Quelle hat sich die Durchforschung 
der gleichzeitigen Literatur 'erwiesen, vermöge deren reiches 
Licht über Shakespeare's Stellung zu seinen Zeitgenossen, 
über die Quellen, die Entstehimgszeit und die Schätzung 



of the Shakespeare Manuscripts by W. H. Ireland, 1796. Miscellaneous 
Papers and Legal Instniments under the Hand and Seal of Wm Shakespeare, 
published by Samuel Ireland (William Henry's Vater) 1796. Malone*s*Inquiry 
into the Authenticity of certain Miscellaneous Papers &c. 1 796. G. Chalmers's 
Apology for the Believers of the Shakespeare Papers, 1797. The Confessions 
of W. H. Ireland, 1805. — J. P. Collier hat in seinen New Facts regarding 
the Life of Shakespeare (1835), in seinen New Particulars &c. (1836) und 
anderswo eine Anzahl Urkunden veröffentlicht, welche bei sorgfältiger Prü- 
fung durch die anerkanntesten Paläographen eben so gut für unächt (oder 
doch mindestens für dringend verdächtig) erklärt worden sind wie die Eiften- 
dationen in seinem Exemplar der zweiten Folio. Schon vor der paläogra- 
phischen Untersuchung wurden sie 1843 von Knight, Wm Shakspere; a Bio- 
graphy 496 — 500 und 1845 von Hunter, Dlustrations I, 67 fgg. angezweifelt 
und kritisch verurtheilt , und es ist schwer begreiflich, dass die paläographische 
Untersuchung so lange hat auf sich warten lassen ; hatte nicht die berüchtigte 
Folio den Verdacht aufs neue erweckt, so hätte man die Urkunden noch immer 
auf sich beruhen lassen. Noch jetzt scheinen diese Fälschungen nicht in 
ihrem ganzen Umfange aufgedeckt zu sein, sondern vielmehr noch weiter- 
greifende Untersuchungen zu erheischen; während die Ireland'schen Fälschun- 
gen glücklich überwunden und wieder ausgemerzt sind, wuchern die von 
Collier veröffentlichten noch immer wie eine Wasserpest in der Shakespeare - 
Literatur. Unter diesen Umständen wird Rücksichtslosigkeit zur gebieterischen 
Pflicht, und man kann nicht umhin gegen sämmtliche von Collier veröffent- 
lichten Urkunden Misstrauen zu hegen, so weit sie nicht von anderer Seite 
ausser Zweifel gestellt sind. Da Collier seine Unschuld betheuert, so lässt 
sich bis jetzt nicht sagen, wer der Schuldige ist , und es scheint nicht, als ob 
diese Fälschungsgeschichte mit einem ehrlichen Geständniss endigen sollte, 
wie die Ireland'sche. Vergl. Ingleby, The Shakespeare Fabrications ; or, The 
MS Notes of the Perkins Folio shown to be of Recent Origin &c. Lond. 1859. 
— Hamilton, N. K. S. A., Inquiry into the Genuineness of the MS Cor- 
rections &c. Lond. 1860. — Ingleby, The Shakespeare Fabrications See, Lond. 
1860. — Ingleby, A Complete View of the Shakespeare Controversy, 1861, — 
Tychb Mommsen, Der Perkins - Shakespeare. Berlin, 1854. Eine Reihe von 
elf dieser unächten Schriftstücke hat Dyce in der 2ten und 3ten Auflage 
seiner Shakespeare - Ausgabe in einem Anhange zur Biographie des Dichters 
(I> 138 — 148) zusammengesteUt ; eines derselben (No. VH) kommt jedoch auf 
Cunningham*s Rechnung — es sind die auf Shakespeare bezüglichen Einträge 
in den von ihm herausgegebenen Extracts from the Revels at Court &c. Vergl. 
darüber Athenaeum 1868, I, 863. 



seiner Werke verbreitet worden ist. Als ein Drittes gesellt 
sich hierzu die kritische Combination , die zwar eine er- 
schreckende Schaar luftiger, durch nichts begründeter H)rpo- 
thesen erzeugt hat, welcher aber auch nicht wenige Schluss- 
folgerungen verdankt werden, die sich zu einem so hohen 
Grade von Wahrscheinlichkeit erheben, dass sie fast fiir 
Gewissheit gelten dürfen. Wie sehr freilich auch die sog. 
innere Wahrscheinlichkeit und der aus innem Gründen ge- 
führte Beweis trügen kann, beweist eine bekannte Anekdote 
von Thomson, aus dessen Jahreszeiten Jemand klar bewie- 
sen hat , dass er ein Frühaufsteher gewesen sei , während 
er in Wahrheit ein ausgemachter Langschläfer war.* Es 
giebt jedoch Gesetze, welche seit Jahrhunderten das mensch- 
liche Leben regieren, weil sie sich mit innerer Nothwendig- 
keit aus der Natur des Menschen ergeben , und diesen 
Gesetzen war mithin auch Shakespeare's Leben unterworfen; 
nach ihnen kann beispielsweise seine Ehe keine glückliche 
gewesen sein. Aus der methodischen Benutzimg dieser 
Erkenntnissquellen lässt sich jetzt immerhin ein ziemlich 
ausgeführtes Bild von Shakespeare's äusserm Leben zusam- 
menstellen, das wenigstens in den wesentlichen Punkten der 
geschichtlichen Wahrheit nahe genug kommen dürfte imd 
selbst da, wo dies nicht erreicht wird, doch für die anschau- 
lichere Erkenntniss der Persönlichkeit des Dichters, seiner 
Zeit und Umgebungen, wie seines Schaffens keineswegs 
unfruchtbcu- ist. Hallam (Introd. Lit Eur. 11, 176) spricht 
allerdings sehr geringschätzig von den antiquarischen Unter- 
suchungen über Shakespeare's Leben, und seine Ansicht hat 
ein nur zu häufiges Echo geftmden. *Wenn es, wie ich 
vermuthe,' so lauten seine Worte, 'einen irdischen Shake- 
speare gab, so gab es auch einen himmlischen, und dieser 
ist es, von dem wir etwas zu wissen wünschen.' Das scheint 
uns auf einem sonderbaren Irrthum zu beruhen. Von dem' 
himmlischen Shakespeare geben ja seine Dichtungen die 
ausreichendste, aber auch die einzige Kunde; was will, ja 
was kann man von diesem noch weiter wissen? Ueberdies 



I) Knight, Wm Sh.; a B. 234. 



IG 



hat die Bekanntschaft mit dem himmlischen Shakespeare 
vielmehr der Aesthetiker und Kunstphilosoph als der Philo- 
log und Biograph zu vermitteln. Was wir hier kennen ler- 
nen wollen ist allerdings der irdische Shakespeare, sind die 
irdischen Verhältnisse und Bedingungen, unter denen er 
seine himmlischen Werke schuft 

Schon der Name des Dichters, um mit diesem zu be- 
ginnen, hat Anlass zu zahlreichen Zweifeln und Untersuchun- . 
gen gegeben; schon hier an der Schwelle tritt uns ein 
* Kreuz der Ausleger' entgegen, und bis auf den heutigen 
Tag hat keine Einigkeit in der Schreibung dieses Namens 
erzielt werden können. Die Ursachen dieser Erscheinung 
und die Ergebnisse der darüber sowie über Shakespeare's ^ 
Autographen geführten Untersuchungen, sowie die Recht- 
fertigung der von uns gewählten Schreibung findet der Leser 
später ausführlich behandelt. Bereits im 14. Jahrh. gab es 
Shakespeares in Warwickshire, und nicht lange danach finden 
wir sie über die ganze Grrafschafl wie über die angränzenden 
Distrikte verbreitet ; in Warwick selbst, in Stratford, Snitter- 
field, Wroxhall, Temple Balsall, Rowington, Packwood, 
Little Packington, Kenilworth, Charlecote, Coventry, Hamp- 
ton, Lapworth, Nimeaton, Kington und an vielen andern 
Orten sind sie urkundlich nachgewiesen.* Das Zusammen- 
drängen so zahlreicher Familien desselben Namens in Einer 
und derselben Grafschaft erinnert an die schottischen Clans 
und führt darauf, einen gemeinsamen Ursprung, wenn auch 
nicht des Geschlechtes, so doch des Namens anzunehmen. 
'Breakspear, Shakespear und ähnliche, sagt Verstegan in 
seiner Restitution of Decayed Intelligence (Antwerpen 1605), 
sind Namen, welche ihren ersten Trägem wegen ihrer 
Tapferkeit und ihrer WafFenthaten beigelegt worden sind.' 
Der Sache näher kommt Camden (Remains conceming Bri- 
* tain 1629, p. 107) mit der Bemerkung, dass Personen mehr- 
fach nach dem benannt worden seien, was sie zu tragen 
pflegten , so Palmer d. i. Pilger , nach den Palmen , welche 
die Pilger auf dem Rückwege von Jerusalem trugen; so 



i) Halliwell, Illustrations of the Life of Shakespeare (Lond. 1874) 62. 



II 



Longfsword, Broadspear, Fortescue, d.i. Strong-shield, und 
in ähnlicher Weise Breakspeare, Shakespeare, Shotbolt, 
WagstafF. Diesen Namen hätte nach Hunter (Illustrations 
I, 3) auch Shakeshaft hinzugefugt werden sollen, was merk- 
würdiger Weise ebenfalls in den Grafschaften Warwick und 
Worcester besonders häufig vorkomme. Himter fuhrt noch 
eine Stelle aus Zachary Bogan, gleichfalls einem Schrift- 
steller des i7.Jahrh.'s an, welcher Shakespeare für gleichbe- 
deutend mit Soldat erklärt. Er sagt : ' The custom first 
jtaHetVy to vibrate the spear before they used it ^ was so 
constantly kept, that iyxiOnakog, and shake^ spear e, catne at 
length to be an ordinary word, both in Hotner and other 
poets, to signi/y a soldter'^ Hunter vermisst freilich den 
Beweis, dass Shakespeare jemals in England *was used as 
a familiär word for a soldier\ allein nichtsdestoweniger 
ist es wahrscheinlich, dass der Name eine sei es volksthüm- 
liche, sei es scherzhafte oder poetische Bezeichnung für die 
Speerträger und Lanzenknechte der Grafen von Warwick 
und vielleicht der Bischöfe von Worcester war, die als Leib- 
wache und Polizeimannschaft dienten. 'Der Name Shake- 
speare, sagt Charles W. Bardsley (Notes and Queries July 4, 
1874 p. 2), gehört zu einer erblich gewordenen Klasse von 
Spitznamen, die sich auf die missliebige Art und Weise 
bezieht, mit welcher untergeordnete Beamte ihr Amt aus- 
zuüben pflegen; besonders knüpfen sie sich an das Werk- 
zeug oder Abzeichen des Amtes mit Hinzufügung von wag 
oder shake. So findet sich shake-buckler (bei HalliweU), 
shake-lock (als Bezeichnung eines Schliessers), Waggestaff 
(in den Hundred Rolls), Wage-tail, Wagspere und das noch 
existirende Waghorn, Simon Shake -loky Henry Shake- 



I) Archaeolo^ae Atticae libri III by Francis Rons, with Additions by 
Zachary Bogan, Scholar of C. C. C. in Oxon. 5^ £d. 1658 p. 324. — Ma- 
lone's Shakespeare by Boswell (1821) n, 275. — Nach Charles Mackay im 
Athen. 1875, II, 437 soll der Name keltischen Ursprungs sein, zusammenge- 
setzt ans shac oder seac = dry und speir =s shanks, und sollte eigentlich 
SckcLCSpeir oder Chaksper geschrieben werden, wie ja auch des Dichters 
Vater geschrieben habe. Mackay vergleicht Sheepshank und Cruikshank, 
Also zu Deutsch nicht Schüttelspeer, sondern Spindelbein oder Dütrschenkel! 



12 

launce und Hugh Shakeshaft kommen in alten Urkunden vor. 
William Shakespeare, so schliesst Bardsley, stammte ohne 
Zweifel von einem Sicherheitsbeamten (officer of the law) 
oder von dem Beamten irgend eines feudalen Lords ab.' 
Dazu stimmt, dass in der That, so weit die urkundlichen 
Nachrichten reichen, alle Familien des Namens Shakespeare 
den untern Schichten des Volkes, der Yeomanry oder dem 
Bauernstände, angehörten, und nur zwei Beispiele hohem 
Standes unter ihnen nachgewiesen sind. In einem Register 
der Gilde der h. Anna zu Knowle^ (bei Halliwell, Life of 
Shakespeare 3 fg.), welches vom J. 1407 bis zur Auflösung 
der Gilde im J. 1535 reicht, werden nämlich ausser andern 
Shakespeares eine Priorin Isabella Shakespeare von Wrox- 
hall, fiir deren Seele im J. 1505 gebetet wurde,* und eine 
Domina (Lady) Jane Shakespeare um 1527 aufgeführt. Unter 
diesen Umständen ist es sehr erklärlich, dass von des 
Dichters Vorfahren keine sichere Spur zu entdecken ist 
(was später in der Wappenverleihungs - Urkunde für John 
Shakespeare über sie gesagt wird, unterliegt gerechtem 
Zweifel) und dass selbst sein Grossvater nur durch Muth- 
massung ausfindig gemacht werden kann ; von seinen Gross- 
müttem väterlicher wie mütterlicher Seits wissen wir gar 
nichts. Es kommt ehrlich gestanden auch nichts darauf an, 
da diese Vorfahren weder an sich selbst, noch durch irgend 
welchen Einfluss auf des Dichters Lebensgang oder Bildimg 
einen Anspruch auf unsere Beachtung und Theilnahme 
besitzen. 

Shakespeare's muthmasslicher Grossvater war Richard 
Shakespeare zu Snitterfield , wo er ein kleines Grundstück 
in Pacht hatte, welches dem zu Wilmecote im Kirchspiel 



i) Zu Baddesley • Clinton unweit Knowle befindet sich ein einzeln stehen- 
des Haus mit Graben und Zugbrücke, Shakespeare - Hall genannt, das einem 
Onkel des Dichters gehört haben und bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts 
im Besitz der Familie Shakespeare gewesen sein soll. Athen. 1872, I, 337. 

2) Noch eine zweite Isabella Shakespeare kommt in diesem Register vor, 
die Frau eines Radulphus Shakespeare um 1465. 'Hatte der Dichter, fragt 
R. Gr. White (I, p. V), hiervon Kunde und veranlass'te ihn dieser Umstand 
zur Einführung des Namens Isabella in Mass für Mass? 



13 — - 

Aston Cantlow ansässigen Robert Arden gehorte. Der Ent- 
wurf der Wappenverleihungs- Urkunde an seinen Sohn vom 
J. 1 596 sagt von ihm, er und seine Vorfahren seien für ihren 
tapfem und treuen Dienst von dem höchst weisen Fürsten 
Konig Heinrich Vü glorreichen Andenkens befordert und 
belohnt worden, und ganz ähnlich drückt sich die Wappen- 
verleihung von 1599 aus.* Wie wenig Gewicht jedoch auf 
diese Angabe zu legen ist, wird später bei Gelegenheit der 
Wappenverleihung dargethan werden. Richard Shakespeare 
hatte mindestens zwei Söhne, Henry, gleichfalls zu Snitter- 
field, imd John, den Vater des Dichters, der die Familie 
nach Stratford verpflanzte. John war muthmasslich um 1 530 
geboren und heirathete im Jahre «557 Mary Arden, die 
jüngste Tochter des genannten Robert Arden zu Wilmecote. 
Die Familie Arden war zwar eins der ältesten und an- 
gesehensten, aber keineswegs reichsten Geschlechter der 
Grafschaft ; sie zählte zur Gentry, während die Shakespeares 
wie gesagt der Yeomanry angehörten. Die Engländer, 
welche einen grossen Werth auf Genealogie legen und 
denen es wichtig und wohlthuend scheint, dass ihr grösster 
Dichter wenigstens mütterlicher Seits von edlem (gentle) 
Blute abstammte, haben sich vielfaltig bemüht den Stamm- 
baum und die Geschichte der Familie Arden aufzuklären 
und festzustellen, ohne jedoch bei dem Mangel zuverlässiger 
urkundlicher Quellen ein entsprechendes Ergebniss ihrer 
Untersuchungen erreicht zu haben.* Während Dugdale die 
Familie von Eduard dem Bekenner herleitet, hat neuerdings 
J. T. Burgess sich bis zu dem angeblichen Nachweise ver- 
stiegen, dass ein Sohn Wilhelm des Eroberers, der zuerst 
den Familiennamen Arden angenommen habe, der Stamm- 
vater unseres Dichters sei; ja, damit noch nicht zufrieden. 



i) Halliwell, L. of Sh. 17. 75 fgg. 

2) Vergl. Dugdale, Warwickshirc. — Fullcr's Worthies. — George 
Russell French, Shakespeareana Genealogica. Lond. 1869. — J. T. Burgess 
im Athen. 1867, I, 821. ü, 52. — T. Helsby, Shakespeare and Arden in 
N. and Q. 4* Ser. Vü, 118 fg. — John Gough Nichols, Shakespeare and 
Arden in K. and Q. 4*'' Ser. VÜ, 169 fgg. — Hunter, New Ülustrations I, 
33 — 43 und n, 331—335- 



14 

verfolgt er die Familie bis auf Alfred den Grossen. Der- 
gleichen Liebhabereien sind zu unkritisch, als dass man 
ihnen auch nur den geringsten Werth zugestehn könnte. 
Zweifelsohne gab es, wie bei den Shakespeares so auch bei 
den Ardens nicht bloss Eine, sondern zahlreiche Familien 
desselben Namens; sie waren ebenfalls ein Clan, und der 
Name war ursprünglich die allgemeine Bezeichnung für die 
Bewohner der gleichnamigen waldigen Nordwesthälfte der 
Grafschaft. 'In this place, 50 äussert sich Dugdale bei der 
Beschreibung des Kirchspiels Curdworth, / have made choice 
to sp'eak historically 0/ that ffwst ancient and worthy 
familyy whose surname was first assumed front their resi- 
dence in this pari of, the country, then and yet called 
Arden, by reason 0/ its woodiness^ the old Brilons and 
Gauls using the word in that sense^^ Im Gegensatze zu 
diesem Walddistrikte führte der flachere und offenere süd- 
ostliche Theil der Grafschaft, dessen Gränze gegen den 
erstem ungefähr mit dem Laufe des Avon zusammenfallt, 
den Namen Feidon. Das Wachsthum der Bevölkerung wie 
der ausgleichende Anbau und Gewerbfleiss haben den Unter- 
schied zwischen diesen Distrikten längst verwischt. 

Mit einiger Sicherheit kennen wir nur den Grossvater 
des genannten Robert Arden, wenn wir nämlich Dugdale 
Glauben schenken imd in Verbindung damit die Angaben 
der Wappenverleihungs -Urkunde nicht auf die Familie Shake- 
speare, sondern auf die Familie Arden beziehen. Dieser 
Grossvater hiess gleich seinem Sohne imd Enkel Robert, 
so dass also drei Generationen nach einander denselben 



i) Der Name Arden oder Ardem, d. h. Wald oder Hochwald, kehrt in 
den Ardennen wieder. Ist dadurch vielleicht die Wahl des Schauplatzes in 
*Wie es Euch gefallt' herbeigeführt worden? Vergl. auch Arden of Fevers- 
ham. — Guy Beauchamp , der zweite Graf Warwick , erhielt von Eduard II 
den Spitznamen *The Black Dog of Ardenne'. Noch heute erinnern die 
Ortsnamen Henley- in -Arden und Hampton -in -Arden an die alte Eintheilung. 
— Vergl. The Forest of Arden, its Towns, Villages, and Hamlets; a Topo- 
graphical and Historical Account of the District between and around 
Henley- in- Arden and Hampton -in -Arden. By John Hannet. Lond. 1865. 
(Athen. Sept. 26, 1865 p. 397.) 



- 15 

Vornamen geführt hätten — eine etwas bedenkliche An- 
nahme ! Ein Brudgr des ältesten Robert, Sir John Arden 
(gest. 1526), soll das Amt eines Squire 0/ the body am Hofe 
Heinrich's Vü bekleidet haben, während Roberts Sohn, 
also Robert 11 , demselben Fürsten in der Eigenschaft eines 
Groom 0/ the Chamber gedient hätte. Die Ehre dieses 
Hofdienstes und die von Heinrich Vü seinen getreuen 
Dienern bewiesene Gunst, erfüllte nicht bloss die Ardens, 
sondern später auch die Shakespeares mit Stolz und wurde 
schliesslich von den letztern als eine Hauptstütze für ihren 
Anspruch auf ein Wappen herbeigezogen. Der jüngste 
Robert, des Dichters Grossvater, hatte aus einer ersten 
Ehe sieben Töchter ; eine zweite mit der wahrscheinlich ver- 
wittweten Agnes Hill geb. Webbe (begraben 29. Dec. 1580) 
blieb kinderlos. Sieben Mädchen sind ein bekannter Lust- 
spielstofF, nur nicht für den Vater, der sie versorgen soll, 
zumal wenn ihnen nicht Reichthum und Schönheit zu Hülfe 
kommen. Auch Robert Arden mag seine Sorgen in dieser 
Beziehung gehabt haben; wir wissen jedoch nichts Näheres 
über die Schicksale seiner Töchter, mit Ausnahme der 
jüngsten, Mary, welche eben John Shakespeare's Gattin 
wurde. Sie scheint die Lieblingstochter ihres Vaters ge- 
wesen zu sein, wenigstens hat er sie in seinem Testamente 
in Gemeinschaft mit ihrer Schwester Alice zur Testaments- 
vollstreckerin ernannt und ihr im Einklänge damit über den 
ihr zukommenden Antheil hinaus ein besonderes Legat aus- 
gesetzt. Daraus darf wohl der Schluss gezogen werden, 
dass Mary Arden durch Begabung imd Charakter wie durch 
geschäftliche Gewandtheit das in sie gesetzte Vertrauen ver- 
diente und rechtfertigte, wenngleich sie es, bei der damaligen 
ausserordentlich mangelhaften Erziehung des weiblichen Ge- 
schlechts, so wenig wie ihre Stiefmutter dahin gebracht 
hatte, dass sie ihren Namen zu schreiben vermochte. * Doch 
ist noch ein anderer Grund für ihre Bevorzugimg denkbar, 



I) Halliwell, L. of Sh. 57. 13. Ebenda 15 fg. das Testament R. Arden's, 
das sich 2u Worcester befindet und schon von Malone veröffentlicht wor- 
den ist 



i6 

der, dass sie möglicher Weise durch ihre Munterkeit dem 
kränklichen Vater — sick in body nennt er sich im Testa- 
ment — manche trübe Stunde erleichtert und manche Grille 
verscheucht hatte. War sie in der frohen und frischen 
Heiterkeit wie in der praktischen Tüchtigkeit ihres Wesens, 
das sich mit den Dingen dieser Welt ohne Disharmonien 
und Reibungen abzufinden wusste, der Frau Rath ähnlich? 
Erbte etwa ihr Sohn von ihr die Frohnatur und die Lust 
am Fabuliren, wie Goethe von seinem Mütterchen? Wenn 
auch hier zutraf, was die Erfahrung in so vielen Fällen 
bestätigt hat, dass ausgezeichnete Männer ihren Müttern ein 
grosses geistiges und sittliches Erbtheil verdanken, so lässt 
sich jedenfalls vom Sohne ein sehr günstiger Rückschluss 
auf die Mütter machen. Das am 24. November 1556 errich- 
tete Testament ihres Vaters , um zu diesem zurückzukehren, 
gewährt uns übrigens einen anziehenden Einblick nicht nur 
in die Familienverhältnisse, sondern auch in das Leben und 
die Zustände einer nicht unbedeutenden Gesellschaftsklasse 
der damaligen Zeit. Der Eingang des Testaments, in wel- 
chem der Testator seine Seele 'dem allmächtigen Gott und 
unserer gebenedeiten lieben Frau, der h. Maria, und der 
ganzen heiligen Gemeinschaft des Himmels' empfiehlt, ge- 
stattet insofern keinen sichern Schluss auf sein Glaubens- 
bekenntniss, als das Testament unter der Regierung der 
blutigen Maria abgefasst ist, wo der Geschäftsstil derartiger 
Urkunden gewiss auch bei Nichtkatholiken eine katholische 
Färbung aufweisen musste. Mit Recht macht Knight (W. 
Sh.; a B. 10) darauf aufmerksam, dass der Eingang zum 
Testament Heinrichs Vm, der doch keineswegs als Katholik 
gestorben ist, ganz eben so lautet. Shakespeare's Testa- 
ment beginnt freilich mit einer ganz andern, entschieden 
protestantisch klingenden Formel; aber auch angenommen, 
dass sich Robert Arden zum katholischen Glauben bekannt 
hätte, so würde das noch lange nicht dieselbe Annahme 
bezüglich seiner Tochter imd seines Schwiegersohnes und 
noch weniger bezüglich seines Enkels, des Dichters, recht- 
fertigen. Die Frage wird weiterhin ausfuhrlich besprochen 
werden. Ueber seinen Nachlass verfugt Robert Arden in 



der Weise, dass seine jüngste Tochter Mary — es ist be- 
zeichnend , dass er mit ihr den Anfang macht — sein ge- 
sammtes Land in Wilmecote, welches Asbies heisst, sammt 
der darauf befindlichen Ernte erhalten soll. Das Gut 
Asbies umfasste 50 Acker bestellbaren Landes und 6 Acker 
Wiesenland nebst Weiderecht auf dem Gemeindeanger. 
Malone hat danach den Werth desselben auf 100 Pfiind, 
Thomas Campbell dagegen auf 3 — 400 Pfd. geschätzt. De 
Quincey (Shakspeare, Edinburgh 1864, 29 fgg.) hält die Mitte, 
indem er den Werth auf 224 Pfd. berechnet, was nach heu- 
tigem Geldwerthe der fünffachen Summe entsprechen würde. 
Den jährlichen Ertrag bestimmt er auf 28 Pfd., gleich 
140 Pfd. heutigen Geldes. Ausserdem wurden Mary vor 
der Theilung des Nachlasses 6 Pfd. 13 Schill. 4 Pence d. h. 
20 Nobel baar ausgezahlt. 'Meiner Tochter Alice, so fahrt 
der Erblasser fort, vermache ich ausser dem, was sie zu 
dieser Zeit an eigenem Vermögen • besitzt [woher?], den 
dritten Theil aller meiner beweglichen und unbeweglichen 
Habe in Feld und Stadt, nachdem meine Schulden und Ver- 
mächtnisse bestritten sind. Meiner Frau Agnes vermache 
ich 6 Pfd. 13 Schill. 4 Pence unter der Bedingung, dass 
sie während ihres Wittwenstandes meiner Tochter Alice die 
halbe Nutzniessamg meines Copyhold zu Wilmecote gewährt ; 
andernfalls soll sie nur 3 Pfd. 6 Schill. 8 Pence imd ihr 
Wittwengedmge in Snitterfield bekommen. Alles andere 
bewegliche und unbewegliche Gut soll nach Bestreitung der 
Begräbnisskosten und der Schulden unter die übrigen Kinder 
zu gleichen Theilen getheilt werden. Endlich soll jedes 
Haus im Kirchspiel Aston Cantlow, das nicht im Besitz eines 
Gespannes (teme) ist, 4 Pence erhalten.' Robert Arden 
starb zwischen dem 24. November und dem 9. December, 
wie aus dem, von diesem Tage datirten Inventar seines 
Nachlasses erhellt, welches dem Testamente angehängt ist. 
Der GesammtWerth de» beweglichen Vermögens — vom 
Grundbesitz ist leider keine Rede — beträgt 77 Pfd. 1 1 Schill. 
10 Pence. Wir finden darunter ein Federbett mit zwei 
Matratzen, einer Decke, drei Polstern, einem Kissen u. s. w. ; 
fünf Tischlaken, drei Handtücher (darunter ein buntes, diaper) 

£Ue, Shakespeare. 2 



— i8 — 

6 Schillinge 8 Pence im Werthe, u. s. w. In der Küche 
befanden sich vier Pfannen, vier Topfe, drei Leuchter, eine 
Schüssel, eine Bratpfanne, ein Rost u. s. w. ; femer eine Axt, 
zwei Beile, vier Fässer, vier Eimer, ein Backtrog, eine 
Handsäge u. s. w. Das lebande Inventar bestand aus acht 
Ochsen, zwei Stieren, sieben Kühen und vier Kälbern, zu- 
sammen auf 24 Pfd. geschätzt; aus vier Pferden und drei 
Füllen, auf 8 Pfd. geschätzt; aus muthmasslich 52 Schafen 
im Werthe von 7 Pfd.; neun Schweinen im Werthe von 
26 Schillingen 8 Pence ; Bienen und Geflügel zum Werth von 
5 Schillingen , u. s. w. Wie einfach und selbst ärmlich ist 
dieser Haushalt! Worauf schliefen z. B. die Töchter, wenn 
nur das Ehebett vorhanden war? Und die Wirthschaftsge- 
räthe wie knapp! Das einzige, was über des Lebens Noth- 
durft hinausgeht, sind zwei gemalte Decken (patnted cloths) 
in der Halle und fünf desgleichen im Zimmer; dagegen 
werden Leibwäsche, Kleider, Ess- und Trinkgeschirre nicht 
erwähnt, von Silber oder auch nur Zinn gar nicht zureden.^ 
Die Familie bediente sich jedenfalls hölzerner Löflfel imd 
Näpfe — Gabeln waren überhaupt noch nicht in England 
gebräuchlich; trotz alledem stand sie, wenn auch keineswegs 
reich, an Rang und Vermögen nicht unbedeutend über den 
Shakespeare's, ja Mary war entschieden was man eine gute 
Partie nennt. 

Mary 's Verheirathung muss wie gesagt im Jahre 1557 
Statt gefunden haben, da ihr erstes Kind am 15. Sept. 1558 
getauft wurde; dass sie beim Tode des Vaters noch unver- 
heirathet war, beweist dessen Testament, welches sie nur 
beim Vornamen nennt. Was die Ungleichheit des Standes 
anbelangt, so mochte Mary, wie man annimmt, wol in ihrer 
verwaisten Lage einen Antrieb finden, es mit der gesell- 
schaftlichen Stellung ihres Bewerbers nicht allzu genau zu 
nehmen, zumal da die Stiefmutter mit den Kindern nicht 
besonders gut gestanden zu haben scheint; wenigstens hin- 
terliess sie in ihrem 1579 errichteten Testamente keinem 
derselben ein Andenken (Halliwell , L. of Sh. 1 2 fg.). Was 



i) Knight, Wm Sh.; a B. 10. 



lo- 
dern Liebhaber an Ran^ abging, wurde überdies durch 
seine guten Vermogensverhältnisse aufgewogen; er besass 
1556 bereits zwei Copyhold - Grundstücke in Stratford, eins 
in Henley - Street , das .andere in Greenhill- Street,* wenn- 
gleich beide Häuser nur klein und unansehnlich sein mochten. 
Endlich war John Shakespeare jedenfalls ein Mann von guten 
Geistesgaben und gediegenem, kraftvollem Charakter, wahr- 
scheinlich auch — wenn ein Rückschluss von seinem Sohn 
auf ihn gestattet ist -^ von stattlichem und einnehmendem 
Aeussem ; vom Dichter wird das letztere durch Aubrey und 
Davies ausdrücklich bezeugt.* Das Vertrauen und die ehren- 
volle Stellung, die sich John Shakespeare bei seinen Mit- 
bürgern erwarb, sind ein unzweifelhafter Beweis für die 
Tüchtigkeit und Zuverlässigkeit seines Charakters wie für 
sein Geschick zu weltlichen Geschäften, so dass es scheint, 
als habe der Dichter das letztere von seinen beiden Eltern 
geerbt. Dass John Shakespeare's Erziehimg und Schulbil- 
dung mangelhaft war, wird sich kaum in Abrede stellen 
lassen; das war jedoch ein Umstand, den ihm Mary Arden 
nicht zum Vorwurf machen konnte. Der einzige Massstab, 
den wir nach Shakespeare's eigener Anleitung bezüglich der 
damaligen Schulbildung anzulegen vermögen, beruht frei- 
lich in der Frage — um sie in die Worte Jack Cade's zu 
kleiden: 'Pflegst du deinen Namen auszuschreiben, oder 
hast du ein Zeichen dafür, wie ein ehrlicher, schlichter 
Mann?' worauf Jack Cade vom Schreiber von Chatham die 
Antwort erhält: *Gott sei Dank, Herr, ich bin so gut 
erzogen, dass ich meinen Namen schreiben kann.'* Und 
selbst dieser dürftige Massstab lässt uns oft im Stiche, da 
es -nach Lord Campbell* häufig genug vorkommt, dass Per- 
sonen, welche ihren Namen ganz gut zu schreiben im Stande 
waren, sich dennoch damit begnügten, ihr Zeichen zu machen. 



1) Knight, Wm Sh.; a B. 18. 

2) Vergl. De Quincey, Shakspeare 49 fg., wo diese Zeugnisse noch 
durch andere Gründe unterstützt werden. 

3) 2 Heinrich VI, IV, 2. 

4) Shakespeare's Legal Acquirements, Lond. 1859, 15. 

2* 



50 

Auch John Shakespeare bediente sich eines Handzeichens, 
das dem Buchstaben A ähnlich war und das er, wie Malone 
will, *vermuthlich zu Ehren seiner Gattin (Arden) g-ewählt 
hatte.' Allein an eine solche kalligraphische Liebeshul- 
digxmg ist eben so wenig zu denken als daran, dass das 
Zeichen ein bei der Handschuhmacherei gebrauchtes Werk- 
zeug vorstellen solle, wie Halliwell (L. of Sh. 65) meint. 
Robert Bigsby (Signature of John Shakespeare in den 
Shakespeare Society *s Papers I, in fgg.) hat Malone's 
romantische Erklärung dahin berichtigt, dass das Zeichen 
kein anderes war als das sog. Caret (A), das sehr häufig 
von Schreibens -Unkundigen gewählt wurde, und das hier 
nur noch mit einem Querstrich versehen sei. Nun haben 
wir aber eine Urkunde (in Stratford, facsimilirt bei Rnight 1 6 
und Halliwell 18), unter welcher sich die Namen von neun- 
zehn Mitgliedern der Stratforder Korporation befinden. Von 
diesen neunzehn Vätern der Stadt waren nur sieben im 
Stande ihren Namen zu schreiben , während die andern — 
der High BailiflF obenan! — ihr Zeichen machten. Auch 
John Shakespeare's Name befindet sich in dieser Liste, und 
Knight sucht mit scharfsinnig entwickelten paläographischen 
Grründen darzuthun, dass er ihn selbst geschrieben haben 
müsse , und dass das beigesetzte Handzeichen nicht zu sei- 
nem, sondern zum folgenden Namen gehöre. Dieser An- 
sicht ist auch Lord Campbell beigetreten, welcher glaubt, 
John Shakespeare habe mit der eigenhändigen Unterschrift 
und dem Handzeichen gewechselt. Halliwell dagegen bestä- 
tigt Malone's Beobachtung, dass John Shakespeare sein 
Zeichen gewöhnlich ein wenig unterhalb seines Namens ge- 
setzt habe, und dass das auch hier der Fall sei. Er weist 
sogar nach, dass John Shakespeare sein Handzeichen geän- 
dert und sich später des allgemein üblichen Kreuzes bedient 
habe; in der That zeigen sämmtliche, von Halliwell veröf- 
fentlichte Urkunden John Shakespeare's dieses Kreuz als 
sein Zeichen. Sollte daher John Shakespeare wirklich in 
dem Einen Falle seinen Namen unterschrieben haben, was 
kaiun wahrscheinlich ist, so ist doch so viel sicher, dass er 
in der Regel vorzog sein Zeichen zu machen, jedenfalls 



21 

weil es ihm zu viel Mühe verursachte seinen Namen zu , 
schreiben. Am glaublichsten scheint Halliweirs Annahme, 
dass er seinen Namen nicht schreiben konnte. 

John Shakespeare war im J. 1551 oder früher nach Strat- 
ford gezogen und wohnte schon 1552 in Henley Street. Die 
erste urkundliche Bekanntschaft, die wir hier mit ihm machen, 
ist so -ausserordentlich unpoetisch, wie sie sich gewiss bei 
dem Vater keines andern Dichters wiederfindet — John 
Shakespeare wurde nämlich am 29. April dieses Jahres (1552) 
mit seinen Nachbarn (?) Humfred Rejmolds und Adrian 
Quiney jeder in 12 Pence Strafe genommen, weil sie gegen 
die Vorschrift des Magistrats einen Dunghaufen in Henley 
Street gemacht hatten.* Wie unangenehm auch die hohe 
Strafe für die Betroffenen gewesen sein mag, für uns hat 
dieser Dunghaufen doch sein Gutes, insofern er zu beweisen 
scheint, dass John Shakespeare Viehwirthschaft betrieb. 
Bekanntlich herrscht ein langjähriger Streit über seinen Be- 
ruf, den man jetzt dadurch beigelegt zu haben glaubt, dass 
man ihn auf Grund einer Urkunde für einen Handschuh- 
macher erklärt hat, womit Rowe's Angabe, dass er ein 
Wollhändler gewesen sei, insofern nicht in Widerspruch 
stehen würde, als Haüiwell (L. of Sh. li) ein anderes Bei- 
spiel nachgewiesen hat, wo Handschuhmacherei imd Woll- 
handel in Einer Hand vereinigt waren. Die erwähnte, zuerst 
von Malone (ü, 78) veröffentlichte, bei Knight 104. und bei 
HaUiwell 21 facsimilirte (in Stratford befindliche) Urkunde 
vom 17. Juni 1555 oder nach HaUiwell richtiger 1556 enthält 
mitten im lateinischen Texte das Eine englische Wort 'glo- 
ver' als Bezeichnung fiir John Shakespeare und zwar so 
undeutlich geschrieben, dass wenigstens Knight seine Be- 
denken nicht unterdrücken kann und die Sache geradeswegs 
in Abrede stellt.* HaUiwell dagegen findet die Undeutlich- 



1) Eine spätere Verordnung (1563) über die Dunghaafen (sterquinaria) 
steht bei HaUiwell L. of Sh. 27 Note. Wie sich zeigen wird, hatten die ^ 
Väter der Stadt alle Ursache, auf strenge Strassenpolizei zu halten. 

2) Es ist eine Schuldklage wegen 8 Pfd. gegen John Shakespeare, die 
*coram Johanni Burbage ballivo' geführt wird. Die betreffenden Worte lauten: 
< Thomas Siehe de Arscotte in com. Wigom. queritor versus Johannem Shaky« 



22 

keit lediglich in dem unvollkommenen Facsimile, dessen sich 
Knight bedient habe und ist seinerseits vollständig überzeugt. 
Bedenklich bleibt die Annahme immerhin, so lange nicht 
ihre urkundliche Grundlage verstärkt wird, und Rnight weist 
mit Recht darauf hin, dass die zahlreichen andern Erwäh- 
mmgen John Shakespeare's nichts von diesem Gewerbe 
wissen und sich bisweilen auf Geschäfte beziehen, die sich 
mit der Handschuhmacherei schwer zusammenreimen lassen, 
wie z. B. eine Klage vom 19. Nov. 1556 gegen einen Henry 
Field wegen ungerechter Vorenthaltung von achtzehn Schef- 
feln Getreide. Zwar ist auch hier, wie Knight selbst ein- 
räumt, der Inhalt der betreffenden Urkunde nicht zweifellos, 
allein der Einwand ist damit noch nicht entkräftet, und Halli- 
well hat ihn nicht widerlegt, ja nicht einmal beachtet. Die 
Handschuhmacherei nährte kaum ihren Mann und hatte 
schwerlich einen goldenen Boden, da Handschuhe noch nicht 
ein alltägliches und allgemeines Lebensbedürfhiss , sondern 
nur ein ritterlicher und festlicher Luxusartikel waren. ^ 



spere de Stretford in com. Warwici glover in placito quod redd. ei octo 
libras &c.' 

l) Vergl. De Quincey» Shakspeare 26 fg. Malone*s Shakspeare by 
Boswell (1821) n, 79 fgg. Nach Malone gab es im J. 16 18 mindestens sieben, 
wenn nicht zehn Handschuhmacher in Stratford, und ihr Gewerbe soll ihm 
zufolge keineswegs uneinträglich gewesen sein. — Im Wintermärchen IV, 3 
handelt Autolycus mit Bändern und Handschuhen ; die letztem dienten häufig 
als Geschenke und pflegten zu diesem Behufe parfümirt zu werden (as sweet 
as damask'roses), zumal wenn sie als Liebes- oder Brautgeschenke verwandt 
wurden. Wir lernen das u. a. aus Verlorener Liebesmüh V, 2 und noch um- 
ständlicher aus Beaumont und Fletcher's Knight of the Buming Pestle I, i : 

/ can pull 
Out of my pochet thus a pair of gloves, 
Look, Lucy, look; the dog*s tooth, nor the dov^s, 
Are not so white as these; and sweet they he. 
And whipt dbout with silk , as you may see, 
If you desire the price, shoot from your eye 
A beam to this place, and you shall espy 
F S, which is to say, my sweetest honey, 
They cost me three and twO'Pence, or no money. 

Jeder andere als ein Liebhaber muss allerdings finden , dass das zumal 
niKh damaligem Geldwerthe Geld genug ist. Dass man geschenkte Hand* 



23 

Dass John Shakespeare irgend ein Handwerk betrieb, scheint 
allerdings durch seine Uebersiedlung nach der Stadt ange- 
zeigt zu sein. Oder hatte er diesen Schritt gethan, um die 
Erzeugnisse der väterlichen Landwirthschaft besser zu ver- 
werthen? Oder ging beides Hand in Hand? Wir erhalten 
vielleicht das richtigste Bild von seiner bürgerlichen Stel- 
lungy wenn wir ihn uns als das denken, was in kleinen 
deutschen Städten ein Ackerbürger heisst, als einen 

Bürger des kleinen 
Städtchens, welcher ländlich Gewerb mit Bürgererwerb part 

um Goethe 's Worte aus Hermann und Dorothea (V, 31 fg.) 
zu entlehnen. Jedenfalls war die sogenannte bürgerliche 
Nahrung das Hauptgewerbe des damaligen Stratford, * die 
Handwerksthätigkeit war noch wenig herausgebildet und 
nicht scharf abgegränzt, und an die heutige strenge Arbeits- 
theilung war in diesen kleinstädtischen Verhältnissen noch 
nicht zu denken. Jeder behalf sich so gut er konnte und 
besorgte die Geschäfte des Haushalts und der Wirthschaft 
so viel als möglich selbst und ohne ängstlich zu fragen, ob 
sie seinem eigenen oder einem fremden Berufskreise ange- 



schuhe als Gunstbeweise am Hute trug, zeigt u. a. Heinrich V, IV, 7 und 8 
und Lear III, 4. Als Elisabeth 1 566 nach Oxford kam, wurden ihr im Namen 
der Universität sechs Paar sehr schöne Handschuhe dargebracht (Nichols's 
Progresses I, 21 1) und nach Knight, Wm Sh. ; a B. 54 erhielten beim Ernte- 
fest sogar die Schnitter Handschuhe geschenkt. Guten Absatz fanden wahr- 
scheinlich die zur Falkenjagd erforderlichen Handschuhe, die sehr theuer 
waren. S. Harting, The Omithology of Shakespeare (Lond. 1871) 78. In 
den Lustigen Weibern I, 4 vergleicht Mrs Quickly einen grossen runden Bart 
mit *a glover's paring - knift\ was allerdings auf eine nähere Bekanntschaft 
Shakespeare's mit der Handschuhmacherei hindeuten könnte. Wiederholt 
spielt Shakespeare auf ziegenledeme Handschuhe und ihre Dehnbarkeit an,* 
welche letztere er dem Witze wie dem Gewissen als Vorbild empfiehlt. So 
in Was Ihr Wollt III, i; Romeo und Julie II, 4 und Heinrich VHI, II, 3. 
Danach wusste Shakespeare doch recht gut mit Handschuhen Bescheid ••- 
womit wusste er freilich nicht Bescheid? Uebrigens scheint das Tragen von 
Handschuhen schnell allgemeine Mode geworden zu sein; in Thomas Hey- 
wood*s If you know not me, you know nobody (1606) Pt U, I, i (ed. Collier 
for the Shakespeare - Society, 77) heisst es: *Then, your mask, silk lace, 

washed gloves as common as coals from Newcastle : — — you shail 

not have a kitch^n^maid scrape trenchers vnthoui her washed ^lovef* 



24 

horten, ob sie ehrenvoll oder niedrig waren; nichts war ver- 
ächtlich, was zur Leibes Nahrung und Nothdurft, zur Erhal- 
tung, Führung und Ausbeutung der Haus- und Feldwirth- 
schaft gehorte. Harrison in seiner Beschreibung England's 
(bei Knight 5) giebt folgende Beschreibung der Yeomen — 
als Yeoman wird nämlich John Shakespeare noch 1579 ^.us- 
drücklich bezeichnet (Halliwell 21 fg.). 'Yeomen, so sagt er, 
sind diejenigen, welche von unserm Gesetze legales hotnines 
genannt werden. — Diese Art Leute haben einen gewissen 
Vorrang und stehen in höherer Achtung als Arbeiter und 
als der gewöhnliche Schlag von Handwerkern und leben 
meist reichlich, machen g^te Häuser und bemühen sich 
Reichthum zu erlangen. Sie sind auch grosstentheils Pächter 
bei Gutsbesitzern oder mindestens Handwerker; und durch 
Viehzucht, durch den Besuch der Märkte und dadurch, dass 
sie sich Dienstboten halten (nicht müssige Dienstboten, wie 
die Gentlemen thun, sondern solche, die für ihren eigenen 
und ihrer Herren Unterhalt arbeiten) kommen sie zu grossem 
Vermögen, so dass viele von ihnen Grundbesitz von ver- 
schwenderischen Gentlemen zu kaufen im Stande sind imd 
häufig ihre Söhne auf Schulen, Universitäten oder Rechts- 
schulen schicken oder ihnen sonst genügenden Grundbesitz 
hinterlassen, so dass dieselben ohne Arbeit zu leben vermö- 
gen und auf solche Weise Gentlemen werden: diese Yeomen 
waren es, welche in früheren Zeiten ganz Frankreich in 
Furcht setzten.' Diese Charakteristik vervollständigt Harri- 
son durch folgende gegen die Gutsbesitzer gerichtete An- 
klage (bei Knight 21): 'Besonders betrübt ist es, dass Män- 
ner von vornehmem Gebahren so weit entfernt sind ihren 
^ Pächtern irgend welchen Gewinn zu gönnen, dass sie selbst 
Viehzüchter, Fleischer; Gerber, Schafmeister, Förster lÄid 
denique quid non werden, um sich dadurch zu bereichem 
und allen Reichthum des Landes in ihre eigenen Hände zu 
bringen, indem sie das Gemeinwesen schwächen, wie ein 
Idol mit gebrochenen oder schwachen Armen, was in Frie- 
denszeiten ein leidliches Aussehen haben, wenn aber die 
Noth es zwingen sollte, schwere und bittere Folgen nach 
sich ziehen mag.' 



25 

Schon Knight hat ausgeführt, wie diese Schilderung das 
Rathsel zu losen scheint, welches John Shakespeare's Le- 
bensstellung so lange in Dunkelheit gehüllt hat. * Dass John 
Shakespeare ursprünglich von Landwirthschaft ausging, kann 
nicht zweifelhaft sein; eben so wenig, dass er durch seine 
Verheirathung veranlasst wurde, sich derselben mit erhöhtem 
Interesse zu widmen. Sie entsprach dem Charakter der 
Familie Arden wie dem der seinigen am meisten und wurde 
vermuthlich auch von seiner Frau, die ihm, wie wir gesehn 
haben, einen ansehnlichen Grundbesitz zubrachte, für ehren- 
voller angesehn als eine Handwerksthätigkeit. John Shake- 
speare suchte daher als ein speculativer und unternehmender 
Kopf ländlichen und städtischen Wirthschaftsbetrieb zu. ver- 
einigen. Da er Schafe besass, so lag es ihm nahe, die 
gewonnene Wolle so viel als möglich und für seinen Bedarf 
erforderlich selbst zu verarbeiten; hatte er übrig, so ver- 
kaufte er den Ueberschuss, und gelang ihm dies gut, so 
versuchte er auch mit dem An- und Verkauf fremder Wolle 
ein Geschäft zu machen, wie er ohne Zweifel auch den Zu- 
wachs seiner Schafheerde verkaufte. So erklärt sich, inwie- 
fern ihn Rowe, auf Betterton gestützt, * a considerable dealer 
in wooV nennen konnte. Sehr möglich ist es, dass der 
jugendliche Dichter seinem Vater gelegentlich bei derartigen 
Geschäften beigestanden haben mag, wie man aus vier 
Stellen in 2 Henry IV, m, 2, in The Winter's Tale IV, 2(3) 
in As You Like It DI, 2 und in Hamlet V, 2 schliessen will. 
In der erstem heisst es: *a score of good ewes may beworth 
ten pounds;* in der zweiten: *every ' leven wether tods; 
every tod yields pound and odd Shilling; fifteen hundred 
shorn, what comes the wool to?^ ; in der dritten spricht der 
Schäfer Corinnus von den fettigen Vliessen seiner Schafe 
und fugt hinzu, dass seine Hände ^are often tarred over 
wiih the surgery of our sheep' ; die vierte Stelle endlich 
(Ther^s a divinity that shapes our ends Roughhew them 
how we will) ist namentlich durch Dr. Farmer und Steeyens 



1) Vergl. R. Gr. White, Shakespeare's Works I, XV. — Neil, Shakc- 
spere; a Critical Biography, Lonid, 1863, i6» 



26 

aufgeklärt worden. Die Berechnung des Wollgewichts ver- 
räth allerdings eine Kenntniss, welche nicht sowohl zu- 
falliger Wahrnehmung als wirklicher Erfahrung zu ent- 
stammen scheint. 

Ganz ähnlich wird es sich mit der von Aubrey aufge- 
zeichneten Tradition verhalten, dass John Shakespeare ein 
Fleischer gewesen sei.* Sicherlich wurden in seiner Wirth- 
schaft wie in so zahlreichen andern Schweine, Kalber und 
Rinder fiir den häuslichen Bedarf eingeschlachtet und davon 
das, was entbehrt werden konnte, verkauft. Auch hat zwei- 
felsohne der Dichter in seiner Jugend bei diesem Einschlachten 
hier und da Hülfe geleistet — gilt ja doch das Einschlachten 
bis auf den heutigen Tag als eine Art Haus - oder Familien- 
fest, bei welchem es sich die Kinder als ein grosses Ver- 
gnügen anrechnen, wenn sie sich durch kleine Handleistun- 
gen nützlich machen können. Es ist aber nichts weniger 
als glaublich, weder dass der Vater das Metzger -Heindwerk 
betrieb, noch dass der Sohn dazu erzogen wurde. Aubrey's 
ganzer Bericht zeigt offenbar, dass er keine deutliche Vor- 
stellung von dieser Art des Wirthschaftsbetriebes besass, 
der in der That in der ersten Hälfte des 17. Jahrh's eine 
•durchgreifende Veränderung erlitten zu haben scheint, indem 
sich die händwerksmässige Arbeitstheilimg mit schnellen 
Schritten ausbildete. Geradezu abgeschmackt und lächerlich 
wird aber Aubrey, wenn er der Nachricht, der junge William 
habe Kälber geschlachtet, die Worte hinzufüget: ^he used to 
doe it in a high style and make a Speech!' Ueberdies be- 
weist er zu viel, indem er erzählt, es habe zu jener Zeit 
noch einen zweiten Fleischerssohn in Stratford gegeben, 
einen Freund und Altersgenossen William Shakespeare's, 
der ihm an natürlichen Anlagen nicht nachgestanden habe, 
aber jung gestorben sei.* Dass der achtzigjährige Küster, 
welcher Dowdall im J. 1693 die Stratforder Kirche zeigte, 



i) Ingleby, Shakespeare's Centurie of Prayse, Lond. 1874, 293. 

2) Halliwell, Was Nicholas ap Roberts that Butcher's Son recorded 
by Aubrey as an Acquaintance of Shakespeare, and was Shakespeare an 
Apprentice to Griffin ap Roberts, Lond, 1364 (10 Copies). 



27 

diesem gleichfalls erzählt haben soll, der Dichter sei zu 
einem Fleischer in die Lehre gethan worden, aber seinem 
Lehrherm entlaufen und nach London gegangen — das 
trägt keineswegs dazu bei, die Glaubwürdigkeit der Tradition 
zu erhohen, da es mit anerkannten Thatsachen im Wider- 
spruch steht. Wenn in Shakespeare's Lebensgeschichte 
irgend etwas sicher ist, so ist es dies, dass Shakespeare 
Stratford nicht als Lehrling, sondern als verheiratheter Mann 
und Vater verliess. Der von den Vertheidigem der Metz- 
ger-Tradition herbeigezogenen Stelle aus Shakespeare end- 
lich lässt sich gar kein Gewicht beilegen, denn dies Gleich- 
niss ist von einem Vorgange hergenommen, dessen Zeuge 
der Dichter an jedem beliebigen Orte sein konnte, ohne je 
ein Kalb berührt, gesclweige geschlachtet zu haben. Ge- 
meint sind die Verse in 2 Henry VI, III, i: 

Und wie das Kalb der Metzger nimmt und bindet's, 

Und schlägt das arme, wenn es abwärts schweift 

Vom Wege, den er's führt, zum blut'gen Schlachthaus, 

So haben ^ie ihn grausam weggeführt. 

Und wie die Mutter brüllend läuft umher, 

Hinsehend, wo ihr junges von ihr ging, 

Und kann nichts thun als nm ihr Herzblatt jammern: 

So jammr' ich um des guten Gloster's Fall 

Mit hülflos blutigen Thranen , seh* ihm nach 

Mit trübem Aug*, und kann nichts für ihn thun, 

So mächtig sind, die Feindschaft ihm geschworen. 

So gut mm, wie John Shakespeare gelegentlicher — 
nicht berufsmässiger — Wollhändler und Fleischer sein 
konnte, eben so gut konnte er gelegentlicher Handschuh- 
macher sem. Harrison fuhrt, wie wir gesehn haben, die 
Lohgerberei ausdrücklich unter den von den Gutsbesitzern 
betriebenen Gewerben auf. Dabei bleibt es immerhin mög- 
lich, dass John Shakespeare in seiner Jugend Gerberei und 
Handschuhmacherei selbst erlernt hatte, möglich aber auch, 
dass er einen sachverständigen Arbeiter zeitweise in Dienst 
nahm, um den angesammelten Vorrath von Fellen aufarbeiten 
zu lassen. Die Sache mag sich übrigens verhalten wie sie 
will, so viel dürfte feststehn, dass der Vater des Dichters 
in gedeihlichen bürgerlichen Verhältnissen lebte und dass 



28 

er sich, selbst wenn er Handschuhmacher von Profession ge- 
wesen sein sollte, nichtsdestoweniger auch mit Feld- und 
Viehwirthschaft beschäftigte. 

Dieser Annahme entsprechend sehen wir John Shake- 
speare von Stufe zu Stufe in der Achtung seiner Mitbürger 
wie in der Verwaltung des städtischen Gemeinwesens steigen. 
Die Korporation von Stratford bestand zu damaliger Zeit 
aus vierzehn Altermännem und eben so vielen Bürgern 
(burgesses); aus der Mitte der erstem wurde alljährlich der 
Bürgermeister (baut ff) gewählt, der zweimal monatlich eine 
Gerichtssitzung hielt, in welcher er alle innerhalb der städti- 
schen Gerichtsbarkeit anhängigen Sachen aburtheilte, bei 
denen die Schuld oder der Schadenersatz weniger als dreissig 
Pfund betrug. Das sogenannte ^Court-leet ernannte die 
Bierkoster (ale'tasters)j denen die Sorge für die gute Be- 
schaffenheit und das richtige Gemäss des Bieres (vielleicht 
auch anderer Nahrungsmittel) oblag, sowie die Affeerors, 
welche für die geringfügigen, im Gesetze nicht mit be- 
stimmter Strafe bedrohten Vergehen nach eigenem Ermessen 
die Busse festsetzten. Der wichtige Posten der Konstabel 
oder Polizeimeister wurde regelmässig von Mitgliedern der 
Korporation versehen. Die Aufnahme in die Korporation 
als burgess war die erste Stufe auf dieser Leiter von Ehren- 
ämtern, welche John Shakespeare (Anfangs 1557) erstieg. 
Am 30. April desselben Jahres wurde er Mitglied des 
Court 'leet, wiewohl noch nicht als solches vereidigt (nach 
Halliwell, L. of Sh. 25). Noch im nämlichen Jahre er- 
folgte seine Ernennung zum Bierkoster, was sicherlich 
keine Sinecure war, da es in dem kleinen Stratford an 
dreissig Bierhäuser gab.^ Trotz des Ansehens, das er ver- 
möge dieser Aemter genoss, wurde er 1558 mit mehreren 
andern Bürgern jeder um 4 Pence gestraft, weil sie die 
Rinnsteine nicht rein gehalten hatten; auch sein unreinlicher 
Freund Adrian Quiney war wieder dabei. Seiner Beförde- 
rung that dies jedoch keinen Eintrag, vielmehr wtirde er 



i) Nach Wise, Shakespeare's Birtbplace and its Neighbourhood (Lond. 
1861) 18 Note. 



— 29 — 

am 30. Sept. des nämlichen Jahres zu einem der vier Polizei- 
meister erwählt, imd ihm dies Amt auch für das folgende 
Jahr wiederum übertragen (unter dem 6. Okt. 1559). An 
eben diesem Tage wurde er zugleich einer der vier Affee-- 
rors^ welches Amt er auch 1561 wieder verwaltete. Im 
September des letztgenannten Jahres erwählte man ihn zum 
Kämmerer (chamberlain) y in welcher Eigenschaft er das 
städtische Rechnungs - und Kassenwesen zu verwalten hatte. 
Auf diesen Verwaltungszweig scheint er sich besonders gut 
verstanden zu haben, denn nicht allein bekleidete er die 
Würde zwei Jahre lang, sondern besorgte sogar 1564 die 
Geschäfte für einen andern Kämmerer (nach Halliwell 18). 
Dieses bedeutsamen Zuges werden wir uns zu erinnern 
haben, wenn wir die Befähigung und Neigung seines Sohnes 
zu Geldgeschäften kennen lernen werden. Am 4. Juli 1565 
erfolgte seine Wahl zum Altermann , und von Michaelis 1 568 
endlich bis ebendahin 1569 war er High Bailiff von Strat- 
ford, die höchste Ehre, welche ihm seine Mitbürger über- 
tragen konnten und welche ihm das Prädikat ^WorshipfuV 
eintrug. Vom 5. Sept. 1571 bis 3. Sept. 1572 war er wieder 
erster Altermann, während Adrian Quiney (der nach Knight 1 7 
ein Krämer war) das Amt des High Bailiff versah. 

Auch wenn wir keine weitem Anhaltpunkte besässen, 
so würden wir aus diesen Ehrenämtern John Shakespeare's 
schliessen dürfen, dass seine Vermögensumstände denselben 
entsprachen und in wachsender Blüte standen. Wir haben 
gesehen, dass er bereits vor seiner Verheirathung zwei 
Häuser (copyhold) besass. Während seiner Amtsföhrung 
als Kämmerer und später machte er der Stadtkasse ver- 
schiedentlich Vorschüsse und verkaufte auch an die Stadt 
eine Quantität Zimmerholz (a pec Tymbur), das vermuthlich 
von Asbies stammte. In verschiedenen Verzeichnissen von 
Armenunterstützungen aus dem J. 1 564 wird er während der 
Pestzeit mit Beiträgen von 12 Pence, zweimal 6 Pence imd 
8 Pence, zusammen also 2 Schillingen 8 Pence aufgeführt, 
was ihn zwar nicht in die erste Reihe seiner Mitbürger 
stellt, aber auch keineswegs in die letzte. ^ Im J. 1570 

I) Halliwell, L. of Sh. 47 fgg. 



3ö 

etpachtete er von Wifliam Clopton ein 14 Acker halten- 
des Grundstück, Ingon Meadow, in Old Stratford an der 
Strasse nach Warwick gelegen, mit den darauf befindlichen 
Wirthschaftsgebäuden für den jährlichen Pachtzins von acht 
Pfund, der von Rnight als ein hoher bezeichnet wird. Fünf 
Jahre später (nach der frühem Annahme 1574) kaufte John 
Shakespeare noch zwei an einander gränzende Häuser in 
Henley Street (freehold), deren eines seit langer Zeit tra- 
ditionell als das Geburtshaus des Dichters bezeichnet wird; 
ja die Ueberlieferung kennt sogar das Zimmer, in welchem 
er geboren wurde; John Shakespeare müsste danach dies 
Haus seit elf bis zwölf Jahren miethweise inne gehabt haben, 
ehe er es kaufte, wzis nicht sehr wahrscheinlich ist. Die- 
jenigen, welche nicht unbedingt traditions - gläubig sind, 
werden der Ausfuhrung Knight's beistimmen müssen, dass 
William Shakespeare entweder in einem der beiden Copy- 
hold- Häuser seines Vaters in Henley oder Greenhill Street, 
oder in Ingon, das sein Vater nach Knight eine Zeit lang 
bewohnte, oder in einem der beiden letztgenannten Freehold- 
Häuser in Henley geboren sein könne. ^ Halliwell glaubt, 
dass aller Zweifel durch eine Urkunde vom 26. Januar • 1 596 
— 1597 beseitigt werde, in welcher John Shakespeare für 
2 Pfund 10 Schillinge einen schmalen Streifen Landes zwi- 
schen Henley Street und den Giiildpits, zunächst am Ge- 
burtshause, an Georg Badger verkauft; so viel jedoch aus 
seinen Angaben hervorgeht, beweist die, unseres Wissens 
noch nicht veröffentlichte Urkunde nur, dass John Shake- 
speare zur Zeit dieses Verkaufes, also mehr als dreissig Jahre 
nach der Geburt des Dichters, das sogenannte Geburtshaus 
bewohnte.* Gleichwohl ist Shakespeare's Geburtshaus zu 



i) Wie es scheint, besass John Shakespeare 1590 sogar noch ein viertes 
Haus in Henley Street, in allem also fünf Häuser in Stratford. S. HalliwelFs 
Vorrede zu'R. B. Wheler, An Historical Account of the Birth- Place of 
Shakespeare (1863) 5. 

2) S. *A deed executed in 1596, prorving that John Shakespeare, father 
of the Poet, resided in the house now shown as the Birth -Place. This 
interesting deed has the mark attached of John Shakespeare* Katalog des 
Shakespeare -Museums zu Stratford p. 146 No. 1004. — An Historical Account 



— it — 

einem Glaubensartikel und einem Wallfahrtsorte nicht allein 
für England, sondern für die ganze gebildete Welt gewor- 
den^ imd hat durch seine geschickte Wiederherstellung wie 
durch -das darin errichtete Shakespeare -Museum eine erhöhte 
Anziehungskraft erhalten. Abbildungen desselben sowohl 
in seinem frühem als auch in seinem erneuten Zustande sind 
sehr zahlreich und finden sich fast in jeder Biographie Shake- 
speare's. Bei dem von Garrick veranstalteten Shakespeare - 
Jubiläum, Sept. 1769, war natürlicher Weise das Geburts- 
haus ein hauptsächlicher Gegenstand der Neugierde, Theil- 
nahme und Verehrung; am Abende der grossen Beleuchtung 
war es mit einem riesigen Transparent geschmückt, welches 
die durch Wolken hindurchdringende Sonne darstellte mit 
der Unterschrift: 

Thus dying clouds contend with glowing light^ 

Bis zu dem Jahre 1806 befand es sich im ununterbrochenen 
Besitz der von des Dichters Schwester Joan abstammenden 
Familie Hart, die leider immer tiefer in ärmliche Verhält- 
nisse versank, so dass sie nicht allein Theile des Hauses 
zu veräussem genöthigt war, sondern endlich das werth- 
gehaltene Besitzthum gänzlich aufgeben musste.* Zu dieser 
Zeit (1806) hatte ein Fleischer die westliche Hälfte des Ge- 



of the Birth- Place of Shakespeare. By the late R. B. Wheler, £sq. Reprin- 
ted from the Edition of 1824, with a few Prefatory Remarks by J. .0. Halli- 
well, Esq. Stratford-on-Avon: Sold at the Poet's Birth -Place, for the Benefit 
of the Birth- Plac^ Fund, 1863. — Oldys in seinen Noten zu Langbaine 
erwähnt eine Ueberlieferung, wonach John Shakespeare's Haus am Kirchhofe 
gestanden haben soll. 

i) Selbst Scott und Byron haben es nicht verschmäht ihre Namen dort 
anzuschreiben. Knight 30. 

2) Dies und das Folgende nach Wheler ed. Halliwell 14 und 19. — 
Robert Bell Wheler, 1785 — 1857, war Solicitor zu Stratford und ein grosser 
Shakespeare - Verehrer. Ausser dem genannten Historical Account &c. 
schrieb er: History and Antiquities of Stratford -upon- Avon (1806) und Guide 
to Stratford -upon- Avon (1814). 

3) Vergl. jedoch Brake 10. Im J. 1821 wurde das Haus von einem 
Fleischer bewohnt, welcher auf einem Schilde in seinem Laden die geschmack- 
lose Inschrift angebracht hatte (nach Wheler- Halliwell 16): William Skakc» 
speare was born in this house. N. B, — A horse and taxed cart to Ut, 



— 3^ — 

bäudes inne, während die andere unter dem Namen The 
Swan and Maidenhead als Gasthaus diente. Der Inhaber 
dieses Gasthauses (Thomas Court) erwarb das ganze Grund- 
stück, bis sich endlich in Stratford und London Vereine bil- 
deten, welche 1847 das , Geburtshaus ankauften, wieder- 
herstellten und der Nation als öffentliches Besitzthum 
übereigneten. ' 

Mag nun William Shakespeare in diesem Hause geboren 
worden sein oder nicht, immerhin ist es glaublich, dass er 
einen Theil seiner Jugend darin verlebt hat (etwa die Zeit 
von seinem 11. bis zu seinem 18. Lebensjahre) und in die- 
sem Glauben werfen wir noch einen Blick auf dasselbe.' 
Das Haus war für die damalige Zeit geräumig und ansehn- 
lich, obwohl nur von Fachwerk, hatte aber dieselben kleinen 
und niedrigen Zimmer, wie sie vor 300 Jahren gebräuchlich 
waren und uns heutigen Tages so sehr in Erstaunen setzen ; 
es war zweifelsohne eins der bedeutendem Bürgerhäuser in 
Stratford. Mit seinen drei Giebeln, seinen Vorbauten und 
seinem Erker macht es einen ziemlich malerischen Eindruck 
und sticht wohlthuend ab von der kasemerihaften Einförmig- 
keit unserer gegenwärtigen Wohnhäuser. Man sieht ihm 
an , dass es ein Wohnsitz der Behäbigkeit und Ansehnlich- 
keit war, und dass der Knabe Shakespeare hier nur die 
Eindrücke jenes arbeitsamen und ehrenfesten Bürgerthums 
empfangen konnte , als dessen würdiger Vertreter sein Vater 
nach allen Seiten hin erscheint. Selbstgefühl und das Be- 
wusstsein , einer tüchtigen und geachteten Lebenssphäre an- 
zugehören und die eingenommene Stellung mit Ehren aus- 
zufüllen — das war es, was die Räume eines solchen Hauses 
dem empfanglichen Gemüthe des Knaben einflössen mussten. 
Dass aber William Shakespeare mit seinen Eltern im J. 1575 
in der That dieses Haus bezogen hat, dafür scheint ein sehr 
triftiger Grund zu sprechen. Wie angedeutet waren die 
übrigen in John Shakespeare's Besitze befindlichen Häuser 



i) Nach einer Bekanntmachung in der London Gazette vom 19. Nov. 1852 
(abgedruckt in Fennell's Repository 4) beabsichtigte die Regierung, Shake- 
speare's Geburtshaus anzukaufen und als nationales Eigenthum zu verwalten. 



- — 33 — 

allem Vermuthen nach klein und unansehnlich,* so dass er 
bei seiner anwachsenden Familie jedenfalls das Bedürfhiss 
eiAer geräumigem Wohnung empfinden mochte, denn es ge- 
brach ihm nicht an reichem Kindersegen, und vielleicht dür- 
fen wir darin überhaupt den Grrund zum Abkaufe des soge- 
nannten Geburtshauses erblicken. Rowe giebt an, dass 
John Shakespeare zehn Kinder gehabt habe, und das sechste 
Sonett ist als eine Bestätigung dieser Angabe gedeutet 
worden; es heisst da (in GKldemeister's Uebersetzung): 

£s heisst für dich ein andres Du erzeugen. 
Ja zehnmal glücklicher, wenn zehn für eins. 
Zehnmal du selbst war' glücklicher als du. 
Wenn zehn der Deinen zehnmal dich erneuern. 

Aus dem Stratforder Karchenbuche lassen sich jedoch nur 
acht Kinder nachweisen, und Knight (Wm Sh. a B. 26) erklärt 
die Annahme von zehn Kindern aus einer Verwechslung 
mit dem Schuhmacher John Shakespeare, denn zum Leid- 
wesen der Lebensbeschreiber besass William Shakespeare's 
Vater einen Doppelgänger, einen zweiten John Shakespeare, 
in Stratford, und es ist sehr fraglich, ob es gelungen ist, 
die beiden Persönlichkeiten überall auseinander zu halten.* 



1) Vergl. HaUiwell's Vorrede zu Wheler's Historical Account &c. 6. 

2) Der Schuhmacher John Shakespeare tritt urkundlich zuerst 1584 auf, 
wo er sich mit Margarethe Roberts verheirathete, die ihm bereits 1 587 wieder 
vom Tode entrissen wurde. Er muss sich jedoch wieder verheirathet haben, 
denn 1589 — 91 wurden ihm wieder drei Kinder (Ursula, Humphrey und 
Philipp) geboren. Im Kirchenbuche lässt er sich vom Vater des Dichters 
durch das Prädikat Magister unterscheiden, welches dem letztern darin be- 
reits seit 1569 regelmässig gegeben wird. Welches Unterscheidungszeichen 
aber gewähren die städtischen und andern Urkunden, wenn eine nähere 
Angabe fehlt? Sogar ein dritter John Shakespeare kommt gleichzeitig zu 
Rowington vor, nach Halliwell, L. of Sh. 4 und Collier, L. of Sh. (vor seiner 
Ausgabe Shakespeare's) 40. Rowington war ein Hauptsitz der Shakespeares, 
wo unter dem 23. Sept. 1605 auch ein zweiter WiUiam Shakespeare als ein 
'irained saldier* und im J. 161 4 als ein Mitglied der Jury aufgeführt wird. 
Den 'trained saldier* hält Thoms, Three Notelets on Shakespeare (1865) 
135 ^S** ^ identisch mit dem Dichter! Ein dritter William Shakespeare aus 
Warwick soll 1579 im Avon ertrunken sein. Dass eine solche Gleichnamig- 
keit nichts Seltenes war, beweist unter andern das Testament John Combe's 
(bei HalliweU, L. of Sh. 234 fgg.), nach welchem es gleichzeitig drei John 

£Ue, Shakespeare. 3 



' — 34 

Was das Stratforder Kirchenbuch anlangt, so beginnt das- 
selbe zwar mit dem Regienmg^antritt Elisabeths 1558 (die 
erste Einzeichnung ist vom 25. März dieses Jahres), allein 
für die Zeit bis zum 14. Sept. 1600 enthält es nicht die ur- 
sprünglichen Einträge, sondern eine augenscheinlich bei 
Anlegung des Kirchenbuches angefertigte Abschrift der- 
selben.^ Die ersten Kinder John Shakespeare's, von denen 
wir Kimde besitzen, waren zwei Mädchen, Joan, getauft 
15. Sept. 1558, imd Margarethe, getauft 2. Dec. 1562. Beide 
starben in ftühster Kindheit; bezüglich Joan's wird das 
allerdings nur aus dem sonst unerklärlichen Umstände ge- 
schlossen, dass die nächstfolgende Tochter denselben Namen 
erhielt, Margarethe hingegen ist im Kirchenbuche als am 
30. April 1563 begraben verzeichnet. Dann folgten zwei 
Söhne, William, getauft 26. April 1564, und Gilbert, getauft 
13. Okt. 1566. Die Taufe William's ist mit folgenden Worten 
eingetragen: 1564 April 26 Ghilielmus filius Johannes [sie!] 
Shakspere,* und wurde vermuthlich von John Breechgirdle 
vollzogen.^ Gilbert lebte und starb in Stratford und scheint 
einen gleichnamigen Sohn gehabt zu haben, der 161 1 — 12 
zu Stratford verstarb. Er soll noch die Restauration erlebt 
und nach Oldys' Erzählung seinen berühmten Bruder ^Is 
Adam in Wie es euch gefallt gesehen haben.* Von andern 



Combes in Stratford gab: zwei Brüder und den Sohn eines dritten Bruders. 
Vergl. Calendar of State Papers, Domestic Series of the Reign of James I, 
1603 — 1610, cd. by Mrs Green (Lond. 1857). Athen. Aug. 15, 1857. Kenny, 
Life and Genius of Sh. 69. Collier's Shakespeare (ed. 1858) I, 181. 

1) Knight 116. Das Stratforder Kirchenbuch ist auf Pergament geschrie- 
ben und sehr sorgfaltig geführt. Bis 1600 ist jede Seite von Richard Bifield 
(Vicar von Stratford 1596 — 1610) und den Kirchvorstehern (churchwardens) 
unterschrieben, später nur von den letztern. Auch nach 1600 sind die Ein- 
träge nicht sofort an dem betreffenden Tage, sondern in monatlichen oder 
noch langem Zwischenräumen gemacht. Offenbar haben also Unreinschriften 
existirt. — Die erste Einführung von Kirchenbüchern in England fand unter 
Heinrich VIII auf Anordnung Thomas CromwelVs, 1538, Statt. Holinshed 
(ed. 1586) 945. Knight 24 fgg. 

2) Facsimile bei Knight 25. 

3) Nach R. Gr. White I, V. — Shakespeare's Geburtsjahr war auch das 
Geburtsjahr Galilei's und das Todesjahr Martin Luther's und Michel Angelo's. 

4) Skottowe, L. of Sh. I, 7 Note. I, 119 fg. 



35 

wird dagegen angenommen, dass William's Geschwister mit 
Ausnahme von Joan Hart im J. 1616 sämmtlich todt gewesen 
seien, weil er ausser ihr in seinem Testamente keines der- 
selben gedenkt. Eine Namensunterschrift, die sich von 
Gilbert erhalten hat, stammt aus dem J. 1609.* Das fünfte 
Kind John Shakespeare's imd Mary Arden's war die zweite 
Johanne, getauft 15. April 1569. Sie verheirathete sich mit 
William Hart, Hutmacher zu Stratford, welcher löi'ö daselbst 
verstarb. Sie selbst lebte bis 1646 und hatte dem Kirchen- 
buche zufolge vier Kinder, deren ältestes 1600, das jüngste 
1608 geboren wurde. Sie wie ihre Kinder werden im Testa- 
mente ihres Bruders des Dichters erwähnt, und ihre Nach- 
kommenschaft hat sich nach Halliwell 30 bis auf den heu- 
tigen Tag fortgepflanzt, ist jedoch, wie erwähnt, in dürftige 
Verborgenheit versunken. Auf Johanne Shakespeare folgte 
abermals eine Tochter, Anna, getauft 28. Sept. 1571, die 
wieder im Kindesalter starb und am 4. April 1579 begraben 
wurde. Bei ihrem Begräbnisse zahlte der Vater für *bell 
and palV 8 Pence — die höchste Summe, die in der Todten- 
liste jenes Jahres erwähnt wird; alle übrigen Verstorbenen 
wurden nur mit Geläut ohne 'palV beerdigt. Auch hierin 
Uagt mithin ein Fingerzeig für John Shakespeare's Ver- 
mögenslage und seine angesehene Stellung. Das siebente 
und achte Kind endlich waren wieder zwei Söhne, Richard, 
getauft II. März 1573 — 74, begraben 4. Februar 1612 — 13, 
und Edmund, getauft 3. Mai 1580. Dieser jüngste und letzte 
Spross der Familie wurde Schauspieler am Globus - Theater 
und starb als solcher zu London; er wurde am 31. Decbr. 1607 
in der St. Saviour's - Kirche beigesetzt.* 

Wie diese Angaben zeigen, sind im Stratforder Kirchen- 
buche, wie in allen englischen Kirchenbüchern, nicht die 
Geburten, sondern die Taufen verzeichnet, und wir vermö- 
gen daher den Geburtstag des Dichters nicht mit Sicherheit 



i) Im Shakespeare - Museum zu Stratford; s. Katalog 52 No. 224. Fac- 
simile bei Halliwell, L. of Sh. 29 und 282. 

2) Colller's Memoirs of the Principal Actors in Shakespeare's Plays, 
Introd. 14. Skottowe, L. of Sh. I, 8. 



— 36 -- 

ZU bestimmen. Die Protestanten hatten den katholischen 
Gebrauch noch nicht abgestreift, die Kinder so bald als 
möglich nach der Geburt zu taufen » damit sie nicht etwa 
ungetauft sterben und dadiu'ch des Himmelreiches verlustig 
gehen möchten. Noch heute werden in England ungetaufte 
Kinder nicht in geweihter Erde und nicht mit vollen kirch- 
lichen Ehren begraben.^ Dass damals die Sterblichkeit 
unter den Kindern ungleich grösser war als jetzt, war um 
so mehr Grund die Taufe nicht aufzuschieben, was denn 
seinerseits wieder zur Vermehrung der Sterblichkeit beitrug. 
Da diu*ch mehrfache Beispiele nachgewiesen worden ist, 
dass zu Shakespeare's Zeit die Taufe häufig am dritten Tage 
nach der Geburt erfolgte, so hat man allgemein den 23. April, 
den St. Georg's - Tag , • als des Dichters Geburtstag ange- 
nommen und diesem Tage dadurch -noch eine erhöhte natio- 
nale Bedeutung verliehen.* Diese Annahme rührt von 
Joseph Greene her, der von 1735 bis 1771 Lehrer an der 
Schule zu Stratford Wcir und 1790 als Rector zu Welford in 
Gloucestershire (ungefähr eine deutsche Meile von Stratford) 
starb.* Verbreitung erlangte sie dann durch Malone, wel- 
cher darauf zuerst die Behauptung gründete, dass Shake- 
speare an seinem Geburtstage gestorben sei. Dem wider- 
streitet jedoch, wie Bolton Comey mit Recht geltend ge- 
macht hat, die klare Fassung der Grabschrift , nach welcher 
Shakespeare im 53. Lebensjahre (Aet. 53) gestorben ist; 
auch möchte ein so seltener Umstand schwerlich in der 
Grabschrift unerwähnt geblieben sein.* Bolton Comey fol- 
gert daraus, dass Shakespeare vor dem 23. April geboren 



i) De Quincey, Shakespeare 2. 

2) Ueber die Feier des Georgs -Tages s. Knight, W. Sh. ; a. B. 62. 

3) Greene machte, wie Malone berichtet, einen Auszug aus dem Strat- 
forder Kirchenbuche für seinen Gönner West, Präsidenten der Königl. Gesell- 
schaft der Wissenschaften, der denselben an Steevens zur Benutzung gab. 

4) An Argument on the Assumed Birthday of Shakspere : Reduced to 
Shape a. D. 1864. By Bolton Comey. pp. 16. Private Impression. — Vergl. 
Athenaeum 1864, I, 303 (und die vorhergehenden Nummern). — Zu den 
wenigen berühmten Männern, die an ihrem Geburtstage starben, gehören 
Rafael und Sobieski. 



37 

sein müsse und weist nach , dass die Taufe am dritten Tage 
keineswegs ein Gebrauch gewesen, sondern nur zufallig hier 
und da so zugetroffen sei; Sitte oder Vorschrift war viel- 
mehr, die Kinder an dem auf die Geburt folgenden Sonn- 
oder Festtage zu taufen.' Danach zu schliessen, hätte der 
26. April 1564 ein Sonn- oder Festtag sein müssen, und es 
ist auffallig, dass der so kritische B. Comey diesen Punkt 
nicht untersucht hat; im Gegentheil druckt er ohne weitere 
Bemerkung eine Note von Malone ab, wonach der 2^. April 
jenes Jahres auf einen Sonntag gefallen wäre.* Nach Du- 
cange (L'Art de v^rifier les Dates) wäre Shakespeare aller- 
dings an einem Mittwoch getauft, so dass der vorhergehende 
Sonntag der 2^. gewesen wäre. Vermuthlich wussten der 
Dichter und seine Familie selbst den genauen Tag seiner 
Geburt nicht mehr, da derselbe nirgends schwarz auf weiss 
verzeichnet worden war. Die Sitte, die Geburtstage der 
Familienglieder in die Familienbibel einzutragen, bestand 
nach R. Gr. White I, X noch nicht, wenigstens ist ims aus 
Shakespeare 's Zeit kein Beispiel derselben bekannt; die 
Sache verbot sich bei der geringen Verbreitung der Schreib- 
kunst von selbst. Wer hätte im vorliegenden Falle die Ein- 
tragfungen besorgen sollen, da beide Eltern des Schreibens 
unkundig waren? Denn wenn wir auch John Shakespeare 
mit Knight zugestehen wollten, dass er seinen Namen schrei- 
ben konnte, so überstiegen doch derartige Niederschriften 
sicherlich das bescheidene Mass seiner Schreibfertigkeit. Es 
ist daher nur natürlich, dass die Geburtstage, zumal in einer 
so zahlreichen Familie , im Laufe der Jahre in Vergessenheit 
geriethen, um so mehr als Geburtstagsfeiern noch nicht 
üblich waren, da die katholische Kirche bekanntlich die 
Namenstage feiert. Nach der Grabschrift zu schliessen ist 
das Wahrscheinlichste,, dass William Shakespeare einige 



i) In The Boke of Common Praier, Anno 1559, heisstes: ^ The pcLstours 
and curates shal oft admonish the people that they deferre not the baptisme 
of enfantes any longer then the Sonday, or otfier holy day, next öfter the 
chüde he hörne ^ vnlesse vpon a great and reasonable cause declared to the 
curate, and hy htm apfroued.^ 

2) Malone's Shakespeare by Boswell (1821) II, 63. 



— 38 — 

Tage vor dem 2^. April geboren wurde; De Quincey 
mochte den 22. annehmen, weil des Dichters einzige Enkelin, 
Lady Bamard, am 22. April 1626 ihre Hochzeit gefeiert und 
diesen Tag vermuthlich deswegen gewählt habe, weil es 
ihres Grossvaters Geburtstag gewesen sei. Schliesslich 
bleibt aber auch De Quincey beim 23. April stehen; wir 
können nicht Unrecht -thun, so schliesst er, wenn wir sowohl 
am 22. als auch am 23. dem Gedächtniss Shakespeare's einen 
Becher weihen. Die heutigen Verehrer des Dichters, die 
des Tages festlich gedenken wollen, sollten übrigens nicht 
vergessen, dass der Gregorianische Kalender erst 1754 in 
England eingeführt wurde, dass mithin nach unserer Zeit- 
rechnung der 23. April 1564 dem 3. Mai entspricht.^ 

William Shakespeare war also, ähnlich wie Schiller, der 
erste Sohnjimd das erste am Leben gebliebene Kind seiner 
Eltern. Musste ihm schon dies die elterliche Liebe und 
Zärtlichkeit in erhöhtem Masse zuwenden, so trat noch ein 
anderer Umstand hinzu, der diese Liebe wenn möglich noch 
steigerte. Wenige Wochen nach William's Geburt brach 
nämlich die Pest in Stratford aus, die gleichzeitig auch auf 
dem Festlande wüthete und ein Jahr zuvor in London gehaust 
hatte. In der Zeit vom 30. Juni bis 31. Decbr. raffte sie in 
Stratford 238 Personen, also nach Malone's Berechnung fast 
den sechsten Theil sämmtlicher Einwohner hinweg; im 
August wurden 35 , im September 83 , im Oktober 58 , im 
November 26 und im December 18 Personen begraben.* 
Die Häuser, welche der Würgengel heimsuchte, wurden 
durch ein rothes Kreuz an der Thür gekennzeichnet, mit 
der Umschrift: *Lordy have mercy upon usT^ John Shake- 



i) De Quincey, Shakespeare 3. 

2) Hunter's Illustrations I, 81 — 83. 

3) Knight, Wm Sh. ; a B. 27 fg. — S. Verlorene Liebesmüh V, 2 : 

Write , 'Lord have mercy on us* on those three; 
They are infected; in their hearts it lies; 
They have the plague» and caught it of your eyes ; 
These lords are visited; you are not free, 
For the Lord's tokens on you do I see. 
Yergl. Romeo und Julie V, 2 und Pepys' Diary, June 7, 1665. 



39 

speare's Thür blieb glücklicher Weise von dem furchtbaren 
Kreuze verschont; in sein Haus drang die Seuche nicht ein, 
was wol als ein Zeugniss dafür angesehen werden darf, dass 
eine nach damaligen Begriffen ordentliche, reinliche und 
verstandige Haushaltung darin gefuhrt wurde — trotz des 
Dunghaufens auf der Strasse und des ungereinigten Rinn- 
steins! Nichtsdestoweniger mögen es angstvolle Tage imd 
Wochen für die armen Eltern gewesen sein, die bereits zwei 
Kinder verloren hatten, und gewiss betrachteten sie nach 
dem Erlöschen der Seuche ihr jetzt einziges Kind als ihnen 
von neuem ' geschenkt und zum zweiten Male geboren. Es 
war ein gesundes und wohlgebildetes Kind, imd der durch 
Sonett 37 und 89 hervorgerufene Glaube, dass William 
Shakespeare lahm gewesen sei,^ zerfliesst bei richtiger Auf- 
fassung dieser beiden Gedichte in nichts, zumal ihnen nicht 
nur Sonett 50 und 51, welche Shakespeare als Reiter vor- 
fuhren, sondern auch andere Zeugnisse über seine Körper- 
bildung entgegen stehen. Dass Lahmheit imd Reitkunst 
sich nicht ausschliessen, haben allerdings Scott und Byron 
bewiesen, und es wäre ein ausserordentliches Zusammen- 
treffen, wenn sich Shakespeare als der dritte Lahme zu ihnen 
gesellte. Scott hat ihn bekanntlich als stumme Person in 
seinem Roman Kenilworth auftreten lassen, vielleicht nur, 
um ihn als lahmen Kollegen zu begrüssen: ^he is a staut 
man at quarter -staff and Single falchion^ though^ as I am 
told, a halting fellow! Würde aber Davies (Microcos- 
mus 1603) Shakespeare's und Burbage's: 

Wit, courage, good shape, good parts, and all good 



i) Capell war der erste, der dies aus den angeführten Sonetten heraus- 
las; Malone (Malone's Shakespeare by Boswell, 1821, XX, 261) sprach sich 
dagegen aus. Hamess, der selbst lahm war, behandelte in seinem Leben 
Shakespeare's (vor seiner Ausgabe) Capell's Hypothese als eine ausgemachte 
Thatsache, und Thoms (Notes and Queries, 2"^ Series, VII, 333) hat sogar her- 
ausgebracht, woher Shakespeare's Lahmheit kam, nämlich von einem Unfall 
während seines Kriegsdienstes in den Niederlanden! Die ganze. Geschichte 
wird richtig und witzig abgefertigt in Notes and Queries, 5*'* Series, Jan. 31. 
J874, 81 fg. 



40 

gepriesen, würde Aubrey gesagt haben ^he was a handsome, 
wellskaped man! wenn Shakespeare lahm gewesen wäre? 
Wenn irgend etwas, so würde uns sicherlich die Erwähnung 
eines solchen Gebrechens in den auf Shakespeare bezüg- 
lichen Ueberlieferungen entgegentreten, da ja in der Erin- 
nerung der Menschen nichts fester haftet als ein körper- 
liches Gebrechen. Auch die Combination, dass Shakespeare 
seiner Lahmheit wegen auf der Bühne nur in alten Rollen 
(Old Knowell in Every Man in his Humour, Adam in Wie 
es euch gefallt u. s. w.) verwendbar gewesen und daher nur 
in solchen aufgetreten sei, trifft nicht zu, da er, wie wir zu- 
verlässig wissen, auch Könige, den Geist im Hamlet u. s. w. 
gespielt hat.^ 

Es liegt in der menschlichen Natur, dass die Eltern 
unter Umständen wie die vorliegenden der Erziehung ihres 
Sohnes eine verdoppelte Sorgfalt widmeten und mehr aus 
ihm zu machen suchten als sie selbst hatten erreichen kön- 
nen. Ein Streben nach Höherem, um nicht zu sagen ein 
ehrgeiziger Zug ist in der Familie unverkennbar imd wurde 
zweifelsohne in John Shakespeare durch seine Verbindung 
mit der Familie Arden einerseits, wie durch seine hervor- 
ragende städtische Stellung andererseits genährt. Wir dür- 
fen vollko'mmen überzeugt sein, dass er nach besten Kräften 
für die Erziehung und Bildung seines Sohnes sorgte, um so 
mehr, wenn er etwa schon in dem Kinde die Keime hervor- 
ragender Geistesgaben gewahr wurde. Obwohl es an einem 
urkundlichen Zeugniss dafür fehlt, so ist daher doch seit 
Rowe mit Recht angenommen worden, dass William mit 
seinem siebenten Jahre in die Grammar - School — wir über- 
setzen am besten Lateinschule — geschickt wurde.* Diese 
Schule — das alte düstere Gebäude mit den niedrigen Zim- 



i) Knight, Wm. Sh. ; a B. 34. Ch. A. Brown, Shakespeare's Auto- 
biographical Poems 81 fg. 

2) Rowe sagt allerdings nur *ke (viz. his father) kad hred him for some 
Hme at a free-schooV und es beruht nur auf einer — allerdings schwer an- 
fechtbaren — Combination , dass diese Freischule die Stratforder Grammar - 
School war; Dyce lässt in seinem Leben Shakespeare's irriger Weise Rowe 
sagen, dass Shakespeare die Stratforder Freischule besucht habe. 



41 

mem steht noch heute — war aus einem Vermächtniss her- 
vorgegangen, welches Thomas JolyfFe 1482 der Gilde vom 
h. Kreuz zu Stratford am Avon unter der Bedingrmg aus- 
gesetzt hatte, dass dieselbe einen Priester ausfindig machte, 
der im Stande wäre, alle Schüler, die aus besagter Stadt zu 
ihm kämen, unentgeltlich in der Grammatik zu unterrichten. 
Bei der Einführung der Reformation wurde die Gilde zum 
h. Kreuz aufgelöst, und ihr Vermögen von der Krone in 
Beschlag genommen. Als jedoch Stratford Stadtrecht erhielt, 
wurde in der Verleihungs- Urkunde (charter) festgesetzt, 
dass 'die freie Latein -Schule für den Unterricht und die 
Erziehung der Knaben und Jünglinge beibehalten und fort- 
geführt werden sollte wie bisher.' Sie wurde somit städtisch, 
was sie bis heute geblieben ist. Dass, wie Lord Campbell 
(Shakespeare's Legal Acquirements 1 6) meint, auch die Söhne 
der umwohnenden Gentry hier zur Schule gingen, ist ganz 
glaublich, soweit sich dies mit den Aufnahmebedingungen 
vereinigen liess. Diese Aufnahmebedingungen besagen näm- 
lich, dass die Schüler in der Stadt wohnhaft, sieben Jahre 
alt und des Lesens kundig sein sollen. Daraus lässt sich 
also mit Sicherheit schliessen, dass William vor seinem sie- 
benten Jahre lesen lernte — ob auf dem Schoosse seiner 
Mutter oder durch Privatunterweisung eines Lehrers mag 
sich jeder nach Gefallen ausmalen — und dass er dann 1571 
zur Schule geschickt wurde — in demselben Jahre, in wel- 
chem Roger Ascham's berühmtes imd einflussreiches Buch 
*The Schoolmaster' erschien. Privatunterricht in den ersten 
Elementen muss jedenfalls ertheilt worden sein, denn schwer- 
lich werden alle Eltern fähig oder geneigt gewesen sein, 
dies selbst zu übernehmen ; heisst es doch auch* in Ver- 
lorener Liebesmüh IV, 2 von Holofernes, zu dem wahrschein- 
lich ein Stratforder Lehrer als Modell gedient hat, dass er 
die Kinder in der Fibel (hornbook) unterrichte. Das Lesen- 
lemen war überdies schwieriger als heutzutage, da der Knabe 
ausser dem römischen Alphabet sich auch die Mönchsschrift 
(black letter) einprägen musste. Die Schulzeit dauerte im 
Sommer von sechs Uhr Morgens bis sechs Uhr Abends, im 
Winter von Tagesanbruch bis zur Dämmenmg, allerdings 



42 

mit den erforderlichen Zwischenzeiten für die Mittagsmahl- 
zeit wie für Erholung und Spiel. Ob William Shakespeare 
gern zur Schule gegangen sein mag, oder ob er selbst der 
weinende Schulknabe war, den er in der berühmten Schil- 
derung der sieben Lebensalter mit den Worten: 

Der weinerliche Bube, der mit Bündel 

Und glattem Morgenantlitz, wie die Schnecke 

Ungern zur Schule kriecht,* 

abkonterfeit hat, das bleibe dahingestellt. Glücklicher Weise 
hatte er es nicht weit von der Schule nach dem elterlichen 
Hause und er mag wol manchmal zu seinem und der Mama 
Tröste hinübergesprungen sein und sich eine kleine Herz- 
starkung haben zustecken lassen. Doch war er dem Eltem- 
hause wenigstens theilweise entrückt und fand nicht mehr 
seinen ausschliesslichen Mittelpunkt in demselben. Seine 
Lehrer waren von 1572 — 77 Thomas Hunt, zugleich Geist- 
licher des nahen Dorfes Luddington (begraben am 12. April 
161 2 zu Stratford) und dann dessen Nachfolger Thomas Jen- 
kins, der, wie sein Name verräth, ein Wälschmann war.* 
Bei dieser Gelegenheit mag gleich eingeschaltet werden, 
dass Familien wälscher Abkunft einen nicht unbeträchtlichen 
Theil der Einwohnerschaft von Stratford bildeten, wie die 
im Kirchenbuche vorkommenden Namen Ap Roberts, Ap 
Rice, Ap Williams, Ap Edwards, Hugh ap Shon, Howell ap 
Howell, Evans Rice, Evans Meredith u. a. darthun.' William 
Shakespeare hatte also von Kindesbeinen an reichliche Ge- 
legenheit das eigenthümliche Wesen und den eigenthüm- 
lichen Dialekt dieser Leute kennen zu lernen.* Es kann 



1) Wie es euch gefallt 11, 7. , 

2) Wenn Jenkins (nach Belle w, Shakespeare's Home at New Place 38) 1 
sein Amt wirklich erst 1580 antrat, so konnte Shakespeare schwerlich noch 1 
sein Schüler gewesen sein. Das Jahrgehalt des Lehrers betrug 20 Pfd., das < 
seines Gehälfen 10 Pfd. Halliwell, L. of Sh. 92 Note. ' 

3) Hunter, Ulustrations I, 60 Note. 

4) Auch die keltischen Wörter und Redensarten, die sich hier und da 
bei Shakespeare finden, mögen hier ihren Ursprung gehabt haben. Vergl. 
Charles Mackay, Celtic or Gaelic Words in Shakespeare and his Contempo- 
raries, im Athen. 1875, H, 437 fgg. Samuel Lover, The Lyrics of Ireland 
(1858) 162 fg., 355 fgg. (zu Qualtitie calmie custure mel in K. Hcniy V, IV, 4). 



I 



I 



-7-43 

wol geringer Zweifel darüber obwalten, dass der Dichter 
später den Thomas Hunt als Holofemes in Verlorner Liebes- 
müh, den Thomas Jenkins als Sir Hugh Evans in den 
Lustigen Weibern verewigt hat ; es sind das die beiden ein- 
zigen Lehrer, die in seinen Werken vorkommen. Nach 
Andern (namentlich Warburton und Farmer) wäre Holofemes 
John Florio;* obwohl sich gegen diese Annahme Verschie- 
denes einwenden lässt, so mögen immerhin Züge von beiden 
zu dem Bilde zusammeng'ewoben sein, imd die Einladung zu 
den Eltern eines Schülers kann beispielsweise auf den einen 
so gut wie auf den andern passen. Die kostliche Scene in 
den Lustigen Weibern IV, i , wo Sir Hugh den kleinen Page 
— er heisst nicht umsonst William — in Gegenwart seiner 
Mutter examinirt, hat gewiss ihr Vorbild in des Dichters 
eigenem Schulleben gehabt. Vermuthlich fand das Examen 
Statt, als Jenkins — oder Hunt — einmal bei Shakespeare's 
Eltern zu Tische geladen war, gerade wie Holofemes erzählt 
(Verlorene Liebesmüh IV, 2): 'Ich diniere heute bei dem 
Vater eines meiner Zöglinge u. s. w.* Gewiss hat übrigens 
Jenkins -Holofemes derartige Einladungen auch zu andern 
Familien wiederholt erhalten; wie hätte er auch sonst bei 
20 Pfund Gehalt bestehen sollen? Wir dürfen daher nur 
Thomas Jenkins an Sir Hugh's Stelle, Mrs Shakespeare an 
die Stelle der Mrs Page, imd eine alte Nachbarin an die 
Stelle der Mrs Quickly setzen, und das Kabinetsstück aus 
des Dichters Knabenzeit ist fertig. Dass das Examen vor 
der Mutter imd nicht vor dem Vater Statt fand, ist ein sehr 
naturwahrer und charakteristischer Zug; der letztere hatte 
jedenfalls seinen Kopf so voll von den verschiedenen Zwei- 
gen seiner ausgedehnten Wirthschaft wie von den Ange- 
legenheiten der städtischen Verwaltung, dass er sich um die 
lateinischen Studien seines Sohnes, von denen er obenein 
nichts verstand, wenig kümmern konnte. Ja das Bild ge- 
winnt noch an schlagender Wahrheit und prickelndem Reiz, 



I) Vergl. Drake, Shakespeare and his Times (Paris 1838) 217. Knight; 
Stndies of Sh. (1868) 123 fg. Knight ist dagegen; er sucht das Original zum 
Holofemes ebenfalls in Stratford oder Umgegend. 



44 

wenn wir in Erwägung ziehen, dass Page ein in Strat- 
ford wirklich vorhandener Name war.* 'He is a good 
sprag memory' so schliesst Evans sein Examen, und die 
Worte klingen als kämen sie unmittelbar aus dem Munde 
von Thomas Jenkins, denn *ä good sprag memory^ muss 
William Shakespeare in hohem Masse besessen haben. 
Shakespeare lernte aber doch mehr Latein in seiner Latein- 
schule als das *htg, hag, hog' das ihm Sir Hugh Evans ab- 
fragt; auch die Elemente des Griechischen müssen ihm bei- 
gebracht worden sein, wie sich aus B. Jonson's allbekannten 
Worten ergiebt, dass er wenig Latein und noch weniger 
Griechisch gekonnt habe. Der unermüdliche Fleiss der eng- 
lischen Antiquare hat sogar die Schulbücher nachgewiesen, 
aus denen Shakespeare lernte; die lateinische Grammatik, 
deren er sich bediente, war die von William Lilly.* Wie 
weit Shakespeare in die klassischen Sprachen eindrang, 
welchen Umfang sein Wissen überhaupt erreichte, davon 
wird in einem spätem Abschnitt ausfuhrlich die Rede sein; 
es ist eine von den zahlreichen Streitfragen in der Shake- 
speare-Kunde, doch haben sich neuerdings die Ansichten 
darüber ziemlich geklärt und geeinigt. Für jetzt genüge es 
hinzuzufügen, dass Shakespeare der Schule ausser den klas- 
sischen Sprachen wahrscheinlich nur noch Unterricht in sei- 
ner Muttersprache, wie in der Schreib- und Rechenkunst 
verdankt haben mag. Kenntniss der neuem Sprachen hat 
er gewiss nicht in der Stratforder Lateinschule erworben, 
und von Geschichte und Geographie wird noch weniger die 



1) John Page gesellt sich als Dritter zu John Shakespeare und Thomas 
Quiney: er hat in Rother Street einen Danghaufen gemacht (1570); im J. 
1585 erhielt er 2 Schill, für Ausbesserung der grossen Glocke. Halliwell, 
L. of Sh. 116. Derselbe (?) John Page kommt auch in Agnes Arden's Testa- 
ment (1578 oder 1579) vor. Halliwell 13. 

2) Dies ergiebt sich daraus, dass der Dichter in der Zähmung der 
Widerspenstigen I, i einen .Vers aus dem Eunuchus des Terenz (I, i, 29: 
Redime te captum quam queas minimo) nicht nach dem Original anfuhrt, 
sondern wie er bei Lilly steht. Vergl. Dyce z. St. Drake 12 fg. Knight, 
'Wm. Sh.; a B. 43. Malone's Shakespeare by Boswell (1821) 11, 105. — 
Auch den damals sehr verl>reiteten Mantuanus hat Shakespeare jedenfalls in 
der Schule studirt; s. Verlorene Liebesmüh IV, 2. 



45 --■ 

Rede gewesen sein. Umfang und Methode des Unterrichts 
war nach unsem Begriffen jedenfalls dürftig genug, wenn- 
gleich die Schulbildung , welche sich der junge Dichter hier 
aneignete, im Vergleich zu derjenigen seines Vaters ohne 
Zweifel vorzüglich war und ihn nach dem damaligen Bildungs- 
stande sicherlich befähigte nach einer Stellimg in den vor- 
dersten Reihen zu streben. Ein sehr anschauliches Bild von 
dem Treiben innerhalb der Schule wie von der Methode 
des Unterrichts verdanken wir einem Zeitgenossen Shake- 
speare's Namens R. Willis, der in dem nämlichen Jahre ge- 
boren war wie der Dichter und folglich in den nämlichen 
Jahren zur Schule ging. Allerdings bezieht sich die in sei- 
nem Werke Mount Tabor^ enthaltene Erzählung auf die 
Schule zu Gloucester, allein es wird zwischen dieser und 
der Stratforder kaum ein wesentlicher Unterschied bestan- 
den haben. *Ehe Master Downhale, so erzählt Willis (nach 
Halliwell 90) unser Lehrer in Christ -School wurde, war ein 
alter Bürger von geringer Gelehrsamkeit unser Schulmeister, 
dessen Manier es war ims jeden Abend verschiedene Lec- 
tionen aufzugeben, welche er jeder Abtheilung (form) vor- 
construirte, und uns dieselben am nächsten Morgen zu über- 
hören; dabei Hess er alle Schüler der ersten Abtheilung aus 
ihren Bänken (desks) heraustreten und nach der Mitte des 
Schulzimmers kommen, ebenso die zweite Abtheilung und die 
übrigen der Reihe nach, während er selbst auf und ab ging 
und einen nach dem andern seine Lection construiren liess, 
und bald diesem bald jenem ein Wort zu construiren aufgab. 
Wenn die beiden ersten Abtheilungen fertig waren, so kamen 
einige von ihnen, welche wir Vorsager (prompters) nannten 
und setzten sich zu uns in die untern Abtheilungen und sagten 
uns die Antworten auf unseres Lehrers Fragen vor, während 
er neben uns auf und ab ging; so brachten wir es durch 
die Hülfe imserer Vorsager dahin, dass wir der Bestrafung 
(carrection) entgingen, lernten aber wenig, indem wir die- 
selbe Kreisbewegung machten wie ein Mühlpferd, das den 



I) Mount Tabor, or Private Exercises of a Penitent Sinner by R. W. 
[L c. R. Willis] Esq. 1639, ^o» 



46 

ganzen Tag geht, aber am Ende nicht um eine EUe weiter 
gekommen ist als wo es anfing. Nun ereignete es sich eines 
Tages, dass einer der ältesten Schüler von der obersten 
Abtheilung sich beim Spielen draussen mit mir zankte, imd 
um mir den grosstmöglichen Schaden zu thun (den nämlich, 
dass ich die Ruthe bekäme) besprach er sich in seinem 
Zorne mit sämmtlichen Vorsagem, dass mir keiner von ihnen 
helfen sollte, so dass ich, wie er dachte, nothwendiger Weise 
Schläge bekommen müsste. In dieser Noth nahm ich, wie 
man zu sagen pflegt, meinen ganzen Verstand zusammen 
und hörte meinen Mitschülern, die vor mir construirten, auf- 
merksam zu, und da ich zufallig eine leichte Frage bekam, 
so entkam ich diesmal mit genauer Noth. Und da ich sah, 
wie meines Gegners Missgunst fortdauerte, und ich auf keine 
Hülfe von den Vorsagern rechnen konnte, so verdoppelte 
ich meinen Fleiss und meine Aufmerksamkeit als uns der 
Lehrer unsere nächste Lection vorconstruirte , und indem 
ich noch zwei oder drei Lectionen hindurch genau Acht gab, 
wie ein Wort auf das andere folgte imd von demselben ab- 
hing, so kam ich dahin, dass ich keinen Vorsager mehr 
brauchte, sondern selbst ein Vorsager werden konnte; und 
so schlug der Nachtheil, den mein Mitschüler mir zufügen 
wollte, zu meinem grossen Vortheil aus.' 

Wer erkennt in diesem Unterrichtssystem nicht die An- 
fange der Lancaster'schen Methode? Wer möchte nicht 
gern die Frage beantwortet haben, wie William Shakespeare 
zu seinem Vorsager stand, oder ob er auch seinen ganzen 
Verstand zusammen nahm, so dass er es selbst bis zu dem 
einflussreichen Posten eines Vorsagers brachte? Wer kann 
sich wundem, dass er bei einer solchen Unterrichtsmethode 
nur wenig Latein und noch weniger Griechisch lernte ? Wir 
neigen jedoch zu dem Glauben, dass es um die Stratforder 
Schule besser gestanden haben wird, wie ja auch in Glou- 
cester eine Besserung eingetreten zu sein scheint, als der 
alte Bürger durch Master Downhale ersetzt wurde,* und 



i) Vergl. über Shakespeare's Schulbildung Farmer, On the Leaming of 
Shakspeare. — Drake 14 und 27. 



47 

dass Shakespeare auf autodidaktischem Wege die vom 
Schuluntemicht offen gelassenen Lücken seines Wissens 
schnell und reichlich ausfüllte. 

Es ist ein bekannter Erfahrungssatz, dass gerade die 
hervorragendsten Genien sich nicht durch ihre Leistungen 
in der Schule ausgezeichnet haben, sondern das Beste was 
sie wussten imd konnten ihrer eigenen freien Entwickelung, 
ihrem Selbstunterricht und ihrer Selbsterziehung verdankten. 
Der jugendliche Genius in seinem 'dunkeln Drange' ver- 
schmäht das ausgetretene Gleis und sucht sich seinen eige- 
nen Weg zu bahnen. Es braucht zum Beweise nur an Scott 
und Byron, an Lessing, Schiller und Goethe erinnert zu 
werden. Mit Shakespeare wird es nicht anders gewesen 
sein. Jedenfalls wird er zu den lesesüchtigen Knaben gehört 
und frühzeitig angefangen haben, in andern Büchern geistige 
Nahrung zu suchen als in denen, welche ihm die Schide 
darbot, und namentlich werden es Chroniken und Ritter- 
bücher gewesen sein, welche seiner regen Phantasie am 
meisten zusagten. Ohne Gefahr des Irregehns dürfen wir 
uns wol das Bild ausmalen, wie schon der Knabe in irgend 
einem Winkel des Hauses oder Gartens sich stundenlang in 
die Mönchsschrift irgend eines Folianten oder Quartanten 
vertieft haben mag. Die Drucke Caxton's , des Vaters der 
englischen Buchdruckerei, Wynkjm de Worde's oder eines 
ihrer ehrwürdigen Berufsgenossen waren damals noch nicht 
unbezahlbare bibliographische Juwelen wie heutzutage und 
werden ohne Frage ihren Weg auch nach Stratford gefun- 
den haben; denn dass dergleichen Geschichten im häus- 
lichen Kreise gelesen wurden, beweist u. a. die Scene im 
Wintermärchen 11, i , wo Knight an die Stelle der Hermione 
Mary Shakespeare und statt des Mamillius ihren Sohn Wil- 
liam setzt, um eine Scene aus des Dichters Knabenzeit her- 
zustellen. Gewiss dürfen wir manche von den Ritterbüchem, 
die Shakespecire später so ausgiebig zu seinen Dramen be- 
nutzt hat, im Hause seines Vaters, sei es als eigenen Besitz, 
sei es als erborgte Leetüre, voraussetzen, so z. B. die 1542 
erschienene Folio -Ausgabe von Chaucer's Werken, den 
Mirror of the Worlde, Copland's Kynge Apolyne of Thyre 



— 4Ö — 

(Shakespeare's Pericles), A lytell Geste of Robyn Hode, 
Life of K. Arthur, ferner Heywood's Interludes, oder die 
Uebersetzung Froissart's von Lord Bemers, Fabyan's Chro- 
nicle (das sehr ausführlich die Geschichte vom Konig Leir 
erzählt, der Leicester gründete und dort starb und begraben 
wurde), Edward Hall's Chronik 'of the two noble and illustre 
Families ofLancastre and York' (1548), Lydgate und andere. 
Auch Holinshed's Chronik (1577), die Shakespeare nachmals 
zur Grundlage seiner Historien machte, ist ihm gewiss zeitig 
in die Hände gefallen; desgleichen R. Robinson's Ueber- 
setzung der Gesta Romanorum (1577) und Painter's Palace 
of Pleasure (1566 — 67; Romeo und Julie und Giletta von 
Narbonne), wogegen die Bekanntschaft mit Spenser's Shep- 
herd's Calendar (1579) selbstverständlich erst in seine Jüng- 
lingsjahre gesetzt werden kann.^ Auch öin fleissiger Bibel- 
leser ist Shakespeare gewiss schon in seinem Knabenalter 
gewesen, namentlich wird das alte Testament seine Phantasie 
wie die jedes andern Dichters frühzeitig angeregt haben. 

Und doch, wie sehr wir auch an die Leselust Shake- 
speare's glauben imd ihm zutrauen, dass er den geringen 
Büchervorrath Stratfords bald genug erschöpft haben mag, 
so sind wir gleichwohl nicht im Stande ihn uns als Stuben- 
hocker zu denken. Bei seinem lebhaften Temperament 
konnte ihm die Stubenluft unmöglich behagen, und je mehr 
er heranwuchs, desto mehr benutzte er gewiss die Frei- 
stunden, welche ihm die Schule übrig liess , um in Flur und 
Hain umherzustreifen. Ein solches sorgloses Umherstreifen, 
eine solche Hingabe an die Natur, ist ebensowohl wie der 
Lesetrieb und die Unlust zur Schule ein charakteristischer 
Zug der meisten dichterischen Knaben und Jünglinge, wie 
u. a. Bums, Scott und Byron bewiesen haben. Für Shake- 
speare war dies Leben im Freien obenein mit einem Bil- 
dungselement verknüpft, durch das er sich in höherm Masse 
auszeichnet als irgend ein anderer Dichter, nämlich mit der 
Beobachtung des Natur- und Menschenlebens. Die englische 
Sitte, welche den Kindern ungleich mejir Freiheit gewährt 



I) Knight, Wm Sh.; a B. 39 fgg. 112. 222. 246 fgg. — Drake. 



49 

als die deutsche, mag ihm dabei trefflich zu Statten gekom- 
men sein, denn es ist nicht anzunehmen, dass ihm seine 
Eltern einen ausnahmsweisen Zwang auferlegt und ihn wider 
seinen Willen ans Haus gefesselt haben sollten. Ohne allen 
Zweifel hat er sich schon als Knabe allseitig mit seiner Vater- 
stadt und ihren nächsten Umgebungen vertraut gemacht und 
mit zunehmenden Jahren nicht nur die Verwandtschaft in 
Snitterfield, Wilmecote und anderwärts wiederholt begrüsst, 
sondern auch andere lockende Punkte nicht unbesucht ge- 
lassen, welche ihm die heimische Grafschaft in nicht zu 
grosser Feme allenthalben darbot. Ein Blick auf die Stadt 
Stratford und ihre Umgegend wird darthun, wie mannich- 
faltige Eindrücke auf sein jugendliches Gemüth und eine 
wie reiche Förderung seiner geistigen Entwickelung ihm aus 
dieser Quelle fiiessen mussten. 

Stratford, welches Camden als 'emporiolum non inele- 
gans^ bezeichnet,* ist eine tausendjährige, altsächsische 
Gründung \md soll aus einem KJoster hervorgegangen sein, 
das nicht lange nach der Bekehrung der Angelsachsen ge- 
stiftet worden zu sein scheint.* Nach Camden wäre der Ort 
von Ethelard, einem Vicekonige von Worcestershire , drei- 
himdert Jahre vor der normannischen Erobenmg dem Bisthum 
Worcester geschenkt worden; jedenfalls waren die Bischöfe 
von Worcester lange Zeit Gnmdherren (lords of the manor) 
von Stratford; zu Shakespeare 's Zeit hatten vermuthlich die 
Ghrafen von Warwick sie in dieser Eigenschaft abgelöst. 
Eine uralte Strasse (von London nach Irland) führte durch 



i) Obwohl Camden im J. 1607 eine neue Auflage seines Werkes veran- 
staltete, so erwähnt er doch in dieser Auflage unter den Merkwürdigkeiten 
von Stratford Shakespeare nicht, sondern sagt im Gegentheil: Nee aliud me- 
morandum Avona ad suas ripas videt! 

2) History and Antiquities of Stratford -upon- Avon: comprising a De- 
scription of the CoUegiate Church, the Life of Shakspeare, and Copies of 
several Documents relating to him and his Family, never before printed; with 
a Biographical Sketch of other Eminent Characters, Natives of, or who have 
resided in Stratford. To which is added a Particular Account of the Jubilee, 
celebrated at Stratford in Honour of our Immortal Bard. By R. B. Wheler. 
Embellished with Eight Engravings. Stratford -upon -Avon, Printed and Sold 
by J. Ward (Longmans) s. a. S. S. 31. 

EUe, Shakespeare. ^ 




50 

Stratford und durchschnitt hier den Avon, wie der Name 
straete-ford, Strassfurt, lehrt. Das in der Nähe am Stour 
gelegene Stoneyford, Steinfurt, hat seinen Namen gleichfalls 
von der Furt. Aber nicht bloss ihren Namen, sondern auch 
ihre Entstehung verdanken diese Ortschaften ihrer Lage an 
der Furt. Hier machten die Reisezüge Halt und rasteten, 
hier mussten sie bei Hochwasser warten, bis sich die Flut 
verlaufen hatte, hier war ihnen in zahlreichen Fällen Bei- 
stand \md gastliche Aufnahme erwünscht und erforderlich. 
Dass hier ein Kloster gegründet werden konnte, dem zu- 
gleich die Aufgabe eines Hospizes zufiel, das begreift sich 
eben so leicht, wie dass sich dies Kloster allmählich zu 
einem Städtchen entwickelte, welchem bereits unter der 
Regierung König Johanns Marktfreiheit gewährt wurde, 
wenngleich es erst unter Eduard VI am 28. Juni 1553 eine 
städtische Verfassimg erhielt. Eine der ersten Aufgaben 
musste natürlich die Ueberbrückung des Avon sein, und die 
ansehnliche Steinbrücke, die dem Orte noch heute zur Zierde 
gereicht, war schwerlich die erste. Sie verdankt ihre Ent- 
stehung dem opferfreudigen Patriotismus eines Privatmannes, 
welcher in London zu Reichthimi gelangt war, den er seiner 
Stratforder Heimat in so edler gemeinnütziger Weise zu 
Gute kommen liess. Eine Inschrift am dritten* Brückenpfeiler 
verkündet den Nachkommen sein Werk in schlichten und 
würdigen Worten : ^ Sir Hugh Cloptotiy Knight^ Lord May or 
of London, built this bridge, at his own proper expence^ in 
the reign of King Henry the SeventhJ ^ Die ursprüngliche 
Furt ist jedoch neben der Brücke noch vorhanden. Hinter 
dieser Fürsorge für den ernährenden Verkehr blieb die 
Pflege des geistigen oder richtiger geistlichen Lebens nicht 
zurück. Eine grossartige, der h. Dreifaltigkeit geweihete 
Kirche wurde erbaut, die in ihren ersten Anfangen jeden- 
falls weit über Clopton's Brücke hinaufreicht, und eine zahl- 
reiche Geistlichkeit war an derselben beschäftigt. Als ge- 
meinsames Wohnhaus für dieselbe diente das stattliche Col- 



i) Ansichten dieser Brücke bietet fast jedes von Shakespeare und Strat- 
ford handelnde englische Werk dar. 



51 - 

leg-e, das von Bruchstein erbaut und von einem ausgedehnten 
Garten umgeben war. In Folge der Reformation zerstreuten 
sich die Insassen, was anfanglich in mancher Hinsicht ein 
Verlust für die Stadt sein mochte,* das Grundstück würde 
säcularisirt, später zum Kronland geschlagen und von Elisa- 
beth 1575 an John Combe, Shakespeare 's bekannten Freund, 
verkauft, der es bis zu seinem Tode am 10. Juli 1614 be- 
wohnte. Von ihm ererbte es sein Neffe William Combe, 
dem es gleichfalls als Wohnhaus diente. Nachdem es dann 
öfter den Besitzer gewechselt hatte, ging es an die Familie 
Clopton über, wurde auch von dieser wieder verkauft und* 
endlich im J. 1799 — 1800 vollständig abgetragen. Der ge- 
sammte bewegliche Inhalt des denkwürdigen Hauses war 
schon 1797 meistbietend versteigert worden.* 

Stratford besass noch ein zweites gottesdienstliches Ge- 
bäude in der sog. Gilden - Kapelle , derselben Gilde zum h. 
Kreuz gehörig, welche auch die Lateinschule besass. Diese 
in dem eindrucksvollen normannischen Style erbaute Kapelle 
stand — und steht noch — unmittelbar neben der Schule, 
so dass der Knabe Shakespeare jedenfalls früher und inniger 
mit ihr vertraut Wcir, als mit der entferntem Dreifaltigkeits - 
Kirche, dem Kolleg und der Bi:;ücke. «Das schone Geläut 
der Kapelle und die Wandgemälde, mit denen sie ausge- 
schmückt war, gehörten ohne Zweifel zu den ersten Ein- 
drücken des Kindes und müssen sich ihm daher unauslösch- 
lich eingeprägt haben. Die Wandgemälde, welche erst im J. 
1804 bei einer Ausbesserung zufällig entdeckt wurden, sind 
wahrscheinlich vor oder während der Puritanerzeit mit Ab- 
sicht übertüncht oder zerstört worden, doch mag man sich 
nicht des Glaubens erwehren, dass Shakespeare wenigstens 
einige Ueberreste davon gesehen hat* — vermuthlich die 



i) Vergl. Hunter, Illustrations I, 81 — 83. 

2) Abbildungen des College finden sich bei Wheler, Halliwell L. of Sh., 
Knight, Wm Sh.; a B., u. s. w. 

3) Knight, Wm Sh.; a B. 46 fg. Halliwell, L. of Sh. 95. — Eine aus- 
fährliche Beschreibung dieser Fresken giebt Wheler, History and Antiquities 
of Stratford -upon- Avon 92 fg. Zeichnungen derselben hat Thomas Fisher in 
seinen Antiquities of Warwickshire veröffentlicht. 



52 

einzigen Werke der Malerei, welche ihm in dem kleinen 
Stratford zu Gesicht kamen, das nach Malone's Berechnung in 
Shakespeare's Geburtsjahre eine Bevölkerung von nicht mehr 
als ^1470 Seelen besass; die Zahl der Taufen betrug nämlich 
in diesem Jahre 55, die der Begräbnisse 42.^ Von einer Pflege 
der Künste \md Wissenschaften, von einer thätigen Antheil- 
nahme an dem politischen und kulturhistorischen Entwicke- 
lungsgange der Nation konnte daher in einem so unbedeu- 
tenden Orte selbstverständlich keine Rede sein. Es war 
ein offenes, dorfahnliches Städtchen mit kleinen Häusern aus 
Fachwerk, hier und da selbst mit Strohdächern, wo alles 
auf ländliche Beschäftigungen \md ländliche Vergnügungen 
hinwies. Nicht dass wir so wenigen, sondern dass wir so 
vielen Spuren und Anknüpfungspunkten gebildeten und gei- 
stigen Lebens begegnen, muss uns in Verwunderung setzen. 
Wie die Karte in Dugdale's Warwickshire zeigt, gingen 
zu Shakespeare's Zeit vier Strassen von Stratford aus;* zu- 
nächst die Strasse nach Henley-in-Arden, welche an Shake- 
speare's Geburtshause vorbeifiihrte und sich in geringer Ent- 
fernung von den Dörfern Wilmecote und Aston Cantlow 
nach Nordwesten zog; dann die romantische Strasse nach 
Warwick, in -deren Nähe das von Shakespeare's Vater ge- 
pachtete Grundstück Ingon und weiterhin das Dorf Snitter- 
field gelegen war; die dritte Strasse fährte am Avon ent- 
lang nach Bidford, und die vierte endlich über die Clopton- 
Brücke nach Charlecote, Hampton Lucy \md weiter. Diese 
vier Strassen wetteiferten mit einander den Knaben Shake- 
speare hinauszulocken , sei es, dass er an der Hand seines 
Vaters, oder mit muntern Schulkameraden, oder auch allein 
ins Freie wanderte.* Dicht vor der Stadt, nur etliche him- 
dert Schritte von dem sogenannten Geburtshause in Henley 
Street entfernt, stand die berühmte Gränz-Ulme (boundary 



1) Knight, Wm Sh.; a B. 14. 

2) Ein Plan von Stratford und seinen Umgebungen ist unseres Wissens 
nicht vorhanden, obwohl er für jeden Shakespeare -Verehrer ein wünschens- 
werthes Besitzthum wäre. 

3) Knight, Wm Sh.; a B. 52. 63 fg. 



53 

elm), wo nicht allein ein beliebter Spielplatz für die Knaben 
sein mochte, sondern die auch ein Ziel- und Haltpunkt für 
die Bittgänge in der Rogate -Woche war; diese feierlichen 
Bittgänge dauerten auch nach der Reformation noch eine 
Zeit lang fort, und die Schuljugend musste unter Führung 
der Geistlichen und Lehrer daran Theil nehmen. Wir dür- 
fen uns also den Knaben Shakespeare als Sänger oder 
Fahnenträger vorstellen, wie er der Procession nicht nur zu 
dieser Ulme, sondern an der ganzen Kirchspiels- Gränze ent- 
lang folgte. Wer die eingehenden Schilderungen bei Knight 
gelesön hat, kann femer nicht in Zweifel sein, dass der 
heranwachsende Knabe an den mäandrischen Krümmungen 
und malerischen Ufern des Avon mit den lieblichen Dörfern 
und stattlichen Herrensitzen (Welcombe, Hampton Lucy, 
Bidford, Charlecote, Fulbrooke &c.) auf und ab wanderte, und 
verschiedene Stellen in den Dramen geben Zeugniss, wie 
tief sich dieser liebliche Fluss dem Gemüthe des Knaben 
einprägte.* Insbesondere wird die nächste Umgebung von 
Stratford, das sogenannte Red Horse Valley,^ der Schau- 
platz seiner ersten Ausflüge und Spiele gewesen sein. Diese 
freundliche Landschaft mit ihren wellenförmigen Schwingxin- 
gen, ihrem gesättigten Wiesengrün, ihren Büschen und 
prächtigen Bäumen, in denen die Dorfer traulich versteckt 
liegen, lässt sich in Shakespeare's landschaftlichen Schilde- 
rungen mehrfach wieder erkennen; \r\ der That entspricht 
die Landschaft im Sommemachtstraum , im Wintermärchen, 
ii) Wie es Euch gefallt und andern Stücken durchaus der 
Landschaft von Warwickshire.' Besonders häufig gedenkt 



i) Knight 231 fgg. 254 fgg. — Two Gentlemen II, 7: The current, that 
witk gentU murmur glidts &c. Hamlet IV, 7: There is a willow grows 
ascaunt the brook &c. — > Doppelt bezeichnend und schön ist daher die von 
B. Jenson in seinem bekannten Lobgedicht unserm Dichter beigelegte Be- 
zeichnung : Sweet Swan of Avon . Ob dieselbe von Jonson herrührt , kann 
zweifelhaft scheinen, wenn man das Epigramm 'Cignus per plumas Anser* 
aus dem Laquei Ridiculosi 1613 vergleicht. S. Abschnitt m. — Garrick hat 
den Avon in dem schonen Liede: 'Thou soft^flowing Avon* besungen. 
Vergl. auch S. Ireland's Picturesque Views of the Avon. 

2) W. Irving, Sketchbook (Stratford - on - Avon). 

3) Wise, Shakespeare, his Birthplace &c. 6 — 12. Prake 197. 



54 

Shakespeare der gesegneten Obstgärten, an denen seine 
Heimat so reich war, und der darin gezogenen Apfelarten. ^ 
Das freundliche Bild von Warwickshire , das sich so vor 
unsem Augen aufrollt, wird noch verschönert, wenn wir uns 
erinnern, dass die Volksfeste und die Vdlkspoesie des 
lustigen Alt -Englands ihren letzten abendrothlichen Glanz 
und Duft darüber ausbreiteten, bevor der Puritanismus die- 
ses fröhliche, sinnlich - poetische Volksthum mit bleiernen 
Füssen niedertrat. Unter allen Shakespeare -Erklärern haben 
namentlich Drake und Knight diese Lustbarkeiten, Bräuche 
und Lieder der ländlichen Bevölkerung zum Gegenstand 
ihrer Darstellung gemacht, und die Erinnerung daran zieht 
sich wie ein rother Faden durch Shakespeare's Poesie hin- 
durch. Er betrachtet überall diese Feste und Spiele (z. B. 
die Schafschur im Wintermärchen) «als einen wesentlichen 
und liebenswürdigen Bestandtheil des Volkslebens und nimmt 
sie gegen die Puritaner in Schutz: 'Vermeinest du, weil du 
tugendhaft seiest, solle es in der Welt keine Torten und 
keinen Wein mehr geben?'* Knight hat gewiss Recht, 
wenn er annimmt, dass der Dichter als Knabe und Jüngling 
ein fröhlicher Theilnehmer nicht allein an den erwähnten 
Bittgängen, sondern auch an der Feier des Georgstages, an 
Kirchweihfesten, an Bogenschiessen, Quintain, Barley-breaks 
u. a. Belustigungen gewesen ist.* Seine Phantasie fand in 
diesen Volksfesten und Volksgebräuchen frühzeitige und 
reichliche Nahrung. 

Noch tiefer jedoch als landschaftliche Schönheiten und 
Volksbelustigxingen pflegen solche Oertlichkeiten in das 
jugendliche Herz zu dringen und die jugendliche Phantasie 



1) Z. B. worden- pies (Winter*s Tale IV, 2); leathern-coats (2 K. 
Henry IV, V, 3); appU-John (i K. Henry IV, HI, 3); pippin und caraway 
(2 K. Henry IV, V, 3) ; pomewater (Love's Labour's Lost IV, 2) ; crah - apples 
(Love's Labour's Lost, Schlussgesang). S. Wise, Shakespeare, his Birthplace &c. 
96 fgg. C. Roach Smith, The Rural Life of Shakespeare (Lond. 1870) 20. 

2) Was Ihr wollt II, 3. . 

3) Knight 62 fgg. 71. 188 fg. 196 fg. 199. 202. — Als ausgezeichneter 
Bogenschütze wird Old Double in 2 Henry IV, HI, 2 geschildert; möglicher 
Weise war er eine bekannte Warwickshirer Persönlichkeit. 



55 

anzuregen, welche durch geschichtliche Ruinen und Denk- 
mäler, durch Erinnerungen und Sagen sich auszeichnen, und 
auch an solchen Oertlichkeiten litt Shakespeare's heimische 
Grafschaft, welche Michael Drayton in seinem Polyolbion * 
als das Herz von England bezeichnet hat,^ keinen Mangel. 
Schon die Romer haben in Warwickshire nicht unbedeutende 
Spuren ihrer Herrschaft hinterlassen. Wie überhaupt alle 
Strassen vom Süden Englands nach dem Norden und nach 
Irland durch Warwickshire fuhren, so ziehen sich auch drei 
grosse Römerstrassen hindurch, im Westen die Dcenield- 
Strasse, in der östlichen Hälfte der Fosse Way, der von 
Südwesten nach Nordosten läuft, und endlich die Watling- 
Strasse auf der Gränze zwischen Warwickshire und Lei- 
cestershire. Zu Shakespeare's Zeit hielt man diese Römer- 
strassen fiir Werke der Britten, wenigstens erklären sie 
Robert von Gloucester und Fabyan's Chronik ausdrücklich 
dafür.* Am Einflüsse des Arrow in den Alne, wo die 
Ikenield- Strasse den letztem überschreitet, liegt das Städt- 
chen Alcester, etwa zwei Stunden westlich von Stratford. 
Wie der Name (Alni castrunty Alncester, Alcester) und die 
hier aufgefundenen Mauerreste, Urnen und Münzen beweisen, 
stand hier ein befestigtes römisches Lager, das den Fluss- 
übergang zu schützen bestimmt war. Ein anderes, wenn 
auch minder bedeutendes römisches Lager, dessen Spuren 
gleichfalls noch erkennbar sind, befand sich am Fosse -Way, 
sieben bis acht englische Meilen nordöstlich von Stratford. 
Ja Stratford selbst scheint, der Furt wegen, eine römische 
Position gewesen zu sein, denn auch hier sind zahlreiche 
römische Münzen aufgegraben worden, welche gegenwärtig 
im dortigen Shakespeare -Museum aufbewahrt werden, und 
bei Welcombe, in nächster Nähe von Stratford, finden sich 
noch Spuren von Verschanzungen. 



1) Tkat shire whick uoe the heari of England well may call, — Michael 
Drayton (1563? — 1631) war selbst ein Sohn von Warwickshire, von dem er 
in dem genannten Gedichte eine sehr ausführliche Beschreibung geliefert hat. 

2) Knight 149 fgg. Uhland's Schriften zur Geschichte der Dichtung 
und Sage VllI, 239 fg. Die Strassenzüge sind auf der Karte der Britannia 
Saxonica bei Lappenberg Bd. i angegeben. 



— 56 - 

• 

An die Dänen erinnert in Warwickshire wie anderswo 
in England nichts; das Andenken an sie haftet nur an den 
von ihnen angerichteten Verwüstungen. Desto reicher und 
bedeutsamer sind die Erinnerungen, die sich an die beiden 
ältesten und ehedem wichtigsten Städte der Grafschaft, an 
Warwick und Coventry, knüpfen. In dem prächtigen und 
hochromantischen Schlosse zu Warwick hausten die mäch- 
tigen Grafen von Warwick, ein tüchtiges und streitbares 
Geschlecht, das in der Geschichte seines Vaterlandes eine 
hervorragende Rolle gespielt hat. Als Stammvater des- 
selben wird der sagenhafte Guy von Warwick, der Besieger 
des dänischen Riesen Colbrand, angesehn, der sich von sei- 
nen Kriegsthaten nach dem benachbarten, nach ihm J)enann- 
ten Guy's Cliff zurückzog, 

Where Vfith my hands I hewed a house 

Out of a craggy rocke of stone ; 
And lived like a palmer poore 

Within that cave hiyself alone: 

And daylye came to hegg my bread 

Of Phelis att my Castle gate, 
Not knowne unto my loved wijfe 

Who daylye mourned for her mate &c. 

Die Sagen und Lieder von Sir Guy sind ohne Zweifel schon 
dem Kinde Shakespeare vorerzählt und vorgesungen worden. 
Gewiss hat er auch die Statue des alten Recken in Guy*s 
Cliff gesehen.* Unter den normannischen Grafen von War- 
wick zeichnen sich die Beauchamps aus, namentlich Thomas 
Beauchamp, der vierte Graf, der vom Parlament zum Vor- 
mund Richard's 11 ernannt wurde, * und Richard Beauchamp, 
der fünfte Graf, zubenannt der Gute {1381 — 1439),' der sich 
im Kampfe gegen Glendower und in der Schlacht bei Shrews- 
bury gegen die Percies hervorthat; er war es auch, der die 



i) Wegen der an Sir Guy of Warwick sich knüpfenden Rittergedichte, 
Balladen n. s. w. vergl. Warton H. E. P. , Perc/s Reliques (The Legend öf 
Sir Guy) &c. 

2) Thomas B. soll es gewesen sein, der als Bold Beauchamp sprichwört- 
lich wurde. S. Nares s. Bold Beauchamp. 

3) Knight, Wm Sh.; a B. 58. 155 fgg. 



-- 57 — 

Vermählung Heinrich's V mit Katharina von Frankreich 
unterhandelte und von ihm zum Führer (tutor) Heinrich's VI 
bis zu dessen fünfzehntem Jahre ernannt wurde. Er war der 
grosse Held der Rosenkriege. Er starb als Regent von 
Frankreich zu Rouen imd wurde in der von ihm erbauten 
Kapelle Unserer lieben Frau (oder Beauchamp-KLapelle) in 
der Marienkirche zu Warwick beigesetzt, wo sein Grrabdenk- 
mal, das die ausserordentliche Summe von nahezu dritthalb 
tausend Pfund gekostet haben soll, noch heute die Bewunde- 
rung der Reisenden erregt. Sein Sohn Heinrich wurde von 
Heinrich VI nicht nur zum Herzog von Warwick, sondern spä- 
ter sogar zum Konig der Inseln Wight, Jersey \md Guemsey 
ernannt. Mit ihm starb 1445 der Mannsstamm der Beauchamps 
aus, und durch weibliche Erbfolge gelangten die Nevils in den 
Besitz der Grafschaft, als deren erster und grösster Richard 
Nevil, der 'Konigsmacher' glänzt. Er war die Stütze der 
Yorkisten (der weissen Rose), für welche er die Schlachten 
bei St. Albans und Northampton gewann. Weniger glück- 
lich war* er in der Schlacht bei Wakefield und in der zwei- 
ten Schlacht von St. Albans. Im Verein mit dem Herzoge 
von York trieb er jedoch die Lancaster'sche Partei nach 
Norden zurück \md ernannte, in London seinen Vetter 
Eduard IV zum König (4. März 1461). Durch den Sieg bei 
Towton sicherte er den Thron des neuen Monarchen, der 
ihn ifiid seine Familie mit Ehren und Belohnungen über- 
häufle.* Nichtsdestoweniger brach allmählich Zwietracht 
zwischen dem abhängigen Könige und dem übermächtigen 
Vasallen aus, der endlich 1470 nach dem Festlande floh und 
dort seine Tochter Anna mit Eduard, Prinzen von Wales, 
Sohn der Königin Margarethe, vermählte. An der Spitze 
einer bedeutenden Streitmacht landete er dann zu Plymouth 
und verkündete Heinrich VI als König, während nun Eduard IV 



i) Richard Nevil lebte im grossartigsten Styl und hielt überall, wo er 
residirte, offenes Haus. Wie die Volkssage erzählt, wurden täglich 30,000 
Personen auf seinen Besitzthumem gespeist. Wenn er nach London kam, 
berichtet Stowe, wurden in seinem Haushalt sechs Ochsen zum Frühstück 
▼erzehrt, und jede Schenke war voll des von ihm gelieferten Fleisches. 



— 58 

seinerseits nach Holland floh, wo er gleichfalls ein Heer 
sammelte, mit welchem er zu Ravenspurgh in Yorkshire 
landete (März 147 1). In der Schlacht bei Bamet wurden 
die Lancastrier endlich aufs Haupt geschlagen, aber der 
Königsmacher fand mit seinem Bruder Lord Montague den 
Tod. Richard Nevil hinterliess zwei Töchter, Isabella, die 
an den Herzog von Clarence , den Bruder Eduard's IV, ver- 
mählt war, und die genannte Anna, die nach der Ermordung 
ihres ersten Gemahls (1471) den Herzog von Gloucester, 
nachmals Richard III, heirathete. 

Das waren die grossen geschichtlichen Gestalten, deren 
Andenken dem jungen Shakespeare entgegentrat, wenn er 
durch den in Felsen* gehauenen Hohlweg in den Schlosshof 
zu Warwick eintrat und die massigen, fiir Jahrhunderte ge- 
gründeten Thürme betrachtete, oder wenn er in der Marien- 
kirche staunend und wissbegierig die Grabmäler und Lei- 
chensteine musterte.* Und dass er schon als Knabe nach 
dem nur. acht englische Meilen von Stratford entfernten 
Warwick wanderte und seine Sehenswürdigkeiten kennen 
lernte, wird sich schwerlich in Zweifel ziehen lassen. Hier 
war er sofort in die Rosenkriege und auf den Boden seiner 
Historien versetzt, hier erblickte er die Gegenwart wie die 
Vergangenheit des grossen Grafengeschlechts, das sich durch 
diese Dramen hindurchzieht. Ist es zu viel gesagt, wenn 
wir behaupten, dass die Jugendeindrücke, die Shakespeare 
in Warwick empfing, die Keime und Ausgangspunkte fiir 
seine Historien wurden? 

Aber nicht nur nach Warwick, sondern auch nach Co- 
ventry (18 englische Meilen von Stratford) hat der Jüngling 
jedenfalls seine Streifereien ausgedehnt. War Warwick aus- 
schliesslich die Grrafenstadt , so trat ihm in Coventry neben 
dem aristokratischen auch das bürgerliche Element bedeu- 
tungsvoll entgegen. Was das erstere anlangt, so bildet hier 
der bekannte mjrthische Graf Leofric von Mercia, der Ge- 
mahl der Godiva, gewissermassen ein Seitenstück zu dem 



i) Auch Graf Leicester, Elisabeths Günstling, wurde 1588 in dieser 
Kirche beigesetzt. 



59 

mythischen Guy von Warwick. Beide haben jedoch bei 
Shakespeare keinen Nachhall gefunden; es waren vorwie- 
gend epische Stoffe, für deren dramatische Gestaltung und 
Verwerthung er keinen nähern Anhalt finden mochte. Nach 
der normannischen Eroberung fiel Coventry den Grafen von 
ehester zu, denen die vergleichsweise unbedeutenden und 
unbekannten Grafengeschlechter Montalt und Arundel folgten. 
Später wurde es Eigenthum der Klrone. Hier — auf Gos- 
ford Green dicht bei der Stadt — war 1397 der Schauplatz 
des feindlichen. Zusammentreffens zwischen Henry Boling- 
broke (nachmals Heinrich IV) und Thomas Mowbray, Herzog 
von Norfolk, das Shakespeare in Richard 11 verewigt hat. 
Etliche Jahre später (1404) hielt Heinrich IV hier das Par- 
lamentum indoctorum ab, so genannt, weil keine Rechts- 
gelehrten zugelassen wurden. Auch Heinrich VI begünstigte 
und besuchte die Stadt zu wiederholten Malen und hielt 1459 
gleichfalls ein Parlament daselbst, das sogenannte Parlamen- 
timi diabolicum, das diesen Beinamen wegen seiner Achts- 
erklärungen gegen den Herzog von York und andere erhielt. 
Nach der Schlacht von Bosworth (1485) wurde Heinrich VII 
von der Stadt mit grossen Freudenbezeigungen empfangen. 
Im Jahre 1565 stattete Elisabeth derselben einen Besuch 
ab,* imd im folgenden Jahre wie auch 1569 wurde Marie 
Stuart hier eine Zeit lang gefangen gehalten. Jakob I end- 
lich kam 161 6 (in Shakespeare's Todesjahre) nach Coventry, 
wo ihm zu Ehren grosse Festlichkeiten veranstaltet wurden. 
Diese geschichtliche Rolle Coventry's konnte Shakespeare 
allerdings kennen lernen, ohne dort gewesen zu sein, na- 
mentlich gab ihm Hall's Chronik darüber Auskunft, so weit 
es sich um die Rosenkriege handelte ; allein die sichere und 
ins Einzelne gehende Ortskenntniss , welche Shakespeare an 
den betreffenden Stellen an den Tag legt, konnte er wol 
nur eigener Anschauimg verdanken.* 



i) Nach anderer Angabe wäre Elisabeth 1571 in Coventry gewesen, und 
ihr ta Ehren hatte eine Aufführung stattgefunden, welcher Shakespeare mit 
seinen Eltern beigewohnt haben könnte. 

a) Vergl. Richard H, I, 3. Henry IV, Pt I. King Henry VI, Pt HI, V. 
Knight, Wm Sh.; a B. 164. 



— 6o 

• 

Wie bemerkt, verdankte Coventry seine Bedeutung nicht 
bloss dem Hofe und den Grafen, sondern auch das Bürger- 
thum hatte sich dort schon vor Shakespeare's Zeit zu Bil- 
dung imd Ansehen entwickelt. In engster Verbindung damit 
steht die Pflege, welche die dramatische Kunst hier fand als 
sie ihren Zusammenhang mit der Kirche abstreifend in die 
Hände der Zünfte überging. Unsere Nachrichten über die 
sogenannten 'ludi Coventriae' erstrecken sich über einen 
Zeitraum von nahezu hundert Jahren bis 1591 , also weit in 
Shakespeare's Leben hinein. Auf Inhalt und Entwickelung, 
wie auf die Darsteller derselben, werden wir an einer andern 
Stelle zurückkommen; hier reicht es hin zu bemerken, dass 
sich an dem glänzenden Frohnleichnamsfeste , das den Mit- 
telpunkt dieser theatralischen Darstellimgen bildete, seit 
langen Zeiten aus einem meilenweiten Umkreise die Bevöl- 
kerung zu fröhlichstem Lebensgenüsse — vielleicht auch zu 
Geschäften — zusammenzudrängen pflegte, etwa wie in 
unserer Zeit zu den Oberammergauer Passionsspielen. Schon 
in Piers Ploughman's Creed werden die Mirakelspiele als viel- 
besuchte Volksfeste mit Jahrmärkten und Schenken in Eine 
Reihe gestellt: 

'We haunten no tavernes, 
Ne hobeUn abouten; 
At marketes and miracles 
We medeleth us never' 

Spricht ein Minorit, um seinen tugendsamen Wandel kund- 
zuthun. Chaucer's Weib von Bath dagegen liess sich der- 
gleichen Lustbarkeiten nicht entgehen; sie bereist Proces- 
sionen und Mirakelspiele: 

Drum den Vigilien und Processionen 
Pflegt' ich gar regelmässig beizuwohnen, 
Auch den Mirakelspielen, Pilgerfahrten 
Und Predigten, wo sich die Leute schaarten.* 



i) The Vision and Creed of Piers Ploughman. £d. by Thomas Wright 
London 1856. II, 457 (Creed, v. 211 — 214). Vergl. Warton H. E. P. II, 20. 

2) Canterbury Tales ed. Thom. Wright v. 6137 ^SS* nebst der Anmer- 
kung des Herausgebers. Nach Hertzberg's Uebersetzung. 



6ti 

• 

Zu Shakespeare's Zeiten wird es n^cht anders gewesen sein, 
denn in solchen Dingen pflegen sich die Zeiten gleich zu 
bleiben. Sollen wir glauben, dass der lebensfrische junge 
Shakespeare in dem festlichen Gewühl am Frohnleichnams- 
feste gefehlt habe ? Würden wir an seiner Stelle zu Haus 
geblieben sein? Damit soll nicht gesagt sein, dass er ein 
regelmässiger Besucher der Coventry- Spiele war, sondern 
nur ein gelegentlicher. Knight (Wm Sh.; a. B. 95 — 97) 
spricht die Vermuthung aus, dass Shakespeare namentlich 
das Schauspiel der Shearmen und Tailors gesehen habe, 
welches Christi Geburt, die drei Könige, den Kindermord 
und die Flucht nach Aegypten darstellte; er schliesst das 
aus der Anspielimg auf den bethlehemitischen Kindermord 
\md das Gehexd der Mütter in Heinrich V, HI, 3 : 

Gespiesst auf Piken eure nackten Kinder 

Indess der Mütter rasendes Creheul 

Die Wolken tlieilt, wie einst der Jüd'schen Weiber 

Bei der Herodes - Knechte blut'ger Jagd. 

In den Coventry -Mysterien erscheint in der That ein Soldat 
mit einem Kinde auf der Pike vor Herodes. Halliwell 
(Dlustrations 49) fuhrt auch den von Shakespeare öfter er- 
wähnten Herodes sowie die Stelle Ht was a black soul burn-^ 
ing in he IT in Henry V, 11, 3 zu Gunsten der Annahme 
an, dass Shakespeare die Coventry - Spiele gesehen habe, in 
denen der wüthende Herodes eine Hauptrolle spielte, \md 
die verdammten Seelen mit geschwärzten Gesichtern erschie- 
nen. Uebrigens konnte Shakespeare die Coventry - Spiele 
auch in Stratford selbst kennen gelernt haben, da sie (nach 
Halliwell a. a. O.) aller Wahrscheinlichkeit nach von herum- 
ziehenden Schauspielern aufgeführt wurden, wie der Prolog 
zu denselben zu verstehen giebt. Auch dem Pageant of 
the Nine Worthies, meint Knight (100), habe Shakespeare 
in Coventry beigewohnt, da die Reden der neim Helden in 
Verlorener Liebesmüh (Akt V) denen des Coventry'schen 
Stückes auffallend ähnlich seien. 

Ejiight traut dem Knaben \md Jünglinge Shakespeare 
noch weitere Ausflüge zu als nach Coventry; ihm zufolge 
sah er in der alten Bischofsstadt Worcester das Grabmal 



62 

■ 

des König-s Johann und besuchte die Schlachtfelder von 
Tewkesbury, von Shrewsbury, ja sogar von Bosworth. * Wie 
verlockend es aber auch sein mag, Shakespeare in unmittel- 
bare Verbindung mit diesen historischen Stätten zu bringen, 
die durch seinen Genius eine nicht geringere Weihe empfan- 
gen haben als durch die geschichtlichen Ereignisse selbst, 
so dürfen wir doch den Anreizungen der Phantasie nicht so 
weit folgen, wenn wir nicht allen Boden unter den Füssen 
verlieren wollen. Das Feld von Bosworth liegt noch 15 — 16 
englische Meilen nordostlich über Coventry hinaus in Lei- 
cestershire, und es ist schwer glaublich, dass Shakespeare 
eine Wanderung von beinahe acht deutschen Meilen unter- 
nommen haben sollte, bloss um ein Schlachtfeld zu sehen, 
das doch erst später, nachdem er Stratford bereits verlassen 
hatte, lebendiges Interesse für ihn gewann. 

Anders aber steht es mit Kenilworth, welches halbwegs 
zwischen Warwick und Coventry, 13 englische Meilen von 
Stratford, gelegen ist.* Schloss Kenilworth, jetzt eine herr- 
liche, epheuumsponnene Ruine, hat in der englischen Ge- 
schichte eine kaum minder wichtige Rolle gespielt als War- 
wick Schloss. Um 1360 kam es in den Besitz Johanns von 
Gaunt (time^honoured Lancaster)^ der es als Mitgift mit 
seiner Gemahlin Blanche erhielt. Dann wurde es Eigen- 
thum der Krone, bis es Elisabeth ihrem Günstling Leicester 
schenkte, der es mit Ungeheuern Kosten (man sagt 60,000 
Pfund) ausbaute und verschönerte; der von ihm aufgeführte 
Theil fuhrt bis heute den Namen Leicester's Buil^ing^. 
Elisabeth beehrte den Grafen hier drei Mal mit ihrem Be- 
suche, 1566, 1568 und 1575; bei dem letzten Besuche War 
es, wo Leicester jene ausschweifenden Festlichkeiten (the 



i) Vergl. Shakespeare's Historien. Deutsche Bühnen -Ausgabe von 
F. Dingelstedt. Berlin 1867. I, 4 fg. — Ob wol Shakespeare in seiner Jugend 
einmal den Cotswold- Spielen beigewohnt haben mag? S. Drake 123 fg. 
Vergl. S. 65. 

2) Vergl. Amye Robsart and the Earl of Leicester: a Critical Essay 
into the Authenticity of the various Statements in Relation to her Death, 
and on the Libels on the Earl of Leicester &c. Also^ a History of Kenil- 
worth Castle; &c. By George Adlard. Lond. 1870. 



63 

Princely Pleasures of Kenilworth) zu ihren Ehren veran- 
staltete, durch welche er ihre Hand wie im Sturm zu errin- 
gen hoflfte.* Allein wie bekannt führten geheimnissvolle 
Ursachen einen ganz entgegengesetzten Erfolg herbei, und 
die Königin verliess das Schloss nach siebzehntägigem 
Aufenthalte plötzlich in höchst ungnädiger Stimmung. Die 
zuerst von Percy ausgesprochene Vermuthung,* dass Shake- 
speare, damals ein elfjähriger Knabe, während dieser Tage 
nach dem Schlosse gekommen sei, um das beispiellose Fest- 
gepränge und wo möglich auch die vergötterte Königin zu 
sehen, — diese Vermuthung hat seitdem immer mehr Zu- 
stimmung gefunden. Uebrigipns war es nicht das erste Mal, 
dass Shakespeare die Königin imd ihren Hofsteiat sah, son- 
dem er hatte sich dieses Anblicks schon drei Jahre früher 
erfreut (1572), als sie bei Sir Thomas Lucy in Charlecote 
zum Besuch war. Seine Anwesenheit in Kenilworth ist um 
so wahrscheinlicher, als einer seiner mütterlichen Verwandten, 
Edward Arden, damals in Leicester's Diensten stand,' so 
dass die Annahme .nicht ungerechtfertigt erscheint, Shake- 
speare möge sich nicht auf diesen einmaligen Besuch von 
Kenilworth beschränkt haben. Jedenfalls besass das gross- 
artige und prächtige Schloss mit seinen herrlichen Umge- 
bungen für ein empfangliches Gemüth auch dann Reiz, wenn 
die Königin nicht anwesend war und keine fürstlichen Freu- 
denfeste gefeiert wurden. 



1) S. Nichols , The Progresses of Qu. Elizabeth, 1788, 2 vols. — Die 
Festbeschreibungen von Gascoigne und Laneham. — W. Scott, Kenilworth. — 
Tieck, Das Fest von Kenilworth. — Drake 18 fg. 

2) Reliques, in der Abhandlung 'On the Origin of the English Stage.' 
In der ersten Ausgabe (1765) fehlt die betreifende Stelle; überhaupt ist diese 
Abhandlung durch spätere Zusätze vermehrt worden. 

3) Eduard Arden scheint um die Gründe gewusst zu haben, welche die 
plötzliche Abreise der Königin herbeiführten, wenn er nicht sogar eine thatige 
Rolle dabei gespielt haben mag. Auf Leicester's Betrieb wurde er 1583 hin- 
gerichtet. Die vielbesprochene Stelle im Sommemachtstraum II, i : That very 
time I saw, but thou couldst not &c. wird von verschiedenen Erklärem als 
eine Hindeutung auf Shakespeare's Anwesenheit bei den Princely Pleasures 
aufgefasst. S. Halpin, Oberon's Vision in the Midsummer-Night's Dream &c. 
(Published for the Shakespeare Society 1843). 



' 



— 64 - 

Shakespeare hat nirgends in seinen Werken ein Wort 
über seine persönliche Bekanntschaft mit allen diesen Oert- 
lichkeiten einfliessen lassen; er erwähnt sie nur soweit als 
es der geschichtliche Hergang in seinen Dramen bedingt, 
er verhält sich ihnen gegenüber ebenso objectiv wie den 
von ihm auf die Bühne gebrachten Personen gegenüber. 
Nur in zwei Stücken hat er sich das Vergnügen gemacht, 
auf Ortschaften und Persönlichkeiten seiner Heimat wie auf 
Vorgänge in seinem Jugendleben anzuspielen, ohne durch 
den Inhalt des Stückes dazu genöthigt zu sein; dies sind 
die Lustigen Weiber, auf die wir bei der Wilddiebs - Ge- 
schichte zurückkommen werden, und die Einleitimg zur 
Zähmung der Widerspenstigen. In der letztem fuhrt Christoph 
Sly Burton auf der Heide (etwa 1 2 engl. Meilen ^südlich von 
Stratford) als seinen Geburtsort an, beruft sich auf Marianne 
Hacket, die dicke Bierwirthin zu Wilmecote, und spricht vom 
alten Naps von Greece als seinem Freunde. In diesem 
augenscheinlich verderbten 'Greece' steckt aller Wahrschein- 
lichkeit nach ebenfalls ein Ort in Warwickshire verborgen, 
vermiithlich das Dorf Cleeve am Avon, oder nach HalHwell 
Greete, zwischen Stratford und Gloucester. Einen Namens- 
vetter des betrunkenen Kesselflickers, Stephen Sly, hat 
Halliwell als einen Arbeiter Mr Combe's zu Welcombe (161 5) 
nachgewiesen.^ Personen -Namen aus seiner Heimat hat 
Shakespeare öfter verwandt, wie ausser dem obgedachten 
Page die Namen Bardolph, Fluellen, Ford, Brome (Broome 
ist Ford's angenommener Name in FA), Herne (ursprüng- 
lich Home), Evans und Peto (Peyto). Der Name Fluellen 
ist wahrscheinlich aus dem wälschen Lluellyn entstanden, 
das in Sir John Oldcastle I, 2 vorkommt. William Ffluel- 
len und George Bardolfe stehen neben Mr John Shakespeare 
in der Recusanten- Liste.* Es kann kein Zweifel obwalten, 



i) Athenaeum 1868, I, 95 und 133. — Shakespeare's Werke übers, von 
Schlegel und Tieck, herausgeg. durch die D. Sh.-G. VII, 120. 

2) Der Name Bardolph findet sich auch in £dw. Hake's News out of 
Powles Churchyarde See. (1579). Es sind dies nämlich satyrische Gespräche, 
welche Bertulph und Paul bei ihren Spaziergängen in St. Paul's fuhren. 
Vergl. Halliwell, L. of Sh. 72. 100. 126 fg. 



- 65 

dass wir es hier mit Erinnerungen aus des Dichters Jugend 
zu thun haben. 

Ausser diesen absichtlichen finden sich aber auch unab- 
sichtliche Jugenderinnerungen ganz anderer Art in Shake- 
speare's Werken zerstreut, denen erst neuerdings die ge- 
bührende Aufmerksamkeit gewidmet worden ist. Das sind 
die ziemlich zahlreichen Provinzialismen, durch deren Erkennt- 
niss manche bisher imverständliche oder verderbte Stelle 
erst ihre volle Berichtigung empfangen hat.^ Offenbar hat 
Shakespeare in seiner Jugend nicht Londoner Englisch oder 
so zu sagen Hoch -Englisch, sondern den Dialekt seiner 
Heimat gesprochen, der allerdings von der Schriftsprache 
nicht so weit abweicht wie beispielsweise der Dialekt von 
Lancashire und im strengen sprachwissenschaftlichen. Sinne 
kaimi als Dialekt angesehen werden kann. Seine haupt- 
sächlichste Eigenthümlichkeit besteht eben in einer Anzahl 
besonderer, in die allgemeine Schriftsprache entweder gar 
nicht oder doch in anderer Bedeutung aufgenommener Aus- 
drücke. Eine dialektische Besonderheit der Aussprache zeigt 
sich bei des Dichters eigenem Namen, dessen erste Silbe in 
Stratford kurz, in London dagegen lang ausgesprochen wurde. 
Auch der Dialekt des benachbarten Cotswold in Gloucester- 
shire ist in einzelnen Anklängen bei Shakespeare erkennbar.* 

Wenn wir versuchen, den Einflüssen nachzugehen, welche 
in Shakespeare's jugendlichem Geiste zusammenflössen und 
zur Ernährung und Ausbildung desselben beitrugen, so 
dürfen wir vor allem denjenigen Umstand nicht übersehen, 
welchem er schon in seinem Knabenalter die Richtung auf 
die Bühne und die dramatische Poesie verdankte. Stratford 
besass, um es mit Einem Worte zu sagen, eine Vorliebe für 
das Theater, wie das Auftreten verschiedener Schauspieler- 
truppen beweist, unter denen die vorzüglichsten Gesell- 
schaften aus der Residenz nicht vermisst wurden. In der 



1) Ein Verzeachniss solcher Provinzialismen s. bei Wise, Shakespeare, 
his Birthplace &c. io6 fg. 

2) A Glossary of the Cotswold Gloucestershire Dialect, illustrated by 
Ezamples from Ancient Authors. By the late Rev. Richard Webster Huntley. 
London, 1869. — Athenaeum 1869, I, 574 fg. 

£Ue, Shakespeare. ^ 



— 66 

Zeit von 1569 bis 1587, auf welche es hier ankommt, hat 
man nicht weniger als 24 Besuche wandernder Truppen ge- 
zählt.^ Dazwischen gab es natürlich auch andere Sehens- 
würdigkeiten, wie Bärenführer, Morris - Tänzer und dergl. 
Es muss überhaupt ein ganz fröhliches Leben in Stratford 
geherrscht haben. Die Väter der Stadt verstanden sich das 
Dasein angenehm zu machen, imd Sekt, Ciaret, Muskat und 
Rheinwein, welche bei festlichen Bewirthungen oder als 
Geschenke gebraucht wurden, spielen in den Kämmerei - 
Rechmmgen keine kleine Rolle; sogar zwei Fässchen Kaviar 
(sturgeon) Hessen sie sich 1602 einmal kommen, welche 
ihnen die beträchtliche Summe von 44 Schillingen 4 Pence 
kosteten.« Wenn wir uns erinnern, dass dies theilweise die- 
selbe Generation von Bürgern war, welche wegen der Dung- 
haufen und der ungereinigten Rinnsteine bestraft wurde, so 
tritt uns ein ganz merkwürdiges Gemisch grossstädtischer 
Verfeinerung imd patriarchalisch ländlicher Lebensweise 
entgegen. Ein anziehendes, lebensfrisches Bild von dem 
Auftreten einer Schauspieler -Gesellschaft in einer Provinzial- 
stadt liefert uns das städtische Archiv zu Leicester aus dem 
Jahre 1586.' Aus Thompson's Geschichte von Leicester geht 
hervor, dass diese Stadt — ganz im Gegensatz zu Stratford 
— bereits in den ersten Regierungsjahren Elisabeth's volks- 
thümlichen Belustigxingen abhold wiu'de und sie ausser 
Uebung setzte. Die Korporation zog 1566 die */ees* ein, 
welche bis dahin den Bärenwärtem, welche Bären zur Be- 
lustigung des Volkes hielten, sowie den in der Gildehalle 
auftretenden reisenden Schauspielern bewilligt worden waren. 
Im J. 1582 wurden theatralische Aufführungen sogar ver- 
boten, ausgenommen wenn die Schauspieler von der Kö- 
nigin oder dem Geheimen Rath eine Befug^iss erhalten 
hätten, und dann sollten nur der Mayor imd die Korporation 
zusehen dürfen. Als nun 1 586 die Diener des Grrafen Wor- 



1) Skottowe, L. of Sh. I,* 11. HaUiwell, L. of Sh. 95 fgg. 

2) HalUwell, L. of Sh. 98 fgg. 

3) S. HaUiwell, Dispute between the Earl of Worcester's Players and 
the Corporation of Leicester in 1586, from the Records of that City. In: 
The Shakespeare - Society's Papers IV, 145 fg. 



— 67 

cester ^ nach Leicester kamen, um zu spielen, gab ihnen der 
Mayor ein Goldstück (angel) zu einem Festmahl, lun sie 
dadurch zu bewegen, die Stadt mit ihren Vorstellimgen zu 
verschonen und weiterzuziehen; als Vorwand gab er an, es 
sei Freitag (den 6. März) und die Zeit nicht passend. Damit 
waren jedoch die Schauspieler keineswegs einverstanden, 
sondern bestanden auf ihrem , vom Grafen Worcester aus- 
gestellten Schein. Sie erklärten dem Herrn Mayor, dem 
sie auf der Strasse begegneten , sie würden in ihrem Gast- 
hause spielen, gleichviel ob er es genehmige oder nicht, ja 
sogar ihm zum Trotz, undliessen dabei 'verschiedene andere 
böse und verächtliche Worte' fallen. Wirklich zogen sie 
dem Herrn Mayor zum Hohne mit Trommeln und Trom- 
peten durch die Strassen, imd als sie der Mayor durch seine 
Beamten citiren liess, leisteten nur die beiden Haupt-Uebel- 
thäter Folge, die sich am meisten *mit vorbesagten Redens- 
arten' vergangen hatten. Einer von ihnen gehörte übrigens 
nicht zu Graf Worcester's Truppe, sondern wird als ^Lord 
Harbard^s man* bezeichnet. Diese beiden bäten um Ver- 
zeihung und ersuchten den Mayor , den Vorfall nicht an 
ihren Herrn zu melden; der gestrenge Herr Mayor seiner- 
seits gestattete ihnen mm, am Abend in ihrem Wirthshause 
eine Vorstellung zu geben, doch mussten sie vor Beginn 
derselben den Zuhörern den vom Mayor ausgestellten Er- 
laubnissschein vorzeigen und ihre Abbitte wiederholen. 

Merkwürdiger Weise gehört eben diese Truppe des 
Grafen Worcester zu den ersten, deren Auftreten in Strat- 
ford (1569) erwähnt wird; sie erhielt aber nur 12 Pence aus 
der Stadtkasse, während die in demselben Jahre auftreten- 
den Schauspieler der Königin mit 9 Schillingen honorirt 
wurden. Shakespeare's Vater verwaltete zu dieser Zeit ver- 
muthlich noch das Amt des Bailiff, oder hatte es eben nie- 



i) In dem Veizeichniss derselben steht an dritter SteUe Edward Allen; 
die übrigen sind unbekannte Persönlichkeiten, und nur noch einer, Thomas 
Cooke, ist insofern bemerkenswerth , als er vielleicht mit Alexander Cooke 
▼erwandt war, der zu Shakespeare's Gesellschaft gehörte und in freundschaft- 
lichen Beziehungen zu Edward AUeyn und seiner Frau stand. S. Collier, 
Lives of the Principal Actors. AUen stand damals in seinem 20. Jahre. 



68 

dergelegt. Die Schauspieler mussten, ehe sie die Erlaub- 
niss erhielten, in der Regel vor dem Bailiff imd seinen ein- 
geladenen Freunden eine Probe ihrer Kunst ablegen, wofür 
sie dann ein besonderes Gratial erhielten.* Wir dürfen uns 
immerhin die Befriedigung ausmalen, mit der es den Bailiff 
John Shakespeare erfüllen mochte, die vornehmsten Schau- 
spieler der Residenz vor sich und seinen Mitbürgern auf- 
treten zu lassen; wir dürfen ihn uns vergegenwärtigen, wie 
er in seiner sella curulis dem Vorhange gegenüber sass 
und seinen fün^ährigen Sohn auf den Knien oder neben sich 
stehen hatte. Vier Jahre später (1573) kamen die Schau- 
spieler des Grafen Leicester imd erhielten für ihre Leistun- 
gen vom Stadtkämmerer (Chamberlain) die Sunune von 
6 Schillingen 8 Pence. Im folgenden Jahre spielten die 
Diener des Grafen Warwick gegen eine Vergütung von 
17 Schillingen imd die des Grafen von Worcester gegen 
eine Vergütung von 5 Schillingen 7 Pence. Im J. 1579 
spielten die Schauspieler des Lord Strange und die der 
Gräfin Essex in der Gildehalle, unter dem Patronat des Bai- 
, Uff, während im Jahre darauf die Truppe des Grafen Derby 
die Stadt durch ihre Darstellungen 'of human Passion^ set 
out with sweeiness 0/ words, fitness 0/ epithets, with meta-- 
phors, allegories^ hyperboles^ amphibologies, similitudes, with 
phrases so picked, so pure, so proper with action, so smoothy 
so lively, so wanton* erfreuten.* Endlich 1587 kamen aber- 
mals die Schauspieler der Königin, d. h. die jüngere, im 
J. 1582 gebildete Truppe, die unter Burbage's Direction 
stand ; sie wurden noch ehrenvoller aufgenommen imd besser 
bezahlt als irgend eine frühere Gesellschaft. Man hat häufig 
angenommen, dass bei dieser Gelegenheit Shakespeare von 
Burbage für die Bühne gewonnen worden und mit ihm und 
seiner Truppe nach London gegangen sei, es ist jedoch aus 
später zu erörternden Gründen viel wahrscheinlicher, dass 
er xun diese Zeit seine Vaterstadt bereits verlassen hatte. 



i) Shakespeare -Jahrbuch IV, 261 fg. Knight 281. 

2) Gosson, Plays Confuted, 2'* Action, bei Knight, Wm Sh.; a B. 128. 
Vergl. Hulliwcll, L. of Sh. 99 fgg. 



69 — 

Es hiesse die menschliche Natur verkennen und die Er- 
fahrung aller Zeiten und Länder in Abrede stellen, wenn 
man behaupten wollte, dass der junge Shakespeare diesen 
theatralischen Darstellungen nicht so oft als möglich bei- 
gewohnt haben und durch sie nicht in hohem Grade be- 
schäftigt worden sein sollte. Die Phantasie fler Jugend 
wird bekanntlich durch nichts so aufgeregt als durch die 
Bretter, welche die Welt bedeuten, und das Leben und 
Treiben der Scha\ispieler auch hinter den Kulissen hat für 
sie einen ausserordentlichen Reiz; wer wüsste es nicht aus 
eigener jugendlicher Erfahrung, welcher Zauber Theater- 
Prinzen und Prinzessinnen umgiebt. Der Knabe Shakespeare 
hat gewiss nicht eher geruht als bis er die Bühnenhelden 
— Theaterprinzessinnen gab es zu seinem' Glücke damals 
noch nicht — in ihrem Wirthshause, der Krone, dem Bären 
oder dem Schwan, denn das waren um jene Zeit die Wirths- 
häuser von Stratford,* belauscht und beobachtet und wo 
möglich Bekanntschaft mit ihnen angeknüpft hatte. Lord 
Campbell (Shakespeare's Legal Acquirements 25) ist geneigt 
zu glauben, dass Shakespeare später als Advokatenlehrling 
sich sogar bei den Vorstellimgen betheiligte, sei es als 
Souffleur, sei es aushülfsweise als Schauspieler. Derselbe 
Zeitgenosse Shakespeare's, R. Willis , dem wir das Bild aus 
der Schulstube zu Gloucester verdanken, erzählt in seinem 
erwähnten Buche auch, wie ihn sein Vater mit ins Theater 
genommen hat, und wir brauchen nur statt seiner William 
Shakespeare zu setzen , um eine zweite Schilderung aus des 
Dichters Jugend zu erhalten, die an Lebenswahrheit nichts 
zu wünschen übrig lässt.* 'In der Stadt Gloucester, so 
schreibt R. Willis', ist es Sitte (und es ist, wie ich glaube, 
in andern ähnlichen Bürgerschaften — corporations — ebenso), 
dass, wenn Schauspieler (players of tnterludes) in die Stadt 
konmien, sie zuerst dem Mayor aufwarten, um ihm anzu- 

i) Sie lagen sämmüich in Bridge Street; ihre Erwähnung datirt aller- 
dings erst ans der Zeit Jakob's I (161 1). Später entstand noch ein viertes 
Gasthaus, der Falke, in Chapel Street, Shakespeare's Wohnhause New Place 
gegenüber. 

2) In Malone's Shakespeare by Boswell (1821) m, 28 fgg. Knight 122 fg. 



70 

zeigen, welches Edelmanns Diener sie sind, und so Erlaub- 
niss zum öffentlichen Auftreten zu bekommen; und wenn di^ 
Schauspieler dem Mayor gefallen, oder er ihrem Lord und 
Herrn seinen Respect bezeigen mochte, so trägt er ihnen 
auf, ihre erste Vorstellung vor ihm selbst, den Altermännem 
und dem Bürgerausschusse (common Council) der Stadt zu 
geben, und das heisst die Mayor's- Vorstellung, zu welcher 
jeder, der Lust hat, unentgeltlich Zutritt hat, indem 'der 
Mayor den Schauspielern eine beliebige Belohnung dafür 
giebt, irni ihnen seine Achtung zu bezeigen. Zu einer sol- 
chen Vorstellung nahm mich mein Vater mit sich, und Hess 
mich zwischen seinen Knieen stehen, während er auf einer 
Bank sass, wo wir sehr gut sahen und horten. Das Stück 
hiess *Die Wieg*e der Sicherheit', und es wurde ein Konig 
oder sonstiger grosser Fürst darin vorgestellt mit seinen 
Hofleuten verschiedener Art, von denen drei Damen in be- 
sonderer Öunst bei ihm standen, die ihn fortwährend mit 
Freuden und Vergnügungen unterhielten und ihn von seinen 
ernstem Käthen, vom Anhören der Predigten wie guter 
Rathschläge und Entiahnungen abzogen, so dass sie ihn am 
Ende dazu brachten, dass er sich in eine Wiege auf der 
Bühne legte, wo ihn diese drei Damen mit süssem Gesänge 
in Schlaf wiegten, bis er schnarchte. Während dessen 
steckten sie xmter die Decken, mit denen er zugedeckt war, 
eine Maske wie einen Schweinsrüssel auf sein Gesicht mit 
drei Drahtketten daran, deren Enden von den drei Damen 
gehalten wurden, welche wieder anfingen zu singen und 
dann sein Gesicht aufdeckten, damit die Zuschauer sehen 
sollten, wie sie ihn während ihres Singens verwandelt hätten. 
Während alles dieses vor sich ging, kamen zu einer Thür 
am hintern Ende der Bühne zwei alte Männer heraus, der 
eine in Blau mit dem Scepter eines Serjeant-at-arms auf 
der Schulter, der andere in Roth, mit einem gezogenen 
Schwert in der Hand und mit der andern Hand sich auf die 
Schulter des ersten lehnend, und so gingen sie in langsamen 
Schritten am Rande der Bühne herum, bis sie endlich zu 
der Wiege kamen, als der ganze Hof gerade in grösster 
Lustigkeit war ; und dann vollführte der vorderste alte Mann 



71 -- 

mit seinem Scepter einen furchtbaren Schlag auf die Wiege, 
bei welchem alle Hofleute mit den drei Damen und der 
Maske sämmtlich verschwanden; der verlassene Fürst aber, 
der mit blassem Gesicht in die Hohe fuhr imd sah, dass er 
2um Grericht geholt wurde, erhob eine jämmerliche Klage 
über sein trauriges Geschick imd wurde von bösen Geistern 
fortgeschleppt. Dieser Fürst stellte in der Moral [des 
Stückes] die Gottlosen der Welt vor ; die drei Damen Stolz, 
Habgier und Ueppigkeit; die beiden alten Männer das Ende 
der Welt und das jüngste Gericht. Dieses Schauspiel machte 
einen solchen Eindruck auf mich, dass es, als ich ins Man- 
nesalter trat, noch so frisch in meinem Gedächtniss war, als 
hätte ich es eben aufführen sehen.'* 

Diese höchst moralische, aber höchst unpoetische Meta- 
morphose eines Fürsten in ein Schwein war also eine soge- 
nannte Pantomime (dumb shaw)y wie sie jedenfalls auch der 
Kjiabe Siiak&speare in Stratford gesehen hat. Das regt die 
Frage nach dem Repertoir der in Stratford aufgetretenen 
Schauspieler an; die Frage, welches die Stücke waren, die 
Shakespeare zuerst in das Reich der dramatischen Poesie 
.einführten.' Ueberblicken wir nach Drake's Anleitung die 
auf uns gekommenen Erzeugnisse der dramatischen Muse 
in dem Entwickelungsstadiiun von 1560 bis 1580, so finden 
wir bimt durcheinander die Ausgänge der Moralitäten, 
Zwischenspiele, die Anfange des historischen Dramas, die 
Anfange des regelmässigen Trauer- und Lustspiels, sowie 
endlich Stücke, die sich kaimi irgend einer bestimmten Gat- 
timg zuweisen lassen; wir sehen die dramatische Poesie so 
zu sagen in der Gährung begriffen. Wir dürfen annehmen, 
dass Dramen aller dieser Gattungen in Stratford 'aufgeführt 
worden sind, imd dass Shakespeare diesen Gährungsprozess 
in seiner Jugend innerlich mit durchlebt hat. Um auf Ein- 
zelnes überzugehen, so haben schon Malone und nach ihm 

i) *The Cradle of Security' scheint ein sehr beliebtes Stück gewesen zu 
sein; es wird auch in Chettle's Patient Grissel (1603) und in den Werken 
des Wasserdichters Taylor (in dem Gedichte The Thief, Ausg. von 1630 
p. 122) erwähnt. Collier H. E. Dr. P. H, 273 fgg. 

2) Vergl. Malone's Shakespeare by Boswell (1821) III, 28. 



72 

Knight (Wm Sh. ; a B. 128 fgg.) hervorgehoben , dass der 
junge Shakespeare aller Wahrscheinlichkeit nach 'Common 
Conditions' gesehen hat, in welchem das berühmte Lebewohl 
Othello's^ sein unverkennbares Vorbild findet; die schwung- 
vollen Verse scheinen in seinem Gedächtniss nicht minder 
fest haften geblieben zu sein als die Wiege der Sicherheit 
in demjenigen von R. Willis. Common Conditions war ein 
achtes Uebergangsstück ; Collier erklärt es fiir ein Zwischen- 
spiel, Knight der äussern Form nach fiir ein Lustspiel (wie 
das Wintermärchen) — einer mit eben so viel Grund als 
der andere; es ist, wie Knight hinzufiigt, weder ein Mysterium, 
noch eine Moralität.* Auch das 'hübsche neue Zwischen- 
spiel von Konig Darius', das aus dem dritten Buche des 
Esdres entnommen ist, lässt sich hierher zählen (Knight, 
tWmSh.; a B. 124). Ein anderes Zwischenspiel, Mary Mag- 
dalen, her Life and Repentance, von Lewis Wager (1567) 
mochte sich fiir kleine wandernde Truppen Vol dadurch 
empfehlen, dass es nur vier Darsteller erforderte. Grosser 
Beliebtheit erfreuten sich und Anspruch auf Kunstwerth 
machten wol die beiden Lustspiele Dämon und Pithias (zuerst 
1562 aufgefiihrt) und Palamon and Arcite (zuerst 1566) von 
Richard Edwards, der in seiner Grabschrift als 

— the flower of all our realtn 
And Phoenix of our age — 

gepriesen wird. Andere bekannte Lustspiele aus dieser Zeit 
sind John Still's Gammer Gurton*s Needle (1566); the Comedy 
of the most virtuous and godly' Susanna von Thomas Garter 
(1568); Geo. Wapul's Tide tarrieth for no Man, a most plea- 
s^unte and merry Comedie (1576, verloren); Tho. Lupton, 
A Moral and Pityfiil Comedie, entitled All for Money (1578 
erschienen; 'evidently an oiFspring of the old Moralities', 



i) m, 3: Farewell the tranquil mind! farewell content! 
Farewell the plumed troop, and the big wars, 
That tnake ambition virtue! &c. 
2) Von Common Conditions soU nur Ein, obenein unvollständiges 
Exemplar vorhanden sein (wo?); ausserdem bewahrt die Bodleiana eine unter 
Malone's Aufsicht angefertigte Abschrift davon auf. Knight (Wm Sh. ; a B. 
180 Note) giebt eine ausfuhrliche Analyse davon. 



73 

Drake 459) ; Nath. Wood, An excellent new Comedie, entitled 
The Conflict of Conscience (1581, abermals ein Nachzügler 
der Moralitäten); vielleicht auch Richard Tarleton's Seven 
Deadlie Sins (1589). Meist sind es Mischungen derbster 
Komik mit hausbackenster Moral. Was die Anfange des 
Trauerspiels betriffit, so mag Shakespeare in seiner Jugend 
das bekcmnte Ferrex imd Porrex von Tho. Norton und Tho. 
Sackville (zuerst aufgeführt 1561 — 62, erschienen 1565, 1571 
und 1590) gesehen haben, was nicht ausschliesst, dass er es 
auch gelesen hat, wie Knight 133 fg. ausfuhrt; femer Tan- 
cred and Gismonde (1568, gedruckt 1592) von Robert Wilmot 
im Verein mit vier Freunden verfasst, so dass jeder einen Akt 
übernahm — was stark an die Scribe'sche Manier erinnert; 
sodann Thomas Preston's Lamentable Tragedy mixed fiill of 
pleasant Mirth, conteyning The Life of Cambyses, King of 
Persia (um 1570), das Shakespeare nachmals in Henry IV 
verspottet hat (s. Drake 458). Einige Jahre später mögen 
vielleicht The Blacksmith's Daughter und Catiline's Con- 
spiracy (die selbst vor Stephen Gqsson's Augen Gnade 
fanden), The Play of Plays, The History of Caesar and 
Pompey und The Play of the Fabii auch über die Strat- 
forder Bretter gegangen sein, da sie Ende der siebziger 
und Anfang der achtziger Jahre beliebte Zugstücke auf dem 
Theatre in London waren.* Whetstone's Promos and Cas- 
sandra (1578 erschienen) kam wol eben so wenig nach Strat- 
ford wie die akademischen Stücke, die auf den Universitäten 
verfasst und gespielt wurden, jene Nachahmungen des Plau- 
tus und Terenz , jener Timon , der dem Dichter später als 
Girundlage für den seinigen diente, oder Gascoigne*s locasta 
(1566) und desselben Verfassers Supposes, welche dem Ariost 
nachgebildet waren und von Shakespeare später für die 
Zähmung der Widerspenstigen benutzt wurden. Von Right- 
wise's lateinisch geschriebener Dido (1564, Drake 458) oder 
den Stücken des Bischofs Bale kann natürlich vollends keine 
Rede sein. Dergleichen gelehrte Erzeugnisse konnten bei 
der Stratforder Bürgerschaft unmöglich auf Verständniss \md 



I) Halliwell, Ulustrations 27. Gosson, The Schoole of Abuse ed. Arber 40. 



74 

Beifall rechnen. Desto mehr Anklang fanden dagegen die 
auf national -volksthümlichem Qmnde beruhenden ersten Ver- 
suche der Historien, wie wir sie z. B. im Mirror of Magistrates 
finden, der zwischen 1564 und 1590 in vier Auflagen erschien, 
oder in den Famous Victories of Henry V (gedruckt erst 
1 594), die zuerst in Shakespeare die Begeisterung für diesen 
Konig entzündet haben mögen, oder im altem King John 
und der True Tr^gedy of Richard IQ. Die Bedeutung, 
welche diese Historien vom ersten Augenblicke an in An- 
spruch nahmen, setzt Nashe in einer bekannten Stelle ins 
Licht; sie waren in der That der Angelpunkt, um welchen 
es sich bei der Entwickelung des englischen National-Dramas 
zu seiner höchsten Blüte handelte. Nachdem Nashe (Pierce 
Penniless ed. Collier 60) die Historien im Allgemeinen cha- 
rakterisirt hat, wobei er ohne Frage nicht bloss die altem, 
sondern auch die Shakespeare'schen ins Auge fasst, ffigt er 
hinzu: *Wie herrlich ist es, Konig Heinrich V auf der Bühne 
darstellen zu sehen, wie er den französischen König gefan- 
gen nimmt und sowohl ihn selbst als auch den Dauphin 
zwingt, ihm den Lehnseid zu leisten.'^ In der That, wenn 
irgend etwas dem englischen Nationalgefuhl und National- 
stolz entsprechen und sie erhöhen konnte, so waren es diese 
Historien, und diejenigen Kritiker, welche dem Shakespeare'- 
schen Theater den Charakter der Nationalität absprechen, 
sollten diesen Punkt um so weniger ausser Acht lassen, als 
die Historien ofiFenbar nicht bloss die Begeistenmg der un- 
tern Volksschichten oder die der hohen Aristokratie an- 
regten, sondern auch für die Herzen des eigentlichen Bürger- 
standes nicht minder wohlthuend und erhebend waren.* 



i) Knight bezieht dies auf eine Scene in The Famous Victories, Collier 
a. a. O. p. Vn auf ein verloren gegangenes älteres Stück , so dass er ein- 
schliesslich des Shakespeare'schen drei Dramen über Heinrich V annimmt. 

2) Für den Beifall, den die Historien auch bei den untersten Klassen 
fanden, lässt sich auch der Schluss der Einleitung zur Zähmung der Wider- 
spenstigen anfuhren: Sfy: Is not a comonty a Christmas gamhold or a tum^ 
bling'trickP Page: No, tny good lord; it is more pleasing stujf. Sly: 
Whai, household stuff? Page: It is a kind of history, Sly: Well, we'll see it. 



75 

Mit den obigen, beispielsweise angeführten Stücken ist 
selbstverständlich der dramatische Vorrath des zwanzigjäh- 
rigen Zeitraums von 1560 bis 1580, mit andern Worten un- 
gefähr von Shakespeare's Geburt bis zum Auftreten George 
Peele's, keineswegTs erschöpft. Es ist bekannt, dass die 
dramatische Poesie jener Zeit für die Aufführung xmd nicht 
für den Druck geschrieben wurde, und dass ims demgemäss 
vieles unwiederbringlich verloren gegangen ist; einiges — 
doch nicht viel — mag auch noch handschriftlich vorhanden 
sein. Es kommt hier nur darauf an, eine Vorstellung vom 
Wesen und Charakter derjenigen Stücke zu gewinnen, denen 
der Knabe und Jüngling Shakespeare seine ersten Eindrücke 
und Anregungen verdankte. Im Ganzen herrschte noch pro- 
saische Dürftigkeit, Ungelenkigkeit , ja sogar Rohheit vor, 
und es gab eine nicht geringe Zahl von Schauerstücken im 
Styl des Titus Andronicus oder des Marlowe'schen Juden 
von Malta, von denen man mit Platen sagen kann, dass sie 
der fette Frosch Bombast gelaicht hatte. Dürfen wir nach 
dem Volksgeschmacke unserer eigenen — ja aller — Zeiten 
urtheilen, der sich noch heutigen Tags die mit Blut gemal- 
ten imd schauerlich gesungenen Mordthaten der Jahrmärkte 
nicht nehmen lässt, so waren es vermuthlich diese Stücke, 
welche in den Provini^ßtädten, also auch in Stratford, ihre 
Wirkung am wenigsten verfehlten. Dass selbst noch nach 
Shakespeare, der sich und das Theater aus dieser Rohheit 
herausarbeitete, der Geschmack an solchen Bluttragodien 
nicht erstorben war, beweisen u. a. Chapman's Stücke, 
Alphonsus, Bussy d'Ambois u. s. w.* Je mehr dabei den 
Zuschauem die Haare zu Berge standen, desto besser. 
Auch der junge Shakespeare wird sich dieser Geschmacks- 
richtung nicht haben entziehen können. Wenn wir nach 
der Analogie und dem natürlichen Entwickelungsgesetz aller 
poetischen Naturen schliessen dürfen, so müssen wir an- 
nehmen, dass schon um diese Zeit Shakespeare's erste poe- 
tische, ja vielleicht auch seine ersten dramatischen Versuche 



i) S. Shakespeare's Werke , übersetzt von Schlegel und Tieck, herausge- 
geben von der Deutschen Shakespeare -Gesellschaft IX, 293. 



76 

anzusetzen sind. Die körperliche Entwickelungsperiode hat 
stets ein erhöhtes geistiges Leben, namentlich eine beson- 
ders lebhafte Thätigkeit der Einbildungskraft und des dich- 
terischen Schaffensdranges im Gefolge, die sich um so mehr 
steigert, je grosser die geistige Begabung ist. Ohne Zweifel 
darf man auf Shakespeare seine eigenen Verse in Antonius 
und Cleopatra (TV, 4) anwenden: 

Der heut'ge Morgen, gleich dem Geist des Jünglings, 
Der etwas werden möchte, regt sich früh. 

Frühreife ist das charakteristische Kennzeichen des Genies, 
und wir wissen von fast allen Dichtem, dass sie in ihren 
Entwickelimgsjahren zuerst versucht haben die poetischen 
Flügel zu regen. Mit Shakespeare's Zeitgenossen Marlowe 
und B. Jonson kann es sich nicht anders verhalten haben, 
da sie bereits im Mündigkeitsalter mit bedeutenden Werken 
in die Oeffentlichkeit traten. Walter Scott wagte sich schon 
in seinem 14. und 15. Lebensjahre an umfänglich angelegte 
epische Dichtungen (Guiscard und Matilde und die Eroberung 
von Granada) und Byron versuchte sich sogar im 13. Jahre 
an einem Schauspiele Ulrich und Dvina. * Chatterton, Keats 
und Shelley sind berühmte Beispiele poetischer Frühreife, 
die auf dem Gebiete der Malerei und Musik von Rafael, 
Händel, Mozart und Mendelssohn fasj noch übertroffen wer- 
den.* Soll Shakespeare allein von dieser Regel eine Aus- 
nahme gemacht haben? Die Thatsache seiner frühzeitigen 
Verheirathung ist fast hinreichend, um uns vom Gegentheil 
zu überzeugen. Ueberdies trugen alle äussern Umgebun- 
gen und Einflüsse, die ebenmässige Schönheit der Land- 
schaft, die mannichfachen und inhaltsvollen geschichtlichen 
Erinnerungen seiner Heimat, wie das poetische, sinnlich - 
heitere Volksleben, in welchem er aufwuchs, insgesammt 
dazu bei, die schnelle Zeitigung seines Geistes zu befördern. 
Welchen bedeutsamen Antheil daran die theatralischen Auf- 
fuhrungen haben mussten, können wir täglich an unserer 
eigenen Jugend beobachten. Selbst Kinder, die nur ein 



i) S. meine Biographien von Scott I, 91 und Byron 36. 
2) S. Shakespeare -Jahrbuch in, 158 fg. Vn, 41 fg. 



77 

Minimum dichterischer Anlage besitzen, haben ihre Freude 
an einem Puppentheater, für das sie selbst Stücke anzufer- 
tigen versuchen. Von diesem Gesichtspunkte aus kann die 
Vermuthung, dass der Titus Andronicus schon in Stratford 
entstanden sein möge, keineswegs als ungereimt von der 
Hand gewiesen werden.^ Einige Kritiker verlegen — wol 
mit geringerer Wahrscheinlichkeit — auch die ersten An- 
fange der Sonette in die Stratforder Jugendzeit des Dichters. 
Unsere Darstellung ist jedoch der Chronologie voraus- 
geeilt, und wir müssen zu Shakespeare's Schulzeit zurück- 
kehren, um den Faden wieder anzuknüpfen und das Ver- 
säiunte nachzuholen. Man nimmt gewöhnlich an, dass Shake- 
speare lun 1578 die Schule verlassen habe, wenigstens be- 
richtet Rowe nach Betterton, dass John Shakespeare imi 
diese Zeit durch die Verschlechterung seiner Umstände sich 
genöthigt gesehn habe, seinen Sohn aus der Schule zu neh- 
men. Da, wie wir gesehn haben, der Unterricht in der 
Stratforder Schule unentgeltlich ertheilt wurde, so könnte 
John Shakespeare das nicht gethan haben, um etwa das 
unerschwingliche Schulgeld zu ersparen, sondern der Grund 
müsste lediglich der gewesen sein, dass er die Hülfe seines 
vierzehnjährigen Sohnes bei seinem Geschäft und in seiner 
Wirthschaft unentbehrlich gefunden hätte, was schwer glaub- 
lich ist. Dagegen weist Knight (109) mit Recht darauf hin, 
dass man damals überhaupt die Schule viel zeitiger verliess 
als jetzt , ja dass Knaben von 11 — 12 Jahren auf die Uni- 
versitäten Oxford und Cambridge geschickt wurden; der 
Schulcursus war weit weniger umfangreich als heutigen Tags, 
imd 13 — 14 Jahre war muthmasslich das durchschnittliche 
Alter, in welchem die Knaben von der Schule entlassen 
wurden. Gleichwohl darf nicht verhehlt werden, dass wir 
nicht den geringsten Anhaltpunkt besitzen, um Shakespeare's 
Abgang von der Schule zu bestimmen, sondern durchaus 
auf Vermuthung angewiesen sind. Dctss übrigens in John 
Shakespeare's Lage um diese Zeit eine ungünstige Wendung 
eingetreten sein müsse, scheint ziemlich sicher, , obgleich wir 



i) Shakespeare -Jahrbuch V, 82 fgg. 



— 78 — 

über die Ursachen, welche diese Wendung herbeiführten, 
vollständig im Unklaren sind, und auch andere Zweifel sich 
nicht unterdrücken lassen. Um das Mass unserer Verlegen- 
heit Voll zu machen, fehlen nämlich die Stratforder Akten 
(registry) aus der Zeit vom 12. bis zxun 26. Regienmgsjahre 
der Elisabeth, d. h. von 1570 bis 1584 einschliesslich, und 
die Nachforschungen danach sind vergeblich gewesen. ^ Nach 
den von Halliwell veröflFentlichten Urkunden, an deren Echt- 
heit kein Zweifel ist, muss Folgendes als feststehend ange- 
sehen werden. Im J. 1578 verkaufte oder verpfändete John 
Shakespeare in Gemeinschaft mit seiner Frau deren Gut 
Asbies für 40 Pfund an Edmund Lambert, der ein entfern- 
ter Verwandter von Mary Shakespeare gewesen zu sein 
scheint,* unter der Bedingung der Rückgabe gegen Zahlung 
dieser Summe bis zum Michaelistag 1580 — dies Datum 
giebt wenigstens John Lambert in dem gleich zu erwähnen- 
den Prozesse an, während John und Mary Shakespeare in 
ihrer Klageschrift von einem bestimmten Termine fiir den 
Rückkauf nichts wissen und überhaupt andere Zeitangaben 
machen. Am 29. Januar desselben Jahres (1578) wurde vom 
Gemeinderath beschlossen, dass der Altermann Mr Shake- 
speare mit seinem Beitrage von 3 Schillingen 4 Pence be- 
hufs Ausrüstung von 'three pikenien^ two billmen^ and one 
archer' verschont werden solle. Ebenso wurde am 19. No- 
vember desselben Jahres beschlossen, dass Mr John Shake- 
speare und Mr Robert Bratt die übliche Armensteuer der 
Altermänner im Betrage von 4 Pence wöchentlich nicht zu 
bezahlen brauchen. Endlich erscheint im nämlichen Jahre 
der genannte Edmund Lambert als Bürge für eine Summe 
von 5 Pfimd, welche John Shakespeare dem Bäcker Roger 
Sadler schuldet. Am 11. März des folgenden Jahres wird 
abermals eine Steuer zur Beschaffung von Waffen und 
Rüstungen ausgeschrieben, wobei Mr Shakespeare seine 



i) Halliwell, L. of Sh. 40. Nach Neil 15 sind es die Jahre 1569 — 1585. 

2) Edmund Lambert hatte eine Joan Arden zur Frau, die mit xwei 
Schwestern Antheile an Snitterfield ererbt hatte. HaUiwell 52 fg. 60 fgg. 
Neil 16 Note. 



— n — 

3 Schillinge 4 Pence schuldig bleibt. Am 15. Oktober 1579 
sehen sich 'John Shakespeare 0/ Stratford upon Avon in 
the county 0/ Warwick, yeoman, and Mary his wife* sogar 
genothigt einen Theil ihres Besitzes in Snitterfield für 4 Pfund 
an Robert Webb zu verkaufen.* Und doch war dies das 
nämliche Jahr, in welchem John Shakespeare, wie wir ge- 
sehen haben, bei der Beerdigung seiner Tochter Anna die 
höchste Taxe für ^bell and pal V bezahlte; kam es ihm viel- 
leicht trotz seiner Bedrängniss darauf an, wenigstens den 
Schein aufrecht zu erhalten? An eine Verwechslung von des 
Dichters Vater mit dem gleichnamigen Schuhmacher ist hier- 
bei nicht zu denken, da die Identität in den erwähnten Ur- 
kunden durch die Angabe seiner Stellung als Altermann 
oder durch die Nennung seiner Frau wie durch sein bekann- 
tes Besitzthum in Snitterfield hinlänglich festgestellt ist. Es 
ist nicht glaublich, dass der Schuhmacher John Shakespeare 
gleichfalls eine Frau Namens Marie gehabt und gleichfalls 
ein Grundstück in Snitterfield besessen haben sollte. Gleich- 
zeitig mit dieser Wendxmg seiner Vermögensverhältnisse fing 
John Shakespeare an, im Besuche der Rathssitzungen un- 
regelmässig zu werden. Es zeigt sich jedoch, dass ihm die 
Rückerwerbung von Asbies am Herzen lag, wiewohl er 
sich die Mittel dazu nur durch eine anderweite Veräusserung 
beschafft zu 'haben scheint. Als ihm nämlich beim Tode 
seiner Schwiegermutter ein Weiteres Sechstel des Snitter- 
field'schen Gutes zufiel, verkaufte er dieses zu Ostern 1580 
für 40 Pfund ebenfalls an den genannten Robert Webb und 
forderte nun Asbies zurück.* Edmund Lambert, der mitt- 
lerweile gestorben war, hatte diesem seinem Sohn John Lam- 
bert vererbt, und John weigerte sich die Bedingungen des 
Kaufkontrakts zu erfüllen; das Kaufgeld, sagte er, sei ihm 



i) Die Urkunde befindet sich im Shakespeare - Museum zu Stratford. 
S. Katalog S. 146, No. 1005. 

2) Wie oben erzählt starb Agnes Arden im Dec. 1580. Ist nun der 
Ostertermin 1580 nach heutiger Rechnung der von 1581, so scheint es aller- 
dings, als ob John Lambert's Einrede wegen Nicht- Innehaltung des Termins 
begründet gewesen wäre. 



8o 

nicht an dem festgesetzten Michaelistage angeboten worden, 
und überdies schulde ihm John Shakespeare noch andere 
Gelder, und nur bei Abtragung sämmtlicher Schulden werde 
er Asbies herausgeben. Es kam darüber noch nach sieb- 
zehn Jahren zu einem Prozess vor dem Kanzleigericht, den 
John Shakespeare vermuthlich auf Betrieb und mit den 
Mitteln seines Sohnes gegen John Lambert anstrengte ; denn 
wenn es nicht an den Mitteln für das kostspielige Verfahren 
bei dem Kanzleigerichte gefehlt hätte, so wäre ein so lan- 
ger Aufschub unerklärlich, und es Hesse sich nicht begreifen, 
warum John Shakespeare nicht sein Recht auf frischer That 
verfolgt hätte. Welchen Ausgang dieser Prozess nahm, ist 
leider unbekannt. Für den Antheil, den der Dichter daran 
nahm, wie für seine Stimmung gegen die Lamberts scheint 
der Stich zu sprechen, den er diesen in der Zähmung der 
Widerspenstigen abgiebt. Im Vorspiel dieses Stückes wird, 
wie schon erwähnt, Christoph Schlau als der Sohn des alten 
Schlau von Burton -on-the- Heath bezeichnet; dies war aber 
der Wohnort des alten Edmund Lambert und seines Sohnes 
John, wie in den betreffenden Klagschriften jedesmal mit 
kanzleimässiger Genauigkeit angegeben wird. Sollte das 
ein zufalliges Zusammentreffen sein? Das scheint um so 
weniger glaublich, als der Dichter in der Einleitung zur 
Zähmimg der Widerspenstigen, wie oben gezeigt, sich mehr- 
fach in Anspielungen auf Ortschaften und Persönlichkeiten 
seiner heimischen Grafschaft ergeht. Die beiden Lamberts 
mochten in der That wol 'schlaue' Patrone sein; wenigstens 
von dem Sohne behauptet John Shakespeare's Klagschrifl 
ausdrücklich, er sei 'of great wealth and ability' während 
der Kläger sich selbst als 'of small wealth and very few 
friends and alliance in the said county' darstellt. 

Die Bedrängniss John Shakespeare's hatte jedoch hier- 
mit noch keineswegs ihre Hohe erreicht. Bevor wir ihm 
jedoch weiter auf seiner anscheinend abschüssigen Bahn 
folgen, ist es Zeit uns erst nach seinem Sohne William um- 
zusehen imd zu fragen, welche Laufbahn er nach seinem 
Abgange von der Schule einschlug, oder welchem Berufe 
er sich widmete. Dass er nach dem Studiimi des klassischen 



8i 

Alterthums — r mag er immerhin nur bis in den Vorhof des 
Tempels gedrungen sein — sich nicht als Lehrling bei einem 
Fleischer verdingen konnte, wie die erwähnte, auch äusser- 
lich schlecht beglaubigfte Tradition will, geht wol aus der 
bisherigen Darstellung zur Genüge hervor. Das wäre ein 
sowohl für den väterlichen Ehrgeiz wie für das geniale 
Streben des Sohnes xmmoglicher Rückschritt gewesen. Der 
Vater beabsichtigte jedenfalls etwas Besseres aus seinem 
Sohne zu machen, und dieser fühlte bereits in der Brust 
den Drang und die Kraft nach Höherem. Zwar bieten sich 
andere Hypothesen , die gegründeteren Anspruch auf Bei- 
stimmung besitzen, zur Losung der Schwierigkeit dar, allein 
aUen Hypothesen geht eine Thatsache von eingreifendster 
Wichtigkeit vor, durch welche der junge Shakespeare der 
Nachwelt eine vielleicht noch grössere Ueberraschung be- 
reitet hat als seinen Zeit - und Stadtgenossen , welche Zeu- • 
gen der für uns in Dunkel gehüllten Entwickelung derselben 
waren. Das ist seine Verheirathung , welche in der That 
fast eben so schnell auf seine Schulzeit folgfte wie der Hoch- 
zeitsschmaus im Hamlet auf den Leichenschmaus; merk- 
würdig genug lässt Shakespeare selbst in der schon er- 
wähnten Schilderung der sieben Lebensalter den. Liebhaber 
unmittelbar auf den Schulknaben folgen mit den , auf ihn 
selbst anwendbaren Worten: 

dann der Verliebte, 
Der wie ein Ofen seufzt, mit Jammerlied 
Auf seiner Liebsten Brau'n. 



Else, Shakespeare. 



IL 

JÜNGLINGSALTER UND EHE. 



Im December 1582 heirathete der achtzehnjährige 
William Shakespeare die — wie aus ihrer Grabschrift her- 
vorgeht — im J. 1556 geborene, mithin acht Jahre ältere 
Anna Hathaway aus Stratford — oder aus dem Dorfe Shot- 
tery bei Stratford. Diese an sich schon inhaltschwere imd 
auffallige Thatsache wird noch inhaltschwerer und auffalliger 
durch die sie begleitenden Umstände. An welchem Orte 
und Tage die Trauung Statt fand, ist unbekannt, da alle 
Nachforschungen danach bis jetzt ergebnisslos geblieben 
sind und vermuthlich auch bleiben werden. Eine annähernde 
Zeitbestimmung wird jedoch durch eine höchst wichtige Ur- 
kunde ermöglicht, welche Sir Thomas Philipps 1836 im 
Kirchen - Archiv zu Worcester aufgefunden hat.* Der Inhalt 
derselben ist folgender. Fulk Sandells und John Richardson, 
beide als ''agrtcolae' aus §tratford bezeichnet, übernehmen 
unter dem 28. Nov. 1582 vor dem Edeln (Sir) Richard Cousin 
imd dem Notar Robert Warmstry zu Worcester eine Bürg- 
schaft von 40 Pfund, dass William Shakespeare und die 
unverehelichte (maiden) Anna Hathaway von Stratford sich 
nach einmaligem Aufgebot mit einander verheirathen kön- 
nen; sie verbürgen sich, dass vor keinem geistlichen oder 
weltlichen Richter irgend ein Rechtsverfahren wegen eines 
gesetzlichen Ehehindemisses zwischen den beiden anhängig 
sei; femer dass Anna Hathaway's Verwandte ihre Einwil- 



i) S. Collier, Shakespeare- Society*s Papers III, 127. Abgedruckt bei 
Halliwell, L. of Sh. iii fg. 



83 

ligung zur Heirath geben, und endlich dass William Shake- 
speare den hochehrwürdigen Vater in Gott, Lord John, 
Bischof von Worcester, und seine Beamten für den Erlass 
des dreimaligen Aufgebots wie fiir ihre Bemühungen und 
Kosten gebührend entschädigen werde. Die beiden Bürgen 
sagen im Eingange, dass sie diese Urkunde mit ihren Pet- 
schaften untersiegeln wollen; auffalliger Weise findet sich 
aber nur Ein Siegel darunter, welches die Buchstaben R. H. 
zeigt, mithin keinem der beiden Bürgen angehörte, sondern, 
wie man annimmt, wahrscheinlich das Siegel Richard Hatha- 
way's, des Vaters der Braut, war. Knig'ht (270) lässt, ohne 
allen Beweisgrund, den Bräutigam mit Sandells und Richard- 
son an dem Ritte nach der 30 englische Meilen entfernten 
Bischofsstadt Theil nehmen und verliert sich dabei wie öfter 
in romanhafte Schilderung, wie ansprechend sie auch allent- 
halben sein mag. Ganz ausserordentlich dünkt uns die Höhe 
der Bürgschaft, nach heutigem Geldwerth etwa 200 Pfund 
d. h. 1300 Thaler, imd man mag billig zweifeln, ob die 
beiden ^agricolae^ über eine solche Summe verfugen konn- 
ten, obwohl sie beide wohlhabende Ackerer (husbandmen) 
zu Shottery waren, wie Halliwejl nachgewiesen hat. Augen- 
scheinlich stand die Bürgschaft im Verhältniss zu den in 
Worcester auflaufenden Kosten, die danach zu urtheilen 
sehr beträchtlich sein mussten. Hatte der Brautvater — 
oder hier seine Hinterbliebenen — dieselben zu tragen, so 
darf man getrost Rowe's Angabe unterschreiben, dass er 
ein ^ substantial yeoman^ gewesen sei; war dagegen auch 
der Vater des Bräutigams an ihrer Aufbringung betheiligt, 
so wird wieder der Zweifel verstärkt, ob wirklich seine 
finanzielle Bedräng^iss so gross gewesen sein könne, wie 
sie uns wenige Jahre später geschildert wird. * Einen eigen- 
- thümlichen Eindruck macht es , dass fiir die grossjährige 
Braut die Einwilligung der Verwandten erforderlich war, ja 
sogar ein Gewicht darauf gelegt wird, während von einer 



i) Es ist zu bedauern, dass die englischen Shakespeare - Gelehrten den 
Kostenpunkt der Trauung und des Dispenses noch nicht näher untersucht 
haben. 

6* 



-—84 

Einwilligung der-Familie des noch minderjährigen Bräutigams 
nirgends die Rede ist. Noch räthselhafter ist ein Vermerk 
im Stratforder Trauregister, der uns sehr in den Weg zu 
treten scheint. Unter dem 17. Januar 1579 — 80 heisst es 
dort nämlich: * William Wilsonne et Anne Hathaway of 
Shotterye'^ War die Braut gar eine junge Wittwe? Aber 
sie wird in der Bürgschafts -Urkunde als ^maiden' bezeichnet, 
und wir wissen nichts von WiUiam Wilson's Tode, der doch 
inzwischen erfolgt sein müsste. Oder verfolgt uns die Dop- 
pelgängerei so weit, da^s wir nicht allein mit zwei John 
Shakespeares und zwei William Shakespeares, sondern 
auch noch mit zwei Anna Hathaways, noch dazu aus dem 
nämlichen Dorfe, zu thun haben? Der Name Hathaway 
(Hathway) war allerdings in Warwickshire sehr verbreitet, 
und die Träger desselben können unmöglich alle derselben 
Familie angehört haben. ^ Die Auffälligkeiten des ganzen 
Vorganges, die Halliwell merkwürdiger Weise in Abrede 
stellt und Alles in bester Ordnung findet, sind jedoch damit 
noch nicht erschöpft, sondern es muss noch hinzugefügt 
werden, dass das erste Kind des jungen Ehepaares William 
und Anna Shakespeare, Susanne, bereits am 26. Mai 1583, 
also fünf Monate imd drei Wochen nach der Hochzeit ge- 
tauft wurde; denn die Trauung kann doch unmöglich vor 
der Rückkehr der Bürgen von Worcester, d. h. nicht vor 
dem I. December 1582, Statt gefunden haben. 

Das sind die urkundlich feststehenden Thatsachen. 
Welches war nun der muthmassliche Hergang der ganzen 
Liebes- und Heirathsgeschichte ? Sehen wir uns zunächst 
nach der Braut und ihrer Familie näher um. Anna's Vater, 
'Richard Hathaway alias Gardiner, de Shottery,' war wenige 
Monate vor ihrer Verheirathimg gestorben ; Halliwell hat im 
Prerogative Court zu London sein Testament entdeckt und 
in seinem Leben Shakespeare's 292 fg. abgedruckt. Dasselbe 



1) S. Malone (Reed's Shakespeare I, 134). — Halliwell 115. Nach dem 
letztem war Wm Wilson Altermann in Stratford. 

2) Halliwell, L. of Sh. in fgg. 



— 85 

ist am I. September 1581 errichtet und am 9. Juli 1582 ge- 
richtlich bestätigt, so dass also der Erblasser in der zweiten 
Hälfte Juni gestorben sein muss. Das Merkwürdigste an 
diesem Testamente ist, dass Anna mit keiner Silbe darin 
erwähnt wird; sollte sie vom Vater enterbt worden sein und 
weswegen ? Halliwell behauptet allerdings, ein solches Ueber- 
gehen sei nicht auffällig uiid komme öfter vor, auch weist 
er noch eine 1566 geborene Tochter des Erblassers, Joan, 
nach, deren im Testamente keine Erwähnimg geschieht. 
Kann sie aber nicht vorher verstorben sein, auch wenn sich 
keine Nachricht darüber findet? Sieben Kinder werden auf- 
geführt, Bartholomäus, Thomcis, John, William, Agnes, Ka- 
tharine imd Margarethe. Bartholomäus als der älteste er- 
hält mit ausdrücklicher Bewilligung seiner Mutter eine be- 
vorzugte Stellung und gewissermassen ein Majorat, er soll 
mit seiner Mutter die Bewirthschaftung des Grundstücks 
fortfuhren. Die beiden Bürgen Fulk Sandells und John 
Richardson werden der erste als Nachbar und Testaments- 
Aufseher (Supervisor of this my last will and testafnent)^ 
der zweite als Zeuge aufgeführt. Auch ein John Hemynge 
fungirt als Zeuge. Das Vermögen des Erblcissers muss aller- 
dings nicht unbeträchtlich gewesen sein, wenngleich von den 
Töchtern jede nur ein Legat von 20 Nobel, d. h. 6 Pftmd 
13 Schilling 4 Pence, erhält, welches an Agnes und Katha- 
rine bei ihrer Verheirathimg, an Margarethe dagegen, wenn 
sie das siebzehnte Jahr erreicht, ausbezahlt werden soll. 
Trotz der gegentheiligen Versicherung Halliweirs und dem 
Schweigen anderer Kritiker über diesen Punkt fugt doch 
die Nichterwähnung Annas zu den zahlreichen Shakespeare - 
Räthseln ein neues hinzu. Soll man an der Echtheit oder 
vielmehr an der Identität des Testaments zweifeln? Auffäl- 
lig scheint es endlich, dass der Tod Richard Hathaway'^ 
nicht im Kirchenbuche verzeichnet ist. Bartholomäus Hatha- 
way befand sich nach einer andern Urkunde, die im Shake- 
speare-Museum zu Stratford aufbewahrt wird (No. 225) 16 10 
im Besitze des Grundstücks zu Shottery xmd starb 1624; 
Shakespeare's Schwiegersohn Dr. Hall gehörte zu seinen 
Testamentsvollstreckern. 



86 

Mag sich das nun verhalten wie es will, so viel steht 
fest, dass Anna's Vater wie gesagft *a substantial yeoman' 
in Shottery, einem malerischen Dorfe in unmittelbarer Nähe 
von Stratford, war.^ Shottery gehörte zum Kirchspiele Strat- 
ford, und aus diesem Umstände erklärt es sich, dass sowohl 
Anna Hathaway als auch die erwähnten Bürgen Sandells 
und Richardson als Stratforder bezeichnet werden. Das am 
Ende des Dorfes romantisch gelegene, strohgedeckte Haus 
der Hathaways (jetzt in drei Häuser getheilt) war bis vor 
wenigen Jahren im Besitz der Familie Hathaway und dann 
der weiblicher Seits von ihnen abstammenden Familie Taylor 
und ist noch heute ein Wallfahrtsort für die Verehrer des 
Öichters.* Der zwischen grünen Hecken sich windende 
Weg , die hohen Bäimie , die das nicht unansehnliche Haus 
überschatten, das Gärtchen vor dem Hause, ein gegenüber 
liegender Park und die das Ganze umgebenden schwellenden 
Wiesen verleihen dem Orte jenen anmuthigen Charakter, 
der die englische Landschaft auszuzeichnen pflegt. Die 
Familie, nachweislich schon vor der Mitte des 1 6. Jahrhun- 
derts in Shottery ansässig, scheint seit Längerem mit der 
Familie Shakespeare Umgang gepflogen zu haben; wenig- 
stens hatten die beiderseitigen Familienhäupter geschäftliche 
Beziehimgen zu einander. John Shakespeare übernahm wie 
es scheint im J. 1566 eine Bürgschaft fiir Richard Hathaway, 
und im Jahre darauf wurden beide 'in bonis' zu je 4 Pfimd 
abgeschätzt.^ Die Identität der Person beruht freilich nur 
auf Muthmassung, und zu unserm Unglück scheint auch hier 
wieder der Doppelgänger, der bleiche Gesell um mit Heine 
zu sprechen, zu spuken. In den betreffenden Auszügen aus 
dem Stratforder Kirchenbuche bei Halliwell (114) wiederholt 
sich der Name Richard Hathaway in sehr verdächtiger Weise, 
wenn auch ein jüngerer Richard Hathaway (getauft 4. Januar 



i) Rowe ist der erste, der den elterlichen Namen von Shakespeare's 
Frau nennt; er muss also, wie Halliwell bei dieser Gelegenheit hervorhebt, 
gute Quellen gehabt haben. Shottery nennt er nicht. 

2) Abbildungen des Hauses siehe bei Halliwell 115, Knight 265 und 
anderwärts. 

3) Halliwell, L. of Sh. 328. 



87 — 

1561 — 62), den wir später in London als Schauspieler und 
dramatischen Dichter wiederfinden (Halliwell 120; Collier, 
H. E. Dr. P. in, 99) nichts mit der Familie zu thun gehabt 
haben sollte. Zweifelhaft ist es auch , ob William Hathaway, 
getauft 30. November 1578, ein Sohn desselben Richard 
Hathaway war; im Testament steht wie wir gesehen haben 
ein William Hathaway als vierter Sohn Richard itathaway's ; 
er wäre danach zwei und zwanzig Jahre jünger gewesen als 
seine Schwester Anna ; * wir werden später auf ihn zurück- 
zukommen haben unter Verhältnissen, die wenigstens seine 
nahe Verwandtschaft mit Anna zu einem hohen Grade von 
Wahrscheinlichkeit erheben. Auffallig erscheint es endlich, 
dass der Tod Richard Hathaway 's, des Vaters, nicht im 
Kirchenbuche verzeichnet steht. 

Anna war ohne Zweifel eine kräftige, hübsche und mun- 
tere Dirne, und in den Augen ihres Liebhabers jedenfalls 

das schmuckste Hirtenkind, das je 
Auf grünem Plan gehüpft,' 

William Shakespeare gleichfalls ein kräftiger und stattlicher 
Bursch. Bei der Freiheit, mit welcher sich die englische 
Jugend bewegt, konnte es den beiden nicht an Gelegenheit 
fehlen, mit einander bekannt zu werden, auch wenn ihre 
Familien nicht auf freundschaftlichem Fusse mit einander 
gestanden haben sollten; dass sie Gefallen an einander fan- 
den, ist gleichfalls begreiflich, da es eine häufige Erfahnmg 
ist, dass gerade frühreife und dichterisch begabte Jünglinge, 
deren geistige Entwickelung ihrer körperlichen vorausgeeilt 
ist oder dieselbe beschleuniget hat, sich zu etwas altem 
Mädchen oder jungen Frauen hingezogen fühlen, die ihnen 
im Zauber der ersten Reife entgegentreten. Es mag ge- 
nügen an Byron's Liebesverhältnisse zu Mary Chaworth und 
zu Lady Caroline Lamb, an Schiller's Leidenschaft für die 



i) Einem andern William Hathaway starb im April 1558 ein Sohn John 
und wurde im März 1576 — 77 eine Tochter Margarethe geboren. William 
Hathaway von Bishopton Hess am 13. Juni 1562 (in Stratford) einen Sohn 
Thomas taufen. Halliwell 114 fg. . 

2) Wintermärchen IV, 3. 



88 

verwittwete Hauptmann Vischer (Laura) und an Goethe 's ähn- 
liches Verhältniss zu Frau von Stein zu erinnern. So ent- 
spann sich eine Liebschaft, deren Tadel, wenn sie Tadel 
verdient, vorzugsweise auf den weiblichen Theil fallt. Lord 
Campbell (Shakespeare's Legal Acquirements io6 fg.) sagt, 
Anna war 'no better than she should be^ und Shakespeare 
könne schwerlich der Verfuhrer gewesen sein, und De 
Quincey (50) ist überzeugt, Shakespeare sei von Anna und 
ihrer Familie angelockt, oder doch seiner Annäherung be- 
reitwilligst Vorschub geleistet worden. Als eine Bestätigung 
dieser Auffassung kann vielleicht Shakespeare's 41. Sonett 
beigezogen werden: 

Schön bist du: folglich wird dir Angriff dröhn; 
Sanft bist du: folglich kann man dich gewinnen; 
Und wenn ein Weib wirbt, welches Weibes Sohn 
Geht grämlich ,s eh' er sie erhört, von hinnen? 

Sogar die Frage lässt sich nicht unterdrücken, ob es Zufall 
gewesen sei, dass Shakespeare in seinen frühesten Dichtun- 
gen (Venus und Adonis und die Liebesklage) die tobende 
Liebesglut in die weibliche Brust verleget. Hat sein Liebes- 
verhältniss mit Anna Aehnlichkeit mit dem zwischen Venus 
und Adonis gehabt? War sie das Modell zu der begehr- 
lichen Gottin? Er schildert das Verhältniss mit so er- 
schreckender Wahrheit, dass es sehr nahe liegt, an vorauf- 
gegangene Erfahrung zu glauben. Sind femer zwischen ihm 
und Anna auch ähnliche Momente vorgekommen, wie sie in 
der Liebesklage so eindringlich beschrieben werden? Sind 
mit Einem Worte vielleicht beide Dichtungen in ähnlicher 
Weise Selbstbekenntnisse wie es in späterer Zeit Werther's 
Leiden waren? Oder ist alles ohne Ausnahme der dichte- 
rischen Phantasie entsprungen? Verwunderung und Beden- 
ken muss es jedenfalls erregen, dass Anna, wenn sie hübsch 
und ihr Vater wohlhabend war, 26 Jahre alt geworden war, 
ohne einen Freier zu finden. Genug, es kam zum Verlob- 
niss (troth-plight)^ welches nach damaliger Sitte moralisch, 
wenn auch nicht gesetzlich, als der Ehe gleichstehend be- 
trachtet wurde, so dass die Verlobten als Ehegatten mit * 
einander leben durften, ohne darum in der öffentlichen 



89 

Meinung einen Vorwurf auf sich zu laden.* Dieser Punkt 
ist durch Beispiele und Zeugnisse hinlänglich festgestellt, \ind 
Shakespeare selbst spricht Sich verschiedentlich darüber 
aus. In Mass fiir Mass (I, 2) wird das Verhältniss zwischen 
Claudio und JuUetta als ein durch Verlöbniss berechtigtes 
dargestellt : ^ 

— nach redlichem Verlöbniss 
Nahm ich Besitz von meiner Julia Bett. 
Ihr kennt das Fräulein; sie ist ganz mein Weib, 
Bis auf die äussere Form der offenen 
Verkündigung; die unterblieb allein u. s. w. 

Der Mönch -Herzog überredet in demselben Lustspiel (TV, i) 
Mariane Isabellens Stelle bei der beabsichtigten nächtlichen 
Zusammenkunft mit Angelo einzunehmen, indem er sie auf 
ihr Verlöbniss mit diesem verweist: 

Er ist mit euch vermählt durch sein Verlöbniss (pre-coniract): 
Euch so zusammenfugen ist nicht Sünde, 
Weil eures Anspruchs unbestrittnes Recht 
Den Trug beschönigt. 

In Was Dir wollt (TV, 3 xmA V, i) wird die Feierlichkeit 
des Verlöbnisses noch dadurch erhöht, dass es in Gegenwart 
eines Geistlichen vor sich geht: 

Ein Bündniss ewigen Vereins der Liebe, 

Bestätigt durch in eins gefugte Hände, 

Bezeugt durch eurer Lippen heil'gen Druck, 

Bekräftigt durch den Wechsel eurer Ringe; 

Und alle Feierlichkeiten des Vertrags 

Versiegelt durch mein Amt, mit meinem Zeugnisse 

Dagegen verfallt im Wintermärchen I, 2 ein Madchen schar- 
fem Tadel 'that puls to be/ore her troth-plight' 



i) Selbst das englische Trauungsformular legt auf 'troth-plig-ht* ein be- 
sonderes Gewicht ; es schliesst mit den Worten : and thereto I piight thee 
my troth. Die englische Kirche hat so die volksthümliche Sitte mit der kirch- 
lichen Trauung verschmolzen. S. R. Gr. White, Shakespeare's Works I, 
XXXTV fgg. — Eine sehr wesentliche Rolle spielt das troih- piight mit 
seinen rechtlichen Folgen in Samuel Rowley's The Noble Soldier; s. When 
you see me, you know me by S. Rowley ed. Elze X^ fg. 

2) Vergl. Die beiden Veroneser II, 2. Drake 107. 



90 

In Shakespeare's Falle scheint es besondere Grüncie 
gegeben zu haben, welche die baldige gesetzliche oder kirch- 
liche Sanction dieser Gewissensehe . wünschenswerth mach- 
ten; man sieht sonst nicht ein, wesshalb die Vergünstig^ung 
des einmaligen Aufgebots erbeten, und eine Bürgschaft für 
Eingehung der Ehe gestellt worden wäre, denn dass dies 
der gewöhnliche Lauf der Dinge gewesen wäre, können 
wir Halliwell schon um desswillen nicht glauben, weil schwer- 
lich alle Paare, die sich in dieser Lage befanden, die Kosten 
des Dispenses zu erschwingen vermochten. Man kann sich 
schwer des Verdachts erwehren, als seien Shakespeare's 
Eltern gegen diese vorzeitige Ehe gestimmt gewesen, und 
als habe dagegen die Familie der Braut die Sache sehr 
eifrig und schleunig betrieben, um eine vollendete Thatsache 
zu schaffen, die nicht rückgängig gemacht werden konnte. 
Nach Drake und Knight hätte freilich die Familie Shake- 
speare die Heirath nicht minder aufrichtig gewünscht als 
die Familie Hathaway, allein ihre Darstellung besitzt geringe 
Ueberzeugungskraft , und wir schliessen uns vielmehr der 
Auffassung Capell's an. Zugegeben, dass so frühzeitige 
Heirathen in damaliger Zeit viel weniger ungewöhnlich wa- 
ren als jetzt — auch B. Jonson heirathete trotz seiner ärm- 
lichen Lage in sehr jugendlichem Alter — so musste doch 
der Unterschied der Jahre Shakespeare's Eltern zum Min- 
desten unangenehm berühren. Auch boten die vermöglichen 
Verhältnisse, in denen sich die Familie Hathaway für ihren 
Stand befinden mochte, keinen ausreichenden Ersatz dafür, 
dass sie in ihrer Lebensstellung den Shakespeares nicht 
gleichkam. John Shakespeare war ohne Zweifel ein welt- 
kluger Mann; er selbst hatte über seinen Stand geheirathet 
und je weniger er die ausserordentliche Begabung verken- 
nen konnte, welche sein Sohn schon in der Jugend an den 
Tag legte, um so mehr musste er wünschen, ihn emem höhe- 
ren Ziele zustreben zu sehen; einem solchen Streben stellte 
sich aber diese vorzeitige uyid unangemessene Verheirathimg 
als ein schwer zu beseitigendes Hemmniss in den Weg.^ 

i) Ende gut , Alles gut II, 3 (Schluss) : 

A young man married, is a man tha^s marr'ä. 



gi 

Freilich giebt es für diese Auffcissung so wenig äussere Be- 
weise wie für die gegentheilige , allein sie scheint sich bei 
eindringender Betrachtung mit innerer Nothwendigkeit aus 
dem urkundlichen Thatbestande zu ergeben. Auch dass sich 
nirgends ein Vermerk der Trauung vorfindet, scheint auf 
die Heimlichkeit derselben hinzudeuten. Zwar will eine Tra- 
dition oder Hypothese wissen, dass die Einsegnung der Ehe 
in dem Dorfe Luddington Statt gefunden habe, wo Shake- 
speare's ehemaliger Lehrer Hunt Pfarrer war, allein auch 
dies wäre kein ordnungsmässiges Verfahren gewesen, da 
beide Verlobte dem Kirchspiel Stratford angehörten und 
folglich in der dortigen Kirche hätten getrauet werden müs- 
sen; sie sind offenbar der Trauung an ihrem Geburts- \md 
Heimatsorte aus dem Wege gegangen.* Die Kirche zu 
Luddington ist nicht mehr vorhanden, und das Kirchenbuch 
derselben leider im Laufe dieses Jahrhunderts verbrannt 
(Heilliwell 328). Malone (Reed's Shakespeare I, 139) ver- 
muthete, die Trauung wäre zu Hampton - Lucy oder Billesley 
vollzogen worden ; darauf ist jedoch wenig zu geben, beson- 
ders da eine von Halliwell an die gesammte Geistlichkeit von 
Warwickshire brieflich gerichtete Bitte, ihre Kirchenbücher 
nach dem Trauungs - Vermerk zu durchforschen, erfolglos 
geblieben ist, wobei allerdings hinzugefügt werden muss, 
dass in manchen Dörfern die alten Kirchenbücher verloren 
gegangen sind (Halliwell 1 1 2). Ein etwaiger Zweifel, ob eine 
Trauung überhaupt Statt gefunden habe, wäre jedoch nicht 
gerechtfertigt, denn in diesem Falle hätte das Stratforder 
Kirchenbuch bei der Taufe der Susanne nach festgehaltener 



i) Ein Mr H. W. Holder hat neuerdings ein Gemälde entdeckt, welches 
Shakespeare's Trauung darstellen soll. Das Bild, das sich im Besitze eines. 
Mr Malam zu Scarborough befindet, hat jedoch nicht den geringsten Werth 
und ist vermuthlich eine schlechte Kopie eines holländischen Gemäldes aus 
der Mitte des 17. Jahrhunderts, das ursprünglich gar keinen Bezug auf Shake- 
speare hatte. In der linken obern Ecke steht: 

Rare Lymninge with us dothe make appere 

The marriage of Anne Hathaway tuith William Shakspere, 15 — . 

Vergl. Notes and Queries Aug. 24, 1872. Athen. No. 2343, Sept. 21, 1872 
p. 376. No. 2345, Oct. 5, 1872 p. 438. 



92 

Sitte sicherlich die Bemerkung 'bastard' oder ^nothd* hinzu- 
gefügt. Auch wird in Shakespeare's Testament, auf ihrem 
Grabstein und in andern Urkunden Anna ganz unzweideutig 
als Shakespeare's Ehefrau bezeichnet. 

Für die Weltklugheit, die Shakespeare in seinem spä- 
tem Leben nie wieder verlassen zu haben scheint, spricht 
seine Verheirathung keinesfalls; wer darf aber von einem 
achtzehnjährigen Jüngling Weltklugheit erwarten, noch dazu 
wenn er verliebt ist? Wenn nicht alles trügt, hat er für 
den übereilten Schritt schwer und lange zu büssen gehabt. 
Es ist eine viel verhandelte Streitfrage, ob Shakespeare's 
Ehe eine glückliche oder unglückliche gewesen sei. Ver- 
schiedene englische Biographen und Kritiker, namentlich 
auch diejenigen, die dem geistlichen Stande angehören, 
vertreten die erstere Ansicht; so Halliwell (120), Knight, 
Charles Armitage Brown (Autobiographical Poems 200 — 224) 
Samuel Neil, Wise u. a. In ihrem Eifer auch nicht das ge- 
ringste moralische Stäubchen auf Shakespeare's Charakter 
zu dulden, sind sie überzeuget, dass er seine 'süsse Anna' 
in den Sonetten (z.B. 27 — 29, 36, 39, 44 — 49, 50, 61, 97 
und 109 — 121) gefeiert und sie auch später mit nach Lon- 
don genommen habe, wo beide wie ein Paar Turteltäubchen 
zusammen gelebt haben sollen. Ch. A. Brown weiss diesen 
Glauben sogar mit der autobiographischen Auslegung der 
an die schwarze Schöne gerichteten Sonette zu vereinigen. 
Knight besteht gleichfalls darauf, dass Shakespeare seine 
Familie mit nach London genommen und dort ein ungetrübtes 
Familienleben geführt habe; die Schliessung der Ehe findet 
er der Sitte der Zeit gemäss und ganz in der Ordnung. An 
die Wilddieberei, um das vorweg zu nehmen, glaubt er 
nicht, und alle gegentheiligen Ansichten über diese Episode 
wie über die Ehe sind ihm nicht viel weniger als Versün- 
digfimgen an Shakespeare. Dyce, De Quincey, R. Gr. White, 
Gervinus, Ulrici u. a. dagegen halten die Ehe in ihrem 
Verlaufe für eine nicht glückliche* und ' glauben , dass 
Shakespeare in London getrennt von den Seinigen lebte 
und nur, wie Rowe berichtet, alljährliche Besuche in 
Stratford abstattete. Lord Campbell (Shakespeare's Legal 



93 

Acquirements io6 fg.) furchtet, dass Shakespeare's eigener 
Vers: 

The course of true lo%*e never did run smooth 

nur ZU sehr Anwendung auf seine Ehe gelitten haben möge, 
und Moore meint, wenn irgend etwas gewiss sei in Shake- 
speare's Leben, so sei es die Unglücklichkeit seiner Ehe.^ 
Die Unterstützimg, welche diese Ansicht in dem bekannten, 
nachträglich eingeschalteten Vermächtnisse des zweitbesten 
Bettes an seine Frau in Shakespeare's Testamente findet, 
wird später näher in Betracht gezogen werden. 

Es ist tief in der menschlichen Natur begründet, dass 
die Ehe eines jungem Mannes mit einer altem Frau der 
Regel nach keine glückliche sein kann. Die ältere — ja 
schon die gleichaltrige — Frau . ist in ihrer körperlichen und 
fast noch mehr in ihrer geistigen und gemüthlichen Ent- 
wickelimg dem Manne stets um ein Stadium voraus; er holt 
sie nie ein, und eine wahre, unerschütterliche Harmonie 
zwischen ihnen wird dadurch zur Unmöglichkeit. Sie sieht 
nicht wie sie sollte zu ihm empor, sondern sie ist im Gegen- 
theil geneigft auf ihn herabzublicken ; sie vermag nicht mehr 
sich in ihn einzuleben, sondem verlangt dies einseitig und 
gegen die Natur von ihm. Sie besitzt, oder glaubt doch zu 
besitzen, mehr Lebenserfahrung als der Mann, und betrachtet 
es daher instinktiv als ihr Recht, ja als ihre Pflicht ihn zu 
lenken und zu leiten, woraus sich dann zumal bei lebhaften 
und kraftvollen Charakteren unausbleibliche Herrschsucht 
entwickelt. Unter diesem Gesichtspunkte ist es sicherlich 
nicht ohne autobiographische Bedeutung, dass Shakespeare 
in seinen frühem Dramen vorzugsweise harte, herrische und 
zanksüchtige Frauen schildert, wie Gervinus (1862) I, 42 
mit Recht hervorgehoben hat. Zumeist ist es auch der 
altem Frau bei der Verehelichtmg mit einem jungem Manne, 
wenn die Zeit der ersten und idealen Liebe für sie vorüber 
ist, mehr um die Erreichung weltlicher Zwecke, um das, 
was man eine Versorgimg nennt, zu thun, oder es schmei- 
chelt ihrer weiblichen Eigenliebe, trotz ihrer Jahre doch 



i) Life and Letters of Lord Byron (1860, in i vol.) 271 Note. 



94 - — 

noch einen Bewerber zu finden. Die Sinnlichkeit vermag 
diese Kluft wol eine Zeit lang, aber ^ nicht bleibend zu über- 
brücken ; der Zwiespalt tritt im Gegentheil später, wenn die 
Leidenschaft geflohen ist und die Liebe bleiben sollte, nur 
um so klaffender hervor. Das sind Erscheinungen, die auf 
unabänderlichen Naturgesetzen beruhen und an denen nichts 
ab - oder zuzuthun ist. In Shakespeare's Falle kommt noch 
hinzu, dass seine Frau offenbar weder Bildung, noch auch 
Bildungsfahigkeit besass, während er mit seinem Verständ- 
niss den Geist der Zeit nicht allein erfasste, sondern sich an 
seiner Leitung betheiligte und die Hohen der Menschheit wie 
im Fluge erstieg. Wie musste auch dadurch die schon vor- 
handene Kluft zwischen ihnen erweitert werden ! Mit welcher 
Geisteskraft , mit welchem feinen Gefühl müsste Anna aus- 
gestattet gewesen sein, wie müsste sie an ihrer Bildung 
gearbeitet haben, wenn sie ihres Mannes Dichten und Trach- 
ten hätte verstehen und ihm auch nur ahnend hätte folgen 
wollen ! Es soll der Dichter mit dem König gehen — aber 
nicht mit der Bäuerin. 

Shakespeare selbst konnte sich bald genug dieser Er- 
kenntniss nicht verschliessen , sondern hat sich vielmehr 
mehrfach unzweideutig und eindringlich darüber ausgespro- 
chen. Wie thörichte Liebe die Jugend zerfrisst, wird in 
den beiden Veronesern I, i geschildert: 

— Wie die frühste Knospe 
Der Wurm anfrisst, bevor sie noch erblüht, 
So wird durch Lieb' ein jung und zarter Geist 
Verkehrt zur Narrheit; in der Knosp' ertödtet 
Verliert sein Grün in erster Jugend er 
Und jeder künftigen Hoffnung schönen Spross. 

Im Wintermärchen IV, 3 spricht Polyxenes: 

— Recht ist's, dass sich 
Mein Sohn selbst wählt die Braut; doch Recht nicht minder, 
Dass auch der Vater, dessen einz'ge Lust 
Ein wackeres Geschlecht ist, mitberathe 
Bei diesem Schritt — 

welche Worte vielleicht das bedauernde Geständniss durch- 
blicken lassen, dass Shakespeare's Ehe weder eine Vernunft- 



95 

Ehe war, noch sich des väterlichen Rathes zu erfreuen 
gehabt hatte. Die beredteste und unzweideutigste Stelle 
jedoch findet sich in Was Ihr wollt IE, 4 : 

Wähle doch das Weib 
Sich einen Aeltem stets! So fügt sie sich ihm an, 

So herrscht sie sicher in des Gatten Brust. 

« 

Denn, Knabe, wie wir uns auch preisen mögen. 
Sind unsre Neigungen doch wankelmüth'ger, 
Unsichrer, schwanker, leichter her und hin 

Als die der Frau'n. 

So währ dir eine jüngere Geliebte, 
Sonst hält unmöglich deine Liebe Stand. 
Denn Mädchen sind wie Rosen: kaum entfaltet, 
Ist ihre holde Blüte schon veraltet. ^ 

Ist es möglich hierin den Schmerz über das eigene, verfehlte 
Liebesglück zu verkennen? Das ist augenscheinlich die der 
Reue entsprossene Weisheit. Auch über die, trotz aller 
Entschuldigungen nicht ordnungsmässige Weise, in der seine 
Ehe eingegangen wurde, ist Shakespeare allem Anschein 
nach später zu schmerzlicher Erkenntniss gekommen, wenig- 
stens lassen tms die wiederholten eindringlichen Warnungen, 
welche Prospero im Sturm IV, i dem Ferdinand einschärft, 
einen solchen tiefbedauemden Rückblick auf die eigene 
Jugend und die daraus hervorgegangenen traurigen Folgen 
Zwischen den Zeilen lesen: 

Zerreiss'st du ihr den jungfräulichen Gürtel, 
Bevor der heirgen Feierlichkeiten jede 
Nach hehrem Brauch verwaltet werden kann. 
So wird der Himmel keinen Segensthau 
Auf dieses Bündniss sprengen: dürrer Hass, 
Scheeläugiger Verdruss und Zwist bestreut 
Das Bett, das euch vereint, mit eklem Unkraut, 
Dass ihr es beide hasst. Drum hütet euch, 
So Hymen's Kerz' euch leuchten soll. 



i) Die Worte im Sommemachtstraum I, i: Lysander: Bald war sie in 
den Jahren missgepaart. Hermia: O Gram! zu alt, mit jung vereint zu sein 

— lassen sich ebensowohl auf unverhältnissmässiges Alter des Mannes beziehen. 

— Shakespeare ist übrigens auch hier * gentle* genug, um seinem eigenen 
Geschlechte die Hauptschuld aufzubürden. 



96 

Lass dem Tändeln 
Den Zügel nicht zu sehr: die stärksten Schwüre 
Sind Stroh dem Feu'r im Blut. Enthalt dich mehr, 
Sonst: gute Nacht, Gelübd! 

Die nächstliegende Frage, ist die nach den Existenz- 
mitteln des jungen Paares, denn wie wichtig die materielle 
Grundlage und das weltliche Wohlbefinden für das eheliche 
Glück ist, hat Shakespeare selbst erkannt und im Winter- 
märchen rV, 3 ausgesprochen: 

Glück fprosperity) ist allein das wahre Band der Liebe; 
Mit ihrem frischen Roth verwandelt auch 
Ihr Herz die Trübsal. 

Gewiss hat er auch in diesem Punkte herbe Erfahrungen 
gemacht. T>d& Dunkel, das auf den Beschäftigungen und 
der gesellschaftlichen Stelltmg seiner Jünglingsjahre in Strat- 
ford ruht, wird freilich schwerlich je aufgehellt werden, wenn 
nicht irgend ein unerwarteter Glücksfall die Entdeckung 
neuer Urkunden herbeiführen sollte, was schwer glaublich 
ist, so dass wir uns wieder auf Hypothesen angewiesen 
sehen. * Die Sage von der Fleischerei darf wol als beseitigt 
betrachtet werden. Nicht viel glaubhafter ist die von Aubrey 
aufgebrachte Tradition, dass Shakespeare in seinen jungen 
Jahren Schulmeister auf dem Lande gewesen sei; Aubrey 
schreibt diesem Umstände sogar Shakespeare's Fertigkeit 
im Lateinischen zu — / er verstand Latein ziemlich gut, sagt 
er, denn er war Schulmeister auf dem Lande gewesen.' Das 



i) Eine der sonderbarsten hat der Verfasser des Buches *The Footsteps 
of Shakespeare, or a Ramble with the Early Dramatists* (Lond. 1862) 14 fgg. 
(ob im Ernst?) aufgestellt. Nach ihm wurde Shakespeare als er die Schule 
verliess 'an apothecarys apprentice* — vielleicht ist der Verfasser selbst 
Apotheker. Er liest das aus Romeo und Julie und andern Stücken heraus, 
welche ihm zufolge mit Kenntniss des Arzneiwesens getränkt sind!! Cerimon 
im Pericles (vergl. namentlich IH, 2 : / held ii ever &c.) und Bruder Lorenzo 
in Romeo und Julie sollen Portraits von Shakespeare's Lehrherm sein, wäh- 
rend der halbverhungerte Apotheker in Mantua und sein Laden eine ironische 
Schilderung des gehassten Concurrenten in Stratford wären!! — Dr. Bucknill 
(in der Vorrede zu The Medical Knowledge of Shakespeare, London 1860) 
deutet an, dass sich Shakespeare in der Zwischenzeit zwischen Schule und 
Bühne eingehend mit der Arzneiwissenschaft beschäftigt haben mochte. 



97 

ist so xinkritisch wie möglich. Was sollte wol ein Dorf- 
schulmeister mit Latein anfangen zu einer Zeit, wo selbst 
die Mehrzahl angesehener Bürger nicht einmal ihren Namen 
schreiben konnte ? Will uns Aubrey glauben machen, Shake- 
speare habe als Dorfschulmeister in Latein unterrichtet? 
oder in diesem Berufe besondere Veranlassung oder beson- 
dere Müsse gefunden, es für sich zu studiren? Soll die 
Angabe einen Sinn haben, so könnte es nur in der Wen- 
dtmg sein, welche ihr Collier gegeben hat, dass nämlich 
Shakespeare eine Zeit lang Hülfslehrer in der Stratforder 
Lateinschule gewesen sei; doch besitzt auch diese Annahme 
einen geringen Grad von Wahrscheinlichkeit. Allerdings 
kommen derartige Beispiele vor, und namentlich erzählt 
Dr. Simon Forman, der bekannte Arzt und Astrolog (1552 
— 161 1), dass er sich auf diese Weise die Mittel erworben 
habe, um die Universität Oxford besuchen zu können. ^ Noch 
ehe er achtzehn Jahre alt war unterrichtete er ein halbes 
Jahr lang an der Lateinschule zu Sarum, deren Zögling er 
selbst gewesen war, und gewann dadurch nicht nur seinen 
Unterhalt, sondern erübrigte sich etwa 40 Schillinge, die 
ihm für den ersten Anfang in Oxford hinreichen mussten. 
Hatte jedoch Shakespeare nach der damaligen Sitte die 
Schule mit etwa 14 Jahren absolvirt; so wird er schwerlich 
mit 18 Jahren zu ihr zurückgekehrt sein, zumal er in der 
Zwischenzeit in einzelnen Zweigen der Schulgelehrsamkeit 
eher rückwärts als vorwärts gegangen sein möchte. Und 
als Vierzehnjähriger konnte er doch unmöglich vom Schüler 
unmittelbar den Sprung zum Lehrer machen. Höchstens 
könnte er ein solcher Vorsager gewesen sein, wie wir sie 
aus der Schildenmg von R. Willis kennen; wirklicher Lehrer 
kann er nicht gewesen sein, denn man kennt sämmtliche 
Lehrer der Stratforder Schule von der Zeit Eduard's VI bis 
zu der Jakob's I, und Shakespeare's Name ist nicht darunter.* 
Ueberdies lag das Unterrichtswesen der Regel nach in den 
Händen der Geistlichkeit; die Laien, die daran Theil nah- 



1) Halliwell, L. of SK 109. 

2) Lord Campbell, Shakespeare's Legal Acquirements 19 fg. 
EUe, Shakespeare. 7 



— 98 — 

men, wurden (wie Dr. Forman) nur durch die Noth getrieben, 
und die Lehrthätigkeit war für sie nur eine kurze Durch- 
gangsperiode. Der Erwerb war spärlich und eine Aussicht 
auf Beförderung und bleibende Versorgung fehlte für die 
Laien gänzlich. 

Ein ungleich besseres Anrecht auf Glaublichkeit und 
Beistimmung besitzt die von Malone, Lord Campbell u. A. 
vertretene Annahme, dass Shakespeare, nachdem er die 
Schule verlassen, als Lehrling oder Schreiber bei einem Ad- 
vokaten eingetreten sei, deren es in dem kleinen Stratford 
nicht weniger als sechs gab. Wir dürfen zunächst überzeugt 
sein, dass die Vorbereitung auf eine so einträgliche imd 
ehrenvolle Laufbahn mit den Wünschen seiner Eltern in 
vollem Einklang gestanden hätte. Ueberhaupt steht die 
Annahme, dass Shakespeare Lehrling bei einem Advokaten 
gewesen sei, mit keiner aus seinem Leben bekannten That- 
sache im Widerspruche, sondern vielmehr in vollster Har- 
monie mit allem, was wir über ihn wissen. Einen schwer- 
wiegenden thatsächlichen Anhalt giebt die bekannte saty- 
rische Anspielung in der Epistle to the Gentlemen Students 
of the two Universities vo^ Th. Nash, die Robert Greene's 
Menaphon vorgedruckt ist (1589) und aufweiche zuerst Malone 
hingewiesen hat, ohne ihr jedoch für seine Person ein Ge- 
wicht beizulegen.^ *J? is a common practice now-a-days^ so 
lässt sich Nash vernehmen , among a sort of shifting cotn- 
pantons, that tun through every ari, and thrive by none^^ 
to leave the trade of Noverinty whereto they were born, 
and busy themselves with the endeavours of art, that could 
scarcely latinize their neck-verse, if they should have need; 
yet English Seneca^ read by candle- Light ^ yields tnany good 



i) Malone's Shakespeare by Boswell (1821) II, 107 fgg. — Ch. A. Brown, 
Shakespeare's Autobiographical Poems (Lond. 1838) 9 — 17 und Drake 21 
und 23 sind gleichfsills von der Richtigkeit dieser Hypothese überzeugt (beide 
noch vor Lord Campbell's glänzender Argumentation). , 

2) Diese Worte scheinen doch darauf hinzudeuten, dass sich Shake- 
speare in verschiedenen Berufsarten versuchte, ehe er zur Bühne kam; Aubrey, 
mit seiner Schulmeister- Hypothese und Blades mit der Buchdrucker -Hypo- 
these^ (s. unten) können sie zu ihren Gunsten anführen. 



99 

sentenceSf as Blood is a beggar^ and so forih: and if you 
entreat htm far, in a frosty morning^ he will afford you 
whole hamlets^ I should say^ handfuls of tragical Speeches J 
Wie viel auch an der Stelle herumgedeutet und gezweifelt 
worden ist (z. B. von Halliwell io8), so wird es doch dabei 
bewenden müssen, dass sie auf Shakespeare geht und ihn 
damit aufzieht, dass er in seiner Jugend ein 'NoverinV d. h. 
ein Advokaten -Schreiber war.* Diese Auffassung erscheint 
um so weniger anfechtbar, wenn wir das ausserordentliche 
Gewicht erwägen, welches gerade in diesem Falle durch 
innere Beweisgründe in die Wagschale geworfen wird. 
Shakespeare beweist in seinen Werken, vom ersten^bis zum 
letzten, nicht nur eine tadellose Sachkenntniss, sondern auch 
eine unleugbare sollen wir sagen Vorliebe oder Angewöh- 
nung in der Verwendung von Rechtsausdrücken. Es ist 
nicht zu viel gesagt, dass es kein anderer Dichter seiner 
oder irgend einer andern Zeit ihm darin gleich thut, wenn- 
gleich (nach R. Gr. White) auch bei den übrigen Dichtem 
der Elisabethanischen Aera Rechtsausdrücke viel häufiger 
gebraucht werden als heutzutage.* Die ausgezeichnetsten 
englischen Rechtsgelehrten sind nicht im Stande gewesen, 
ihm einen Fehler nachzuweisen und ihm ihre bewundernde 
Anerkenmmg vorzuenthalten. Halliwell meint zwar, Shake- 
speare's Eltern hatten so zahlreiche gerichtliche Verhand- 
lungen in ihrem Leben gehabt, dass er recht fiiglich seine 
Kenntniss daraus geschöpft haben könne, allein diese Er- 
klärung scheint keineswegs ausreichend.. Die Akten über 
diese Verhandlimgen befanden sich doch, wenn überhaupt, 
nur zum kleinsten Theile in den Händen seines Vaters, und 
dieser wird sie dem Sohne schwerlich zum Durchstudiren 
gegeben haben; ebenso wenig ist anzimehmen, dass der 



1) 'Noverint universi* ist der übliche Anfang der lateinischen Urkunden 
zu Shakespeare's Zeit. 

2) R. Gr. White, Shakespeare I, XLIV fgg. Nicht einmal Beaumont, 
dessen Vater Judge of the Common Pleas war und der in den Inns of Court 
studirt hatte, gebraucht Rechtsausdrücke so reichlich und so sachkundig wie 
Shakespeare. 




lOO 



letztere zu den mündlichen Verhandlungen des Vaters mit 
seinem Rechtsbeistande zugezogen wurde. Wie sollte also 
der Sohn im Stande gewesen sein sich auch nur vom Inhalt 
dieser Verhandltmgen eine mehr als oberflächliche Kennt- 
niss zu erwerben, geschweige denn zu einer rechtsverstan- 
digen und technischen Auffassung derselben zu gelangen? 
Und wenn man sagen wollte, Shakespeare habe in seinem 
eigenen Leben Gelegenheit genug gehabt, Rechtsverhält- 
nisse aus Erfahrung kennen zu lernen, so würde das mög- 
licher Weise seine Kenntniss, aber weder seine Vorliebe für 
Rechtsausdrücke, noch auch den Umstand erklären, dass 
sich dieselben in seinen Jugenddichtungen wie Venus und 
Adonis, Lucretia, Liebesklage u. s. w. in nicht minderer 
Fülle und Richtigkeit vorfinden wie in den Werken seiner 
reifen Zeit; es ist keine Zunahme, so weit sie nicht vom Stoff 
bedingt wird, und kein Fortschritt in ihrer Anwendung er- 
kennbar, und sie müssen also erworben worden sein, ehe 
Shakespeare als Dichter auftrat. Eine wie grosse Leichtig- 
keit wir auch dem Genie in der nicht systematischen, son- 
dern gelegentlichen Aneignung positiven Wissens einräumen 
mögen, so ist doch gerade das englische Rechtswesen eine 
viel zu abstrakte Wissenschaft, als dass sie so zu sagen 
nebenher und im Fluge aufgeschnappt werden könnte ; wenn 
irgend etwas, so setzt sie einp berufsmässige Erlernung als 
imumgänglich voraus, hier hilft keine Beobachtimg, keine 
Intuition, wie etwa bei Naturschilderungen oder der Be- 
schreibung des Apotheker -Ladens in Romeo imd Julie. 
Die gediegenste und lichtvollste Untersuchung über diesen 
Gegenstand verdanken wir keinem Geringem als dem Lord 
Oberrichter Campbell, der, wenn irgend Jemand, Recht und 
Fug hat darüber sein Urtheil abzugeben.* Er ist allerdings 



i) Lord Campbell, Shakespeare's Legal Acquirements , Lond. 1859. — 
VergL ausserdem W. L. Rushton, Shakespeare a La^wyer, Lond. 1858. Rushton 
ist schon vor Lord Campbell zu dem gleichen Ergebnisse gekommen wie die- 
ser, wenngleich sich seine Schrift im Uebrigen nicht mit der des letztem 
messen kann. Beachtung verdienen jedoch Rushton's Erklärungen der ein- 
schlagenden Stellen bei Shakespeare. — Was Shakespeare a Lawyer? Being 



lOI 



zu vorsichtig, um ein ausdrückliches Ja oder Nein auszu- 
sprechen, allein seine ganze Darstellung ist die beredteste 
Bestätigung. Als Motto hat er seinem Buche sehr schla- 
gend Shakespeare's eigene Worte: Thou art clerkly, tkou 
art clerkly (Lustige Weiber IV, 5) vorgesetzt. Die beiden 
erwähnten Punkte stellt Lord Campbell unwiderleglich fest, 
nämlich erstens, dass Shakespeare eine auffallende imd fast 
ohne Beispiel dastehende Vorliebe um nicht zu sagen Lei- 
denschaft besitzt, Ausdrücke, Vergleiche und Bilder aus 
dem Rechtswesen in seine Dichtxmgen zu verweben und 
zweitens, dass er in allen, von Lord Campbell einzeln durch- 
gegangenen Fällen niemals einen Fehler begeht, sondern 
überall die sichere Kenntniss eines Eingeweihten an den 
Tag legt und oft sogar die Fachmänner übertrifft. Nicht 
wenige Stellen des Dichters sind so vollständig durchdrun- 
gen von juristischen Ausdrücken und Bildern, dass ohne 
Kenntniss des englischen Rechtswesens kein aufgehendes 
Verständniss derselben möglich ist.* Dem Gewichte solcher 
Thatsachen gegenüber können die (aus früherer Zeit stam- 
menden) Einwände Knight's nicht länger als stichhaltig an- 
gesehen werden. Knight (260 fg.) fragt u. a., warum, wenn 
Shakespeare wirklich ein Advokatenlehrling gewesen sei, 
sich unter keiner der zahlreichen, auf uns gekommenen Ur- 
kunden sein Name als der eines Zeugen finde? Ohne sich 
auf weiteres einzulassen kann man darauf durch die Gegen- 
ft'age antworten, ob denn Shakespeare als Minderjähriger 
als Zeuge dienen konnte? Dagegen ist neuerdings noch ein 
Punkt zur Sprache gebracht worden, der im Zusammenhange 
mit den übrigen Beweisgründen wenigstens nicht übergan- 
gen werden darf, wenn man ihm auch kein grosses Gewicht 
beilegen kann; nach Richard Simpson sollen nämlich Shake- 
speare's Autographen deutlich beweisen, dass seine Hand- 



a Selection of Passages from Measure for Measure and All's WeU that Ends 
Well. By H. T. London 1871 (sehr unbedeutend). 

i) So z.B. Sonett 46, von welchem Lord CampbeU 102 sagt: 'This 
sonnet is so intensely legal in üs language and imagery, that witkout a 
considerable knowledge of English forensic procedure tt cannot be fuUy 
understood* 



I02 



Schrift durchaus die des gewohnlichen Schreibers (scrivener) 
und Advokaten gewesen sei.* 

Denken wir uns nach diesen Ausfuhrungen Shakespeare 
zur Zeit seiner Verheirathung als Advokatenschreiber, d. h. 
nicht nach deutschem Gebrauch als angehenden Kanzlisten, 
sondern nach englischem als angehenden Advokaten, so 
wird ihm damit zugleich eine leidlich selbständige Stellimg 
angewiesen, in welcher er allenfalls auch ohne seines Vaters 
Zustimmung wagen konnte eine Ehe einzugehn, da er für 
den Unterhalt einer Familie, wenn er durch die Vermogens- 
verhältnisse der Frau unterstützt wurde, selbst zu sorgen 
im Stande war und jedenfalls gegründete Aussichten auf 
zunehmende Verbesserung seiner Lage hatte. Alle Auffäl- 
ligkeiten und Schwierigkeiten werden so, wenn auch nicht 
vollständig beseitigt, doch auf das geringste Mass zurück- 
geführt. Für diejenigen Kritiker, welche dieser Hypothese 
nicht beipflichten wollen, bleibt schliesslich keine andere 
Wahl als die unerfreuliche Annahme, dass der junge Shake- 
speare nach seinem Austritt aus der Schule Gehülfe und 
Theilhaber an den väterlichen Geschäften geworden sei, 
dass er das in der Schule erworbene Wissen sofort an den 
Nagel gehängt und sich der Bestellung des Ackers, dem 
Wollhandel imd dem Schlachten der Kälber im möglichst 
tragischen Style gewidmet habe, eine Thätigkeit und Stel- 
lung, welche nach tmsern Begriffen mit dem ihm innewoh- 
nenden poetischen Drange und idealen Streben völlig xmver- 
einbar ist. Bei dem Abhängigkeitsverhältnisse, in welchem 
Shakespeare in diesem Falle zu seinem Vater gestanden 
haben müsste , erschiene femer seine Verheirathung als ein 
durchaus leichtsinniger und tmbegreiflicher Streich, denn 
dass der Vater über dieselbe erfreut gewesen sein oder sie 
gar gewünscht oder befordert haben sollte, entbehrt doch 
aller Glaubwürdigkeit. Zudem tritt uns dabei eine andere 
schwer zu überwindende Schwierigkeit in den Weg, das ist 
der andauernde und sich steigernde Rückgang in den Ver- 



i) Notes and Queries 4*^ Series , Vol. Vin, i — 3 (i. Juli 1871) in dem 
'ufsaUe: Are there any extant Manuscripts in Shakespeare's Handwriting? 



I03 

mogensverhältnissen des Vaters, den auch Knight's Dar- 
stellung nicht völlig hinweg zu interpretiren vermag. Eines 
Gehülfen und Theilhabers würde John Shakespeare nur be- 
durft haben, wenn sich sein Geschäftskreis in blühender 
Weise gesteigert und erweitert hätte, so dass er ihn nicht 
allein zu übersehen im Stande gewesen wäre, nicht aber 
unter Umständen, die es ihm allem Vermuthen nach schwer 
machten, seine Familie mit Ehren durchzubringen. Seine 
Lage musste ihn im Gegentheil wünschen lassen, seinen 
Sohn je eher je lieber auf eigene Füsse gestellt zu sehen; 
sich in demselben einen Nachfolger zu erziehen, wird ihm 
schwerlich in den Sinn gekommen sein, da er noch im besten 
Mannesalter stand, zwei oder drei jüngere Söhne besass, imd 
überdies sein Grundbesitz sich verringerte. Welche Ur- 
sachen die fortwährende Verschlechterung in John Shake- 
speare's Umständen herbeiführten, wissen wir nicht; möglicher 
Weise hingen sie mit dem allgemeinen Rückgange zusam- 
men, welcher um diese Zeit die ganze Stadt Stratford in 

ihren Erwerbsverhältnissen betroffen haben muss. Für die- 

• 

sen Rückgang besitzen wir ein unwiderlegliches Zeugniss in 
der Bittschrift, welche Bailiff und Burgesses von Stratford 
im J. 1590 an den Lord Schatzkanzler Burghley richteten.* 
Die Stadt, heisst es darin, *sei sehr in Verfall gerathen in 
Ermangelimg der Tuch- und Gammacherei, die sie früher 
besessen habe, und durch welche eine Anzahl armer Leute 
beschäftigt \md erhalten worden sei, die jetzt aus Arbeits- 
mangel in grosser Dürftigkeit und in Elend lebten.' Beson- 
ders hervorgehoben wird noch der Verfall des sonst blühen- 
den Wollhandels imd wenn, wie ja die Tradition nicht ohne 
Wahrscheinlichkeit behauptet, John Shakespeare daran be- 
theiligt war, so hätten wir hier einen sehr nahen Zusammen- 
hang zwischen der Abnahme seines persönlichen und der 
des städtischen Wohlstandes. 

Die schlimmsten Nachrichten über John Shakespeare 
kommen aus den Jahren 1586 und 1587, aus der Zeit also, 
wo sein Sohn vermuthlich schon in London war, imd wir 



i) Skottowe, L. of Sh. I, 6. 



I04 

müssen hier wieder der strengen Zeitfolge ein wenig vor- 
greifen. Am 19. Januar 1586 wurde ein Pfandungs- oder 
Vorfährurigsbefehl (distringas) gegen ihn erlassen, auf wel- 
chen der ausführende Beamte die Antwort ertheilte, es sei 
nichts da, was gepfändet werden könnte • Darauf folgte ein 
dreimaliger Haftbefehl (capias) in demselben imd in den 
beiden folgenden Monaten. Dann wurde John Shakespeare 
seiner Altermanns -Würde verlustig erklärt, weil er seit lan- 
ger Zeit die Sitzungen nicht mehr besucht Tiabe. Im folgen- 
den Jahre scheint er sogar Schulden halber verhaftet wor- 
den zu sein, wenigstens brachte er *a writ of habeas corpus' 
ein, d. h. einen Antrag auf Freilassung oder Bürgschafts- 
zulassung von Jemand, der ungesetzlicfi verhaftet zu sein 
glaubt. Wie es scheint, war der nächste Anlass hierzu eine 
Bürgschaft für seinen Bruder Henry, wegen deren er am 
I . Februar 1587 von Nicholas Lane verklagt wurde; die Akten 
ergeben «ogar, dass er sich öfter als Ein Mal für diesen 
Bruder verbürgte. Dieser Umstand selbst muss jedoch xm- 
sere Zweifel und Bedenken erwecken. Konnte sich John 
Shakespeare für Jemand verbürgen, und nahm irgend ein 
Gläubiger seine Bürgschaft an, wenn er so tief gesunken 
war, dass sich nichts zum Pfänden bei ihm vorfand? Es 
klingt überhaupt geradezu unglaublich, dass ein so wohl- 
habender Gnmd- und Hausbesitzer, wenn auch in Geldver- 
legenheiten, kein Pfandobjekt mehr besessen haben sollte. 
Der Zweifel wird durch den Umstand verstärkt, dass John 
Shakespeare auch während dieser trübsten Zeit im unange- 
fochtenen Besitze seiner Häuser in Stratford blieb, über 
deren Beschlagnahme oder Verkauf sich nirgends eine Notiz 
findet.^ Steht wirklich die Identität der Person fest, und 
sind wir vor einer Verwechslung mit dem Schuhmacher John 
Shakespeare sicher? Eine andere, wohl zu erwägende Er- 
klärung bietet Knight dar, indem er es für wahrscheinlich 



i) Laut Urkunde vom 14. August 1591 verkauft Georg Badger an John 
•Couch * ein Grundstück (tenetnent) in Henley Street zwischen dem Hause von 
Robert Johnson einerseits und dem Hause von John Shakespeare andererseits.' 
Halliwell 73 fg. 



I05 

hält, dass John Shakespeare von Stratford verzogen sei und 
sich ausserhalb der Gerichtsbarkeit der Stratforder Behörde 
befunden habe, so dass also die gegen ihn gerichteten 
Strafen und Massregeln gewissermassen in contumaciam 
erfolgt seien; er habe sich während dieser Zeit ausschliess- 
lich der Landwirthschaft gewidmet imd seine Steuern an das 
Kirchspiel statt an die Stadt bezahlt. Vom J. 1579 bis 1583 
imd wahrscheinlich langer wohnte ein John Shakespeare zu 
CliflFord, einem hübschen Dorfe zwei englische Meilen von 
Stratford; das, meint Knight, sei unser John Shakespeare 
gewesen.^ Diese Hypothese hat manches für sich, und wir 
glauben sie noch unterstützen zu können, indem wir auf 
einen ursächlichen Zusammenhang hinweisen, welcher mög- 
licher Weise John Shakespeare zur zeitweisen Verlegung 
seines Wohnsitzes veranlasst haben kann. Wir haben ge- 
sehen, wie sich John Shakespeare vergeblich bemühte 1580 
(oder vielleicht schon etwas früher) wieder in den Besitz des 
verkauften Asbies zu gelangen. Die von den Lamberts vor- 
gebrachten Einreden machen in der That den Eindruck von 
Kniffen und Ränken; in welchem rechtlichen Zusammenhange 
konnte die Bezahlimg anderweitiger Schulden mit dem Rück- 
kauf von Asbies stehen? War es nicht ausreichend, wenn 
John Shakespeare sich bereit erklärte, den dafür ausbedun- 
genen Kaufpreis zu erstatten, was ja die Lamberts selbst 
nicht leugnen? Nach den betreffenden Aktenstücken schei- 
nen sich die letztem halb und halb mit Gewalt im Besitz 
des Grundstücks erhalten und die ursprünglichen Besitzer 
davon ausgeschlossen zu haben; 'which he the satde John^ 
heisst es in der KHagschrift, denyed in all things^ and did 
withstande them for entringe into the premisses, and as yet 
doeth so contynewe still; and by reason that certaine deedes 
and other evydences concerninge the premisses and that of 
righte belang to your saide oratours^ are coume to the hands 
and possession of the sayde John^ he wrong/ullie still kee- 
peth and detayneth the possession of the saide premisses 



I) Halliwell, Illustrations 62, will diese Annahme durch den Nachweis 
widerlegen, dass sich der Clifforder John Shakespeare im J. 1 560 verheirathete. 



io6 

from your satde oratours^ and will in noe wise permytt 
and suffer them to have and enjoye the sayde premisses 
accor dinge to their righte in and to the sameJ Es lässt 
sich nicht anders annehmen, als dass John Shakespeare zu- 
nächst bei den Stratforder Behörden Schritte gethan haben 
wird,* um zu seinem Rechte zu gelangen und dass er erst 
als diese erfolglos geblieben waren, sich an den Kanzleihof 
als die höchste Instanz wandte. Vielleicht war es nament- 
lich Sir Thomas Lucy, der ihn in seiner Eigenschaft als 
Friedensrichter bei der Sache im Stiche liess, was dann die 
offenbar feindselige Stimmung der Shakespeares gegen ihn 
erklären und ein neues Licht auf die Wilddiebsgeschichte 
werfen würde. Wie es zuging, dass ihm in Stratford selbst 
keine Hülfe zu Theil ward, kann nur ein englischer Rechts- 
gelehrter aufklären; es ist uns jedoch nicht zweifelhaft, dass 
John Shakespeare sich dadurch benachtheiligt \md in seinem 
Rechte gekränkt fühlte und in eine feindselige Stellimg zu 
den Stratforder Behörden und Bürgern gedrängt wurde, 
welche Partei gegen ihn genommen hatten. Die Worte der 
Klagschrift: *your saide oratours are of small wealthe and 
verey fewe frends and alyance in the said countie* lassen 
das deutlich durchblicken. Das war vielleicht der Grund, 
warum John Shakespeare sich von der Betheiligung an den 
Rathssitzimgen lossagte und aus Gegnerschaft sich auf die 
Selbsthülfe der Steuerverweigerung legte.* Dass er sich für 
eine Reihe von Jahren auf das Land zurückzog, gewinnt 
dadurch nur an Wahrscheinlichkeit und da er seine beweg- 
liche Habe mitnahm, so wird es sehr begreiflich, dass er in 
Stratford kein Pfemdobject zurückliess. William dagegen 
blieb im Dienste seines Advokaten zurück und gewann durch 
die Entfernung der Eltern eine um so freiere und selbst- 
ständigere Stellung, welche die Eingehung einer Ehe ohne 



i) Die Zuständigkeit des Stratforder Court of Record ging in sog. 'per- 
sonal acHons* nur bis 30 Pfund. In wie weit das im vorliegenden Falle zutrifft, 
und ob sich John Shakespeare dabei beruhigt hat oder nicht, kann nur ein 
englischer Rechtsgelehrter entscheiden. — Vergl. John Shakespeare's BiU of 
Complaint in HaUiweU's lUustrations 126 fg. 



107 

den Rath unä selbst ohne die Zustimmung seiner Eltern um 
vieles erklärlicher macht. "Dass John Shakespeare mit 
Schwierigkeiten in seinen Erwerbsverhältnissen zu kämpfen 
hatte, soll damit keineswegs völlig hinweggeleugnet werden. 
Knight (io6 fgg.) stellt zwar die Vermuthung auf, dass er in 
eben jenen Jahren die Grundstücke Bishopton und Welcombe 
erkaufte, welche in dem Testament seines Sohnes als ererbtes 
Grut aufgeführt werden und über deren Erwerb wir nirgends 
Kunde erhalten; das ist jedoch eine kühne Hypothese, be- 
sonders da wir auch aus dem J. 1592 eine Bestätigung für 
John Shakespeare's verschuldete Lage besitzen. Das ist 
der bekannte Bericht von Sir Thomas Lucy und Genossen 
vom 25. September des genannten Jahres bezüglich der- 
jenigen Recusanten im Hundert Barlichway im Kirchspiel 
Stratford, welche nicht nach Ihrer Majestät Gesetzen monat- 
lich einmal zur Kirche kommen. Unter diesen Recusanten 
findet sich 'Mr John Shakespeare' (das Prädikat Mr beweist, 
dass nicht der Schuhmacher gemeint sein kann) mit acht 
andern, deren mangelnder Kirchenbesuch durch die Bemer- 
kung erklärt wird: *ß is sayd that these laste nine coom 
not to churche for feare 0/ processe for dehtte' Da nun 
dieses Verzeichniss, wie ausdrücklich hinzugefugt wird, alle 
diejenigen Recusanten enthält, ^as have beert hereto/ore pre- 
sented for not Coming monthly to the church^ so^'ist Halli- 
well's Schluss {72) gerechtfertigt, dass Mr John Shakespeare 
bereits in einer frühem Berichterstattimg als Recusant auf- 
geführt worden ist, vermuthlich also in den Jahren 1586 — 87, 
wo er am meisten in Noth war. Im Jahre 1592 scheint er 
sich im G^gentheil schon wieder in bessern Umständen be- 
funden zu haben, wenigstens lässt sich das aus dem Um- 
stände schliessen, dass er nach Halliwell 67 fgg. zu den 
Vertrauenspersonen gehorte, welche am 24. Juli d. J. das 
Inventar von 'Ralph Shawe , woll - drjrver' (I) und am 
21. August dasjenige von 'Henry Fielde, tanner,' aufnahmen. 
Zu einem solchen Ehröh- \md Vertrauens -Amte kann doch 
schwerlich ein Mann gewählt worden sein, der so tief ver- 
schuldet war, dass er sich nicht öffentlich zu zeigen wagte. 
Und dass auch hier nicht an den Schuhmacher John Shake- 



io8 — 

speare zu denken ist, scheint, abgesehen von dem auch hier 
gebrauchten Prädikate Mr, aus den Gewerben der beiden 
Verstorbenen hervorzugehen. Gewiss hat man zu einer sol- 
chen Abschätzung Sachverständige ausgewählt, und der Schuh- 
macher John Shakespeare hat schwerlich etwas vom WoU- 
geschäft verstanden, wenn ihm auch einige Kenntniss der 
Gerberei zugetraut werden mag; dass der Vater unseres 
Dichters zugezogen wurde, steht dagegen in vollem Einklang 
mit dem, was über seine gewerbliche Thätigkeit aus andern 
Quellen und Umständen gefolgert wird und dient seinerseits 
zur Bestätigung unserer Auffassung. Aus demselben Jahre 
endlich findet sich in den Rechmmgen des Stadtkämmerers 
ein Posten von 20 Schillingen, welche er von John Shake- 
speare (nicht Mr!) für Richard Fletcher empfangen hat. 
Halliwell (71) bezieht diesen Vermerk auf den Schuhmacher, 
doch will es scheinen, als sei für diesen die Sunrnie fast 
zu beträchtlich. Mag dieser letzte Ptmkt immerhin auf 
sich beruhen, so scheint doch zwischen dem Recusanten 
John Shakespeare, der sich Schulden halber nicht in die 
Kirche traut, und dem Taxator des Nachlasses von Johnson 
und Shawe ein Widerspruch zu bestehen, den wir nicht zu 
lösen vermögen. Oder dürfen wir den Nicht -Besuclf der 
Kirche wenigstens theilweise jenor Verbitterung zuschreiben, 
welche durch die seiner Meinung nach ihm widerfahrene 
Rechtsverweigerung bezüglich des Rückkaufs von Asbies in 
John Shakespeare erzeugt worden war ? Wir sind hier eben 
überall von Räthseln umgeben , für die uns der Schlüssel 
fehlt. In den abgerissenen Lebensnachrichten, welche un- 
ermüdlicher Forscherfleiss aus dem Aktenstaube hervorge- 
zogen hat, besitzen wir so zu sagen Mosaiksteinchen , aber 
die Zeichmmg, nach welcher dieselben zum Bilde zusammen- 
zusetzen sind, ist uns unwiederbringlich verloren gegangen, 
und das Höchste, was wir erreichen können, ist die Her- 
stellung eines, dem Originale möglichst nahekommenden 
musivischen Gemäldes. • 

Kehren wir zu William's Verheirathung zurück, so scheint 
aus dem Gesagten soviel mit Verlässlichkeit hervorzugehn, 
dass er behufs der Existenzmittel für seine schnell anwach- 



log 

sende FamUie auf geringe oder keine Unterstützung von 
väterlicher Seite rechnen konnte. Hatten die Eltern bei 
seiner Erziehung die Hoffnung gehegt , dass ihnen der hoch- 
begabte Sohn dereinst nicht bloss zur Ehre gereichen, sondern 
auch als Stutze dienen sollte, so konnten sie jetzt unmöglich 
grosse Bereitwilligkeit besitzen, ihn ihrerseits in seiner über- 
eilten Ehe zu unterstützen, selbst wenn sie die erforderlichen 
Mittel besassen. Da aber sein eigener Erwerb wol schwer- 
lich ausreichend war, so wird sich die von De Quincey in 
anderer Form ausgesprochene Vermuthung, dass die Familie 
der jungen Frau herhalten musste, nicht völlig von der 
Hand weisen lassen, um so mehr als diese die Heirath 
augenscheinlich befordert hatte. ^ Eine solche Abhängigkeit 
des jungen Ehemannes konnte begreiflicher Weise nicht 
umhin zur Trübung des ehelichen Verhältnisses beizutragen. 
Beiderseitige Unzufriedenheit mit einer solchen Lage und 
vermuthlich auch beiderseitige Vorwürfe konnten nicht aus- 
bleiben, und De Quincey ist wol nicht mit Unrecht über- 
zeugt, dass die letztem auf Seiten Anna's häufiger und hef- 
tiger gewesen sein werden, als auf der William's. Eine 
solche Entwickelung des Verhältnisses entspricht durchaus 
der Erfahrung und geht aus der menschlichen Natur mit 
innerer Nothwendigkeit hervor, so dass sich hierin William 
Shakespeare's Ehe schwerlich als eine Ausnahme unter 
Tausenden wird ansehn lassen. 

Diese nach allen Seiten hin unerfreulichen Verhaltnisse 
mussten dem jungen Dichter um so drückender werden, als 
er in eben diesen Jahren nicht bloss körperlich zum Manne 
heranreifte, sondern jedenfalls auch die Schwingen seines 
Geistes und die Schöpferkraft seines dichterischen Genius 
sich immer ungestümer nach Entfaltung drängten. Wo sollte 
er unter solchen Umständen Nahrung für seinen Bildimgs- 
trieb, wo Anleitung und Verständniss für seine poetischen 
Versuche empfangen? Wo war hier eine liebende Hand, 



I) De Quincey (Sh.; a B., Edinb. 1864, 52 fgg.) kannte das erst später 
aufgefundene Testament Richard Hathaway's noch nicht und nahm daher an, 
dass dieser der Unterstützer des jungen Ehepaares gewesen sei. 



HO r 

um die zarten Keime zu hegen imd zu pflegen? wo ein mit- 
fühlendes Herz, um dem Fluge seiner Begeisterung zu fol- 
gen? Zwar glauben, wie erwähnt, englische Biographen, 
dass er um diese Zeit seine 'süsse Anna' in Sonetten be- 
sungen habe, dieser Annahme stehn jedoch mannichfache Be- 
denken entgegen. Gerade diese Dichtform dürfte seine Frau 
am wenigsten gewürdigt haben; besass sie Sinn für Poesie, 
so wird er sich wol auf den * Fries und Zwillich ' des echt 
germanischen Volksliedes ^ und auf ein packendes Theater- 
stüclc beschränkt haben. Aber auch Shakespeare selbst 
mochte wol in dieser seiner Sturm- und Drangperiode seinen 
Gefühlen am wenigsten in jener abstracten, gezierten italieni- 
schen Dichtform Luft gemacht haben. Malone und Drake 
(372 fgg.) haben bereits darauf hingewiesen, dass die 1592 
erschienenen Sonette von Daniel nach Form und Inhalt 
Shakespeare's Vorbild waren, und dass daher kein Sonett 
des letztem früher anzusetzen sei. Selbst Sidney's Sonette 
erschienen erst 1591. Möglicher Weise hätten zwar die 
Sonette von Surrey (1557) und von Watson (um 1581) durch 
einen glücklichen Zufall schon jetzt in die Hände des jimgen 
Dichters gefallen sein können, allein wir können uns nicht 
überzeugen, dass die Concetti und die ausgebildete, ja fast 
überbildete Reflexion der Shakespeare'schen Sonette einem 
so jugendlichen Alter entsprungen sein könnten. Vielmehr 
ist anzunehmen, dass Shakespeare's erste Versuche auf dem 
dramatischen Felde lagen, imd darauf scheint auch die be- 
reits erwähnte Stelle bei Nash hinzudeuten, nach welcher 
der über Tag bei seinem Advokaten beschäftigte Lehrling 
in den abendlichen oder nächtlichen Mussestunden (dy candle^ 
light) den englischen Seneca studirte und manche gute 
Sentenz daraus sich zu eigen machte.^ Es ist ein durch- 
aus lebenswahres imd auch ansprechendes Bild. Ob Titus 



i) Verlorene Liebesmüh, Schluss. 

2) Seneca's Tragödien übersetzt von Studley, Nevile, Nnce, Jasper Hey- 
wood und Thomas Newton erschienen vollständig 1581, hatten also überdies 
den Reiz der Neuheit. Einzelne Stücke waren allerdings schon weit früher 
erschienen. Warton H. E. P. III, 309. 



— III — - 

Andronicus oder Pericles Früchte dieser Studien waren, 
oder ob die ersten dramatischen Versuche unvollendet ge- 
blieben und verloren gegangen sind, mag dahin gestellt 
bleiben. Möglicher Weise hat sie der Dichter selbst ver- 
nichtet. Damit begnügte sich jedoch der Schaffenstrieb des 
Jünglings schwerlich, sondern drang vielmehr auch in jene 
aristokratische Kunstpoesie ein, welche als die allein be- 
rechtigte imd der Literatur angehSrige betrachtet wurde. 
Es scheint kaum zweifelhaft, dass Venus und Adonis wenig- 
stens im ersten Entwürfe in jenen Jahren entstand; denn 
wenn irgend einem Dichtwerke innere Beweiskraft inne 
wohnt, so ist es dieses, wo jede Zeile das tobende, sinn- 
berauschte Jünglingsblut des Verfassers verkündet; als er 
nach mehrjähriger Ehe nach London kam, hatte wol der 
erste Sinnentaumel bereits nachgelassen. Shakespeare selbst 
hat bekanntlich diese Dichtung in der Widmimg an den 
Grafen Southampton als den ersten Erben seiner Erfindung 
bezeichnet, was zu verschiedenen Auslegungen Anlass ge- 
geben hat, obwohl kein Grund vorhanden ist, an der ein- 
fachen Wahrheit dieser Angabe zu zweifeln. Dass die Ver- 
öffentlichung erst nach Jahren erfolgte, hat für den Kenner 
der damaligen Literatur -Verhältnisse nichts Auffallendes, 
und die Gründe dieser Erscheinung werden später noch zur 
Sprache kommen. 

Shakespeare^s Sturm imd Drang trat jedoch nicht bloss 
in dichterischen Schöpfungen, sondei:n auch in ganz anderer, 
derb -realistischer Weise zu Tage. Konnten wir ims schon 
den Knaben Shakespeare nicht als Stubenhocker vorstellen, 
so können wir es mit dem Jüngling noch viel weniger; ge- 
wiss war er ein Freund der freien Natur imd setzte, so viel 
es ihm vergönnt war, die oben geschilderten Spaziergänge 
und Wanderungen fort. Wenn irgend ein Sterblicher, so 
vereinigte Shakespeare die beiden faustischen Seelen in 
seiner Brust. Traditionen, die in ihren Einzelheiten aller- 
dings von geringer Glaubwürdigkeit sind, fuhren darauf hin, 
dass er sich an volksthümlichen Festen und Belustigungen 
aller Art betheiligte und sich unter der erwachsenen Jugend 
bei Tanz und Gelag, durch muntere Laune und Witz, durch 



112 



Fröhlichkeit und Schlagfertigkeit auszeichnete. Denn trotz 
seines hohen Genius war er weder anmassend und dünkel- 
haft, noch laimisch und absonderlich und erfreute sich daher 
gewiss schon als Jüngling nicht minderer Beliebtheit wie 
später als Mann. Er war auch kein solcher Weichling, wie 
ihn Tieck im Dichterleben geschildert hat, sondern ähnlich 
wie sein eigener Prinz Heinz wurde er vom kernigen Humor 
des niedem Volks- un(^ Wirthshauslebens angezogen, wie 
es dem lustigen Alt -England eigen war. Er war kein Spiel- 
verderber, und säete möglicher Weise auf diese Weise 
seinen wilden Hafer, wie das englische Sprichwort sich aus- 
drückt. Hier legte er den Grrund zu seiner Vertrautheit mit 
der Sprache, den Sitten und Gebräuchen des Volkes, mit 
den Schenken und ihren Inhabern und Gästen, und wir haben 
bereits gesehen, mit welchem heimlichen Wohlgefallen er 
in der Einleitung zur Zähmung der Widerspenstigen sich in 
Erinnerungen an das Stratfbrder Jugendleben ergeht. Eine 
andere hierher gehörige Legende knüpft sich an einen alten 
Apfelbaum, der unweit des Dorfes Bidford an der Strasse 
nach Stratford stand und weit und breit im Lande unter dem 
Namen 'Shakespeare's Crabtree' bekannt war. Zwar lässt 
sich diese Legende auf keine älteren und zuverlässigeren 
Quellen zurückführen als auf mündliche Mittheilungen, welche 
an Malone einerseits und an Samuel Ireland (den berüch- 
tigten Fälscher) andererseits von Eingeborenen Stratfords 
gemacht wurden,^ doch mag sie nichtsdestoweniger hier 
eingeschaltet werden. Bidford, so wird erzählt, war seines 
vortrefflichen Bieres wegen wie wegen des Durstes seiner 
Bewohner berühmt, imd es bestand dort eine ganz besonders 
durstige Gesellschaft unter dem Namen der Bidforder Zecher 
— fhe Bidford Topers — welche öfters die guten Gesellen der 
xmlliegenden Ortschaften zum Wetttrinken aufforderten. Auch 
die Stratforder erhielten eines Tages eine solche Heraus- 
forderung und leisteten ihr Folge; imter ihnen befand sich 



I) Malone's Shakespeare by Boswell (1821) II, 500 fg. Ireland, Pictu- 
resque Views on the Avon 229 — 233. Vergl. FuUom, History of Wm Shake- 
speare 109 fgg. 



113 

• 

Shakespeare. Als sie nach Bidford kamen, waren die Zecher 
nicht zu Hause, sondern zum Jahrmarkt nach Evesham ge- 
zogen. An ihrer Stelle erklärten sich jedoch die Bidforder 
'Nipper' — sippers — bereit, den Kampf mit den Gästen 
aufzunehriien, wenn es diesen gefallig wäre. Nicht lange, 
so hielten es die Stratforder gerathen den Rückzug anzu- 
treten, ehe er ihnen zur Unmöglichkeit würde; unterwegs 
versagten ihnen jedoch die Kräfte, sie legten sich unter den 
Apfelbaum und schliefen da ihren Rausch aus. Als sie am 
andern Morgen erwachten, war ihr erster Gedanke nach 
Bidford umzukehren und den Zechkampf wieder aufzunehmen ; 
Shakespeare jedoch weigerte sich dessen, da er genug habe, 
und fugte auf die umliegenden Dorfer zeigend hinzu, er habe 
getrunken mit 

Piping Pebworth, Dancing Marston, 
Haunted Hülborough, and Hungry Graf ton, 
With Dadging Exhall, Papist Wixford, 
Beggarly Brootn, and Drunken Bidford,^ 

Es wäre Wortverschwendung, die Unglaubwürdigkeit dieser 
Anekdote erörtern und darthun zu wollen; sie zeigt uns 
höchstens, wie der Volksglaube von Shakespeare's Jugend 
dachte und was er ihm zutraute. Dass sich übrigens Shake- 
speare einem freien und fröhlichen Leben mit seinen Alters- 
genossen auch nach seiner Verheirathung hingegeben haben 
mag, ist um so begreiflicher, wenn es ihm in seiner Häus- 
lichkeit nicht wohl war, wenn weder sorgenfreie Behaglich- 
keit noch herzliche Eintracht und Zufriedenheit in derselben 
herrschte.* In diesem Zusammenhange betrachtet erseheint 
dann die vielbesprochene Wilddieberei als die entschei- 
dendste, gewissermassen als die Krone imter den Ausge- 
lassenheiten des jugendlichen Wildfangs; sie erheischt daher 
eine eingehendere Untersuchimg.* 



i) Vergl. The Legend of Shakespeare's Crab-Tree, by C. F. Green. 
With Portrait and 9 Plates. London, 1862. tf^, — C. F.' Green, Shake- 
speare's Crab-Tree, with its Legend. London, 1869. 8^*. 

2) Vergl. über die Wilddieberei u. a. Capell, Notes and Various Read- 
ings&c. n, 75. Hanter, Hlustrations I, 53 fgg. Skottowe, L. of Sh. 1, 109 fgg. 
C. Holte Bracebridge, Shakespeare no Deerstealer; or, a Short Account of 
Else, Shakespeare. 8 



114 

In der ungefähren Entfernung einer Stunde nordostlich 
von Stratford beim Dorfe Hampton Lucy liegt am Avon 
Schloss und Park der noch heute blühenden Familie Lucy. 
Der damalige Besitzer Sir Thomas Lucy hatte bei dem Neu- 
bau seines (noch stehenden) ' Hauses die Form eines E ge- 
wählt — eine allerdings einzig dastehende Art der Hul- 
digung für die Konigin, welche, bekanntlich sehr empfang- 
lich fiir derartige Schmeichelei, diesen architektonischen 
Verehrer im J. 1572 durch ihren Besuch beglückte und ihn 
zum Ritter schlug. In Sir Thomas Lucy's Parke nun soll 
Shakespeare mit seinen Kameraden wiederholt gewilddiebt 
haben und dafür vom Ritter unerbittlich verfolgt, ja wie 
Davies berichtet, sogar wiederholt gepeitscht und ins Ge- 
fangniss gesetzt worden sein. Malone hat dieser Sage da- 
durch den Boden zu entziehen gesucht, dass er sich nach- 
zuweisen bemüht,^ Sir Thomas Lucy habe gar keinen Wild- 
park besessen. Andere Ausleger (z. B. Drake) verlegen 
daher den Schauplatz nach Fulbroke Park, der damals gleich- 
falls der Familie Lucy gehörte, imd Holte Bracebridge sucht 
der Sache die Spitze abzubrechen, indem er uns glauben 
machen^möchte, in Fulbroke Park sei die Wilddieberei nicht 
verboten gewesen. Er stützt sich dabei auf eine Aeusserung 
Mr Lucy's gegen Walter Scott, als dieser Charlecote be- 
suchte; ^the park, sagte er, from which Shakespeare stole 
the bück was not that which surrotmds Charlecote^ ^ Das 



Fulbrooke Park, near Stratford -on- Avon. Lond. 1862. J.E.Jackson, Shake- 
speare. Thomas Lucy. The £arl of Leicester's Players. In Notes and Queries 
1867, No. 279 p. 349. No. 284 p. 461. No. 288 p. 4. No. 291 p. 61. Vergl. 
den Scherz von W. .S. Landor , Citation and Ezamination of William Shake- 
speare, Euseby Treen, Jos. Camaby, and Silas Gough, before Sir Thom. Lucy, 
touching Deerstealing on the 19. Day of Sept. 1582. Now first published 
from the Original Papers. London, 1834. Herrn. Kurz, Die Wilderersage 
im Shakespeare -Jahrbuch IV, 247 — 267. 

i) Malone's Shakespeare by Boswell (1821) II, 145 fgg. — Auf einer 
Karte der Umgegend von Stratford aus dem J. 1603, auf der die Parks durch 
kreisförmige Gatter bezeichnet sind, ist allerdings bei Charlecote kein Park 
angegeben; aber auch Fulbroke Park ist nicht zu finden. S. Halliwell, 
Illustrations of the Life of Shakespeare (Lond. 1874) 63. 

2) Lockhart, Memoirs of Sir W. Scott (1845, in i vol.) 682. 



115 

hat aber nicht die geringste Beweiskraft. Knight (487) will 
von der ganzen Geschichte nichts wissen, weil sie seiner 
Meinung nach einen Makel auf Shakespeare werfen würde, 
während er überall darauf ausgeht, ihn in jeder Beziehung 
als makellos darzustellen; den nicht abzuleugnenden Zwist 
mit der Familie Lucy erklärt er in anderer Weise. Fairholt 
(bei Halliwell 133) sagt es grade heraus: ^The dignity 0/ a 
great man's biography should not be broken up by such 
tatest Trotz alledem ist nicht zu leugnen, dass, wenn irgend 
eine der an Shakespeare sich knüpfenden Ueberlieferungen 
sich auf eine thatsächliche Grundlage zurückfahren lässt, es 
diese zu sein scheint.* 

Dass Sir Thomas sich nach Malone's Beweisführung 
keines Wildparks rühmen konnte, will zunächst nur sagen, 
dass er keinen Wildpark im gesetzlichen Sinne besass. 
'Nicht jedes Feld oder jeder Anger, sagt Blackstone, wel- 
chen ein Grundbesitzer mit einer Mauer oder Einfriedigung 
umgiebt und mit Wild besetzt , wird dadiirch zu einem Park 
im Sinne des Gesetzes (legal park)' Wahrscheinlich war 
Sir Thomas- der Begründer des jetzigen Wildparks, wie er 
der Begründer des neuen Wohnhauses war, und ging dem 
entsprechend dabei von kleinen Anfangen aus. Die Vor- 
liebe für Anlegung von Wildparks und andern Einhegungen 
war damals vorherrschend. Holinshed (1586, IH, 862) spricht 
ausfuhrlich von der nachtheiligen Sitte der Einhegungen und 
führt ausdrücklich an, dass die adligen und bürgerlichen 
Gutsbesitzer solche Einfriedigungen mit Wild besetzten. 
Vermuthlich hatte Sir Thomas ursprünglich nur ein Kanin- 



i) Es ist auffallig, dass die Gegner der Wilderersage sich nicht auch 
darauf berufen haben, dass Greene darüber schweigt. Warum, so könnten 
sie fragen, hat Greene, der doch un^m Dichter nicht geschont hat, ihm diese 
Ausschreitung nicht zum Vorwurf gemacht, wenn sie auf Wahrheit beruhte? 
Eine solche Frage würde jedoch ein sehr schwaches Argument sein; die An- 
griffe von .Greene haben nicht Shakespeare's Privatleben > sondern nur sein 
schriftstellerisches Leben zum Gegenstande. Greene kannte überdies das Leben 
und die öffentliche Meinung zu gut, um aus der Wilddieberei etwas Beson- 
deres zu machen. Auch über Shakespeare's Ehe hat er nirgends ein Wort 
fallen lassen, so wenig als irgend ein anderer Zeitgenosse. 

8* 



ii6 

chengehege (warren), in das er allmählich auch Hochwild 
brachte. ^Coneys and deer* werden in der Regel zusammen 
genannt, imd Davies sagt ausdrücklich, Shakespeare habe 
Wildpret (venison) und Kaninchen gewilddiebt. Das Kanin- 
chengehege nahm dann mehr und mehr an Ausdehnung zu, 
imd die Kaninchen traten in den Hintergnmd in demselben 
Masse, in welchem das Damwild sich vermehrte, so dass 
zwei Jahre nach des Ritters Tode (1602) sein Sohn der bei 
Lord Ellesmere zu Harefield verweilenden Königin der Sitte 
entsprechend einen Bock verehren konnte; der benachbarte 
Adel griiF sich freilich grossentheils starker an. Ist diese 
Auffassimg richtig, so erklärt sich die ausserordentliche 
Eifersucht des Ritters auf seinen Wildstand; es war sein 
Ehrgeiz, es zu einem ansehnlichen Wildparke zu bringen, 
und weil er anfänglich nur wenig Wild besass, konnte 
er auch wenig missen. Danach wird zugleich begreiflich, 
warum er niemals wie seine Nachbarn den guten Stratfor- 
dem einen Wildbraten verehrte, während diese es nie an 
Aufmerksamkeiten gegen ihn fehlen liessen und ihn reich- 
lich mit Sekt und Zucker bedachten , . wie die Stadtrechnun- 
gen zu erzählen wissen. Je mehr die Stratforder in freund- 
nachbarlichen Verhältnissen zu den umwohnenden Gutsherren 
und Edelleuten standen und den Spruch befolgten, dass 
kleine Geschenke die Freimdschaft unterhalten, um so mehr 
musste sie der Mangel an Freigebigkeit auf Sir Thomas' 
Seite kränken \md ein unfreundliches Verhältniss zwischen 
beiden Parteien entstehen. Wer weiss, ob nicht John Shake- 
speare in seiner Eigenschaft als Bailiff und Altermann per- 
sonlich darunter zu leiden gehabt hat. So kam es, dass 
die Stratforder Jugend sich freute, wenn sie dem Ritter 
einen Schabernack anthun konnte. Halliwell {128) hat eine 
Urkunde veröffentlicht, welches die Namen derjenigen ent- 
hält, *thai made the ryot uppon Master Thomas Lucy 
esquier;^ es sind nicht weniger als 35, doch ist kein Shake- 
speare darunter. Leider haben wir keinen Fingerzeig, aus 
welcher Zeit diese Urkunde stammt, es müsste denn durch 
das Prädikat Master als bewiesen angenommen werden, dass 
sie vor Lucy 's Erhebung in den Ritterstand {1572) anzusetzen 



- - 117 

ist. Wie Malone selbst nachweist, zeigte sich der Ritter 
auch im Parlament als eifriger Beförderer der Jagdgesetze; 
™ J- 15Ö5 spielte er eine Hauptrolle bei Einbringung einer 
Bill zum Schutze des Wildes, was er doch keinesfalls ge- 
than haben würde, hatte er nicht selbst Wild besessen. 
Diese parlamentarische Thätigkeit steht vielmehr durchaus 
im Einklänge mit der Vermuthung, dass der junge Wildpark 
zu Charlecote Sir Thomas' eigene Schöpfung war, während 
sie andererseits den Glauben in uns erweckt, als sei Shake* 
speare's Wilddieberei kurz vorhergegangen und die Veran- 
lassung dieses gesetzgeberischen Eifers gewesen. Möglicher ^ 
Weise erhalten wir dadurch, in Verbindung mit einem andern 
nachher zu erwähnenden Umstände, einen Anhalt für die 
Zeitbestimmung von Shakespeare's Flucht oder Uebersied- 
lung nach London, die unseres Erachtens im Frühjahr oder 
Sommer 1585 Statt fand. Dass Sir Thomas sogar mit der 
Stemkammer gedroht haben mag — wie Shallow in den 
Lustigen Weibern — ist keineswegs unglaublich;^ stand er 
doch als Friedensrichter der Grafschaft, als zeitweiliger 
SherifF, wie als königlicher Kommissar bei verschiedenen 
besondem Anlässen (z. B. bei 'der erwähnten spätem Unter- 
suchung gegen die Recusanten) *in some authority under 
the queen^ wie Shallow von sich sagt (2 Henry IV, V, 3). 
Wenn also Shakespeare mit seinen Kameraden bei Sir Tho- 
mas wilddiebte, so war das imter den dargelegten Umstän- 
den nicht bloss Ausbruch jugendlichen Muthwillens, sondern 
zugleich auch ein Ausfluss der Missstimmung der Städter 
gegen den Ritter, der als Jagdherr ein Emporkömmling 
war, wie alle Emporkömmlinge das Ziel überschoss und sich 
dadurch dem Spotte, der Lächerlichkeit und Schadenfreude 
blossstellte. 

Dass Wilddieberei zu Shakespeare's Zeit keineswegs als 
ein ehrenrühriges Vergehen galt, geht aus verschiedefnen 



i) In der Tbat brachte sein Sohn (gleichfalls Sir Thomas Lucy geheissen) 
im J. 1610 eine Wilddieberei, welche Einwohner von Rock in Sutton Park 
begangen hatten, vor die Stemkammer. S. Thomas £. Winnington in Notes 
and Queries 4»* Series, V, March 5, 1870 p. 257. Vergl. Notes and Queries, 
3' Series, XII, p. 181 und p. 234. 



ii8 

Umständen unzweideutig hervor, ja von Anfang an bis auf den 
heutigen Tag ist sie weder von der Volksmeinimg noch vom 
Gesetze als gemeiner, entehrender Diebstahl angesehn wor- 
den. 'Kein englischer Bauer, sagtFroude,* Hess sich damals 
so wenig wie heutigen Tags überzeugen, dass die Aneignung 
von Wild ein Verbrechen gegen die Sittlichkeit (a moral 
crime) sei. Es war ein Vergehen gegen das geschriebene, 
nicht gegen das natürliche Recht; es war vielmehr ein Wett- 
kampf zwischen dem Edelmann, der ein Recht allein ausbeuten 
wollte, das Jedermann zuzustehen schien, und denen, welche 
sich womöglich ihren Antheil daran erkämpfen wollten. 
Wenn Wilddieberei ein Unrecht war, so wurde es mehr als 
au%ewogen durch das Wagniss der Busse, der sich die- 
jenigen, denen der Versuch misslang, unterwerfen mussten.' 
Das ungesetzliche Waidwerk ist so gut wie das gesetzliche 
allezeit von einem poetischen Reiz und Glanz umgeben ge- 
wesen. Widdieberei war der Anlass zu der tragischen Fehde 
zwischen den Douglas imd den Percies, welche in der schö- 
nen Ballade Chevy Chase besimgen wird, und Robin Hood's 
Wilddieberei bildet den Gegenstand fröhlicher Volkssage 
und Volksdichtung. Zu Elisabeths Zeit wie auch später noch 
galt Wilddieberei als ein gentlemännischer imd aristokra- 
tischer Zeitvertreib, wie es in einem handschriftlichen Lust- 
spiele The Wizard (gegen 1640, Brit. Mus. Mss. Addit. 
10,306) heisst: 

GentUtnanlike ! he ne*er kept korse 
Nor hounds; you might as soon have got him to 
The galtows, as to th* stealing of a deer: 
Since he has made a journey to London, 
Shall have %im in the twelvepenny seat at 
Playhouses, n^er sit in the stage pit. 

Raynolds, der 1599 %^^^^ das Theater schrieb, stellt 
Wilddieberei und Obstdiebstahl als Vergehen von gleicher 
Schwere neben einander, und die Oxforder Studenten schei- 
nen Wilddiebstahl zu den akademischen Vergnügungen ge- 
rechnet zu haben, wenigstens wird von einem Sir Thom- 



I) Froudc, History of England, i** Ed. (1858) I, 66 fg. 



119 

bury, der nachmals Bischof von Limerick wurde, und von 
seinem Vetter Sir Pinkney erzählt, dass sie nie in ihren 
Büchern studirt hätten, sondern auf den Fechtboden und in 
die Tanzstunde gegangen seien, hübschen Dirnen den Hof 
gemacht und sich von früh bis Abends auf der Jagd umher- 
getrieben und Kaninchen und Damwild gestohlen hätten.* 
Graf Shrewsbury schrieb an seine Gemahlin betreffs ihres 
Sohnes Charles Cavendish, jungem Bruders des ersten Lord 
Cavendish: */woulä have you provide for Charles y your son; 
he is easily led to foLly; for within iwo nights after you 
went from me^ his man Morton enticed his pmsier, Blt'the, 
and my armourer to go a stealing into Staveley Park in 
the night: and I would wish you to advise him from these 
doingSy lest some mischief come thereby to his härm and 
your grief.^^ Nach diesem allen wird dem jungen Shake- 
speare keineswegs ein erniedrigendes Verbrechen, sondern 
nur ein übermüthiger, leichtsinniger Jugendstreich aufge- 
bürdet, wenn wir der Ueberlieferung Glauben schenken. 

Diesen Glauben verdient aber die Ueberlieferung um 
so mehr, als sie nicht bloss, wie gezeigt, im vollen Einklänge 
mit den thatsächlichen Umständen und Verhältnissen steht, 
sondern auch durch zwei, wenn nicht drei von einander un- 
abhängige Klanäle auf ims gekonmien ist, wodurch selbst- 
verständlich ihre Glaubwürdigkeit nicht wenig verstärkt 
wird.' Auf der einen Seite ward sie von Rowe in seinem 
Leben Shakespeare's veröffentlicht, der sie jedenfalls Better- 
ton's Nachforschungen in Stratford verdankte. In einer 
zweiten Fassung findet sie sich bei Davies, der zwischen 
1688 — 1707 die Aufzeichnungen Fulmah's über die ausge- 
zeichnetsten englischen Dichter (On the most eminent English 



i) Das war 1573. Dr. Simon Forman's Autobiography bei Halliwell 121. 
— Kaninchen standen übrigens nach Knight, Wro Sh. ; a B. 20S in der Zeit 
▼on Heinrich Vin bis Jakob I gar nicht unter gesetzlichem Schutze und 
konnten mithin von Jedermann straflos getödtet werden; sie waren ferae 
naturae. , 

2) Hunter's Illustrations I, 55. 

3) S. namentlich Herrn. Kurz a. a. O, 



120 

Poets) mit Zusätzen bereicherte.^ Diese Aufzeichnungen hat 
Rowe , wie aus verschiedenen Gründen hervorgeht , nicht 
gekannt, sie sind vielmehr zuerst von Malone iif seinem 
Leben Shakespeare's aus der Bibliothek des Corpus Christi 
College ans Licht gefordert worden. Als eine dritte Quelle 
wird von Capell ein Herr Jones zu Tarbick bezeichnet, des- 
sen Mittheilungen auf Oldys und Capell übergingen. *Mr 
Jones, so lauten Capell's Worte, der zu Tarbick in Wor- 
cestershire ein paar (englische) Meilen von Stratford am 
Avon lebte und im Jahre 1703, über^go Jahre alt, verstarb, 
erinnert sich, von mehreren alten Leuten zu Stratford die 
Geschichte, wie Shakespeare in Sir Thomas Lucy's Park 
wilddiebte, gehört zu haben.' Derselbe Jones soll auch die 
Verse aufgeschrieben haben, durch die Shakespeare [den 
Ritter verhöhnte: 

A parliamente member, a justice of peace, 
At honte a poore scare-crow, at London an asse; * 
If lowsie is Lucy, as some volke miscalU it ;• 
Then Lucy is lowsie ^ whatever befalle it: 

He thinkes himself greate, 

Yet an asse in his State 
We allowe by his eares but with asses to mate. 
If Lucy is lowsy, as some volke miscaUe it. 
Sing lowsie Lucy, whatever befalle it. 

Capell's mütterlicher Grossvater, Thomas Wilkes, habe diese 
Strophe aus dem Gedächtnisse seinem, Capell's, Vater mit- 
getheilt, und dieser sie wiederum aufgeschrieben. So erzählt 
Capell, der fiir seine Person durchaus zuverlässig ist; auch 
stimmt seine Version der Strophe fast ganz mit der von 
Oldys gegebenen überein. Ueber die Echtheit dieser Verse 
sind die Meinungen der Kritiker getheilt; unseres Dafür- 
haltens ist ihr Ton nichts weniger als shakespearisch und 
trotz aller aufgestellten äussern Gründe lässt sich nicht an 



i) Rev. William Fulman (gest. 1688) hinterliess seine Papiere an Rev. 
Richard Davies , Rektor von Sapperton in Gloucestershire und Archdeacon 
XU Lichfield (gest. 1708), und dessen Nachlass kam nach Oxford. 

2) *The people of those parts pronounce lowsie like Lucy,* Drake 198. 
Vergl. Knight, Wm Sh.; a B. 229 fg. 



121 

ihre Echtheit glauben. Eine zweite Strophe, die in Hunter's 
Dlustrations I, 53 fgg. angeführt wird, ist entschieden unecht 
und rührt möglicher Weise von dem Stratforder Localpoeten 
John Jordan her, dessen Bekanntschaft wir in einem spätem 
Abschnitt machen werden. Ein zweites Spottlied durch das 
Shakespeare sich am Ritter gerächt haben soll — es kann 
unmöglich mit der obigen Strophe einem und demselben 
Gedichte angehört haben — ist von Hause aus schlecht 
empfohlen. Es lautet: 

5fr Thomas was too covetous 
■ To covet so much deer, 
When horns tnough upon his kead 
Most piainly did appear, 

Had not his Worship one deer leftP 

Wkat then? He had a wife 
Took pains enough to find him horns 

Should last htm during life. 

Diese Strophen stammen aus einer zwischen 1727 — 1737 
verfassten handschriftlichen Geschichte der Bühne her, die 
zahlreiche Fälschungen enthält. Der unbekannte Verfasser 
giebt an, der Cambridger Professor Josua Barnes habe vor 
ungefähr 40 Jahren (1690), als er einmal in Stratford gewesen, 
eine alte Frau im Gasthause ein Bruchstück des Liedes sin- 
gen hören und ihr für die beiden folgenden (d. h. die ange- 
führten) Strophen ein neues Kleid geschenkt und habe oft 
erzählt, dass er ihr zehn Guineen gegeben haben würde, 
wenn sie es vollständig hätte hersagen können. * Nach dieser 
Darstellung klingt es allerdings, als sollten die Verse: Sir 
Thomas was ' too covetous &c. eine Fortsetzung von A Par* 
liamente member &c. sein, wozu sie weder im Versmasse 
noch im Tone passen. Das alles ist sehr verdächtig, und 
wie sehr auch das Wortspiel deer imd dear in Shakespeare's 
G^ist zu sein scheint, so bleiben nach allem die Verse am 
besten sich selbst überlassen. Merkwürdig und auffallend 
bleibt es dabei jedoch, dass Sir Thomas in der Grabschrift 



i) Drake 19S. Nach einer andern Version wären die beiden Strophen 
in einer alten Schublade in Stratford aufgefunden worden. 



122 

seiner 1596 gestorbenen Gremahlin diese gegen dieselben 
Nachreden in Schutz zu nehmen scheint, Welche in diesen 
Strophen enthalten sind. ' Er sagt darin, sie sei ^never de' 
tected 0/ any crime or vice .... in love to her husband 
tnost faithful and true . , . . . misliked of none unless the 
envious^ Hunter, der diese Grabschrift a. a. O. vollständig 
giebt, während bei Knight (210) der allerdings unwesentliche 
Eingang fehlt, lässt sich dadurch bestimmen, die Spottverse 
für echt zu halten, und Kurz, der Hunter nicht benutzt hat, 
scheint im Herzen geneigt ebenfalls an ihre Echtheit zu 
glauben; wenn sie gefälscht seien, meint er, so seien sie 
wenigstens gut gefälscht. Die Grrabschrift, sagt er, sei ent- 
weder 'eine ungeheure Abgeschmacktheit oder ein Beweis, 
dass der Ritter Ursache hatte, seine Gemahlin gegen Nach- 
reden zu vertheidigen.' Es scheint uns sehr beg^reiflich, 
diass sich Lady Lucy bei den Stratfordem eben so wenig 
wie ihr Gemahl einer freundlichen Gesinnung und eines be- 
sondem Rufes erfreut haben wird, denn allem Vermuthen 
nach wird sie bezüglich der ungastlichen Knauserei wie des 
aristokratischen Hochmuths seine würdige Genossin gewesen 
sein; dass es dem Ritter auch am letztem nicht gebrach, 
wird sich gleich zeigen. Der Hausbau, der Besuch der 
Konigin und die Grründung des Wildparks hatten jedenfalls 
das Vermögen des Ritters stark in Anspruch genommen, 
und das Ehepaar glaubte den Städtern gegenüber, die es 
gewiss tief unter sich sah, durch gemeinschaftliche Sparsam- 
keit seine Mittel wieder heben zu müssen. Abneigung und 
Verstimmung machten sich also gegen die Lady eben so gut 
geltend wie gegen den Ritter, und die Entstehung nach- 
theiliger und vermuthlich übertriebener Gerüchte über sie 
erklärt sich auf die natürlichste Weise. Diese sich im 
Volksmunde fortpflanzenden und vergrossemden Gerüchte 
können dem unbekannten Verfasser der Spottverse sehr 
wol zu Ohren gekommen sein, so dass die Uebereinstim- 
mung der letztem mit der Grabschrift keine Verwunderung 
erregen kann. 

Für Shakespeare's Wilddieberei selbst liegt übrigens 
noch eine weitere Bestätigung anderer Art vor, indem man 



123 

in Erwägxing aller übrigen Umstände nicht umhin können 
wird die Anspielungen in der Eingangsscene der Lustigen 
Weiber als eine solche anzusehen.* Schon der oftgenannte 
Davies bemerkt, Shakespeare's Rache — wir fragen wofür? 
— sei so gross gewesen, dass er den Ritter in seinem 
Justice Clodpate (d. h. Schafskopf, ein üblicher Spottname) 
dargestellt und ihm in Anspielimg auf seinen Namen drei 
Läuse ^rampanV zum Wappen gegeben und ihn einen grossen 
Mann genannt habe. Die letztere Bezeichnung findet sich 
zwar nicht im Stücke, allein der Adelsstolz und Amtsdünkel 
des Richters Shallow sprechen sich in allen seinen Worten 
auf das beredteste aus, und da es auch in der Ballade von 
Sir Thomas heisst: he thinks himself great^ so ist es gewiss 
ein gerechtfertigter Schluss, dem Ritter eine nicht minder 
beträchtliche Dosis von Geburtsstolz und Ueberhebimg als 
von unliebenswürdiger Sparsamkeit zuzuschreiben.* Grenug 
Justice Shallow ist offenbar das Konterfei des Sir Thomas; 



i) Auch die folgenden Stellen bei Shakespeare werden mit dem Wild- 
diebstahl insofern in Verbindung gebracht, als sie wenigstens des Dichters 
Jagderfahning zu bestätigen scheinen. Zunächst die Schilderung des 'Hmorous 
flying hare* in Venus und Adonis; sodann die sehr verdächtigen Worte des 
Prinzen Demetrius in Titus Andronicus (II, i): 

Wie? hast du nicht gar oft ein Reh erlegt, 
Und vor des Försters Nase heim gepascht? 

Die Beschreibung des verendenden Hirsches in Wie es euch gefallt I, 2 
schmeckt sehr nach eigener Erfahrung des Dichters; sogar der Bach, d. h. 
der Avon, fehlt nicht — es ist offenbar eine am Ufer desselben selbsterleb tc 
Scene« Bemerkenswerth ist endlich die Sachkenntniss, mit welcher die Eigen- 
schaften der Jagdhunde (Sommemachtstraum IV, i. Komödie der Irrungen 
rV, 2) und das Aufbrechen des Wildes (Lustige Weiber V, 5: Divide tne 
like a brib*d bück &c.) beschrieben werden. 

2) Um die Charakteristik des Sir Thomas zu vervollständigen zieht 
Kurz a. a. O. auch jenen Sir William Lucy (vielleicht einen Ahnherrn) herbei, 
welcher in i Henry VI, IV, 7 die Titel und Würden des gefallenen Talbot 
im abgeschmacktesten und lächerlichsten Heroldstyl herleiert. Die Titelsucht 
des Robert Shallow, Esquire, in the eounty of Gloucester, justice of peace, 
and Coram and Custalorum and Rotalorum too, der sich in any bill, Warrant, 
quittanee, or Obligation Armiger unterschreibt, stimmt damit allerdings nahe 
nberein, und der Spott des Dichters darüber ist deutlich zwischen den Zeilen 
zu lesen. 



124 

das Wappen der Familie Lucy waren in der That 'three luces 
hariant en argent'^ ^It is an old coaV sagt Shallow mit 
Selbstgefühl und vertritt damit zugleich die muthmassliche 
Stichelei des Sir Thomas Lucy auf das junge Wappen der 
Shakespeare's. Der Dank des hinzutretenden Page für das 
übersandte Wildpret ist ein nicht misszuverstehender Hieb 
auf des Ritters geizige Missachtung der üblichen Geschenke 
an die Stratforder und die ^cony^catching rascalsy Bardolphy 
Nym, and PistoV bedeuten des Dichters Kameraden, die, 
wie das doppelsinnige ^ cony - catching* zu verstehen giebt, 
sich auch Kaninchen aus dem Gehege zu Charlecote holten, 
wenn keine Bocke zu bekommen waren.* Die Drohung 
Shallow's: The Council shall hear it; it is a riot, erinnert 
an den 'riot* der 35 Stratforder gegen Thomas Lucy, esquier, 
der diesen gewiss in Wuth versetzt hatte, während die 
Worte FalstafFs : / will answer it straight; I have done all 
this. That is now answered^ wie ein offenes und ehrliches 
Bekenntniss des Dichters klingen, der mit männlicher Grrad- 
heit einen Jugendstreich eingesteht, von dem seiner Ueber- 
zeugimg nach viel zu viel Aufhebens gemacht worden war.* 



i) 'The Luce or Pike is very dbundant in this pari of the Avon, and 
there may still he seen in the kitchen of Charlecote -House, the representaiion 
of a pike, weighing forty pounds, native of this stream, and caught in the 
year 1640.* Drake 196. 

2) *We gather from Decker' s " English Villanies" that Jormerly the 
sharpers termed their gang a warren, and their simple victims rabhit - suckers, 
or conies,* Karting, The Ornithology of Sh. (Lond. 1871) p. 149. 'The coney 
is called the first year a rabbet, and afterwards an old coney,* R. Blome, 
The Gentleman's Recreation (1686) bei Karting, 1. 1. p. 12. — Kaninchen 
wurden in Netzen gefangen; As You Like It in, 2. 3 K. Henry VI, I, 4. 

3) 'De toutes les sottises de Falstaff, la seule dont il ne soit pas puni, 
c^est d^avoir "tui le daim et hattu les gens" de Shallow , exploit d^aiüeurs 
beaucoup plus conforme ä Vidde que Shakespeare pouvait avoir conserv/e de 
sa propre jeunesse, qu*ä Celle qtCil nous a donn^e du vieux chevaUer, d^or* 
dinaire pluttt battu que battant. Tout Vavantage resta ä Falstaff dans ceite 
affaire, et Shallow, si clairement d^signi par les armes de lafamille de Lucy, 
iCest nulle part aussi ridicule que dans la seine oü il exhale sa coUre contre 

son voleur de gibier, A coup sür, peu d^anecdotes historiques peuvent 

produire, en faveur de leur authenticiti , des preuves morales aussi con* 
cluantes,* Ghiizot, Shakespeare et son temps (Paris, 1852) 32 fg. 



125 ' 

Seiner Auffassung nach verdiente der Ritter, der wie seine 
andern Standesgenossen ein Auge hätte zudrücken sollen, 
statt Sturm zu läuten, für seine Albernheit und Ueberhebung 
nur ausgelacht zu werden. Wenn nicht alles trügt, so 
müssen die Eingeweihten bei dieser ersten Scene der 
Lustigen Weiber in ein homerisches Gelächter ausgebrochen 
sein, und kein grösserer Triumph des Dichters über seinen 
und seiner Mitbürger alten Widerpart scheint ims denkbar, 
als eine Aufführung des Stückes in Stratford, wo freilich die 
Theaterpassion vor dem anwachsenden Puritanismus mittler- 
weile bereits auf dem Rückzuge war. Dass Shakespeare 
in die Lustigen Weiber mehrfache Anspielimgen hineinge- 
heimnisst hat, ist bereits bei Gelegenheit des mit dem 
Knaben William angestellten Examens erwähnt worden; die 
Geschichte vom Vetter Garmombles ist ein weiterer Beleg 
dafür. Der Dichter hat sich mit diesen Neckereien so zu 
sagen gütlich gethan. 

Wie wir gesehn haben, wird sowohl die Verspottung 
des Ritters in den Lustigen Weibern als auch das angebliche 
Schmähgedicht als ein Akt der Rache seitens des Dichters 
dargestellt. Es heisst auch überall, der Ritter habe Shake- 
speare gerichtlich verfolgt (prosecuted), aber vor welchem 
Gericht und mit welchem Erfolge erhellt nirgends; es ist 
auch nicht sehr wahrscheinlich. Sir Thomas war ja selbst 
Friedensrichter — vielleicht auch eben Sheriff — imd hätte 
mithin Richter in eigener Sache sein müssen. Hatte Shake- 
speare beim Ritter gewilddiebt — einmal oder öfter — so 
gab ihm das keinen Grund, sich dafür zu rächen, selbst 
wenn Sir Thomas die Sache erfahren und ihm mit gericht- 
licher Verfolgung gedroht haben sollte; die Rache hätte in 
diesem Falle vielmehr dem Ritter obgelegen. Es muss mit- 
hin etwas vorgefallen sein , wodurch sich der junge Dichter 
seinerseits entweder thatsächlicl\ oder vermeintlich beleidigt 
sah und was in ihm ein starkes und dauerndes Rachgefühl 
hervorrief. Etwas Arges musste es sicherlich sein, was 
noch nach einer Mandel Jahren den Spott des freundlichen 
und müden Dichters in solcher vernichtenden Schärfe heraus- 
zufordern im Stande' war, und wir werden dabei unwillkür- 



126 

lieh an Davies' Worte erinnert, Shakespeare sei vom Ritter 
oftmals gepeitscht und bisweilen ins Gefangniss gesetzt wor- 
den. Die Uebertreibung imd Vergröberung des wirklichen 
Sachverhalts durch gedankenlose Volksüberlieferung ist hier 
handgreiflich, allein bei der Sonderung des Wahren vom 
Falschen sind wir auch hier lediglich auf Vermuthung ange- 
wiesen. Es scheint uns jedoch keineswegs das Mass der 
Wahrscheinlichkeit zu überschreiten, wenn wir uns den Her- 
gang folgendermassen denken. Shakespeare hatte mit sei- 
nen Freimden wiederholt in Charlecote — vielleicht auch in 
Fulbroke Park — gewildert, denn das Gelingen des ersten 
Males hatte sie nur zur Wiederholung gereizt, imd eine Ent- 
deckung war damals, wo man sich noch der Armbrust statt 
der Büchse bediente, weniger zu furchten als heutigen Tags. 
Nichtsdestoweniger konnte dem Ritter die Sache nicht ver- 
borgen bleiben, um aber die Frevler zu strafen musste er 
sie doch erst kennen und in seine Gewalt bringen. Er wies 
also seine Leute an, den ungebetenen nächtlichen Gästen 
aufzidauem imd ihnen entweder einen tüchtigen Denkzettel 
auf den Rücken zu schreiben oder sie festzuhalten, damit 
er sie irevi manu im Wildwärterhause oder sonst wo ein- 
stecken konnte. Eins von beiden — oder beides — geschah, 
aber die Wildfange, welche eine solche Vergeltung eines 
als gentlemännisch geltenden Sports imerhSrt und imerträg- 
lich fanden, drehten nun den Spiess um; sie kamen mit 
Verstärkung wieder, prügelten seine Leute und erbrachen * 
sein Jagdhaus — dass sie dabei keine Zeit hatten, des Park- 
hüters Tochter zu küssen, wie ihnen vielleicht obenein noch 
Schuld gegeben wurde oder in ihren Wünschen gelegen 
hätte , begreift sich. ^ Jetzt schäumte der Ritter vor Wuth 



l) But not Jtissed your keeper's daughter? ist nach FA eine Frage. 
Habe ich nicht auch eures Wildhüters Tochter gekusst? FalstafF meint, ilas 
wäre ein eben so grosses Vergehen, als dass er dem Ritter Wild getödtet 
und seine Leute geschlagen hat; der Ritter möge ihm nur immerhin auch 
dies Verbreche*! noch auf sein Conto schreiben. — Die ganze Geschichte 
erinnert unwillkürlich an eine Stelle in Beaumont und Fletcher's Knight of 
the Bnming Pestle 1 , i , die sich fast wie eine Anspielung auf Shakespeare 
ausnimmt : 



127 

und drohte allen Ernstes die Sache vor die Stemkammer zu 
bringen ; die ordentlichen Gerichte scheinen, vielleicht in Er- 
mangelung eines bezüglichen Gesetzes oder weil dem Wildge- 
hege des Ritters die gesetzliche Qualüication fehlte, incom- 
petent gewesen zu sein. Die Sache war eben kein gesetzlich 
strafbares Vergehen, sondern wurde es erst in Folge von 
Shakespeare's Wilddieberei durch die von Sir Thomas betrie- 
bene Bill zum Schutze der Jagd. Fär Shakespeare war es 
jetzt das Gerathenste seinem Zorne und seiner Verfolgung so 
weit als mogUch aus dem Wege zu gehen. ^ Ob er ihm noch 
zum freundlichen Andenken die Spottverse A parliamente 
member &c. ans Parkthor heftete oder nicht, bleibt dabei 
ziemlich gleichgültig; unglaublich ist's keineswegs. Kurz 
meint zwar, wenn Sir Thomas keinen wirklichen Park ge- 
habt habe, so komme damit auch Parkthor und Wärterhaus 
(lodge) in Wegfall. Er ninunt jedoch selbst an, dass er ein 
Kaninchetlgehege und Hochwild darin gehabt habe; folg- 



Hum. But how far 

Is it now distant from the place we are in 
Unto that hUssed place, your fathet^s warten F 

Luce. IVhat makes you think of that, sirP 
• Hum. Even that face; 

For stealing rabbits whilome in that place, 
God Cupid, or the keeper, I know not whether, 
Unto my cost and charges brought you thither. 
And there began — 

Luce. Your game, sirt 

Hum. Let no game, 
Or anything that iendeth to the samt, 
Be ever more remember'd, thou fair killer, 
' For whom I säte nte down and broke my tiller» 

I) Bei R. Gr. White, Shakespeare's Works I, XLTTI findet sich (ohne 
Angabe der Quelle) eine Notiz, dass Sir Thomas auf Verwendung des Grafen 
Leicester von der Verfolgung Shakespeare's abgestanden sei. Nun hatte zwar 
Leicester, wie wir oben gesehen haben; früher einen Arden in Diensten, 
allein dieser hatte längst seine Gunst verloren und war sogar 1583 auf seinen 
Betrieb hingerichtet worden. Unter diesen Umständen ist es nicht wahr- 
scheinlich, dass sich die Familie Shakespeare mit einem Bittgesuche an ihn 
gewandt haben sollte, und unaufgefordert wird er sich nicht um sie beküm- 
mert haben. 



128 

lieh musste er auch einen Wildhüter oder Aufeeher für 
dies Gehege halten, um so mehr als er bemüht war es zu 
vergrossem und ßmporzubringen, und dieser musste im Ge- 
hege sein Häuschen haben. Wem diese Schlussfolgenmg 
nicht beweiskräftig scheinen sollte, der findet bei Shake- 
speare eine ausdrückliche Bestätigung, dass auch ein Kanin- 
chengehege des Hüterhäuschens nicht entbehrte; I found 
htm here as melancholy as a lodge in a warten, sagt Bene- 
dick in Viel Lärmen um Nichts 11, i. 

Noch Eine Bemerkung muss hinzugefugt werden, ob- 
gleich ihre weitere Ausfuhrung nicht an diese Stelle gehört. 
Wird nämlich zugestanden , dass der Eingang der Lustigen 
Weiber auf Sir Thomas Lucy gemünzt ist, so muss das 
Stück nothwendiger Weise noch bei seinen Lebzeiten ge- 
schrieben sein.* Denn abgesehn davon, dass der Spott nach 
dem Tode des Ritters gegenstands- imd wirkungslos ge- 
wesen wäre, so wird auch Niemand Shakespeare für fähig 
halten, dass er dem todten Gegner — selbst wenn er nichts 
weniger als ein Lowe war — gewissermassen einen Fuss- 
tritt versetzt haben sollte. Sir Thomas Lucy ging 1600 mit 
Tode ab, während die Lustigen Weiber erst i6oi in die 
Register der Buchhändler -Gilde eingetragen wurden und 
1602 im Druck erschienen. Es ist aber eine bekannte That- 
sache, dass die Stücke häufig, ja regelmässig bereits längere 
Zeit auf der Bühne waren, ehe an ihre Herausgabe gedacht 
wurde, so dass nichts im Wege steht, die Lustigen Weiber 
einige Jahre früher anzusetzen, was ohnehin aus andern 
Gründen wahrscheinlich ist.* 



i) Ch. A. Brown, Autobiographical Poems '21^23 macht geltend, Sir 
Thomas Lucy sei todt gewesen , als die Lustigen Weiber zur Aufführung ge- 
kommen seien, und erklärt sich auch aus diesem Grunde gegen die ganze 
Wilddieberei • Geschichte. 

2) Kurz, Shakespeare's Leben und Schaffen loi i%%, nimmt das J. 1595 
an, und Knight, Studies of Shakespeare, lässt die Lustigen Weiber Heinrich IV 
und Heinrich V vorangehen. Die Erwähnung der Cotswold- Spiele in den 
Lustigen Weibern (I, i) widerspricht dieser Zeitbestimmung nicht; s. Drake 
123. 



129 — ~ 

THe Wilddieberei mit ihren drohenden Folgen trat also 
zu der Dürftigkeit und dem Unfrieden der häuslichen Ver- 
hältnisse hinzu, um den Wendepunkt in Shakespeare's Le- 
bensgange herbeizuführen. Im Januar 1585 hatte Anna 
Zwillinge geboren, und wenn die Vermuthung nicht allzu 
kühn ist, so hatte Shakespeare den letzten imd folgen- 
schwersten Wilddiebstahl begangen, um sich einen Braten 
zum Kindtaufsschmause zu schiessen. Die Taufe fand am 
2. Februar Statt, und die Täuflinge erhielten die Namen 
Hamlet (oder Hamnet)* und Judith, jedenfalls nach ihren 
Pathen, dem Ehepaar Hamlet imd Judith Sadler. Dieser 
unerwartete Kindersegen steigerte die Schwierigkeit der 
Lage aufs Aeusserste und versetzte den jugendlichen Vater 
in die gebieterische Nothwendigkeit einen entscheidenden 
Schritt zu thun, um der ihm obliegenden Fürsorge fiir seine 
Familie gerecht zu werden, um so mehr, als ihm die Geburt 
eines Namenserben diese Fürsorge zu einer besondem Her- 
zenssache machte, denn welches Vaterherz würde nicht durch 
die Geburt eines Sohnes zu erhöhter Freude und Hoffiiung be- 
wegt ? * Um wie viel mehr mussten gerade in Shakespeare's 
Brust goldene Zukunftsträimie aufsteigen, in dem überdies der 
dichterische Drang und die schöpferische Kraft nur auf das 
Feld warteten , wo sie sich Luft machen , auf das Ziel , dem 
sie zustreben konnten. Ein solches Feld imd Ziel war aber 
nur in London zu finden, von dem das Sprichwort noch 
heute sagt, dass seine Strassen mit Gold gepflastert seien. 
Und wohin anders konnten Shakespeare's Neigungen und 
sein Talent sich drängen als zur literarischen Laufbahn 
und zu den Brettern, welche die Welt bedeuten und die ihm 
schon in seiner Knabenzeit die Welt der Ideale verkörpert 
hatten? Dass er den advokatorischen Beruf daran gab, be- 
darf keiner langen Erklärung; Stubensitzerei imd Schreiber- 
arbeit war nicht seine Sache und war auch schwerlich seine 

eigene, sondern seines Vaters Wahl gewesen. Welcher 

% 

i) In den Stratforder Urkunden bei Halliwell wird der Name Amblett, 
Hamlet und Hamnet geschrieben. 

2) S. Shakespeare's Hamlet herausgeg. von Elze XXIIIv 
£Lse, Shakespeare. Q 



130 

dichterische Jüngling hätte je geschwankt ein Brotstudium 
mit dem Dienste der Musen zu vertauschen, wenn ihn nicht 
äusserer Zwang gefesselt hielt? Dass der Uebergang schon 
zu Shakespeare's Zeiten kein seltener war, beweist Beau- 
mont und mancher Andre. Ja es liegt nahe zu glauben, 
dass Shakespeare in der letzten Zeit schon begonnen hatte 
den Beruf zu vernachlässigen, dem er sich anfänglich mit 
Eifer und vielleicht sogar mit einer gewissen Leidenschaft 
zugewandt haben mochte. 

So flössen in Shakespeare's Seele verschiedene Beweg- 
gründe, einer immer stärker als der -andere, zusammen, um 
seinen Entschluss zur That reifen zu lassen; welcher Beweg- 
gnmd den Ausschlag gab, mochte er selbst nicht wissen, 
geschweige dass wir es nachzuweisen vermöchten. Wie 
sein eigener Prinz Heinz stiess er die niedere Lebenssphäre» 
in der er sich bislang bewegt hatte, mit dem Fusse von 
sich und schwang ^ich durch eine kühne That in eine höhere, 
deren höchster und leuchtendster Gipfel er selbst zu werden 
bestimmt war; Prinz Heinz bestieg den Thron England's, 
Shakespeare den der dramatischen Poesie. 

. Zweifelhaft mag es scheinen, ob Shakespeare's Absichten 
bei seiner Flucht oder Uebersiedlung nach London haupt- 
sächlich auf die schriftstellerische oder auf die schauspiele- 
rische Laufbahn gerichtet waren. Knight (283 fgg.) wird 
wol Recht haben, wenn er sich fiir das Erstere entscheidet 
imd den Hergang so auffasst, dass sich in Shakespeare nicht 
sowohl der Dichter aus dem Schauspieler, sondern vielmehr 
der Schauspieler aus dem Dichter entwickelt habe. Alle 
innere Wahrscheinlichkeit spricht dafür, dass er mit Venus 
und Adonis und vielleicht mit einem oder dem andern Drama 
in der Tasche nach London ging, um dort seine Geistes- 
kinder in die OeflFentlichkeit zu bringen, wie Schiller mit 
dem Manuscript des Fiesco aus Stuttgart floh. Gewiss ver- 
sprach er sich, wie alle jungen Dichter, goldene Bergfe 
davon , und sein^ Zuversicht hat ihn ungleich weniger ge- 
täuscht als tausend Andere. Die eigentliche Goldmine lag 
freilich nicht in der Schriftstellerei, sondern wie wir aus den 
unzweideutigsten Zeughissen wissen in der Schauspielerei, 



131 

und zu dieser Erkenntniss musste Shakespeare alsbald nach 
seiner Ankunft in London kommen, wenn es nicht schon in 
Stratford geschah. Dieser Umstand liess ihn denn auch über 
die geringe Achtung hinwegsehen, welche der Schauspieler- 
stand damals genoss und die er in seinen späteren Jahren 
bitter empfinden sollte. Vermuthlich war es weniger der 
innere Trieb zur Schauspielkimst , als das Verlangen seine 
und der Seinigen Lage gründlich und bleibend zu verbessern, 
was seine Wahl entschied; hätte er sich nicht in dürftigen 
oder bedrängten Umständen befimden, so wäre er — trotz 
einer Neigung, die nicht hinweggeleugnet werden soll — 
vielleicht nicht Schauspieler geworden. 

Gewohnlich wird das Jahr 1586 ocler 1587 als der Zeit- 
punkt angenommen, zu welchem sich Shakespeare von sei- 
ner Heimath losriss, ohne dass jedoch irgend welche be- 
stimmten Grründe zu Gunsten dieser Annahme geltend gemacht 
werden könnten. Wir haben unsere Ueberzeugung bereits 
dahin angedeutet, dass Shakespeare im Frühjahr oder Som- 
mer 1585 nach London gegangen sein muss; auch die Gründe 
für diese abweichende Zeitbestimmung sind bereits im Ver- 
laufe unserer Darstellung angegeben. Alle Umstände lassen 
sich so nicht allein am besten vereinigen, sondern scheinen 
uns formlich auf diesen Zeitpunkt hinzudrängen — die Ge- 
burt der Zwillinge und die entscheidende Wilddieberei, die 
schon desshalb in die ersten Monate des Jahres 1585 gesetzt 
werden muss, weil wir sehr bald danach Sir Thomas Lucy im 
Parlamente bemüht sehen, seinen Wi^dstand durch gesetz- 
liche Massregeln zu schützen. Aber auch eine andere Erwä- 
gung spricht für 1585. Wir haben gesehn, dass Shakespeare 
bereits 1589 bedeutend ^enug war, um von Thomas Nash an- 
gegriffen zu werden imd aller Wahrscheinlichkeit nach (ausser 
andern Stücken) schon damals den Hamlet in seiner ersten 
Gestalt auf die Bühne gebracht hatte. Im folgenden Jahre 
schrieb er wahrscheinlich schon den Sommemachtstraum, 
und im J. 1592 hatte er bereits eine so hohe Stufe sowohl 
des Ruhmes als auch des Wohlstandes erstiegen, dass ihn 
Robert Greene in seinem nachgelassenen Pamphlet A Groats- 
worth of Wit als 'an absolute Johannes Factotum and^ in 

9* 



132 

■ 

his awn conceity the only ShakC'Scene in a country^ be- 
zeichnen konnte. Shakespeare's Laufbahn, wie wunderbar 
schnell sie auch zum Gipfel emporstieg, würde ans Un- 
glaubliche gränzen, wenn er eine solche Höhe in vier oder 
fünf Jahren erreicht haben sollte. Ueberhaupt fuhren die 
neuesten Untersuchungen darauf hin, dass die von den frü- 
hem Biographen und Kritikern angenommenen Daten in 
Shakespeare's Lebensgeschichte fast durchgängig etwas zu 
spät angesetzt sind. Er begann ganz ähnlich wie B. Jonson 
seine Laufbahn sehr frühe und schwang sich sehr schnell 
empor, allein man darf dies schnelle Emporsteigen nicht aus- 
schliesslich auf die ersten Jahre seines Londoner Aufenthaltes 
beziehen wollen, sondern es vertheilt sich gleichmässig über 
seine ganze Lebensentwickelung. Aus diesen Gründen hal- 
ten wir 1585 als deis Jahr der Shakespeare'schen Hegira — 
wie man sich öfter ausgedrückt hat — fest.^ 



l) Wie wir bei der Biographie Shakespeare's auf Schritt und Tritt von 
Verlegenheiten, Schwierigkeiten und Räthseln umgeben sind, so auch hier. 
In: The Castell of Courtesie, Chariot of Chastitie, and Diana and Venus by 
James Yates, ServingQian, London 1582, John Wolfe, 4^** finden sich S. 16: 
Verses written at the Departure of his friend W. S. when hee went to 
Dwell at London, in welchen mit dem Namen Will in ganz ähnlicher Weise 
gespielt wird wie in Sonett 135, 136, 143. Ist es möglich, dass dieser W. S. 
wirklich William Shakespeare war? Dann müsste er schon vor 1582 einen 
Versuch gemacht haben nach London überzusiedeln, was allerdings mit einer 
gleich zu erwähnenden Vermuthung Lord Campbell's nahe zusammen treffen 
würde. Anna Hathaway hätte dann vielleicht gar den Flüchtling zurückge- 
holt, damit er seinen Verpflichtungen gegen sie nachkomme. Hier fehlt uns 
aller Boden unter den Füssen, doch scheint der Umstand noch eine nähere 
Untersuchung zu verdienen. Nach Drake 339 scheint The Castell of Cour- 
tesie ein Unicum zu sein; leider' giebt er nichts Näheres darüber an. Vergl. 
Censura Litteraria HI, 175 und FennelFs Shak^peare-Repository 6. 



III. 

LONDON. 



Ueber die Art und Weise, wie Shakespeare's Eintritt 
in London erfolgte , wird uns nicht der leiseste Fingerzeig 
zu Theil, und unsere Einbildungskraft hat daher freien Spiel- 
raum sich denselben nach Gefallen auszumalen. Die entschei- 
dende Frage ist, ob wir es mit einer wirklichen Flucht oder 
mit einer Uebersiedlung zu thun haben. Verliess Shakespeare 
seine Vaterstadt heimlich oder mit Wissen und Wilfen seiner 
Familie? Liess ihn seine Frau gutwillig ziehen oder floh er 
vielleicht mehr noch vor ihr als vor Sir Thomas Lucy? 
Das sind Fragen, auf welche es keine anderen Antworten 
giebt als Vermuthungen je nach dem Bilde, welches man 
sich von Shakespeare's Charakter, seinen Familienverhält- 
nissen und seiner ganzen Lage entwirft. Handelte es sich 
in der That um eine heimliche Flucht, so mag es Shake-. 
speare vielleicht ähnlich ergangen sein, wie wenige Jahre 
später einem jungen Landsmanne, der möglicher Weise 
sogar ein weitläufiger Verwandter von ihm war. Das war 
John Sadler , wie Himter (Illustrations I, 69) vermuthet ein 
Neffe Hamlet Sadler's imd Schwager eines Quiney, über 
dessen Lebenswendung seine Tochter folgende Nachricht 
giebt.* 'Der Vater dieses John Sadler, so lautet ihr Be- 
richt, war ein vermögender Mann zu Stratford, welcher ein 
Einkommen von 400 Pfund besessen, dasselbe jedoch durch 
seine verschwenderische Lebensweise (his generous living) 



i) The Holy Life of Mrs Elizabetli Walker, late Wife of A. Walker, 
D. D., Rector of Fyfield, in Essex. Lond. 1690. 8^°. 



134 

auf 80 Pfund herabgemindert hatte. Er hatte für seinen Sohn 
eine gute Partie auf dem Lande ausfindig gemacht, weshalb 
er ihn mit einem neuen Anzüge, einem guten Pferde und 
baarem Gelde versah und ihn auf die Werbung fortschickte. 
Der Sohn jedoch, der sich vor der Ehe fürchtete, gesellte 
sich unterwegs dem Hauderer (carrier) ^ zu und kam mit 
diesem nach London , wo er noch nie gewesen war. Hier 
verkaufte er in Smithfield sein Pferd und ging, da er keiner- 
lei Bekannte in London besass, von Strasse zu Strasse und 
von Haus zu Haus mit der Frage, ob man nicht einen Lehr- 
ling brauche; nach tausend abschlägigen und hohnischen 
Antworten fand er bei Mr Brooksbank, einem Krämer (grocer) 
in Bucklersbury, ein Unterkommen und arbeitete sich all- 
mählich zu einem geachteten und wohlhabenden Kaufmann 
empor.' 

Anders haben wir uns den Hergang zu denken, wenn 
wir mit Lord Campbell annehmen, dass Shakespeare bereits 
im Auftrage seines Prinzipals zur Besorgiing von Rechts- 
geschäften in London gewesen und folglich • kein völliger 
Fremdling daselbst war; möglicher Weise hatte er bei einer 



i) Thornbury (Shakespeare's England I, 342 und 11, 26) sagt, leider 
ohne Quellenangabe, dass um 1564 von Canterbury, Norwich, Ipswich und 
andern Qrten grosse Zeltwagen in Gang gesetzt wurden, um Reisende und 
Gepäck nach London zu bringen. Milton hat den Cambridger 'University 
Carrier' Thomas Hobson in zwei Grabschriften gefeiert. Im J. 1544 geboren, 
hatte dieser Hobson seit 1564 (Shakespeare's Greburtsjahr) bis zu seinem Tode 
(1631) allwöchentlich die Fahrt von Cambridge nach London und zurück ge- 
macht, und sich dadurch wie durch den gleichzeitigen Betrieb der Acker- 
wirthschaft, Bierbrauerei und Gasthalterei ein ansehnliches Vermögen erwor- 
ben. Er soll der erste Pferdeverleiher in England gewesen sein und bewährte 
sich in diesem Geschäfte so gut wie in den übrigen als ein redlicher und 
tüchtiger Mann; die Reisenden mussten bei ihm die Pferde der Reihe nach 
entnehmen (daher sprichwörtlich Jlobson^s ckoice). In i K. Henry TV, U, i 
haben die Kärrner allerdings keinen Wagen , sondern nur Packpferde , auf 
denen der eine u. a. eine Speckseite, der andere Truthähne nach London 
bringen soll. Der Sicherheit halber schliessen sich andere Reisende ihnen 
an, denn die Strasse von Rochester nach London war vorzugsweise verrufen. 
Vergl. Rye, England as seen by Foreigners 49 und 219 fg. Möglicher Weise 
h^t sich auch auf die§er wie auf den andern Strassen der Zeltwagen aus dem 
Saumpferde entwickelt. 



135 

solchen Gelegenheit sogar einem oder dem andern Londoner 
Theater einen Besuch abgestattet. Was die von R. Gr. 
White (Shakespeare's Works I, XLVIII fgg.) aufgestellte 
Vermuthung betrifft, dass es Shakespeare's Plan gewesen 
sei, die in Stratford begonnene advokatorische Laufbahn in 
London mit grosserem Erfolge fortzusetzen, so zerfallt sie 
nach dem oben Gesagten in sich selbst. 

Das Einzige, was sich mit einiger Sicherheit aus einer 
Reihe von Thatsachen und Andeutungen abnehmen lasst, 
ist, dass Shakespeare verschiedene Landsleute in London 
besass, von denen sich voraussetzen lässt, dass einer oder 
der andere ihm hülfreiche Hand lieh. An der Spitze dieser 
Landsleute standen James und Richard Burbage, bezüglich 
deren schon Malone die von Knight (500), Collier * u. A. ge- 
billigte Vermuthung aufgestellt hat, dass sie aus Warwick- 
shire stammten. Ein strenger Beweis lasst sich dafür frei- 
lich nicht erbringen, so viel aber ist sicher, dass die Bur- 
bages, gleich den Shakespeares, über Warwickshire und 
die angränzenden Grafschaften, besonders auch Hertfordshire, 
verbreitet, imd dass eine oder mehrere Familien des Namens 
um die Mitte des 16. Jahrhunderts in Stratford ansässig 
waren; ein John Burbage war 1555 Bailiff daselbst, und am 
12. Oktober 1565 verheirathete sich ebenda eine Ursula 
Burbage mit Robert Greene.* Möglicher Weise war der 
junge Burbage mit den Dienern des Grafen Leicester in 
Stratford aufgetreten, und Shakespeare konnte bei dieser 
Gelegenheit seine personliche Bekanntschaft gemacht haben. 
Auch John Heminge, der nachmalige Herausgeber der ersten 
Folio, scheint in Stratford oder Shottery zu Hause gewesen 
zu sein, wo nach Malone mindestens zwei Familien dieses 
Namens lebten. Elisabeth Heminge, Tochter eines John 
Heminge zu Shottery, wurde am 12. März 1567 zu Stratford 



i) Spencer's Works ed. Collier I, XI Note. Der von Collier veröffent- 
lichte angebliche Brief des Grafen Southampton an Graf EUesmere, worin es 
heisst, Shakespeare und Richard Burbage seien 'both of one eountü and 
indeede almost of one iowne,* ist anecht. Knight, Wm Sh«; a. B. 496 fgg. 
2) Vergl. Collier, Memoirs of the Principal Actors 2 und 12. Malone 
bei Drake 203 fg. 



136 

getauft, und Richard Heminge, ebenfalls zu Shottery, liess 
am 7. März 1570 einen Sohn John taufen. Dass der Schau- 

\ Spieler John Heminge nicht im Stratforder Kirchenbuche 
aufzufinden ist, erklärt Malone nicht ohne Wahrscheinlich- 
keit daraus, dass er vermuthlich vor 1558 geboren war. 
Hinsichtlich des ausgezeichneten Komikers Thomas Greene 
versteigt sich Malone's Kombination sogar zu der Annahme, 
dass er ein Verwandter Shakespeare's war.* Zwar ist die 
Echtheit der von Chetwood aus The Two Maids of More- 
clack angeführten Verse, auf welche Malone sich dabei stützt, 
ausserordentlich zweifelhaft, aber es ist nicht unmöglich, 
dass der am 6. März 1589 zu Stratford begrabene 'Thomstö 
Grreene alias Shakspere' der Vater des Schauspielers imd 
ein Verwandter der Shakespeares war. Ein Landsmann 
Shakespeare's, der nichts mit der Bühne zu thun hatte, soll 

f femer der Buchdrucker Richard Field gewesen sein, bei 
welchem Venus und Adonis imd Lucretia gedruckt wurden, 
wenigstens will Collier in den Registern der Buchhändler - 
Grilde unter dem 10. August 1579 folgenden Eintrag gefun- 
den haben: ^Richard Feylde^ sonne of Henry Fetlde^ of 
Siraiford'Upon-Avon, in the countye of Wanjoick, tanner, 
hath put htm seife apprentis to george bishop, Citizen and 
stacioner of London, for VII y er es from Michaelmas next!^ 
Danach wäre Richard ein Sohn jenes Henry Field gewesen, 
dessen Nachlass der Vater des Dichters im J. 1592 abzu- 
schätzen hatte. Auffallig ist es allerdings, dass Malone, 
Steevens, Chalmers u. A. bei ihrer Durchsicht der Buch- 
händler-Register diesen — schon durch seine ausfuhrliche 



x) Vergl. Drake 204. Thomas Heywood, in der Vorrede zu Greene's 
Ta quoqae. 

2) J. P. Collier, Richard Field (the printer of Shakespeare's Venus and 
Adonis and Lucrece), Nathaniel Field, Anthony Munday, and Henry Chettle 
in The Shakespeare - Society's Papers IV, 36 — 40. — Spenser's Works ed. 
Collier I, LXXI. — Unter den obigen Worten steht noch folgender weitere 
Vermerk: * It is agreed that this Apprentis shall serve ihe first VI y er es of 
his appreniiceship with ihe said Vautrollier whose name is inserted in the 
margin to leame the arte of printinge, and the Vl/th yere with the said g. 
bishop.* Sonderbar! Warum das letzte Jahr bei einem andern Prinzipal? 



137 

Genauigkeit verdächtigen — Eintrag nicht 'entdeckt haben, 
und noch ^ffalliger, dass durch denselben die Vermuthungen, 
welche Collier bezüglich R. Field's in seinen Memoirs of 
the Principal Actors aufgestellt hat, wortlich bestätigt wer- 
den. Man kann nur wünschen, dass Collier hier nicht wie 
anderwärts das Unglück gehabt hat, eine unechte Urkunde 
für echt auszugeben. Mit grösserer Sicherheit dagegen lässt 
sich annehmen, dass William Warner, der Verfasser von 
Albion's England (1586) und Michael Dr^yton, der Dichter / 
des Polyolbion, aus Warwickshire stammten, während der 
Sonettist Daniel, Shakespeare's Vorbild, mit einer Dame 
aus Warwickshire verheirathet oder wenigstens in sie ver- 
hebt war — er besingt sie als Delia und sagt, dass sie am 
Avon wohne.* Drayton, nach Aubrey zu Atherston - upon - 
Stour (oder in dem dabei gelegenen Dorfe Harshul) als Sohn 
eines Fleischers 1563 geboren, war gewiss schon frühzeitig 
mit Shakespeare befreundet, wie das in seine Dichtung Ma- 
tilda, the fair and chaste daughter of Lord Robert Fitz- 
water (1594) eingeflochtene Lob auf Shakespeare 's Lucretia 
schliessen lässt;* auch wird er kurz vor Shakespeare's Tode 
als dessen Genosse oder Gsist in Stratford namhaft gemacht. 
Selbst Spenser, obwol unzweifelhaft in London geboren, 
verlebte möglicher Weise seine Jugend in Warwickshire, 
wo sein Vater im J. 1569 zu Kingsbury ansässig gewesen 
zu sein scheint." Collier macht für seine Beziehimgen zu 
Warwickshire auch den Umstand geltend, dass er 1596 die 
sechs ersten Bücher der Faerie Queene bei Richard Field 
drucken Hess, wozu er eben durch die halbe Landsmann- 
schaft bewogen worden sei. Noch einer Hypothese Hunter's 
(Dlustrations I, 52 Note) muss hier gedacht werden, welche 
es glaublich zu machen sucht, dass Shakespeare mit der 
Familie des wohlhabenden Weinhändlers Stephen Scudamore 



1) Spenser's Works cd. Collier I, X Note. Knight, Wm Sh. ; a B. 395 fg. 
— Bezüglich Wamer's s. Wood's Athen. Oxon. ed. Bliss I, 765. 

2) Bei Drake 367. Vergl. Drake 298 fg. 

3) Spenser's Works ed. Collier I, IX fgg. Collier, Shakespeare's Works 
(1858) I, 95. 



138 

in London nahe befreundet, wenn nicht gar verwandt ge- 
wesen sei ; der ursprüngliche Name dieser Familie sei Smith 
gewesen. Hunter gründet diese Vermuthung auf den Um- 
stand, dass Stephen Scudamore's Wittwe in ihrem Testa- 
mente (1606) von Hamlet Sadler als einem Verwandten 
spricht; auch einen Hamlet Smith erwähnt sie darin, der ein 
Verwandter Hamlet Sadler's gewesen sein soll. 

Nach einer neuen, sehr unerwarteten Hypothese, welche 
William Blades mit Sachkenntniss und Scharfsinn ausgeführt 
hat, wäre Shakespeare, ehe er Schauspieler wurde, eine Zeit 
lang (der Verfasser nimmt drei Jahre an) in der bekannten 
Druckerei von Thomas Vautrollier beschäftigt gewesen, zwar 
nicht als Setzer, aber etwa als Correktor oder Ladengehülfe..' 
Die Einfuhrung in dieses Greschäft, das in Blackfriars, ganz 
in der Nähe des Theaters, belegen war, soll der junge 
Dichter Richard Field verdankt haben, welcher 1588 Vau- 
trollier's Tochter Jacqueline heirathete und also jedenfalls 
schon vorher im Hause bekannt war; er übernahm auch 
einige Zeit nach seines Schwiegervaters Tode das Geschäft. 
Die bei Vautrollier's Tode eintretende Umgestaltimg des 
Geschäfts soll für Shakespeare der Anlass geworden sein, 
dasselbe zu verlassen und zur Bühne überzugehen. Blades 
stützt sich dabei auf den erwähnten auf Richard Field be- 
züglichen Eintrag im Buchhändler -Register, so wie auf den 
Vermerk seiner Verheirathung im Traiu'egister von Black- 
friars" unter dem 12. Januar 1588; er hält danach Richard 
Field gleichfalls für einen Landsmann und Jugendfreund 
Shakespeare's. Da aber, wie gesagt, beide Urkunden 'ihre 
Entdeckung und VeröflFentlichimg lediglich Collier verdanken, 



1) Shakspere and Typography; being an Attempt to show Shakspere's 
Personal Connection with, and Technical Knowledge of, the Art of Printing; &c. 
By William Blades. London, Trübner & Co. 1872. — Nach Athen. 1872, 
II« 337 (3ept. 14) enthalt schon The Scottish Typographical Circular Aug. 2, 
1862 einen kurzen Aufsatz 'Shakespeare a Printer* Blades erwähnt den- 
selben nicht und hat ihn also jedenfalls nicht gekannt. 

2) Collier, Memoirs of the Principal Actors 223. — Auch die Bittschrift 
von * Her Majesty's Poor Players * vom November 1 589 lässt Blades bona fide 
gelten, trotzdem sie für unecht erklärt ist. 



139 

so scheint eine nochmalige Untersuchung und Prüfung der- 
selben geboten, ehe darauf mit Sicherheit weiter gebaut 
werden kann. Sie bilden jedoch keineswegs den einzigen 
Beweisgrund für Blades' Hypothese, vielmehr fuhrt er, in 
derselben Weise wie Lord Campbell u. A. zu Gxmsten der 
Advokaten -H)rpothese, eine stattliche Reihe von Stellen an, 
aus denen sich, selbst nach Abzug verschiedener zu weit 
hergeholten Deutungen, ergiebt, dass der Dichter mit den 
Vorgängen beim Setzen und Drucken vertraut und stets ge- 
neigt war, diese Kenntniss poetisch zu verwerthen. Allein 
daraus folgt noch nicht, dass er in irgend welcher Eigen- 
schaft einer Druckerei oder Buchhandlung angehört haben 
müsse. Wie jeder angehende Schriftsteller wird Shake- 
speare eine wissbegierige Theilnahme für die magische 
Kunst besessen haben, welche die papieme Unsterblichkeit 
verleiht, und der von ihm selbst geleitete Druck seiner 
beiden epischen Dichtungen wird ihm reichliche Gelegenheit 
geboten haben, sich in der Druckerei seines ihm noch dazu 
personlich befreundeten Verlegers einigermassen umzusehen. 
Auch den Verlag Vautrollier's, der auf Richard Field über- 
ging, mag er bei dieser Veranlassimg kennen gelernt haben. 
Es wirft allerdings ein überraschendes Licht auf den Bil- 
dungsgang wie auf den Umgangskreis des Dichters, wenn 
wir sehen, wie sich in Vautrollier's Verlage alles beisammen 
findet, was auf die Entwickelung seines Geistes tmd die 
Vermehrung und Ergänzung seiner Kenntnisse von hervor- 
ragendem Einflüsse gewesen zu sein scheint. Der bezüg- 
liche Abschnitt gehört in der That zu den anziehendsten der 
Blades'schen Schrift, wenngleich sich ihm keine Beweiskraft 
für die aufgestellte Hypothese zuschreiben lässt, denn Shake- 
speare konnte selbstverständlich sehr wohl mit Vautrollier's 
Verlage bekannt sein, ohne je in irgend welcher Eigenschaft 
in dessen Diensten gestanden zu haben. Wir finden in 
Vautrollier's Verlage zwei Schriften über Musik; das neue 
Testament (1575); Calvin's Institutio Christianae Religfionis 
sowohl lateinisch als auch in der englischen Uebersetzung 
von Norton (1576 und 1578); Scipio Lentulo's Italienische 
Grranmiatik übersetzt von Henry Grantham (1578, neu auf- 



140 

gelegt 1587); Campo di Fior, or eise the Flourie field of 
foure Langiiages, for the Furtherance of the Leamers of the 
Latine, French, English, but chiefly of the Italian tongue 
(1583); A mosteasie, perfect, and absolute way to leame 
the Frenche tongue (1581); Phrases Linguae Latinae (1579); 
North's Plutarch's Lives (1579); Ovid's Metamorphosen, 
Episteln und Kunst zu lieben — den Ovid erwähnt Shake- 
speare öfter als irgend einen andern römischen Dichter; 
Cicero's Orator in verschiedenen Auflagen (vergl. Titus 
Andronicus IV, i und 2 Henry VI, IV, i) und endlich A 
Treatise of Melancholie : containing the Causes thereof and 
Reasons of the stränge Effects it worketh in our Minds and 
Bodies (1586). Sehr zu bedauern ist, dass Blades nament- 
lieh den Inhalt dieses letzten Werks nicht naher untersucht 
und mit Shakespeare verglichen hat. 

Ohnp diesen Einzelheiten und Combinationen ein nicht 
zu rechtfertigendes Gewicht beizulegen, dürfen wir uns doch 
der begründeten Ueberzeugung hingeben, dass die Warwick- 
shirer Landsmannschaft in den literarischen und theatralischen • 
Kreisen der Hauptstadt nicht unbedeutend vertreten war, 
und dass daher Shakespeare's Uebersiedlung nach London 
keineswegs über Hals und Kopf und ins Blaue hinein ge- 
schah, sondern dass er Anknüpftmgspunkte besass, wo er 
Unterstützung mit Rath und That für sein ferneres Fort- 
kommen erhoffen durfte. Mit einziger Ausnahme seiner 
Heirath hat er sich wie bereits bemerkt lebenslänglich lebens- 
klug und gewandt in der Benutzung der äusseren Verhält- 
nisse und der irdischen Dinge bewiesen. Schon aus diesem 
Grunde verdient die oft wiederholte Anekdote, wonach Shake- 
speare seine Laufbahn in London als Pferdejunge beim 
1 Theater begonnen hätte, keinen Glauben.* Cibb6r, in des- 
sen Lives of the Poets (1753) diese Anekdote als von Dave- 
nant an Betterton, von diesem an Rowe (der sie jedoch nicht 
erwähnt), von Rowe an Pope und endlich an Dr. Newton 
überliefert zuerst auftritt, erzählt nämlich, da Wagen noch 



i) Neuerdings hat sich Halliwell in seinen lUustrations of the Life of 
Shakespeare i — 8 bemüht, diese Anekdote aufrecht zu erhalten. 



141 

sehr wemg in Gebrauch gewesen,^ so sei es Sitte gewesen, 
zu Pferde nach dem Theater zu kommen und während der 
Vorstellung die Pferde von Burschen halten und herumfuhren 
zu lassen. Shakespeare habe sich in diesem Geschäfte durch 
Geschick imd Zuverlässigkeit bald so hervorgethan, dass die 
vornehmen Theaterbesucher ihre Pferde Niemand anders 
als ihm hätten anvertrauen mögen, so dass er andere Bur- 
schen als Gehülfen habe in Dienst nehmen müssen, die sich 
durch den Ruf: *I am Shakespeare' s boy^ Sir' den Kunden 
angeboten hätten. Wenn an der Geschichte etwas Wahres 
sein sollte, so konnte sie ^nur in der von Knight (282 fg.) 
gegebenen Deutung verstanden werden. Da Pferdediebstahl 
damaliger Zeit eins der häufigsten Vergehen war, so mag 
Shakespeare, wie Knight meint, zuverlässige Bursche zu 
diesem Geschäft in Dienst genommen haben, für die er 
Bürgschaft leistete, und die sich daher den Besuchern mit 
dem erwähnten Rufe empfahlen ; er selbst habe sich jedoch 
keinesfalls mit dem Pferdehalten befasst. Es ist in der 
That nicht zu glauben, dass Shakespeare sich so tief er- 
niedrigt haben sollte; er, der Gatte und Vater dreier Kinder 
war, einer achtbaren Familie angehörte, eine verhältniss- 
mässig gute Erziehung genossen hatte und überdiess den 
göttlichen Funken der Poesie und jedenfalls entsprechenden 
Ehrgeiz in der Brust trug, hätte nur durch die alleräusserste 
Noth gezwungen werden können, sich so weit wegzuwerfen, 
um nicht Himgers zu sterben. In einer solchen Nothlage 
aber befand er sich allem Anschein nach keineswegs; er 
besass Fertigkeiten genug, um sich auf eine edlere und 



I) Ueber die Einfuhrung der Kutschen in London (1564, gleichzeitig 
mit den erwähnten Zeltwagen) und die Art sich ins Theater zu begeben 
s. Collier, H. £. Dr. P. III, 406 fgg. Merkwürdig scheint es, dass nicht 
neben dem Theater ein Stall oder Schuppen zur Unterkunft für die Pferde 
errichtet wurde, was doch sicherlich ein gutes Geschäft hätte sein müssen. 
S. De Quincey 62. Die Hauptverkehrsstrasse des damaligen Londons war 
die Themse, und sämmtliche Theater lagen in ihrer unmittelbaren Nähe. Es 
ist daher anzunehmen, dass man sich vielmehr in Barken als zu Pferde ins 
Theater begab; damit stimmt die sonst unerklärliche Menge der Watermen 
(s. u.). Vergl. K. Henry VIII, I, 3 und I, 4. 



142 

mindestens eben so lohnende Weise seinen Unterhalt zu 
erwerben und dem Theater nützlich zu machen. Wenn er 
nicht von Anfang an in untergeordneten Rollen die Bretter 
betrat, so konnte er als Rollen -Abschreiber oder zu einem 
jener Nebendienste verwendet werden, an denen bei einem 
Theater kein Mangel ist. Die Anekdote vom Pferdehalten 
kann mit Einem Worte nicht wahr sein. Eine andere Tra- 
dition sagt, Shakespeare wäre anfanglich ^call-boy* gewesen, 
d. h. er habe als Gehülfe des Souffleurs den Schauspielern 
zurufen, müssen, wenn die Reihe zum Auftreten an sie kam. 
An und für sich würde das nicht unglaublich sein, wenn 
nur die Erzählung äusserlich besser beglaubigt wäre; wir 
kennen nicht einmal ihren Ursprung. * Jedenfalls wird Shake- 
speare die auch bei den Schauspielern übliche Lehrzelt 
haben durchmachen müssen , wenn er sie auch schnell über- 
standen haben mag, und es ist nicht unmöglich, dass 
Heminge oder Greene sein Lehrherr war, denn wir wissen, 
dass die Lehrlinge einem hervorragenden Mitgliede der Ge- 
sellschaft zur Unterweisung zugewiesen wurden. Hiermit 
würde dann einerseits Rowe's Bericht übereinstimmen, dass 
Shakespeare *tn a very mean rank' zum Theater gekommen 
sei, als auch andererseits die Erzählung des achtzigjährigen 
Küsters zu Stratford an Dowdall (1693), 'ihai Shakespeare 
was received into a playhouse as a serviture^ Richard 
Burbage, der seine schauspielerische Laufbahn ziemlich 
gleichzeitig mit Shakespeare begann, war nach Drake 205 
bis zum J. 1 589 noch in keiner hohem Rolle aufgetreten als 
in der eines Boten, so dass ihn Shakespeare's Emporkom- 
men vermuthlich überflügelt haben dürfte. 

Ehe jedoch Shakespeare's Verhältniss zur Bühne näher 
betrachtet wird — was am besten in einem selbständigen 
Kapitel geschieht — muss jener Hypothesen gedacht wer- 
den, denen zufolge Shakespeare entweder sogleich nach 
seinem Weggange von. Stratford oder in einem spätem 
Stadium seines Londoner Lebens sich kürzere oder längere 
\ Zeit auf dem Kontinent, d. h. in Holland, Deutschland und 



I) Drake 204. 



— " 143 

Italien, oder doch in einem oder dem andern dieser Lander 
aufgehalten haben soll. ' John Bruce hat in dem Aufsatze 
'Who was Will, my Lord of Leicester's jesting player?' * 
ausgeführt, dass Shakespeare der Rache Sir Thomas Lucy 's 
nur dadurch entgangen sei, dass er sich dem Gefolge des 
Grafen Leicester angeschlossen habe, der im December 
1585 als Oberbefehlsiiaber nach den Niederlanden ging. 
Leicester nahm bekanntlich eine Schauspieler -Truppe mit, 
und dieser weist Bruce Shakespeare als Mitglied zu, wenn- 
gleich er Bedenken trägt , ihn mit dem ^jesting player' zu 
identifiziren. William Thoms und Dr. William Bell bejahen 
nicht nur diese Identität, sondern fuhren auch die Hypo- 
these jeder in seiner Weise weiter aus:' Thoms befärdert 
Shakespeare vom Schauspieler zum Soldaten in Leicester's 
Diensten, und Bell lässt ihn nach Deutschland weiter wan- 
dern imd sich dort den sogenannten englischen Komö- 
dianten anschliessen. In Deutschland habe Shakespeare 
nicht allein den Grund zu seinem Wohlstande gelegt — die 
englischen Komödianten machten im Allgemeinen gute Ge- 
schäfte — sondern sei auch mit Hans Sachs und Ayrer 
personlich bekannt geworden und in ihren Stücken aufge- 
treten. Diese sämmtlichen Ausfuhrungen schweben jedoch 
fast ganz in der Luft, da die zu ihrer Unterstützung beige- 
brachten Argumente viel zu schwach sind, als dass sich ein 
so schweres Gebäude auf ihnen auffuhren liesse. Weit be- 
stechender ist die namentlich von Ch. A. Brown ausgeführte 
Hypothese, dass Shakespeare Norditalien und zwar vorzugs- 
weise Venedig besucht habe. ' Es kommen in der That in 
Shakespeare's Werken, insonderheit im Kaufmann von Vene- 
dig, in Othello, und in der Zähmung der Widerspenstigen 
zahlreiche Einzelheiten vor, welche beweisen, dass sich der 



i) Elze, Shakespeare's muthmassliche Reisen im Shakespeare- Jahrbuche 1 
Vni, 46—91. ' 

3) In The Shakespeare-Society's Papers I, 88 — 95. *■ 

3) William J. Thoms, Three Notelets on Shakespeare. London 1865, 
115 — 136 und 3 — 22. — Dr. William Bell, Skakespeare's Puck. London, j 
1852—60. n, 227—334. 

4) Ch. A. Brown, Shakespeare's Autobiographical Poems. London 1838. > 



144 

Dichter eine so eingehende Kenntniss italienischer Zustande 
und Eigenthümlichkeiten angeeignet hatte, dass sie kaum 
auf andere Weise als durch eigene Anschauung erklärbar 
scheint. Lässt sich irgend eine Reise Shakespeare's wahr- 
scheinlich machen, so ist es die nach Oberitalien, die dann 
vermuthlich in das J. 1593 zu setzen wäre, wo der Pest 
wegen die Theater mehrere Monate geschlossen waren. Un- 
wahrscheinlich dagegen erscheint die von Charles Knight 
für Shakespeare in Anspruch genommene Reise nach Schott- 
land. ^ Es ist überhaupt nicht zu leugnen, dass wir es hier 
lediglich mit Kombinationen ohne thatsächliche oder urkund- 
liche Unterlage zu thun haben, allein gerade diese Unter- 
suchungen greifen in ihrer weitem Ausfuhrung auf so viele 
anziehende xmd bedeutsame Punkte der Shakespeare -Kunde 
über, dass sie schon aus diesem Grunde keineswegs ohne 
Früchte sind und daher nicht von der Hand gewiesen wer- 
den dürfen. 

Müssen wir also, wenh wir uns an die urkundliche 
Ueberlieferung halten, annehmen, dass sich Shakespeare's 
ganzes Leben in Stratford und London abgespielt hat, so 
liegt uns jetzt ob, einen Blick auf sein London zu werfen, 
wie wir bereits einen Blick auf sein Stratford geworfen 
haben. * Shakespeare's London! Welcher unerschöpfliche 
Stoif for geschichtliche und literarische Untersuchungen und 
Betrachtungen drängt sich nicht in diesen beiden Worten 
zusammen! Besitzt Shakespeare's London fiir den Freimd 
der Dichtkunst und Literatur nicht nur, sondern fiir den 
Erforscher der menschheitlichen Entwickelung überhaupt 
geringere Bedeutung und Anziehungskraft als das Athen 



i) Knight, Wm Sh.; a B. 354 fgg. — Shakespeare's Macbeth ed. by 
H. H. Fumess. Philadelphia 1873, 407 — 410. 

2) Vergl. Stowe's Survey, Camden , Manningham's Diary Äcc. — Knight, 
Pictorial History of England. — Cunningham, London Past and Present. — 
Froude, History of England. — Shakespare's England; or, Sketches of our 
Social History in the Reign of Elizabeth. By W. G. Thombury. Lond. 1856, 
2 vols. — Drake 417 fgg. — * Shakespeare's London' in Jul. Rodenberg's 
Studienreisen in England (Leipzig 1872) S. 67 — 112. 



145 

des Sophokles oder das Rom des Virgil, wie arm es auch 
immer an leuchtender Naturschönheit und prangender Kunst- 
entfaltung gegen diese beiden Brennpunkte des klassischen 
Alterthums erscheinen mag? Fehlte hier auch die Farben- 
pracht des Südens, erhob sich hier auch weder eine Akro- 
polis noch ein Kolosseum in die glänzende Himmelsbläue, 
so entbehrte doch auch das nordische London weder eine 
anmuthige^ landschaftliche Umgebung noch ansehnliche Schö- 
pfungen der Menschenhand; ja es hatte sich zu einem 
bedeutenden Mittelpimkte politischen, kulturgeschichtlichen 
und gesellschaftlichen Lebens emporgeschwungen und stand 
in diesen Beziehungen an der Spitze der germanischen 
Nationen. 

Das damalige London besass noch nicht die kolossale 
Einförmigkeit der heutigen Metropole und war noch nicht 
vom Strudel des Weltgeschäfts verschlungen. Es war noch 
nicht eine mit Häusern bedeckte Provinz, sondern eine 
massige, übersichtliche Stadt mit Mauern und Thoren, vor 
denen ländliche und vergnügliche Vorstädte lagen. Noch 
gab es keine Bauunternehmer, welche ganze Strassen und 
Plätze mit kasernenartiger Gleichförmigkeit auf Speculation 
anlegten. Ln Vergleich zu heute besass noch alles Farbe 
und individuelles Gepräge: die Strassen, wo fast nach süd- 
licher Lebensgewohnheit Geschäft und häusliches Leben in 
die OefFentlichkeit hinaustrat, die rothen Häuser mit ihrem 
Holzbau, ihren hohen Giebeln, Oriel- Fenstern und Ter- 
rassen, die Einwohner mit ihrer malerischen und farbigen 
Tracht. Die Gesellschaftsklassen waren noch nicht in ver- 
schiedene Stadttheile geschieden; der Adel hatte seine 
Wohnsitze noch inmitten des Bürger- und Handwerker- 
standes. Elisabeth fiihr in schwerfalliger, vergoldeter Kutsche 
zu irgend einem feierlichen Gottesdienste in die Paulskirche, 
oder sie ritt durch die City nach dem Tower, auf die Jagd 
oder zu einer Heerschau, oder sie fuhr mit glänzendem 
Gefolge in ihren Prachtbarken auf der Themse nach 
Greenwich oder Richmond — ein Schauspiel, das Shake- 
speare's Phantasie mit geringer Anstrengung zu dem far- 
benprächtigen Bilde der Cleopatra auf dem Cydnus erhöhen 

Elze, Shakespeare. lO 



146 

konnte.^ Die Themse, erst von Einer Brücke überspannt, 
war noch rein und silberhell, mit Schwänen bevölkert und 
von Gärten und Wiesen statt von schmutzigen Werften 'und 
Speichern eingefasst. Hunderte von Booten drängten, sich 
stromauf und stromab , und unaufhörlich erschallten hier die 
Rufe der Bootsleute : Westward ho! yxadEastward ho! Trotz- 
dem konnten sich im Tempelgarten und in Queenhithe 
Müssiggänger das Vergnügen machen, Salmen zu angeln.- 
In den Strassen wogte eine bunte Menge, vor allem die 
bekannten und gefurchteten Prentices, deren Geschäft es 
war vor den Läden mit dem Rufe: *What d'ye lack, gentles? 
what d'ye lack?' Käufer anzulocken;^ dann die in London 
ansässigen Ausländer aller Nationalitäten; dazwischen be- 
wegten sich Aufeüge irgend einer Zunft, Prozessionen, 
Hochzeitszüge , Schaaren von Landleuten, bunte Trupps von 
Lanzenknechten und Armbrustschützen , Strassenverkäufer 
mit ihren Rufen und ihrem Singsang. Noch wurde nicht 
jede Lebensregung von dem unaufhörlichen Gerassel der 
Omnibusse und Frachtwagen und vom ohrenzerreissenden 
PfiiF der Locomotiven übertäubt, oder jede Farbe von dem 
stinkenden Qualm der Fabrikschomsteine in ein schmutziges 
Grau verwandelt. Die Stadt war reich an Brunnen und 
Gärten, und die Einwohner hatten noch Zeit und Lust zum 
Lebensgenüsse; Zeit war ihnen noch nicht gleichbedeutend 
mit Geld. Sie genossen ihre Plauderstündchen in den Bar- 
bierstuben und Tabaksläden; in den letztern wurde überdies 
formlicher Unterricht in der neumodischen Kunst des Rau- 
chens ertheilt, und es soll ihrer im J. 1614 nicht weniger 
als 7000 in London gegeben haben. * St. Paul's war das 



i) Antonius und Cleopatra II, 2. 

2) Dekker's Knight's Conjuring, 1607, 17. 

3) Vergl. Eastward Ho! I, i : Wkat do ye lack, sirP What is*t yonUl 

huy sir? Wut thou cry , what t's^t ye lackt stand with a bare pate 

and a dropping nose , under a wooden penthouse, and art a gentlemanP 

4) Das Rauchen, die jüngste und vornehmste Mode der Elisabethani- 
schen Zeit, wird wol von B. Jonson (Every Man in bis Humour III, 2 ; Every 
Man out of his Humour V, i ; Alchemist V, i &c), aber nirgends von Shake- 
speare erwähnt. Missbilligtc es dieser etwa in ähnlicher Weise wie Jakob I, 



147 — 

Stelldichein fiir Spaziergänger und müssiges Volk; nach 
Smithfield strömte man zu den Jahrmärkten (Bartholomew 
Fair) mit ihren Puppenspielen und Raritätenbuden, wo 
Bankes und sein tanzendes Pferd Marocco lange Zeit Furore 
machten;* nach Southwark hinüber lockte Paris -Garden, wo 
der berühmte Bär Sackerson die Weiber in ein angenehmes 
Gruseln versetzte, da er sich häufig losriss, bei welcher 
Gelegenheit ihn Master Slender wol zwanzig Mal an der 
Kette gehalten haben will. * Nicht mindere Anziehungs- 
kraft übten die Kegelbahnen (Bowling Alleys), die Hahnen- 
kämpfe im Cockpit und das Lanzenstechen im Tiltyard, und 
alle diese Vergnügungen wurden noch überboten von dem 
neu aufgegangenen Gestirn der Theater. 

Es giebt verschiedene Pläne des alten Londons; der 
älteste, oder doch einer der ältesten ist der unter dem 
Namen ' Civitas Londinum ' bekannte von Ralph Agas oder 
Aggas, der zuerst im Jahre 1560 erschien und dann in ver- 
schiedenen Ausgaben mit dem Wachsthume der Stadt Schritt 
gehalten zu haben scheint;* er misst 6^2 Fuss in der LängB 

der sein bekanntes Buch *A Counterblast to Tobacco* dagegen schrieb? 
Bekannt ist, dass die Jeunesse dor6e selbst auf der Buhne rauchte. Man 
trieb grossen Luxus dabei und bediente sich z. B. silberner Tabaksdosen, 
silberner Kohlenbecken und Kohlenzangen, so dass es eine sehr kostspielige 
Mode war, wenn auch die Angaben bei Thombury, Shakespeare*s England 
I, 170 — 179 übertrieben sind. Vergl. Greene's Quip far an Upstart Courtier 
(1592); Rowland, *Tis Merry when Gossips Meet (1602; Shakespeare-Society's 
Publications) ; Rieh, Hönestie of this Age (1614); Decker, GulFs Hom 
Book, &c. 

1) Verlorene Liebesmüh I, 2: the dancing horse will teil you, und die 
Herausgeber zu dieser Stelle. 

2) Die Lustigen Weiber von Windsor I, i. 

3) Von dem Agas* sehen Plane sind nur noch zwei echte Exemplare 
vorhanden, im Magdalen College zu Cambridge (Pepysian Library) und in 
der Guildhall zu London. Von dem letztem hat William Henry Overall im 

• J. 1874 ein vortreffliches Facsimüe herausgegeben unter dem Titel: Civitas 
Londinum. A Survey of the Cities of London and Westminster, the Borough 
of Southwark and Parts Adjacent in the Reign of Queen Elizabeth. Publi- 
shed in Facsimile from the Original in the Guildhall Library with a Biogra- 
phical Account of Ralph Agas and a Critical and Historical Examination of 
the Work and of the several so-callcd Reproductions of it by Vertue and 
Others. 

10* 



— 148 - - 

und 2 Fuss 4V2 Zoll (englisches Maass) in der Hohe. Eine 
verkleinerte Nachbildung dieses Bildes aus der Vogelschau 
(oder eine Nachbildung eines gemeinschaftlichen Originals) 
ist der Plan von London, welcher das deutsche Werk: 
Beschreibung und Contrafactur der vomembsten Stät der 
Welt von Georgius Braun, Simon Novellanus und Francis- 
cus Hohenberg. (1574) eröffnet.* In der dazu gehörigen Er- 
läuterung heisst es u. a.: 'Dise stadt, wiewol sie an sich 
selbst gar gross, hat sie doch schöne vorstätte, und ein 
schön erbawts Schloss, welche [sic!J der Thum genant 
wirdt. Sie wirt mit herrlichen gebewen und Kirchen auff 
das dapffierste verziert, hat hundert und zwäntzich Pfar- 
kirchen. Gegen Mittag hat sie eine steine brück, ist gar 
lang und wunderbarlich auff viele bogen erbawet, ist oben 
her mit hewselein zu beiden sitten dermassen besatz, das 
es nit eine brücke sondern sonst ein schöne strass scheint 
zu sein. Das gestadten ist auff allen örtem mit lusti- 
gen dörffem, heusem und buschen verziert. Am andern 
gestadten ist das Königliche hauss Grünwitz, ist also von 
den grünen garten genennet, und am obem gestadten das 
Richthauss Ricemund, Mitten aber g^egen Niderganck, stehet 
das Westmunster, ist ein gar kostlich gebew, mit dem 
Gerichtmarckt S. Peters Kirch und der Königen begräbnuss 
gar verziert. Und zwentzig steinwürff von der statt, ist das 
Königliche Schloss Windeser des Königlichen sitz und etlicher 
Könige begräbniss halben gar namhafft. Bissher zu Paulus 
Jouius. — — ' Es hat allezeit Engelland, besonder aber dise 
Stadt Londen, vil gelherter menschen forth bracht, welche 
von den Scribenten hochberhümbt seind. .Deren Georgius 
Lylius ein Engeilender, einen gantzen hauffen, in seiner 
Elegy an Paulum Jouium geschrieben, erzehlet.' 

Die — noch nicht erbaueten — Theater sind natürlich 
weder im Text noch auf dem Plane angedeutet; dagegen 
finden sich auf letzterm *Parys Gardein, The BowU baytyng, 
The beare bayting, Thre Crane, Stiliards, Stehar Chamber, 



i) Das vorgednickte Kaiserliche Privilegium wie die allgemeine Ein- 
leitung sind von 1572, also acht Jahre nach Shakespeare's Geburt, datirt. 



149 

The Corte, The Slaughter house, sowie verschiedene Beere 
howses an beiden 'gestadten' angegeben. 

Ein dritter Plan endlich wurde im J. 1593 von John 
Norden entworfen und in demselben Jahre von Pieter van 
den Keere gestochen; eine Nachbildung desselben nebst 
Erläuterungen ist in Halliwell's Hlustrations of the Life of 
Shakespeare (London, 1874) S. 4 fgg. enthalten — andere 
Kopien, an denen kein Mangel ist, erklärt Halliwell für 
werthlos. Auf diesem Plane ist The Play Howse, d. h. das 
Rosentheäter, auf Bankside angegeben, während The Theatre 
und The Curtain, in den Feldern vor Bishop's Gate gelegen, 
hier wie auf den Plänen von Agas und Braun fehlen. * 

Die Bevölkerung Londons während der Regierung der 
blutigen Maria wird vom Venetianischen Gesandten Gio- 
vanni Micheli auf 150,000, oder nach andern Handschriften 
seines Berichtes auf 180,000 Seelen angegeben; sie muss in 
fast unglaublicher Weise gestiegen sein, wenn wir dem 
Berichte eines zweiten Venetianischen Gesandten, Marc 
Antonio Correr, trauen dürfen, der sie um das J. 16 10 auf 
300,000 Seelen schätzt ; * doch giebt nach Raumer (Beiträge 
I, 606 imd 624) auch der Venetianer Molino im J. 1607 üher 
300,000 an. Der Fremdenverkehr war ausserordentlich leb- 
haft, und eine im J. 1621 auf nicht weniger als 10,000 Seelen 
geschätzte Kolonie von Ausländem aller Nationen war in 
London ansässig.^ Verkehr, Handel und Gewerbfleiss stan- 



i) Eine vierte Ansicht (nicht Plan) von London aus dem J. 1603 s. in 
Halliwell's Illustrations S. 44. 

2) Prescott, Philipp II, B. I, Chap. 3 init. B. 11, Chap. i. — Ryc, 
England as seen by Foreigners 225 fg. 372. Paris zählte um diese Zeit 
300,000, Antwerpen 100,000, Brüssel 75,000 und Gent 70,000 Einwohner. 

3) Wm Durrant Cooper, Lists of Foreign Protestants and Aliens (Cam- 
den Society's Publications). — Chapman's Alphonsus ed. Elze 8 fg. — Mit 
welchem Erfolge Shakespeare diese Ausländer zum Gegenstand seiner Beo- 
bachtung machte, beweisen u. a. Dr. Cajus in den Lustigen Weibern, Mon- 
sieur Parolles in Ende gut, Alles gut , und Don Armado in Verlorner Liebes- 
müh. Nur den Judeii war der Aufenthalt in London (wie in England über- 
haupt) verboten, obwohl sich einige eingeschlichen haben mögen; sie waren 
1287 (oder 1290) von Eduard I verbannt worden und wurden erst 1652 durch 



-- I50 

den in hoher Blüte; die Themse allein ernährte nach John 
Norden in seiner handschriftlichen Beschreibung von Essex 
(1594) 40,000 Menschen als Schiffer, Bootsleute, Fischer 
u. dergl. * Grosse politische und kulturgeschichtliche Er- 

m 

eignisse verliehen der ganzen Nation ein erhöhtes Leben 
und einen mächtigen Schwung, der sich vomämlich in der 
Metropole fühlbar machte und auch auf Literatur und Poesie 
eine belebende Wirkung äusserte; man darf sagen, dass 
Shakespeare das Glück hatte in einer der grossten geschicht- 
lichen Epochen zu leben und zwar in einer Epoche, deren 
Schwerpunkt zum grossten Theile in London lag. * Das 
Unheil der Rosenkriege, die drei Generationen in ihre 
Greuel hinabgezogen hatten, war überwunden, und jetzt er- 
wuchsen die wohlthätigen Früchte dieser blutigen Saat. Der 
Feudalismus mit seinen Schranken und Hemmnissen war 
beseitigt, und die Nation konnte sich in freier Bewegung 
entwickeln. Die Reformation, welche in Deutschland dem 
Volkscharakter entsprechend mehr eine innerliche, eine Be- 
freiung der Gewissen gewesen war, nahm in England vor- 
zugsweise einen politischen Charakter an und gipfelte in der 
feindlichen Gegenüberstellimg des protestantischen Englands 
gegen Spanien, die Vormacht des Kathplicismus, d. h. also 
in dem politischen Antagonismus des Germanismus gegen 
den Romanismus. In den religiösen oder kirchlichen Gegen- 
satz mischten sich sofort Staats- imd Handels -Interessen 
als bestimmende und Ausschlag gebende Motive; es galt 
.den Spaniern hier das Heft aus den Händen zu winden. 
Die Unterstützung der Niederlande gegen ihre spanischen 
Unterdrücker griff tief in das englische Leben ein, und lange 
Jahre hindurch fand hier die thatendurstige englische Jugend 
ein willkommenes Feld für ihre Kampflust, was sich in der 
englischen Poesie vielfach abspiegelt. Ben Jonson diente 



Cromwell wieder zugelassen. Es ist daher fraglich, wo Shakespeare seine 
Studien zum Shylock gemacht haben mag. S. Shakespeare -Jahrbuch VI, 

160 fg. vni, 66. 

i) Rye, England as seen by Foreigners 185. 
2) Gervinus, Shakespeare (1862) II, 510—524. 



151 

in den Niederlanden, und kurz nachdem Shakespeare Strat- 
ford verlassen hatte, fand der ritterliche Sir Philip Sidney, 
der Dichter der Arcadia, den Heldentod bei Zütphen. Seine 
Beisetzung in der Paulskirche am i6. Februar 1587 war 
eine nationale Trauerfeier, der Shakespecire allem Vermuthen 
nach beigewohnt hat. Die Gefahr, mit welcher die Armada 
England bedrohte , hob die englische Nation auf eine noch 
ungekannte Höhe des Patriotismus, der Einigkeit und Opfer- 
willigkeit. Die Katholiken gingen wenigstens in ihrer Mehr- 
zahl darin Hand in Hand mit ihren protestantischen Mit- 
bürgern; sie fühlten sich nur als Engländer, nicht als Katho- 
liken, und begriffen, dass es sich nicht um einen Religions- 
krieg, sondern um einen Nationalkampf handelte. Aus allen 
Theilen des Reichs strömten bewaiFnete Schaaren nach den 
bedrohten Punkten und flössen reichste Gaben zur Aus- 
rüstung der Land- und Seemacht herbei. Statt der 15 Schiffe, 
welche von der. Stadt London verlangt wurden, stellte sie 
dreissig und ausserdem 30,000 Mann Landtruppen und be- 
willigte ein baares Darlehen von nahezu 52,000 Pfund. ^ 
England hat vielleicht nie einen Triumph gefeiert, wo die 
einmüthige Siegesfreude auf einen hohem Gipfel gestiegen 
wäre, als bei der Vernichtung der unüberwindlichen Flotte, 
und doch gab es in religiöser Demuth nur Gott die Ehre. 
'Dens adflavit et dissipati suniJ Damit war Spaniens Stern 
gesunken, und derjenige Englands stieg ungehemmt empor. 
Elisabeth fuhr in feierlicher Prozession nach der Paulskirche, 
und es ist nicht zu bezweifeln, dass Shakespeare ein Zeuge 
auch dieser nationalen Feier war. Man kann sich billig 
wundem, dass der Dichter, der doch an Patriotismus hinter 
keinem seiner Landsleute zurücksteht, nirgends diesem Sie- 
gesjubel Worte geliehen hat. Die lyrische Verherrlichung 
von Zeitereignissen war freilich nie seine Sache; die poli- 
tische Poesie , - wie sie heutzutage einen so breiten Raum 
einnimmt, ist erst ein Erzeugniss der neuem Zeit. Halliwell 
will jedoch entdeckt haben, dass Shakespeare eine oder 



I) Knight, Wm Sh.; a B. 337 fgg. 



152 

mehrere Balladen auf die Armada geschrieben habe. * Auch 
die Expedition gegen Cadix (1596) wird ihn nicht theilnahm- 
los gelassen haben, zumal da sein Gönner Essex an ihrer 
Spitze stand.* 

Eine zweite Richtimg, in welcher sich die nationale 
Thatkraft, der Aufschwung und Unternehmungsgeist vorzugs- 
weise bethätigten, waren die überseeischen Entdeckungs- 
reisen und die sich daran knüpfende Besiedelung Amerika's. 
Auch dort galt es, Spanien entgegenzutreten und seine Macht 
zu brechen, und in Amerika erwuchsen nicht zum kleinsten 
Theile die Streitfragen zwischen den beiden Mächten. An 
die Stelle des Mittelmeeres, welches bis jetzt als das vor- 
zugsweise geschichtliche so zu sagen den Mittelpunkt der 
Civilisation und Kultur gebildet hatte, trat nun das Atlan- 
tische, und die Engländer waren es, welche bei diesem Rie- 



i) A Discovery that Shakespeare wrote one or more Ballads or Poems 
on the Spanish Armada. By J. O. Halliwell. Lond. 1866. Privately prin- 
ted. Da dieser Aufsatz, nach der unleidlichen englischen Unsitte, nur in 
zehn Exemplaren für Frpunde gedruckt worden ist, so ist er uns leider unzu- 
gänglich geblieben. — - Eine Anspielung auf die Armada wird in K. Jo- 
hann III, 4 ^a whole armado of convicted sail) gefunden. Noch lebhafter 
werden wir durch die Verse in Antonius und Cleopatra m, 7 an dieselbe 
erinnert : 

Die Flott' ist schlecht bemannt: 
Eu'r SchifTsvolk Maulthiertreiber , Schnitter , Leute 
In flüchtiger Eil' geworben; Cäsar's Mannschaft 
Dieselbe, die Pompejus oft bekämpft; 

Leicht seine Segler, eure schwer. 

• 

Die Gegenüberstellung der leichten und schweren Schiffe wie die Maulthier- 
treiber sind mindestens sehr auffallig. Der 'grosse Seeräuber* Valdes im 
Pericles IV, 2 verdankt seinen Namen vermuthlich dem spanischen Admiral 
Don Pedro Valdes, welcher die Galleone 'Andalusien' in der Armada be- 
fehligte und von Sir Francis Drake am 22. Juli 1588 gefangen genommen 
wurde. Die Spanier rächten sich übrigens für den 'grossen Seeräuber' durch 
Lope's Dragontea. Vergl. Shakespeare -Jahrbuch X, 122. Dyce, Glossary 
s. Valdes. 

2) Dr. Johnson will in K. Johann 11, i eine Anspielung auf die Expe- 
dition nach Cadix gefunden haben. S. Shakespeare's Werke übersetzt von 
Schlegel und Tieck, herausgegeben von der Deutschen Shakespeare - Gesell- 
schaft I, 117. 



— 153 

senschritt der Geschichte eine hauptsächliche Rolle spielten. 
Nicht allein westwärts erstreckten sich ihre Unternehmungen, 
sondern nicht minder nach Osten, wie die Gründung der 
Ostindischen Kompagnie (1600) beweist. Die wichtigsten 
Dienste zur Herbeiführung der neuen Weltlage leisteten die 
beiden unsterblichen Seehelden Drake, der erste englische , 
Weltumsegler, und Raleigh, der Begründer der Kolonie Vir- 
ginien, Männer, welche Shakespeare ohne Zweifel von Per- 
son gekannt hat. Das denkwürdige Schiff (The Golden ^Hind), 
auf dem Drake seine Weltfahrt gemacht und auf welchem 
Elisabeth sein Gast gewesen und ihm den Ritterschlag er- 
theilt hatte, wurde auf ihren Befehl zur bleibenden Erinne- 
nmg in der Themse bei Deptford vor Anker gelegt und war 
lange Zeit eine vielbesuchte Merkwürdigkeit für Einheimische 
und Fremde, so dass wir nicht zweifeln dürfen, dass auch 
Shakespeare zu seinen Besuchern gehört haben wird.^ 
Shakespeare's Gönner Southampton war lebenslänglich ein 
eifiriger Beförderer und Theilnehmer an Entdeckungsreisen 
imd Kolonisation; er sandte 1605 auf eigene Hand ein Schiff 
auf Entdeckungen aus imd gehörte später zum Virginischen 
Rathe.^ Es war auf diesem Gebiete den Engländern eine 
neue grossartige Perspective nicht nur für den Aufschwimg 
ihres Handels und Seewesens, sondern auch für die Aus- 
breitung der Gesittung und Bildung über die Erde eröffnet, 



i) Die Londoner machten häufig Feiertagspartieen nach dem Schiffe, 
dessen Kajüte als Wirthshaus diente. Rye, England as seen by Foreigners 49. 
135. 140. 219. In Puck's Worten Sommemachtstraum II, i: V II put a £^rdie 
round about the earth In forty minutes, wird nicht ohne Grund eine An- 
spielung auf ein Emblem vermuthet, das sich auf Drake's Weltumsegelung 
bezog. S. Shakespeare -Jahrbuch V, 356. Im Jahre 1614 war Drake*s Schiff, 
wie Peter Eisenberg berichtet, fast ganz zerstört. Rye 173. Eastward Hol 
III, 2 (The Works of George Chapman: Plays. Ed. by Richard Herne Shep- 
herd p. 469): ' Wt^U have our provided supper brought aJboard Sir Francis 
Drake* s ship, that hath compassed the world; where, with füll cups and 
banquetSt we will do sacrifice for a prosperous voyage* Also ein Abschieds- 
mahl vor Antritt einer Seereise. 

2) Malone, An Account of the Incidents, from which The Title and 
Part of the Story of Shakespeare's Tempest were derived, &c. — Shake- 
speare-Jahrbuch VII, 39. 



154 

und wir hören das Echo dieser Bestrebungen ganz^ unver- 
kennbar in Shakespeare's Sturm. 

Richten wir unsem Blick auf die innem Verhältnisse 
des Landes, so tritt uns das Streben nach Zusammenfassung 
und Stärkung des politischen Organismus in erster Linie 
entgegen. Das Vorgehen gegen Schottland, dessen Königin 
als Opfer für die Einheit und innere Festigung des Reiches 
fiel, wie gegen Irland, wo die Aufstandsversuche mit be- 
waffneter Hand unterdruckt wurden,* beschäftigte die Re- 
gierungsthätigkeit Elisabeth's in hohem Masse. Durch die 
mit Jakob's Thronbesteigung erfolgende Personalunion zwi- 
schen England und Schottland wurde der Jahrhunderte alte 
Kampf und Hader ausgetilgt, die innere Ruhe auf der Insel 
hergestellt, und die Machtstellung des Staats verdoppelt. 
Auch von diesen Ereignissen konnte Shakespeare unmöglich 
unberührt bleiben, sondern musste Theil nehmen an dem 
Aufschwünge, den sein Vaterland nach allen Richtungen hin 
nahm, wie an dem Glänze, mit welchem dadurch der Thron 
Elisabeth's, als der grössten Herrscherin ihrer Zeit, umgeben 
wurde. Was aber gerade fiir den dramatischen Dichter von 
höchster Bedeutung war, das war der freie Spielraum, wel- 
cher nach so vielen Seiten hin für die freiste und vollste 
Entwickelung jeder Individualität gewährt war. In einer so 
thatenreichen , ja selbst abenteuerfrohen Zeit war nirgends 
der Entfaltung irgend einer berechtigten — oft auch unbe- 
rechtigten — Kraft ein Hemmniss in den Weg gelegft, jeder 
konnte sich ungehindert nach seiner Art geltend machen 
und trat mit seiner vollen Persönlichkeit ins öffentliche Leben 
hinaus. Das öffentliche Leben glich in weit höherm Masse 
einer Schaubühne als jetzt, wo ein grossei* Theil der Per- 
sönlichkeit durch das streng geregelte imd abgemessene 
amtliche und häusliche Leben zurückgehalten wird und nicht 
zur Erscheinung und Bethätigung kommt. Auch die Ueber- 
fullung aller Berufszweige war noch nicht so gross und 
hinderlich als jetzt. Frischer kräftiger Drang, erfolgreiches 
Streben, Bewustwerden der eigenen Kraft imd strotzende 



l) S. die Anspielung im Prolog zu K. Henry V, V. 



155 

Unternehmungslust kennzeichnet die Zeit, die in ihrem Den- 
ken und Handeln nichts weniger als 'in spanische Stiefel' 
eingeschnürt war. Gewiss übte auch Elisabeth einen politi- 
schen und religiösen Druck , und trotz des Parlamentes hatte 
ihre Regierung einen absolutistischen Zug, allein beispiels- 
weise mit Spanien verglichen verschwanden diese absolu- 
tistischen Gelüste in Nichts und die Vollkraft des Volkes, 
durch den wachsenden Wohlstand gefordert, liess sich da- 
durch nicht beengen und unterdrücken. Auch die durch den 
Humanismus hervorgerufene imd sich schnell verbreitende 
klassische Bildung trug mächtig zur Befreiung und Hebung 
des Einzelwesens, der Stände wie der ganzen Nation bei. 
Alles in Allem war es, um Hutten's Wort zu gebrauchen, 
im höchsten Sinne *ein Freud' zu leben.' An dieser 'Freud' 
zu leben' hatte Shakespeai"e seinen vollen Antheil; kein 
Geist konnte empfanglicher für alle Aeusserungen des 
individuellen wie des nationalen Lebens sein als der 
seinige, keiner ihnen ein lebhafteres Verständniss entgegen 
bringen. 

London war aber nicht bloss der politische Mittelpunkt, 
sondern auch der Mittelpunkt des geistigen Lebens für da^ 
ganze Reich. ^London is the fountaine whose rivers flowe 
round about England^ heisst es in Pierce Pennilesse (ed. 
Collier 41). Alles was in Literatur imd Poesie, in Wissen- 
schaft und Kunst hervorragte oder hervorzuragen strebte, 
srömte in London zusammen, das für einen solchen geistigen 
Zusammenfluss gerade die angemessene Grösse besass. In 
der Provinz war eine literarische Thätigkeit und ein litera- 
rischer Erfolg unmöglich , da es noch keine Zeitungen oder 
sonstige Mittel literarischen Verkehrs gab, durch welche 
heutzutage jede Leistung sofort dem ganzen Lande bekannt 
und zum Gemeingut Aller wird. Die literarische Arbeit 
konnte daher die lokale Beschränktheit eben nur dadurch 
überwinden und unschädlich machen, dass sie sich im Mittel- 
punkte des Reiches vereinigte. Vorzugsweise galt dies von 
der dramatischen Poesie und Kirnst, indem dramatische 
Werke nicht von vornherein gedruckt wurden, sondern Mono- 
pol derjenigen Gesellschaft waren, welche sie käuflich er- 




— 156 — 

worben hatte; der Druck derselben schlich sich nur per 
nefas ein. Genug, wer emporkommen wollte, musste imbe- 
dingt nach London gehn, und wir finden daher hier gegen 
Ende des 16. und zu Anfang des 17. Jahrhunderts einen 
glänzenden Kreis von Dichtem, Schauspielern, Pamphle- 
tisten und Schriftstellern aller Art, wie er kaum wieder 
seines Gleichen gehabt hat. Die nationale Literatur, im 
Gegensatz zur gelehrt-hofischen, war ein aufgehendes Ge- 
stirn; was Wimder, dass sich ihr von allen Seiten die fri- 
schesten, strebsamsten, körnigsten und vollkräftigsten Per- 
sönlichkeiten zuwandten ; freilich waren auch Strangschläger 
und 'catilinarische Existenzen' darunter. Sie kehrten dem 
Zopfthum der Universitäten und der Spiessbürgerlichkeit der 
Provinzen den Rücken und stürzten sich kopfüber in den 
Londoner Strudel. 

Wie zwei Hauptrichtungen in der Literatur, so haben 
wir jedenfalls auch zwei grosse literarische Kreise zu unter- 
scheiden, den gelehrt -höfischen und wie eben angedeutet 
im Gegensatze zu demselben den demokratisch* nationalen, 
dessen Mittelpimkt das Drama bildete. Die gelehrt -höfische 
Dichtung war hervorgegangen aus dem Wiederaufleben der 
klassischen Studien, die selbst in den vorzugsweise modi- 
schen Kreisen sich lebhaftester Theilnahme erfreuten. Virgil 
und noch mehr Ovid waren Lieblingsdichter der vornehmen 
Welt. Elisabeth selbst ging hierin bekanntlich mit ihrem 
Beispiel voran; sie war zeitlebens eine Freundin und Ken- 
nerin des klassischen/ Alterthtmis und fand Gefallen an der 
zugleich aristokratischen imd schäferlichen Poesie der Re- 
naissance. Es ist bekannt, wie alle an ihrem Hofe oder 
anderwärts zu ihren Ehren veranstalteten Festlichkeiten das 
mythologisch - allegorische Gepräge des Renaissance - Ge- 
schmackes trugen. Mit den klassischen Studien mischten 
sich die Einflüsse der italienischen Poesie, die ein wenig 
später auch bei uns durch die zweite schlesische Schule 
obenauf kamen. Man hatte mit dem Studium Petrarca's, 
Boccaccio's u. A. begonnen, imi schliesslich bei dem Neapoli- 
taner Marini anzukommen, welcher fünf Jahre jünger als 
Shakespeare diesen doch um neun Jahre überlebte. Marini's 



157 

Hauptwerk, der Adone, eine der umfangreichsten Dichtungen 
aller Zeiten, erschien in demselben Jahre, in welchem die erste 
Folio - Ausgabe von Shakespeare's Werken ans Licht trat; 
sie war jedoch wenigstens theilweise imzweifelhaft viel früher 
vollendet und bekannt, denn Marini's Ruhm war bei ihrem 
Erscheinen bereits weitverbreitet imd festbegründet. Ob 
Shakespeare bei Abfassung seines Venus und Adonis Kunde 
von dem Adone gehabt haben mag, dürfte eine kaum zu 
beantwortende Frage sein; jedenfalls haben beide Gedichte 
das Schicksal getheilt, vielfach für unsittlich, mindestens für 
indecent erklärt zu werden; * insofern sind beide wenigstens 
Kinder desselben Geistes oder derselben poetischen Rich- 
tung. Die italienisirende Poesie wurde in England vorzugs- 
weise durch Persönlichkeiten eingeführt und gepflegt, deren 
gesellschaftliche Stellung und ereignissreiches Leben ihnen 
fast noch hohem poetischen Glanz verlieh als ihre Werke. 
Zu ihren hervorragendsten Vertretern gehörten Sir Thomas 
Wyat, der in einem Liebesverhältnisse zu Anna Bole5m ge- 
standen haben sollte; der eben so tapfere als imglückliche 
Graf Surrey; der ritterliche Sir Philip Sidney, dem von den 
Zeitgenossen aller Farben und Richtungen die gleiche be- 
geisterte Verehrung und Huldigung dargebracht wurde; 
Graf Pembroke, der Gönner Shakespeare's; Spenser; Samuel 
Daniel, das unmittelbare Vorbild für Shakespeare 's Sonette; 
u. A. In den Händen dieser Dichter gedieh namentlich 
die Sonettdichtimg zu einer Blüte, die sie seitdem nie wieder 
in der englischen Literatur erreicht hat. Shakespeare selbst, 
wenn er sich bei dieser Geschmacksrichtung der tonan- 
gebenden Kreise als Dichter anerkannt sehen wollte, musste 
sich ihnen auf iljf'em eigenen Ghrund und Boden anschliessen, 
imd dies that er durch die beiden Gedichte Venus und Adonis 
imd The Rape of Lucrece, sowie durch die ursprünglich 
nicht zur Veröffentlichung bestimmten Sonette. 



i) Tschischwitz hat im Shakespeare -Jahrbuch VIII, 32 — 45 ausgeführt, 
dass Venus und Adonis dem Grundgedanken und der Tendenz nach keines- 
wegs unsittlich sei. 



158 

Soweit gehörte also Shakespeare ' der gelehrt - hofi- 
schen Dichtung an; ciUein wie grosse und allgemeine Aner- 
kennung und Bewunderung ihm auch die Betheiligung an 
derselben bei seinen Zeitgenossen eintrug, so bedarf es doch 
keiner weitem Worte, dass der Schwerpimkt seiner Poesie 
in der demokratisch - nationalen Richtung liegt, welche — 
unter seiner eigenen Führung — die gelehrt -höfische Poesie 
in den Hintergrund drängte, das Drama an die Spitze der 
englischen Literatur stellte und mit imaufhaltsamer Sieges- 
gewissheit der englischen Literatur einen allumfassenden, 
wahrhaft nationalen Charakter eroberte, in welchem die ver- 
schiedenen Bildungs- und Literatur -Elemente zu einem har- 
monischen Ganzen verschmolzen wurden. Wie Shakespeare 
in seinen Werken beiden Literatur -Kreisen angehörte, so 
wird es auch in seinem Leben gewesen sein; er wird eben- 
sowohl mit den Vertretern der gelehrt -höfischen Dichtimg, 
soweit sie ihrem gesellschaftlichen Range nach fiir ihn er- 
reichbar waren, in Verkehr gestanden haben, wie mit den- 
jenigen Dichtem, welche auf dem Felde des nationalen 
Dramas seine immittelbaren Vorgänger, seine Mitstrebenden 
— vielleicht seine Gegner — und seine nächsten Nachfolger 
waren, nicht zu vergessen die Schauspieler, denen er gleich 
andern gleichzeitigen Dramatikern durch seinen Beruf ange- 
hörte. Es kann nicht zweifelhaft sein, dass der dramatisch - 
schauspielerische Umgangskreis derjenige war, in welchem 
sich Shakespeare vorzugsweise heimisch fand. Fassen wir 
die Männer ins Auge, welche während der beiden Jahrzehnte 
1590 bis 1610 in diesem Kreise Geltung und Ansehen genos- 
sen, so werden wir daher kaum fehlgehen, wenn wir auch 
ohne ausdrückliche Beweise annehmen, dass sich Shsike- 
speare ihrer Bekanntschaft erfreuet imd mehr oder minder 
nahen Umgang mit ihnen gepflogen hat. Unter seinen un- 
mittelbaren Vorgängern, die meist nur einen Vorspnmg 
weniger Jahre vor ihm voraus hatten, finden wir zunächst 
Robert Greene (gest. im September 1592), Thomas Kyd, der 
um 1595 in tiefer Noth starb, George Peele (gest. um 1597), 
John Lilly, den Euphuisten (gest. um 1600), und Kit Marlowe, 
denjenigen unter ihnen allen, dessen grossartige Phantasie 



159 - 

und gfewaltige dramatische Schopfungskraft Shakespeare am 
nächsten kam.* Sein vorzeitiges, unglückseUges Ende fand 
bekanntlich schon 1593 Statt. Nicht nur als Dramatiker, 
sondern auch durch vermischte satyrische u. a. Schriften 
zeichnete sich Thomas Lodge (gest. 1625) aus, der zu Oxford 
und Avignon sich der Arzneiwissenschaft gewidmet hatte 
und als angesehener Arzt in London wirkte. Von Ben Jonson 
und seinem Verhältniss zu Shakespeare wird alsbald aus- 
fuhrlich die Rede sein. Mit John Fletcher (1576 — 1625) 
soll Shakespeare 'The Two Noble Kinsmen' zusammen ge- 
schrieben haben; und gleichviel wie sich die heutige Kritik 
zu dieser Ueberlieferung stellen mag, so wird dadurch doch 
der Glaube an die persönliche Bekanntschaft beider Dichter 
um so weniger erschüttert, als Fletcher sich in seinen Wer- 
ken als grosser Bewunderer Shakespeare's erweist, dessen 
Styl und Charakter er vielfach nachgeahmt hat. Auch Flet- 
cher's literarischer Partner, Francis Beaumont (1586 — 161 5), 
obwohl über 20 Jahre jünger als Shakespeare, und der in 
demselben Alter stehende Philip Massinger, werden trotz 
ihrer Jugend dem Kreise von Shakespeare's personlicher 
Bekanntschaft zugezählt werden müssen. Beaumont erwähnt 
u. a. den Club in der Mermaid, zu dessen Theilnehmem er 
gehörte. George Chapman (1559 — 1634) ist, obwohl älter 
als Shakespeare, als Dramatiker jedenfalls später aufgetreten 
als dieser; dass er gemeinschaftlich mit Shakespeare *The 
Birth of Merlin' geschrieben haben soll, beruht lediglich auf 
einer sehr wenig glaubwürdigen Buchhändler -Angabe aus 
dem Jahre *i662. Dagegen spricht sehr viel dafür, dass 
Shakespeare seine Homer - Uebersetzung wenigstens in ihren 
Anfangen gekannt und bei Troilus und Cressida benutzt 



i) In 2 K. Henry IV, II, 4 legt Shakespeare Pistol zwei Verse aus 
Marlowe's Tamerlan: 

Holla , you pampered Jodes of Asia, 

IVhat, can you draw but twenty miles a-dayr* , 

in den Mund, und in den Lustigen Weibern III, i lässt er den Pfarrer 
Evans die erste Strophe von Marlowe's Gedicht <The Passionate Shepherd to 
his Love ' recitiren. 



i6o 

hat.^ Bekannt ist Anthony Wood's Charakteristik dieses höchst 
achtungswerthen Dichters und Menschen; er war nach ihm 
*ö person of nwst reverend aspeci, religtous and temper ate 
and highly esteemed by the clergy and academicians* Von 
den übrigen Dramatikern mag es genügen Anthony Munday, 
Henry Chettle und Thomas Dekker namhaft zu machen. 

Treten wir aus dem Kreise der Dramatiker heraus, so 
tritt uns als die grösste dichterische Gestalt Edmund Spenser 
entgegen, der allerdings nur zeitweise in London lebte und 
1599 daselbst Hungers starb. Auch wenn es nicht als er- 
wiesen angenommen werden sollte, und die Annahme ruht 
in der That auf sehr schwachem Grrunde, dass Spenser einen 
Theil seiner Jugend in Warwickshire verlebt habe, so kann 
doch Niemand glauben, dass zwei so grosse Dichter wie 
Shakespeare und Spenser gleichzeitig in derselben Stadt 
gelebt haben sollten, ohne sich persönlich nahe getreten zu 
sein, um so mehr als Graf Essex ein gemeinschaftlicher 
Gönner beider gewesen zu sein scheint. Wir besitzen über- 
dies auf beiden Seiten Andeutungen, welche auf die Hoch- 
achtung, die beide für einander hegten und auf persönliche 
Bekanntschaft schliessen lassen. Das sind die vielbespro- 
chenen Stellen im Shepherd's Calendar (Colin Clout's come 
home again, 1595): 

And there , though last not least, is Aetion: 
A gentler shepherd may nowhere he found; 
Whose muse, füll of high thoughfs invention, 
Doth like himself heroically sound — 

und im Sommemachtstraum : 

The thrice three Muses mourntng for the death 
Of Leaming just deceased in beggary. 

Trotz der dagegen geltend gemachten Zweifel wird sich 
doch schwerlich eine andere Deutung dieser Stellen behaup- 
ten als die der ersten auf Shakespeare, die der zweiten auf 
Spenser's Tod; allerdings muss die letztere alsdann als ein 



i) S. Hertzberg's treffliche Abhandlung 'Die Quellen der Troilus-Sage 
in ihrem Verhältniss zu Shakespeare's Troilus und Cressida', im Shakespeare« 
Jahrbuch VI, 169 — 225. # 



i6i 

späteres Einschiebsel angesehen werden, und sie lässt bei 
ihrer allgemeinen Fassung überhaupt sehr wol ein ganz 
abstractes Verständniss zu , ohne uns zu der Annahme einer 
persönlichen Beziehung zu nöthigen. ^ Noch zwei andere, 
vielbesprochene Stellen werden hierhergezogen, von denen 
sich die erste in Spenser's Teares of the Muses (1591) findet; 
es sind die Verse: 

And he — the man whom Natura s seif had made 
To mock her seif t and Truth to imitatet 
Wüh kindly counter under mimte shade, 
Our pleasant Willy, ah! is dead of late, 
IVith whoTn all joy and j'olly merriment 
Is also deaded and in dolour drent. 

Wie einschmeichelnd es auch scheint, diese Worte auf 
Shakespeare zu beziehen, so ist dessenungeachtet eine solche 
Annahme starken Zweifeln ausgesetzt. * Die zweite Stelle 
steht im achten Sonett des Passionate Pilgrim, wo Spenser 
erwähnt wird: 

Dowland to thee is dear, whose heavenly touch 
Upon the lute doth roi'ish human sense; 
Spenser to me, whose deep conceit is such 
As, passing all conceit , needs no defence. 

Hier tritt uns ein Zweifel anderer Art entgegen, der näm- 
lich, ob dies Sonett von Shakespeare herrührt,^ allein selbst 
wenn dies, wie es den Anschein hat, nicht der Fall sein 
sollte, so würde das keinenfalls ein Gegenbeweis gegen 
ein persönliches Verhältniss zwischen Shakespeare und 



i) Knight, Wm Sh. ; a B. 361 bezieht die zweitgenannte SteUe auf 
Robert Greene. — Vergl. Is Aetion Shakespeare? im Athen. 1875, I, 499 fg. 
(von F. G. Fleay); ibid. I, 762 (von J.M.Haies); ibid. I, 798 (von F. G. Fleay). 

2) S. u, a. The Athenaeum 1875, 11, 507 fg., wo die Verse mit grosser 
Wahrscheinlichkeit auf Lily bezogen werden. Willy kommt wiederholt als 
pastorale Bezeichnung eines Dichters vor, auch wo nicht entfernt an Shake- 
speare zu denken ist. 

3) Nach Venus and Adonis, ed. by Charles Edmonds (The Isham Re- 
prints, 1870) und Knight (Pictorial Shakespeare VI, 507) rührt dasselbe von 
Bamfield her. Vergl. Athen. 1869, I, 798. — Collier (Athen. May 17, 1856; 
N. and Q. July 5, 1856; Bibl. Account of Early English Literature 1856 s. 
Bamfield) und Ulrici (Shakspeare's Dram. Kunst, 3. Aufl., I, 278) schreiben 
es dagegen Shakespeare zu. 

Kbe, Shakespeare. I I 



102 

Spenser sein. Ja es würde selbst den Glauben nicht er- 
schüttern, dass auch John Dowland dem Kreise von Shake- 
speare's personlichen Bekannten beigezählt werden darf, 
wenngleich er wie Spenser den grössten Theil seines Lebens 
ausserhalb Londons verbrachte. Shakespeare verräth überall 
zu viel Sinn und Liebe für Musik, als dass er sich nicht 
zu dem Manne hingezogen gefühlt haben sollte, den Füller 
als ^the ratest musician that this agc did behold' lobpreist, 
und dessen Lieder noch heut als acht musikalische Klänge 
aus der Elisabethanischen Zeit zu uns herüberschallen. * 

Die nächste Dichtergrösse nach Spenser, Michael Dray- 
ton, haben wir bereits als Shakespeare's Landsmann kennen 
lernen; ebenso William Warner, Samuel Daniel (1562 bis 
16 19) war nicht bloss, wie erwähnt, Shakespeare's Vorbild 
in der Sonettdichtung, sondern schrieb u. a. auch eine poe- 
tische 'History of the Civil Wars between York and Lan- 
caster' und ein paar Dramen, freilich in anderm Geiste als 
Shakespeare, nämlich im Geiste der gelehrt- hofischen Dich- 
timg. Seine Tragedy of Cleopatra begegnet sich zwar dem 
Stoffe nach mit Shakespeare, ist ihm aber in Styl und Be- 
handlung diametral entgegengesetzt; sie ist in Reimen imd 
mit Chören nach antikem Muster geschrieben. Für die per- 
sönliche Werthschätzung und den Umgang mit Shakespeare 
konnte das kein Hindemiss sein; dieser mag im Gegentheil 
vielleicht um so vertrauter gewesen sein als Daniel nicht 
allzugut mit Jonson gestanden zu haben scheint, der ihn 
als Nebenbuhler betrachtete und gelegentlich — wie man- 
chen andern — verspottete. Daniel war nämlich 'master of 
the queen's revels and inspector of the plays to be repre- 
sented by the juvenile performers' Nach Spenser's Tode 



i) Dowland (geb. zu Westminster 1562) hatte grosse Reisen durch 
Frankreich, Deutschland und Italien gemacht und lebte dann lange Zeit am 
dänischen Hofe als Lautenspieler des Königs. Das zweite Buch seiner * Songs 
or Ayres' ist von 'Helsingör in Dänemark den i. Juni 1600' datirt, was für 
Shakespeare begreiflicher Weise ein ganz besonderes Interesse haben musste. 
Mit welcher innem Bewegung mag er diese ihn an Hamlet's Terrasse ge- 
mahnenden Lieder haben singen hören! Vergl. über Dowland's Aufenthalt 
in Deutschland Cohn, Shakespeare in Germany XXXV fg. 



1 63 

scheint er nach der Stelle als Poet Laureat e gestrebt zu 
haben, zu welchem Ende er einige Maskenspiele schrieb, 
was nicht umhin konnte B. Jonson's Eifersucht zu erregen. 
Daniel zog sich endlich auf eine Farm in Somersetshire 
zurück und starb dort ^beloved, honoured and lamented^ 

Eine beachtenswerthe Stellung als Satyriker nahm John 
Marston ein, der 1598 sein Hauptwerk: *The Metamorpho- 
sis, or Pigmalion's Image. And certaine Satyres' heraus- 
gab. Shakespeare scheint in Maass für Maass IQ, 2 darauf 
anzuspielen: * What, is there none of PygmaliotCs Images ^ 
newly made ivomafiy to be had now -rP' Eine weitere Hin- 
deutung auf einen persönlichen Umgang Shakespeare's mit 
ihm findet sich eben so wenig als bezüglich des zweiten 
vielgenannten Satyrikers und Pamphletisten Thomas Nash, 
und doch ist schwerlich zu zweifeln, dass Shakespeare beide 
wenigstens von Person kannte. Nash (1558 — 1601), den 
Lodge in einer ausfuhrlichen Charakteristik als den echten 
englischen Aretino bezeichnet, that sich nicht weniger durch 
seinen Scharfsinn, sein Wissen und seine Schreibfertigkeit, 
als durch seinen gehässigen, neidischen und verleumde- 
rischen Charakter hervor; persönliche Polemik, je niedriger 
je besser, war das Feld, auf welchem er sich am liebsten 
bewegte. ^ Er und Robert Greene waren , so weit unsere 
Kunde reicht, die einzigen Gegner Shakespeare's , welche 
selbst seine Persönlichkeit nicht mit ihren Angriffen ver- 
schonten. Die betreffenden Stellen nennen zwar Shake- 
speare nicht mit Namen, bezeichnen ihn aber doch so hand- 
greiflich, dass kaum ein Zweifel aufkommen kann. Ausser 
dem bereits auf S. 98 fg. mitgetheilten Auszuge aus Nash's 
Epistle to the Gentlemen Students bezieht sich allem Ver- 



l) Nash's zahlreiche Pamphlete sind ausserordentlich selten, und nur 
einige von ihnen sind neu herausgegeben worden. Sie besitzen jedoch für 
die Kenntniss der Elisabethanischen Aera und für die Shakespeare - Forschung 
insbesondere eine solche Wichtigkeit, dass es ein verdienstliches Unter- 
nehmen sein würde, sie in einer vollständigen Gesammt- Ausgabe den Shake- 
speare-Gelehrten zugänglich zu machen. — Vergl. * Satires and Declamations 
of Thomas Nash * in The Retrospcctive Review , Vol, I. — Ueber Shake- 
spearc's Verhätniss zu Nash s. Gerald Massey, Shakespcare's Sonnets 137 fg. 

II* 



164 

r 

muthen nach auch der folgende Passus aus Nash's Anatomie 
of Absurditie (1590) auf niemand anders als auf Shakespeare. 
Nash spricht darin nicht nur von ^new found songs and 
sonnet s, which every red nose fiddler hath at his fingers^ 
end\ von 'men who make poetry an occupation; lying ts 
their living; and fables are their moveables\ sondern er 
fahrt fort: 'They think knowledge a bürden, tapping it 
before they have half tunde it, venting it before they have 
filled it, in whom the saying of the orator is verified — 
A7ite ad dicendum quam ad cognoscendtim veniunt, They 
come to speak before they come to know, They contemn arts 
as unp^of table, contenting themselves with a little country 
grammar knowledge.' Auf wen kann dieses Scheelsehen 
eines Studirten auf den Autodidakten vom Lande anders 
gehen als auf Shakespeare? Auch in Nash's Dido of Car- 
thage ni, 4 findet sich ein Seitenhieb auf Shakespeare; 
Aeneas sagt: 

Who would not undergo all kinds of toxi, 
To he well stored with such a Winter' s taler 

Wenn wir die Streitschriften nachlesen, in welchen Nash 
seinen Gegner Harvey so zu sagen mit Keulen todtge- 
schlagen hat, so erscheinen diese Ausfalle gegen Shake- 
speare in der That ausserordentlich glimpflich; sie sind 
sogar weniger scharf als manche Seitenhiebe B. Jonson's 
gegen Shakespeare. Was endlich Greene's bereits S. 131 
erwähnten eifersüchtigen Ausfall in seinem Groatsworth of 
IVit aus dem J. 1592 betrifft, so beweist derselbe, welche 
Bedeutung Shakespeare um diese Zeit bereits erlangt hatte ; 
die Stelle heisst im Zusammenhange: 'there is an upstart 
crow, beautified with our feathers, that with his Tygers 
heart wrapt in a Players hide, supposes he is as well able 
to bumbast out a blanke verse as the best of you: and being 
an absolute Johannes fac totum, is in his owne conceit 
the onely Shake-scene in a countrie' Irgend welche Schlüsse 
auf Shakespeare's Character — denn darüber dass Shake- 
speare gemeint ist, sind alle Kritiker einig — lassen sich 
daraus um so weniger ziehen, als Chettle, der Herausgeber 
dieses posthumen Pamphlets, in der Vorrede zu seinem 



- i65 

Kind-Harts Dreame widerrufen und Pater peccavi gesagt 
hat. ^The other' (viz. Shakespeare), so lauten Chettle's 
Worte, *wham at that time I did not so muck spare^ 
as since I wish f had; for that as I have Tnodcratcd the hate 
of living wrtters, and might have üsed my oivn discretion 
(especially in such a case, the author being dead) that I 
did not, I am as sorry as if the original fault had been 
my fault ; because myself have seen his demeanour y no less 
civil than he excellent in the qualities he professes, Beside, 
divers of worship have repeated his uprightness in dealing, 
which argues his honesty, and his facetious grace in 
writing, that approves his art' 

Noch zweier Persönlichkeiten muss gedacht werden, 
mit denen Shakespeare allem Vermuthen nach persönlichen 
Umgang gepflogen hat, das sind der berühmte Baumeister 
Inigo Jones und der Sprachlehrer John Florio. Der erstere 
kehrte nach längerer Abwesenheit in Italien (besonders 
Venedig) und Dänemark, wo er in Christian's IV Diensten 
gestanden hatte, um 1604 in sein Vaterland zurück und war 
von da ab eine Reihe von Jahren hindurch der Mitarbeiter 
B. Jonson's bei der Erfindung und Inscenirung von dessen 
Maskenspielen, bis er sich mit ihm entzweite. Bei dem 
nahen Verhältnisse, in welchem Shakespeare zu B. Jonson 
stand, lässt sich nicht annehmen, dass er seinem engver- 
bundenen literarischen Partner fremd geblieben sein sollte. 
Das ist um so weniger glaublich, als Inigo Jones auch ander- 
weitig in naher Beziehung zum Theater stand, wie aus 
seinen noch erhaltenen Costüm- Entwürfen für eine Reihe 
hervorragender Rollen hervorgeht; ja unter diesen Rollen 
befindet sich sogar Shakespeare's eigener Jack Cade. Die 
Zeichnung ist zwar gleich den übrigen nur flüchtig skizzirt, 
aber, wie Planche hervorhebt, höchst charakteristisch; der 
Rebell trägt die zerlumpten Hosen des Handwerkers, hat 
sich aber mit einem bebuschten Helme aus der Beute der 
getödteten Staftords 'geschmückt {2 K. Henry VI, IV, 3); 
mit der Rechten zieht er das Schwert, als spräche er eben 
die Worte: *So kommt, lasst uns mit ihnen fechten!' (TV, 6) 
und in der Linken hält er den Feldhermstab. Damit gar 



- — i66 - - 

kein Zweifel über die gemeinte Persönlichkeit aufkommen 
könne, hat der Künstler selbst wie bei den übrigen den 
Namen darunter gesetzt. ^ Es erfordert keine ungerecht- 
fertigte Anstrengung der Einbildungskraft, wenn wir in 
diesem wie in anderen Pimkten an einen personlichen Mei- 
nimgsaustausch zwischen dem Zeichner und dem Dichter 
glauben. Männer wie Dowland und Inigo Jones, welche 
nicht nur die Welt gesehen und sich in den verschiedensten 
Lebenssphären bewegt hatten, sondern auch das ihnen 
eigenthümliche Kunstgebiet beherrschten und zu einer 
hohem Stufe der Entwickelung erhoben, mussten ohne Frage 
für Shakespeare eine grosse Anziehungskraft besitzen; sie 
kamen seinem Wissens- und Bildungsdrange entgegen, in- 
dem sie durch ihre Mittheilungen seine Weltkenntniss er- 
weiterten und seine Anschauungen und Ideen vom Wesen 
der Kunst läuterten und forderten. Dass Jones ein Katholik 
war, kann dabei nicht in Betrafcht kommen. Auch Florio, 
obwohl an geistiger Bedeutung den beiden genannten nicht 
zu vergleichen, besass doch Bildungselemente, welche für 
Shakespeare .nicht anders als willkommen und forderlich 
sein konnten. Er war um 1545 von italienischen Eltern 
geboren, die sich ihres waldensischen Glaubens wegen nach 
London geflüchtet hatten; vermuthlich war Michelangelo 
Florio, der um 1550 als Prediger der italienischen Prote- 
stanten in London genannt wird, sein Vater. Bei der Thron- 
besteigung der katholischen Maria flüchteten die Eltern 
wiederum aus England, und John erhielt seine Erziehung auf 
dem Festlande, bis der Regierungsantritt Elisabeth's der 
Familie die Rückkehr nach England erlaubte. John ging 
nun nach Oxford, wo er im Magdalen College seine Stu- 
dien zum Abschluss brachte, zugleich aber auch seinen 



i) Vergl. Inigo Jones. A Life of the Architect by Peter Cunningham &c. 
(Lond. 1848. Printed for the Shakespeare -Society). Die Originalzeichnungen 
zu den in dieser Schrift enthaltenen vortrefflichen Facsimiles befinden sich 
in der Bibliothek des Herzogs von Devonshire. Der Helm ist in der Zeich- 
nung sorgfaltig von dem zu Elisabeth*s Zeit üblichen unterschieden; es ist 
ein 'sallet* (ital. celata, deutsch Schale), als welchen ihn Jack Cade selbst 
bezeichnet (IV, 10): '/ (hink this word sallet was born to do me good &c.* 



- - löy — 

Commilitonen Unterricht in den neueren Sprachen, nament- 
lich im Italienischen, ertheilte. Später wurde er in London 
von der hohen Aristokratie patronisirt, stand einige Jahre 
im Dienste des Grafen Southampton und wurde endlich 
Sprachlehrer des Prinzen Heinrich und der Königin Anna, 
die ihn auch zu ihrem Kabinetssecretär ernannte. Anna 
sprach, wie Elisabeth, geläufig Italienisch. Sein italienisch - 
englisches Wörterbuch (A World of Wordes &c. , zuerst 
1 598) hat lange Zeit als die beste Leistung auf diesem Felde 
sich eines fast klassischen Ansehns erfreut. Noch grösseres 
Aufsehen erregte seine bekannte, der Lady Rieh gewidmete 
Uebersetzung von Montaigne's Essays (1603), welche Shake- 
speare, wie unzweifelhaft feststeht, fleissig gelesen und 
benutzt hat. * Shakespeare 's Exemplar dieses Werkes mit 
seiner von den gewiegtesten Kennern für echt gehaltenen 
Namens -Inschrift wird gegenwärtig im Britischen Museum 
verwahrt.* Nach der Annahme Warburton's und anderer 
Herausgeber hätte Shakespeare Florio in seinem Holofemes 
porträtirt (s. S. 43), allein mancherlei spricht dagegen. Flo- 
rio war, wie bemerkt, seiner eigenen Aussage zufolge ein 
Schützling Southampton's , und überdiess mit der Schwester 
des von Shakespeare geehrten und nachgeahmten Sonetti- 
sten Daniel verheirathet , zwei Umstände, die schon an 
sich den Dichter abhalten mussten , Florio auf die Bühne zu 
bringen. Dazu kommt, dass wir nichts aus Florio's Leben 
und Charakter wissen, was Shakespeare Veranlassung zu 
einer solchen Verspottung hätte geben können; ^Resolute 
John Florio\ wie er die Vorrede zu seinem Wörterbuche 
unterzeichnet hat, scheint im Gegentheil sowohl hinsicht- 
lich seiner äussern Lebensstellung wie hinsichtlich seiner 
Leistungen eine durchaus achtungswerthe Persönlichkeit 



1) Flono gab ausserdem heraus: First Fruits, or Dialogues in Italian 
and English (1578) und Second Fruits (1591). 

2) Sir Frederic Madden , Observations on an Autograph of Shakespeare 
and the Orthography of his Name. Lond. 1838. — Die bekannte Stelle im 
Sturm II, I hat Shakespeare fast wörtlich aus Florio's Uebersetzung ent- 
lehnt; Shakespeare -Jahrb. VII, 33 fg. — Ueber Shakespeare's Verhältniss zu 
Florio s. Gerald Massey, Shakespeare's Sonnets 135 Ck* 



ij68 

gewesen zu sein, was Anthony Wood mit den Worten 
bestätigt: ^ hc was a very useful man in his profession^ 
zealous in the religion he professed^ and much devoted to 
the Englisk nation' Endlich gewährte er Shakespeare eine 
sicheriich willkommene Vermittelung tür die Kenntniss der 
modernen Sprachen und Literaturen, und Shakespeare 
müsste das Gegentheil von ^gentle' gewesen sein, wenn er 
ihn zum Dank dafür hätte karikiren und dem Gelächter des 
Londoner Publikums Preis geben wollen. Florio starb in 
Zurückgezogenheit zu Fulham an der Pest im J. 1625. 

Unter den Schauspielern , welche zu Shakespeare's Um- 
gangskreise gerechnet werden müssen, nehmen nächst Bur- 
bage die nachmaligen Herausgeber seiner Werke Heminge 
und Condell billig die ersten Stellen ein; diesen drei Kol- 
legen (und nur ihnen) hat Shakespeare in seinem Testa- 
mente je 26 Schillinge 8 Pence zum Ankauf von Gedächt- 
niss -Ringen ausgesetzt. In einem spätem Abschnitt wird 
von ihnen wie von den übrigen Mitgliedern der Truppe des 
Lord Kammerherm ausführlicher jdie Rede sein. In wie 
weit Shakespeare mit den Mitgliedern anderer Truppen, 
namentlich mit AUeyn und Henslowe , Umgang gepflogen 
haben mag, darüber fehlt uns jede Andeutung. 

Die Mehrzahl der vorstehend dem Leser vorgeführten 
Schriftsteller wie auch der Schauspieler war verheirathet 
und führte ein den Sitten der Zeit entsprechendes geord-. 
netes Familienleben; der Schwerpunkt der Geselligkeit und 
des Verkehrs aber lag ausser dem Hause, da man geselli- 
gen Umgang innerhalb der Familie noch nicht kannte; die 
Frauen spielten noch keine Rolle im geselligen Verkehr, 
geschweige dass sie wie in den französischen Salons des 
18. und 19. Jahrhunderts den Mittelpunkt gebildet hätten. 
London war überdies eine lebenslustige Stadt und auch in 
dieser Hinsicht die echte und rechte Hauptstadt d^s lustigen 
Alt- Englands; Thombury (Shakespeare's England I, 103) be- 
zeichnet mit Recht ^ sociability' d. h. gemüthliche Geselligkeit 
als einen hervorstechenden Charakterzug der Elisabethani- 
schen Epoche. Es wurde — um den bezeichnenden Studenten- 
Ausdruck zu gebrauchen — viel gekneipt imd viel getnm- 



169 

ken. Nash, der sich im Pierce Pennilesse sehr gegen das 
Wirthshausleben ereifert, meint, das übermässige Trinken 
sei aus den Niederlanden herübergekommen. * Front glut- 
tonte in meates* sagt er S. 52, *let nte discend to super- 
fluitie in drink, a sinne that, euer since we haue mixt 
our selues witk the Low Countries, is counted honourable^ 
but before we knew their lingring warres^ was held in the 
highest degree 0/ hatred that might be.' Wer denkt dabei 
nicht an Shakespeare's gehamischte Strafpredigt gegen das 
*schwindelköpfige Zechen' im Hamlet? Sicher ist es, dass 
Holländer, Dänen und Deutsche sich als Meister im Zechen 
auszeichneten, und dass die Engländer, gleichfalls mit vor- 
trefflichen Anlagen in diesem Fache ausgestattet, mit Erfolg 
bei ihnen in die Schule gegangen waren. Die Sache wird 
wiederholt bei Shakespeare wie bei anderen gleichzeitigen 
Dramatikern besprochen, namentlich im Othello (11, 3): 'Ich 
hab's in England gelernt, wo sie, das muss man sagen, sich 
gewaltig aufs Bechern verstehn. So'n Däne, so'n Deutscher, 
so'n schmeerbäuchiger Holländer — heda, Wein! — sind 
alle nichts gegen den Engländer. [Der Engländer] trinkt 
euch mit Gemächlichkeit den Dänen unter'n Tisch; eh' ihm 
nur der Schweiss auf die Stirn tritt, fallt der Deutsche schon 
ab ; und der Holländer muss sich übergeben, eh* der nächste 
Humpen gefüllt werden kann.' ^ Shakespeare's eigene Stel- 
lung ist hiemach leicht erkennbar ; er verurtheilte die Trunk- 
sucht nicht minder als der Strafprediger Nash und war für 
seine Person massig, wenngleich er kein Kostverächter 
gewesen sein wird. Hierin wie in so manchen anderen 
Punkten wird er Walter Scott geglichen haben, der, obwohl 
gleichfalls der acht germanischen ^ conviviality' nicht abhold, 
wiederholt seinem ältesten Sohne warnend schreibt, dass 
für Körper und Geist nichts so verderblich ist als die Trunk- 
sucht, selbst wenn sie in anständiger Form auftritt. Auch 
wenn Aubrey nicht ausdrücklich sagte, dass Shakespeare 



i) S. die Schilderung des deutschen Herzogs -Neffen im Kaufmann von 
Venedig I, 2. Vergl. Herm. Kurz, Zu Shakespeare's Leben und Schaffen 
(München, 1868) 83 — 100. , 



IJO — 

^very good Company^ gewesen sei, so konnten wir doch 
keinen Augenblick daran zweifeln. Er mischte sich gewiss 
viel und gern in muntere und geistvolle Gesellschaft und 
besuchte oflFentliche Orte — Mermaid, Eberkopf, Steel - 
Yard — schon um daselbst Charakterstudien zu machen. 
Gewiss hatte er auch Freude an massvollen leiblichen Ge- 
nüssen. In besonders übelm Rufe standen bei Shake- 
speare s Zeitgenossen die Speisehäuser (ordinaries)^ die sich 
von 3 Pence bis zu i Schilling abstuften, wo sich allerlei 
liederliches und betrügerisches Gesindel einfand und wo es 
oft ziemlich wüst herging, wenn wir den Schilderungen 
Dekker's (bei Knight, Wm Sh.; a B. 263), Thombury's 
(Shakespeare's England I, 124 — 12g) und Anderer (bei War- 
ton IL E. P. in, 416) glauben dürfen; nach dem Essen wurde 
in der Regel geraucht und Karte (priniero) gespielt. Die 
lustige (jesellschaft in London war sehr wohl bekannt mit 
den ausgebildeten deutschen Regeln der edeln Zechkunst — 
dem Comment, um nochmals mit den Studenten zu sprechen 
— wie das Upsy Duich, das den Auslegern so viel Schwie- 
rigkeit bereitet hat, das Supemaculum und Aehnliches be- 
weisen. Ganz wie noch heute unsere Studenten trank man 
in Shakespeare's London Brüderschaft mit verschränkten 
Armen. * Holländische Trinkliedchen , wenigstens Lieder 
mit holländischen Anklängen, kamen vom Festlande her- 
über.* Das Geschäft der Weinstubenbesitzer und Wein- 
händler (vintners) war in ganz England und vor allem in 
London ein blühendes Gewerbe. ^ Ein Mittelpunkt inter- 
nationalen Trinkens war der Stahlhof, der auch von den 
Engländern vielfach besucht ward, welche hier die Bekannt- 
schaft deutscher Leckerbissen und Gebräuche machten. 



i) Chapman's Alphonsus ed. Elze 138 fgg. 

2) Vcrjjl. Othello II, 3 {iet me the canakin clink) und die Strophe in 
The Shocmakcr's lloliday (There was a boer van Gelderland &c.^ ; s. Elze, 
Die Englische Sprache und Literatur in Deutschland 17 fg. 

3) Vintner ist bisweilen • fälschlich durch Weinbauer wiedergegeben 
worden, wobei übersehen worden ist, dass England kein weinbauendes Land 
ist. Die Vintners bildeten in London eine eigene Zunft; s. darüber Stow's 
Survey of London ed. Thoms (Lond. 1876) 90. 



lyi — 

'Men, when they are idle,' sagt der sauertöpfische Nash 
(im Pierce Pennilesse ed. Collier 56) der alles von der 
schwärzesten Seite ansieht, 'and know not what io do, saith 
one ''Lei vs goe to the still iard and drinkc Rhenish wine^ 
"Nay, if a ntan knew where a good ivhorehouse were, saith 
another, it wcre somewhat like^ "Nay, saith the third, 
let vs goe to a dicing-house, or a bowling-alley, aftd there 
we shall haue some sport for our tnoney'' Es lässt sich 
' nicht bezweifeln, dass Shakespeare ebenso wohl wie Drake's 
Schiff, so auch den Stahlhof in fröhlicher Gesellschaft be- 
sucht und dort Rheinwein getrunken und Kaviar gegessen 
hat. Für einen so tiefblickenden Kenner der menschlichen 
Natur wie Shakespeare war, muSs es ohne Frage von 
grossem Interesse gewesen sein, hier fremdländisches Wesen 
und Gebahren zu beobachten; hier sah er den Hüpfauf 
(upspring) , den er im Hamlet den berauschten König Clau- 
dius tarnen lässt, hier lernte er den Schmuck der Kränze 
kennen, welchen er unter dem deutschen Namen *Crants' 
der Ophelia auf ihrem » letzten Wege mitgiebt. Aber auch 
Besseres und Grösseres sah Shakespeare im Stahlhofe, näm- 
lich Holbein's vielbewunderte Gemälde, den Triumph des 
Reichthums und den Triumph der Armuth, mit denen dieser 
im Auftrage der hansischen Kaufleute den grossen Saal 
ausgeschmückt hatte. * Jedenfalls zierten noch andere Ge- 
mälde , namentlich Bildnisse , sei es von Holbein, sei es von 
anderen Meistern, die Wände. Die beiden Triumphe mit 
ihrem reflektirenden, allegorischen Charakter scheinen jedoch 



i) Woltmann, Holbein und seine Zeil II, 218 — 228. Lappenberg, Stahl- 
hof 82 — 87. — Nachdem Elisabeth 1598 den Stahlhof hatte in Besitz nehmen 
und die Deutschen aus ihren Häusern vertreiben lassen, brach grosse Ver- 
nachlässigung und Verwüstung über die Gebäude und ihre Ausstattung her- 
ein, so dass dieselben, als sie 1606 von Jakob I ihren Eigenthümern zurück- 
gegeben wurden, sich im schlechtesten Zustande befanden und der Hausrath 
fast gänzlich gestohlen war. Als bald darauf das gemeinsame Leben im 
Stahlhofe aufhörte, und die Hallen vermiethet wurden, beschlossen die Hanse- 
städte die beiden Holbein*schen Gemälde dem Prinzen Heinrich zum Geschenk 
zu machen , der , wie nachmals sein Bruder Karl I, ein eifriger Kunstfreund 
war. Woltmann a. a. O, 



172 

keinen bedeutenden Eindruck auf Shakespeare gemacht zu 
haben, sons>t hätte er wol irgendwo auf sie angespielt. Er 
verlangte Malerei, welche nicht mühsam studirt sein wollte, 
sondern welche den Beschauer durch unmittelbare Lebens- 
wahrheit gefangen nahm, wie Giulio Romanows sinnliche 
Naturfülle; doch davon wird an einer andern Stelle ausführ- 
licher die Rede sein. 

In einem Kreise hochgebildeter, geistsprühender Män- 
ner wie derjenige war, in welchem sich Shakespeare be- 
wegte , konnte es sich natürlicher Weise nicht um • das 
Trinken an sich, sondern nur um die Poesie des Trinkens 
handeln, die vorzugsweise in den sogenannten Clubs gepflegt 
wurde, von deren Lobe die Zeitgenossen voll sind. Als 
die Schauplätze dieser abendlichen — vielleicht auch nächt- 
lichen — Sitzungen nennt die Ueberlieferung u. a. The 
Mitre, The Falcon,* The Apollo, vor allem aber The Mer- 
maid, wo der berühmte, von Sir W. Raleigh gegründete, von 
Beaumont (in seinem Briefe an Jonson) gepriesene und von 
Füller beschriebene Club seinen Sitz hatte. * Aus der ge- 
legentlichen Erwähnung verschiedener anderer Wirthshäuser 
lässt sich schliessen, dass sich das Clubleben nicht auf ein 
bestimmtes Lokal beschränkte, sondern, vielleicht von der 
wechselnden Güte der Getränke und ähnlichen Umständen 
beeinflusst, dem Grundsatze der Freizügigkeit huldigte. Der 
berühmte Eberkopf in Eastcheap, in welchen Shakespeare 
bekanntlich seinen Falstaff-Club verlegt hat, scheint in 
Wirklichkeit von dem Literaten - Club nicht besucht worden 
zu sein. * Als der Mittelpimkt und die hauptsächlichste 



1) Abbildung bei Knight, Wm Sh.; a B. 379. 

2) Beaumont's Verse lauten: 

IVhat thtngs have we seen 

Done at the Mertnaid! heard words ihat have beert 

So nimble, and so füll of subtile flame, 

As if tfiai every orte front whence they eatne 

Had nteant to put his wkole wit in a jest^ 

And had resolv*d to live a fool the rest 

Of his dull life, 

3) Vergl. Athen. 1868, II, 92. 



173 

Anziehungskraft des Clubs erscheint keineswegs Shake- 
speare, sondern B. Jonson, der aus diesem Grunde von 
seinen Bewunderem vielfach gefeiert wird, während Shake- 
speare nie in solchem Style angesungen worden ist, wie 
wir ihn z. B. in Herrick's Ode an B. Jonson finden.^ Jonson 
war hier offenbar der regelmässigste Stammgast, der Hahn 
im Korbe, der Club -König, während Shakespeare sich viel- 
leicht nur als ein gelegentlicher Besucher einfand und sich 
gern zurückzog. In seinen alten Tagen hatte Jonson seinen 
eigenen Club, St. Dunstan*s. * Gewiss war auch Jonson 
minder massig als Shakespeare, wenigstens sagt Drummond 
von ihm: ^ Drink is one of the Clements in which he liveth' 
Jonson selbst lässt uns in Every Man out of his Humour 
V, 4 einen Abend in The Mitre mit erleben, und man nimmt 
an, dass er in dem zechenden Carlo Buffone sich selbst 
geschildert habe, doch mag davon immerhin eine komisch 
sein sollende Uebertreibung abzuziehn sein. Merkwürdig ist 
es, dass B. Jonson die Gesellschaft durch seinen Witz be- 
lebte und entzückte, während doch in seinen Stücken der 
Witz überall frostig und gekünstelt ist, und im Vergleich 
zu Shakespeare sich seinen Werken überhaupt weder* Witz 
noch Humor zuerkennen lässt. Shakespeare's komische 
Scenen reissen noch heute Leser und Hörer selbst wider 
ihren Willen mit sich fort, aber wer kann über B. Jonson's 
Spässe lachen? Füller berichtet: ^Many were the rvit-com- 
bats betwixt him (Shakespeare) and B, Jonson; which two 



1) The Works of B. Jonsdn ed. Giffbrd (in i Bde.) 88. Die erste 

Strophe lautet: 

Ah Ben! 

Say how, or when 

Shall we tky guests 
Meet at those lyric feasts 

Made at the Sun 

The Dog, the Triple Tuni" 

Where we such Clusters had 
As made us nobly wild, not tnad; 

And yet each verse of thine 
Outdid the meat , outdid the frolic vrinel 

2) The Works of B. Jonson ed. Giflford 56. 



174 

/ behold like a Spanish great galleon and an English man- 
o/'War: Master Jonson (like the former) was built far 
higher in learning ; solide but slowy in his Performances, 
Shakespeare, wilk the English m^n-of-ivar , lesser in bulk, 
but lighter in sailing , could turn with all tides , tack 
about , and take advantage of all winds , by the quickness 
of his wit and inventionJ Dieser Bericht stammt aus dem 
Jahre 1662, und Füller war erst acht Jahre alt als Shake- 
speare starb; er ist mithin nichts weniger als eine Quelle 
ersten Ranges, und der Ausdruck * / behold them \ zu dem 
sich ergänzen lässt 'in my mind's eye\ charakterisirt seine 
Schilderung; allein nichtsdestoweniger lässt sich derselben 
die zutreffendste innere Wahrheit nicht absprechen. Ganz 
nach Art der hochgebauten, schwerfalligen spanischen Gal- 
leone segelte Jonson auch ausserhalb des Clubs mit auf- 
geblähtem Selbstgefühl und sich überhebender Grandezza 
einher und blickt in Bartholbmew Fair I, i mit Verachtung 
auf die übrigen Witzköpfe herab: ' A pox 0' these Preten- 
ders to wit! your Three Cranes, Mitre, and Merm^id men! 
not a corn of true sali, not a grain of right mustard 
amongst them all ! They may stand for places, or so^ again 
the next wit- fall and pay two-pencc in a quart more for 
their canary than other men' &c. Und doch ist es nicht 
B. Jonson , sondern Shakespeare , bei welchem die Witz- 
gefechte der Clubs in den verschiedensten Tonarten nach- 
klingen und sich die Unsterblichkeit erworben haben, wo- 
gegen sich bei Jonson nichts Nennenswerthes in diesem 
Fache vorfindet. Das eigentliche Wesen des Witzgefechts 
hat Gervinus I, 2 1 4 fg. am besten charakterisirt. Jedenfalls 
haben wir den Brutplatz und die Geburtsstätte der Falstaf- 
fiade im Mermaid-Club und seinen Filialen zu suchen, wo 
sich die Theilnehmer ohne Zweifel in ähnlicher Weise ge- 
neckt und geschraubt haben werden. Ja, wenn man die 
Personalbeschreibung Henry Chettle's liest, so kann man 
sich schwer des Gedankens entschlagen, dass dieser wenig- 
stens in Bezug auf seine Beleibtheit das Modell zum Fal- 
staff gewesen, und dass ein grosser Theil der gegen Falstaff 
in diesem Punkte gerichteten Witze ursprünglich gegen ihn 



175 

losgelassen worden sein mag. In Dekker's A Knight's Con- 
juring 1607 Sign. L wird nämlich die Dichtergesellschaft im 
elysischen Lorbeerhaine geschildert. Zu oberst thronen 
Chaucer und Spenser. ^In another companie sat learned 
Atchlow and (tho he had been a player molded out of their 
pennes, yet because he had been their louer and regist er to 
the Muse) inimitable Bentley: these were likewise carowsing 
out of the holy well &c. Whilst Marlowe, Greene, and 
Peele had gott vnder the shadow of a large vyne, laughing 
to see Nashe^ that was but newly come to their colledge, 
still haunted with the same satyricall spirit that followed 
him here upon earth,' Zu dieser Gesellschaft erhält auch 
Chettle Zutritt. 'In comes Chettle^ so heisst es, 'sweating 
and blowing y by reason of his fatnes: to welcome whom, 
because he was of olde acquaintance , all rose up and feil 
presentlie on their knees ^ to drink a health to all lovers 
of HeliconJ * Dieser Kniefall scheint gleichfalls sat3rrisch 
gemeint; die jungen Brausewinde haben sicherlich nicht 
bloss im elysischen Haine ihren Spott mit dem dicken ält- 
lichen Herrn getrieben, zumal er eine alte Bekanntschaft 
war. Nicht bloss Witzgefechte, sondern auch derbere 
Spässe sind gewiss an' der Tages- oder vielmehr Nacht - 
Ordnung gewesen. Von Shakespeare selbst ist uns nur ein 
einziger und zwar wenig verbürgter Witz überliefert, der, 
wenn» auch nicht diesen Abendunterhaltungen entstammend, 
doch am besten an dieser Stelle eingeflochten wird. In 
Sir Nicholas Lestrange's handschriftlichen Merry Passages 
and Jests (im Britischen Museum Harleian Mss. No. 6395) 
aus denen Wm J. Thoms einen Auszug veröffentlicht hat, * 



i) Ob der Schluss, den Job. Meissner im Shakespeare -Jahrbuch IX, 134 
ans dieser Stelle zieht, dass nämlich Chettle zu jener Zeit bereits todt war, 
nothwendig ist, das erscheint uns fraglich. Es existirt sonst keinerlei An- 
deutung über Chettle's Tod, und die spöttische Witzigkeit der vorliegenden 
Schilderung wäre nur um so drastischer, wenn dieselbe noch bei Chettle's 
Lebzeiten geschrieben wäre. 

2) Anecdotes and Traditions illustrative of Early English History and 
Literature derived from MS Sources published ifor 'the Camden Society 
Part I, 2 No. 3. 



176 

wird nämlich Folgendes erzählt. * Shakespeare was godfather 
to one 0/ B, JonsorCs children and after the chrisfning^ 
being in a deepe study, Jonson came to cheere htm up, and 
ask't htm why he was so melancholy? '^No\ faith, Ben'^ 
(says he), '*not /, but I have been considering a great 
white what should be the fittest gift for me to bestow upon 
my god'Childy and I have resolv'd at last.'' ''I pr'y the, 
what?'' sayes he. ''Ffaith, Ben, Fle e'en give him a dornen 
good Lattin Spoones , and thou shalt translate them. " ' ^ 
Knight (Wm Sh.; a B. 275) giebt diese Anekdote nur in 
einer Anmerkung und auch da nur aus Achtung vor dem 
Herausgeber Mr Thoms. 

Dies fuhrt uns auf die domige Besprechung des per- 
sönlichen Verhältnisses zwischen Shakespeare und B. Jonson, 
welches an sich fast eine kleine Literatur hervorgerufen hat 
imd noch immer neue Untersuchungen erzeugt.* Jonson's 
Verhältniss als Dichter zu Shakespeare hat am besten 
Dryden im Prolog zu seiner und Davenant's Bearbeitung 
des Sturms wie im Prolog zu seiner Bearbeitung des Julius 
Cäsar charakterisirt. (Ingleby, Centurie of Prayse 256 fgg.) 
Dass Shakespeare in näheren, literarischen und persönlichen 
Beziehungen zu B. Jonson stand als 'zu irgend einem andern 
gleichzeitigen Dichter, wird allseitig angenommen ; dass man- 
nigfache literarische Zwistigkeiten und Reibimgen zwischen 
ihnen herrschten, die von B. Jonson ausgingen, das bestreiten 



i) Latten ist Messing oder Zinn. 

2) Malone's Shakespeare by Boswell (1821) I, 402 — 435. — Octavius Gil- 
christ, An Examination of the Charges maintained by Messrs Malone, Chal- 
mers and others of B. Jonson's Enmity &c. towards Shakespeare. Lond. 1808. 
— Shakespeare and Jonson. Dramatic versus Wit - Combats. Auxiliary For- 
ces : Beaumont and Fletcher, Marston, Dekker, Chapman and Webster. Lond. 
1864 (Athen. No. 1895, Feb. 20, 1864 p. 255 fg.) — B. Jonson's Quarrel with 
Shakespeare [von R. Simpson] in The North British Review No.CIV, July 1870. 
(Inhaltsangabe in The Academy Aug. 13, 1870 S. 283 fg.). — Gifford, Me- 
moirs of B. Jonson (The Works of B. Jonson. Moxon, i vol.). — Knight, 
Wm Sh.; a B. 380 fgg. — Kenny, The Life and Genius of Shakespeare 
410 — 414. — Brinsley Nicholson, The * Countercheck Quarrelsome' by 
B. Jonson and Co, with Shakespeare's «Retort Courteous', N. and Q. 1864, 
No. 115. 



177 

nur Octavius Gilchrist, der sehr oberflächlich zu Werke 
geht, und GifFord, welcher in einseitigster, ja man darf 
sagen verblendeter Weise überall bemüht ist, Jonson nicht 
nur rein zu waschen, sondern als Dichter und Menschen zu 
verherrlichen. ^ Und doch sprechen so vielfaltige und aus- 
drückliche Zeugnisse und Anzeichen für das Vorhandensein 
dieser Zwistigkeiten, dass für eine unbefangene Anschauung 
gar kein Zweifel darüber bestehen kann, wenngleich die- 
selben merkwürdig genug dem persönlichen Umgange und 
der gegenseitigen Werthschätzung der beiden Dichter kei- 
nen, oder doch nur geringen Eintrag gethan zu haben 
scheinen. Liest man Jonson's berühmtes Lobgedicht auf 
Shakespeare — To the Memorie of my Beloved &c. — so 
kann man sich freilich schwer zu dem Glauben entschliessen, 
dass derselbe Mann den Gegenstand seiner Huldigung je 
getadelt oder gar sich versteckter spöttischer Anzüglich- 
keiten gegen ihn schuldig gemacht haben soll. In seinen 
Discoveries * mischt Jonson bei der Beurtheilung Shake- 
speare's Lob und Tadel; er wünscht in Bezug auf Heminge 

i) Auffallig ist, dass Rowe seinen ursprünglichen Tadel Jonson's in den 
späteren AuAgen unterdrückt hat. Dies Verfahren ist um so weniger er- 
klärlich , als man nicht umhin , kann , die gestrichene Stelle mit Malone als 
vollständig richtig zu unterschreiben. Sie lautet folgendennassen: 'After 
ihis they were profess^d Friends: tho* I dotCt hnow whether the other (vi». 
jfonson) erver made htm an equal return of Gentleness and Sincerity. Ben 
was naturally Proud and Insolent, and in the Days of his Reputation did 
so far take upon him the Supremacy in Wit, that he could not but look 
with an evil Eye upon any one that seem*d to stand in Competition with him. 
And if at tintes he has affected to commend him, it has always been with 
some Reserve, insinuaiing his Uncorreciness , a careless manner of Writing, 
and want of Judgment ; the Fraise of seldom altering or blotting out what 
he writ, which was given him by the Flayers, who were the first Püblishers 
of his Worhs after his Death, was what Johnson could not bear; he thought 
it impossible, perhaps , for another Man to strike out the greatest Thoughts 
in the finest Expression , and to reach those Excellencies of Foetry with the 
Ease of a first Imagination, which himself with infinite Labour and Study 
could but hardly attain io,* S. Malone*s Shakespeare by Boswell (1821) I, 
442. Malone will nur die Worte 'but hardly^ in 'never* geändert wissen. 

2) Die Discoveries stehen noch nicht in der ersten Folioausgabe Jon- 
son's von 16 16, sondern erst in der zweiten, die 1640, drei Jahre nach sei- 
nem Tode, erschien. 

Else , Shakeq>eare. I 2 



178 

und Condell's Ausspruch, dass Shakespeare fast nie etwas 
ausgestrichen, er möchte tausend Verse ausgestrichen haben, 
zugleich aber versichert er, er habe Shakespeare gehebt 
und verehrt, soweit es ohne Götzendienst möglich sei. 
Diese Liebe und Verehrung, über deren Aufi^chtigkeit Nie- 
mand mehr Richter sein kann, hat ihren schönsten, für alle 
Zeit klassischen Ausdruck in dem genannten Gedichte 
gefunden, das uns Deutsche an den herrlichen Nachruf 
eriimert, welchen Goethe fiir Schiller gesungen hat. Es 
mag paradox klingen, aber nach unserer Ueberzeugung 
ist es B. Jonson's schönstes Gedicht, gewissermassen der 
Gipfel seiner Poesie, und es ist unbegreiflich wie Dryden 
in der Dedication seiner Juvenal-Uebersetzimg (1693) es 
als 'an insolent^ sparing, and tnvidious panegyric* be- 
zeichnen konnte. ^ Dryden muss doch wol gewusst haben, 
dass es Jonson nicht so ums Herz war. Jonson preist in 
dem Gedichte z. B. Shakespeare's Kirnst (thy art, My gentle 
Shakespeare y must enjoy a pari), die er gegen Drummond 
und sonst in Abrede gestellt hatte. * Um den Widerspruch 
zwischen diesem begeisterten Lobe imd dem öfter wieder- 
kehrenden Tadel zu erklaren, müssen wir un^ Jonson's 
Lebensgang und Charakter vergegenwärtigen. 

Den wichtigsten Beitrag zur Charakteristik B. Jonson's 
verdanken wir bekanntlich Wm Drummond, nach dessen 
romantischer Besitzung Hawthomden bei Edinburg Jonson 
161 9 eine Fussreise machte. Drummond hat in seinem Tage- 
buche ausfuhrliche Aufzeichnungen über Jonson's Aeusse- 
rungen und Gespräche während dieses Besuches hinter- 
lassen, die erst geraimie Zeit nach Drummond's Tode ver- 
öffentlicht worden sind.* Das Bild, welches er von seinem 



i) Vergl. Malone's Shakespeare by Boswell (1821) I, 477. 

2) Wegen des von ihm als Beweis angeführten Verses in Julius Caesar 
ni, I {Know CtBsar dotk no wrong, hut with just cause) vergl. Rowe, Some 
Account &c. (1709) XXXDC. Halliwell, L. of Sh. 184 fgg. Jonson ver- 
spottet diesen Vers auch in der Einleitung zu The Staple of News, so dass 
jeder Zweifel über seine Auffassung desselben ausgeschlossen ist. 

3) Zuerst in William Drummond's Works, Edinburgh, 1711; später 
in B. Jonson's Conversations with Wm Drummond ed. by David Laing, Lon- 



179 

Gaste entwirft, ist nichts weniger als schmeichelhaft, aber 
in den Hauptzügen gewiss richtig, mag sich GifFord dagegen 
sträuben und den Spiess umzukehren suchen wie er wiU. 
* He ts a great lover and pratser of himsel/\ so schildert 
ihn Drummond, *a contemner and scorner of others; given 
rather to losse a friend than a jest ; jealous of every word 
and action of those ahout htm (especiallte after drink, which 
ts one of the Clements in which he Irueih); a dissembler of 
ill parts which raigne in him, a bragger of some good, that 
he wanteth: t hinket h not hing well bot what either he him- 
seif or some of his friends or countrym^n hath said or done; 
he is passionately kynde and angry; careless either to 
gäine or keep; vindicative , but, if he be well answered, at 
himself For any religion, as being versed in both, Inter- 
preteth best sayings and deeds often to the worst. Oppressed 
with his fantasiCy which hath ever mastered his reason^ a 
generali disease in many Poets. His inventions are smooth 
and easie^ but above all he excelleth in a Translation. 
When his play of a Silent Woman was first actedy ther 
was found verses after on the stage against hi^n^ conclti- 
ding that that play was well named the Silent Woman, 
ther was never one man to say Plaudite to it.^ Dieser 
scharfen Charakteristik wird in Cibber's Lives of the Eng- 
lish Poets (I, 241) noch folgender Vergleich mit Shake- 
speare hinzugefugt: ^ In short , he was in his personal 
character the very reverse of Shakespeare, as surly, ill- na- 
turedy proud, and disagreeable , as Shakespeare, with ten 
times his merit, was gentle, good-natured, easy, and amiable^ 
Auf Cibber's Lives, die thatsächlich nicht von Cibber, son- 
dern von Richard Shiels geschrieben sind, mag immerhin 
geringes Gewicht gelegt werden, aber welchen erdenk- 
lichen Grund soll Drummond gehabt haben, seinen Besucher 
in seinem vertrauten Tagebuche schwärzer zu malen, als 
er sich ihm zeigte? Oder soll es ihm an Beobachtimgsgabe 
und Urtheil gefehlt haben, um Jonson richtig zu beurtheilen? 



don 1842 (Publications of the Shakespeare Society). — Drummond starb im 
J. 1649. 



12* 



i8o 

Er war aus guter Familie, sorgfaltig erzogen und lange und 
weit gereist, so dass man ihm durchaus Menschenkenntniss 
und einen richtigen Blick zutrauen muss. Die Vertheidiger 
Jonson's, zumeist GifFord und Gilchrist, haben Drummond's 
Charakter angezweifelt und ins nachtheiligste Licht zu setzen 
gesucht, bloss zur Ehrenrettung ihres Schützlings. Sie 
haben seine Aufzeichnungen als Verrath an der Gastfreund- 
schaft, als Ausfluss eines hinterlistigen und hämischen Cha- 
rakters gebrandmarkt. ^ Aber Drummond hat die Veröffent- 
lichung seines Notizbuches in keiner Weise veranlasst und 
aller Wahrscheinlichkeit nach nie beabsichtigt, wenigstens 
liegt nicht der entfernteste Grund zu einer solchen Annahme 
vor, die überdies durch die offenkundigen Thatsachen so 
gut wie ausgeschlossen wird. Will man solche Grundsätze 
für die Beurtheilung eines Charakters aufstellen, so muss 
jeder, der ein Tagebuch über seine Erlebnisse führt, als 
ein schändlicher Verräther angesehn werden. Endlich aber 
stimmt das, was Drummond über Ben Jonson nieder- 
geschrieben hat, durchaus mit dem überein, was wir aus 
anderen Quellen über den letztem wissen oder schliessen 
müssen. B. Jonson hatte eine unglückliche und harte Jugend 
durchlebt, und die Noth imd Lieblosigkeit des elterlichen 
Hauses scheinen ihn lebenslänglich mit Bitterkeit erfüllt und 
einen unausreissbaren Stachel in ihm zurückgelassen zu 
haben. Sein Vater, ein Geistlicher, starb vor seiner Geburt, 
und der allgemeinen, von Anthony Wood ausgehenden (?) 
Annahme zufolge, die jedoch neuerdings in Zweifel gezogen 
wird, verheirathete sich seine Mutter nicht lange nachher 
mit einem Maurer, der ihn zu seinem Handwerk erzogen 
haben soll. FuUer berichtet, dass er in der That bei der 
Erbauung von Lincoln's Inn thätig gewesen sei, *when 



l) *A contemporary, who knew Drummond a little better than Air Chal» 
mers, calls htm ** Testy Drummond*^, in a defense of poesie, appended to 
"The most pleasante Historie of Albino and Beilama** 8^<>, 1639.* — Diese 
sehr unsichere Notiz ist alles, was Gilchrist (S. 60), abgesehn von seinen 
eigenen Phantasien, gegen Drummond's Charakter vorzubringen hat. Und 
ist denn dieser ungenannte und unbekannte Vertheidiger der Poesie wirklich 
ein unverdächtiger und kundiger Zeuge? 



i8i 

having a trowel in one hand, he had a book in his pocket' 
Dann trat er als Freiwilliger bei den englischen Truppen 
in Flandern ein, hielt es hier aber eben so wenig aus. Mit 
neunzehn Jahren nach London zurückgekehrt, versuchte er 
sich als Schauspieler, hatte aber im Dienste der Melpomene 
noch weniger Glück als in dem des Mars — und konnte 
es aus gleich zu erwähnenden Gründen nicht haben. Ein 
Streit mit einem andern Schauspieler führte zu einem JOuell, 
in welchem er seinen Gegner tödtete, so dass er wegen 
Mordes zur Untersuchung gezogen wurde und *dem Galgen 
nahe war.' Während seiner Haft liess er sich ziun Katho- 
licismus bekehren, trat jedoch später wieder zur protestan- 
tischen Kirche zurück. * Mit zwanzig Jahren und ohne 
andere Existenzmittel. als seine Feder, verheirathete er sich 
mit einer Person, die er nach ihrem Tode gegen Drum- 
mond selbst als 'shrewish, but honest to her husband^ cha- 
rakterisirt hat. Er fing nun an für die Bühne zu schreiben, 
und nach Rowe's Angabe war es Shakespeare, dem er die 
Auffuhrung seines ersten (und besten) Stückes — Every 
Man in his Humour — verdankte. * Die Schauspieler, so 
heisst es, hätten dasselbe zurückgewiesen, Shakespeare 
aber hätte seinen Werth erkannt und die Annahme durch- 
gesetzt. Mag auch diese Erzählung nicht gut begründet 
sein , * so ist es nichtsdestoweniger sehr glaublich , dass 
Shakespeare B. Jonson hülfreiche Hand geboten hat. Schon 
das war von ausserordentlichem Werth für Jonson und für 
den Erfolg seiner Stücke, dass Shakespeare darin auftrat, 
was bezüglich des Every Man in his Humour und des Seja- 



i) Jonson hat diese Thatsachen selbst an Drummond mitgetheilt. Nach 
Aubrey wäre der von ihm getödtete Schauspieler kein anderer als Marlowe 
gewesen, was jedoch unrichtig ist. Knight, Wm Sh. ; a B. 381. In einem (ob 
echten?) Briefe Henslowe's in Collier's Memoirs of AUeyn wird Jonson's 
Gegner Gabriel genannt und Jonson selbst als *bricklayer* bezeichnet. 

2) GifFord, B. Jonson's Works (Moxon, 1846) 12. 

3) Every Man in his Humour wurde zuerst um Weihnachten 1598 in 
Henslowe's Theater aufgeführt, mit welchem Shakespare nicht in Verbindung 
stand; erst die Umarbeitung kam in die Hände der Truppe des Lord Kam- 
merherm. Knight, Wm Sh.; a B. 382. 



l82 

nus durch Jonson selbst bezeugt ist. Jonson war gegen 
diesen Vortheil keineswegs blind, sondern erkannte ihn 
vielmehr mit Stolz; es war Nahrung für sein stark ausge- 
sprochenes Selbstgefühl und seine Eitelkeit. Wenn nicht 
alles trügt, war aber auch Shakespeare bei der Abfassung 
des Sejanus betheiligt. Jonson hat bei der Umarbeitung 
dieses Stückes, wie er in der Vorrede selbst berichtet, die 
Spuren der helfenden Hand getilgt, doch nicht ohne be- 
redten Dank gegen dieselbe. Er macht zwar seinen Mit- 
arbeiter nicht namhaft-, allein zwischen seinen Zeilen steht 
deutlich zu lesen, dass es kein anderer als Shakespeare 
gewesen sein kann. * */ would inform you\ so lauten seine 
Worte, *thai this book, in all numbers, is not the same 
with that which was acted on the public stage; wherein a 
second pen had good share: in place of which I have rather 
chosen to put weaker^ and, no doubt, less pleasing of mine 
own, than to defraud so happy a genius of his right by 
my loathed Usurpation.' Vor welchem andern 'glücklichen 
Genius' hätte sich Jonson so gebeugt als vor Shakespeare? 
Uebrigens ist der angegebene Beweggrund zur Umarbei- 
tung schwerlich der richtige. Eine Stelle in Davies* Scourge 
of FoUy wirft im Gegentheil ein ganz anderes Licht auf die 
Sache, vorausgesetzt dass es kein Irrthum ist, dieselbe auf 
Jonson zu deuten. Es ist das bekannte Epigramm *To our 
English Terence, Mr Will Shake-speare', welches folgen- 
dermassen lautet: 

Some say — good Will — which I in Sport do sing, 
Had' st thou not plaid some kingly parts in Sport, 
Thou had^st hin a companion for a hing. 
And beene a hing among the meaner sort. 
Some others raile , but raile as they thinke fit ; 
Thou hcLst no rayling » but a raigning wit: 
And honesty thou sow'st, which they do reape. 
So to increase their stocke , which they doe keepe. 



i) Gifford ist natürlich anderer Ansicht; nach ihm war.es Fletcher oder 
Middleton, nach F. Cunningham (in s. Ausgabe von B. Jonson*s Werken) 
Beaumont und nach Brinsley Nicholson endlich Samuel Sheppard. Vergl. 
Athen. 1875, I, 581. 



i83 

Diese Verse sind aus dem J. 1611;* das Bekenntniss frem- 
der Hülfe und die Tilgung derselben hat Jonson erst in 
seiner Folio von 161 6 gemacht, jedenfalls in Folge dieses 
und ähnlichen Tadels. * Bei dem ^rayling wit' zunächst 
an Jonson zu denken, liegt sehr nahe; gesteht er doch im 
Prolog zum Volpone selbst, dass seine Gegner von ihm 
sagten: ^all he writes is railing,' und die Aufforderung in 
der Einleitimg zu Bartholomew Fair, dass man in seinen 
Stücken nicht allenthalben Anzüglichkeiten suchen und finden 
solle, beweist gerade das Vorhandensein derselben. Auch 
aus einer andern Stelle in Davies's Scourge of FoUy hören 
wir das allgemeine Urtheil der Zeitgenossen über B. Jonson 
heraus, und es verfangt wenig, dass ihn Davies für seine 
Person dagegen in Schutz nimmt: 

Thou art sound in hody , hui some say, thy soule 
Envy* doth ulcer; yet corrupted hearts 
Such censurers must have. 

Oder spottet Davies nur und stimmt im Herzen der öffent- 
lichen Meinung bei? Jonson vermochte sein satyrisches, 
ausfallendes und missgünstiges Wesen nicht zu unter- 
drücken. * Er setzte sich von vornherein in Gegensatz zum 



1) Nach Drake 329 und Ingleby, Centurie of Prayse 43; Neil 51 dagegen 
giebt 1607 an. Giebt es zwei verschiedene Ausgaben aus diesen Jahren? 

2) Einen solchen Tadel enthält z. B. auch das nachstehende Epigramm 
ans Laquei Ridiculosi, or Springes for Woodcocks by H. P. (Henry Parrott?) 
1613, No. 163, abgedruckt in The Shakespeare- Society's Papers I, 21: 

Cignus per plumas Anser. 
Put off thy buskins, SophocUs the great. 
And mortar tread with thy disdained shanks. 
Thou thinkst thy skill haih done a wondrous feat, 
For which the uoorld should gvue thee many thanks. 
Alas! it seems thy feathers are but hose 
Pluckt from a swan , and set upon a goose. 

Die Anspielung auf das Lehmtreten zeigt deutlich, wer gemeint ist. Kann 
unter dem Schwan danach ein anderer zu verstehn sein als Shakespeare? 

3) Envy bedeutet in der Sprache der Elisabethanischen Zeit nicht so- 
wohl Neid, als vielmehr Gehässigkeit, Hass. 

4) Ausser diesen Charakterfehlem wird Jonson auch noch Schuld ge- 
geben, dass er ein Denunciant gewesen sei — in Bezug auf den Mord des 
Herzogs von Buckingham (Steenie), Athen. 1859, U, 740. 'His malignity 



i84 — 

Shakespeare'schen Drama; in seiner Streitsucht band «er 
mit jedermann an und hatte nicht bloss mit Dekker und 
Marston, sondern auch mit Inigo Jones u. A. Händel. 
^Daniel was ai jealousies wiih him^ so urtheilte Jonson 
über seine Zeitgenossen und literarischen Kollegen gegen 
Drummond, — 'Drayion feared htm, — he beat Marston^ 
and took his pistol front htm — Sir William Alexander 
was not half kind unto him — Markham was but a base 
fellow — such were Day and Middleton - Sharpham, 
Day, Dekker were all rogues and that Minshew was 
one — Abraham Francis was a fooU Kann man nach 
solchen Aeusserungen und allen übrigen damit in Ein- 
klang stehenden Umstanden über Jpnson's Stellung und 
Charakter noch in Zweifel sein? Dass Shakespeare nicht 
gleichfalls wie die andern zu den Schurken oder Narren 
geworfen wird, erklärt sich sicherlich daraus, dass ihm 
Jonson zu Dank verpflichtet war und in reineren Stunden 
sein edleres Gefühl zum Vorschein kommen Hess, da Shake- 
speare seinem Nebenbuhler lebenslänglich Freundlichkeit 
und Nachsicht ' bewies * und bei der Entgegnung auf seine 
Angriffe stets die Schranken des literarischen Kampfes 
inne hielt, während die Uebrigen sich zu personlichen Aus- 
fallen der kränkendsten Art fortreissen Hessen. Hierin 
sehen wir den Angelpunkt; dass Fehde und Antagonismus 
zwischen Jonson und Shakespeare bestand, leidet keine/i 
Zweifel, aber sie blieben literarisch und arteten nie in ge- 
meine persönliche Klopffechterei aus, wie in Dekker's 
Satiro- Mastix, wo wir keine literarische Satire, sondern 
nur persönliches Geschimpf hören. Dekker's Satiro -Mastix 
war allerdings die Antwort auf Jonson's Poetaster, und der 
letztere war mithin der Angreifer gewesen, allein Dekker 
geht ihm nicht nur wegen seines persönlichen Charakters 



seems to have heen more than equal io his wit^ sägt Steevens von Jonson, 
Shakespeare IV, 2. 

I) Dass Shakespeare in seinem Testamente Jonson kein Andenken ver- 
machte, wird kaum als Beweis feindlicher Gesinnung ausgelegt werden dürfen; 
auch Drayton hat er nichts vermacht, und doch waren Jonson und Drayton 
noch kurz vor seinem Tode zum Besuche in Stratford. 



— i85 

zu Leibe, sondern verhöhnt ihn auch wegen seiner frühem 
Beschäftigxing als Maurer als 'a foul-fisted niortar-treader' 
u. dergl., ja sogar wegen seiner Hässlichkeit — sein Gesicht 
sehe aus wie 'a rotten russet-apple when it ts bruised\ 
luid seine 'goodly and glortous nose was blunt, blunty blunt.* 
Das musste Jonson im Innersten verwunden, zumal seine 
Hässlichkeit jedenfalls' zu den Ursachen gehorte , warum er 
es auf der Bühne zu nichts gebracht hatte und diesem ein- 
träglichen Berufe hatte entsagen müssen. Auch fehlte es 
ihm w£dirscheinlich an edler Haltung und anmuthiger Be- 
wegung. Aubrey sagt es barsch heraus, nachdem er eben 
Shakespeare als Schauspieler gepriesen hat: 'Now B. Jon^ 
son was never a good Actor\ fugt aber hinzu, dass er ein 
trefflicher Instructor gewesen sei. 

Ein unwiderlegliches Zeugniss über die Fehde zwischen 
Jonson .und Shakespeare ist in The Retum from Pamassus 
(in Hawkins, Origin of the English Drama IQ) enthalten, 
welches Stück zwar erst 1606 gedruckt, aber ohne Zweifel 
vor Elisabeth's Tode geschrieben und von den Studenten 
des St. John's College zu Cambridge aufgeführt worden ist. ^ 
Hier werden Kempe die Worte in den Mund gelegt: ^Few 
of the University pen plays well ; they stnell too much of 
that writer Ovid, and that wrtter Metaniorphosis, and talk 
too much of Proser pine and Jupiter, Why^ her^s our 
fellow Shakespeare puts them all down: Ay^ and B, Jon" 
son too. O, that B. Jonson is a pestilent fei low ^ he brought 
up Horace givtng the poets a pill; but our fellow Shake- 
speare hath given htm a purge that made htm bewray his 
credit,' Das zeigt klar den Sachverhalt: Jonson fiel zuerst 
aus, Shakespeare leuchtete ihm heim. Die Heraufbeschwö- 
rung des Horaz bezieht sich auf den Poetaster, in welchem 
Jonson unter dem Namen des romischen Satyrikers seine 



I) Vergl. R. Gr. White, Shakespeare's Works I, LXXV Note. — Uebri- 
gens enthält The Retum from Pamassus I, 2 eine drastische Charakteristik 
B. Jonson's, der als *tke witiiest fellow of a brüklayer in England* bezeich- 
net wird; *a hold wkoreson, as confident now in making of a bock, as he 
was in times past in laying of a brich.* 



i86 

Hiebe austheilt — ein Hieb auf Shakespeare soll (nach The 
North British Review No. CIV) in dem Spotte über das 
Wappen des Crispinus und über seine Ansprüche auf 'gen- 
tility* enthalten sein, wogegen Brinsley Nicholson (N. and 
Q. June 3, 1871 p. 469) nachzuweisen sucht, dass das dem 
Crispinus beigelegte satyrische Wappen demjenigen Mar- 
ston's entspreche und nichts mit Shakespeare zu thxm habe. 
In der That hat Dekker im Satiro- Mastix die Benennungen 
Crispinus und Demetrius für Marston und sich selbst ac- 
ceptirt; ob Jonson etwa auch einen Zug Shakespeare's in 
den Crispinus verwebt haben mag, ist jedenfalls sehr un- 
sicher. Ungleich deutlichere Anspielungen auf Shakespeare 
finden sich in den übrigen Stücken, man kann wol sagen 
vom ersten bis zum letzten; der Prolog zu Every Man in 
his Humour eroflEnet den Reigen. Gilchrist und Giftord er- 
hitzen sich zwar bei dem Nachweise, dass nicht die min- 
deste Beziehung auf Shakespeare darin enthalten sei , allein 
es ist schwer zu glauben, dass nicht das Publikum dabei 
mit Fingern auf ihn gewiesen haben sollte, selbst wenn der 
Angriff nicht gegen Shakespeare, sondern gegen ältere, 
schon in Vergessenheit gerathene Dramatiker beabsichtigt 
gewesen sein sollte.^ Der Sinn und Inhalt dieses Prologs ist 
einfach der, dass Jonson sein Lustspiel im Gegensatze zu 
Shakespeare's Richtung auf den Boden der gemeinen Wirk- 
lichkeit stellt. Schwer glaublich ist es daher, dass dieser 
Prolog gesprochen worden sein sollte, als Shakespeare in 
dem Stücke (in der Rolle des Old Knowell) mitwirkte; er 
steht in der That noch nicht in der Quarto (1600), sondern 
erst in der Folio von 161 6. In der sechsten Scene des 
dritten Aktes hat schon Steevens die Worte des Mitis: 
* Thai the argument of his comedy might have been of some 
oiher nature as 0/ a duke to he in lave with a couniess* &c. 



I) S. Hunter's lUustrations und meine Abhandlung über die Abfassungs- 
zeit des Sturms im Shakespeare- Jahrb. VII, 29 — 47. Gilchrist bezieht diesen 
Prolog auf Patient Grissell, Lilly's Endimion, und andere noch ältere Stücke 
und weist darauf hin, dass der nämliche Tadel bereits von Sir Philip Sidney 
(in der bekannten Stelle) u. A. ausgesprochen worden sei. 



i87 

auf Twelfth Night bezogen, wogegen allerdings Malone 
Widerspruch erhebt, weil seiner Ansicht nach Twelfth 
Night erst 1607 geschrieben ist — Tyrwhitt setzt es gar 
erst 1614. Jedenfalls tadelte Jonson Twelfth Night und die 
Comedy of Errors auch gegen Drummond iu indirecter 
Weise, indem er äusserte, er hätte eine Nachahmung des 
plautinischen Amphitruo zu schreiben beabsichtigt, hätte es 
jedoch aufgegeben, da er niemals zwei Personen hätte 
finden können, die sich so sehr glichen, dass er die Zu- 
schauer zu überreden vermöchte , sie seien «eine und die- 
selbe Person. ' In der Widmung des Volpone an die beiden 
Universitäten bespricht Jonson den Zustand der dramatischen 
Poesie und seine Stellung zu ihr und begreift in seinem 
allgemeinen Tadel offenbar auch Shakespeare mit ein ; der 
richtige Weg ist natürlich nur der von ihm eingeschlagene, 
während die andern , Shakespeare an der Spitze , auf einen 
Abweg gerathen sind. Im Stücke selbst (DI, 2) finden wir 
eine Anspielimg auf den 'Diebstahl' aus Montaigne, der 
sich kaiun auf etwas anderes als auf die Schilderung des 
utopischen Naturstaats im Sturm (11, i) beziehen lässt. * Auf 
den Sturm scheint Jonson überhaupt einen besondem Zahn 
gehabt zu haben, vielleicht ziun Theil desshalb, weil Shake- 
speare mit der eingelegten Maske in Jonson's eigenstes 
Gebiet eingegriffen und ihn, wie sich dieser in seinem 
Innersten nicht verhehlen konnte, damit übertroffen hatte. 
Man dürfte dann allerdings diese Maske nicht als eine spä- 
tere Einlage, etwa fiir die Vermählung des Pfalzgrafen, 
ansehen, und müsste sich auch vergewissem, wann Jon- 
son angefangen hat Maskenspiele zu schreiben, wenn 
man die Abfassung des Sturmes im J. 1604 festhalten will. 
Jonson kommt in der Einleitung zu Bartholomew Fair auf 
den Sturm zurück imd gesellt ihm das Wintermärchen bei: 
^ If there be never a servant-tnontter in the fair, who can 
help-ii, he saysy not a nest of antiques? He is loth to 

i) Conversations 29. — Wenn übrigens B. Jonson damit hat andeuten 
wollen, dass die Comödie der Irrungen dem Amphitruo nachgeahmt sei, so 
hat er nicht Unrecht. 

2) Shakespeare -Jahrbuch VII, 32 fgg. 360 fgg. 



i88 — 

make Nature afraid in his plays , like those that heget 
iales, tempestSy and such like drolleries.' Auch die Freund- 
schaftsschwärmerei der Shakespeare'schen Sonette, insbe- 
sondere die Verführung der Geliebten durch den Freund, 
ohne dass dadurch der Freundschaft Eintrag geschieht, wird 
in Bartholomew Fair V, 3 in dem eingelegten Puppenspiel 
^A True Trial of Friendship' handgreiflich verspottet; 
es wird darauf weiter unten näher eingegangen werden. 
Gleichfalls als Satire auf die Sonette soll nach Henry Brown 
(The Sonnets»of Shakespeare Solved, &c. 1870, 16 fg.) Epi- 
coene, or the Silent Woman (1609) gemeint sein, so zwar, 
dass in Sir John Daw und Sir Amorous La Foole Shakespeare 
und Pembroke zu erkennen seien, 'drawn to the life, as 
near as Jonson dar ed.' Das geht jedoch zu weit, und 
Brown's Gründe sind nichts weniger als stichhaltig; ver- 
dächtig ist nur, dass die Verse, welche Sir John Daw an 
den geliebten Jüngling richtet *A Bailad of Procreation' 
betitelt sind, was als eine Anspielung auf die ersten sieb- 
zehn Sonette angesehn werden könnte. In dem unvollen- 
deten Stücke The Sad Shepherd scheint es nach verschie- 
denen, darin enthaltenen Anspielungen zu urtheilen, als habe 
B. Jonson Shakespeare eine Lection geben wollen, wie man 
ein Pastoral -Drama schreiben müsse. ^ Selbst wenn sich 
ergeben sollte , dass The Sad Shepherd nach Shakespeare's 
Tode geschrieben ist, so würde damit diese Auffassung noch 
nicht umgestossen sein. Eine der schlagendsten Stellen des- 
selben- ist unseres Wissens noch nicht erwähnt; das ist der 
Schluss von 11, i, wo Maudlin ihren 'brawdered beW be- 
schreibt; es ist fast wortlich die Geschichte vom Schnupftuch 
im Othello HI, 4. Als 1629 Jonson's New Inn durchfiel, machte 
er seinem Aerger in einer poetischen Strafpredigt (An Ode 
to himself &c.) an das Theaterpublikum Luft, worin er ihm 
u. a. vorhielt, dass es noch immer an solchen 'verschim- 
melten Märchen' wie Pericles Geschmack finde. * 



i) Shakespeare • Jahrbuch VII, 46 fg. XI, 299 fg. 

2) Delius im Shakespeare -Jahrbuch III, 178. Die Verse lauten: 

No doübt, some mouldy tale 

Like'^Pericles and siale 



i89 

Dieser Au£zählung von Anspielungen, die bei der zwei- 
felhaften Natxir mancher versteckten Seitenhiebe auf Voll- 
ständigkeit keinen Anspruch machen darf, ist es unmöglich 
eine Aufzählung von Erwiderungen Shakespeare's gegen- 
über zu stellen, ja man ist nicht im Stande bei diesem auch 
nur eine einzige Anzüglichkeit gegen Jonson ausfindig zu 
machen. Wo er, um mit Kemp zu reden, ^hath given htm 
a purge\ bleibt wenigstens fiir jetzt eine ungelöste Frage. 
Kenny (Life and, Genius of Shakespeare 413 fg.) will diese 
Purganz in der auf die königlichen Kapellknaben bezüg- 
lichen Stelle im Hamlet entdecken, die im J. 1600 Jonson's 
Cynthia's Revels und 1601 seinen Poetaster aufgeführt 
hatten. Die Stelle, obwohl in QA deutlich erkennbar, fehlt 
in QB, was Kenny dadurch erklart, dass eine Versöhnung 
zwischen beiden Dichtem Statt gefunden habe, in Folge 
deren auch Shakespeare 1603 im Sejanus aufgetreten sei. 
Da jedoch Jonson in Bartholomew Fair seine Angriffe er- 
neuert habe, so sei auch die Stelle wieder eingefugt imd 
vielleicht verschärft worden, so dass sie vollständig erst in 
der Folio erscheine. Das ist freilich ein ziemlich loses 
Gewebe von geringer Haltbarkeit, dem ftian sich unmöglich 
anvertrauen kann. Nach Malone (Shakespeare's Works 11, 
293) wäre Shakespeare's Entgegnung auf Jonson's Angriffe 
gar nicht in seinen Dramen zu suchen, sondern hätte in 
einem Epigramme oder in einer Ballade bestanden, die ver- 
loren gegangen sei : eine allerdings durch nichts unterstützte 
Vermuthung. 

Nicht nur hinsichtlich seines Temperaments stand Jon- 
son in einem geraden Gegensatze zu dem freimdlichen 
und milden Shakespeare, sondern auch in manchen an- 
deren Beziehungen. Während Shakespeare ein wohlgebil- 
deter, um nicht zu sagen schöner Mann war, hatte Jonson, 
wie erwähnt, das Missgeschick der Hässlichkeit zu tragen. 
Shakespeare erstieg mit Leichtigkeit die Staffeln des Wohl- 

As the shriev^s crust and nasty as his fish — 
Scraps, out of every dish 

Thrown forth, and raked into the common tüb, 
May keep up the Play-club, 



IQO 

Standes und einer geachteten gesellschaftlichen Stellung, 
indessen Jonson trotz seiner ehrenwerthen Anstrengungen 
arm blieb und durch das ihm vom Hofe gewährte Gmaden- 
gehalt eben nur über Wasser gehalten wurde. Weder seine 
Werke noch seine Beziehungen zum Hofe als Poeta Lau- 
reatus und Hoflieferant der Maskenspiele brachten ihn zu 
einem unbestrittenen, ruhig genossenen Ansehen in der 
Gesellschaft. Die, wie Dekker im Satiro- Mastix sagt, un- 
verschämte Weise, mit der sich B. Jonson an den Adel 
drängte, seine widerwärtige Schmeichelei ^ und die Eitelkeit, 
mit welcher er seine Gelehrsamkeit zur Schau trug, thaten 
ihm in dieser Hinsicht vermuthlich mehr Abbruch als sie 
ihm Nutzen brachten. Während femer Shakespeare eine 
dichterische Schöpfungskraft ohne Gleichen besass, musste 
Jonson stets das bekannte Lessing'sche Pumpwerk in Thä- 
tigkeit setzen und zwar ohne Lessing's Erfolg ; seine Werke 
sind — im Grossen und Ganzen — Erzeugnisse nüchtenten 
Fleisses. Wohl wissend, dass schnelle Production zum Ton 
der Zeit gehörte und als entscheidendes Kennzeichen des 
Genies angesehen wurde, mochte er sich zwar rühmen, den 
Volpone in fünf Wochen fertig gejbracht zu haben, allein 
der böse Leumund, der ihm nachsagte, dass er ein Jahr zu 
einem Stücke gebrauche, wird schwerlich auf sehr falscher 
Fährte gewesen sein.* Shakespeare schwang sich mit Einem 
kühnen Flügelschlage auf den Gipfel des Parnasses, Jonson 
klomm und klomm im Schweisse seines Angesichts und 
konnte trotz aller Anstrengung den Gipfel nicht erreichen. 
Der Weg zum Ruhm war für ihn eben so rauh als er fiir 
Shakespeare glatt war, und der Vergleich mit diesem konnte 
fiir seinen Ehrgeiz in keiner Weise befriedigend sein. Aller- 
dings fand auch er sein Publikum, aber nicht entfernt in 
dem Masse wie Shakespeare. * Shakespeare plays \ sagt R. 
Gr. White, Shakespeare's Works I, LXXV, 'filled the theatre 
to o*erßawingf when even JonsotCs would hardly pay ex- 



1) ' B. Jonson, the most harefaced and fulsome flauerer among all our 
poets.* Ch. A. Browne , Autobiographical Poems i86 fg. 

2) S. den Prolog zum Volpone. Vergl. Shakespeare - Jahrbuch VII, 42. 



IQl 

penses.* Selbst Gilchrist (S. i8) kann die theilweise von 
Jonson selbst berichtete Thatsache nicht hinweginterpre- 
tiren, dass mindestens vier von Jonson's Stücken geradezu 
durchfielen, nämlich Sejanus, Catilina, The New Inn und* 
The Silent Woman. ^ Nach einer Stelle in The Silent 
Woman 11, i konnte es scheinen, als sei schon von den 
Zeitgenossen über die Vortrefflichkeit Shakespeare's und 
Jonson's gestritten worden, ähnlich wie in unsem Tagen 
über den Vorrang Goethe's oder Schiller's. 'Or, so heisst 
es nämlich, 'so she may censure poets and authorSy and 
styles, and campare them; Daniel wiih Spenser, Jonson 
with the fother youth^ and so /orthJ Wer kann 'the fother 
youih' sein? Shakespeare oder wer sonst? Der ehrgeizige, 
eitle und sich überhebende Jonson wird sich schwerlich 
einem andern als dem Grossten gegenüber gestellt haben, 
wie er ja auch Daniel dem ungleich grossem Spenser gegen- 
über stellt. * Aber Shakespeare war neun bis zehn Jahre 
älter als Jonson und hatte demnach keinen Anspruch auf 
die Bezeichnung 'youtk* Mag das zu deuten sein wie es 
will, jedenfalls hören wir hier nur Jonson's eigene Stimme 
über die von ihm eingenommene Stellimg, und diese ist 
mehr als parteiisch. 

Unter solchen Umständen kann es uns nicht Wunder 
nehmen, dass Jonson den mannichfachen Abstand von 
Shakespeare mit Bitterkeit und Missgiinst empfand, wenn- 
gleich er vielleicht in ungetrübten Augenblicken der Herr- 
lichkeit Shakespeare's, poetischen sowohl wie persönlichen, 
seine volle Anerkennimg nicht versagen konnte, zumal ihn 
Shakespeare seine Ueberlegenheit nie fühlen Hess und bei- 
spielsweise trotz aller Anzüglichkeiten bis 1603 fortfuhr in 
seinen Stücken zu spielen, obschon diese Aufgabe, eben 
wegen der Jonson'schen Ausfalle, nicht immer zu den ange- 



1) Malone's Shakespeare by Boswell (1821) m, 169. 

2) In dem Maskenspiel *News from the New World discovered in the 
Moon' (1620) erklärt sich Jonson mit dürren Worten für einen der grossten 
englischen Dichter: *One of our greatest poets (J know not how good a 
oney, so lässt er einen Drucker sagen, ^went to Edinburgh on foot, and 
canu back* 



ig2 

nehmsten seines Schauspieler- Berufes gehört haben mag. 
Für Jonson war Shakespeare stets ein Anlass mit seinem 
Schicksal zu hadern, das in der That kein sanftes war und 
dem er in verzeihlicher Selbsttäuschung auch seine Miss- 
erfolge und Fehler aufbürden mochte. Konnte sich doch 
selbst unser Schiller, den wir übrigens als Menschen wie 
als Dichter durch einen Vergleich mit B. Jonson beleidigen 
würden, von einer ähnlichen Anwandlung Goethe gegenüber 
nicht ganz frei erhsdten, sondern fühlte schmerzlich mit wie 
schwerer Hand das Leben auf ihm gelastet hatte, während 
es auf Goethe ein Füllhorn irdischen Glücks ausschüttete. 
Wie sehr wir aber auch B. Jonson diese Entschuldigungs- 
gründe zu Gute kommen lassen mögen, so ist doch sein 
Charakter keinesfalls fleckenrein zu waschen; dass er seinen 
Tadel Shakespeare's noch nach dessen Tode, ja nach seinem 
eigenen Hymnus auf ihn fortgesetzt hat, können nur die- 
jenigen leugnen, welche die Thatsachen soweit in das Pro- 
krustesbett ihres Eigensinns zwängen, dass sie Drummond's 
Aufzeichnungen zu schändlicher Verleumdung stempeln, und 
dass sie den Tadel des Pericles in der 'Ode an sich selbst' 
durch irgend einen Gewaltstreich oder durch eine Kette von 
Sophismen beseitigen. 

Kehren wir zu Shakespeare's Lebensgang zurück, so 
tritt uns nunmehr die vielverhandelte Frage entgegen, ob 
er seine Familie nach London nachkommen liess. Trotz 
der erwähnten Bemühungen verschiedener englischer Bio- 
graphen, in frommer Glaubenseinfalt Shakespeare's Ehe als 
eine glückliche und in gemeinsamer Häuslichkeit zu London 
fortgeführte auszumalen, kann diese Frage doch nicht an- 
ders als mit einem entschiedenen Nein beantwortet werden. 
Aeussere Beweise mangeln freilich, denn die dahin abzie- 
lende Schlussfolgerung Collier's aus dem kürzlich entdeckten 
Testamente des Thomas Whittington zu Shottery kann trotz 
des sich daran knüpfenden Interesses liimmermehr als Be- 
weis gelten.* Dies vom 25. März 1601 datirte Testament, 

I) The new Fact regarding Shakespeare and his Wife, contained in 
the Will of Thomas Whittington. By J. P. Collier (Shakespeare -Society's 
Papers III, 127— 130). Vergl. Halliwell L. of Sh. 291 fgg. 



193 

welches von Sir Thomas Philips, dem Entdecker der Hei- 
raths-Licenz im Kathedral- Archive zu Worcester aufge- 
funden worden ist, enthält nämlich die folgende Bestimmung: 
^Item, I gtve and bequeath unto the poor people of Strat/ord^ 
forty Shillings that is in the ha?id of Anne Shaxspere, wife 
unto Mr William Shaxspere, and is due debt unto me^ 
being paid to mine Executor by the said William Shax- 
sperey or his assigns, according to the triie meaning of 
this my will' ^ Das scheint allerdings darauf zu fuhren, dass 
Shakespeare's Familie in Stratford lebte, während er selbst 
sich in London aufhielt; würde Mrs Shakespeare sich sonst 
von einem Fremden Geld geliehen haben? Sie mag sich in 
einer augenblicklichen Verlegenheit befunden haben, wo sie 
nicht schnell genug Geld von ihrem Manne aus London be- 
kommen konnte. Shakespeare war, wie Collier ausfuhrt, um 
diese Zeit wahrscheinlich sehr beschäftigt mit dem Umzüge 
aus dem Wintertheater (Blackfriars) nach dem Sommer- 
theater (Globe)y wo die Vorstellungen vermuthlich im April 
oder mit dem Beginn des gesetzlichen Jahres (25. März) 
ihren Anfang nahmen. Aber Shakespeare's Frau war 
schwerlich in bedürftigen Umständen, da sie wahrscheinlich 
schon das im J. 1597 angekaufte New Place bewohnte und 
überdies ihr Schwiegervater sich noch am Leben befand, 
der erst Anfangs September des genannten Jahres starb. 
Warum wandte sie sich nicht an diesen, wenn sie in Ver- 
legenheit war? Die Sache lässt eine ganz andere Erklärung* 
zu. Mrs Shakespeare's Vater, Richard Hathaway, bezeich- 
net nämlich in seinem Testament vom i. September 1581 
Thomas Whittington als seinen Schäfer und bekennt ihm 
4 Pfund 6 Schilling 8 Pence schuldig zu sein, — vielleicht 



I) Beiläufig mag erwähnt werden, dass in Whittington's Testament zwei 
Hathaways aus Old Stratford vorkommen, indem dem * Thomas Hathaway 
sonne to the late Margret Hathway * 12 Pence vermacht werden. Auch die 
Familie Heminge kommt vor; John Hemynge the eider erhält nämlich ein 
Legat von 2 Schillingen und Margret Hemyng eins von 4 Pence — natürlich 
als Liebeszeichen — 'memorials of the testator's lave.* — Der Todes- oder 
strenggenommen Begräbniss • Tag Thomas Whittington's ist leider nicht er- 
mittelt. - 

Elze , Shakespeare. I 3 



194 

rückständigen Lohn. Konnte nicht zwischen Richard Hatha- 
way's Erben und Thomas Whittington eine Meinungsver- 
schiedenheit über die Höhe der Schuldsumme bestanden 
und der letztere seiner Meinung nach zu wenig erhalten 
haben , so dass. die vierzig Schillinge der Rest des ihm von 
Mrs Shakespeare's Vater seiner Ueberzeugüng nach zu 
zahlenden Betrages gewesen wären? Der Umstand, dass er 
die für seine Verhältnisse unverhältnissmässig hohe Summe 
den Armen vermacht, scheint darauf hinzudeuten, dass er 
dieselbe nur zu einem solchen Zwecke von der Schuldnerin 
herauszubekommen glaubte, die er so gewissermassen bei 
der Ehre fasste. Unerklärt bliebe dabei freilich, warum er 
sich von den Hinterlassenen seines ehemaligen Dienstherm 
gerade an Mrs Shakespeare wandte und nicht an einen 
ihrer Brüder, namentlich an den ältesten Bruder Bartholo- 
mäus, welcher doch der Haupterbe war. Mögen wir uns 
aber den Hergang denken wie wir wollen, jedenfalls ist die 
Notiz als Argument dafür, dass Shakespeare seine Familie 
nicht mit nach London genommen hat, von sehr zweifel- 
haftem Werthe, und es giebt andere Indizien, welche ungleich 
schwerer ins Gewicht fallen. Den Umstand, dass dem Dich- 
ter nach den beiden Zwillingen Hamnet und Judith keine 
Kinder mehr geboren wurden, wird es genügen in diesem 
Zusammenhange anzudeuten. Länger müssen wir dagegen 
bei der bekannten Ueberlieferung verweilen, dass er alljähr- 
Hch eine Reise nach Stratford gemacht haben soll. Die 
Quelle hierfür ist Anthony Wood (Athen. Oxon.), so dass die 
Nachricht, wenn wir etwa von buchstäblichem Festhalten 
an der Zeitangabe absehen, durchaus glaubhaft erscheint. 
Ein solcher gewohnheitsmässiger Besuch der Heimat hätte 
aber keinen Sinn, wenn Frau und Kinder dem Dichter nach 
London gefolgt wären. Nehmen wir auch an, dass unter 
den obwaltenden ehelichen Verhältnissen Shakespeare ge- 
ringe Sehnsucht nach dem Wiedersehen mit seiner Frau 
empfinden mochte, so waren doch die Kinder zweifellos ein 
um so stärkerer Magnet. Dass Shakespeare eine besondere 
Liebe zu seiner ältesten Tochter gehegt habe, wird auf 
Rowe's Angabe hin allgemein angenommen. Nicht minder 



195 

aber wird sein Herz an dem einzigen Sohne gehang-en 
haben, der nicht bloss der einzige Namenserbe war, son- 
dern auch der Haupterbe des anwachsenden Vermögens 
werden sollte, das Shakespeare, wie sich später zeigen wird, 
offenbar als Stammgxit von Geschlecht auf Geschlecht zu 
vererben gedachte. Shakespeare's Liebe zu den Kindern 
tritt in den Dramen unzweideutig zu Tage; er selbst ist der 
Vater, von dem Polixenes im Wintermärchen IV, 4 sagt, 
dass seine ganze Freude in schöner Nachkommenschaft be- 
stehe. Es ist schwer sich des Gedankens zu erwehren, dass 
aus den lieblichen und hinreissenden Schilderungen des 
Knaben Mamillius im - Wintermärchen I, 2 * und H, i , des 
kleinen Macduff im Macbeth und des Prinzen Arthur im 
König Johann das eigene Vaterherz spricht, wie wir auch 
(mit Malone) aus dem herzzerreissenden Jammer der Lady 
Constanze um ihren geliebten Arthur den Gram des Vaters 
über den im August 1596 erfolgten Tod Hamnet's heraus- 
zuhören glauben. * Gewiss wird Shakespeare mit Freuden 
jede Gelegenheit ergriffen haben, um sich an der leiblichen 
und geistigen Entwickelung seiner Kinder und vorzugsweise 
seines Sohnes zu erfreuen, um auf ihre Erziehung zu wirken 
und sich durch ihre Spiele und ihr Geplauder den 'Julitag 
zum Decembertag verkürzen zu lassen.' (Wintermärchen I, 2). 
Die Reise zwischen London und Stratford, wiewohl sie 
durchschnittlich drei Tage in Anspruch nehmen mochte,* 



1) Das: * If ai honte, sir » Jle^s all tny exercistt my mirth^ my matter* 
klingt wie aus Shakespeare's innerster Seele gesprochen. 

2) Shakespeare's Werke übersetzt von Schlegel und Tieck herausgegeben 
von der Deutschen Shakespeare -Gesellschaft I, 117. — Neil 35 glaubt, Shake- 
speare sei beim Be^äbnisse seines Sohnes gegenwärtig gewesen. Das war 
wol nur möglich, wenn Hamnet längere Zeit lebensgefahrlich krank war, und 
Shakespeare auf die Nachricht von dieser Krankheit nach Stratford kam. 
Starb er dagegen plötzlich, so fehlte es wol an Zeit, den Vater herbeizurufen, 
wenn nicht die Leiche mindestens sechs Tage unbeerdigt stehen blieb. 
Konnte sich auch Shakespeare gleich von seinen Verpflichtungen als Schau- 
^ieler losmachen? — Henry Brown (The Sonnets of Shakespeare Solved 127) 
erblickt im 37. Sonett eine Anspielung auf Hamnet's Tpd. Schwerlich richtig. 

3) Eine Notiz aus dem Jahre 1592 bei Halliwell 220 giebt die Stationen 
von Stratford nach London an; das erste Nachtquartier war Oxford, das 

13* 



— 196 

war namentlich zur Sommerzeit keineswegs unangenehm, 
und der Verkehr war lebhafter und geregelter, als man 
bei oberflächlicher Betrachtung anzunehmen geneigt ist. 
Namentlich wurden die Stratforder häufig durch Rechts- 
geschäfte vor den oberen Gerichtshöfen nach London ge- 
rufen. So wurden nach einer Notiz in den Stratforder 
Kämmerei -Rechnungen im J. 1597 an den BailifF Sturly 
12 Schillinge für eine sechstägige Reise nach London be- 
zahlt, wo er in einer Klagesache gegen Mr Underhill ver- 
eidigt wurde. In der oben erwähnten Klagesache John 
Shakespeare's gegen John Lambert wird ein personliches 
Erscheinen des Beklagten 'be/ore yeur good Lardship in 
her Majesty's highness court 0/ Chancery' verlangt. Shake- 
speare's Vetter Thomas Grreene, sein Freund Richard Qui- 
ney und andere Landsleute kamen häufig in Geschäften 
nach London, \md seine Enkelin Elisabeth Hall unternahm 
später die Reise als junges Mädchen um Verwandte imd 
Freunde zu besuchen oder behufs einer Kur. Aus einer 
Stelle in 2 Henry IV, IV, 3 scheint hervorzugehen, dass 
man sich von Station zu Station Postpferde von den Gast- 
wirthen miethen konnte; ' I have speeded hü her ^ sagt Fal- 
staff, 'wiM the very extreniest inch of possibility; I have 
foundered nine score and odd posts' Auch in Romeo und 
Julie V, I sagt Romeo : * Get me ink and paper And hire 
post'horses; I will hence to-night' Als Elisabeth 1578 die 
Stadt Norwich besuchte, wurde u. a. Massregeln bezüglich 
ihre,s Empfanges verordnet, dass jeder Gastwirth stets ein 



zweite Iselipp (Islip?). Die Stationen von Oxford nach London hat Harrison 
(1586) verzeichnet; die Entfernung zwischen beiden Orten giebt er auf 47 
englische Meilen an, während sie nach neueren Messungen 54 beträgt 
Knight, Wm Sh.; a B. 289. Dass die Reise von Stratford nach London 
ausnahmsweise in zwei Tagen gemacht werden konnte, lernen wir aus Ar- 
min's Nest of Ninnies: *One Friday morning^ so lautet die Stelle, 'there 
was a gentUman \in London] to ride down into Warwickshire , about pay^ 
ment of an hundred pound upon a bond*s forfeiiure: the time was next day, 
hy sunset; it was no boote to bid htm pull on hts boots and be gone* Rob. 
Armin's Nest of Ninnies (1608) ed. by Collier for the Shakespeare - Society 
1842, S2. 



197 

Postpferd bereit halten sollte. ^ Zu welcher Zeit der auf 
S. 134 erwähnte Hauderer seine Fahrten zwischen Stratford 
und London einrichtete, wissen wir nicht; sicherlich dauerte 
aber das Reisen zu Pferde auch noch neben ihm fort. Das 
Leben in den Gasthäusern war vollständig geordnet, wie 
wir aus Harrison's gleichzeitiger Beschreibung von England 
wissen.* 'Jeder Ankömmling,' so berichtet er, 'ist sicher 
reine Laken zu bekommen, in denen noch Niemand gelegen 
hat, seit sie von der Wäscherin kamen oder aus dem Was- 
ser, in welchem sie zuletzt gewaschen wurden. Wenn der 
Reisende ein Pferd hat, so kostet ihm sein Bett nichts, 
wenn er aber zu Fuss geht, so muss er einen Penny dafür 
bezahlen. Gleichviel aber ob er Reiter oder Fussgänger 
sein mag, wenn ihm einmal sein Zimmer angewiesen ist, so 
kann er, so lange er es bewohnt, den Schlüssel mitnehmen 
wie bei seinem eigenen Hause. Kommt ihm etwas abhan- 
den, während er sich im Gasthause aufhält, so ist der Wirth 
durch die allgemeine Sitte verpflichtet ihm den Schaden zu 
ersetzen, so dass es nirgends eine grössere Sicherheit für 
Reisende giebt als in den grössten Gasthäusern Englands.' 
Unter solchen Umständen brauchten mithin auch Frauen die 
Reise und den Aufenthalt in Wirthshäusem nicht zu scheuen. 
Shakespeare wird ohne Zweifel der Regel nach die Reise 
zu Pferde gemacht haben, und Knight 285 — 289 und 363 
knüpft an die erste Reise Shakespeare's nach London eine 
eingehende Beschreibung des Weges, welchen er nahm.* 
Von Stratford führte die Strasse über Shipston-on-Stour nach 
Woodstock, wo Schloss und Park mit ihren Erinnerungen 
die Phantasie des jugendlichen Dichters mannichfach erregen 
mussten, denn hier war es, wo Heinrich die schöne Rosa- 
munde verborgen hielt; hier wohnte Eduard IQ; hier lebte 
Elisabeth vor ihrer Thronbesteigung als Gefangene; hier 



i) Nach Thornbury, Shakespeare's England 11, 350. — Vergl. Viel 
Lärmen um Nichts I, i: * Here is good horse to hire* 

2) Knight, Wm Sh.; a B. 289. 

3) Vergl. Halliwell, Shakcspeare's Joumeys between Stratford - on - Avon 
and London. N. and Q. 1864, No. 132; No. 134 (hy Crux); No. 135 (by 
Halliwell). 



iqB 

endlich schrieb Chaucer seine unsterblichen Canterbury* 
Erzählungen« Von Woodstock kam der Reisende nach Ox- 
ford, * wo er die Colleges und Halls, die stolzen Sitze der 
englischen Gelehrsamkeit, bewunderte, und von da nach 
Grendon in Buckinghamshire, wo er nach Aubrey's etwas 
unklarem Bericht die Bekanntschaft des dortigen Constables 
machte, den Aubrey noch 1642 gesehen haben will; nach 
Aubrey hätte Shakespeare denselben im Sommemachts- 
traum copirt, was jedenfalls auf einem Irrthimi beruht; 
vielleicht ist Dogberry in Viel Lärmen um Nichts gemeint. * 
Es ist ein erfreulicher Gedanke, Shakespeare im Geiste bei 
dieser ritterlichen Art des Reisens zu begleiten. Wie mag 
sich sein Auge erquickt haben an den reichen Gefilden und 
frischen Gründen seines Heimatlandes, an dem bunten 
Wechsel zwischen parkumgebenen Herrenhäusern, freimd- 
lichen Städten und arbeitsamen, in Grrün versteckten Dör- 
femi Wie mag er nach dem anstrengenden Treiben der 
Hauptstadt den erfrischenden Hauch des offenen Landes, 
den Glanz des freien Himmels und den Gesang der Vögel 
eingesogen haben! denn dass Shakespeare eine ausser- 
ordentliche Empfänglichkeit und Beobachtungsgabe für die 
Wunder und Schönheiten der Natur bis ins Kleinste besass, 
das lehren seine Werke auf jeder Seite. Wie mag er auf 
seinem Pferde poetischen Betrachtungen nachgehangen und 
sich an seinem nebenher springenden Silver oder Tray 
ergötzt haben! Vielleicht war ihm, wenn er auf seinem 
Pferde sass, ähnlich zu Muth wie dem Dauphin in Hein- 
rich V (LH, 7) auf dem seinigen: 'Wenn ich ihn reite, so 



i) Ueber Oxford spricht sich Shakespeare in Heinrich VTII, IV, 2 schön 

aus, wo er Ipswich und Oxford als das Zwillingspaar gelehrten Wissens 

nennt, das Wolsey gestiftet: 

Jenes fiel mit ihm! — 

Dies, wenn auch unvollendet, so berühmt. 

So hoch in freier Kunst und noch so steigend, 

Dass stets die Christenheit es preisen wird. 

Wolsey war der Gründer von Christ Church College nach Holinshed S. 745; 
vergl. Hertzberg (Schlegel -Tieck'sche Uebersetzung IV, 163). 

2) Malone's Shakespeare by Boswell (1821) II, 491. 



199 -- 

schwebe ich in Lüften, ich bin ein Falke, er trabt auf der 
Luft, die Erde singt, wenn er sie berührt; das schlechteste 
Hom seines Hufes ist musikalischer, als die Pfeife des 
Hermes. ' Vielleicht ist es ihm ähnlich ergangen wie Walter 
Scott, der sich als ein anderer Mensch fühlte, sobald er 
sein Pferd bestieg, oder wie Lord Byron, der beim Galop- 
piren auf dem Lido Verse gemacht haben soll. 

Mit Shakespeare's Reisen in die Heimat verbindet sich 
noch eine Ueberlieferung anderer Art. Wie Anthony Wood 
berichtet pflegte nämlich Shakespeare zu Oxford in der 
Krone einzukehren und soll dort mit der hübschen und 
muntern Wirthin Mrs Davenant ein Liebesverhältniss ange- 
knüpft haben. Oldys, der Wood's Erzählung wiederholt, 
fugt imter Berufung auf Betterton und Pope noch Folgendes 
hinzu. Der junge William Davenant, der nachmalige Dich- 
ter (geb. 1606), damals ein kleiner Schulknabe von sieben 
oder acht Jahren, habe gleich seinem Vater eine so grosse 
Zuneignmg zu Shakespeare besessen, dass er spornstreichs 
aus der Schule nach Haus geeilt sei, sobald er von seiner 
Ankunft gehört habe. So habe ihn eines Tags ein alter 
Bürger athemlos laufen sehen und ihn gefragt, wesshalb er 
in solcher Hast nach Hause liefe. Der Knabe habe geant- 
wortet ^to see his god-father Shakspeare. Ther^s a good 
boy, Said the other, but have a care that you don't take 
God*s name in vain.' ^ Oldys, der erst gegen Ende des 
siebzehnten Jahrhunderts geboren wurde, ist allerdings kein 
klassischer Gewährsmann, und es ist nicht zu leugnen, dass 
die Anekdote einem gemachten Witze ähnlich sieht. Die 
Geschichte erhält jedoch einige Unterstützung dadurch, dass 
sich nach Aubrey's Erzählung der eitle Sir William Dave- 
nant in vertraulichen Augenblicken auf Kosten seiner Mutter 
gerütrat haben soll, dass er Shakespeare's Sohn sei. Sogar 



i) Shakespeare -Jahrbuch IV, 120 fg. Malone's Shakespeare by Boswell 
(1821) I, 464 fgg. Biographia Dramatica I, 116. — Wollte man aus den 
obigen Worten folgern, dass William Davenant Shakespeare's Xaufpathe ge- 
wesen sei, so lässt sich dem entgegen halten, dass ihm in des Dichters 
Testamente nicht wie seinem andern Taufpathen, William Walker, irgend 
ein Andenken oder Vennächtniss ausgesetzt ist. 



200 



auf eine Aehnlichkeit der Gesichtszüge ist von Späteren 
hingedeutet worden, und auch die Gleichheit des Vornamens 
konnte in Anschlag gebracht werden; ja selbst das Testa- 
ment John Davenant*s, aus welchem Halliwell die Grund- 
losigkeit der Anekdote nachweisen will, enthält ein paar 
Einzelheiten, die zweifelhaft scheinen können. ^ Dessenunge- 
achtet ist die Erzählung von den meisten Biographen mit 
Recht als schlecht begründet verworfen worden, wiewohl 
ihre äussere und innere Möglichkeit nicht in Abrede gestellt 
werden kann. Denn dass Shakespeare während seines 
Londoner Lebens derartige Liebesverhältnisse gehabt hat, 
kann nur der fromme Unverstand leugnen, der den lebens- 
kräftigsten Mann in seiner strotzenden Jünglings- und 
Mannesfulle zum Nazarener stempeln möchte. Ob durch 
eine solche Annahme Shakespeare herabgesetzt wird oder 
nicht, braucht nicht untersucht zu werden; wie seine Zeit- 
genossen über diesen Punkt denken mochten, darüber mag 
nur folgender Fingerzeig gegeben werden. Shakespeare 
hat die Eifersucht sowohl von ihrer tragischen als ihrer 
komischen Seite dargestellt — im Othello, dem Winter- 
märchen und den Lustigen Weibern — aber weder bei ihm 
noch bei einem andern Elisabethanischen Dramatiker findet 
sich unseres Erinnems der Character einer eifersüchtigen 
Frau. Ist das Zufall, oder liegt nicht darin ausgesprochen, 
dass nach der Anschauung der Zeit die Eifersucht wol auf 
Seiten des Mannes, aber nicht auf Seiten der Frau eine 
Berechtigung besass? Von dem vielbesprochenen Liebes- 
verhältnisse, das in den Sonetten eine so schwer zu erklä- 
rende Rolle spielt, wird im Zusammenhange mit der Sonet- 
tenfirage die Rede sein. Hier mag nur noch eine von Man- 
ningham berichtete Anekdote eingereiht werden. Eine 
hübsche Bürgersfrau, hingerissen von Burbage's Spiel in 
seiner vorzüglichsten Rolle als Richard DI, lud diesen im 
Theater zum Abendessen ein. Shakespeare, der zufallig 
Ohrenzeuge der Einladung war, stellte sich etwas früher 
bei der Schönen ein und fand so viel Gnade vor ihren 



i) Das Testament steht in Halliwell*« lUustrations 122 fg. 



- 20I 

Augen, dass er, als Burbage unter dem verabredeten 
Namen Richard III gemeldet wurde, diesem hinaussagen 
liess , Wilhelm der Eroberer käme vor Richard HL. ^ Die 
Anekdote ist zu hübsch, als dass man nicht gern an ihre 
Echtheit glauben mochte , allein Manningham's Tagebuch ist 
(nach Halliwell L. of Sh. 196 fg.) von Collier entdeckt wor- 
den, und da heisst es: 'timeo Danaos et dona ferentes\ um 
so mehr als dieses Tagebuch noch eine zweite, auf Shake- 
speare bezügliche Stelle enthält, welche in der That ziem- 
lich verdächtig aussieht; der Verfasser, ein Mitglied des 
Mittlem Tempels, berichtet nämlich, wie am 2. Febr. i6oi 
in dieser Rechtsschule 'Was Ihr Wollt' aufgeführt worden 
sei und giebt dabei — was ganz ungewöhnlich ist — nicht 
nur den Inhalt des Stückes mit kurzen Worten an, sondern 
vergleicht es auch mit den Menächmen des Plautus und 
noch mehr mit dem italienischen Lustspiele Gli Inganni. 
Heisst das nicht die Ergebnisse der modernen vergleichen- 
den Literaturgeschichte ^Uzu plump auf einen jungen Stu- 
denten übertragen, ^er sicherlich weder Kenntniss von sol- 
chen Aehnlichkeiten noch Sinn dafür besass? Es ist sehr 
zu furchten, dass weder dieser Aufführungsbericht, noch die 
Anekdote von dem Stelldichein bei der Dame mehr Glau- 
ben verdienen, als andere von Collier zuerst veröffentlichte 
Urkunden oder als die auf Shakespeare bezüglichen Ein- 
zeichnungen in Cunningham's Revels' Accounts. 

Dass Shakespeare's Laufbahn, wie bereits bemerkt, so- 
wohl hinsichtlich seiner poetischen Schöpfungen wie hin- 
sichtlich des daraus fliessenden Ansehens und Wohlstandes 
eine ausserordentlich schnelle war, das wird auch durch den 
merkwürdigen Umstand bestätigt, dass er frühzeitiger als 
irgend ein anderer Dichter an eine ehrenvolle Zurückge- 
zogenheit dachte, indem er bereits in seinem n, Lebens- 
jahre (1597) das Gnmdstück in Stratford erwarb, das er zu 
seinem Tusculanum bestimmte? Das auffallende Wachsthum 
seines Vermögens pflegt man vorzugsweise aus zwei Ur- 



i) Diary of John Manningham &c. Ed. for the Camden Society by John 
Bruce, 1869, 



- 202 

Sachen zu erklären, nämlich durch Shakespeare's Antheil 
am Theaterbesitz wie durch seine Freundschaft mit Graf 
Southampton und die ihm von diesem gemachten Geschenke. 
In seinen berüchtigten New Facts regarding the Life of 
Shakespeare hat Collier aus den Handschrifteil des Grafen 
EUesmere eine angebliche Urkunde veröffentlicht, laut deren 
Shakespeare bereits im J. 1589 unter sechzehn Theilhabem 
am Blackfriars- Theater der zwölfte gewesen wäre. Collier 
berechnet nach dieser Urkunde auf Heller und Pfennig nicht 
allein Shakespeare's Antheil, sondern auch was die Antheile 
der anderen Schauspieler werth waren; wir hätten danach 
ihnen allen in die Tasche sehen können, wenn nur diese 
interessante Urkunde nicht für eine Fälschung erklärt wor- 
den wäre. ^ Damit fallt der Beweis zusammen, dass sich 
der Dichter schon wenige Jahre nach seiner Ankunft in 
London zum Antheilhaber am Theater aufgeschwungen ge- 
habt hätte. Ganz im Gegentheil hat Halliwell neuerdings 
eine Entdeckung gemacht aus der hervorzugehn scheint, 
I dass Shakespeare zu keiner Zeit Miteigenthümer weder am 
j Globus noch am Blackfriars- Theater war, sondern dass er 
nur, wenn er auftrat, Antheil an der 'Einnahme des Hauses' 
hatte. Dieser Ausdruck, welcher Halliwell anfänglich Schwie- 
rigkeit bereitet hat, wird von ihm aus den Memoirs of Alleyo 
ed. Collier 109 dahin erklärt, dass er die Theater -Einnahme 
mit Ausschluss der von den Gallerien bedeute. * Die Auf- 
schlüsse, welche wir diesen Urkunden bezüglich der Eigen- 
thumsverhältnisse der beiden Theater verdanken, werden 
im nächsten Kapitel erörtert werden; hier muss nur so viel 
vorweggenommen werden, dass die Frage, wie Shake- 
speare zu Vermögen gekommen sein mag, dadurch nur noch 
schwieriger geworden ist. Ein Gewicht zu Gunsten der 
Halliwell'schen Entdeckung wird durch den Umstand in die 
Wagschale gelegt, dass Shakespeare in seinem Testamente 
keinerlei Theaterbesitz erwähnt; wir müssten denn annehmen. 



i) Shakespeare's Works ed. Dyce (3'* Ed.) I, 95 und 146. Knight, 
Wm Sh.; a B. 480 fg. 

2) Halliwell, niustrations 22 fg. 86 — 91. Shakespeare -Jahrbuch IX, 

334 fg- 



— 203 - 

dass er sich desselben vor der Errichtung des Testaments, 
etwa bei seiner Rückkehr nach Stratford, wieder entaussert 
habe. ^ Das wäre insofern nicht unwahrscheinlich , als sich 
Shakespeare überall als umsichtiger Geschäftsmann gezeigt 
hat, der sein Vermögen durchgehends in Grund und Boden 
und Steuern anlegte und dem vermuthlich Theater -Garde- 
robe und ähnliche flitterhafte Habe keine genügende Sicher- 
heit gewähren mochte. Reichten aber die Tageseinnahmen 
in Verbindung mit den Honoraren fiir seine Stücke aus, \xm 
Shakespeare's Wohlstand zu begründen? Allerdings war 
der Schauspielerstand damals dasjenige Handwerk, welches 
den goldensten Boden besass. Die meisten Schauspieler — 
namentlich auch Burbage — brachten es bei leidlicher Ord- 
nungsliebe zur Behäbigkeit, allein sie waren nicht nur, was 
bei dieser Art der Honorirung schwer ins Gewicht fallt, 
allem Anschein nach stärker beschäftigt als Shakespeare, 
sondern sie waren Theilhaber am Theater und darin bestand 
ihre bedeutendste Einnahmequelle. ^ Greene in seinem 
Groatsworth of Wit (bei Skottowe I, 34) lässt einen Schau- 
spieler sich rühmen, dass ihm sein Antheil am *stage 
apparer nicht für . 200 Pfund feil sei. Für die Einträglich- 
keit der Schauspielerei, die manchem neidischen Pamphle- 
tisten und Spiessbürger ein Dom im Auge sein mochte, 
spricht unter andern das Epigramm 'Theatrum licentia' aus 
den bereits angezogenen Laquei Ridiculosi (1613): 

Cotia's becomg a Player, most ffun know. 

And will no longer take such toyling paines ; 

For here^s the spring {saith he) whence pleasures flow. 
And hrings them damnable excessive gaines ; 

That now are cedars growne front shrubs and sprigs, 

Since Greene* s Tu Quogue, and those Garlicke Jigs. * 



i) Nach Collier hätte Shakespeare seinen angeblichen Antheil am Black- 
friars an AUeyn verkauft — eine völlig unbewiesene Vermuthung. Knight, 
Wm Sh.; a B. 505. 

2) Malone's Berechnung der Theater -Einnahme und ihrer Vertheilung 

I 

beruht auf unbewiesenen Annahmen. S. Drake 452. 

3) Dramaticus, The Profits of Old Actors in The Shakespeare - Society's 
Papers I, 21 fgg. Vergl. Collier, Memoirs of the Principal Actors 31, -— 
Wegen 'the Jig of Garlick' s. Collier H. E. Dr, P. HI, 380. 




204 

Die Thatsache wird auch in The Retum from Pamassus 
(1606) bestätigt, wo Kempe zu den beiden Cambridger Stu- 
denten, die von ihm und Burbage Unterweisung verlangen, 
spricht: ^ Be tnerry^ lads; you have happened upon the most 
excellent vocation in the world for tnoney: they come north 
and south to bring it to our playhousc* In dem Pamphlet 
Ratsey's Ghost (1606?)^ wird geradezu mit dem Finger aut 
Shakespeare's Wohlhabenheit gewiesen, indem der gehängte 
Dieb einem wandernden Schauspieler den Rath giebt : ' When 
thau feelest thy piirse well lined, buy thee some place 0/ 
lordship in the country, that, growing weary 0/ playing, 
thy tnoney viay bring thee to high dignity and reputation 

for I ha^e heard indeed of some that haoe gone to 

London very meanly, and have come in time to be exceeding 
wealthy.' Alles dies beweist jedoch nur die, von Niemand 
bezweifelte, Thatsache, dass Shakespeare — und die Mehr- 
zahl seiner Kollegen — zu Reichthum gelangte, klärt uns 
aber nicht über die Mittel auf, durch welche dieser Reich- 
thum erworben wurde. Lediglich durch den Ertrag seiner 
Werke konnte er nicht zu Vennogeri kommen; diejenigen 
Dichter, welche nicht zugleich Schauspieler waren, B. Jon- 
son obenan, blieben in dürftigen Verhältnissen. 

Eben so wenig wirkliche Aufklärung gewährt anderer- 
seits die Tradition, dass Shakespeare den Grund zu seiner 
Wohlhabenheit durch ein grossartiges Geschenk seines 
Freundes Southampton gelegt haben soll. Dieser soll näm- 
I lieh, wie Rowe, sich auf Davenant stützend, erzählt, dem 
'; Dichter 1000 Pfd. geschenkt haben, ^to go through with a 
purchasCy which he heard he had a mind to,* Was das für 
ein Ankauf gewesen sein soll, vermögen wir nicht einmal 
zu ahnen. Mit einer solchen Summe, die nach heutigem 
Geldwerth etwa dem fünffachen Betrage entsprechen würde. 



i) The Life and Death of Gamaliel Ratsey, a famous Thief in Eng- 
land, executed at Bedford the 26 of March last past, 1605. £d. by J. P. 
Collier. Lond. 1866. — Das einzige noch vorhandene Exemplar dieses merk- 
würdigen Pamphlets befindet sich in der Bibliothek des Grafen Spencer zu 
Althorp (Northamptonshire). Das betreffende Kapitel ist neuerdings auch in 
Halliwell's niustrations 85 fg. nach dem Originale abgedruckt. 



205 

hätte ja Shakespeare ein ganzes Theater oder halb Strat- 
ford an sich bringen können. Der grösste Kauf, den er 
in seinem Leben machte , war der der Stratforder Zehnten 
(1605), für welche er 440 Pfd. zahlte. Schon an und fiir 
sich hat es geringe Wahrscheinlichkeit, dass Southampton 
ein solches, mehr als fürstliches Geschenk gemacht haben 
sollte; das hiesse ein Vermögen verschenken! Eine solche 
Schenkung stände ohne Beispiel da, und zwar nicht bloss 
in der englischen Literaturgeschichte, sondern überhaupt.* 
Selbst Rowe kann seinen Unglauben nicht verhehlen; er 
würde nicht gewagt haben, diese Geschichte anzuführen, 
sag^ er, wenn sie eben nicht von Davenant herrührte, der 
mit Shakespeare's Angelegenheiten vermuthlich sehr genau 
bekannt gewesen sei. Ja es darf wohl die Frage aufge- 
worfen werden, ob Shakespeare eine derartige. Schenkung, 
die für sein Selbstgefühl und seine Selbstachtung nicht an- 
ders als bedrückend hätte sein können, angenommen haben 
würde. Denn auch dem Grafen Southampton gegenüber 
war er nichts weniger als ein Schmeichler und Kriecher; 
seine beiden Widmungen gehn nicht weiter als der Styl der 
Zeit verlangte und lassen den selbständigen Mann durch- 
blicken. Southampton wird sich ohne Frage für die Wid- 
mung der beiden Gedichte Venus und Adonis und Lucretia 
erkenntlich gezeigt haben; da aber das gewohnliche Honorar 
für eine Dedication 5 Pfd. betrug , ' so wäre es schon ganz 
ausserordentlich gewesen, wenn er ihm für beide Dedicatio- 
nen loo Pfd. — also das Zehnfache — gezahlt hätte,' und 
Shakespeare hätte mit einer solchen Summe etwas anfangen 



i) Allerdings soll Young, der Verfasser der Nachtgedanken , für sein 
Gedicht 'The Universal Passion* (1725 — 1728) vom Herzoge von Wharton 
ein Geschenk von 2000 Pfd. erhalten haben; allein zu dieser Zeit war der 
Geldwerth bereits beträchtlich gesunken. 

2) Nach Nat. Field in der Vorrede zu Woman is a Weathercock (161 2) 
wurden sogar nur 40 Schillinge für eine Dedication gezahlt. Collier, H. £. 
Dr. P. III, 393. 

3) Nach Hudson, Shakespeare: his Life, Art, and Characters (Boston, 
1872) I, 36 hätte Southampton die lOOO Pfd. für die erste Widmung gezahlt, 
und das wäre 'th^ Warrant of your honourahle disposition* gewesen, dessen 



2o6 ~ 

können — kostete ihm doch New Place mit seinen zwei 
Gärten u. s. w. nur 60 Pfd. Sterling. Für die Beurtheilung 
dieser Ueberlieferung kommt es freilich darauf an, wie wir 
uns Shakespeare's Verhältniss zu Southampton zu denken 
haben ; war es in der That ein so inniges , ein solcher pla- 
tonischer Seelenbund, als den man es von manchen Seiten 
darstellen möchte? Leider fehlt es auch hier durchaus 
an thatsächlichen Handhaben. Das angebliche Schreiben 
Southampton's an Lord EUesmere (bei Collier, New Facts), 
worin er Shakespeare als seinen 'espectal friend* bezeich- 
net, ist unecht, und schon lange vor der paläographischen 
Untersuchung hat es Kjiight (Wm Sh.; a B. 496 fgg.) kritisch 
vernichtet.' Southampton war, das steht fest, nicht nur 
ein grosser Freund der Poesie und ein leidenschaftlicher 
Liebhaber des Theaters, sondern auch ein Mann von hoch- 
gebildetem, vorurtheilsfreiem und bedeutendem Geiste. Aber 
er gehörte dem hohen Adel an — was dessen Mitglieder 
nie vergessen — er stand hoch in Aemtem und Würden 
wie in der Gunst der Königin. Anzunehmen, dass er den 
Geistesadel des Dichters und Schauspielers eben so hoch 
geschätzt haben solle als seinen Geburtsadel, dass er auf 
dem Fusse der Gleichheit mit ihm verkehrt und eine innige 
Herzensfreundschaft mit ihm unterhalten haben solle, dazu 
berechtigt ims doch nichts als unsere Einbildung, die sich 
ein solches ideales Verhältniss als hochpoetisch und als dem 
Grafen wie dem Dichter zur Zierde gereichend ausmalt. 
Wir haben allerdings klassische Zeugnisse, dass Mitglieder 
der Aristokratie mit Ben Jonson freundschaftlich verkehrten 
und wir dürfen daher nicht zweifeln, dass dasselbe auch 
hinsichtlich Shakespeare's der Fall gewesen sein wird. Lord 
Clarendon berichtet von Jonson, 'thai his conversation was 
very good, and with men 0/ most note\ und Lord Falkland 



Shakespeare in der zweiten Widmung gedenkt. Der Dichter hätte sich für 
diese Snmme einen beträchtlichen Antheil am Globus -Theater erworben. 
Wenn er nun aber gar nicht Theilhaber an demselben war, wie dann? 

i) Ireland hat sogar einen Brief Southampton's an Shakespeare fabrizirt, 
der mit der Anrede * Dearest Friend^ beginnt. Knight 497. 5CX). Vergl. 
Knight 369 fgg. über Southampton. 



— 2o^ — 

spricht von nahem Umgange, welchen er mit ihm gehabt 
habe. Lord Clarendon bekennt sogar, 'ihat he lived 
many years on terms of the most friendly intercourse 
wüh OUT auihor. ' * Es soll auch nicht geleugnet werden, 
dass das Verhaltniss zwischen dem Grafen und Dichter 
immerhin höher stehen mochte als ein alltägliches kaltes 
Patronatsverhältniss; aus Shakespeare's Dedicationen spricht 
durch die euphuistische Hülle hindurch aufrichtige Zuneigung, 
und aus der zweiten geht hervor, dass diese Zuneigung 
seitens des Grafen durch Werthschätzung — honourable 
disposütofi^ — erwidert wurde. Ob Southampton der in den 
Sonetten besungene Jüngling war, ist höchst zweifelhaft und 
alle von Gerald Massey aus dieser Annahme hergeleiteten 
Folgerungen bezüglich des Verhältnisses zwischen dem 
Dichter und seinem Gönner beruhen durchaus auf hypothe- 
tischem Grunde. Dass Southampton nicht unter dem Mr 
W. H. der Sonett- Dedication zu verstehen ist, das darf 
als ausgemacht angesehen werden. Auf welche "Weise sich 
das Verhaltniss angeknüpft haben mag, darüber giebt es nur 
zwei Muthmassungen. Die erste ist folgende. Southampton's 
Mutter heirathete, wahrscheinlich vor 1580, in zweiter Ehe 
Sir Thomas Heneage, der in seiner Stellung als Schatz- 
meister der Königin (Treasurer of the Chamber) die 
Zahlungen an die Schauspieler -Gesellschaften zu machen 
hatte, die bei Hofe gespielt hatten. Möglicher Weise ist 
seitens der Schauspieler die Besorgung dieser Geschäfte 
dem weltgewandten Shakespeare übertragen worden, so dass 
dieser mit Southampton in dem Hause seines Stiefvaters 
wiederholt zusammengetroffen sein kann. So hat Malone 
(Malone's Shakespeare by Boswell [1821] ü, 477 fg.) den 
Zusammenhang zu erklären versucht. Noch schwerer er- 
klärbar ist es, wie dem Dichter die Gönnerschaft der Grafen 
Essex, Pembroke und Montgomery zu Theil geworden sein 
mag. Den beiden letztem ist die erste Folio von den Her- 
ausgebern Heminge und Condell gewidmet worden, weil sie 
den Werken und ihrem Verfasser bei seinen Lebzeiten so 



I) B. Jonson's Works (Moxon, 1853, in i vol.) 52 fg. Vcrgl. S. 190. 



2o8 

viel Gunst und Nachsicht erwiesen hätten; die Widmung 
giebt übrigens einen deutlichen Fingerzeig, wie wenig dabei 
an einen Freundschaftsbund zwischen Gleich und Gleich zu 
denken ist. Heminge und Condell bringen die unsterblichen 
Werke des grössten dramatischen Dichters wie eine geringe 
Opfergabe dar, welche Landleute ihren Göttern in den 
Tempeln zu opfern pflegen. Sie bezeichnen diese Werke 
als Kleinigkeiten {frifles) und wissen, dass Ihre Hoheiten — 
mit diesem fürstlichen Prädikate werden die Grafen ange- 
redet — zu hoch stehen, als dass sie sich zur Lesung der- 
selben herablassen könnten. Der Dichter wird ihr Diener 
(servant) genannt. Und diese Sprache fuhren die Heraus- 
geber zu einer Zeit, wo Shakespeare's Ruhm nicht nur ganz 
England füllte, sondern bereits über die Gränzen seines 
Vaterlandes hinausreichte. Wie viel mehr musste also der 
noch unberühmte Shakespeare seinen Abstand fühlen, als 
ihn im Anfange seiner Laufbahn Southampton seiner Gunst 
würdigte. Die Gönnerschaft des Grafen Essex endlich ist 
mehr traditionell, als geschichtlich erwiesen; wir kennen 
kein gleichzeitiges oder sonst verlässliches Zeugniss dafür. 
Das Kompliment, welches der Dichter dem Grafen Essex 
im Prolog zum 5. Akt Heinrich's V macht, gestattet an sich 
eben so wenig einen Schluss auf ein persönliches Verhält- 
niss wie die öfter besprochene Aehnlichkeit einiger Stellen 
im Hamlet mit Briefen von Essex. ' Die einzige glaublicfie 
Vermuthung, wie Shakespeare ihm bekannt und lieb gewor- 
den sein mag, hat Herm. Kurz aufgestellt (Shakespeare - 
Jahrbuch IV, 300). Kurz geht nämlich von der im Shake- 
speare-Jahrbuch HL, 159 fgg. entwickelten Hypothese aus, 
dass der Sommemachtstraum zu Essex's Vermählung (1590) 
geschrieben sei, verlegt aber mit hoher Wahrscheinlichkeit 
die Festlichkeit von dem Vermählungstage auf das kurz 
darauf folgende Maifest. Essex bestellte das Festspiel bei 
der Direction der Truppe des Lord Kammerherm, und diese 
übertrug die Abfassung ihrem nach aussen noch nicht sehr 
bekannten *Factotiun. ' Die Leistung nun, welche den 

i) Shakespeare - Jahrbuch III, 159 fg. 



— 2og — 

Anspruch und das Erwarten so unendlich überstieg, muss 
nothwendig Essex auf den Dichter aufmerksam gemacht 
haben : und hiermit ist zum ersten Mal eine Annahme näher 
begründet, die bis jetzt eigentlich nur auf einem jener 
schonen, aber oft unerfüllt bleibenden Postulate der hohem 
Bildung beruht zu haben scheint. Der drei- und zwanzig- 
jährige Graf . und der sechs- und zwanzigjährige Dichter 
(man lebte und reifte damals schnell) müssen, sobald sie 
sich einmal persönlich berührt hatten, einander nahe geblie- 
ben sein. — Wessen Empfehlung den Dichter drei Jahre 
nachher bei dem jungen Southampton einführte, das wird 
jetzt ausser Zweifel sein.' Nur Ein Pimkt bedarf iDei dieser 
zweiten Muthmassung über die Einleitung der Bekanntschaft 
zwischen Shakespeare und Southampton noch einer nähern 
Aufklärung. Warum widmete Shakespeare das unstreitig 
früher geschriebene Gedicht Venus und Adonis nicht sofort 
dem Grafen Essex, sondern Hess es noch Jahre lang im 
Pulte liegen, bis Southampton die Dedication annahm ? Dass 
übrigens die Bekanntschaft des Dichters mit seinen Gönnern 
Essex und Southampton, denen beiden er um einige Jahre 
voraus war, in die begeisterungsvollen Jünglingsjahre fallt, 
spricht allerdings dafür, dass sie mit tieferem Gehalt erfüllt 
worden sein mag, wenngleich sie sich nicht von den Schran- 
ken der beiderseitigen gesellschaftlichen Stellung wird 
haben befreien können. Das Verhältniss erinnert in man- 
cher Hinsicht an Karl August und Goethe. 

Kehren wir zu Shakespeare's Vermögensverhältnissen 
zurück. Wenn wir nach dem Gesagten weder in seinem 
Verhältnisse zur Bühne, noch in dem durch Geschenke be- 
thätigten Wohlwollen seiner Gönner den alleinigen, oder 
auch nur hauptsächlichen Born zu erkennen vermögen, wel- 
chem sein Wohlstand entquoll, so werden wir dahin ge- 
drängt, unsem Blick auf seine Geldgeschäfte zu richten, 
um so mehr, als gerade nach dieser Richtung hin unsere 
Quellen reichlicher fliessen als nach irgend einer andern hin. 
Diese Quellen beweisen, dass er sich nicht allein mit beson- 
derem Geschick auf Geldgeschäfte verstand, sondern dass 
er auch eine nicht hinwegzuleugnende Neigung für die- 

Ebe, Sbakespcare. I^ 



210 

selben besass, wodurch wiederum die Annahme bestätiget 
wird, dass er sich in seiner Jugend in Stratford praktische 
Rechts- und Geschäftskenntniss bei einem Advokaten er- 
worben haben muss. Dabei darf nicht übersehen werden, 
dass sich aller Wahrscheinlichkeit nach beide Eltern des 
Dichters durch Geschick zur Führung von weltlichen Ge- 
schäften und Geldangelegenheiten auszeichneten, wie das 
in einem frühem Abschnitt des Nahem ausgeführt worden 
ist, imd dass der Sohn auch hierin als ihr voller Erbe er- 
scheint. Shakespeare war auf diesem Felde was man einen 
speculativen Kopf nennt. Diese Vereinigung des erhaben- 
sten, weltumfassenden Dichters und des speculirenden , ge- 
wiegten Geschäftsmannes in einer und derselben Person hat 
allerdings für unser Gefühl nicht allein etwas Befremdendes, 
sondern, um es gerade heraus zu sagen, etwas Abstossen- 
des. Wir sind daran gewöhnt, und es scheint ims in der 
Ordnung, dass der Dichter bei der Theilung der Erde zu 
kurz kommt imd dafür durch einen Platz in Jovis Himmel 
entschädigt wird; dass er aber nicht allein diesen Platz im 
Himmel inne hat, sondern zugleich auch in geschäftlichster 
Weise sich seinen nicht karg bemessenen Antheil an der 
Erde zu erwerben weiss, das will uns nicht zu Sinne. 
Shakespeare's wunderbare imd räthselvoUe Persönlichkeit 
giebt uns aber auch dieses Räthsel zu lösen auf, wenn wir 
es zu lösen vermögen. Shakespeare verstand nicht nur 
Kapitalien zu erwerben, sondern auch sie geschäftskundig 
und vortheilhaft anzulegen. Im Bereiche der Geldgeschäfte 
hörte bei ihm die Poesie auf, hier liess er die Phantasie 
zu Hause, während später Walter Scott daran zu Grunde 
ging, dass er auch bei seinen irdischen Geschäften der 
phantasievolle Dichter blieb. Wer würde es je für glaublich 
gehalten haben, dass der Dichter des Kaufmanns von 
Venedig, der Schöpfer des Shylock, vielleicht um dieselbe 
Zeit, wo der Zauberer Prospero und die Engelgestalt der 
Miranda aus seinem Geist hervorgingen, eine Schuldfor- 
denmg von i Pfiind 15 Schilling lo Pence für Malz ein- 
klagte — wer würde es geglaubt haben, wenn nicht das 
unerbittliche Document vorhanden wäre, imd zwar ein Docu- 



211 

ment, welches nicht von Collier entdeckt worden ist! ^ Das 
Malz war nicht auf Einmal, sondern in geringen Mengen zu 
verschiedenen Malen während der Jahre 1603 und 1604 an 
Philip Rogers zu Stratford verkauft worden, der also ver- 
muthlich in mittelmässigen Umstanden lebte, während der 
Kläger ein grosser Haus- und Grrundbesitzer war — *5/a- 
ctous in the possessiott 0/ dirt\ wie es im Hamlet heisst. 
Die Urkunde ist aber noch in anderer Hinsicht wichtig; sie 
beweist, dass Shakespeare zu dieser Zeit in London lebte, 
denn er bediente sich zur Führung des Prozesses eines 
Stratforder Anwalts, William Tetherton. Daraus ergiebt sich 
also, dass Shakespeare von London aus mit eingehender 
Sorgfalt die Bewirthschaftung seines Stratforder Besitzes 
leitete, wobei ihm dort, wie man vermuthet, sein Bruder 
Gilbert zur Hand ging; wenigstens liess er sich bei dem 
grossen Landkauf von den Combes, Mai 1602, von ihm ver- 
treten. 

Lassen wir, um ein Gesammtbild zu gewinnen, Shake- 
speare's Kauf- und Geldgeschäfte der Zeitfolge nach eine 
kurze Musterung bestehen. Den Reigen eröffnet der be- 
reits erwähnte Ankauf von New Place, dem grössten und 
schönsten Hause in Stratford (Ostern 1597). Von diesem 
Grrundstück, seiner Erwerbung und seinen Schicksalen bis 
auf den heutigen Tag wird in einem späteren Abschnitt 
ausfiihrlich die Rede sein. Shakespeare stattet^ das ansehn- 
liche Gebäude mit einem nicht minder ansehnlichen Garten 
aus und rundete das Grundstück später durch Vergrösserung 
ab. Ueberhaupt erwarb er in seiner Vaterstadt planmässig 
so viel Grund und Boden, dass er gegen Ende seines 
Lebens als einer der grössten, wenn nicht der grösste 
Grundbesitzer und als der vornehmste bürgerliche Einwoh- 
ner daselbst seine sämmtlichen Mitbürger überragte. Es 
lässt sich nicht bezweifeln, dass dies das grosse Ziel und 
Streben seines Lebens war, wie es später das Lebensziel 
Walter Scott's war, sich in seiner Gränzerheimat eine Baro- 
nie zu gründen. Natürlich gingen beide dabei von der Vor- 



I) HalliwcU, L, of Sh. 208. — Knight, Wm Sh.; a B. 478 fg. 



14* 



-, — 212 

aussetzung aus, dass sich der von ihnen erworbene Besitz 
bis in die späteste Zeit auf Kinder und Kindeskinder ver- 
erben sollte. Danach lässt sich ermessen, mit wie tiefem 
Schmerze Shakespeare durch den Tod seines einzigen 
Sohnes erfüllt werden musste. Nichtsdestoweniger hielt er 
an seinem Lieblingsplane fest und setzte seine Hoffnung 
mm auf die weibliche Linie; der Ankauf von New Place 
erfolgte erst nach Hamnet's Tode. Aber auch diese HoflP- 
nung auf eine von den Töchtern ausgehende und in langer 
Reihenfolge fortblühende Nachkommenschaft hat ein ungül- 
tiges Schicksal vernichtet. Shakespeare's Lebenstraum ist 
eben so wenig in Erfüllung gegangen als derjenige Scott's. 
In demselben Jahre, in welchem Shakespeare New 
Place kaufte, that er, wie oben berichtet, einen bedeut- 
samen Schritt zur Herstellung des väterlichen Vermögens, 
indem er — was kaum einen Zweifel zulässt — seinen Vater 
veranlasste, beim Kanzleigericht, dem kostspieligsten in 
England, auf Herausgabe des vor 19 Jahren an Edmund 
Lambert verpfändeten Ashbies gegen dessen Sohn John 
Lambert klagbar zu werden! Aus eigenen Mitteln vermochte 
Shakespeare's Vater diesen Rechtsstreit schwerlich zu be- 
ginnen ; die Thatsache beweist also, dass der Dichter bereits 
über ein beträchtliches Vermögen verfügte, da er ausser 
dem Kaufpreis für New Place gleichzeitig die Mittel zu 
einem solchen Rechtsverfahren herzugeben vermochte. 
Ueberdies erkennen wir auch hier wieder, dass Shake- 
speare kein Laie im Rechtswesen war. Leider fehlt uns 
jede Kunde über den Ausgang dieses Prozesses; vielleicht 
kam er gar nicht zum Austrag, und es kam eine gütliche 
Einigimg zu Stande. Jedenfalls erzeugte auch er noch keine 
Ebbe in des Dichters Kasse, wie aus dem Antrage hervor- 
geht, welchen Abraham Sturley wenige Monate später 
(24. Jan. 1597 — 8) demselben durch Richard Quiney machen 
Hess. Er habe gehört, so schreibt er an den letztem nach 
London, Mr Shakespeare wolle in einigen Ackern Landes 
bei Shottery oder Stratford Geld anlegen; er halte es 
jedoch für angemessen, seine Aufmerksamkeit lieber auf die 
Zehnten zu lenken. *By the instructums\ fährt er fort, 



213 -— 

*you can gvoe htm thereof and by the friends he can tnake 
therefore^ we think ü a fair mark for htm to shoot at, and 
not impossible to hü. It obtained, would advance htm indeed^ 
and would do us mtuh goodJ* Der Briefschreiber hatte 
seinen Vorschlag offenbar mit seinen Freunden und Mit- 
bürgern besprochen, und der Kauf der Zehnten durch Shake- 
speare dünkte ihnen nicht minder erwünscht imd vortheil- 
haft für Stratford als gewinnbringend für den Kaufer; die 
Stadt Stratford erhielt nämlich einen jährlichen Antheil an 
den Zehnten, und es war für sie mithin keineswegs gleich- 
gültig, in wessen Händen die Verwaltung derselben lag. 
Die Erwähnung der Freunde, welche Shakespeare für die 
Sache zu interessiren vermöchte, zeigt, dass er nicht bloss 
Vermögen, sondern auch Kredit besass imd lässt durch- 
blicken, dass er vielleicht nicht bloss mit eigenem Gelde 
wirthschaftete. Nichtsdestoweniger ging Shakespeare erst 
sieben Jahre später auf diesen Plan ein; vermuthlich wur- 
den, wie ja so oft geschieht, seine Mittel von den Strat- 
fordem überschätzt. Jedenfalls waren die Zehnten im J. 1578 
noch theurer als im J. 1 605, da die * lease ' um so viel länger 
lief. Hätte Shakespeare wirklich die angeblichen looo Pfd. 
von Southampton zimi Geschenk erhalten, um einen sehr 
gewünschten Kauf zu bewerkstelligeil, so würde er sich 
schon jetzt diese vortheilhafte Kapitalanlage schwerlich 
haben entgehen lassen. Abermals wenige Monate später 
(25. Okt. 1598) wurde Shakespeare von 'Richard Quiney, der 
sich noch oder wieder in London aufhielt, um ein Darlehen 
von 30 Pfd. angegangen, wofür ihm, wie bei einem Wechsel, 
Bürgschaft angeboten wird. Der betreffende Brief ist unter 
den vielen, die an Shakespeare gerichtet worden sein mögen, 
der einzige, der dem vernichtenden Einflüsse der Zeiten 
entgangen ist. Wie es scheint entsprach Shakespeare die- 
sem Verlangen — ohne Zweifel gegen landesübliche Zin- 
sen * — denn am 4. November schreibt Sturley an Quiney, 



i) Obgleich noch Eduard VI ein Verbot gegen das Zinsnehmen erlassen 
hatte, so war es doch zu Shakespeare's 2^it ganz allgemein; der gewohn- 
liche Zinsfuss betrug io7o> Groldschmiede und andere gewerbsmässige Greld- 



— 214 

er habe gehört, 'our countrynian Mr Wm Shakspeare would 
procure us nionei, whick I will like o/.' Charakteristisch 
für den Briefschreiber sind die puritanisch frommen Redens- 
arten, mit welchen er diese geschäftliche Mittheilung ver- 
brämt. Eine weitere Andeutimg über Shakespeare's Ver- 
mögensverhältnisse in diesem Jahre enthält die von Hunter 
(Illustrations I, 77 fg.) veröffentlichte Urkunde, wonach er 
im Kirchspiel St. Helen's, Bishopsgate, in der Nähe von 
Crosby Hall wohnte,^ und mit 5 Pfund 13 Schilling 6 Pence 
eingeschätzt (assessed) war. In der Einschätzungsliste des- 
selben Kirchspiels von 1600 findet sich jedoch sein Name 
nicht mehr vor; er muss also seine Wohnung in der Zwi- 
schenzeit verlegt haben. * In das Jahr 1 602 fallen drei 



leiher nahmen mehr (nach Thornbury, Shakespeare*! England I, 56). Ten in 
the hundred ist daher die stehende Bezeichnung eines Geldverleihers oder 
Wucherers (usurerj , wie es zu Shakespeare's Zeit schlechthin hiess , denn 
es gab noch immer Leute , denen das Zinsnehmen als ein Unrecht galt. Sir 
Philip Sidney verbot z. B. in seinem Testamente (1586), dass eine Summe 
von 4000 Pfd., die sein Schwiegervater anlegen sollte, auf Zinsen ausge- 
liehen würde. Malone's Shakespeare by Boswell (1821) II, 499. Shakespeare 
dagegen bestimmte in seinem Testamente, dass seine Tochter Judith 10 <^/o 
Verzugszinsen erhalten sollte. Halliwell, L. of Sh. 177 ig. findet die Ver- 
muthung, dass Shakespeare sein Geld auf Zinsen ausgeliehen habe, keines- 
wegs ungerechtfertigt. Aus den von Halliwell neu entdeckten Urkuifden 
(Illustrations 90) geht hervor, dass Burbage seine Theaterbauten mit erborg- 
tem Gelde unternahm , das er hoch verzinsen musste. Vergl. Shakespeare • 
Jahrbuch VI, 144 fg. — Bacon's Essays ed. Aldis Wright (1865) S. 168 — 172. 

i) Crosby Hall kommt bekanntlich in Richard HI vor. 

2) * Front a paper now before me\ sagt Malone Inquiry 215, 'whick 
former ly helonged to Edward Alleyn, the player, our poet appears to have 

Ixved in Southwark, near the Bear gar den, in 1596.* '// hos heen shown 

heyond doubt, by a brief note taken out of the Poors* Book of the Liberty 
. of the Clink in Southwark , that the house in which Mr Shakspeare there 
resided , as late as the year 1 609, was assessed at the very highest rate to a 
weekly payment for the relief of the poor , at the rate of 6d., being one 
of five assessed at this highest rate, white even the Ladye Buckle y paid 
only four pence »^ Knight 280, nach CoUier's Memoirs of AUeyn p. 91* 
Vergl. Halliwell 227 fg. — * This paper has not been found; one, said to be 
it, in which Shakespeares name appears , has been declared to be "an evi- 
dent modern forgery, " * Neil 34. — Vergl. Shakespeare's Residence, Alders-- 
gate Street, in N. and Q., Feb. 13, 1869, No. 59, 148. 



215 

beträchtliche Erwerbungen in Stratford, der grosse Acker- 
kauf von den Combes für 320 Pfd., sowie der Kauf des 
Getley*schen Hauses in Walker Street und des Underhill'- 
schen Grundstücks für 60 Pfd., von denen später des Nähern 
die Rede sein wird. Am 24. Juli 1605 kam endlich der 
Plan betreffs der Zehnten von Stratford, Old Stratford, 
Bishopton und Welcombe zur Ausführung, indem der 
Dichter den halben AntheU daran für 440 Pfd. erwarb. Als 
Besitzer der andern Hälfte war Thomas Combe sein Part- 
ner. * Diese Zehnten gehorten in der katholischen Zeit dem 
College, welches von Eduard VI im ersten Jahre seiner 
Regierung säcularisirt wurde. Im 7. Jahre seiner Regierung 
verkaufte sie Eduard auf 92 Jahre an die Stadt Stratford 
(also vom J. 1554 — 1646). Im 22. Regierungsjahre der Kö- 
nigin Elisabeth wurden sie von Sir John Huband erworben, 
welcher die eine Hälfte seinen Testamentsvollstreckern, 
die andere seinem Bruder Ralph Huband letztwillig ver- 
machte. Dieser Ralph Huband war es, der am 24. Juli 
1606 seine Hälfte an Shakespeare verkaufte. Wie bei der 
eigenthümlichen Natur dieses Geschäftes leicht vorher zu 
sehen war, verwickelte es Shakespeare in mancherlei 
Schwierigkeiten, sogar in einen Prozess vor dem Kanzlei- 
gericht (161 2?); ja, hätte er nicht praktische Rechtskunde 
besessen, so möchte man geneigt sein eine derartige Kapi- 
talanlage als einen leichtfertigen Schritt zu bezeichnen, bei 
welchem ihn seine geschäftliche Umsicht verlassen hätte. 
Aus dem J. 1609 (15. März) hören wir von einer zweiten 
Schuldklage des Dichters, welche sich von der frühem gegen 
Philipp Rogers nur dadurch unterscheidet, dass es sich 
dabei um einen etwas grossem Geldbetrag handelt, nämlich 
lun 6 Pfd. nebst 24 Schillingen für Kosten. Der Verklagte, 
John Addenbrooke, hatte sich aus dem Staube gemacht — 
nan est iivüentus^ heisst es in der Urkunde — und der Klä- 
ger hielt sich daher unter dem 7. Juni an seinen Bürgen 
Thomas Homeby; ob dieser aufgeftmden wurde und zahlimgs- 



I) HalliveU, Life of Sh. 210— 21 7^*299 fgg. — Knight, Wm Sh.; a B. 
478. — Drake 628. — Neil 53. 



2l6 

fähig war, erfahren wir nicht. * So energisch verfolgte 
Shakespeare sein Recht, mit solcher Zähigkeit hielt er sein 
Eigenthum zusammen. Da übrigens in den beiden betref- 
fenden Urkunden kein klägerischer Anwalt oder Vertreter 
erwähnt wird, so scheint der Schluss gerechtfertigt, dass 
Shakespeare die Klage persönlich einleitete, mithin zvt dieser 
Zeit in Stratford anwesend war. Das letzte Kaufgeschäft 
Shakespeare's, von dem wir Kunde besitzen, versetzt uns 
nach London zurück, wo er am lo. März 1612 — 13 in der 
Nähe des Blackfriars- Theaters ^ dbutting upan a street leading 
downe to Ptidle Wharffe, on the East part y right against 
the Kinges, Majesties Wardrobe* in Gemeinschaft mit Wil- 
liam Johnson, Bürger und Weinhändler, John Jackson imd 
John Heminge, Gentleman, fiir 140 Pfd. ein Haus nebst 
Garten (ground) von Henry Walker, ^Citizen and minstreü\ 
erstand. Von dem Kaufgelde zahlte er jedoch nur 80 Pfd., 
verpfändete am nächsten Tage das Grundstück fiir den Rest 
und vermiethete es dann auf 10 Jahre an John Robinson. 
Collier vermuthet, dass sich Shakespeare nur aus Freund- 
schaft fiir seinen Kollegen Heminge auf diesen Kauf ein- 
gelassen habe und dass, als die übrigen Theilnehmer nicht 
zahlen konnten oder wollten, das Besitithum ihm allein zu- 
fiel. Für uns hat die^s letzte Kaufgeschäft Shakespeare's 
insofern ein ganz besonderes Interesse, als sich auf den 
beiden noch vorhandenen Instrumenten diejenigen beiden 
Unterschriften des Dichters befinden, welche nächst denen 
des Testaments allein auf imzweifelhafte Echtheit Anspruch 
machen dürfen. « 

Niemand kann so niedrig von Shakespeare denken, zu 
glauben, dass er den Reichthum imi seiner selbst willen 
geliebt habe. Niemand als er wusste besser, dass Reich- 
thum an sich nichts sei, niemand wusste aber auch besser, 
dass Wohlstand die Bedingfimg und Grundlage fiir ein gebil- 
detes, dem Guten imd Schönen in freier Unabhängigkeit 



1) Halliwell, L. of Sh. 228 fg. 

2) Ueber die Schicksale dieser Urkunden s. den Anhang über die 
Schreibung des Namens Shakespeare. 



217 

gewidmetes Leben — die griechische Kalokagathie — bildet, 
dass wer wie Portia Edles gemessen und Edles wirken will, 
ein Belmont sein eigen nennen muss. Shakespeare wusste 
so gut wie Ford und Falstaff (Merry Wives 11, 2), dass ^if 
money go be/ore, aU ways do He open\ dass ^money ts a good 
soldier and will on\ imd dass man, wie Jago dem Roderigo 
einschärft, Geld in seinen Beutel thun muss, wenn man es 
zu etwas bringen will. Freilich sind ihm auch die Gefahren 
des Ueberflusses nicht verborgen geblieben, und wir hören 
vielleicht seine eigene Ansicht in den Worten, welche er 
der Nerissa in den Mimd gelegt hat (Kaufmann v. Venedig 
I, 2); 'Nach allem was ich sehe, sind die eben so krank, 
die sich mit allzuviel überladen, als die bei nichts darben. 
Es ist also kein mittelmässiges Loos, im Mittelstande zu 
sein. Ueberfluss kommt eher zu grauen Haaren, aber Aus- 
kommen lebt länger. ' ^ Noch heute stehen Besitz , gesell- 
schaftliche Stellung und Bildung nirgends in engerer Wech- 
selwirkimg zu einander als gerade in England. Eine geach- 
tete gesellschaftliche Stellimg, die für Shakespeare aus 
verschiedenen Grründen ein Ziel seines Strebens sein musste, 
vermochte aber das Vermögen allein nicht zu gewähren, 
sondern nach der Sitte und den Begriffen der Zeit konnte 
die öffentliche Anerkennimg derselben nur durch die Wap- 
penverleihimg ausgesprochen werden. Das Wappen war 
die feierliche Aufnahme in die Gentry, das äussere, staat- 
lich anerkannte Reichen des Gentleman, der das Prädikat 
Master genoss, während der Yeoman bloss beim Namen 
genannt wird. Harrison m seiner Beschreibung von Eng- 
land (1577, vor Holinshed) spricht sich über die Stellung des 
Gentleman und die Bedeutung der Wappenverleihung fol- 
gendermassen aus : ' Whosoever studieth the laws of the 
realm, whoso abtdeth in the un^versity giving his mind to his 
booky or pro/esset h physic and the liberal sciences, or beside 
his Service in the room of a captain in the wars^ or good 
counsel gwen at honte ^ whereby his Commonwealth is bene* 



1) Vergl. Shakespeare -Jahrbuch VI, 142. 



2l8 

fitedy can live without manual labouTj and thereto is able and 
will bear the pori, charge and countenance of a gentleman, 
he shall for money have a coat and arms beslowed upon htm 
by heralds (who in the charter of the same do of custom 
pr elend antiquüy and Service ^ and many gay tkings), and 
thereunlo being made so good cheapy be called mos t er, which 
is the title that men give to esquires and gent lernen , and 
reputed for a gentleman ever after. ' * Der Wunsch nach 
dieser Aufnahme in die Gentry war Shakespeare um so 
näher gelegt, als sich einerseits der Schauspielerstand, dem 
er angehörte, noch keineswegs der allgemeinen Achtung 
erfreute, und er sich andererseits durch das Verhältniss zu 
Southampton und anderen Gönnern zur Aristokratie hinge- 
zogen fühlte, welche überhaupt die Trägerin der Bildung 
war, so lange sich der Bürgerstand noch nicht zu seiner 
vollen geistigen, sittlichen und politischen Geltimg ent- 
wickelt hatte. Ueborhaupt wird sich ein aristokratischer 
Zug Shakespeare wie allen grossen Geistern nicht abspre- 
chen lassen , * und er zeigt auch hierin Aehnlichkeit mit 
Walter Scott, welchen die Erhebung zum Baronet keines- 
wegs gleichgültig Hess. Die gesellschaftliche Rangstufe, 
welche sich Shakespeare zum Ziel gesteckt hatte, giebt er 
in seinem Testament wie in einigen frühem Urkimden selbst 
mit den Worten an: * Wm Shakespeare of Stratford^upon^ 
Avon, in the county of Warwick, gentleman,* Zur Er- 
reichung dieses Zieles wählte Shakespeare mit voller Welt- 
klugheit den geeignetsten Weg, indem er nicht selbst die 
Wappenverleihung nachsuchte, sondern — wie nicht bezwei- 
felt werden kann und wie auch Malone, Collier und Halli- 
well annehmen — seinen Vater zu diesem Schritte veran- 
lasste, während er selbst jedenfalls die nicht unbeträchtlichen 
Kosten bestritt. Dem Sohne würde bei einer solchen Be- 
werbung sein Schauspielerberuf im Wege gestanden haben, 
wogegen der Vater seine Stellung als Gutsbesitzer und seine 



1) Bei Knight, Wm Sh.; a B. 6. 

2) Vergl. Hartley Coleridge, Shakespeare a Tory and a Gentleman, in 
seinen Marginalia. 



219 

Verwandtschaft mit der alten und geachteten Familie Arden 
in die Wagschale legen koiinte, imd das Wappen auf diese 
Weise obenein als ein ererbtes auf den Sohn überging, so 
dass er nicht völlig als Emporkömmling und homo rurous 
dastand, sondern gewissermassen einen Ahnen geschenkt 
erhielt. Aber auch dieser Umweg war mit Schwierigkeiten 
verbunden; selbst John Shakespeare's Ansprüche mussten 
durch kleine Kunstgriffe emporgeschraubt werden, imd wäre 
nicht der Wappenkönig Sir William Dethick ein sehr will- 
fahriger Mann gewesen, über dessen leichtfertige Wappen- 
verleihungen und anderen Schwächen laute Klage gefuhrt 
wurde , so würde das Ziel schwerlich erreicht worden sein. ^ 
Und doch trägt Shakespeare's Wappen, bei dessen Entwer- 
fung er möglicher Weise nicht ohne Einfluss gewesen ist, 
den Wahlspruch: Non sanz droict! Die im Herald's College 
aufbewahrten, bei Halliwell abgedruckten Aktenstücke geben 
keineswegs volle Aufklärung über d^n Hergang, sondern 
im Gegentheil bleibt manches lückenhaft und dunkel. Der 
erste, in zwei Exemplaren vorhandene Entwurf zur Wappen- 
verleihungs-Urkimde fiir John Shakespeare stammt aus dem 
J. 1596; ob aber die Wappenverleihung schon damals wirk- 
lich erfolgt ist, kann zweifelhaft scheinen, um so mehr als 
John Shakespeare noch in einer Urkimde des J. 1597 als 



i) Halliwell , Extract from a MS at Oxford , containing a Memorandum 
of the Complaints against Dethick the Herald who made the Grant of Arms 
to John Shakespeare. In:. The Shakespeare - Society's Papers IV, 57 — 62. 
Sehr interessant, enthält jedoch nichts auf Shakespeare Bezügliches. Dethick 
gehörte als Garter King auch zu den Ueberbringem des Hosenbandes an 
Herzog Friedrich von Würtemberg im J. 1603. Rye, England as seen by 
Forcigners LXXVH fgg. — Vergl. HalliweU, L. of Sh. 17. 76 fg. Knight, 
Wm Sh.; a B. 485. — ' The pattern of arms', sagt Kenny, Life and Genius 
of Shakespeare 39, ^given, as it is stated, under the hand of Clarencieux 
Cooke, who was then dead, is not found in his records, and we can place 
no faith in his alUgation. John Shakespeare had been a justice of the 
peace, merely ex officio and not hy commissiont as is here insinuated; in 
all prohability he did not possess "lands and tenements of the value of 
$, 500"; and Robert Arden of Wilmecote was not a " gentleman of worship."* 
Auf Dethicks Angaben über Shakespeare's Vorfahren und ihre Verdienste ist 
danach gar kein Gewicht zu legen. Halliwell, Life 327. 



220 

* Yeoman ' bezeichnet .wird. ' Jedenfalls war die Angelegen- 
heit noch nicht vollständig bereinigt, denn es findet sich ein 
zweiter von den beiden Wappenkönigen Dethick und Cam- 
den (dem berühmten Antiquar)* angefertigter Entwurf aus 
. dem J. 1599, durch welchen nicht nur, jedoch ohne Bezug- 
nahme auf eine frühere Verleihung, die Wappenverleihung 
wiederholt, sondern auch die Erlaubniss hinzugefügt wird, 
das neu verliehene Shakespeare'sche Wappen mit dem der 
Familie Arden zu verbinden (to impale)^ eine Erlaubniss, 
von welcher jedoch der Dichter keinen Gebrauch gemacht 
zu haben scheint ; wenigstens ist auf seinem Grrabdenkmale 
nur das väterliche Wappen angebracht, das seitdem im- 
zählige Male als Zeichen und Schmuck für die seinem Leben 
oder seiner Poesie gewidmeten Werke gedient hat. Das 
Wappenzeichen bildet natürlich der Speer, den der Dichter, 
nach B. Jonson's schönem Ausdrucke in jedem seiner Verse 
geschwungen hat: 

In nach of which he seems to shake a lance, 
As brandisfCd at tke eyes of ignorance. 

Beide Entwürfe stimmen in den für die Wappenverleihung 
angegebenen Ghründen mit einzelnen Abweichungen überein; 
beide rechnen dazu die Verwandtschaft John Shakespeare's 
mit der Familie Arden, beide enthalten die offenbare Un- 
wahrheit, dass John Shakespeare Friedensrichter durch 
königliche Ernennung gewesen sei, während er es doch nur 
kraft seines Amtes als Bailiff war. In dem Entwurf von 
1596 ist die letztere Angabe allerdings nur dem einen Exem- 
plare in einigen nachträglichen Anmerkungen hinzugefugt 
und auch nicht mit ausdrücklichen Worten ausgesprochen, 
sondern sie geht hier nur aus dem Zusammenhange hervor. 
Dagegen tritt in diesen Anmerkungen eine weitere Behaup- 
tung auf, welche Halliwell nicht umhin gekonnt hat als eine 
^pleasing fiction* zu bezeichnen, die nämlich, dass John Shake- 
speare bereits vor 20 Jahren eine Wappenskizze (a patierne 
therof) vom Wappenkönige Cooke erhalten habe. Wäre 



I) HaUiwcll, L. of Sh. 36 fg. 75. Vergl. oben S. 30. 



221 

das wirklich der Fall gewesen, so würden die Shakespeares 
Vater und Sohn schwerlich zwanzig Jahre gewartet haben, 
um die ihnen beiden am Herzen liegende Angelegenheit 
endgültig zu ordnen, die beiden vorhandenen Entwürfe 
würden sich zu dieser Verleihung in ganz anderer Weise 
als durch eine nachträgliche Anmerkung des einen Exem- 
plars in Bezug gesetzt haben, und die Stratforder Urkunden 
hätten nicht während dieser ganzen Zeit dem Vater des 
Dichters das Prädikat * Gentleman' vorenthalten können. Die 
kleineren Ungenauigkeiten der beiden Verleihungs-Urkunden 
bezüglich der Vorfahren John Shakespeare's und des ihnen 
verliehenen Grundbesitzes in ihre Schlupfwinkel zu verfol- 
gen, lohnt kaum der Mühe; die Urkunden verrathen durch 
zahlreiche Einschaltungen, Radirungen und Correcturen selbst 
die Unsicherheit ihrer Grundlagen, und es ist so wenig Ver- 
lass darauf, dass Halliwell mit Recht bemerkt, die Kennt- 
niss des wahren Herganges sei mit Dethick und Shake- 
speare imtergegangen. Dass die beiden Wappenkönige 
desshalb Anfechtungen ausgesetzt gewesen sind, scheint 
sich nach Halliwell aus einer Handschrift im Herald's College 
(W. Z. 276) zu ergeben, in welcher sie sich wegen des an 
Shakespeare verliehenen Wappens verthetdigen. Mag sich 
schliesslich die Sache verhalten haben wie sie will, so steht 
Zweierlei fest: einmal, dass auch bei zahlreichen anderen 
Wappenverleihungen nicht alles glatt abgegangen sein wird, 
und zweitens, dass sich im langen Laufe der Zeit heraus- 
gestellt hat, wie nicht das Wappen den Dichter, sondern 
umgekehrt der Dichter das Wappen geadelt und zu An- 
sehen gebracht hat. Immerhin möchte man die dabei zu 
Tage getretene menschliche Schwäche von dem Dichter- 
heros hinwegwünschen, wenn es nicht in der Natur der 
Dinge läge, dass auch die grössten und edelsten Geister 
ihren Zoll an die Conventionen der Gesellschaft entrichten 
müssen imd sich nicht völlig von denselben zu befreien 
vermögen. 

Gewiss wird für die ideale Anschauung, nach welcher 
ein Dichter mit seinem ganzen Denken und Fühlen, seinem 
vollen Wirken und Wesen der Poesie und Kxmst angehören 



222 

soll, Shakespeare's Sorge um die Angelegenheiten und 
Besitzthümer dieser Welt, sein weltkluges Streben nach 
Gut und Ehre stets die Achilles -Ferse seines Charakters 
bleiben. Aber auch nur die Ferse, denn mit dem Haupte 
stand er trotz alledem im Aether. Das zeigt die merkwür- 
dige Erscheinung, dass er gerade zu der Zeit, wo er seine 
weltliche Stellung sicher begründet und an Vermögen, ge- 
sellschaftlichem Ansehn und Ruhm seinen Zenith erreicht 
hatte, .einer andauernden trüben Stimimung anheimfiel, in 
welcher er die Nichtigkeit alles Irdischen in seinen Werken 
eindringlicher und ergreifender zum Ausdruck gebracht hat, 
als je ein anderer Dichter vor oder nach ihm. ^ Von da ab 
beg^nt seine eigentliche tragische Periode, die Periode der 
zweiten Bearbeitung des Hamlet, des Sturms (wenngleich 
keine Tragödie), des Timon u. a. Die erkämpfte irdische 
Beft'iedigung steht in auffallendem Gegensatze zu dieser 
tieftragischen, herben imd trüben Weltanschauung, welche 
beweist, dass der Dichter in irdischem Wohlstand imd welt- 
licher Ehre keineswegs das Glück, sondern nur eine Bedin- 
gung des Glücks erblickte. Es ist ein entschieden welt- 
schmerzlicher Zug, der sich hier offenbart und sich nicht 
allein durch eine Reihe von Dramen, sondern auch durch 
die SonettQ hindurchzieht. In wie weit persönliche Erfah- 
rungen, äussere und innere Erlebnisse zu dieser Trübung 
mitgewirkt haben mögen, lässt sich nicht ergründen, wie- 
wohl es nicht an Begebnissen fehlte, welche dem Dichter 
gerade im Beginn des neuen Jahrhunderts schmerzlich nahe 
traten. Am 8. Februar 1601 machte Essex jenen imglück- 
seligen und imbegreiflichen Aufstands versuch, welcher ihn 
selbst aufs Schaffot und seinen Freund und Genossen 
Southampton in den Tower brachte, aus welchem er 'erst 
nach Elisabeth's Tode wieder befreiet wurde. Mögen wir 
uns Shakespeare's Verhältniss zu Southampton denken wie 
wir wollen, auf keinen Fall konnte ihn dieses Schicksal 
seines Gönners und Freundes gleichgültig lassen. Im Sep- 



I) Hallam, Hist. Lit. Eur. HI, 85. ~ Knight, Wm Sh.; a B. 413. — 
Gervinus II, 3 fgg. 



223 

tember desselben Jahres verlor der Dichter seinen Vater 
{ßeptemb, 8 Mr Johannes Shakspeare , heisst es im Begräb- 
nissregister) und wenn wir keine Anzeichen eines besonders 
zärtlichen oder liebevollen Verhältnisses zwischen Vater und 
Sohn besitzen, so haben wir doch auch nicht die geringsten 
Beweismittel fiir das Gegentheil und können nicht annehmen, 
dass dieser Trauerfall dem Dichter nicht zu Herzen gegan- 
gen sein sollte; der Trost, dass sein Vater das Lebensalter 
des Psalmisten erreicht hatte, mochte den Schmerz lindem, 
konnte aber das Gefühl des Sohnes tiicht ersticken. * An- 
derthalb Jahre später starb Elisabeth, und auch ihrem feier- 
lichen Leichenbegängniss wird Shakespeare schwerlich mit 
unbewegtem Herzen beigewohnt haben ; * er stand bereits 
in jenem Lebensalter, in welchem man anfangt von dem 
gewohnten und liebgewordenen Alten nicht gleichgültig zu 
scheiden und dem imbekannten Neuen zweifelnd, wenn nicht 
besorgt entgegen zu gehn. Fesselten ihn vielleicht auch 
keine Bande persönlicher Verehrung und Dankbarkeit an 
Elisabeth, gegen deren Fehler er unmöglich verblendet sein 
konnte, so wird ihn doch dies Gefühl der Ungewissheit 
über die neue Gestaltung der Dinge sicher beunruhigt 
haben. Ueberdies war aber Elisabeth in der That stets 
eine Gönnerin seiner Poesie wie des Theaters überhaupt 
gewesen, über die er persönlich sich nicht zu beklagen hatte. 
Nach Rowe gab sie ihm zahlreiche Zeichen ihrer Gunst, 
obwohl wir nicht zu sagen vermögen, worin dieselben be- 
standen; die Thatsache erhält jedoch auch durch die gleich 
anzuführenden Verse Henry Chettle's eine Bestätigung. Wie 



i) Es könnte auffallig scheinen, wie Shakespeare die wiederholte Mah- 
nung, sich der Trauer um Verstorbene nicht im Uebermasse hinzugeben, so 
wohl im Hamlet (I, 2) als auch in Ende gut, Alles gut (I, 2) an den Tod 
des Vaters knüpft, wenn nicht beide Stellen nach Allem, was wir wissen 
und schliessen können vor dem Tode seines eigenen Vaters geschrieben 
wären. 

2) Zwei weitere Todesfalle mögen hier gleich angereihet werden, ob- 
schon sie erst einige Jahre später eintraten. Am 31. December 1607 wurde 
Shakespeare's Bruder Edmund in Southwark begraben und im SepU 1608 
starb seine Mutter, die mithin länger noch als der Vater die Höhe seines 
Ruhmes und Glückes erlebt und genossen hatte. 



224 

oft hatte er vor ihr gespielt und war von ihrem Beifall oder 
ihrer stillen Theilnahme angefeuert worden: 

And fnake those fligkts upon the banks of Thames, 
Thai so did take Eliza, and our James, 

sagt B. Jonson. So verschmolz sich die Person der Koni- 
gin in seinem Geiste mit der Erinnerung an manche glück- 
liche Stunde. Sie hatte ihn, wenn die Ueberlieferung Wahr- 
heit spricht, zur Bearbeitung der Lustigen Weiber aufge- 
fordert ; ^ er hatte ihr sogar einmal, nach einer freilich sehr 
fragwürdigen Anekdote, während des Spiels den Handschuh 
aufgehoben. * Dennoch ist er mit seinem Lobe gegen sie 
nicht verschwenderisch gewesen und hat ihr, wiewohl von 
Henry Chettle in seinem Gedichte 'England's Mouming 
Garment' öffentlich dazu aufgefordert, keinen Nachruf ge- 
widmet. ^ 



i) Rowe erzählt (nach Dennis, Epistle Dedicatory to the Comical Gal- 
lant , 1 702) , dass die Königin ' leas so well pleased with that admirable 
char acter of Falstaff in the two Parts of Henry IV, that ske commanded 
Shakspeare to continue it for one play more, and to show htm in love.' 
Dennis fugt noch hinzu « die Königin sei so begierig gewesen , das Stück zu> 
sehen, dass sie dem Dichter befohlen habe, es in vierzehn Tagen zu voll- 
enden. Drake 548. Unglaublich ist diese Erzählung keineswegs. 

2) Diese Anekdote taucht erst im 18. Jahrhundert auf. Die Königin, 
so heisst es, ging während der Vorstellung Heinrich's. FV über die Bühne 
und verneigte sich gegen Shakespeare, der den König spielte und keine 
Notiz von ihr nahm. Um sich zu vergewissem, ob dies ein Versehn sei, 
oder ob er es gethan habe, um nicht aus der Rolle zu fallen, ging sie noch- 
mals an ihm vorüber und liess ihren Handschuh fallen — bei ihr ein Zeichen 
der Gunst. Shakespeare hob ihn sogleich auf und überreichte ihn ihr mit 
den in seine Rede eingefügten Versen: 

And though now bent on this high embassy, 
Yei stoop we to take up our cousin*s glove, 

worüber die Königin sehr erfreut war und seine Geistesgegenwart belobte. 
R. Gr. White, Shakespeare's Works I, LXXXin, bemerkt hierzu ganz richtig 
' that kings cannot go on embassies. * 

3) Die betreffenden Verse Chettle's lauten: 

Nor doth the sihoer -tongued Melicert 
Drop from his honied muse one sable teare 
To mourne her death that graced his desert. 



22$ > 

Es wäre in der That höchst anziehend zu wissen, wie 
Shakespeare in seinem Herzen über Elisabeth und später 
über ihren Nachfolger gedacht* und geurtheilt haben mag. 
Vom politischen Standpunkt aus konnte er wol nicht um- 
hin, in Elisabeth Macht und Glanz des Vaterlandes ver- 
körpert zu sehen; er hat sie desshalb in Heinrich VHI 
direct und indirect durch die Apotheose ihrer Eltern ver- 
herrlicht und namentlich am Schlüsse in der bekaonten Pro- 
phezeiung hervorgehoben, dass unter ihrer Regierung die 
wahre Erkenntniss Gottes sich Bahn brechen werde — 
God shall be truly known. Aber vom menschlichen Stand- 
punkt aus? Ihre persönliche Tyrannei und Eifersucht lernte 
er bei den Vermählimgen von Essex und Southampton 
kennen — an absolutes Regiment war er freilich wol ge- 
wöhnt und wusste es nicht anders. Und ihre Günstlings- 
wirthschaft mit ihrer eingebildeten Jungfräulichkeit? * ihre 
abgeschmackte und unersättliche Eitelkeit? ihr unerhörtes 
Verfahren gegen die unglückliche Maria Stuart ? Konnte er 
nach seinem ganzen Charakter anders als diese Schwächen 



And to his lines opened her royall eare, 
Skeapheard — remember our Elizabeth, 
And sing her rape done hy that Tarquin — Death. 

Neil 46 bezieht die Sonette 82 — 85 auf Elisabeth und will darin die Ent- 
schuldigung und Rechtfertigung des Dichters erkennen, warum er sie so 
wenig gepriesen habe. Sehr unwahrscheinlich! — Eine zweite Aufforderung 
desselben Inhalts an Shakespeare findet sich in dem anonymen Gedichte 
*A Moumefull Dittie, entituled Elizabeth's Losse, together with a Welcome 
for King James', wo es heisst: 

You Poets all, braue Shakspeare, 

Johnson, Greene, 
Bestow your time to lürite 

For England*s Queene. 
Lament, latnent, &c. 

CoUier's New Facts 37. — Ingleby, Shakspefe Allusion -Books (published for 
the New Shakspere Society) I, 119 fgg. — Ingleby, Shakespeare's Centurie of 
Prayse 5. 

I) Vergl. Gerald Massey, Shakespeare's Sonnets 575 fgg. — Shakespeare - 
Jahrbuch IX, 248 ig. 

Elze , Shakespeare. I 5 



226 

— um uns gelind auszudrücken — missbilligen und sich 
verächtlich davon abwenden? Er, der grosse Herzenskenner, 
der die Naturwahrheit so hoch stellte imd alle Schminke, 
alles Unechte und Falsche verabscheute? 

W2LS Jakob anlangt, so ging seine Idee, dass die 
Könige die irdischen Statthalter Gottes seien, gewiss über 
Shakespeare's Maass hinaus, obwohl dieser die königliche 
Würde hoch genug stellt. * Dass Jakob feige war mag 
durch physische Ursachen erklärt und entschuldigt werden, 
aber Shakespeare mochte gewiss keinen feigen Mann, am 
wenigsten einen feigen Fürsten. Die rohe Gleichgültigkeit, 
welche Jakob gegen das Schicksal seiner Mutter an den 
Tag legte, konnte Shakespeare eben so wenig billigen als 
seine Willkür und sein hinterlistiges Wesen, wie er es z. B. 
gegen Raleigh zeigte, der allerdings erst nach Shakespeare^s 
Tode hingerichtet wurde. Shakespeare war endlich ein ab- 
gesagter Feind unfruchtbarer Gelehrsamkeit, und wer trieb 
diese weiter als Jakob? 

Wenn sich diese oder ähnliche Urtheile und Erwägun- 
gen über die beiden Regenten wirklich in imserm Dichter 
regten, so blieben sie doch in seinem Herzen verschlossen 
und mögen kaum im engsten Freundeskreise laut geworden 
sein, denn^die Zeit des Politisirens und Kritisirens war zu- 
mal für den Bürgerstand noch nicht gekommen. In Ben 
Jonson's Gegenwart durfte sich gewiss kein derartiger Tadel 
hervorwagen, da er sowohl Elisabeth als auch Jakob trotz 
ihrer Fehler mit Schmeichelei überhäuft hat, und eine Kritik 
ihrer geheiligten Personen ihn sicherlich zu leidenschaft- 
lichem Streite herausgefordert haben würde. Aeusserlich 
wenigstens gestaltete sich daher Shakespeare's Stellung zu 
Jakob nicht minder gfünstig als zu Elisabeth , und er genoss 
seine Gunst in nicht minderm Grade als die ihrige. Jakob 
war schon in Schottland ein Freund theatralischer Auffuh- 
rungen gewesen — so weit es die dortigen Verhältnisse 
gestatteten — imd er trat wenigstens in dieser Hinsicht in 
die Fusstapfen seiner Vorgängerin. War es doch eine seiner 



i) S. das Kapitel über Shakespeare*s Charakter u. s. w. 



227 

ersten Regierungshandlungen, die Truppe des Lord Kam- 
merherm als Hofschauspieler in seinen Dienst zu nehmen; 
am 7. Mai war er in London angekommen und bereits am 
17. stellte er in Greenwich das bezügliche Patent 'Pro Lau- 
rentio Fletcher et Willielmo Shakespeare et aliis^aus. ^ 
Es scheint nämlich» dass die verschiedenen Schauspieler- 
gesellschaften kurz vor Elisabeth's Tode ihre Vorstellungen 
eingestellt hatten, theils der im genannten Patente erwähn- 
ten Pest wegen, theils um erst ihre Bestätigung durch den 
neuen Regenten abzuwarten. Einige hatten diese Umstände 
zu einer nothgedrungenen Kimstreise in die Provinz benutzt. 
Von einer Schliessung der Theater als Trauer um Elisabeth's 
Tod ist keine Rede, im Gegentheil wurden die Aufführun- 
gen alsbald nach Ausstellung der Patente wieder aufge- 
nommen. Jakob selbst stattete wenige Monate später 
(2. December) dem jungen Grafen Pembroke zu Wilton einen 
Besuch ab, und es scheint, dass die Konigsschauspieler (und 
Shakespeare, unter ihnen) dort vor ihm spielten, denn John 
Heminge erhielt fiir die Gesellschaft 30 Pfund aus der 
königlichen Schatulle ausgezahlt, dafür dass er bei dieser 
Gelegenheit mit derselben von Mortlake in Surrey nach 
Wilton kam. Dieser Vorgang hat an sich durchaus nichts 
Unwahrscheinliches; allein da die Erzählung ledigHch auf 
einer Notiz in Cunningham's unzuverlässigen Revels' Ac- 
counts beruht, so ist grosse Vorsicht geboten und es müsste 
erst festgestellt werden, ob die Stelle nicht zu der gefälsch- 
ten Partie gehört, was aus Athenaeum 1868, I, 863 nicht 
mit Sicherheit hervorgeht. Die von Halliwell gemachte Ent- 
deckung, dass Shakespeare im J. 1604 auf Befehl oder 



l) Es giebt (oder gab?) zwei Exemplare dieses Patents, das eine zu 
Greenwich unter dem Privatsiegel des Königs ausgestellt, das andere unter 
dem grossen Staatssiegel d. d. Westminster 19. Mai. Das erstere ist zuerst 
von Collier nach dem im Chapter House zu Westminster befindlichen Origi- 
nale veröffentlicht, das zweite, das nur ganz geringe orthographische Abwei- 
chungen enthält, steht bereits in Rymer's Foedera und daraus entnommen in 
Malone's Historical Account of the English Stage (Malone's Shakespeare by 
Boswell ni, 50 fg.) Collier H. E. Dr. P. I, 347 fgg. — Knight, Wm Sh.; 
a B. 476. 

15* 



- - 228 - 

Wunsch des Königs vor dem spanischen Gesandten spielte,* 
würde nicht in Widerspruch mit der Annahme stehen, dass 
sich der Dichter um dieselbe Zeit von der Bühne zurück- 
zog. Eben so wenig spricht der Umstand dagegen, dass 
nach einem im Lord Chamberlain's Office befindlichen Manu- 
scripte Shakespeare mit den übrigen Mitgliedern der Truppe 
zu dem am 15. März 1603 — 4 Statt gefundenen feierlichen 
Einzüge Jakob's und seiner Gemahlin in die City 4 Ellen 
Scharlachtuch erhielt. * Shakespeare's Rücktritt kann ja am 
Ende des Jahres, oder Anfangs 1605 erfolgt sein. Diese 
Hypothese stützt sich nämlich auf die Thatsache, dass 
Shakespeare noch 1603 unter den Darstellern des Sejanus 
aufgezählt wird, bei der AuflRihrung des Volpone im J. 1605 
aber nicht mehr betheiligt war. Auch die oben (S. 204) 
angezogene Stelle aus Ratsey's Ghost scheint zu bestätigen, 
dass Shakespeare bereits um diese Zeit der Schauspielerei 
* müde ' geworden war. Dass und warum Shakespeare dem 
Schauspieler -Berufe so bald als thunlich zu entgehen suchte, 
wird an einer andern Stelle erörtert werden. Gewiss hatte 
sich dieses Streben seiner so lebhaft bemächtigt, dass selbst 
ein eigenhändiges Schreiben Jakob's, von dem eine wenig 
glaubhafte Ueberlieferung wissen will, ihn nicht hätte zurück- 
halten können. Dies Gerücht hat keinen bessern* Gewährs- 
mann, als das Vorwort zu Lintot's Ausgabe von Shake- 
speare's Gedichten (1710), wo es heisst: ^That most learned 
Prince, and great Patron of learning, King James the 
First y was pleased witk his own hand to write an amicable 
letter to Mr Shakespeare; wkich letter , though now lost, 
reniained long in the hands of Sir William Davenant, as a 
crediblc person now living can testi/y, * * Oldys , in seinen 
handschriftlichen Anmerkungen zu FuUer's Worthies, ergänzt 



i) Athen. 1871, II, 51. Vergl. Rye, England as seen by Foreigners 

2) Halliwell im Athen. April 30. 1864. — Shakespeare's Works ed. Dyce 
(3 -Ed.) I, 85 fg. 

3) Vergl. Collier, H. E. Dr. P. I, 370 fg. — BoswclFs Shakspeare 11, 
481. — Knight, Wm Sh.; a B. 473. — Hallam, Hist. Lit. Eur. lU, 77. — 
Neil 51. 



2 29 

diese Angabe dahin, dass die 'glaubwürdige, lebende Per- 
son * der Herzog von Buckingham sei , dem Davenant selbst 
die Mittheilung gemacht habe. Die Richtigkeit dieses 
Sachverhalts angenommen, so ist doch Davenant*s Glaub- 
würdigkeit in solchen Dingen keineswegs über jeden Zweifel 
erhaben; auch muss es auffallen, dass Rowe, der doch ^uch 
Davenant zu seinen Gewährsmännern zählte und überhaupt 
gut unterrichtet war, keine Kunde von dem angeblichen 
Briefe besass, wenigstens nichts davon erwähnt. Derartige 
fürstliche Handschreiben sind wol überhaupt erst eine mo- 
derne Sitte. In welches Jahr der Brief fallen könne, ist 
noch viel ungewisser; er konnte nach allem was wir wissen 
auch in die Zeit fallen, wo sich Shakespeare bereits von 
der Bühne zurückgezogen hatte. Farmer vermuthet, Jakob 
habe darin dem Dichter seinen Dank für das Kompliment 
ausgesprochen , dass er ihm im Macbeth gemacht habe, ^ 
und Malone ist geneigt ihm beizustimmen. Knight stellt 
die Gegenfrage, ob möglicher Weise das Kompliment im 
Macbeth der Dank des Dichters für die durch das Schreiben 
bewiesene Huld des Königs gewesen sei. Collier endlich 
bemerkt sehr richtig, wenn wirklich ein solcher Brief noch 
im Anfang des i8. Jahrhunderts vorhanden gewesen wäre, 
so würden wir sicherlich zuverlässigere Zeugnisse darüber 
besitzen. Wie immer sich die Sache verhalten mag, keines- 
falls hatte das angebliche Schreiben einen Einfluss auf 
Shakespeare's Stellung oder Lebensgang; genug Shake- 
speare zog sich um diese Zeit von der Bühne zurück und 
kehrte wahrscheinlich im J. i6og nach Stratford in die ehren- 
volle Müsse zurück, die er sich dort bereitet hatte. Er 



i) Es ist die Stelle gemeint m, 4: 

Comes the hing forth^ I pray youP 
Doct. Ay, sir; there are a crew of wretched souls 
That stay hü eure: their malady convinces 
The great assay of art; but at hü tauch — 
Such sanctity hath heaven given hü hand — 
They presently atmend. 
Das sogenannte ^touching for the eviV wurde nämlich von Jakob bald nach 
seinem Regierungs- Antritt wieder eingeführt. 



230 

stand damals in seinem 45., und wenn er wirklich 1604 vom 
Theater Abschied nahm, erst in seinem 40. Lebensjahre. 
Seine schauspielerische Laufbahn hatte mithin noch nicht 
20 Jahre gedauert. Ob und in wie weit er zu gleicher 
Zeit auch seine dichterische Laufbahn abgeschlossen haben 
mag, ist eine ausserordentlich schwierige Frage, der wir 
weiterhin näher treten werden. 



IV. 



DAS THEATER. 



Dass das Theater nicht nur die vornehmste Belustigung 
London's, sondern das vornehmste nationale Vergnügen 
England's bildete, bedarf zwar für die Engländer keines 
Beweises, macht aber für die Deutschen ein weiteres Ein- 
gehen nöthig, seitdem Rümelin und seine Nachbeter diesen 
nationalen Character des englischen Theaters mit ungleich 
mehr Zuversicht als Sachkenntniss in Abrede gestellt haben. 
Werfen wir einen Blick — mehr als ein Blick würde die 
uns gesteckten Gränzen überschreiten — auf die Entwicke- 
lung des englischen Drama's zurück, so werden wir finden, 
dass dieselbe, wie gar nicht anders möglich, mit der natio- 
nalen Entwickelung Hand in Hand gegangen ist, und dass 
die Bühne und die dramatische Dichtung in der That all- 
mählich alle Stände und Schichten des Volkes in ihren 
Kreis gezogen haben, vom Hofe und den Universitäten 
hinab bis zu Matrosen und Kohlenträgem, von der Metro- 
pole bis zur kleinen Provinzstadt von anderthalb tausend 
Einwohnern. Nicht minder selbstverständlich als der innige 
Zusammenhang des Drama's und der Bühne mit den übrigen 
Aeusserungen des kulturgeschichtlichen Lebens ist die That- 
sache, dass die Entwickelung beider durchaus schrittweise 
vor sich ging. Wie hätte das auch anders sein können? 
Mag der Darwinismus in der Schöpfungsgeschichte noch 
zweifelhaft sein, in der Welt- und Kulturgeschichte gilt das 
Gesetz der stufenweisen Entwickelung. Ein grosser Genius 
mag diese Entwickelung beschleunigen, ihr einen mächtigen 
Impuls geben, aber durchbrechen oder beseitigen kann er 



232 

dies Gesetz nicht; er kann nichts aus dem Nichts scha£Fen, 
sondern nur das zur Blüte und Reife bringen, wozu die 
Keime vorhanden sind, nur Höheres aus dem bereits vor- 
handenen Niedem entwickehi. Die grosse Kette der Ge- 
schichte lässt sich daher Glied für Glied zurückverfolgen 
und je mehr ims das gelingt, desto besser verstehen wir 
sie; etwaige Lücken und Sprünge sind nur Wirkungen 
unserer mangelhaften Kenntniss. 'Kein grosser Feldherr, 
führt Froude sehr richtig aus , * * entsprang je aus einer 
Nation von Feiglingen; kein grosser Staatsmann oder Phi- 
losoph aus einer Nation von Narren; kein grosser Künstler 
aus einer Nation von Materialisten; kein grosser dramati- 
scher Dichter, ausgenommen wenn die Bühne die Leiden- 
schaft des Volkes war. — — Die Grosse eines Shake- 
speare, eines Raphael oder Phidias ist stets nur der höchste 
trrad einer vorherrschenden VortrefFlichkeit , welche die 
Umgebung bildet, aus der sie hervorwächst. Kein ein- 
zelner Geist, der einzeln den natürlichen Thatsachen gegen- 
über stand, hätte aus sich selbst eine Pallas, eine Madonna, 
einen Lear hervorbringen können; solche mächtige Con- 
ceptionen sind die Hervorbringungen ganzer Zeitalter, die 
Schöpfungen eines Volksgeistes; Künstler und Dichter, von 
der Kraft dieses Geistes erfüllt, haben ihnen weiter nichts 
als die Gestaltung gegeben. Aber selbst diese Gestaltung 
würde dem vereinzelten Talente unerreichbar gewesen sein. 
— So waren auch Shakespeare's Schauspiele das Erzeugniss 
langer Geschlechter, die ihm den Weg gebahnt hatten.* 

Zwar lastet auf der .Entwickehmgsgeschichte des eng- 
lischen Drama's im Einzelnen noch mancherlei Dunkel imd 
Zweifel, ein Uebelstand, der durch CoUier's unglückliche 
Arbeiten eher vermehrt als vermindert worden ist, allein 
die Hauptumrisse, auf welche es hier allein ankommt, sind 
doch hinlänglich festgestellt, um uns vor Fehlschlüssen zu 
bewahren. * Die älteste Form , in welcher die dramatische 



1) History of England (2<* Ed.) I, 67 — 70. 

2) Zu den gediegensten Darstellungen dieses Gegenstandes gehören 
Malone's Historical Account of the English Stage (Malone's Shakespeare by 



2SS 

Dichtung nicht bloss in England, sondern überhaupt im 
westlichen Europa auftrat, die der JVfytt*^^^**^ oder ^^ücakfil- 
sßigle, ist unzweifelhaft aus dem katholischen Kultus her- 
vorgegangen, gleichviel ob die ersten Anfange einen regel- 
mässigen Bestandtheil des Gottesdienstes gebildet oder nur 
zur Verherrlichimg besonderer Kirchenfeste gedient haben 
mögen. Die Laienwelt konnte und sollte die Bibel nicht 
lesen, daher empfahlen sich derartige dialogisch -mimische 
Darstellungen als das kürzeste, lebendigste und zugleich 
anziehendste Mittel, um sie mit der biblischen Geschichte 
und den Legenden der Heiligen bekannt zu machen; die 
Mysterien hatten dem entsprechend in ihrer Kindheit einen 
mehr epischen als dramatischen Charakter. Da sich eine 
solche Vermittelung des geschichtlicheo Bestandtheiles der 
Religion bewährte, so ging man folgerichtig weiter und zog 
auch das Dogmatische in den Bereich dieser Auffuhrungen. 
Konnte man doch dem Volke die Dogmen nicht handgreif- 
licher beibringen als durch die Darstellung eines Wunders 
oder sonstigen übernatürlichen Vorganges — *das Wunder 
ist des Glaubens liebstes Kind* — und der frühzeitig auf- 
kommende Name Mirakelspiele, der in England den Namen 
Mysterien verdrängt zu haben scheint, beweist, einen wie 
breiten Raum die Wunder in dem Inhalte der Mysterien 
einnahmen. Rein dogmatischen Characters war wol das 
'Play of the Blessed Sacrament', in welchem die Transsub- 
stantiation gelehrt wurde. 

Die ältesten Mysterien und Mirakelspiele wurden ohne 
Frage in der Kirche aufgeführt, und die Darsteller waren 
, Geistliche. Dabei mögen sich allmählich Unzuträglichkeiten 
verschiedener Art eingeschlichen haben, und vom Stand- 
pimkte der Kirche betrachtet war es wohl nur zweckmässig, 
wenn, wie es den Anschein hat, von Päpsten und Concilien 
den Geistlichen die Mitwirkung bei der Auffuhrung der 



Boswell m); R. Gr. White, Rise and Progress of the English Drama in 
seiner Shakespeare - Ausgabe I, CXXXI — CLXXX VIU ; und Ulrici, Shake- 
speare's Dramatische Kunst (3. Aufl.) I, i fgg. — Collier, History of English 
Dramatic Poetry. London, 1831, 3 vols. 



234 

Mysterien untersagt wurde, und wenn daher Küster, Mini- 
stranten und Laienbrüder an ihre Stelle traten; möglich 
auch, dass die Geistlichen für die wachsende Personenzahl 
der Stücke nicht mehr ausreichten und sie aus diesem 
Grunde auch Nicht -Geistliche zur Aufführung zuzogen. Je 
unaufhaltsamer sich der Natur der Sache nach die Myste- 
rien zu wahrhaft dramatischer Entfaltung drängten, desto 
mehr mussten sie weltliche Elemente in sich aufnehmen und 
sich innerlich und äusserlich von der Statte ihrer Geburt 
entfernen. Der nächste Schritt war, dass das Schauspiel 
nicht mehr im Innern der Kirche geduldet , sondern auf 
den Vorplatz verwiesen wurde. Aber auch hier war seines 
Bleibens nicht allzulange, denn auch der geweihte Boden 
wurde ihm untersagt, angeblich weil bei dem Gedränge der 
Zuschauer die um die Kirche liegenden Gräber betreten und 
beschädigt wurden. So wurden die dramatischen Dar- 
stellungen in demselben Masse Schritt für Schritt auf Strasse 
und Markt hinausgedrängt, in welchem sie sich hinsichtlich 
ihrer Darsteller und ihres Inhaltes verweltlichten. In Eng- 
land scheinen die, bald nach der Eroberung aus Frankreich 
herübergekommenen Mysterien frühzeitiger in die Hände 
der Laien übergegangen zu sein als anderswo, wenigstens 
lassen selbst die ältesten uns erhaltenen Mysterien und 
Mirakelspiele schwerlich den alten kirchlichen Styl, sondern 
'vielmehr die volksmässige Behandlungsweise erkennen. * 
Die Betheiligung der Laien erhielt den stärksten Antrieb 
durch die Einsetzung des Frohnleichnamsfestes (Corpus 
Christi) durch die Päpste Urban IV (1264) und Clemens V 
(1311),* denn da dasselbe in die günstigste Jahreszeit — 
auf den ersten Donnerstag nach Trinitatis, also zwölf 
Tage nach Pfingsten — verlegt wurde, so gestaltete es 
sich bald zu einem grossartigen , allbeliebten und alles 
belebenden Volksfeste, mit dem sich theilweise die alten 
Maispiele und Pfingstbelustigungen verschmelzen moch- 



1) Ulrici I, 16. 

2) Morley, A First Sketch of English Literature (2'« Ed.) lOI. 



--235 

ten ; * Geistlichkeit und Laienwelt gingen hier Hand in Hand 
und trugen wetteifernd zum Glänze des Festes bei, wie sie 
sich auch in die von demselben gebotenen Genüsse theilten. 
Noch zu Chaucer's Zeit wirkte die Geistlichkeit bei der Dar- 
stellung der Mirakelspiele am Frohnleichnamsfeste wie an 
anderen Festen mit; wie das nach den vorangegangenen 
Verboten zu erklären sein mag, bleibt zweifelhaft. Nach 
Dugdale (Warwickshire ii6) muss sogar eine solche Mit- 
wirkung noch unter Heinrich VII im J. 1492 zu Coventry 
Statt gefunden haben, wobei freilich ein Ausnahmefall ein- 
getreten sein kann, insofern der König zu Coventry an- 
wesend war, imd ihm zu Ehren eine aussergewohnliche 
Pracht entfaltet wurde. 

Vornämlich waren es die Zünfte , welche sich nxm der 
Mirakelspiele bemächtigten, und da wo das Zunftwesen in 
besonderer Blüte stand, gelangten auch die Mirakelspiele zu 
vorzugsweiser Entfaltimg. Jede Zunft besass ihr eigenes 
Mirakelspiel oder vielmehr ihre Reihe oder Folge von 
Mirakelspielen, für deren angemessene Ausstattung und 
Aufführung sie zu sorgen hatte. So spielten in Chester die 
Gerber ' Tke Fall 0/ Luct/er \ die Gewandschneider (dra- 
pers) * The Creation and Fall and the Death 0/ Abel\ die 
Wasserträger endlich sehr passend * The Story of Noah's 
Flood. ' Auf die Herstellung und Ausschmückung des Schau- 
gerüstes , auf Kostüme u. dergl. wurden beträchtliche Sum- 
men verwendet, imd die Darsteller wurden angemessen be- 
zahlt. Gott Vater bekam 2 Schillinge, der Teufel und 
Judas jeder 18 Pence, Herodes, eine sehr anstrengende 
Partie wegen des obligaten Wüthens, 3 Schillinge 4 Pence, 
u. s. w. • Bekanntlich sind uns drei Sammlungen von Mira- 



1) Vergl. The Two G«ntlemen of Verona IV, 4: 

At Pentecost, 
When tUl our pageants of delight were play*d, 
Our youth got me to play the womatCs Pif-rt &c. 
Die Chester -Plays fanden bekanntlich am Pfingstfeste Statt. 

2) Thomas Sharp, A Dissertation on the Pageants or Dramatic Mysteries 
anciently performed at Coventry &c. Coventry 1825. Wegen des Herodes 
vergl. Shakespeare's Hamlet herausgegeben von Elze 191 fg. 



— 236 — 

kelspielen erhalten: die Qieste.r.-, Wakefield - und Coventry « 
Plays. * Die Chester- Plays zählen 24 Stücke, die von einem 
Mönche des St. Werburgh- Klosters zu Chester, vermuth- 
lich Ralph Higden, geschrieben und 1327 oder 1328 zuerst 
aufgeführt wurden. Die zweite Sammlung, die zu Wake- 
field in Yorkshire aufgeführt wurde, ist besser bekannt unter 
dem Namen der Towneley-Mysteries; die einzige vorhan- 
dene Handschrift derselben befand sich nämlich längere 
Zeit im Besitze der Familie Towneley. Es sind ^2 Stücke, 
von denen die meisten wahrscheinlich von einem Mönch im 
Augustiner -Kloster zu Woodkirk, vier englische Meilen 
nördlich. von Wakefield, herrühren. Die dritte Sammlung 
endlich besteht aus 42 Stücken; sie ist die am wenigsten 
anziehende, und man darf zweifeln, ob es wirklich die zu 
Coventry aufgeführten Spiele sind, zumal da die einzige 
darauf bezügliche Angabe erst im 17. Jahrhundert von einem 
Bibliothekar auf der Handschrift gemacht ist. 

Es ist selbstverständlich, dass sich die Aufführung von 
Mirakelspielen keineswegs auf die genannten drei Orte be- 
schränkte; im Gegentheil besitzen wir Kunde von AuflRih- 
nmgen zu London, Dublin, York, Newcastle, Lancaster, 
Preston, Kendal, Leeds u. a. O. Es entspricht nur dem 
natürlichen Entwickelungsgange , wenn wir annehmen, dass 
auch die kleinem Städte des Landes rücksichtlich dieser 
Festlichkeiten nicht hinter den grossem zurückstehn moch- 
ten. Das bewegliche Schaugerüst, auf welchem gespielt 
wurde, konnte wie einst der griechische Thespis- Karren 
mit leichter Mühe nicht nur durch die Gassen der einzelnen 
Stadt, sondern auch von einer Stadt zur andern gefahren 
werden. Ohne Zweifel werden sich theils aus losen Anhäng- 
seln der Zunftgenossen, theils vielleicht aus den Ausläufern 
der Joculatoren und Minstrels allmählich herumziehende 



i) The Chester Whitsun- Plays: a Collection of Mysteries &c. Ed. by 
Th. Wright (published for thc Shakespeare -Society, 1843). — The Towneley 
Mysteries, or Miracle Plays. Ed. by Dr. Paine and J. Gordon (Lond. 1836 
and 1841, for the Surtees Society). — Ludus Coventriae : A Collection of 
Mysteries &c. Ed. by J. O. Halliwell (published for the Shakespeare - Society, 
1841). — lieber die Digby Miracles s. Collier, H. E. Dr. P. 11, 230. 



--- 237 - 

Truppen gebildet haben, welche ein lohnendes Geschäft 
darin fanden, dass sie die rege gemachte Schaulust des 
Volkes allenthalben und auch ausser den hohen Kirchen- 
festen zu befriedigen suchten. Warum sollten die Mirakel- 
spiele auf Jahrmärkten nicht eben so gut ihr Publikum ge- 
funden haben wie am Frohnleichnamsfeste ? Dass die 
Coventry- Spiele höchst wahrscheinlich von herumziehenden 
Truppen aufgeführt wurden, ist bereits erwähnt. Aus einer 
Aeusserung Heywood's (Apology for Actors ed. Collier 6i) 
scheint hervorzugehen, dass viele Städte sich Privilegien 
für theatralische Auffuhrungen an den Jahrmärkten ertheilen 
Hessen und dass mehrere derselben wie z. B. Manningtree 
(in Suffolk) und Kendal diese Privilegien bis in den Anfang 
des 17. Jahrhunderts aufrecht erhielten. Schon die auf 
S. 60 angeführte Stelle aus Piers Ploughman bringt Märkte 
und Mirakelspiele in immittelbare Verbindung, so dass 
sich nach allen Seiten hin der volksthümliche Character 
der Mirakelspiele imwiderleglich herausstellt. 

Dieser volksthümliche Character wurde nicht verwischt, 
als sich aus den Mirakelspielen die JMoralitätep herausbil- 
deten, obgleich der Schwerpunkt derselben in der an und 
für sich wenig volksthüntüichen Allegorie lag. Morley (A 
First Sketch of English Literature 246) behauptet zwar, die 
Moralität sei keineswegs eine Uebergangstufe vom Mirakel- 
spiel zum wahren Drama und habe nichts mit dem Mirakel- 
spiel zu schaffen, allein er dürfte wol wenige Leser von der 
Richtigkeit dieser Behauptung überzeugen. Im Gegentheil 
bildete die Allegorie den naturgemässen, ja den einzig 
möglichen Uebergang von den Mirakelspielen zum regel- 
mässigen Drama; sie war so gut wie die Mysterien bibli- 
schen Ursprungs, wenngleich sie sich andererseits vielleicht 
an die französischen Entremets (englisch Interludes und 
Dumb Shows) anlehnen mochte. Es lässt sich nicht ver- 
kennen, dass bereits den Mirakelspielen ein lehrhafter und 
moralisirender Charakter innewohnte , der in den Moralitäten 
nur erhöht und fortgebildet wurde, so dass sie sich darin 
als die entschiedene Fortsetzung der Mirakelspiele kund 
geben. Schon in den Coventry -Spielen (nicht in den ver- 



- 238 

muthlich älteren Towneley- und Chester- Mysterien) traten 
einzelne allegorische Personen auf, so dass sich das Volk 
allmählich an sie gewöhnte, um so mehr als die Moralitäten 
anfanglich auf demselben Schaugerüst gespielt wurden wie 
die Mirakelspiele und erst später in Scheunen und Hallen 
und endlich in Wirthshaushöfen ein Unterkommen fanden. 
Personificationen der Tugenden und Sünden, besonders der 
sieben Kardinaltugenden und der sieben Todsünden, der 
Armuth, des Alters, der Welt, der Seele, des Todes u. s. w. 
wurden nun die Träger der Hauptrollen. Zu den ältesten 
bekannten Moralitäten gehören The Castle of Perseverance, * 
Every Man d. h. die Personification des menschlichen Ge- 
schlechts, die auch im Castle of Perseverance die Hauptrolle 
spielt imd Lusty Juventus. Als die beiden Meister- und 
Musterstücke der Gattung analysirt Morley Skelton's Magni- 
ficence (1529) und Sir David Lindsay's Satire of the Three 
Estates (First Sketch 246 fg. und 271 fgg.). Die allegorische 
Auffassungsweise war damals dem Volke ungleich geläufiger 
als heutzutage; zudem wurde es durch die beiden Rollen 
des Teufels und des Lasters, die als komische Personen 
für die Belustigung der Zuschauer zu sorgen hatten, für 
eine etwaige Langweiligkeit der Allegorie entschädigt. Der 
Teufel, der mit Pferdefuss, Schwanz und Hörnern ausge- 
stattet war, wurde aus den Mirakelspielen herübergenom- 
men, das Laster (Vice oder Iniquity) hingegen war ein. neuer 
Character, der natürlich unentbehrlich war, wenn die Tugend 
eindringlich gepredigt werden sollte — es wurde nach dem 
Verse verfahren: 

Wenn sich das Laster erbricht, setzt sich die Tugend zu Tisch. 

Das Laster trug das Kostüm des Hausnarren und war 
mit einer langen hölzernen Pritsche (oder einem Schwert) 
versehen,* womit es den Teufel unaufhörlich bearbeitete. 



1) Collier, H. E. Dr. P. II, 278. 

2) Vergl. 2 Henry IV, HI, 2 : * And now is this Vic^s dagger become 
a Squire. — Henry V, IV, 4: ' Bardolph and Nytn had ten times more 
valour than this roaring devil V the old play , that extery one may pare his 
nails with a wooden dagger.* 



239 - 

der es dafür am Schlüsse des Stückes in den Höllenschlund 
hinabzog. Auch gab das Laster dann und wann Sentenzen 
und Liederbrocken von sich, von denen später Shake- 
speare's Narren einen so reichen Vorrath besitzen. So wird 
in dem Stücke : * The long er thou livest, the more Foole 
thou art^ für das Auftreten des Hauptcharacters Moros fol- 
gende Bühnenweisung gegeben: 'Here entreth MoroSy coun- 
terfaiting a vaine gesture and a foolish countenaunce^ syn- 
ging tke fqote of niany songes as fools were want,' ^ Auf 
die Sentenzen deutet Shakespeare in Richard III, III, i hin: 

Thus like the formal vice Iniquity 
I fnoraiite two meanings in one ward. 

Mit Einem Worte, wie das Mirakelspiel ein Dogma, so 
brachte die Moralität dem Volke eine sittliche Lehre bei. 
Offenbar g;ewannen diese Spiele durch das Aufgeben des 
dogmatischen Inhalts, der sie ursprünglich an bestimmte 
Kirchenfeste gebunden hatte , eine grossere Unabhängfigkeit 
und Verbreitungsfahigkeit und waren mithin sowohl bezüg- 
lich ihrer innem Entwickelimg , als auch in ihrem äussern 
Verhältniss zum Volke ein entschiedener Fortschritt. 

Der nächste Schritt in der Entwickelung des Drama's 
war der, dass ijian anfing unter die allegorischen Figuren 
Gestalten aus dem wirklichen bürgerlichen Leben einzu- 
mischen, die zunächst wol als Satire auf einzelne Stände 
oder auf die Sitten und Modethorheiten der Zeit beabsichtigt 
waren. Aber auch Persönlichkeiten aus der geschichtlichen 
Vergangenheit wurden herbeigezogen, wobei naturgemäss 
die Allegorie schrittweise in den Hintergrund gedrängt und 
der Uebergang einerseits zum Lustspiel, andererseits zur 
Historie angebahnt wurde. So finden wir in 'Tom Tylor 
and hisWife' (erschienen 1578) ausser den Personificationen 
Desire, Strife, Patience, the Vice &c. die wirklichen Per- 
sonen Tom Tyler, seine Frau und seinen Freund Tom Tai- 
lor. In der Moralität *The Conflict of Conscience' (gleich- 
falls um 1570 geschrieben und 1581 erschienen) traten n^ben 
den Personificationen Conscience, H3rpocrisy, Tyranny, Ava- 



I) Shakespeare's Works ed. by R. Gr. White I, CLX. 



240 - 

rice u. s- w. vier geschichtliche Personen auf, nämlich der 
italienische Advokat Francis Spiera, seine zwei Sohne und 
der Kardinal Eusebius. ' Ein anderes Stück dieser Zwischen- 
gattung ist The Tragical Comedy of Appius and Virginia 
(1576, abgedruckt in Dodsley's Old Plays, 1825 — 27, Vol. 
VH). Noch Ausgangs der achtziger Jahre sehen wir in 
Tarleton's Platt of the Seven Deadlie Sinns unmittelbar 
neben den historischen Personen Heinrich VI, Sardanapal 
u. a. die fingirten Personen Gorboduc, Ferrex, Porrex &c. 
und die allegorischen Personen Pride, Gluttony, Wrath, 
Covetousness, Envy u. a. auftreten. * Schon vorher hatte 
sich Bischof Bale in seinem Kynge Johan dieselbe Mischung 
historischer und allegorischer Personen erlaubt. Die letzten 
Spuren der Allegorie erstrecken sich bis in Kyd's Jeronimo, 
wo die Rache auftritt, ja sogar bis in den Titus Androni- 
cus hinein, in welchem Tamora gleichfalls als Rache mit 
Raub und Mord zur Seite erscheint. Auch der zweite Theil 
Heinrich's IV wird von einer allegorischen Person, der mit 
Zungen bemalten Fama (Runwur) eingeleitet.* Einer der 
letzten Auslaufer der Moralitäten ist The Three Lords and 
Three Ladies of London (1590 erschienen und kurz vorher 
geschrieben), das theilweise in Blankversen abgefasst und 
schon fast ganz Lustspiel ist.* 

Neben den Moralitäten geht eine andere Gattung der 
dramatischen Poesie einher, die, einer selbständigen Quelle 
entsprungen, sich nicht in den vorstehend skizzirten Ent- 
wickelungsgang einfugt. Das sind die Zwischenspiele, Inter - 
Indes, welche ursprünglich zur erheiternden Ausfüllung der 



i) Der vollständige Titel lautet:, The Conflict of Conscience contayninge 
the most lamentable Hystorye of the desperation of Frauncis Spera, who 
forsooke the trueth of Gods Gospell for feare of the losse of life and worldly 
goodes. Spiera wurde nämlich katholisch. Abgedruckt ist das Stack in: 
Five Old Plays, Ulustrating the Early Progrcss of the English Drama edited 
from Copies, either unique, or of great Rarity, by J. Payne Collier, Esq. 
Printed for the Roxburghe Club. London 1851. 

2) Malone's Shakespeare by Boswell (1821) m, 348 fg. 

3) Vergl. Shakespeare - Jahrbuch Vn, 273 und 277. 

4) Gleichfalls abgedruckt in Five Old Plays &c. Ed. J. Payne Collier. 



241 

Pausen bei den Gelagen und Festlichkeiten des Hofes und 
der Vornehmen dienten und diesem Zwecke entsprechend 
einen mehr oder weniger satyrischen Character hatten. Zu- 
gleich standen sie wol in engem Zusammenhange mit Ver- 
kleidungsscherzen , Mummenschanz und Pantomimen (dumh 
shaws). Ihre Blüte und eine selbständige literarische Exi- 
stenz erhielten sie durch John Hejnvood, Jester und Lauten- 
spieler am Hofe Heinrich's VJLLL, der sie zu einaktigen Bur- 
lesken oder Possen gestaltete. * Obwohl Heywood ein 
anerkannt eifriges Mitglied der katholischen Kirche war, so 
sind seine Zwischenspiele, von denen *The Four P's' und 
'The Pardoner and the Friar' als die bekanntesten Beispiele 
gelten können, dennoch voll der derbsten Spässe und An- 
züglichkeiten gegen die Geistlichkeit, die Reliquien -Ver- 
ehrung u. s. w. In *The Pardoner and the Friar' zeigt z. B. 
der erstere den grossen Zeh der h. Dreieinigkeit, und in 
den Four P's kommt *a buttock-bone of Pentecoste* vor. 
In dieser Hinsicht trugen die Zwischenspiele ihr redliches 
Theil zur Verweltlichimg und dadurch zur Ausbildung des 
Dramas bei und halfen namentlich den Weg für das Lust- 
spiel bahnen, das in der That früher zur vollständigen 
Durchbildung gelangte als das Trauerspiel. In ihrer eigenen 
Gattung fanden sie freilich so gut wie keine Nachfolge. 

Das letzte Stadium seiner Entwickelung legte das eng- 
lische Drama mit erstaunlicher, ja man kann sagen bei- 
spielloser Schnelligkeit zurück — es glich einem ins Rollen 
gekommenen Steine. Dieser Riesenfortschritt hängt aufs 
engste zusammen mit dem mächtigen Anstoss, welcher 
durch die Reformation und den Humanismus gegeben wiu-de 
und das gesammte geistige Leben der Nation durchdrang. 
Mirakelspiele imd Moralitäten hatten nur auf dem Boden 
des Katholicismus entstehen und gedeihen können; sie 
mussten nothwendiger Weise mit diesem zugleich absterben. 
Aber damit nicht genug, die dramatische Poesie trat in 



i) John Heywood starb 1565 zu Mecheln, wohin er sich bei der Thron- 
besteigung Elisabeth's aus Furcht vor dem Protestantismus zunickgezogen 
hatte. 

Else, Shakespeare. 16 



2:^2 

den Dienst der Reformation, und die Bühne wurde eine Zeit 
lang fast zu einer zweiten Kanzel. Zum Beweise mag es 
genügen auf die Stücke des Bischofs Bale imd auf die spä- 
tere sogenannte 'Martin Marprelate Controversy' zu ver- 
weisen. Es ist klar, dass sich dramatische Poesie xmd Kunst 
trotzdem immer selbständiger und lebensvoller ausbilden 
mussten. Was ursprünglich eine Funktion der Geistlichkeit, 
dann Liebhaberei xmd Schmuck des Zimftwesens* gewesen 
war, das bildete sich jetzt zu einer eigenen Berufsthätigkeit 
und einem geschlossenen Stande aus; es drängte sich als 
ein selbständiger Factor des gesellschaftlichen und öffent- 
lichen Lebens in den Vordergrund und strömte aus den 
Provinzen, in denen Mysterien und Moralitäten ihre vorzüg- 
lichste Pflege gefunden zu haben scheinen, nach der Reichs- 
hauptstadt zusammen, wo das in der Bildimg begriffene 
berufsmässige Theater naturgemäss seinen Hauptsitz auf- 
schlug. Hier wurden die ersten wirklichen Theater erbaut, 
und die beträchtliche Anzahl derselben, welche in über- 
raschend kurzer Zeit gleichsam aus der Erde emporschoss, 
liefert wiederum einen unzweideutigen Beleg für die allge- 
meine Volksbeliebtheit des Schauspiels. Die dramatische 
Poesie hätte unmöglich so schnell ihrem Gipfel zugeführt 
werden können, wenn nicht das, was ihrer Pflege an Zeit- 
dauer abging, durch ihre Verbreitung über alle Gesellschafts- 
kreise und das allgemeine Interesse derselben ersetzt wor- 
den wäre. 

Einen nicht minder ausserordentlichen Einfluss als die 
Reformation äusserte der mit ihr Hand in Hand gehende 
Humanismus auf die dramatische Poesie. Die Wieder- 
belebung der klassischen Studien lenkte die Aufmerksamkeit 
nicht nur in den Kreisen der Universitäten, der Rechts- 
schulen und anderer gelehrten Anstalten, sondern auch in 
denen des Hofes und der eleganten Aristokratie auf das 
antike, insbesondere das römische Drama; Seneca erfreute 
sich überall ungetheilten Ansehens und ungetheilter Beliebt- 
heit. Zahlreiche lateinische Dramen, welche namentlich auf 
den Universitäten verfasst und aufgeführt wurden, legen 
davon Zeugniss ab, und bei vielen derselben (z. B. bei Bischof 



— Hi — 

Bale's Dichtungen) ist die doppelte Tendenz unverkennbar, 
zu gleicher Zeit sowohl auf das Studium des klassischen ' 
Alterthums wie auf die Verbreitung der Reformation for- 
dernd einzuwirken. Man beschr,änkte sich jedoch nicht auf 
das Studium und die Nachbildimg des antiken Drama's, son- 
dern wandte sich mit kaum geringerm Eifer dem Renais- 
sance-Drama der Italiener zu; beispielsweise wurden die 
von Gascoigne übersetzten Suppositi des Ariost, deren 
Einwirkung sich bekanntlich in Shakespeare's Was Ihr Wollt 
zu erkennen giebt, im Jahre 1566 aufgeführt. Das Studium 
der Antike zeigt sich bereits in der ältesten regelmässigen 
Komödie Ralph Roister Doister (1551) von Nicholas Udall, 
der als Lehrer zu Eton und Westminster wirkte, und noch 
weit deutlicher, imvermittelter imd weniger von nationalen 
Elementen durchdrungen in der ältesten regelmässigen. Tra- 
gödie Gorboduc oder Ferrex ,andJ?orrfiX-(J56i), deren Ver- 
fasser (Thomas Norton imd Thomas Sackville) sich offenbar 
möglichste Eleganz und Klassizität zum Ziele steckten; ist 
doch Gorboduc das erste in Blankversen geschriebene 
Drama. * Alle dramatischen Vorgänge geschehen nicht auf 
der Bühne, sondern werden nur berichtet, und jeder Act 
wird durch eine *Dumi SAow* begonnen und durch einen 
moralisirenden Chor geschlossen. Freilich ist das Stück 
durch und durch didactisch und ohne dramatisches Leben; 
't'f is füll 0/ stately speeches\ sagt Sir Philip Sidney, ^ and 
well sounding Phrases, clyming to the height 0/ Seneca 
his Stile y, and as füll of notable moralitiey which it doth 
most delightfully teach; and so obtayne the very end of 
Poesie: yet in troth it is very defectious in the circum- 
stances — for it is faulty both in place and time\ d. h. es 
beobachtet die Einheiten nicht.* Dass übrigens diese An- 
fange des regelmässigen Drama's um ungefähr 20 Jahre 
hinter dem völligen Ausgange der Moralitäten zurückliegen. 



i) Ralph Roister Doyster, a Comedy, by Nicholas Udall, and the Tra- 
gedie of Gorboduc, by Thomas Norton and Thomas Sackville, ed. by Wil- 
liam Durrant Cooper (publ. for the Shakespeare - Society , 1847). 

2) An Apologie for Poetrie ed. by £dw. Arber (1868) 63. 

16* 



244 -- 

kann nicht auffallen — das ist der natürliche Verlauf der 
Dinge. Auch zeigt sich wenigstens in Ralph Roister Doi- 
ster das allegorische Element der Moralitäten noch in der 
symbolischen Namengebung: Dame Custance, ihr Diener 
Truepenny, Goodluck, Tristram Trusty, Doughty — die 
Namen sind die Schlüssel fiir die Charactere ; nach der Lehre, 
die das Stück einprägen soll, braucht man nicht weit zu 
suchen, und der allegorische Beigeschmack des Ganzen ist 
nicht zu verkennen. Wie sich die nationalen und die klassi- 
schen Elemente zu durchdringen versuchten, freiHch ohne 
sich noch zu einem harmonischen, lebensfähigen Ganzen zu 
verschmelzen, sehen wir an John Lilly, der die Allegorie auf 
das klassische Gebiet übertrug, wobei allerdings zweifelhaft 
erscheinen mag, in wie weit er dieselbe aus der heimischen 
Dichtung der Moralitäten oder aus der antiken Poesie ent- 
lehnt hat. Die humanistischen und gelehrten Einflüsse 
mussten sich naturgemäss der eigenartigen nationalen Ent- 
wickelung der dramatischen Poesie anpassen imd unter- 
ordnen; sie konnten nicht auf die Dauer die Oberhand ge- 
winnen oder gar zu einer selbständigen Existenz in der Lite- 
ratur gelangen bei einem Volke, wo die eigenthümliche 
Entwickelung auf allen Gebieten des praktischen wie des 
geistigen Lebens von jeher so lebenskräftig und ausgeprägt 
war, wie bei den in dieser Hinsicht durch ihre insulare 
Abgeschlossenheit begünstigten Engländern; sie konnten 
eine bleibende Wirksamkeit nur in der Abklärung, Läute- 
rung und Formgebung für die nationalen Elemente äussern 
und daher nicht anders als wohlthätig wirken. Sehr richtig 
hebt R. Gr. White (Shakespeare's Works I, CLXXIV) die 
bedeutsame Thatsache hervor, dass keins von den zahl- 
reichen für den Hof, die vornehme Welt oder die gelehrten 
Körperschaften geschriebenen Stücke irgend welche Nach- 
wirkung auf die Bühne ausgeübt fiabe, und dass das eng- 
lische Drama, im Gegensatz zum französischen, in den 
Instinkten des englischen Volkes wurzele, und dass sein 
Wachsthum mit dem Wachsthum des Volkes in Eins zu- 
sammenfalle. Was hat es geholfen, dass George Whet- 
stone in der Dedication seines Promos and Cassandra (1578), 



245 

ja sogar Sidney in seiner Apologie of Poetrie, um von 
Andern zu schweigen, fiir das klassische Modell mit seinen 
drei Einheiten sammt was dem anhängt, in die Schranken 
getreten sind? Nichts; das englische Drama ist mit Einem 
Worte von Anfang an bis jetzt seiner nationalen Entwicke- 
lung in allem Wesentlichen treu geblieben. 

Zwischen den eben genannten Erstlingen des regel- 
mässigen Drama's und Shakespeare's unmittelbaren Vor- 
gangem gewahren wir allerdings einen grossen Abstand, 
der noch übertrofFen wird durch den Abstand zwischen die- 
sen Vorgängern und Shakespeare selbst. Und doch sind, 
wie schon als selbstverständlich vorausgesetzt werden kann, 
die verknüpfenden Fäden überall erkennbar. Diese Vor- 
gänger Shakespeare's in ihren theils durch Unglück, theils 
durch Schuld verkümmerten Existenzen, die Kyd, Lilly, 
Peele, Greene und Marlowe, sind passend mit den Vorgän- 
gern Goethe's in der Sturm- und Drangperiode verglichen 
worden. * Dir literarhistorisches Verhältniss zu Shakespeare 
wie unter sich selbst ist von englischen und deutschen 
Literarhistorikern wiederholt zur Genüge erörtert worden, 
während die Nachforschungen nach ihren Lebensimiständen 
durchschnittlich noch weniger von Erfolg gekrönt worden 
sind als bezüglich Shakespeare's. Von Kyd imd Marlowe 
wissen wir so gut wie nichts; der letztere war, wenn über- 
haupt, nur sehr wenig älter als Shakespeare und insofern 
mehr sein Zeitgenosse als sein Vorgänger; nichtsdesto- 
weniger hat er unleugbar einen sehr bedeutenden Einfluss 
auf Shakespeare ausgeübt. Von einer dramatischen Schule, 
als deren Gründer oder Haupt einer oder der andere der 
Genannten anzusehen wäre, kann eigentlich nicht die Rede 
sein; alle strebten und arbeiteten sie zusammen, und ihre 
Richtungen gingen im Ganzen genommen so wenig aus ein- 
ander, dass es bekanntlich zu ihren Gepflogenheiten gehörte, 
sich zu zweien oder dreien zur Abfassung eines Stückes 
zu verbinden, und auch Shakespeare hat sich von solcher 
Mitarbeiterschaft schwerlich ganz ausgeschlossen, wie oben 



I) Von Hense im Shakespeare -Jahrbuch Vn, 239. 



— 246 

bezüglich des Sejanus von Jonson bereits erörtert worden 
ist und in einem spätem Kapitel nochmals zur Sprache 
kommen wird. Der einzige, der in gewissem Sinne eine 
Sonderstellung einnimmt, ist Lilly, der aber dessenunge- 
achtet — um Platen's Wort auf ihn anzuwenden — auf die 
Sprache und den Zeitgeschmack sein Gepräge drückte. 

Ueber die Anfänge und Einrichtungen des Londoner 
Theaterwesens ist trotz aller Forschungen noch immer kein 
allseitiges Licht verbreitet worden. Die beiden ältesten 
Theater in London — und demgemäss in England über- 
haupt — waren das xar' i^oyjiv sogenannte Theatre und 
The Curtain, beide mitten inne zwischen Finsbury Fields und 
Shoreditch belegen, wo sich das Andenken an das letztere bis 
auf den heutigen Tag in dem Streissennamen Curtain Road 
erhalten hat. * Die älteste bekannte Erwähnung des erstem 
fällt in das Jahr 1576, die des zweiten in das Jahr 1577. 
Der Grund und Boden, auf welchem das Theatre errichtet 
war, wurde am 13. April 1576 durch James Burbage, Richard's 
Vater, von einem gewissen Giles Allen (vermittelst eines 
lease auf 21 Jahre) für den jährlichen Miethszins von 14 Pfund 
erworben. Dieser erste englische Theatererbauer war ur- 
sprünglich Zimmerer oder Tischler (joiner) gewesen, war 
dann aber in Leicester's Schauspieler- Gesellschaft einge- 
treten, in welcher er sich bald zu einer angesehenen Stel- 
limg emporgearbeitet hatte. Sowohl rücksichtlich seines 
frühem wie seines spätem Berufes war er mithin eine 
besonders geeignete Persönlichkeit für das von ihm begon- 
nene Unternehmen, das, weil es dem Zeitgeiste entgegen 
kam, nicht nur an sich selbst von gutem Erfolge war, son- 
dern auch binnen kurzer Frist eine Reihe ähnlicher Unter- 
nehmungen hervorrief. Das einEige , woran es James Bur- 
l>age gebrach, war das Geld, imd er musste daher, wie 



i) Collier, Original History of 'The Theatre', in Shoreditch, and Con- 
nexion of the Burbadge Family with it. In : The Shakespeare-Society's Papers, 
IV, 63 — 70. — Collier, New Facts 7 fgg. — Halliwell, Illustrations 11 fgg. 
— Stow erwähnt in der ersten Ausgabe seines Survey (1598) Theatre und 
Curtain zwei Mal, hat aber in der zweiten Auflage (1603) beide Erwähnungen 
getilgt. Stow, A Survey of London ed. Thoms (1876) 36 und 158. 



\ 



247 

seine Söhne später geltend machten, ein Kapital von mehre- 
ren hundert Pftind zu hohen Zinsen aufnehmen; nach einer 
andern Angabe waren es 600 Pfund, die ihm sein Schwieger- 
vater Braynes zu diesem Zwecke lieh. Leider gerieth er 
mit Giles Allen in einen Rechtsstreit, in Folge dessen er 
Anfangs 1598 das Theater verliess, so dass es unbenutzt 
und wüst dastand. Wir wissen das aus einer Anspielung 
in Edward Guilpin's Skialetheia (1598), wo es heisst: 

— But see yonder 
One, like the unfrequented Theatre, 
Walks in daxk silence and vast solittide. 

Ja, im December 1598 oder Januar 1599 Hess Burbage so- 
gar das Gebäude abtragen (es war ein Holzbau) und ver- 
wandte die Materialien beim Bau des Globus -Theaters. 
Bemerkt mag noch werden, dass sowohl The Theatre 
als auch The Curtain nicht bloss zu theatralischen Auf- 
fuhrungen, sondern häufig auch zu Vorstellungen in der 
edeln Fechtkunst und ähnlichen Belustigungen diente. Im 
Curtain war der berühmte Komiker Tarlton (gest. 1588) hei- 
misch, und B. Jonson soll hier als Anfanger gespielt haben. 
Reste dieses Theaters waren nach Maitland's History of 
London noch um 1772 vorhanden. 

Das dritte Theater nächst The Theatre und The Cur- 
tain war Blackfriars, das nach Collier (H. E. Dr. P. I, 227) 
im J. 1576, nach Knight (Wm Sh. ; a B. 296) sogar schon 
1575 erbauet worden sein soll, ^ imd zwar an der Stelle, wo 
das grosse Hg.us der Dominikaner oder Schwarzen Brüder 
gestanden hatte, zwischen dem heutigen Printing House 
Square und Apothecaries' Hall. Welch' ein Wandel der 
menschlichen Dinge auch an dieser Oertlichkeit! In der Halle 
der Dominikaner spielte, die Scheidungs-Scene zwischen 
Heinrich VIII imd Katharina von Arragonien, * durch welche 
gewissermassen die Reformation in England inaug^urirt 



i) Nach Halliwell, niustrations 43, wäre das Blackfriars -Theater erst 
1596 erbauet worden, doch führt er S. 42 selbst eine Erwähnung desselben 
aus Gossen um 1580 an. 

2) Henry VIII, II, 2; 11, 4. 



248 

wurde. Dann thronte hier Shakespeare's Muse, und heu- 
tigen Tags wird hier die Times, *das leitende Blatt der 
Welt', gedruckt. Das Andenken an Kloster und Theater 
hat sich in den Namen Blackfriars Bridge und Playhouse 
Yard erhalten. Wenig später — noch vor . 1 580 — soll das 
Whitefriars - Theater in Salisbury Court entstanden sein. * 
Darauf folgten — eine sichere chronologische Reihenfolge 
lässt sich nicht herstellen — das Globus -Theater in Bank- 
side; das Red -Bull -Theater am obem Ende von St. John's 
Street, Clerkenwell; das Fortuna -Theater in Golden (Gold- 
ing) Lane, Cripplegate ; * das Newington- Butts -Theater; 
endlich das Cockpit oder Phoenix- Theater , das wol erst in 
die Zeit fallt, wo sich Shakespeare bereits nach Stratford 
zurückgezogen hatte. Als kleinere Theater treten später 
The Swan, The Rose und The Hope, sämmtlich in Bankside, 
auf. Alle diese Theater lagen so zu sagen vor den Thüren 
der City, wodurch sie einerseits der Gerichtsbarkeit des 
gestrengen Lordmayors entrückt waren, ohne andererseits 
das ihnen vorzugsweise aus der City zuströmende Publikimi 
zu entbehren. Wie schon früher bemerkt, ist auf den Stadt- 
plänen von Agas und Braim kein einziges derselben ange- 
geben — nur der Bären- und Bullen -Zwinger finden sich 
vor. Damit stimmt eine Bemerkung, welche Howes in 
seiner Fortsetzung von Stow's Chronik (1631) macht, Mass 
er vor jener Zeit (1570) nichts von irgend welchen Theatern, 
Bühnen oder Schauspielhäusern in Erfahrung habe bringen 
können, wie sie seit Menschengedenken erbaut worden 



i) P. Cunningham, The Whitefriars Theatre, the Salisbury Court Thea- 
tre f and the Duke's Theatre in Dorset Garden. In : The Shakespeare • Society 
Papers IV, 89 — 109. — Vergl. Nares s. Aisatia. 

2) Das Fortuna -Theater wurde 1599 von ^ Edward Alleyn und Philip 
Henslowe errichtet; der darauf bezügliche, zwischen ihnen und dem Zimmer- 
meister Peter Streut abgeschlossene Kontrakt (in Malone's Shakespeare by 
BosweU (1821) III, 338 fgg., Skottowe I, 115 fg., Halliwell's Illustrations 
81 fg.) ist anziehend und wichtig, weil die genauen Masse des Gebäudes mit 
Beziehung auf das Globus -Theater darin angegeben werden. In diesem 
Theater, das in der Nacht vom 14. zum 15. December 1621 abbrannte, spielte 
bekanntlich die Truppe des Lord Admirals mit Alleyn an der Spitze. 



249 

seien.' Von einigen Gelehrten wird auch für das Globus - 
Theater ein hohes Alter in Anspruch genommen , • indem es 
unmittelbar nach 1570 entstanden sein soll. Das wird aus 
einem Eintrag im Taufregister von St. Saviour's gefolgert, 
wonach im Jahre 1573 dem Schauspieler John Taylor daselbst 
ein Sohn getauft wurde. Da nun das Globus -Theater in die- 
sem Kirchspiel belegen war, und die Schauspieler in unmit- 
telbarer Nähe ihres Theaters zu wohnen pflegten, so könnte 
daraus hervorgehen, dass das Globus - Theater zu dieser 
Zeit bereits existirte, eine Folgerung, die jedoch nichts 
weniger als zwingend ist ; ^ möglich wäre es insofern , als 
durch die Nachricht, dass die Materialien des 1598 — 99 ab- 
getragenen Theatre zum Bau des Globe verwandt wurden, 
die Frage, ob dies der tfrsprüngliche Bau war, nicht entschie- 
den wird. Soviel steht jedoch inmitten aller dieser Zweifel- 
haftigkeiten fest, dass sich die Theater an Zahl wie an 
Bedeutung einer schnellen imd «tetigen Zunahme erfreuten, * 
so dass Prynne in seinem Histrio -Mastix (im J. 1633, also 
etwa 60 Jahre nach Erbauung des ersten Theaters) nicht 
weniger als 19 Schauspielhäuser in London zählen konnte, 
eine so beträchtliche Anzahl, wie sie sich schwerlich im 
ganzen Verlaufe der Geschichte in einer Stadt von London's 
damaliger Grösse wiederfinden dürfte. Dass seine Angabe 
nicht übertrieben ist, bestätigt Strype, nach welchem in dem 
genannten Zeiträume 17 Schauspielhäuser entstanden, und 
fünf Wirthshäuser in Theater umgewandelt wurden. 

Diese Thatsache ist an und für sich schon ausreichend, 
um inhaltschwere Folgenmgen über den Theaterbesuch, über 
die Stellung und Volksthümlichkeit der Bühne und der dra- 
matischen Poesie daraus zu ziehen. Die modernsten Gegfner 
Shakespeare's , Rümelin j.n der Spitze, stellen das Axiom 
auf, dass das Shakespeare'sche Theaterpublikum, abgesehn 



i) Femiell, Shakespeare •Repository 4 fg. 

2) Fürst Ludwig von Anhalt giel^t in seiner poetischen Reisebeschrei- 
bnng vom J. 1 596 die Zahl der Londoner Schauspielhäuser auf vier an ; Rye, 
England as seen by Foreigners 216, vermuthet jedoch, dass das nur die Thea- 
ter in Bankside waren, da die Anzahl sonst entschieden als zu niedrig er- 
scheine. 



250 

von den auf Freibillets zugelassenen Literaten, nur aus der 
sogenannten Jeunesse dor^e einerseits und aus dem süssen 
Pöbel andererseits bestanden habe, mit andern Worten, dass 
der ehrenhafte und wohlgesittete Bürgerstand wie die an- 
ständigen Frauen sich vom Theater fem gehalten hätten; 
mindestens hätten die letzteren, wenn sie sich ja ausnahms- 
weise hineinwagfteh, dies wegen der unanständigen Gesell- 
schaft wie wegen des unanständigen Charakters der darge- 
stellten Stücke nur maskirt thun können. Nichts kann 
falscher sein. In dem Aufsatze 'Der Shakespeare -Dilettan- 
tismus ' ist der Gegenbeweis angetreten, der ohne Schwierig- 
keit noch durch einige Citate vervollständigt werden kann. * 
Konnten die Frauen das Theater nicht besuchen, so hätte 
doch ebensowohl auch der Jugend der Einlass verwehrt 
werden müssen; davon ist aber nirgends die Rede, im 
Gegentheil haben wir im ersten Kapitel ein ausdrückliches 
Zeugniss kennen gelernt, wonach ein Vater seinen- Sohn 
mit ins Theater nahm. Das war allerdings in der Provinz, 
wo vielleicht das Publikum ein anständigeres war als in 
London; die Unanständigkeit der aufgeführten Stücke aber 
blieb sich gleich. Es ist ja keine Frage, dass die adlige 
Jugend eine Leidenschaft für das Theater besass — gerade 
wie heutzutage — und sich die Beftiedigung derselben viel 
Geld kosten liess; Hhe favouring of this licentious qualüy\ 



i) Shakespeare - Jahrbuch IX, 247 — 254. Vergl. H. Kurz im Shake- 
speare-Jahrbuch VT, 340 fgg. und das Kapitel ' On Audiences* in CoUier's 
H. £. Dr. P. in, 406 fgg. — Namentlich darf man sich auch auf die bekannte 
Stelle in Nash's Pierce Pennilesse berufen, in welcher von den sittlichen 
Einflüssen des Theaters die Rede ist; desgleichen auf die von R. Brathwait 
(The English Gentleman, 1630) erzählte Geschichte von der jungen Dame 
(a young Gentlewoman), welche auf ihre*m Sterbelager sich nicht um den 
Zuspruch des Geistlichen kümmerte , sondern nur immer an das Theater 
dachte und mit dem Ausruf: Oh Hieronimo, Hieronvmo , metkinke I see thee, 
brave Hieronimo! den Odem aushauchte. Sie war, wie Brathwait ausdrück- 
lich voranschickt, in ihren gesunden Tagen eine tägliche Theaterbesucherin 
gewesen. — Aus einer Stelle in Gosson's School of Abuse ed. Arber 37 
{^hey have purged their Comedyes of wanton speaches &c.) könnte allerdings 
der Schluss gezogen werden, dass die ärgsten Unanständigkeiten bei der 
Aufführung weggelassen wurden. 



251 

heisst es in Bartholomew Fair V, 3, * is the consumption of 
many a young gentleman; a pernictous enormiiy.^ Eben so 
wenig wird geleugnet , ^ dass sich allerhand nichtsnutziges 
Volk, Taschendiebe* und Dirnen nicht ausgeschlossen, an 
und in den Theatern herumtrieb — gerade wie heutzutage. 
Allein eben so wenig wie heutzutage bestand das Theater- 
publikum damals ausschliesslich aus diesen Gesellschafts- 
Iklassen. Hätten nicht alle Stande das Theater besucht, so 
wäre auch die Abstufung der verschiedenen Plätze und ihrer 
Preise unnothig gewesen, die nach der Einleitung zu Bar- 
tholomew Fair bei der ^Aufführung dieses Stückes in dem 
kleinen und untergeordneten Hope- Theater von 6 Pence 
bis zu 2 Schilling 6 Pence stieg, welcher letzere Eintritts- 
preis heutigen Tags mindestens einem halben Pfunde ent- 
sprechen würde. In anderen Theatern gab es aber auch 
Gallerien für 2 Pence, und ein Stehplatz im Parterre kostete 
gar nur i Penny. Die Preise schwankten offenbar und 
wurden bei besonderen Anlässen erhöhet — wiederum wie 
heutzutage. Beiläufig bemerkt wurde das Eintrittsgeld am 
Eingange in eine Büchse gesteckt, die der Kassirer den 
Eintretenden darreichte. * Ein weiteres Argument für die 
Anwesenheit der besseren Stände im Theater lässt sich auch 
aus der beliebten Verspottung der 'Gründlinge' oder *««- 
derstanding gentlemen o' the ground' entnehmen, die bei 
fast allen Dramatikern wiederkehrt, denn man darf billiger 
Weise die Frage aufwerfen, ob sie sich diese Neckereien 
gegen eine sicherlich zahlreiche Klasse ihrer Zuhörerschaft 
erlaubt haben würden, wenn sie nicht einer, wenn auch nur 
schweigenden Stütze in den Inhabern der Gallerien und 
Logen sicher gewesen wären. Möglicher Weise ist die 
Eintheilung der Theater in öffentliche und private auf das 
Bestreben zurückzuführen, die letzteren dem bessern Publi- 



• , 



i) Wenn Taschendiebe im Theater auf der That ertappt wurden, so 
wurden sie von den Schauspielern an einen auf der Bahne befindlichen Pfahl 
gebunden, wo sie während der ganzen Vorstellung ausgestellt blieben. So 
berichtet wenigstens Kempe in seinem Nine Days' Wonder (1600). CoUier 
H. £. Dr. P. m, 413. 

2) Collier, H. E. Dr. P. UI, 341— 3S3- 



252 

kum vorzubehalten und die niedrigeren und anstössigen Ele- 
mente von ihnen auszuschliessen. Ein rechtlicher oder be- 
grifflicher Unterschied zwischen öffentlichen und Privat - 
Theatern hat sich nämlich noch nicht ergründen lassen, nur 
das scheint festzustehen, dass die letztern kleiner, bequemer 
eingerichtet und dem entsprechend auch theurer waren. * 
'William Henry Smith will den einzigen Unterschied zwi- 
schen beiden darin finden, dass der Zutritt zu den Privat- 
Theatern nicht gegen Bezahlung, sondern nur auf Einladung 
gestattet war; er verwechselt dabei jedoch, wie es scheint, 
private theatres und private Performances. Vorstellungen auf 
Bestellung irgend eines Adligen, einer Gesellschaft u. s. w., 
zu denen nur eingeladene Gäste zugelassen wurden, konn- 
ten in jedem Theater Statt finden und fanden wirklich in 
jedem Statt. * Die Privattheater waren nicht wie die öffent- 
lichen nur theilweise, sondern vollständig bedeckt, und das 
Parterre, das nur hier ^pit^ hiess, während es in den öffent- 
lichen Theatern 'yard^ genannt wurde, scheint mit Sitz- 
plätzen versehen gewesen zu sein. Aus dem Umstände, 
dass die Privattheater bedeckt waren, ergab sich noch ein 
weiteres unterscheidendes Kennzeichen, insofern auch in den 
gewöhnlichen Nachmittagsstunden bei Beleuchtung (durch 
Kerzen oder Fackeln) gespielt werden musste. Zu den 
Privattheatem wird beispielsweise Blackfriars gerechnet, das, 
weil es eben ganz bedeckt war, von der Truppe des Lord 
Kammerherm als Wintertheater benutzt wurde, während in 
dem theilweise unbedeckten öffentlichen Globus - Theater 
nur im Sommer gespielt werden konnte. 

Wenn also die Errichtung der Privattheater aus dem 
Bestreben der bessern Gesellschaft sich abzusondern hervor- 
gegangen zu sein scheint, so tritt uns dieselbe Erscheinung 
in noch höherm Masse entgegen, wenn wir xmsere Blicke 



i) Collier H. £. Dr. P. III, 335 fgg. — Smith, Bacon and Shakespeare 
(London 1857) 65 fgg. 

2) So bestellte sich der Herzog von Buckingham 1628 eine Aufführung 
von König Heinrich VIII im Globus -Theater, wohnte derselben aber nur bis 
zur Enthauptung Buckingham's bei. Halliwell, Early Notice of Shakespeare's 
Play of Henry VIII. In: The Shakespeare- Society's Papers II, 151. 



253 

auf den Hof richten. Der Hof, die Konigin an der Spitze, 
sah sich zu seinem Bedauern nicht in der Lage seine Schau- 
lust eben so bequem zu befriedigen wie der junge Kauf- 
mann aus der City oder die Bürgerstochter von Whitefriars. 
Noch waren in den neu entstandenen Schauspielhausem 
keine Einrichtungen getroffen, die es der Inhaberin des 
Thrones ermöglicht hätten einer Theatervorstellung beizu- 
wohnen ohne ihrer Würde zu vergeben; auch war wol in 
der That das Publikimi zu bunt und ausgelassen und besass 
noch zu wenig von dem rücksichtsvollen Anstände unserer 
heutigen Hoftheater. Es blieb mithin kein anderes Aus- 
kunftsmittel übrig als dass das Theater zur Königin kam, 
da die Königin nicht ins Theater kommen konnte. Es ist 
bekannt, dass die Truppe des Lord Kammerherm, und 
Shakespeare mit ihr, häufig vor der Königin spielte, wofür 
sie in der Regel durch ein Honorar von 30 Nobel belohnt 
zu werden pflegte ; davon waren 20 Nobel ausbedungen und 
10 Nobel freiwilliges Gratial. * Gewöhnlich fanden derartige 
Vorstellungen bei Hofe an hohen Festtagen Statt, zu Weih- 
nachten, am Dreikönigs -Abend, Lichtmess, zu Fastnacht 
u. s. w. Diese Einrichtung trug jedoch den Charakter eines 
Nothbehelfs; sie war umständlich und kostspielig, und die 
Schauspieler fanden in den königlichen Schlössern nicht die 
für eine theatralische Aufiuhnmg erforderlichen Einrich- 
tungen vor, wie wenig verwöhnt sie auch in dieser Hinsicht 
sein mochten. Um also die Vorliebe der Königin für thea- 
tralische Vorstellungen zu befriedigen reichten diese Gast- 
spiele bei Hofe nicht aus, und es bedurfte eines andern, 
bequemem Auskunftsmittels. 

Dieses Auskunftsmittel fand sich in der Errichtung der 
Kindertheater. In den alten Stiftschulen war wie auf den 
Universitäten die Sitte dramatischer Aufführungen nie ganz 
ausgestorben — ja sie hat sich bis auf den heutigen Tag 
fortgepflanzt. Nicht minder boten sich die Singechöre zu 
diesem Zwecke dar. Es lag nahe, dass die königlichen 
Kapellknaben nicht allein zu kirchlichen, sondern eben- 



i) Drake 443. 




254 

sowohl auch zu weltlichen und zwar theatralischen Zwecken 
verwendbar waren, um so mehr als die Theater fortwährend 
junger Leute zur Darstellung der Frauenrollen bedurften. 
In dieser Hinsicht konnten also die Knabenchöre sehr leicht 
zu Vorschulen und Pflanzstätten der Bühne eingerichtet 
werden. Die ersten Anfange dieser Kindertheater verlieren 
sich wie gewöhnlich in Dunkel und knüpfen sich vermuth- 
lich an die Darstellimg der Moralitäten, die an der Pauls- 
kirche imd anderswo von den Singechören ohne Unterbre- 
chung fortgeführt worden zu sein scheint. In schneller Auf- 
einanderfolge wurden fünf Knabentruppen errichtet, deren 
chronologische Ordnujig jedoch nicht zu ermitteln ist: die 
Knaben von St. Paul, die von Westminster, die Kapell- 
knaben, die von Windsor und die sogenannten Children 
of the Revels. * Die Knaben von St. Paul benutzten ihre, 
in oder dicht an der Kirche gelegene Singeschule zu 
ihren dramatischen Aufführungen, was begreiflicher Weise 
ein Verbot zur Folge hatte (wahrscheinlich 1591), zumal 
da sie 1589 Martin Marprelate auf ihre Bühne brachten. 
Sie ergingen sich überhaupt in politischen , kirchlichen und 
literarischen Anspielimgen , die theils aus kindlichem Munde 
imverfangHcher und erheiternder klangen, als wenn sie von 
Erwachsenen gesprochen wurden, theils aber auch als Er- 
satz dienen mochten für die Zweideutigkeiten und unanstän- 
digen Scherze, die man doch den Kindern nicht in den 
Mund legen durfte. Das Verbot scheint jedoch entweder 
zurückgenommen worden zu sein, oder die Aufführungen 
wurden in einem andern, nicht -kirchlichen Lokal fortgesetzt, 
denn wir finden, dass im J. 1600 Lilly's Maid's Metamor- 
phosis von den Knaben von St. Paul aufgeführt wurde. Es 
kann unter diesen Umständen nicht auffallen, dass die 
Kindertheater sich bald grossen Beifalls und namentlich 
eines auserlesenen Publikimis erfreuten, denn einmal war 



I) Warton, H. E. P. 11, 529—536. — Collier, H. E. Dr. P. I, 281 fg. und 
352 fg. — Drake 443. — Vergl. The Old Cheque Book, or Book of Remem- 
brances of the Chapel Royal, from 1561 to 1744. Ed., from the Original 
MS preserved among {^e Muniments of the Chapel Royal, St. James's Palace, 
by Edward F. Rimbault. Lond. 1872 (for the Camden Society). 



255 - 

■ 

die Sache etwas Neues und Besonderes, und ausserdem 
wurden ßie vom Hofe begünstigt, was schwer in die Wag- 
schale fiel. ^ Schwerer begreiflich ist es, wie sie zu einer 
gewissen oppositionellen Stellung gegen die Theater kom- 
men und sich in Neckerei und Spott gegen dieselben er- 
gehen konnten. Ja, was das Unbegreiflichste ist, die Lieb- 
haberei und Mode gingen so weit, dass die Children of 
the Revels diese Verspottimg sogar auf dem wirklichen 
Theater imd zwar auf dem Blackftiars -Theater wagen durf- 
ten, wo sie mit ihren Vorstellimgen der Truppe des Lord 
Kammerherm Concurrenz machten. Die berühmte Zurecht- 
weisung, welche ihnen Shakespeare im Hamlet in* Folge 
dessen angedeihen Hess, war mithin vollständig gerecht- 
fertigt, ja sie erscheint fast im Lichte der Nothwehr. 
Nichtsdestoweniger erhielten sich die Children of the Revels 
in der Grünst des Hofes imd jedenfalls auch des Publikums, 
selbst noch unter Jakob, der das Institut namentlich zur 
Unterhaltung seiner Gemahlin fortbestehen liess, da auch 
diese so wenig als ihr Gemahl je einer öffentlichen Theater - 
Vorstellung beiwohnte. * Director dieses Kindertheaters 



i) Das gewählte Publikum wird besonders in Jack Drum's Entertain- 
ment hervorgehoben, welches i6oi von den Knaben von St Paul aufgeführt 
wurde. Es heisst da (Sig. H, 36) : 

Sir Edward. / sawe the Children of Pawles last night. 
And troth they pleas'd me prettie, prettie well. 
The Apes in time will do it handsomely. 

Planet. /* faith I like the Audience that frequenteth there, 
With much applause, A man shaU not be choakte 
With the stench of Garlicke, nor he pasted 
To the hartny Jackett of a Beer-brewer, 

Brabant, Ju. ' Tis a good gentle Audience, and I hope the Boyes 
Will come one day into the Courte of Requests, 

Brabant, Sig. Ay, and they had good playes, but they produce 
Such mustie fopperies of antiquitie 
As do not sute the humorous ages backs 
With cloathes in fcLshion. 

Vergl. R. Gr. White , Shakespeare's Works I, CLXXXI V. 

2) Erst von Henriette Maria, der Gemahlin Karl's I, wird berichtet, dass 
sie das Blackfriars- Theater besuchte, wo sie Massinger's Cleander aufführen 
sah (1634). Collier, H. E. Dr. P. U, 64. 



256 

war längere Zeit der Dichter Samuel Daniel in seiner Eigen- 
schaft als Master of the Revels. 

Es konnte natürlich nicht ausbleiben, dass dem Theater 
auch Gegner erwuchsen, die in demselben Masse an Eifer 
zunahmen, in welchem die Leidenschaft fiir dramatische 
Poesie und scenische Darstellungen im Volke um sich griff. 
Das kann uns um so weniger Wunder nehmen, als die 
Gegfnerschaft sich auf die fanatischen Puritaner einerseits 
und die philisterhaften City -Behörden andererseits be- 
schränkte, die von ihrem beiderseitigen Standpunkte aus 
dem Theater nicht anders als feindlich gegenüber treten 
konnten. Es waren dieselben Vorgänge, welche jedesmal 
eintreten und naturgemäss eintreten müssen, wenn sich em 
neues gesellschaftliches oder kulturhistorisches Element zur 
Geltung durchkämpft, Vorgänge, wie wir sie beispielsweise 
in unseren eigenen Tagen bezüglich der Zeitungspresse und 
ihrer Vertreter erlebt haben. Der Fanatismus der Puritaner 
musste sich gegen die Verweltlichung des Theaters wie 
gegen jede Säcularisation um so mehr sträuben, als die 
Reformation in England in der That der Innerlichkeit nur 
zu sehr entbehrte. Insoweit daher der Puritanismus dar- 
auf ausging den Schwerpunkt der Reformation in das gei- 
stige und sittliche Leben der Nation wie des Einzelnen zu 
verlegen und für den äusserlichen, weltlichen und politischen 
Charakter derselben ein Gegengewicht zu schaffen, war sein 
Streben an und für sich ein berechtigtes. Allein er über- 
schoss sein Ziel, er artete aus in Zelotismus und Fanatis- 
mus, und er war es, der das lustige Alt -England zu Grrabe 
trug. Wie die Maispiele, der Morristanz und alle übrigen 
Volksbelustigungen den Puritanern ein Greuel waren, so 
galt ihnen auch die Bühne als ein Baalstempel — eine An- 
schauung, die ja der zelotischen Geistlichkeit jederzeit und 
aller Orten eigen gewesen ist. Schrittweise gelangften sie 
dahin, Bühne und dramatische Dichtung als die breite 
Strasse des Verderbens, ja als den eigentlichen Sünden - 
und Höllen -Pfuhl anzusehen. Die Argumente, vermittelst 
deren sie zu diesem Schlüsse gelangten, waren freilich 
etwas wunderlicher Art; als das breitgetretenste stand die 



257 — 

Anklage an der Spitze, dass die Dichter Lügen auftischen; 
die Puritaner unterschieden nicht — oder wollten nicht 
unterscheiden — zwischen einer Fiction und einer Lüge, 
und so tief wurzelte sich diese Anschauung ein, dass noch 
Davenant bei der Wiedereröffnung der Theater sich mit 
ihrer Widerlegung befassen musste. * Ein anderer , nicht 
minder oft wiederholter Vorwurf war der, dass die Schau- 
spieler in Frauenkleidung und umgekehrt die Schauspiele- 
rinnen in männlicher Tracht erschienen — auf die englische 
Bühne litt die zweite Hälfte dieses Tadels freilich keine 
Anwendung. Die Puritaner beriefen sich hierbei auf das 
mosaische Gesetz, das sie ja überhaupt noch bis in seine 
äussersten Consequenzen fiir verbindlich erklärt wissen woll- 
ten, wo dem Mahne verboten wird, weibliche Kleidung zu 
tragen, da es ein Greuel vor dem Herrn sei. * Im Inhalts- 
verzeichniss zu Prynne's Histrio- Mastix (1633) wird dies 
sogar als ein Kennzeichen der Sodomie gebrandmarkt. 'So- 
domie* ^o heisst es, 'occasioned by acting in wotnefCs appa- 

rellj by wearing long compt haire and love-locks; Sodo- 

mites usually clad their Ganymedes in womens apparell, 
caused them to nourish , to frizle their haire , to wear Peri- 
wigs and Lovelocks &c.' Damit übereinstimmend wüthet 
der Puritaner Zeal-of-the-Land Busy in Bartholomew Fair 
V, 3 sogar gegen Leatherhead's Puppenspiel imd fährt die 
Puppen an: *Yes, and my main argumeni against you is, that 
you are an aiomination ; for the male^ among you^ putteth 
on the apparel 0/ the female, and the female of the male! 
Worauf die Puppe Dionysius antwortet: ' It is your stale 
argument against the players^ but it wiü not hold against 
the puppet s; for we have nett her male nor female among st 
us.'^ Auch die Anklage schleuderten die Puritaner den 
Schauspielern ins Gesicht, dass sie ausserhalb der Bühne 



i) Davenant, The First Day's Entertainment at Rutland House See, 
(1657). Vergl. Shakespeare -Jahrbuch IV, 139. — Knight, Wm Sh.; a B. 

135 fgß- 145- 

2) 5 Mos. 22, 5. — Malone's Shakespeare by BosweU (1821) m, 509. 

3) Gegen die Puritaner und für die Schauspieler spricht Nash, Pierce 
Pennilesse ed. by Collier 59 fgg. (The Defence of Plays). 

Eke, Shakespeare. I J 



258 -- 

dieselben ^roysters, brawlers^ ill-dealers^ boasters^ lavers y 
loüerers und ruffians^ wären, welche sie auf derselben dar- 
stellten. ^ Wie Shakespeare über die Puritaner gedacht 
haben mag und sich über sie äusserte, wird weiter unten 
erörtert werden. 

Was die City-Behorden — nicht die Bewohner der 
City — gegen die Theater einnahm, war, wie bemerkt, 
zunächst philisterhafte Engherzigkeit. Es ist nicht in Abrede 
zu stellen, deiss sich um die Theater ein unruhiges Treiben 
und eine lose Bevölkerung mit verschiedenen fragwürdigen 
Existenzen männlichen und weiblichen Geschlechts als An- 
hängsel ansammelte; denn nicht nur alles Talent und alle 
Thatkraft, sondern auch aller Leichtsinn und aller sociale 
Schaum strömte dem aufgehenden Gestirn der Theater zu. 
Das veranlasste die anwohnenden Hausbesitzer und Miether 
wiederholt zu Klagen, namentlich beschwerten sie sich 
später über das grosse Gedränge der zum Theater fahren- 
den Kutschen, das die engen Gassen sperrte, sie .am Aus- 
gehen hinderte, den Ladeninhabem dadurch Schaden that 
und etwaige Leichenzüge u. s. w. unmöglich machte. * Durch 
die Theater mochte wol dem Lord Mayor die Handhabimg 
der Polizei erschwert werden, oder die Altermänner moch- 
ten für die Herzensruhe ihrer Frauen, Töchter xmd Mägde 
besorgt sein, genug die City wollte kein Theater weder 
auf ihrem Grund und Boden, noch an ihren Gränzen dulden, 
wo, wie schon bemerkt, die Theater der Gerichtsbarkeit 
des Lord Mayors entrückt waren. * Vielleicht war auch das 
ein Gegenstand des Aergers für Se. Lordschaft, dass er 
nicht unmittelbar eingreifen und seine Amtsgewalt gegen 
die Schauspieler geltend machen konnte, sondern sich stets 
bitt- und beschwerdeweise an den Geheimen Rath wenden 
musste , wobei er oft genug die Erfahrung machte , dass 



i) Vergl. Knight, Wm Sh. ; a B. 320. Diese Anklage wurde nament- 
lich von Thomas Heywood in seiner Apology for Actors zurückgewiesen. 

2) Collier, H. E. Dr. P. 11, 27 fg. 50 fg. 

3) Innerhalb der City behalf man sich damit, dass man in den Wirths- 
haushöfen spielte , die vermöge ihrer Bauart sich ohne Schwierigkeit für 
theatralische Aufführungen herrichten Hessen. 



259 

bei Hofe eine den Schauspielern günstigere Luft wehte als 
in Guildhall. So erzeugte sich denn ein fortwährender 
Kampf, der sich ganz besonders um Blackfriars drehte. 
Seit der Zfeit nämlich, wo dieser Ort kirchlichen Zwecken 
gedient hatte, galt er als bevorrechtet und von der Juris- 
diction des Lord Mayors befreiet, er war mit Einem Worte 
*a liberty.^ Die City -Behörden sahen jedoch diese Bevor- 
rechtung als mit dem geistlichen Charakter des Ortes er- 
loschen an imd waren imausgesetzt bemüht, Blackfriars 
unter ihre Botmässigkeit zu bringen und, was damit gleich- 
bedeutend war, die Schauspieler daraus zu vertreiben. Es 
war und blieb ein beständiger Zankapfel. * 

Mit der Erbauung der Theater war die Bildung eines 
selbständigen Schauspielerstandes Hand in Hand gegangen. 
In demselben Masse, in welchem sich die Zahl der Auf- 
fuhrungen vermehrte und die darzustellenden Stücke an 
Ausdehmmg und dramatischem Gehalte zunahmen, wuchsen 
auch die von den Darstellern zu bewältigenden Schwierig- 
keiten und die an sie gestellten Anforderungen. Die schau- 
spielerische Darstellung wurde eine Kunst und ein Beruf, 
was freilich der beschränkte Bürgerstand nur schwer zu be- 
greifen vermochte. Dieser erblickte in den ersten berufs- 
mässigen Schauspielern vielmehr nur Leute, die ihren eigent- 
lichen Beruf verfehlt hatten — viele gingen in der That 
von einem bürgerlichen Gewerbe zum Schauspielerstande 
über — ganz so, wie wir ähnliches bezüglich der Presse 
erlebt haben. So erklärt es sich auch, wie die Schauspieler 
von Polizei wegen mit den ' rogues and vagabonds ' in Einen 
Topf geworfen werden konnten, als Leute, die keine regel- 
mässigen Subsistenzmittel hätten — obwohl sich der Schau- 
spielerberuf bald genug als ein äusserst einträglicher her- 
ausstellte — und die daher vorkommenden Falles Einsper- 
rung und andere Bestrafung über sich ergehen lassen 
müssten. * Um dieser Androhung zu entgehen traten daher 



i) S. die Documente in HalliweU's Dlustrations &c. 107 fgg. 
2) S. die bekannte Act against Vagabonds bei Knight 296 fgg. und 
anderswo. Shakespeare -Jahrbuch II, 378. 

17* 



A 



26o 

die Schauspieler -Truppen in die Dienste irgend eines ange- 
sehenen Lords, der ihnen Schutz verlieh, zu gleicher Zeit 
aber auch eine gewisse Disciplinargewalt über sie ausübte. 
Wir kennen Truppen des Grafen Leicester, der die erste 
königliche Licenz für Schauspieler erwirkte, des Lord Kam- 
merherm und des Lord Admirals, wie der Grrafen Pembroke, 
Derby, Sussex, Warwick, Dorset, Worcester u. A.,* deren 
Stärke durchschnittlich acht bis zwölf Mann betrug; selbst 
die nachmalige Konigstruppe war nicht stärker. Eine allge- 
meine Aufsicht über die Theater übten der Master of the 
Revels * und der Lord Klammerherr, welchen letztem Posten 
Lord Hunsdon, ein Verwandter der Elisabeth, von 1585 bis 
zu seinem Tode 1596, inne hatte. ^ Auf diese Weise wurde 
den Schauspielern eine gesicherte und anerkannte Stellung 
gewährt, so lange sie sich derselben würdig zeigten. Des- 
senungeachtet verlor sich die Missachtimg des Standes, 
über welche selbst Shakespeare in seinen Sonetten schmerz- 
lich klagt, nur allmählich, wenngleich sich allerdings in 
nicht langer Frist ein Unterschied zwischen den wandern- 
den Truppen und den in London ansässigen zu Grünsten 
der letzteren herausstellte.* Dass die Bühne ihren Mitglie- 
dern einen gewissen Makel aufdrückte, spricht niemand 
imimiwundener aus als John Davies in seinem Microcosmos 
(1603), in einem Sonett, das allem Anschein nach an Shake- 
speare und Burbage gerichtet ist; 

— the stage doih siain pure gentle blood, 

sagt er, fugt aber doch gleich hinzu: 

Yet generous ye are in mind and mood, 

9 

Wenn Hamlet dem Polonius einschärft, die Schauspieler — 
eine wandernde Truppe — gut zu behandeln,* nicht bloss 
nach Verdienst, sondern viel besser, so will es scheinen, 



i) Malone's Shakespeare by BosweU (1821) m, 440 fgg. 

2) S. die königliche Vollmacht für denselben vom J. 1581 bei HalliweU, 
niustrations &c. 114 fg. 

3) Knight, Wm Sh.; a B. 352 fg. 

4) S. Sonett 29 und iii. — Hamlet II, 2. — Knight, Wm Sh; a B. 
127 fg. 



201 

dass eine solche Mahnung nicht nothig gewesen wäre, wenn 
sich die Sache von selbst verstanden hätte. Auch in der 
Einleitung zur Zähmung der Widerspenstigen befiehlt der 
Lord die ankommenden Schauspieler gut zu behandeln, lässt 
sie aber in die ^buttery^ also zum Gesinde fuhren.* In 
London hingen die Schauspieler häufig durch verwandt- 
schaftliche Bande mit achtbaren Bürgerfamilien zusammen; 
überdies begründete sich ein grosser Theil derselben eine 
ehrbare Häuslichkeit, und endlich wusste die hauptstädtische 
Bevölkerung Geist und Talent, an denen die Schauspieler 
nitht arm waren, besser zu würdigen als das Publikum in 
den Provinzen. Die Komiker Tarlton und Kemp waren die 
allgemeinen Lieblinge der Londoner; jedermann kannte sie, 
denn jedermann hatte sie auf der Bühne gesehen und war 
von ihrem Spiele hingerissen worden. Tarlton sagt selbst, 
dass sein Bildniss in jedem Hause zu fiinden sei. ' Das 
Theater bildete einen ausgiebigen Gesprächsstoff für ge- 
sellige Kreise * — wie heutzutage — und Schauspieler wur- 
den eingeladen, um zur Unterhaltung und Belebung von 
Gesellschaften beizutragen. Ein bemerkenswerther Beleg 
dafür findet sich in Bartholomew Fair DI, i , wo es von 



1) 'In a gentlemarCs house where Jack Miller resorted, as he was 
welcome to all, it chanced so there was a play, the players dressed them 
in the gentlemarCs kitchen, and so entered through the entry into the hall. 
Jt was öfter dinner* 6c. Rob. Armin's Nest of Ninnies ed. Collier 35. 

2) In den Versen: 

He is truely a player-foole. 

And so you may htm call. 
You may see his goodly counterfeit 

Hung up on everie wall. 

You can never misse the likenesse, 

For everie bodie knowes 
His father^s lovelie visnomie, 

His two eyes and flat nose. 

Ich bedauere fär diese Strophen keine bessere Quelle als Collier's New 
Facts 19 fg. angeben zu können. 

3) VergL die Verse aus Harston's Sconr^e of Villany (159S) in Hallj- 
weU's nittstrations 121, 



202 

Leatherhead, dem bereits genannten Inhaber des Puppen- 
spiels, der hier als Vertreter der Schauspieler eingeführt 
wird, heisst: 'He scorns victuals, sir; he has bread and 
butter at home, thanks be to God! and yet he will do more 
for a good meal , if the toy take htm in the belly; marry 
then they must not sei hint at lower ends^ if they do, he* II 
go away, though he fast: but put him a-top o^ the table, 
where his place is, and he'U do you forty fine things. He 
has not been sent for , and sought out for nothing , at your 
great city -suppers, to put down Coriat and Cokely, and been 
laughed at for his labour; he^ll play you all the puppets^in 
the town over, and the players, every Company, and his own 
Company too; he spares nobody. * ^ 

Gehoben wurde die gesellschaftliche Stellung der Schau- 
spieler femer. durch den bereits auf S. 203 fg. besprochenen 
Umstand, dass ihr Beruf ein sehr einträglicher war, so 
zwar, dass er wiederholt geradeswegs als die Bahn zum 
Reichthum bezeichnet werden konnte, und sie sich in den 
Stand gesetzt sahen, ein geordnetes und wohl eingerichtetes 
Leben zu fuhren. Die grosse Mehrzahl war • verheirathet. 
Ihr Streben und Ehrgeiz war, sich zu anerkannten ^Gentle^ 
men' emporzuarbeiten; sie bezeichnen sich gern als solche 
und lassen sich so bezeichnen. Nach Shakespeare's Vor- 
gange Hessen sich vermuthlich auch Cuthbert Burbage, Al- 
leyn und Henslowe als amtliche Anerkennung ihres Ranges 
Wappen verleihen. Die Mittel und Wege, diwch welche 
sie zu Wohlstand kamen, sind für uns freilich noch in Dunkel 
gehüllt, allein die Sache selbst ist hinlänglich bezeugt; 
^many of us,' sagt Th. Heywood, */ know to be of sub- 
stance, of governrntnt, of sober lives, and temper ate carriages^ 
house-keepers, and contributory to all duties enjoyned them, 
equally with them that are ranJ^t with the most bountifulL ' * 



i) Vcrgl. Jonson, The Devil is an Ass n, 8 (die weiter unten ange- 
führte Stelle über Dick Robinson). — Dr. Ingleby, Was Thomas Lodge an 
Actor? An Exposition touching the Social Status of the Playwright in the 
Time of Elizabeth. London, 1869. Privately Printed. 

2) An Apology for Actors ed. by J. P. Collier (for the Shakespeare - 
Society) '44. 



— 263 — 

Hatte sich vollends ein Schauspieler zum Theilhaber am' 
Theater und dem dazu gehörigen Inventar emporgearbeitet, 
so begreift sich, deiss eine solche Kapital -Anlage vortheil- 
haft sein und hohe Zinsen tragen konnte. Thatsächlich steht 
fest, dass nicht bloss Shakespeare, sondern auch AUeyn, 
der aus seinen Mitteln Dulwich College gründete, Henslowe, 
Burbage und andere Schauspieler zu Wohlhabenheit ge- 
langten. Freilich verdankten Allejm und Henslowe ihren 
Wohlstand wol vorzugsweise ihrer Thätigkeit als Unter- 
nehmer und Agenten ; dass aber auch der Schauspielerberuf 
ah und fiir sich, ohne derartige Nebenbeschäftigung, ein- 
träglich war, wird sich näher zeigen, wenn von Shake- 
speare's Verhältniss zum Theater die Rede sein wird. Nur 
Eine Bemerkung mag gleich vorweg genommen werden, 
dass nämlich bei der ungleich grossem Einfachheit des 
Shakespeare'schen Theaters im Vergleich zu dem unsrigen 
jedenfalls auch die Anlage-, Unterhaltungs- und Betriebs- 
kosten ungleich geringer waren, und die Einnahmen mithin 
zum weitaus grossten Theile den Theilhabem imd Darstel- 
lern persönlich zu Gute kommen konnten. 

Die Einfachheit imd Schlichtheit, um nicht zu sagen 
Aermlichkeit der scenischen Ausstattung ist in der That 
eins der wichtigsten Elemente des Elisabethgmiischen Thea- 
ters, welches für das richtige Verständniss Shakespeare's 
keinen Augenblick ausser Acht gelassen werden darf. Zu 
der hohen Auffassung von Ziel und Zweck des Theaters, 
welche Shakespeare in den bekannten Worten Hamlet's 
niedergelegt hat, es solle der Natur gleichsam den Spiegel 
vorhalten, der Tugend ihre eignen Züge, der Schmach ihr 
eignes Bild, und dem Jahrhundert und Körper der Zeit den 
Abdruck seiner Gestalt zeigen, konnte er sein Publikiun 
um so eher mit sich emporheben, als dasselbe nicht durch 
die Aeusserlichkeiten und Nebendinge abgezogen und zer- 
streut wurde, welche heutzutage den eigentlichen Zweck 
der Bühne nur zu sehr überwuchern. Shakespeare's Publi- 
kum ging nicht ins Theater um Decorationskünste wie das 
gemalte Venedig mit ELanälen , Gondeln imd Schwänen oder 
chemische Sonnenaufgänge zu bewundem , * denn noch gab 



264 

es dergleichen Wunderwerke nicht; nicht um Musik zu 
hören, denn Opern kamen erst mit der Restauration auf; 
nicht um Schauspielerinnen oder Tänzerinnen mit oder ohne 
Toilette zu bewundem, denn die Frauenrollen wurden be- 
kanntlich von jungen Männern gespielt, und die Jigs waren 
keine Ballette mit * lieben lasterhaften Beinen ', um H. Hei- 
ners Ausdruck zu entlehnen. Die einzige Ausnahme von 
der allgemeinen Einfachheit bildete die Garderobe, auf 
welche man grosse, ja sogar verschwenderische Summen 
verwendete. Henslowe's Tagebuch und ähnliche Schriften 
geben darüber reichliche und bis ins Einzelnste gehende 
Auskunft. Nur beispielsweise mag angeführt werden, dass 
für ein 'Paar Hosen 4 Pfd. 14 Schillinge, für einen Sammet- 
mantel 16 Pfd. und für einen andern sogar 20 Pfd. 10 Schil- 
linge ausgegeben wurden, während der Verfasser eines 
Stückes vor 1600 durchschnittlich 4 — 8 Pfd. erhielt, und erst 
später sein Honorar auf 12 und um 161 3 auf 20 Pfd. stieg, 
wobei wiederum nicht übersehen werden darf, dass der 
Werth des Geldes damals um das Vier - bis Fünffache hoher 
stand als gegenwärtig. Das Merkwürdigste ist jedoch, dass 
Jakob und sein Hof (von Elisabeth ist dergleichen nicht 
bekannt) nicht verschmähten, gebrauchte Kleider an die 
Bühne zu verkaufen. Nach dier Restauration vergassen der 
König und die vornehmsten Herren des Hofes ihre Würde 
so weit, dass 'sie ihre Krönungsanzüge den Schauspielern 
leihweise überliessen. * 

Trotz dieser Kleiderpracht bildete die dramatische Dich- 
tung selbst den hauptsächlichen, ja fast einzigen Anziehungs- 
punkt, und es lässt sich nicht anders annehmen, als dass 
Shakespeare's Publikum dem Dichter grössere poetische 
Genussfahigkeit und ein grösseres poetisches Verständniss 
entgegengebracht haben muss, als sich das heutige dessen 
rühmen kann. 'Allerdings gab es scenische Illusionsmittel, 
und wenn wir den Prolog zu Every Man in his Humour 
richtig verstehen, so verschmähte gerade Shakespeare ihren 
Gebrauch am wenigsten; aber sie waren armseUg im Ver- 



l) Shakespeare -Jahrbuch IV, 148, 



205 

gleich zur Ausstattung der heutigen Bühne. Sowohl hin-, 
sichtlich der Decoration wie auch in Bezug auf die Dar- 
stellung grosser geschichtlicher Vorgänge wie Schlachten, 
Volksaufstande u. s. w. begnügte sich das Theater mit sym- 
bolischer Andeutung, wie das Shakespeare selbst und ver- 
schiedene seiner Zeitgenossen mit unzweideutigen Worten 
aussprechen. - So wird Heinrich V vom Chor mit folgender 
entschuldigenden Erklärung und Bitte eröffnet: 

Diese Hahnengrube 
Fasst sie die Ebnen Frankreichs? stopft man wohl 
In dieses O von Holz die Helme nur, 
Wovor bei Azincourt die Luft erbebt? 
O so \erzeiht, weil ja in engem Raum 
Ein krummer Zug für Millionen zeugt ; 
Und lasst uns, Nullen dieser grossen Summe, 
Auf eure einbildsamen Kräfte wirken. 
Denkt euch im Gürtel dieser Mauern nun 
Zwei mächtige Monarchien eingeschlossen, 
Die, mit den hocherhobnen Stirnen dräuend, 
Der furchtbar enge Ocean nur trennt. 
Ergänzt mit den Gedanken unsre Mängel, 
Zerlegt in tausend Theile einen Mann, 
Und schaffet eingebild'te Heereskraft, 
Denkt, wenn wir Pferde nennen, dass ihr sie 
Den stolzen Huf seht in die Erde prägen. 
Denn euer Sinn muss unsre Kön'ge schmücken. 

Dieser poetischen Auffassung steht die satyrische Sir Philip 
Sidney's (imi 1583) gegenüber, wo es heisst: 'Jetzt werdet 
ihr drei Damen spazieren gehen und Blumen pflücken sehen 
und dann müsst ihr euch einbilden, dass die Bühne ein 
Garten ist. Darauf hören wir von einem Schiffbruche an 
demselben Orte ; dann sind wir zu tadeln, wenn wir ihn nicht 
fiir eine Klippe ansehen. Dann wieder kommt ein furcht- 
bares Ungeheuer mit Feuer imd Rauch heraus, imd die 
bedauemswerthen Zuschauer sind jetzt verpflichtet, die Bühne 
für eine Hohle zu halten, während in der Zwischenzeit zwei 
Heere hereinstürzen, die mit vier Schwertern und ebenso- 
viel Schilden dargestellt werden, und welches harte Herz 
wird dann die Bühne nicht für ein Schlachtfeld gelten las- 
sen?' Öie so verspottete Darstellimgsweise hängt jedoch 



266 

zu eng mit dem Bau und der Einrichtung des Theaters zu- 
sammen, als dass nicht eine kurze Darstellung dieser, wie 
oft sie auch schon besprochen sein mögen, hier eingefloch- 
ten werden müsste, bei welcher das Globus - Theater zu- 
gleich als Vertreter aller übrigen gelten mag. ^ 

Das Globus -Theater in Bankside, M. h. auf dem süd- 
lichen Flussufer, in nächster Nachbarschaft des Bärenzwin- 
gers, dasjenige, in welchem Shakespeare spielte und seine 
Stücke auffuhren Hess, war gleich allen übrigen ein Holz- 
bau mit einem Stroh- oder Schilfdache über der Bühne 
(vielleicht auch über den Logen) , das nachmals die Ursache 
seiner Zerstörung wurde ; * es brannte nämlich , um das vor- 
weg zu nehmen, am 29. Juni 161 3 bei der Auffuhrung von 
Shakespeare's Heinrich Vin ab, indem die Pfi-öpfe der ab- 
geschossenen Böller das Dach in Brand setzten. * Seinen 
Namen hatte das Globus -Theater nach Collier von seiner 
innem Gestalt , * nach Malone von dem über dem Haupt- 
eingange befindlichen Hercules mit der Weltkugel ^ und 
der Umschrift: Totus mundus agit hütrumem. Die archi- 
tektonische Form war vielmehr oval als kugelförmig — es 
war ganz eigentlich ' a wooden O.' Nach dem Brande wurde 
1614 ein achteckiges, weit stattlicheres Gebäude aufge- 
führt,* doch kann dies schwerlich der letzte Umbau des 



1) Malone's Shakespeare by Boswell (1821), III. — Collier, H. E. Dr. P. 
ni, 296 fgg. 335 fgg. — Delius, Ueber das englische Theaterwesen zu Shake- 
speare's Zeit: ein Vortrag. Bremen, 1853. 

2) Dass sämmtliche Londoner Theater von Holz gebauet waren, berichtet 
u. a. Paul Hentzner, der im J. 1598 England besuchte, in seiner 161 2 er- 
schienenen Reisebeschreibung. Rye, England as seen by Foreigners 215. 

3) Shakespeare - Jahrbuch IX, S5 ^6* 

4) Derselben Ansicht war anfänglich auch Malone gewesen, er gab sie 
jedoch zu Gunsten der andern auf. 

5) Hamlet II, 2: Hercules, and his load too. — Es mag hinzugefügt 
werden, dass im Ganzen nur zwei Eingänge vorhanden waren, wie Sir Ralph 
Winwood in seinen Memorials bei Erwähnung des Brandes berichtet. 

6) Die einzige authentische Abbildung des ursprünglichen Globus -Thea- 
ters befindet sich auf der Ansicht von London (auf der Karte von Gross- 
britannien und Irland) in Speed's Theatre of the Empire of Great Britaine, 
161 1 ; facsimilirt in Halliwell's Illustrations 44. Abbildungen des zweiten, 
achteckigen Gebäudes in Malone's Shakespeare by Boswell III, 64, bei Cd- 



267 

Globus - Theaters gewesen sein, denn Hollar*s View of Lon- 
don 1647 zeigt dasselbe wieder rund. Der Zuschauer-Raum 
war von der Bühne durch ein Geländer (palings) und durch 
einen wollenen oder seidenen Vorhang getrennt, der auf 
einer eisernen Stange lief und sich nach beiden Seiten 
öflEhete, wie in den englischen Theatern noch heutigen Tags 
die sogenannten Gardinen. Damals war diese Vorrichtung 
die einzig mögliche, denn bei einem Strohdache oder gar 
in völlig imbedeckten Theatern konnten Vorhang und Deco- 
rationen natürlich nicht in die Höhe gezogen werden. An 
den drei Seiten des Zuschauerraums zog sich nach dem Vor- 
bilde der Wirthshaushöfe ein Balkon herum, der den heu- 
tigen Logen entsprach und für das bessere Publikum be- 
stimmt war. Allerdings gab es ausserdem noch Logen zu- 
nächst der Bühne, die sog. Lords* roomsy die von den alten 
Dramatikern oft erwähnt werden, sowie in einigen Theatern 
verschliessbare Privatlogen (private boxes)^ deren Lage sich 
nicht mit Bestimmtheit angeben lässt. Gelegentlich wurden 
auch auf dem Balkon Sitze vorausbestellt und unter Ver- 
schluss gelegt. Ein zweiter, höherer Bedkon, über dem was 
jetzt die Bühnenloge (siage-box) heisst, diente für das Or- 
chester, während der ebenerdige Theil des Zuschauerraimis 
von den bereits erwähnten Gründlingen eingenommen wurde. 
Die Bühne selbst war gleich dem Fussboden der Wohn- 
häuser gewöhnlich mit Binsen bestreut und wurde nur bei 
besondem Anlässen mit Teppichen bedeckt. ^ Im Hinter- 



lier H. E. Dr. P. I und bei Knight 367, sämmtlich nach der Antwerpencr 
Ansicht von London in Pepys' Bibliothek zu Cambridge (Magdalen College). 
Der Wasserdichter Taylor rühmt von diesem Neubau: 

As gold is heiter thafs in fire tried. 
So is the Bankside Glohe that lote wcls burtCd; 
For where before it had a thatched hide, 
Now to a stately theatre is turn*d. 

i) Vergl. Zähmung der Widerspenstigen IV, i: is supper ready, the 
house trimmed, rushes sirewed &c. — Auf der Bühne hatten die Binsen viel- 
leicht einen besondem Zweck, wie sich aus folgender SteUe bei Nash, Sum- 
mer's Last Will and TesUment (Dodsley, 1825, IX, 75) schliessen lassen 
möchte: ' You fwighi have Tvritten in the margin of your play-book; "Let 



268 — 

gründe derselben befand sich der bekannte Balkon, ein 
etwa acht bis neun Fuss hohes Grerüst, das zu vielerlei 
Zwecken diente. Auf diesem Balkon wurde im Hamlet die 
Ermordimg Gonzago's aufgeführt; hier sah in der Zahmuilg 
der Widerspenstigen Christoph Schlau mit dem verkleideten 
Pagen dem Stücke zu; hier war das Kapitol, wo Julius 
Cäsar ermordet wurde; hier erschienen in Richard m die 
Geister der Gemordeten; hier traten im Konig Johann die 
unterhandelnden Bürger von Angers auf, und von hier sprang 
in demselben Stücke Prinz Arthur herab. Wurde der Bal- 
kon in einem Stücke nicht gebraucht, so blieb er durch 
einen Vorhang (traverse) verhüllt. Ausserdem gab es aller- 
dings Versenkungen, einige Bäume, Felsen und andere 
Versatzstücke imd wol auch eine Flugmaschine,^ aber keine 
beweglichen Decorationen, und der scenische Apparat war 
überhaupt so unzureichend, dass der Ort der Handlung auf 
einem Brette angeschrieben werden musste, eine Einrich- 
tung, der wir sogar noch zur Zeit der Restauration begeg- 
nen. * Die einzige Wandbekleidung der Bühne waren die 
imter dem Namen Arras bekannten gewirkten Teppiche 
oder Vorhänge, welche auch in den Wohnungen der Vor- 
nehmen in Gebrauch waren. • 

Bereits in den sechsziger oder doch siebziger Jahren 
wurde zu den Vorstellungen durch Theaterzettel eingeladen, 
welche in den Hauptstreissen an Pfahle angeschlagen wur- 
den; nach Collier (H. E. Dr. P. m, 382) besass sogar ein 
besonderer Drucker, John Charlewood, seit 1587 die aus- 



there be a few rushes laid in the place where Back-winter shall iumbU, for 
fear of ^wraying his clothes:** or set down ** Enter Back-winter with kis boy 
bringing a brush after htm, to take off the dust, if need require" But 
you vdll ne*er have any wardrobe wit while you live.* Also die Binsen 
dienten zugleich zur Schonung der Garderobe für Fallende, Kniende u. s. w. ! 
i) Greene's Works ed. Dyce (1861) 248. — Cymbeline V, 4. Im Pro- 
log zu Every Man in his Humour (Nor creaking throne comes down the 
boys to please) hat man wol mit Unrecht eine Parodie auf diese Scene im 
Cymbeline sehen wollen. B. Jonson's Works ed. Gifford (i vol.) 10. 

2) Shakespare- Jahrbuch IV, 131 fg. 

3) S. Hamlet ni, 3 und in, 4, wo sich bekanntlich Polonius hinter 
dem 'Arras' verbirgt und dort erstochen wird. 



269 — 

schliessliche Licenz zum Drucke derselben. Leider ist kei- 
ner auf uns gekommen — der Theaterzettel der ersten 
Auffuhrung des Hamlet oder Heinrich's VHI oder des Sturms 
wäre eine nicht nur so interessante, sondern so lehrreiche 
Reliquie für uns, dass hundert Hände bereit sein würden, 
sie mit Gold zu bedecken, wenn sie dadurch erlangt werden 
konnte. Die Vorstellimgen fanden wie bekannt des Nach- 
mittags bei Tageslicht Statt — also auch das Täuschungs- 
und Reizmittel der Beleuchtimg entbehrte Shakespeare's 
Publikum wenigstens in den sog. öfiFentlichen Theatern. 
Drei Trompetenstosse (three soundings) gaben das Zeichen 
zum Beginn, und an dem Flaggenstock, mit dem jedes 
Theater versehen war, wurde die Flagge aufgezogen, welche 
wahrscheinlich während der Vorstellung zu wehen pflegte. 
Im Anfange der Elisabethanischen Periode war es Sitte, 
dass die im Stücke auftretenden Schauspieler vor dem Be- 
ginne der Vorstellimg im Kostüm über die Bühne zogen, 
was jedenfalls von den Mirakelspielen und Moralitäten über- 
kommen war. Der Sprecher des Prologs erschien in einem 
langen Mantel und Lorbeerkranz, d. h. im Dichterkostüm, 
da ursprünglich wol der Dichter selbst den Prolog zu spre- 
chen hatte, oder doch der Prolog im Namen des Dichters 
gesprochen wurde; später hören wir jedoch nichts mehr 
vom Lorbeerkranz, sondern nur von einem schwarzen 
Sammtmantel als Kostüm des Prologs. Der obligate Clown 
extemporirte noch im J. 1614, wenigstens findet sich in 
diesem Jahre in Grreene's Tu Quoque wiederholt die Büh- 
nenweisung : * here they two talke and rayle what they list * 
So wenig hatte also Shakespeare's Mahnung im Hamlet 
m, 2 gefruchtet: /e^ thosCy that play your cloTxms^ speak 
no more than is set down for them, &c. Die Musik, von 
welcher Shakespeare bekanntlich einen eben so angemes- 
senen als ausgedehnten Gebrauch macht, bestand aus Vio- 
linen, Hoboen, Flöten, Trommeln, Hörnern und Trompeten; 
auch die Zwischenakte wurden durch Musik ausgefüllt, * ob 
dabei jedoch ein Zwisch'dnvorhang herabgelassen oder viel- 



I) Collier, H. E. Dr. P. IH, 449. 



270 

mehr zugezogen wurde, scheint fraglich, wenn in Erwägung 
gezogen wird, dass in allen Schauspielen der Elisabethani- 
schen Zeit die Getödteten von den Schauspielern unter 
einem oder dem andern Vorwande hinausgetragen werden 
mussten, weil sie den Blicken der Zuschauer nicht anders 
entzogen werden konnten. * Die Zuschauer vertrieben sich 
in den Zwischenakten wie vor dem Beginne der Vorstellung 
die Zeit mit Biertrinken, Obstessen, Kartenspielen, Taback- 
rauchen und dergl. Das letztere gestattete sich die auf der 
Bühne sitzende adlige Jugend sogar während des Spiels. 
Die Dauer der Vorstellung belief sich auf zwei, ausnahms- 
weise auf 2*/» und nur in seltenen Fällen auf 3 Stunden; 
gewohnlich werden ' two short hours ' angegeben. * Aller- 
dings ging keine Zeit durch Scenenwechsel verloren, imd 
die Zwischenakte wurden keinesfalls in die Länge gezogen, 
allein selbst mit den kürzesten Zwischenakten erfordert z. B. 
der Hamlet heutigen Tags trotz der vorgenommenen Strei- 
chungen nahezu die doppelte Zeit. Es bleibt mithin keine 
andere Annahme übrig, als dass noch unbarmherziger ge- 
kürzt wurde als gegenwärtig, und in der That bezeugen 
verschiedene Stellen , dass bei der AuflRihrung ausserordent- 
lich willkürlich mit den Stücken umgegangen wurde. 'But 
do you play tt ac cor ding to the printed book?' fragt Cokes 
in Bartholomew Fair V, 3 und erhält die Antwort von Lea- 
therhead: 'By no tneans, str, Cokes. No! how then? Lea- 
therhead. A better way, sir; that ts too learned and poetical 
for our andiene e.* Ja, in den zwei oder dritthalb Stunden 
wurde nicht allein das Hauptstück, sondern allem Vermu- 
then nach auch noch das darauf folgende Jig fertig geschafft, 



1) Vergl. Staunton zu Hamlet lU, 4. 

2) Vergl. z. B. den Prolog zu Romeo und Julie (the (wo hours* traffic 
of our stage)\ den Prolog zu Heinrich VHI (may see avsay their shilUng 
Richly in two shorß hours); den Prolog zu Davenant's Unfortunate Lovers; 
die Einleitung zu Bartholomew Fair (two hours and an half, and somewhat 
more) und Dryden, Essay of Dramatic Poesy (if you consider the Historical 
Plays of Shakspeare, they are rather so many Chronicles of Kings ^ or the 
Business many times of thirty or forty years crampt into a representation of 
two hours and a half). 



271 

wenn es nicht gerade eins von den längeren war, die, wie 
aus Tarlton's News out of Purgatory hervorzugehen scheint, 
bisweilen eine Stunde in Anspruch nahmen. Das Jig wurde 
vom Clown getanzt, der sich dabei mit ^tabor' imd 'pipe* 
selbst begleitete; besonders berühmt als Jig -Spieler war 
Richard Tarlton. Die Vorstellung schloss mit einem Grebete 
für die Königin, wobei sämmtliche Schauspieler nieder- 
knieten. 

Dieser letztere, für imsere Anschauungsweise so fremd- 
artige Loyalitäts- Beweis stand allerdings dem Globus -Thea- 
ter insofern mehr als den übrigen Bühnen zu, als die hier 
spielende Truppe in naher Beziehung zur Königin stand, 
und in der That als die ihrige gelten konnte. Ziun Haus- 
halte der Königin gehörte nämlich vom Beginn ihrer Regie- 
rung an eine Truppe * Players 0/ Enterludes^ ; damit nicht 
zufrieden liess sie jedoch allem Anschein nach* im J. 1582 
vom Master of the Revels noch eine zweite Truppe von 
12 Mitgliedern bilden, welche aus den bestehenden Schau- 
spielergesellschaften ausgesucht wurden. Diese wurden als 
ihre Diener bezeichnet und erhielten von ihr Gehalt und 
vorschriftsmässige Kleidimg (lwery)\ das erstere soll dem 
der ^grooms of the Chamber^ gleichgestanden haben, die 
zweite werden wir wol ohne fehl zu gehen in dem Kostüm 
des Droeshout'schen Shakespeare -Bildes erkennen dürfen. 
Die beiden königlichen Truppen scheinen längere Zeit neben 
einander bestanden zu haben; die jüngere, die, wie auf 
S. 68 erwähnt, unter oder doch mit Burbage im J. 1587 zu 
Stratford spielte, nahm anfangs der neimziger Jahre den 
Titel 'Diener des Lord Klammerherm' an — aus welchem 
Grnmde und mit welcher Aenderung in ihrer Stellimg ist 
nirgends ersichtlich, nur so viel steht fest, dass wir nach 
dem 27. Febr. 1592 — 3 nichts mehr von den Schauspielern 
der Königin hören. Henslowe's Tagebuch (ed. Collier 5) 
berichtet imter dem 3. Mai 1593, dass die Truppe der Köni- 
gin sich aufgelöst habe und in die Provinzen gegangen sei 
— eine Zeitbestimmimg wird nicht hinzugefugt; wahrschein- 



i) Nach Howe's FoTtsetznng von Stow. — Collier H. E. Dr. P. I, 254 fgg. 



272 

lieh geschah es der damals herrschenden Pest wegen, welche 
die Schliessung der Theater und die Zerstreuung auch an- 
derer Truppen herbeiführte. Genug, nach ihrer Rückkehr 
trat die Truppe umgetauft "und vielleicht auch umgestaltet 
auf. Als im folgenden Jahre das Globus -Theater gebaut 
wurde, spielte sie abwechselnd mit der Admiralstruppe in 
Newington Butts, wo während dieser Zeit, wenn wir uns 
auf Henslowe (Diary 35) verlassen dürfen, ein Hamlet auf- 
geführt wurde. Ob dies ein vor-Shakespeare'scher Hamlet, 
oder eine ältere Bearbeitung des Shakespeare'schen Stückes 
selbst war, wird sich nie entscheiden lassen. Als Jakob 
zur Regierung kam, bewies er seine Neigung zum Theater 
sofort dadurch, dass er dieser Gesellschaft des Lord Kam- 
merherm ein neues Patent verlieh und sie unter dem Namen 
^The King^s Players* in seine Dienste nahm; es war in der 
That eine seiner ersten Regierungshandlungen. * In diesem, 
vom 17. Mai 1603 datirten Patente nimmt Shakespeare unter 
den namentlich aufgeführten Schauspielern die zweite Stelle 
ein; der erste ist Lawrence Fletcher, während Richard Bur- 
bage erst nach Shakespeare als der Dritte folgt. Die Königs- 
truppe blieb nunmehr nicht bloss während der Regierungs- 
zeit Jakob's I bestehen, sondern ging auch auf Karl I über 
und wird nach Collier (H. E. Dr. P. 11, 63 fg.) noch 1634 
erwähnt. 

Dies also war die Truppe, welcher Shakespeare ange- 
hörte. Dass wir kein bestimmtes Zeugniss weder über die 
Zeit imd die Bedingungen seines Eintritts, noch über die 
seines Ausscheidens aus derselben besitzen, ist eine be- 
kannte und mit Recht viel beklagte Thatsache. Ob und 
bei welchem altem Schauspieler er die übliche Lehrzeit 
durchgemacht haben mag, ist bereits auf S. 142 besprochen; 
auf keinen Fall kann sie von langer Dauer gewesen sein, 
denn wie schon oben erwähnt sprechen alle Anzeichen 
dafür, dass Shakespeare sowohl als Schauspieler wie als 
Dichter sehr schnell emporkam. Die erste urkundliche 
Nachricht über sein Auftreten als Schauspieler war bisher, 



I) Halliwell, L. of Sh. 203 fg. — Shakespeare -Jahrbuch Vm, 86 fg. 



- - 273 

nach Beseitigung des unechten Certificats der Blackfriars- 
Schauspieler vom November 1589, die Angabe, dass er 
1598 in Every Man in his Humour mitwirkte. Nach einer 
von Halliwell (ülustrations 30 fgg.) jüngst gemachten Ent- 
deckung jedoch spielte Shakespeare bereits im J. 1594 vor 
der Königin in Greenwich. * Dies ist die früheste Nachricht, 
die wir bis jetzt über Shakespeare's schauspielerische Thä- 
tigkeit besitzen, und sie ist von besonderem Gewicht wegen 
der hervorragenden Stellung, die sie ihm anweist und die 
wiederum ein Anzeichen dafür ist, dass er seine Londoner 
Laufbahn als Schauspieler und Dichter frühzeitiger begann 
— und dem entsprechend auch zeitiger vollendete — als 
gemeinhin angenommen wird. Zugleich dürfen wir aber 
auch wol ein Zeugniss für Shakespeare's schauspielerische 
Leistungen darin erblicken, welche seit Rowe zu niedrig 
angeschlagen zu werden pflegen. * Darüber sind alle Kom- 
mentatoren und Kritiker einig, dass sich Shakespeare in 
ausgezeichneter Weise auf die Theorie der Schauspielkunst 
verstand, denn das hat er in der berühmten, vielbespro- 
chenen Stelle im Hamlet bewiesen. Die Erfahrung lehrt 
jedoch, dass ein ausgezeichneter Theoretiker keineswegs 
immer ein guter Praktiker ist, und wie wir von Aubrey 
erfahren, dass B. Jonson niemals ein guter Schauspieler, wol 
aber ein trefflicher Instructor war, so schien das durch 
Rowe's Aeusserungen auch fiir den vorliegenden Fall be- 
stätigt zu werden. Sein bewundernswürdiger Verstand, so 
berichtet nämlich Rowe von Shakespeare, und seine natür- 
liche Anlage zur Bühne hätten ihn bald ausgezeichnet ^if 
not as an extraordinary actor , yet as an excellent wrüer,' 



1) Das in den Akten des Treasurer of the Chamber befindliche Doku- 
ment lautet: * 7V> Wtiliam Kempe, William Shakespeare and Richarde Bur* 
hage, servauntes to the Lord Chamberleyne , upon the Councelles Warrant 
dated at Wkitehall XV to Marcij, 15941 for twoe severall comedies or enter- 
ludes shewed hy them hefore her Maj'estie in Christmas tyme laste paste, 
viz., upon St, Stephens daye and Jnnocentes daye xiij\ li. vj. s, viij, d., 
and by waye of her Majesiies rewarde vj. li. xiij. s. iiij\ d., in all xx li.* 

2) Hermann Kurz, Shakespeare, der Schauspieler. Im Shakespeare - 
Jahrbuche VI, 317 — 342. 

£Ue , Shakcüpeare. I 8 



A 



— '- 274 - - 

Sein Name stehe zwar gleich denen der übrigen Schau- 
spieler nach der Sitte der Zeit vor einigen alten Schau- 
spielen gedruckt, aber ohne besondere Angabe der Rollen, 
welche er gespielt habe und trotz aller Nachforschungen 
sei nichts weiter über diesen Punkt in Erfahrung zu bringen 
gewesen, als dass der Gipfel seiner schauspielerischen Kunst 
der Geist in seinem eigenen Hamlet gewesen sei. Zunächst 
ist die Geringschätzung, die sich zwischen den Zeilen dieser 
Mittheilung ausspricht , in keiner Weise gerechtfertigt, denn 
der Geist ist weder eine leichte, noch eine undankbare 
Rolle, und in unsem Tagen haben die ausgezeichnetsten 
Künstler nicht verschmäht sie zu übernehmen. ^ Im Gegen- 
theil scheint uns gerade die Wahl dieser Rolle seitens des 
Dichters einen Schluss auf seine Meisterschaft als darstel- 
lender Künstler zu gestatten, wie sie zugleich auch beweist, 
dass er sich im Besitz der erforderlichen äusseren Mittel be- 
fand, vor allem im Besitz einer stattlichen und edeln Gestalt 
und einer wohlklingenden , modulationsfähigen Stimme. * 
Dass Rowe, der selbst ein dramatischer Dichter war, diese 
sich so zu sagen von selbst ergebenden Schlussfolgerungen 
nicht eingesehen hat, könnte uns möglicher Weise irr 
machen , wenn sich dieser Umstand nicht aus der Thatsache 
erklärte, dass die englische Bühne zu seiner Zeit unter der 
Herrschaft des französischen Geschmackes stand. Es wäre 
in der That wunderbar, wenn Shakespeare als Schauspieler 
nichts von der proteischen Natur besessen haben sollte, 
welche ihn als Dichter in so hohem Masse auszeichnete. 
Dass er eben sowohl in komischen wie in tragischen Rollen 
auftrat, kann schwerlich bezweifelt werden, wenngleich die 
letzteren überwiegen mochten und er kein eigentlicher Ko- 
miker war. Eine strenge Scheidung der Rollenfacher wie 
sie heutzutage eingeführt ist, kann überhaupt zu Shake- 
speare 's Zeit nicht bestanden haben, denn wie wäre sonst 



i) So namentlich F. L. Schröder und L. Devrient. — Shakespeare's Harn* 
let herausgeg. von Elze (Leipzig 1857) XXXI. 

2) Schön Thomas Campbell hat das in seinem Leben Shakespeare's 
hervorgehoben. Vergl. Knight, Wm Sh.; a B. 268. 



— 275 

die geringe Schauspielerzahl mit der grossen Personenfiille 
der Shakespeare'schen und anderer Stücke fertig geworden ? 
Wie wir gesehen haben betrug die durchschnittliche Stärke 
der Truppen niu* acht bis zwölf Mann. Zugegeben auch, 
dass diese Zahl mit dem wachsenden Bedürfnisse zugenom- 
men haben mag, so stieg sie doch schwerlich zu einer Hohe, 
welche gestattet hätte, jedem Darsteller nur Eine Rolle zu 
übertragen, sondern im Gegentheil mussten zumal die be- 
deutenderen Schauspieler offenbar mehrere Rollen überneh- 
men. ^ Bei Every Man in his Humour fuhrt B. Jonson für 
1 7 sprechende Personen nur zehn ^principal Coptedians, beim 
Sejanus mit 34 sprechenden Personen sogar nur acht ^prin^ 
cipal Tragedians* auf. Die in der ersten Folio verzeichneten 
*prtncipal Actors in these plays* belaufen sich allerdings 
auf 26, allein es darf wol als ausgemacht angesehen wer- 
den, dass sie nicht sämmtlich gleichzeitig thätig waren. 
Auch Shakespeare wird ohne Zweifel ein sehr verwend- 
barer und vielbeschäftigter Schauspieler gewesen sein; in 
der That lauten die Urtheile seiner Zeitgenossen über seine 
Leistungen als Schauspieler anders als Rowe's sauersüsse 
Notiz. In der bekannten abbittenden Vorrede zu Kind- 
heart's Dream chctrakterisirt Chettle, wie wir gesehen haben, 
Shakespeare als excellent in the qucdity he pro/esses^ denn 
dass die Worte auf Shakespeare zu beziehen sind, kann 
keinem Zweifel unterliegen und noch fester steht es, dass 
^quality^ der technische Ausdruck für die schauspielerische 
Kunst ist. Aubrey, der zwar keineswegs ein Zeitgenosse 
des Dichters war, doch aber der Zeit nach Rowe voran- 
ging, sagt von Shakespeare ^ he did act exceedingly well.* 
Auch das früher angeführte Epigramm von John Davies 
von Hereford (To our English Terence) muss hieher ge- 
zogen werden, insofern daraus hervorgeht, dass Shake- 
speare Königsrollen spielte (s. S. 182). Eine weitere Be- 



i) Im Personen verzeichniss zum Mucedorus wird es als ein Vorzug her- 
vorgehoben: Ten Persans may easily play it y doch müssen auch hier drei 
Schauspieler mehr als Eine Rolle übernehmen. S. Pseudo-Shakspere'sche 
Dramen herausgeg. von N. Delius, Bd. II. (Elberfeld 1874). 

i8* 



276 

stätigiing erhalten diese Urtheile durch die Stellung, welche 
wir Shakespeare in den bereits angeführten Schauspieler- 
verzeichnissen einnehmen sehen. Bei den Auffuhrungen vor 
der Königin im J. 1594 wird er als der zweite genannt (vor 
Burbage); im Personenverzeichniss von Every Man in his 
Humour ist er sogar der erste, während er in dem des 
Sejanus allerdings erst als der fünfte auftritt. In dem Pa- 
tente von Konig Jakob steht er wie erwähnt in zweiter 
Reihe und in dem Schauspielerverzeichniss der ersten Folio 
selbstverständlich obenan. Nach allem diesem kann Shake- 
speare kein mittelmässiger Schauspieler gewesen sein, son- 
dern muss sich auch als darstellender Künstler ausgezeichnet 
haben. Dass dies bei der Nachwelt in Vergessenheit ge- 
rieth, kann uns nicht in Verwunderung setzen. Dem Mimen 
flicht bekanntlich die Nachwelt keine Kränze, seine Kunst 
stirbt mit der Stunde, in der sie geboren wurde, aber die 
Werke des Dichters bleiben und wachsen sogar, 

Wenn Jahre lang durch Länder und Geschlechter 
Der Mund der Enkel sie vermehrend wälzt. 

Nichts ist also natürlicher als dass der Schauspieler hinter 
dem Dichter zurücktrat, dass der Ruhm des erstem in dem- 
selben Masse erbleichte, in welchem der des letztem an 
Glanz zunahm. Die Rollen, in denen Shakespeare aufge- 
treten sein mag, können wir freilich, abgesehen vom Geist 
im Hamlet, nur vermuthungsweise und nur in wenigen Fäl- 
len namhaft machen. Wenn, wi^ Kurz vermuthet, die 
Reihenfolge in den Schauspielerverzeichnissen derjenigen in 
den Personen Verzeichnissen in B. Jonson's Stücken entspricht, 
was allerdings sehr wahrscheinlich ist, so würden die Rollen 
des Sejanus und des alten Kjiowell auf Shakespeare ge- 
fallen sein. Das Letztere ist bereits früher aus anderen 
Gründen gemuthmasst worden, so dass es Boadenals eine 
feststehende Thatsache angesehen hat. ^ Das vor der ersten 
Folio befindliche Droeshout'sche Bildniss Shakespeare's ist 
nämlich mit ziemlicher Sicherheit als ein Rollenbild und 



1) James Boaden, An Inquiry into the Authenticity of Various Pictures 
and Prints &c. (Lond. 1824). Vergl. Shakespeare -Jahrbuch IV, 317. 



277 — 

zwar als das Bild des alten Knowell erkannt worden, und 
Boaden hat vollkommen Recht, wenn er es für schwer 
erklärt, etwas ausfindig zu machen, das besser der Art und 
Weise entspräche, in welcher Shakespeare den gesetzten, 
verständigen, gefühlvollen und überlegenden (feeling arid 
reflechng) Vater in Every Man in his Humour zur An- 
schauimg gebracht haben mag. Dass Shakespeare in Mass 
ffir Mass möglicher Weise den Herzog gespielt habe, wird 
aus der Anspielung Lucio's auf die Kahlköpfigkeit des 
Mönchs (d. h. des verkleideten Herzogs) geschlossen,^ welche, 
wie man meint, zugleich ein Stich auf den Schauspieler ge- 
wesen sein soll. Davenant hat in seinem Schauspiel The 
Law against Lovers, das bekanntlich aus Mass fiir Mass 
und Viel Lärmen um Nichts zusammengeflickt ist , diese an- 
gebliche Anspielung noch verdeutlicht in den Worten: She 
has been advised by a bald dramatic poet of the next cloister; 
nichtsdestoweniger schwebt die Hypothese so sehr in der 
Luft, dass wir ihr kein Gewicht beizulegen vermögen. Noch 
weniger verlässlich sind die Vermuthungen von Kurz, dass 
Shakespeare auch den ersten Schauspieler im Hamlet (der 
die Erzählung des Aeneas an Dido deklamirt) und den Her- 
zog von York im zweiten und dritten Theile Heinrichs VI 
gespielt haben soll. Auch die Tradition, wonach Shake- 
speare den Adam in Wie es Euch gefallt gegeben hätte, 
wird schwerlich aufrecht zu erhalten sein und ist mindestens 
starken Zweifeln ausgesetzt. * Wie nämlich Oldys erzählt, 
hätte ein jüngerer Bruder Shakespeare's, der nicht nur bei 
dessen Lebzeiten, sondern auch noch nach seinem Tode oft 
nach London ins Theater gegangen und von den dortigen 
Schauspielern sehr gefeiert worden wäre, sich erinnert, 
seinen berühmten Bruder in einem seiner eigenen Stücke 
als hinfalligen Greis gesehen zu haben, den ein anderer zu 
einem Tische trug, an welchem eyie Gesellschaft speiste 
und einer ein Lied sang. Auch Thomas Jones von Tarbick 
berichtet diese Sage, wenngleich in etwas abweichender 



1) Meas. f. Meas. V, l : Come küher, goodman baldpate &c. 

2) Shakcspeare's Works cd. Dyce, 3* Ed., I, 90 fg. 



— 278 — 

Gestalt; ihm zufolge hätte Shakespeare's Bruder oder Ver- 
wandter diese Jugenderinnerung nicht in London, sondern 
in Stratford zum Besten gegeben. Zur Bekräftigung wird 
auf Adam's Worte (ü, 3) : 

Seh' ich gleich alt, bin ich doch stark und rüstig 

hingewiesen, aus denen hervorgehen solle, dass die Partie 
von einem jungen Schauspieler gespielt worden sei; das ist 
wol möglich, doch kann der Schluss trügen. 

Die früher aufgestellten Vermuthungen , dass Shake- 
speare sich zu einem Theilhaher am Globus- oder Black- 
friars -Theater heraufgearbeitet imd dadurch die so schwer 
erklärliche Hebung seiner Vermögensverhaltnisse herbei- 
geführt habe, scheinen durch die neuerdings von Halliwell 
im Lord Chamberlain's Office entdeckten Documente wider- 
legt zu sein, wenngleich dieselben erst der Zeit nach des 
Dichters Tode entstammen. Freilich machen sie den Hypo- 
thesen und Kombinationen keineswegs ein Ende, sondern 
eröffnen ihnen nur ein neues Feld; sie gewähren jedoch 
einen ausserordentlich anziehenden Einblick in die Theater- 
verhältnisse und zeigen, wie sich auch an Shakespeare's 
Bühne der in immer neuen Formen wiederkehrende Streit 
zwischen Arbeit und Kapital abspielte. Die Schauspieler 
standen danach im Gehalte der Eigenthümer und hätten 
gern die zwischen beiden Theilen bestehende Schranke 
niedergerissen, wogegen sich die Eigenthümer mit allen 
Kräften stemmten. Eigenthümer des Globus -Theaters waren 
nämlich im J. 1635 — diesem Jahre gehören sämmtliche 
sieben Urkunden an — Cuthbert Burbage mit 3V2 Antheilen, 
Mrs Winifred Robinson (die wieder verheirathete Wittwe 
von Richard Burbage) für sich \md ihren Sohn William Bur- 
bage gleichfalls mit 3Vji die verwittwete Mrs Condell mit 2, 
Shanks mit 3, Taylor und Löwin mit je 2 Antheilen. Früher 
waren von diesen sech^zehn Antheilen am Globus -Theater 
acht auf Cuthbert Burbage imd seine Schwestern (sie !), vier 
auf Mrs Condell und vier auf Heminge gekommen. Die 
Antheile am Blackfriars - Theater vertheilten sich folgender- 
massen: Shanks besass 2, Cuthbert Burbage i, Frau Robin- 
son, Taylor, Löwin, Frau Condell und Underwood je i An- 



279 

theil. Diesen Eigenthümem gegenüber erhielten nun die 
Schauspieler — ausser ihrem festen Gehalt? — nur einen 
Antheil an dem *what they call the house\ d. h. an der, 
wie es scheint auf gewisse Plätze beschränkten Tagesein- 
nahme, imd es konnte daher nicht fehlen, dass sie gleich- 
falls Theilhaber zu werden trachteten. Allein die glücklichen 
Besitzer wollten keine Antheile verkaufen. Unter diesen 
Umständen wandten sich also Robert Benfield, Heliard (oder 
Eyllardt) Swanston und Thomas PoUard an den damaligen 
Lord Kammerherm den bekannten Grafen Philipp von Pem- 
broke und Montgomery mit der Bitte , er möge Burbage, 
dessen Schwägerin (Frau Robinson) und Shanks als die 
Höchstbetheiligten anhalten ihnen, den Bittstellern, jeder 
einen Antheil zu verkaufen. Die Tageseinnahme von den 
Gallerien, Logen imd von der Thür des Ankleidezimmers 
(tiringhouse) werde, wie sie sagen, in zwei gleiche Theile 
getheilt, deren einen die Eigenthümer, den andern die 
Schauspieler bekämen; die Zahl der erstem belaufe sich 
jedoch nur auf sechs, die der letztem auf neim, so dass 
hier beträchtlich weniger auf den Kopf komme. Ueberdies 
müssten die Schauspieler 'alle Kosten des Hauses' {aü 
charges of the house whatsoever) für gemiethete Männer und 
Knaben, Musik, Beleuchtung &c. tragen, was sich jährlich 
auf 900 — 1000 Pfd. belaufe, abgesehen von den sehr be- 
deutenden Ausgaben für Garderobe, für die Dichter u. s. w. 
Die Eigenthümer dagegen hätten bis ganz vor Kurzem nicht 
mehr als 65 Pfd. jährliche Rente für beide Häuser zu- 
sammengenommen bezahlt und nähmen aus der Pacht für 
die zu den Theatern gehörigen Schenkstuben (iap houses)^ 
Gärten &c. zwischen 20 imd 30 Pfd. ein. Graf Pembroke 
ist (merkwürdig genug!) gar nicht abgeneigt, einen solchen 
Eingriff in das Eigenthumsrecht herbeizuführen, wobei er 
sich in höchst modemer Weise u. a. auf das Interesse des 
königlichen Dienstes (the int er est 0/ hts Majesties Service I) 
stützt. Die Eigenthümey machen selbstverständlich Gegen- 
vorstellungen und zwar in zwei getrennten Eingaben, deren 
eine die Burbages, die andere Shanks überreichen. Die 
erstem machen geltend, wie ihr Vater (James) mit erborg- 



28o 

tem Gelde die ersten Londoner Theater erbauet und wie 
seine Söhne die Erbschaft übernommen und mit grossem 
Kostenaufwande das Unternehmen fortgeführt hätten; 'to 
ourselves\ so fahren sie fort, ^wee joyned those deverveing 
men, Shakspere, Hemings, Coftdall^ Phillips ^ and others, 
parlners of that they call the House,' Diese standen also 
nicht auf gleicher Stufe mit ihnen. Bezüglich des Black- 
friars - Theaters bemerken sie, dass sie die Lease von Evans 
erkauften, ^ and placed men players' (im Gegensatz zu den 
von Evans beschäftigten Kindern) ^whick were Hemings^ 
Condallj Shakspeare &c.' Shanks weist den drei Bittstellern 
nach, dass sie gar nicht schlecht gestellt seien, indem sich 
das Einkommen eines jeden von ihnen im abgewichenen 
Jahre auf i8o Pfd. (nach jetzigem Geldwerthe also ungefähr 
gleich goo Pfd.) belaufen habe, wozu in Swanston's Falle noch 
der Ertrag eines Drittel -Antheils am Blackfriars- Theater mit 
34 Pfd. komme, und diesen Drittel -Antheil habe Swanston 
für 20 Pfd. erkauft, während er (Shanks) für das Gleiche 
60 Pfd. habe bezahlen müssen. Shanks hebt ferner hervor, 
dass die Erbauung des neuen Globus - Theaters nach dem 
Brande von 161 3 die Summe von 1400 Pfd. gekostet habe, 
dass die Eigehthümer die Miethe (rent) für beide Theater 
mit jährlich 100 Pfd., sowie die Kosten der unaufhörlichen 
Ausbesserungen u. s. w. zu tragen hätten , und kommt end- 
lich zu dem, wiederum sehr modern gefärbten Schlüsse, 
dass es ein unverletzlicher Grundsatz sei, dass niemand 
gezwungen werden könne, sich gegen seinen Willen von 
seinem Eigenthum zu trennen; er schliesst daher mit der 
Bitte, dass ihm gestattet werden möge, den Besitz dessen 
zu gemessen, was er ordnungsmässig gekauft und theuer 
bezahlt habe. Nichtsdestoweniger bietet Shanks den Peten- 
ten dem Befehle Seiner Lordschaft gemäss zwei Antheile 
zum Kaufe an, doch konnten sich die Parteien, wie es 
scheint, nicht über den Preis einigen. Graf Pembroke 
bleibt bei seiner Meinung und .überweist endlich die An- 
gelegenheit an Sir Henry Herbert, Sir John Finett und 
seinen Rechtsanwalt Daniel Bedingfield zur endgültig'en 
Regelung. 



28l 

Dürfen wir uns auf den Inhalt dieser Dokumente ver- 
lassen, so war Shakespeare nie Theilhaber, was freilich 
nach mehr als einer Seite hin imsern Glauben stark in An- 
spruch nimmt. Immer und immer wieder drängt sich die 
unbeantwortbare Frage auf, wie Shakespeare zu Wohlhaben- 
heit gelangte; sollte er, der die irdischen Dinge so gut zu 
würdigen wusste und die Wege um in ihren Besitz zu ge- 
langen, so gut kannte, nicht ebensowohl und vielleicht noch 
eifriger als Benfield, Swanston und PoUard danach gestrebt 
haben, in die günstig gestellte Minderheit der Eigen- 
thümer aufgenommen zu werden? Ausserdem scheint die 
hervorragende Stellung, die er in den obigen Verzeichnissen 
der Schauspieler einnimmt, sich schlecht damit zu vertragen, 
dass er in einem gewissen Dienstverhältniss zu Burbage imd 
seinen Miteigenthümem gestanden haben soll. Besonders 
auffallig scheint in dieser Beziehung die Rechnung über 
Kempe's, Shakespeare's und Burbage's Spiel vor der 
Königin im J. 1594. Unmöglich konnten doch diese drei 
Schauspieler allein ohne Mitwirkung anderer Kollegen zwei 
Lustspiele aufgeführt haben. Dass sie allein genannt wer- 
den, lässt sie in dem Lichte von Unternehmern oder Thea- 
terdirektoren erscheinen, und insofern möchte dieses Doku- 
ment mit den Urkunden aus dem J. 1635 wol in einem ge- 
wissen Widerspruch stehen. Dasselbe scheint von dem 
Patent Jakob's vom 17. Mai 1603 gesagt werden zu müssen; 
wie konnte das Shakespeare's Namen überhaupt und noch 
dazu vor Burbage enthalten, wenn nur der letztere, nicht 
aber der erstere zu den Eigenthümem gehörte und die 
Schauspieler voa diesem in Dienst genommen wurden ? Sol- 
len Shakespeare und Burbage hier lediglich in ihrer Eigen- 
schaft als Schauspieler in Betracht kommen, so konnte doch 
unmöglich Shakespeare den Vorrang von Burbage haben. 
Auch in der Liste der zu Jakob's feierlichem Einzüge mit 
neuen Kleidern versehenen Schauspieler steht Shakespeare 
obenan und Biu^bage ist erst der fünfte. Und welche Stel- 
lung nahm Fletcher in dieser Hinsicht ein? Oder verpach- 
teten die Eigenthümer ihr Theater an die Schauspieler und 
hatten weiter nichts damit zu thun? Auch das ist nicht 



282 

anzunehmen, denn sie spielten ja fast sämmtlich mit, und 
waren demgemäss an der Tageseinnahme betheiligt. Genug, 
die Schwierigkeiten imd Zweifel in Bezug auf Shakespeare's 
persönliches Verhältniss zum Theater sind noch keineswegs 
gehoben. 

Dieselbe Unsicherheit herrscht auch in der Mehrzahl 
der sporadischen Notizen, welche von den Auffuhrungen 
Shakespeare'scher Stücke bei Lebzeiten des Dichters be- 
richten. Die daraiif bezüglichen Einträge in den von Cun- 
ningham herausgegebenen Revels' Accounts sind, wie be- 
reits S. 8 bemerkt, Fälschungen, vielleicht mit Ausnahme 
derjenigen, welche aus den Rechnungen Lord Harrington's 
entnommen sind und sich auf die Auffuhrungen in Whitehall 
im J. 1613 beziehen; Dyce wenigstens (Shakespeare's Works, 
3" Ed., I, 93 fg.) scheint diese als acht gelten zu lassen« 
Auch die in Manningham's Tagebuche enthaltene Angabe, 
dass am 2. Februar 1601 — 2 Was Ihr Wollt im Middle 
Temple aufgeführt worden sei, unterlieget gleichfalls starken 
Verdachtsgründen, wie auf S. 201 erörtert worden ist. Dass 
dem Berichte Dugdale's (1605 — 1686) entsprechend an Licht- 
mess und anderen hohen Festen dramatische Vorstellungen 
im Tempel Statt fanden, darf als feststehend angenommen 
werden, und da der Tempel in unmittelbarer Nähe des 
Blackfriars- Theaters belegen war, so wird auch wol Kunde 
von Shakespeare's Stücken aus dem letztem herüberge- 
drungen sein, imd es ist an und für sich eine nichts weniger 
als unwahrscheinliche Voraussetzung, dass ein oder das 
andere Stück Shakespeare's im Tempel zur Auffuhrung ge- 
kommen sein mag. Allein welches diese- Stücke waren, 
vermögen wir eben so wenig zu sagen, wie wir die Frage 
beantworten können, in wie weit die im Tempel darge- 
stellten Schauspiele von Schauspielern oder von den Stu- 
denten selbst aufgeführt wurden. * 

Eine andere, jedoch nicht minder zweifelhafte Kombi- 
nation knüpft sich an Shakespeare's Richard ü. Es steht 
nämlich aktenmässig fest, dass vor dem unglückseligen 



I) Knight, Wm Sh.j a B. 461 fgg. 



283 ; 

Empörungsversuche des Grafen Essex wiederholt ein Ri- 
chard II aufgeführt worden ist, um nicht allein die Ver- 
schworenen, sondern wo möglich das ganze Volk aufzu- 
reizen und zu entflammen. Elisabeth selbst hat es gegen 
William Lambard ausgesprochen, dass diese Tendenzvor- 
stellungen viele Male sogar auf offener Strasse Statt ge- 
funden hätten; sie wusste, dass sie nach der Absicht der 
Verschwörer Richard's 11 Schicksal theilen sollte — I am 
Richard II, know ye not that ? sagte sie zu Lambard. Es 
liegt natürlich nahe, hierbei an Shakespeare's Richard IE 
zu denken , allein Knight ^ hat aus inneren imd äusseren 
Gründen die Unhaltbarkeit dieser Vermuthung nachgewiesen. 
Shakespeare 's Richard 11 würde dem Zwecke der Verschwo- 
renen kaum entsprochen haben, da uns dies Drama keines- 
wegs ohne Sympathie für den König lässt, imd die eigent- 
liche Absetzungsscene (die Einführung des Königs in der 
sog. Parlamentsscene im 4 Akt von Vers 154: May ü 
please yoUf lords, &c. bis Vers 318: That rise thus nimbly 
by a true king's /alt) erst in der Ausgabe von 1608 und 
nicht in den frühem enthalten ist. Man könnte diese andert- 
halb hundert Verse als ein späteres Einschiebsel ansehen, 
wenn sie nicht mit innerer Nothwendigkeit in *den Zu- 
sammenhang gehörten, und es ist daher wahrscheinlicher, 
dass sie, wiewohl ein ursprünglicher Bestandtheil des Dra- 
ma's, unter Elisabeth's Regierung nicht aufgeführt werden 
durften, eine Censur- Massregel, die ganz begreiflich wird, 
wenn man sich erinnert, dass der Kardinal Allen in seiner 
Admonition to the Nobility and People of England and 
Ireland (1588) und acht Jahre später sogar ^ der Papst selbst 
die Engländer offen zur Empörung gegen die Königin auf- 
rief. Gleichviel welche dieser beiden Erklärungsweisen wir 
uns aneignen mögen, jedenfalls war dem Stücke die gegen 
Elisabeth zu kehrende Spitze abgebrochen, wenn ihm die 
Absetzungsscene fehlte. Dazu tritt noch ein weiteres Argu- 
ment; die Schauspieler verweigerten anfänglich der Auffor- 
derung der Verschwörer, die durch Sir Gilly Merrick an 



I) Knight, Wm Sh.; a B. 410 fg. 



Ä 



— 284 — 

sie gerichtet wurde, Folge zu leisten, weil das Stück alt 
imd abgestanden sei und sie bei der Aufführung Schaden 
machen würden, so dass sich Sir Gilly Merrick genöthigt 
sah, dies Bedenken dadurch zum Schweigen zu bringen, 
dass er den voraussichtlichen Ausfall durch Zahlung von 
40 Schillingen deckte. Da dies in keiner Weise auf Shake- 
speare's Historie passt, so muss man mit Dyce annehmen,^ 
dass das von den Verschwörern bestellte Aufreizungs- Stück 
der ältere Richard 11 war, die ^ exoleta tragoedia de tra- 
gica abdicatione Regis Richardi Secundi\ wie sie Camden 
(Annales ed. Heame in, 867) bezeichnet. 

Eben so wenig als diese Darstellimg des Shakespeare'- 
schen Richard 11 lässt sich die angebliche Auffuhrung des 
Othello erweisen, die im August 1602 zu Harefield, dem 
Sitze des Lord Siegelbewahrers, zur Feier der Anwesenheit 
der Königin Statt gefunden haben soll. Diese Angabe be- 
ruht lediglich auf einer von Collier unter den sog. Egerton 
Papers entdeckten und in seinen New Particulars veröffient- 
lichten Handschrift, deren Aechtheit im höchsten Grade 
verdächtig ist , * so dass wir wol gerechtfertigt sind , wenn 
wir sie ohne Umstände bei Seite lassen und uns statt dessen 
denjenigen wenigen Notizen über Auffuhrungen Shake- 
speare'scher Stücke bei Lebzeiten des Dichters zuwenden, 
welche Anspruch auf Zuverlässigkeit besitzen. Die erste 
derselben verdanken wir Mr Rundall, der aus den hand- 
schriftlichen Schätzen der Ostindischen Gesellschaft die merk- 
würdige Thatsache ans Licht gefördert hat, dass im J. 1607 
sowohl Hamlet als auch Richard 11 unweit der Küste von 
Sierra Leone an Bord einiger nach Ostindien segelnden 
englischen Schiffe aufgeführt wurden. */ sent the inter-^ 
preter\ so schreibt Kapitän Keeling im Schiffsjournal des 

Dragon unter dem 5. September 1607, according to his 

• 

dester, abard the Hector^ whear he brooke fast, and after 



1) The Works of Wm Sh., 3^ Ed., IV, 102 fg. — Vergl. Malone's 
Shakespeare by Boswell (1821) I, 358 fg. II, 324 fßg- 

2) Knighl, Wm Sh.; a B. 465. — Dyce, Shakespcare's Works, S^'Ed., 

I» 77- 



285 

came abord mee^ where we gave the tragedie of Hamlett.^ 
Unter dem 30. desselben Monats hat Kapitän Keeling fol- 
gendes eingetragen: ^Captain Hawktns (sein SchifF hiess 
Hector) dined with mee^ wker my companians acted Kinge 
Richard the Secoftd.^ Am nächsten Tage wurde Kapitän 
Hawkins von Kapitän Keeling zu einem Fischessen einge- 
laden, worauf sie ' had Hantlet acted abord me: which I per- 
mitt to keepe my people from idleness and unlawfull games, 
ar sleepe.* ^ 

Eine andere hierher gehörige Nachricht, die sich wieder 
auf den Othello bezieht, ist uns erhalten in dem franzö- 
sischen Reisetagebuche Hans Jacob Wurmsers, der 1610 
im Gefolge des Prinzen (nach damaliger Titulatur Herzogs) 
Ludwig Friedrich von Würtemberg in London war. Am 
30. April des genannten Jahres besuchte der Prinz das 
Globus -Theater ^lieu ordinaire ou ton joue les Commedtes, y 
fut representi Vhistoire du More de Venise.'* Es lässt sich 
wol nicht zweifeln, dass dies Shakespeare's Othello war, 
wenngleich derselbe erst 1621 in die Buchhändlerregister 
eingetragen wurde und 1622 erschien. 

Aus den Rechnungen Lord Harrington's, der Jakob's 
Treasurer of the Chamber war, erhellt endlich, dass im 
Frühjahr 16 13 anlässlich der Vermählung der Prinzessin 
Elisabeth mit dem Pfalzgrafen folgende Shakespeare'sche 
Stücke in Whitehall aufgeführt wurden: Viel Lärmen um 
Nichts, Sturm, Wintermärchen, der Mohr von Venedig und 
*Caesar's Tragedye' (Halliwell, Life of Sh. 272). Auch ein 
Sir John Falstaff wird imter den übrigen Aufführungen ge- 
nannt; ob das etwa die Lustigen Weiber waren, lässt sich 
natürlich nicht entscheiden. 

Wenn wir jedoch ein vollständiges Bild von dem Büh- 
nenleben zu Shakespeare's Zeit gewinnen wollen, so reicht 
es nicht aus seihe eigene Stellung als Schauspieler zu kenn- 



i) Narratives of Voyages towards the North -West in Search of a Pas- 
sage to Cathay ed. by Th. Rundall (for the Hakluyt Society) 1849. Rye, 
England as seen by Foreigners CXI fg. 

2) Rye, England as seen by Foreigners CXVIII fg. 61. 



— 286 

zeichnen, sondern wir müssen auch seine Kollegen vom 
Theater in Betracht ziehen. Der freundliche Shakespeare 
stand zu ihnen allen in einem verträglichen und kollegiali- 
schen Verhältnisse, und wir hören nichts von Eifersucht, 
Neid und Ränken, wie sie in der heutigen Theaterwelt 
leider eine so grosse Rolle spielen. Es mag daran zu Shake- 
speare's Zeit vielleicht auch nicht gemangelt haben, doch 
wird er für seine Person sicherlich unbetheiligt gewesen sein. 
Nach allem was wir wissen, scheint im Ganzen ein anstän- 
diger Genossenschaftsgeist unter den Schauspielern ge- 
herrscht zu haben; si« achteten und unterstützten sich 
gegenseitig und fast in jedem ihrer Testamente werden den 
Freunden Ringe, Degen, und andere kleine Legate als 
Liebeszeichen ausgesetzt. Zunächst mag sich diese freund- 
schaftliche Gesinnung wol auf den Kreis der Kammerherm- 
Truppe beschränkt haben, welchem der von Henslowe und 
AUeyn geleitete Kreis mehr oder weniger fem stand; we- 
nigstens empfangen wir weder aus Henslowe's Diary, noch 
aus AUeyn's Memoirs — selbst ihre Echtheit vorausgesetzt 
— eine nennenswerthe Vermehnmg unserer Kunde von 
Shakespeare, denn der von Collier zu Tage geforderte Brief 
der Mrs AUeyn an ihren Gatten ist wenigstens insoweit als 
Shakespeare's Name darin vorkommen soll eine Fälschung. * 
Henslowe imd AUeyn pflegen allerdings nur diejenigen 
Dichter und Schauspieler zu verzeichnen, denen sie Geld 
vorschössen, und zu dieser Kategorie gehörte Shakespeare 
nicht. * London war aber überhaupt gross genug, um mehr 
als Einem Schauspielerkreise Raum zu gewähren. Wir 
beschränken uns auf Shakespeare's eigene Truppe und 
schliessen unsere Darstellung mit einigen Notjzen über die- 
jenigen seiner KoUegen (/ellows)^ welche laut des in der 



i) Memoirs of Edward AUeyn 63. Vergl, Knight 469. — Dyce, Sbake- 
speare^s Works, 3** Ed., I, 83, — Dass CoUier's Memoirs of Edward AUeyn 
mehr als Eine Fälschung enthalten, zeigt Dyce, Shakespeare's Works, 3 ** Ed., 

I, 138. 

2) Henslowe konnte mit Schiller's Marketenderin von sich sagen: 

Die halbe Armee steht in meinem Buch. 



287 

ersten Folio enthaltenen Verzeichnisses bei der AuflRihrung 
seiner Dramen mitgewirkt haben. * 

I. Richard Burbage (Bürbadge, Burbige). Bereits auf 
S. 135 ist erwähnt worden, dass die Familie Burbage aller 
Wahrscheinlichkeit nach aus Warwickshire stammte; Ri- 
chard Burbage's Geburtsort und Geburtsjahr aber sind, 
nachdem der darauf bezügliche angebliche Brief des Grafen 
Southampton an Graf EUesmere als eine Fälschung erkannt 
worden ist, aller Nachforschungen ungeachtet bis jetzt in 
Dunkel gehüllt geblieben. Vermuthen lässt sich, dass 
Richard Burbage, dessen Vater, wie wir gesehen haben, 
sein bürgerliches Gewerbe mit dem Schauspielerberufe ver- 
tauscht hatte, schon im jugendlichsten Alter die Bretter 
betrat, sowie dass er in Stratford die Bekanntschaft des 
jungen Shakespeare machte, r^och ehe dieser nach London 
kam. Die Truppe des Grafen Leicester, welcher Richard's 
Vater im J. 1574 und vielleicht auch später angehorte, war 
'575 bei den Princelie Pleasures in Kenilworth thätig. Wie 
und wann Richard Burbage in die Truppe des Lord Kam- 
merherrn aufgenommen wurde, ist unbekannt. Schon vor 
1 588 kommt sein Name in den Seven Deadly Sins vor, wo er 
Gorboduc und Tereus spielte ; die Zeitbestimmung ergiebt 
sich nach Collier H. E. Dr. P. m, 394 aus dem Umstände, 
dass Tarlton (the contriver 0/ the piece) im September des 
genannten Jahres mit Tode abging. Ueber die übrigen 
Rollen, in denen sich Richard Burbage auszeichnete, würden 
wir mit seltener Ausführlichkeit und Genauigkeit unter- 
richtet sein, wenn die von Collier veröffentlichte *Funeral 
Elegy on the Death of the Famous Actor, Richard Burbage, 
who died on Saturday in Lent, the 13. of March, 161 8' 
echt wäre. * Es sind jedoch so gewichtige Bedenken gegen 



1) S. Malone's Names of the Original Actors in the. Plays of Shak- 
speare und Chalmers' Farther Account of the Rise and Progress of the 
English Stage, beide in Malone's Shakespeare by Boswell (1821) m, 182 fgg. 
und m, 464 fgg. — CoUier's Memoirs of the Principal Actors in Shake- 
speare's Plays (for the Shakespeare -Society, 1846). 

2) Collier, New Particulars 29 — 3 1 . Memoirs of the Principal Actors 52 fgg. 
H. E. Dr. P. I, 430 fgg. Inglcby, Shakespeare's Centurie of Prayse 89, 164, 348. 



288 

dieselbe erhoben worden, dass ihr kein Werth beigemessen 
werden kann. Nur die wenigen, in Ingleby's Centurie of 
Prayse (89) abgedruckten Zeilen sind bis jetzt unbestritten; 
aus ihnen geht aber niu* die ohnehin bekannte Thatsache 
hervor, dass Richard Burbage den Hamlet spielte. Es kann 
jedoch kein Zweifel obwalten, dass er die Mehrzahl der 
grossen Glanzrollen in Shakespeare's Dramen gegeben hat, 
also Richard HE, Lear, Macbeth, Othello u. a.; wird doch 
vonFlecknoe namentlich seine Proteus -Natur gerühmt.* Für 
viele dieser Rollen war er sogar der erste Schöpfer, und 
seine Auffassung und Darstellung derselben pflanzte sich 
traditionell fort. Besonders verwachsen scheint er mit der 
Rolle Richards HE gewesen zu sein, denn in The Retum 
from Pamassus ist es diese, die er den Studenten beizu- 
bringen versucht, und aus Bischof Corbet's Iter Boreale 
erfahren wir, dass sein Wirth in Leicester, der ihm die 
Schlacht bei Bosworth schilderte, statt am Schlüsse zu 
sagen: King Richard died, begeistert ausrief: Burbage dicd 
(oder: King Burbage died?).^ Uebrigens besass R. Bur- 
bage gerade in den hochtragischen Rollen einen bedeuten- 
den Nebenbuhler an Edward Alleyn, der so gut wie er von 
den Zeitgenossen als Roscius und Proteus gefeiert wird, so 
z. B. von Thomas ■ Heywood in seinem Prolog zu Marlowe's 
Jew of Malta (1633). • Jeder dieser beiden grossen Künstler 
hatte eben sein Publikimi, und B. Jonson hat, um es mit 
keinem zu verderben, beiden gehuldigt, indem er in Bar- 
tholomew Fair V, 3 Biu^bage als 'besten Schauspieler* ein- 



1} In seinem Short Discourse of the English Stage (1664) und nach 
Collier auch in seinem Lobgedicht auf Burbage in 'Euterpe Restored* (1672). 
Malone giebt jedoch zu bedenken, dass Flecknoe die erstgenannte Schilde- 
rung schon vorher unter dem allgemeinen Titel 'An Excellent Actor' drucken 
Hess und dass er wahrscheiidich Burbage gar nicht oder doch nur als Knabe 
hat spielen sehen, da er erst 1682 oder 1683 starb. Eine sehr merkwürdige 
(wenn zuverlässige) Angabe Flecknoe's ist es , dass sich Burbage so sehr mit 
seiner jedesmaligen Rolle identifizirte , dass er sie auch während der Pausen 
im Ankleidezimmer nicht ablegte. 

2) Farmer's Essay in Malone's Shakespeare by Boswell (1821) I, 358 fg. 

3) Vergl. Collier, Memoirs of Edward Alleyn 8 fgg. — Malone's Shake- 
speare by Boswell (i 821) III, 502 fgg. 



- — 26g — - 

fuhrt und in seinen Epigrammen (No. LXXXIX) Ned Allen 
besingt. Die Schauspieler -Verzeichnisse in B. Jonson's Wer- 
ken berichten, dass Burbage in Every Man in his Humour 
(vermuthlich als Kitely), in Every Man out of his Humour, 
in Sejanus (in der Titelrolle), im Volpone, in Epicoene, im 
Alchymisten und im Catilina auftrat. In Webster's Duchess 
of Malfi gab er, wie aus den * Dramatis Personae' hervor- 
geht, den Herzog Ferdinand von Calabrien und in Mar- 
ston's Malecontent den Malevole. Collier zählt noch viele 
andere Rollen auf, die dieser ohne Zweifel sehr vielfach 
beschäftigte ^ alter Roscius' in Wirklichkeit oder doch 
in Collier's Phantasie spielte, es ist jedoch zu unsicher ihm 
auf diesem Pfade zu folgen; es ist aber auch überflüssig, 
da auch ohnedem feststeht, dass R. Burbage seihen Zeit- 
genossen einstimmig als der vielseitigste und genialste 
Schauspieler galt, der alle übrigen um eines Hauptes Länge 
überragte. Er war ein Schauspieler, sagt Sir Richard Ba- 
ker (1568 — 1644), *as no age must ever look to see the like! 
In die ihm gezollte Bewunderung und Verehrung mischt 
sich in der That kein einziger Misston ein. Auch als Mensch 
genoss er allgemeine Achtung und diejenige Shakespeare's 
im Besondem, denn dieser vermachte ihm 26 Schillinge 
8 Pence zu einem Ringe. Wie bereits erwähnt, erwarb er 
sich so viel Vermögen, dass es ihm gegen das Ende seines 
Lebens ein Jahreseinkommen von 300 Pfd. gewährt haben 
soll. ^ Er starb 161 8 — 9 in seinem Wohnhause in Holywell 
Street an der Pest, wie Chalmers, oder an einem Schlag- 
flusse , wie Collier will. In der That scheint er vorher nicht 
lange krank gewesen zu sein, denn er wurde am 16. März 
begraben, nachdem er erst am 12. März sein Testament 
gemacht hatte imd zwar in der für den Nothfall gestatteten 
mündlichen Form {a nuncupative wtll)\ wahrscheinlich starb 
er also am 13. März.* Nach MS Ashmol. No. 38 fol. 190 und 
Philpot's Zusätzen zu Camden's Remains erhielt er die be- 



1) Shakespeare's Works ed. Collier I, CCKXIL 

2) Nach Camden wäre er am 9. März 1619 gestorben. 
£Ue, Shakespeare. # IQ 



290 

rühmte Grrabschrift : Exü Burbage. Ausser mehreren andern 
Kindern hinterliess er einen Sohn William, der, einige Mo- 
nate nach Shakespeare'S'Tode geboren, wol diesem zu Ehren 
so getauft wurde; auch Heminge und Condell hatten Sohne, 
welche wahrscheinlich aus demselben Grunde William Wes- 
sen. Richard Burbage's Wittwe, Winifred, heirathete später 
den Schauspieler Robinson und behielt, wie wir gesehen 
haben, für sich und ihren Sohn William die von ihrem ersten 
Gatten Unterlassenen Antheile am Globus- und Blackfriars- 
Theater. Wie ihre übrigen Kinder abgefunden wurden, ist 
wieder eine von jenen unbeantwortbaren Fragen, die uns 
auf dem Gebiete dieser Forschungen auf Schritt und Tritt 
entgegentreten. Als ein Beweis, dass sich R. Burbage's 
Talent nicht bloss auf die Kirnst des Schauspielers be- 
schränkte, mag noch die weitverbreitete Tradition angeführt 
werden, nach welcher er sich auch mit Malerei beschäftigte. 
Einige Biographen haben sogar angenommen, dass das be- 
kannte, sogenannte Chandos - Porträt Shakespeare's von ihm 
herrühre, allein das heisst augenscheinlich Burbage's Lei- 
stungen auf diesem Felde, die doch nur dilettantische ge- 
wesen sein können, überschätzen; eher glaublich ist es, dass 
er der Zeichner des Droeshout'schen Bildes war, das, als 
ein offenbares Rollenbild, höchst wahrscheinlich im Theater 
selbst angefertigt worden ist. ^ Ueber Vermuthungen kommt 
man auch hier wieder nicht hinaus. 

n. John Heminge (unter der Widmimg und der Vorrede 
der ersten Folio steht Heminge, im Schauspielerverzeichniss 
derselben dagegen Hemmings) war allem Vermuthen nach 
gleichfalls ein Landsmann Shakespeare's. Ein in Shottery 
ansässiger John Heminge liess 1567 in Stratford eine Toch- 
ter und ein ebenfalls in Shottery wohnhafter Richard He- 
minge am 7. März 1570 ebenda einen Sohn Namens John 
taufen. Dies kann jedoch schwerlich der Schauspieler ge- 
wesen sein, da wir wissen, dass sich dieser am 10. März 



I) S. den Anhang über Shakespeare's Bildnisse. 



291 

1587 — 8 in London mit Rebecca Knell verHeirathete und 
B. Jonson ihn 161 6 in seiner Masque of Christmas *old Mr 
Heminge^ nennt. Da Jonson zu dieser Zeit 42 Jahr alt war, 
so müssen wir — wie Collier schliesst — für Heminge min- 
destens 60 Jahre annehmen, so dass er also um 1556 ge- 
boren sein müsste — mithin vor Beginn des Stratforder 
Kirchenbuches. Heminge starb im Oktober 1630 in seinem 
Hause in Aldermanbury imd zwar wie es scheint eines 
schnellen Todes (Malone vermuthet an der Pest), da er nicht 
einmal mehr sein Testament unterschreiben konnte. Wäre 
mm Collier's Annahme richtig, so würde er 74 Jahre alt 
geworden sein, was im Vergleich zu der Lebensdauer der 
Mehrzahl seiner Kollegen imd Freunde wol als eine Aus- 
nahme angesehen werden müsste. Er gehörte nicht allein 
zu den Eigenthümern des Globus, sondern auch zu denen 
des Blackfriars- Theaters und besass, wie oben angegeben, 
vier Antheile am erstem. Ueberdies betrieb er nebenbei 
ein bürgerliches Gewerbe als 'grocer\ wenigstens bezeich- 
net er sich selbst in seinem Testamente als 'grocer and Citi- 
zen of London* und nicht als 'player,' Wahrscheinlich hatte 
er nach einer scharfsinnigen Vermuthung Malone's (Malone's 
Shakespeare by Boswell HI, 190) bereits 1623 aufgehört zu 
spielen, wenngleich ihn das Kärchenbuch von St. Mary's, 
Aldermanbury, bei der Beerdigung als player auffuhrt; er 
mochte der Bühne noch als Direktor oder Regisseur (mana- 
ger) angehören. Allem Anschein nach war er daher wol 
ein vermöglicher Mann und es ist schwer verständlich, wie 
er in seinem Testamente so ausführliche imd ängstliche 
Vorkehrungen treffen konnte, um etwaige Schulden nach 
seinem Tode zu bezahlen. Trotzdem er nämlich zahlreiche 
Kinder (er hatte im Ganzen dreizehn) imd Enkel hinterliess, 
so ordnet er nichtsdestoweniger behufs der Schuldentilgfung 
den alsbaldigen Verkauf aller seiner 'leases, goods, chattles, 
flate, and household stuffe whatsoever^ an und bestimmt, dass, 
wenn der daraus gewonnene Erlös unzulänglich sein sollte, 
auch die Einkünfte aus seinen Theater -Antheilen unter ge- 
wissen Bedingungen dazu verwendet werden sollen. Zum 
Testamentsvollstrecker ernennt er seinen Sohn William, der 

19* 



2gi 

in Oxford studirt hatte und sich später als dramatischer 
Dichter bekannt machte. * 

Ueber Heminge's Befähigung als Schauspieler wie über 
die Stücke und Rollen, in denen er auftrat, ist keine Nach- 
richt auf uns gekommen, und es hat den Anschein, als hätte 
seine Stärke nicht sowohl im Spiel, als in der Theaterver- 
waltung und Regie gelegen. Wie aus Cimningham's Revels' 
Accounts hervorgeht (vorausgesetzt, dass die Stelle öcht 
ist) besorgte er namentlich die Geldgeschäfte für die Gresell- 
schaft, vertheilte die vom Hofe bewilligten Honorare und 
Gnadengeschenke unter sie, u. s. w. So würde sich erklä- 
ren, dass er in den Schauspielerverzeichnissen und Patenten 
unter den ersten aufgeführt zu werden pflegt. Schon hier- 
aus lässt sich schliessen, dass er in einem nähern Ver- 
hältnisse zu Shakespeare gestanden haben mag, was durch 
den Umstand bestätigt wird, dass ihm Shakespeare letzt- 
willig 26 Schillinge 8 Pence zu einem Ringe aussetzte. 
Nach des Dichters Tode betheiligte sich Heminge an der 
Herausgabe seiner Werke und zwar scheint er, nach der 
Reihenfolge der Namen zu urtheilen, der Hauptherausgeber 
gewesen zu sein. 

Wie bereits erwähnt soll auch Heminge so gut wie 
Shakespeare sich öin Wappen haben verleihen lassen, was 
freilich mit seinem Berufe als Krämer wenig verträglich ge- 
wesen wäre. Die Verleihungsurkunde vom 2. März 1628 
nebst Wappen ist in Malone's Shakespeare by Boswell HI, 
197 abgedruckt; bezieht sie sich wirklich auf unsem John 
Heminge — er wird darin als ein langjähriger Diener d. h. 
Schauspieler der Elisabeth sowie König Jakob's bezeichnet 
— so stammte er nicht aus Warwickshire , sondern aus 
Droitwich in Worcestershire , also immerhin nicht allzuweit 
von Stratford. 

ni. AuGusTiNK Philips (Phillips) spielte in Tarlton's Platt 
of the Seven Deadly Sins den Sardanapalus. ^ In König 



i) Ausser einem verloren gegangenen Stücke: The Coursing of the 
Hare; or, The Madcap, schrieb er The Fatal Contract (1653 und 1661) und 
The Jew's Tragedy (1662). 

2) Malonc's Shakespeare by Boswell (1821) III, 348 fg. 356. 



293 

Jakob's Patent von 1603 wird er unmittelbar nach Bur- 
^age genannt. Ueber seine Leistungen auf der Bühne ist 
nichts Näheres bekannt; maa nimmt — allerdings ohne Be- 
weisgründe — an, dass er meist niedere und komische 
Charactere gespielt habe. In seinem Privatleben war er 
durchaus achtungswerth und erwarb sich nicht unbeträcht- 
liches Vermögen, namentlich ein Grundstück in Mortlake 
(Surrey) , wo er auch anfangs Mai 1605 starb und seinem 
letzten Willen gemäss in der Kirche beigesetzt wurde. In 
diesem Testamente setzte er mehreren seiner Kollegen 
kleine Legate zu Andenken aus; obenan unter ihnen steht 
Shakespeare, der mit 'a thirty Shillings peece in gould' 
bedacht wird. Zur Testamentsvollstreckerin wird seine 
Wittwe ernannt, so lange sie nicht wieder heirathet; sie . 
that das jedoch zwei Jahre später, und da minderjährige 
Kinder und andere Erben vorhanden waren, so gfing die 
Testamentsvollstreckung auf Heminge über, dem dafür eine 
silberne Bowle im Werthe von fünf Pfund testamentarisch 
ausgesetzt war. * Uebrigens versuchte sich Phillips auch als 
dramatischer Dichter, indem er ein Ballet The Jig of the 
Slippers schrieb, das 1593 (oder 1595) in die Register der 
Buchhändlergilde eingetragen wurde. 

IV. William Kempe (Kemp) war nach Heywood's Apology 
for Actors (ed. Collier for the Shakespeare - Society 43) der 
Nachfolger Tarltons sowohl in der Gunst des Hofes, wie in 
der des Publikums. Sein Rollenfach waren die Clowns und 
wie Tarlton war er berühmt wegen seines Talentes zu ex- 
temporiren, so dass es nicht unglaublich ist, dass Shake- 
speare's strenge Mahnung gegen das Improvisiren (Hamlet 
III, 2) vorzugsweise auf Kempe gemünzt war. Zu seinen 
Rollen gehörte namentlich Dogberry in Viel Lärmen um 
Nichts und Peter und wahrscheinlich auch Balthasar in 
Romeo und Julie, wie sich aus den alten Ausgaben dieser 
Stücke ergiebt , wo einige Male aus Versehen . Kempe's 
Name anstatt des Namens der dargestellten Person gesetzt 



l) Malone*s Shakespeare by Boswell (1821) IH, 470 fgg. 



294 

ist.* Vermuthlich gehörten also auch I^uncelot im Kauf- 
mann von Venedig, Launce* in den beiden Edelleuten von 
Verona, Touchstone in Wie es Euch gefallt und der erste 
Tt)dtengräber im Hamlet zu seinen Rollen. Aus The Retum 
from Pamassus, wo er mit Burbage und Heminge* nament- 
lich aufgeführt wird, ergiebt sich einmal, dass er ein Meister 
im Mienenspiel und zweitens, dass er in Italien gewesen und 
dort als Morristänzer aufgetreten war. • In dieser letzten 
Eigenschaft gewann er, wie es scheint, die grösste Berühmt- 
heit; er tanzte sogar von London nach Norwich Morris und 
beschrieb diesen abenteuerlichen Scherz in dem bekannten 
Pamphlet *A Nine Days' Wonder.' ' Nash widmete ihm sein 
Pamphlet *An Almond for a Parrot' mit den Worten: *To that 
most comicall and conceited Cavaleiro Monsieur du Kempe, 
Jestmonger, and vice-gerenf generali to the Ghost of Dicke 
Tarleton' Kempe schrieb auch mehrere Jigs, wie aus den 
Buchhändler -Registern hervorgeht, so das New Jigg of the 
KitchenstufF Woman, das New Jigge betwixt a Souldier and 
a Miser and Sym the Clowne und The Men of Gotham, das 
jedoch nicht als ein Jig, sondern als ein ^mcrrymenf be- 
zeichnet wird. Marston spottet in seinem Scourge of Villanie 
(1599) über Kempe's Jig. Von Kempe's Privatleben wissen 
wir eigentlich nichts, oder doch nur Negatives: er stammte 
schwerlich aus Warwickshire , denn der Name kommt dort 



i) FA liest in Much Ado IV, 2 Kemp st. Dogberry und Cowlie st. 
. Verges. In Romeo und Julie IV, 5 liest QB (1599): Enter Will Kemp st. 
Enter Peter und in V, 3 : Enter Romeo and Peter st. Enter Romeo and Bai' 
thazar. Siehe: Romeo and Juliet. Parallel -Texts of the First Two Quartos. 
Ed. by P. A. Daniel. (Publ. for the New Shakspere • Society 1874). QA 
hat an der ersten Stelle: Enter Seruingman, 

2) Auch vor dem deutschen Kaiser scheint er getanzt zu haben. Shake- 
speare-Jahrbuch VIII, 50 und 56. 

3) Der volle Titel lautet: Kemps nine daies wonder performed in a 
daunce from London to Norwich. Containing the pleasure, paines and kind 
entertainment of William Kemp between London and that city, in his late 
morrice. Wherein is somewhat set downe worth note ; to reprooue the slaun- 
ders spred of him: many things merry, nothing hurtfuU. Written by him- 
selfe, to satisüe his friends. Lond. 1600. — Nette Ausgabe von Rev. AI. 
Dyce für die Camden - Society (London, 1S40). 



295 

nicht vor; er war schwerlich verheirathet und hat auch schwer- 
lich Vermögen erworben, denn es hat sich kein Testament 
von ihm vorgefunden. Auch stand er seinen Kollegen Bur- 
bage, Heminge u. A. schwerlich an Bildimg gleich. Unge- 
fähr zur Zeit des Regierungsantritts Konig Jakob's verschwin- 
det er, man weiss nicht wie und wohin, nur ergiebt sich aus 
Decker's Gid's Hombooke, dass er 1609 zu den Todten ge- 
horte. Neun Jahre später enthalten Braithwaite's Remains 
eine Grabschrift auf ihn (Upon Kempe and his Morice^ with 
his Epitaph), die in Malone's Shakespeare by Boswell (182 1) 
m, 198 abgedruckt ist. 

V. Thomas Pope, unbekannter Herkunft, war nebst 
seinem Kollegen George Bryan mit den sog. englischen 
Komödianten nach dem Festlande gegangen und dort in die 
Dienste Friedrichs 11 von Dänemark getreten , der jedoch 
im J. 1586 seine englische Truppe dem Kurfürsten Christian 
von Sachsen überliess. In dem bei Cohn (Shakespeare in 
Germany XXV) abgedruckten Bestallimgsdekret werden 
allerdings diese fünf Engländer als 'Geyger und Instrumen- 
tisten' bezeichnet, doch wird daneben auch ihre 'Spring- 
kimst imd anderes was sie in Zirligkeit gelemett' namhaft 
gemacht.^ Die Schwierigkeit ist nur eine scheinbare. Pope 
war ein Clown,* er verstand daher, wie Kempe u. A., Jigs, 
Morris &c. zu tanzen und sich dazu auf Tabor und Pipe zu be- 
gleiten. Noch vor 1 589 muss er nach England zurückgekehrt 
sein, denn in den Seven Deadly Sins gab er den Arbactus. 
Dann trat er in Jonson's Every Man in his Humour und 
Every Man out of his Humour auf und stand 1597 — 8 mit 
Heminge an der Spitze der Kammerherm -Truppe. Auch 
erwarb er sich Theater -Antheile und anderes Eigenthum und 
war überhaupt eine geachtete Persönlichkeit, wie sich schon 
daraus abnehmen lässt, dass er fast stets Mr Pope genannt 



i) Als Gehalt erhielt jeder von den funfen ein hundert Thaler, acht 
Thaler zu *Häuss Zinss oder herbrigen Geldt,' jährlich ein Kleid, sowie 
'freien Tisch zu Hoffe, Auch wenn wir Raisen, freye fhuer/ 

2) Malone's Shakespeare by Boswell (182 1) m, 199. 



296 

wird. Er scheint nicht verheirathet gewesen zu sein. Er 
wohnte im Kirchspiel St. Saviour's in Southwark und starb 
daselbst im Februar 1603 — 1604. In seinem noch vorhan- 
denen Testamente setzte er die Summe von 20 Pfd. zur 
Bestreitung seines Begräbnisses und zur Errichtung eines 
Grabdenkmals aus.^ Heywood (Apology for Actors ed. 
Collier 43) zollt ihm folgende Anerkennung : 'Gabriel Singer, 
Pope, Phillips, Sly, all the right I can do them is but this, 
that, though they be dead, their deserts yet live in Ihe remem" 
brance of many* 

VT. George Bryan war, wie erwähnt, mit Thomas Pope 
in Dänemark und Deutschland, wo sein Name als Beyzandt 
germanisirt wurde, und gab nach seiner Rückkehr in den 
Seven Deadly Sins den Grrafen Warwick; nach Chalmers in 
Malone's Shakespeare by Boswell III, 505 spielte er die- 
selbe Rolle auch in Heinrich VI (1592), was wol auf einem 
Irrthum beruht.* Zeit und Ort seines Todes sind ebenso 
unbekannt wie Zeit und Ort seiner Geburt, da bis jetzt kein 
Testament von ihm aufgefunden worden ist. 

Vn. Henry Condell (so steht in der ersten Folio, wäh- 
rend die Unterschrift unter dem Testamente Cundall lautet), 
der zweite Herausgeber der ersten Folio, unbekannt wann 
und wo geboren, gestorben im December 1627. Wie sein 
Kollege Heminge wohnte er in Aldermanbury und versah 
in diesem Kirchspiel 1606 das Amt eines 'sideman* Er war 
ein bedeutender Theilhaber an den Theatern und sehr ver- 
mögend ; namentlich besass er ein Landhaus in Fulham, wo- 
hin er sich wol zurückzuziehen pflegte, wenn in London die 
Pest herrschte. Als Schauspieler war er wol weniger aus- 
gezeichnet (er wird nirgends von den Zeitgenossen geprie- 
sen) als verwendbar, wenigstens trat er nach Collier's An- 



i) Malone's Shakespeare by Boswell III, 506 fg. 

2) Cohn, Shakespeare in Germany XX VII. — Cohn giebt ein Fac- 
simile seiner Namens.unterschrift ; ebenso auch facsimilirte Unterschriften von 
Pope, King &c. 



- 297 - - 

gäben in zahlreichen Rollen auf. In den Seven Deadly Sins 
gab ,er den Ferrex ; dann spielte er in B. Jonson's Stücken 
(Every Man in his Humour, Sejanus, Volpone, Alchymist und 
Catilina) und jedenfalls auch in Beaumont und Fletcher's 
Schauspielen. In Webster's Duchess of Malfi war er der 
ursprüngliche Darsteller des Kardinals. In dem königlichen 
Patent von 1603 ist er der sechste. Phillips vermachte ihm 
ein 30 Schilling -Stück in Gold — gerade so viel wie dem 
unmittelbar vor ihm genannten Shakespeare — und Shake- 
speare selbst 26 Schillinge 8 Pence zu einem Ringe. Nach 
einer allerdings unbewiesenen Annahme hätte Condell neben 
der Schauspielerei noch die Buchdruckerei betrieben. Col- 
lier (Memoirs of the Principal Actors 142) hat ausfindig ge- 
macht, dass ihm ein Pamphlet *The Runaway's Answer' 
gewidmet wurde. Condell hatte eine zahlreiche Familie, 
doch scheinen ihn nur drei Kinder überlebt zu haben ; seine 
Wittwe beschloss ihr Leben erst im J. 1635. 

VlLL. William Sly stammte möglicher Weise aus War- 
wickshire, wo dieser Name (wie anderswo) sehr gewöhnlich 
ist; man weiss von seinen Lebensumständen nur, dass er 
unverheirathet, Hausbesitzer (in Holywell Street) und Theil- 
haber am Globus war und 1608 starb, wobei er im Kirchen- 
buche als 'Gentleman' bezeichnet wird. Sein Testament hat 
einen sehr unregelmässigen Charakter und entbehrt der 
Unterschrift; möglicher Weise ist es gar nicht echt. Sly 
spielte den Porrex in den Seven Deadly Sins und wurde 
zugleich mit Burbage, Condell und Löwin in der Einleitung 
zu Marston's Malecontent (1604) namentlich eingeführt. Auch 
hatte er Rollen in Every Man in his Humour, Every Man 
out of his Humour,, Sejanus und Volpone; vielleicht war er 
auch Osrick im Hamlet, wie sich aus einer Stelle im Male- 
content schliessen lässt. In König Jakob's Patent von 1603 
ist er der siebente. 

IX. Richard Cowley, über dessen Herkunft und Geburts- 
jahr nichts bekannt ist, soll nach Chalmers in Holjrwell Street 
gewohnt haben imd wurde auf dem Kirchhofe von St. Leo- 




— 298 — 

nard's, Shoreditch , begraben und zwar drei Tage früher, als 
sich an derselben Stelle das Grab für Richard Burbage 
öffnete. Er hinterliess Famüie; ob auch Vermögen, wissen 
wir nicht, da kein Testament von ihm vorhanden ist. In 
den Seven Deadly Sins spielte er den Giralduis; von seinen 
übrigen Rollen ist nur^Verges in Viel Lärmen um Nichts 
bekannt (s. Kempe). In B. Jonson's imd Beaumont und Flet- 
cher's Personenverzeichnissen kommt er nicht vor und könnte 
mithin in ihren Stücken nur in untergeordneten Partien auf- 
getreten sein. Das Patent König Jakob's von 1603 fuhrt ihn 
an letzter Stelle auf. Augustin Phillips vermachte ihm 1 605 
zwanzig Schillinge. 

X. John Löwin (Lowine, Lowyn, Löwen) war zufolge des 
auf seinem Bilde im Ashmolean Museimi zu Oxford befind- 
lichen Datums im J. 1576 geboren. Aus zwei Stellen in 
Henslowe's Diary (ed. Collier 234 und 244) scheint hervor- 
zugehen, dass Löwin im J. 1602 zu den Schauspielern des 
Grafen Worcester gehörte. In König Jakob's Patent wird 
er nicht genannt, gehörte also damals wol noch nicht zur 
königlichen Truppe, oder doch nur in einer untergeordneten 
Eigenschaft. Im J. 1604 kommt er in der Einleitung zu 
Marston's Malecontent vor; 1605 trat er im Volpone, 16 10 
im Alchymisten und 161 1 in Catilina auf. Ausserdem spielte 
er den Morose in The Silent Woman, Bosola in The Duchess 
of Malfi und zahlreiche andere Rollen, Auch Falstaff^ Hein- 
rich VIII und Hamlet soll er gegeben haben, jedoch, wenn 
überhaupt, so jedenfalls erst nach der Restauration. Nach 
dem Rücktritte von Heminge und Condell scheinen Löwin 
und Taylor an die Spitze der Gesellschaft getreten zu sein, 
wenigstens handeln sie als Vertreter der Gesellschaft in einer 
Misshelligkeit, in welche dieselbe im J. 1633 mit dem Master 
of the Revels Sir Henry Herbert wegen des Stückes *The 
Tamer Tamed' gerieth.* Die Gesellschaft fug^e sich und 
führte das verbotene Stück nicht eher auf, als bis es Sir 
Henry von ^oathsy prophaness, and ribaldrye' gereinigt hatte ; 



I) Anders in Malone's Shakespeare by Boswell (1821) III, 517. 



299 

Löwin und Swanston thaten sogar Abbitte wegen ^their ill 
manners' Der Bürgerkrieg beraubte Löwin seiner theatra- 
lischen Habe, so dass er in Noth gerieth und sich um ge- 
ringen Gelderwerbes willen 1647 ^^^ neun Kollegen zur 
Herausgabe von Beaumont und Fletcher's Werken und 1652 
mit Joseph Taylor zur Herausgabe von Fletcher's 'Wild 
Goose Chase' verband. Endlich finden wir den alten Mann 
sogar als Gastwirth zu den Drei Tauben in Brentford bis er 
im 84. Jahre zu London starb (März 1658 — 1659). 

XI. Samuel Cross ist sowohl was seine Lebensumstande, 
als auch was sein Verhältniss zur Bühne und seine künst- 
lerischen Leistungen anbelangt, gänzlich imbekannt. Hey- 
wood (Apology for Actors ed. Collier 43) erwähnt zwar 
einen Schauspieler Namens Cross mit grossem Lobe, fugt 
aber hinzu, dass er ihn nicht mehr gesehen habe; hat er 
also Samuel Cross* gemeint, so müsste derselbe vor 1600 
gestorben sein. 

Xn. Alexander Cooke. Malone muthmasst, dass er der 
in den Seven Deadly Sins als Frauendarsteller vorkommende 
Saunder (= Alexander) war. Dass Cooke Frauenrollen spielte 
wird daraus geschlossen, dass er in den Schauspielerver- 
zeichnissen zu Sejanus und Volpone zuletzt genannt wird. 
In der Liste zum Alchymisten nimmt er jedoch die vierte 
und in der zum Catilina sogar die zweite Stelle ein, so dass 
er in diesen beiden Dramen schwerlich Frauenrollen gehabt 
haben kann. Auch in Beaumont und Fletcher's Captain war 
er beschäftigt. Augustin Phillips vermachte ihm 20 Schil- 
ling in Gold. Er starb im Februar 161 3 — 161 4 und hinter- 
liess eine Frau (in gesegneten Umständen) und zwei Kinder. 
Aus seinem eigenhändig geschriebenen Testamente geht 
hervor, dass er in leidlichen Vermögensimiständen lebte. 

Xin. Samuel Gilburne war ein Lehrling des Augiistin 
PhUlips, wie aus dessen Testamente hervorgeht. *Itefn, so 
heisst es daselbst, I geve to Samuell Gilborne my late appren- 
tice , the Some 0/ Fortye Shillings and my mause coUoured 
Velvif hose and a White Taffety Düblet a blocke taffety 



300 

su^e my purple Cloke Sword and Dagger and my Base Viall* 
Das letztgenannte Instrument >yäre ihm natürlich von keinem 
Nutzen gewesen, wenn er nicht musikalisch gewesen wäre 
und es zu spielen verstanden hätte. Ausser in dem Schau- 
spielerverzeichniss der ersten Folio kommt Gilbume in kei- 
nem andern vor; vielleicht zog er sich zeitig von der Bühne 
zurück oder starb jung. 

XIV. Robert Armin war nach Oldys' Angabe ursprüng- 
lich Lehrling bei einem Goldschmied in Lombard Street, bis 
Tarlton auf ihn aufmerksam wurde und ihn zu seinem Zög- 
ling und Adoptivsohn annahm.* Dann gehorte er einige 
Zeit der Truppe des Lord Chandos (gest. 1602) an, wie aus 
seinem Nest of Ninnies (ed. Collier 37 fg.) hervorgeht. In 
dem Patente König Jakobs von 1603 ist er der achte (vor- 
letzte). Augustin Phillips ehrte ihn 1605 durch ein Legat 
von 20 Schillingen. Sein Rollenfach war eigentlich das der 
Fools und Clowns, wie sich aus einigen Versen ergiebt, die 
Davies von Hereford 161 1 an ihn richtete. Im J. 16 10 trat 
er im Alchymisten auf. Collier (Memoirs of the Principal 
Actors 196) vermuthet, dass er um 1600 mit Lawrence Flet- 
cher in Schottland war, allein diese H3rpothese ist nicht ge- 
nügend unterstützt. In den Kirchenbüchern kommt sein 
Name nicht vor, und ein Testament von ihm ist nicht auf- 
gefunden worden; wir wissen also nichts über seine Familien- 
verhältnisse oder seine Vermögensumstände , ja nicht einmal 
über die Zeit seines Todes. Allerdings scheint er nicht 
wohlhabend gewesen zu sein, da er sonst nicht auf Gelder- 
werb durch Schriftstellerei Bedacht genommen haben würde; 
er ist aber fast bekannter als Schriftsteller wie als Schau- 
spieler geworden. Bereits im J. 1603 nennt ihn Gabriel 
Harvey *on€ of the comniott pamphleteers of LondofiJ Sein 
bekanntestes Pamphlet ist sein Nest of Ninnies (1608), wel- 
ches von Collier fiir die Shakespeare - Gesellschaft neu her- 
ausgegeben worden ist. Ausserdem schrieb er das Schau- 



I) Tarlton's Jcsts and News out of Purgatory cd. Halliwell (for ttc 
Shakespeare - Society) 22. 



30I 

spiel: The History of the Two Maids of Moreclacke (Mort- 
lake), das 1609 von den Children of the King's Revels ge- 
spielt wurde. Femer: Phantasm the Italian Tailor and his 
Boy {1608), eine Bearbeitung aus Straparola. Vielleicht rührt 
auch das Drama: The Valiant Welshman by R. A. Gent. 
(16 15) von ihm her. Die Liste seiner schriftstellerischen Er- 
zeugnisse ist damit sicherlich nicht erschöpft. 

XV. William Ostler gehörte 1601 zu den Kindern der 
Königlichen Kapelle und trat in dieser Eigenschaft (zusam- 
men mit Nat. Field und John Underwood) in Jonson's Poe- 
taster auf. Später spielte er im Alchymisten, in Catilina, 
in Beaumont und Fletcher's Captain, Bonduca und Valen- 
tinian; auch gab er den Antonio in The Duchess of Malfi, 
1623. Ostler war verheirathet und hatte nach Collier einen 
Sohn, der Beaumont getauft worden war — vielleicht war 
der Dichter sein Pathe. Wann er starb, ist unermittelt, da 
sich kein Testament aufgefunden hat. John Davies von 
Hereford besingt ihn in The Scourge of Folly als ^the 
Roscius of these tinies* 

XVI. Nathaniel field (auch Nathan und kurzweg Nat.), 
talentvoll und hervorragend als Schauspieler wie als Schrift- 
steller, war im Oktober 1587 zu London geboren als der 
Sohn eines (bereits im März 1587 — 1588 verstorbenen) puri- 
tanischen Geistlichen, der in Wort und Schrift gegen das 
Theater eiferte. So wenigstens giebt Collier an, der auch 
herausgebracht hat, dass Nathaniel ursprünglich bei einem 
Stationer als Lehrling diente, und dass der nachmalige 
Bischof von Llandaff^und Hereford, Theophilus Field, ein 
Bruder von ihm war.* Sicher ist, dass Nat. Field zu den 
königlichen Kapellknaben gehörte und als solcher in B. Jon- 
son's Cynthia's Revels eine Hauptrolle hatte. Vermuthlich 
ist er auch in Frauenrollen aufgetreten, wozu ihn sein 
Aeusseres sehr befähigte, so weit wir nach seinem in Dul- 
wich aufbewahrten Bilde urtheilen können. Später spielte 



I) The Shakespeare -Society's Papers IV, 38. H. E. Dr. P. I, 253. 
Spenser's Works ed. Collier I, LXXI. 



302 

er die ersten Rollen in Jonson's Poetaster und Epicoene und 
die Titelrolle in Chapman's Bussy d'Ambois. B. Jonson war 
sehr eingenommen von ihm und stellt ihn unmittelbar neben 
Burbage,* ja Flecknoe in seinem Short Discourse of the 
English Stage weist ihm sogar seinen Rang über diesem an. 
Field scheint viel Geld verdient, aber mit genialem Leicht- 
sinn gewirthschaftet zu haben, so dass er in Noth und sogar 
in Schuldhaft gerieth.* Er war verheirathet (Collier hat ent- 
deckt, dass er sehr eifersüchtig war und desshalb den Othello 
vorzüglich spielte), hatte Kinder und starb (ohne Testament) 
im Februar 1632 — 1633, nachdem er sich, wie es scheint, 
schon längere Zeit von der Bühne zurückgezogen hatte; 
wenigstens war er in der Duchess of Malfi (1623) nicht be- 
schäftigt. Von seinen dramatischen Schriften ist Woman is 
a Weathercock (imi 16 10, gedruckt 161 2) am bekanntesten; 
ausserdem schrieb er: Amends for Ladies (16 18) imd im 
Verein mit Massinger: The Fatal Dowry (1632). Man hat 
gezweifelt, ob der dramatische Dichter und der Schauspieler 
ein und dieselbe Person gewesen seien ; dieser Zweifel scheint 
jedoch glücklich beseitigt zu sein. Chapman nennt ihn in 
seinen Commendatory Verses zu Woman is a Weathercock 
*his loved son' und gedenkt seiner auch im Prolog zu Bussy 
d'Ambois (1641) mit Lob. 



i) In Bartholomew Fair V, 3 heisst es: 

Cokes. — — Which is your Burbage now? 

Leath. What mean you by that, sir? 

Cokes. Your best actor, your Field? 

Lit. Good, i* faithl you are ruen wit^ me, sir, 

Leath. This is he^ that acts young Leander, sir: he is extremely 
beloved of the womenkind, they do so affect his action, the green ga- 
mesters, that come here! 

Dürfen wir die letzte Aeusscrung auf Field beziehen, so würde sie zu 
den übrigen Andeutungen passen. Es ist um so glaublicher als Field selbst 
eine Rolle in Bartholomew Fair hatte. 

2) Malone's Shakespeare by Boswell (1821) III, 337. Memoirs of Edw. 
Alleyn ed. Collier 118. 120. The Alleyn Papers ed. Gollier 48. 65. 78. — 
Field gehörte damals zu Henslowe's Gesellschaft und trat erst später in die 
Königstruppe ein. 



- - 303 

XVn. John Underwood trat in sehr vielen und verschie- 
denen Stücken auf, war also wol ein sehr brauchbarer, 
wenngleich kein ausgezeichneter Schauspieler, einer der, 
wie man zu sagen pflegt, keine Rolle verdarb. Mit Nat. 
Field gehörte er zu den Kapellknaben und spielte in Cyn- 
thia's Revels (1600) und im Poetaster (160 1). Später trat er 
im Alchymisten (1610) und in Catilina (161 1) auf und gab 
den Delio in der Duchess of Malfi. Ausserdem war er in 
fast allei} Stücken von Beaumont und Fletcher beschäftigt. 
Obwohl er Antheile am Globus, am Blackfriars und am 
Curtain besass, scheint er doch nicht in guten Umständen 
gewesen zu sein, was sich daraus abnehmen lässt, dass ihm 
Nicolas Tooley 1623 letztwillig seine Schuld erliess. Under- 
wood starb im Januar 1624 — 1625, nachdem ihm seine Frau 
bereits im Tode vorangegangen war, und hinterliess fiinf 
Kinder. Einer seiner Sohne war Burbage getauft, also 
war wol Richard oder Cuthbert Burbage sein Pathe. Sein 
Testament steht bei Malone und bei Collier; ein nachträg- 
liches Codicill ohne Unterschrift wurde demselbien erst nach 
des Testators Tode hinzugefugt. 

XVin. NicHOLAS Tooley bekennt in einem Codicill zu 
seinem Testament, dass er eigentlich Williinson hiess; er 
thut das in der Absicht, dass sein unter dem Namen Tooley 
errichtetes Testament nicht angefochten werden könne. Wir 
begegnen also wie es scheint hier dem ersten Falle, dass 
ein Schauspieler nicht unter seinem wahren Namen auftrat, 
sondern einen Bühnennamen annahm. Tooley war sehr nahe 
mit der FamUie Burbage beft^eundet; wahrscheinlich war er 
ein Lehrling von Richard Burbage gewesen, denn er be- 
zeichnet ihn in seinem Testamente als *his late Mr (^master) 
Richard Burbadge;^ auch war er einer der Zeugen als 
Richard Burbage sein Testament machte. Während seiner 
letzten Krankheit wurde er in Cuthbert Burbage's Hause 
gepflegt und starb auch daselbst, Jirni 1623, woraus hervor- 
geht, dass er imverheirathet oder verwittwet und kinderlos 
war. In dankbarer Anerkennung vermacht er daher Mrs 
(Elizabeth) Burbage die Summe von zehn Pftmd ^as a remem^ 



304 

brance of my love in respect of her motherlie care over me;' 
eine, wie es scheint, nicht glücklich verheirathete Tochter 
von Cuthbert, Elisabeth, bekommt die gleiche Summe. Aber 
nicht bloss mit den Burbages war er freundschaftlich ver- 
bunden, auch Augiistin Phillips schätzte ihn und vermachte 
ihm zum Beweise seiner Zimeigiing 20 Schillinge. Ueber-. 
haupt muss Tooley ein wohlwollender, guter Mensch gewesen 
sein, denn den Armen der Kirchspiele St. Leonard's, Shore- 
ditch, und St. Giles without Cripplegate setzte er je achtzig 
Pfiind imd den letztem ausserdem noch ein zweites Ver- 
mächtniss von zwanzig Pfund aus. Für die Leichenrede be- 
stimmte er dem Geistlichen zehn Pfund und seinen Schuld- 
nern erliess er ihre Schulden. Zu Vollstreckern dieses gross- 
müthigen Testamentes ernannte er Cuthbert Burbage ■ und 
Henry CondeU. Ueber Tooley's künstlerische Leistungen 
ist wenig zu sagen. In den Seven Deadly Sins gab er dem 
Anschein nach die Rodope; in Jonson's Stücken wird er 
nicht aufgeführt, ausgenommen im Alchymisten und in Cati- 
lina, dagegen trat er in mindestens vierzehn Stücken von 
Beaumont und Fletcher auf; in der Duchess of Malfi end- 
lich spielte er den Forobosco (eine stumme Rolle) und einen 
der drei Madmen. 

XIX. William Ecclestone gehörte nach einander ver- 
schiedenen Gesellschaften an (s. Memoirs of Edw. Alleyn 98 
und The Alleyn Papers 78). Er spielte im Alchymisten und 
im Catilina, wo sein Name zuletzt steht; in B. Jonson's 
übrigen Stücken wird er nicht erwähnt, dagegen trat er in 
vielen von Beaumont und Fletcher's Dramen auf. Ein Testa- 
ment von ihm ist nicht aufgefunden worden und daher auch 
nichts über seine Lebensiunstände bekannt, ausser dass ihm 
Tooley letztwillig seine Schuld erliess. 

XX. Joseph Taylor,' einer der hervorragendsten unter 
den Shakespeare'schen Schauspielern, soll 1585 zu London 
geboren worden sein und nach einander den Schauspielern 
des Prinzen Heinrich, der Königstruppe und den Dienern 



305 

der Prinzess Elisabeth angehört haben.* Zu seinen berühm- 
testen Rollen gehorten Hamlet und Jago; die erste über- 
nahm er nach Burbage's Tode und spielte sie wie Wright 
in der Historia Histrionica sagt U'ncomparably zvellJ Nach 
einer früheren Annahme wäre er der ursprüngliche Hamlet 
gewesen, allein das scheint eben so unrichtig zu sein, als 
wenn man in ihm den Maler des Chandos - Bildes erblickt, 
wie gleichfalls öfter geschehen ist.« Auch in der Rolle des 
Ferdinand in der Duchess of Mali! wurde er der Nachfolger 
von Burbage. Die zahlreichen Rollen, welche er in Beau- 
mont und Fletcher's Stücken spielte, sind uns leider unbe- 
kannt; selbstverständlich war er auch in den Jonson'schen 
und andern Dramen beschäftigt. Im September 1639 wurde 
er Yeoman of the Revels, in welcher Eigenschaft er täglich 
6 Pence, und wenn er Dienst beim Könige hatte, monatlich 
3 Pfund 6 Schillinge 8 Pence erhielt. Auch war er Theil- 
haber am Globus- und am Blackfriars -Theater, wie wir oben 
gesehen haben. Dieser Einkünfte wurde er durch den 
Bürgerkrieg beraubt und wie manche seiner Kollegen ge- 
rieth er durch die Unterdrückung der Theater in Noth, was 
ihn dazu trieb, Mitherausgeber von Beaumont und Fletcher's 
Werken und (mit Löwin) von Fletcher's Wild Goose Chase 
zu werden. Nach der Historia Histrionica starb er (wahr- 
scheinlich 1653) zu Richmond und wurde dort begraben; ein 
Testament ist nicht aufgefunden worden. 

XXI. Robert benfield, vermuthlich ein mittelmassiger, 
aber verwendbarer Schauspieler, der zwar in B. Jonson's 
Stücken nicht erwähnt wird, wol aber in verschiedenen Dra- 
men Beaumont's und Fletcher's auftrat. In The Duchess of 
Malfi gab er 1622 den Antonio, den ursprünglich (16 16) Ostler 
gespielt hatte, sowie andere Rollen, welche Malone aufzählt. 
Von seinen Lebensumständen wissen wir in Ermangelung 
eines Testamentes nichts, ausgenommen, dass er sich 1647 
an der Herausgabe von Beaumont und Fletcher's Werken 
betheiligte. Er gerieth vermuthlich im Bürgerkriege in Ver- 
schollenheit, vielleicht auch in Noth. 



I) Ctinningham, Kevels' Accounts Introd. XLIV. 
EUe, Shakespeare. 20 



— 3o6 - 

XXn. Robert Goughe (Goffe) spielte die Aspasia in den 
Seven Deadly Sins und gab wol auch in Shakespeare's 
Stücken Frauenrollen, Bei Jonson und bei Beaumont und 
Fletcher kommt er nirgends vor; im J. 1611 gab er den 
Tyrannen in The Second Maiden's Tragedy/ Thomas Pope 
vermachte 1603 seine Garderobe und seine Waffen zu glei- 
chen Theilen an Robert Goughe und John Edmonds. Allem 
Vermuthen nach war Alexander Goughe, der sich gleichfalls 
in Frauenrollen auszeichnete und 1652 *The Widow' von Jon- 
son, Fletcher und Middleton herausgab, ein Sohn von Ro- 
bert Goughe. Ein Testament des letztern ist nicht aufge- 
funden worden, doch hat Collier aus den Kirchenbüchern 
ermittelt , dass er am 1 9 . Februar 1624 — 1625 begraben 
wurde. 

XXTTT. Richard Robinson (gewohnlich Dick Robinson 
genannt) eins der jüngsten Mitglieder der Gesellschaft und 
ein ausgezeichneter Frauendarsteller wie wir von B. Jonson 
(The Devil is an Ass 11, 8) erfahren. ^ Doch gab er auch 
Männerrollen wie im Catilina (161 1), in The Duchess of Malfi, 
wo er den ursprünglich von Condell gespielten Kardinal 



i) Die Stelle lautet: 

Eng. There he some of them- (viz. the players) 

Are very honest lads : there* s Dichey Robinson, 
A very pretty fellow, and comes oftcn 
To a gentleman* s Chamber , a friend of mine, We had 
The merriest supper of it here , one night, 
The gentleman* s landlady invited him 

To a gossip*s feast: now he, sir, brought Dick Robinson 
Drest like a lawyer^s wife, mnongst them all: 
I lent him clothes, — But to see him behave it. 
And lay the law, and carve and drink unto them. 
And thcn talk bawdy, and send frolics 1 O, 
It would have burst your buttons , or not left you 
A seam, 

Meer. They say he's an ingenious youth. 

Eng. O sir! and dresses himself the best, beyond 
Forty of your very ladies; did you never see him? 

Meer. No , I do seldom see those toys. 



307 - - 

übernahm, und in andern von Malone aufgezählten Stücken. 
Von seinen Lebensumständen wissen wir nichts, da kein 
Testament von ihm vorhanden ist und die spärlichen, in den 
Kirchenbüchern enthaltenen Notizen sehr trügerisch sind, 
denn die beiden Namen Richard und Robinson kommen nicht 
bloss einzeln, sondern auch verbunden so häufig vor, dass 
sie nicht ausreichen, um die Identität der Person festzustel- 
len. So hiess beispielsweise der oben erwähnte zweite Gatte 
von Winifred Burbage Robinson, die Annahme, dass es der 
Schauspieler Richard Robinson war, beruht jedoch nur auf 
Wahrscheinlichkeitsgründen. Nich. Tooley verordnete letzt- 
willig, dass Richard Robinson die Summe von 29 Pfund 
13 Schillingen, die er ihm schuldete, an Sarah Burbage, 
eine Tochter Richard's, abtragen solle. In dem königlichen 
Patent von 1624 nimmt Robinson die vierte Stelle unter den 
Königsschauspielem ein. Nach der Historia Histrionica 8 
wurde ein Schauspieler Robinson, der im Bürgerkriege im 
königlichen Heere diente, von dem später gehängten republi- 
kanischen General Thomas Harrison bei der Einnahme von 
Basing House * auf nichtswürdige Weise getödtet, um nicht 
zu sagen gemordet. Robinson hatte nämlich die Waffen 
niedergelegt imd bat um Quartier, was Harrison verweigerte 
und ihm statt dessen eine Kugel durch den Kopf jagte mit 
dem Ausrufe : Cursed ts he that doth the work of the I^rd 
negligently! Die Frage, ob dieser unglückliche Erschossene 
unser Dick Robinson gewesen sei, ist nun zwar von Cun- 
ningham unbedenklich mit Ja beantwortet worden,* und es 
wäre ganz begreiflich, dass unter allen Schauspielern gerade 
ein Frauendarsteller den puritanischen Wütherich vorzugs- 
weise zu einer solchen Unthat veranlasst hätte, allein die 
Annahme ist nichtsdestoweniger unrichtig. Dick Robinson 
wird nämlich 1647 unter den zehn Herausgebern von Beau- 



1) Dieser befestigte und prächtige Wohnsitz des Marquis von Winchester 
wurde nach zweijähriger Belagerung am i6. Okt. 1645 von den Parlaments- 
truppen erobert und dem Boden gleich gemacht. 

2) Did General Harrison kill 'Dick Robinson* the Player? By Peter 
Cunningham. In: The Shakespeare - Society *s Papers II, 11 — 13. 

20* 



3o8 

mont und Fletcher's Werken aufgeführt und ausserdem hat 
sich im Kirchenbuche von St. Anne's, Blackfriars, ein Ver- 
merk gefunden, wonach ^ Rieh, Robinson^ a player' am 
2^. März 1647 — 1648 begraben wurde. 

XXIV. John Shancke war Komiker und spielte unter- 
geordnete Rollen; so den Pfarrer Sir Roger in Fletcher's 
Scornful Lady, Hilario in The Wild Goose Chase und ähn- 
liche. In dem königlichen Patent von 1603 ist er nicht 
namentlich aufgeführt. Seine Stärke waren Lieder (Couplets, 
wie wir heutigen Tages sagen würden) und Jigs, wegen deren 
er in verschiedenen, wenig späteren Publikationen sehr 
gepriesen wird.^ Er schrieb selbst eine beliebte Posse unter 
dem Titel 'Shancke's Ordinary,' welche am 16. März 1623 — 
1624 (und jedenfalls öfter) von den Königsschauspielem auf- 
geführt wurde. Wenn das Kirchenbuch von St. Giles, Cripple- 
gate, als verlässlich betrachtet werden darf, so war Shancke 
verheirathet und hatte Kinder; er wird in diesem Kirchen- 
buche abwechselnd als ^player^ ^ gentlemari* und einmal so- 
gar als *Ä charidler^ bezeichnet, vorausgesetzt dass wir es 
dabei stets mit derselben Persönlichkeit zu thun haben — 
es soll gleichzeitig auch einen Grobschmied Namens John 
Shancke gegeben haben. Shancke wurde im genannten 
Kirchspiel am 27. Januar 1635— 1636 beerdigt; ein Testa- 
ment ist nicht vorhanden. Wie wenig sich durch den blossen 
Namen die Identität feststellen lässt, zeigt sich auch hier 
wieder, indem im Perfect Diumal vom 24. Oktober 1642 eine 
Geschichte von einem noch lebenden Schauspieler Shanks 
erzählt wird, der danach eine von dem unsrigen verschiedene 
Persönlichkeit gewesen sein muss. 

XXV. John Rice ist sowohl seinen Lebensverhältnissen 
als auch seinen schauspielerischen Leistungen nach fast ganz 



i) S. Choyce Drollery, Songs, and Sonnets &c. Lond. 1656, woraus das 
betreffende Gedicht in The Shakespeare Society's Papcrs III, 172 — 174 ab- 
gedruckt ist. — Turner's Dish of Stuffe; or, a Gallimaufry. Lond. 1662. 



309 

unbekannt — das unbekannteste Mitglied der ganzen Ge- 
sellschaft. Wir wissen nur, dass er in The Duchess of Malfi 
(1622) die unbedeutende Rolle des Pescara spielte und in 
Beaumont und Fletcher's The False One auftrat. Ein Testa- 
ment von ihm ist nicht vorhanden, und nicht einmal sein 
Todesjahr ist bekannt. 

Mit Hinzufugung Shakespeare's selbst sind also diese 
25 ^the prmcipal acfors in all t fiese playSy worin schon aus- 
gesprochen liegt, dass sie nicht die einzigen waren. Wir 
sind in der That im Stande, die Liste zu vervollständigen, 
und die noch hinzuzufugenden Schauspieler haben insofern 
einen besondem Anspruch auf imser Interesse , als es sich 
bei ihnen um ihr Auftreten in Shakespeare'schen Stücken 
handelt, während wir hinsichtlich der 'princtpal actors^ zu 
unserm Bedauern gerade über diesen Punkt am wenigsten 
^mterrichtet sind und uns an die Schauspiele von Jonson, 
von Beaumont und Fletcher u. a. halten müssen, um dürf- 
tige Charakteristiken der Schauspieler einerseits, wie der 
Auffuhrungen andererseits zu gewinnen. Es ist das einer 
von den Verlusten, welche uns Shakespeare's bekannte 
Sorglosigkeit in diesen Dingen bereitet hat; hätte er 
wenigstens wie B. Jonson seinen Dramen die Verzeichnisse 
der darin aufgetretenen Schauspieler vorangeschickt, so 
würden wir vieles klarer erkennen, und das in seinen 
Zügen verdeutlichte Bild, das wir dadurch gewinnen wür- 
den, würde ohne Zweifel manchen Lichtstrahl auf das Ver- 
ständniss der Shakespeare'schen Poesie überhaupt zurück- 
werfen. 

Unter den, allerdings unbedeutenden Shakespeare'schen 
Schauspielern, von denen noch eine spärliche Kunde auf 
uns gekommen ist, mag zuerst John Wilson genannt wer- 
den, obgleich er nicht sowohl Schauspieler als Sänger war. 
John Wilson spielte in Viel Lärmen um Nichts den Baltha- 
sar und sang das Lied (II, 3): Sigh no niore, ladieSy &c., 
wie die Bühnenweisung der ersten Folio an dieser Stelle 
verräth; sie lautet nämlich: Etiler PrincCy LeonalOy Claudio ^ 
and Jack Wilson, Aus einer alten — hoffentlich echten — 



3IO — - 

Liederhandschrift weist Collier ^ nach, dass Wilson das Lied : 
Take, O take those Ups away &c. (Mass für Mass IV, i) com- 
ponirt habe und vermuthet danach, dass auch das Lied in 
Viel Lärmen von ihm nicht bloss gesungen, sondern zu- 
gleich componirt worden sei. Ein zweiter Schauspieler, von 
dem wir gleichfalls nur durch die Druckfehler der ersten 
Folio Kenntniss erhalten, war Sincklo oder Sincklow, wel- 
cher in der Einleitung zur Zähmung der Widerspenstigen 
den ersten Schauspieler und — um Delius* Worte zu ge- 
brauchen — 'folgerecht auch den Petrucchio' spielte. Der- 
selbe Sincklo gab im zweiten Theil Heinrichs IV den ersten 
Büttel und trat im dritten Theile Heinrichs VI (DI, i) als 
der erste der beiden Förster (keepers) auf. * Auch der Dar- 
steller des zweiten Försters entschlüpft der Folio bei dieser 
Gelegenheit , nämlich Humfrey , d. h. nach Malone's Ver- 
muthung Humfrey Jeaffes, und in I, 2 desselben Stückes 
machen wir auf gleiche Weise die Bekanntschaft eines vier- 
ten sonst völlig unbekannten Schauspielers Namens Gabriel, 
welcher den Boten gab. Malone (Malone's Shakespeare by 
Boswell ni, 221) führt endlich noch William Barksted, John 
Duke und Christopher Beeston als Mitglieder der Lord- 
Kammerherm- Truppe an, wir haben jedoch nicht das min- 
deste Anzeichen, dass sie irgendwie in Shakespeare's Dra- 
men beschäftigt waren, und es genügt mithin ihre Namen 
genannt zu haben. 



i) 'John Wilson, the Singer in Much Ado about Nothing, a Musical 
Composer in Shakespeare's Plays. By J. P«iyne Collier'. In : The Shakespeare- 
Socicty's Papers 11, 33-36. — Die Handschrift befand sich früher im Be- 
sitze des Grafen Ferrers, wem sie jetzt gehört, wird von Collier nicht an- 
gegeben. — Vergl. Who was Jack Wilson, the Singer of Shakespeare*s 
Stage? By Edward F. Rimbault. Lond. 1846. 

2) S. Delius im Shakespeare -Jahrbuche VIII, 181, 186 und 188. — 
Sincklo kommt noch in der Einleitung zu Marston and Webster's Malecontent 
vor; s. The Dramatic Works of John Webster by Dyce, IV, 16. 



V. 



SHAKESPEARE'S WERKE. 



Zu den zahlreichen Kuriositäten der Shakespeare -Lite- 
ratur gehört die Hypothese, dass seine Dramen gar nicht 
von ihm, sondern von Bacon herrühren und somit wirk- 
lich *a dced without a «a/«^' (Macbeth IV, i) sein sollen. 
Diese Bacon -Theowe tauchte fast gleichzeitig in Amerika 
und England auf und wurde zuerst von einer amerikani- 
schen Dame entwickelt, die sich durch ihren Namen zu dem 
grossen Philosophen hingezogen fühlen mochte und ihn daher 
auch zum grossen Dichter zu stempeln wünschte. Das war 
Miss Delia Bacon in ihrem Werke: The Philosophy of the 
Plays of Shakespeare unfolded; with a Preface by N. Haw- 
thome (Lond. 1857).* In demselben Jahre erschien eine 



i) Vergl. Athen. Apr. ii, 1857 und Oct. 3, 1863, 429 fg. Den Grund- 
gedanken ihres Buches, dass Bacon und nicht Shakespeare der Dichter der 
unter dem Namen des letztern bekannten Dramen sei, hatte Delia Bacon 
schon lange vorher in einer amenkanischen Zeitschrift veröffentlicht, und 
Hawthome bezeichnet daher den Brief von Smith an Graf Ellesmere als ein 
Plagiat. Den mündlichen Mittheilungen eines englischen Freundes, welcher 
Miss Bacon bei der Herausgabe ihres Werkes unterstützte, verdanke ich Fol- 
gendes. Das Buch wurde grösstentheils in Stratford am Avon geschrieben, 
wo die, an unheilbarer Krankheit leidende Verfasserin sich Monate lang auf- 
hielt und begraben zu sein wünschte. Der Wunsch in Einem Grabe mit 
Shakespeare zu ruhen hatte sich zur fixen Idee bei ihr ausgebildet. Als ihr 
die Unmöglichkeit begreiflich gemacht wurde, Shakespeare's Grab zu öffnen 
und einen Fremden darin beizusetzen, traf sie mit dem Küster folgende Ver- 
abredung : sie solle ausserhalb der Kirchenmauer so nahe als möglich an 
Shakespeare's Grabe begraben werden, und dann solle unter dem Vorwande 



312 - — 

zweite Schrift: Bacon *and Shakespeare. An Inquiry touch- 
ing Players, Playhouses, and Play-Writers in the Days 
of Elizabeth by Wm Henry Smith/ nachdem derselbe Smith 
bereits im Jahre vorher in einem als Handschrift gedruckten 
Sendschreiben an den Grafen Ellesmere auf Bacon als Ver- 
fasser der Shakespeare'schen Stücke hingedeutet hatte 
(Was Lord Bacon the Author of Shakespeare's Plays. A 
Letter to Lord Ellesmere. By Wm Henry Smith. Lond. 
1856. For Private Circulation). In der Vorrede zu der erst- 
genannten Schrift stellt Smith in Abrede, Delia Bacon's 
Buch auch nur dem Namen nach gekannt zu haben und 
versichert, dass seine Arbeit völlig unabhängig und selb- 
ständig entstanden sei. Er spricht in seinem Werke von 
allem Möglichen, nur nicht von Gründen oder Beweisen fiir 
seine Behauptung. Trotz dieser mangelnden Begründung 
hielt J. George H. Tdwnsend eine Widerlegung für erfor- 
derlich, welche noch im nämlichen Jahre anonym erschien 
und von einer Menge allbekannter und nicht zur Sache 
gehöriger Dinge handelt. ' Später hat der Amerikaner 
Nath. Holmes den Gegenstand in einem dickleibigen Buche 
von neuem aufgewärmt und sich darin gleichfalls zu Gunsten 



einer Reparatur die Wand durchbrochen und bei dieser Gelegenheit ihr Sarg 
in das Innere der Kirche in Shakespeare's Grabgewölbe eingeschmuggelt 
werden. £5 traten jedoch Umstände ein , welche Delia Bacon^s Rückkehr 
nach Amerika herbeiführten, wo sie gestorben ist. Wunderbare Irrgänge des 
menschlichen Geistes! In ihrem Buche, dessen Druck beiläufig mit der Ab- 
fassung Schritt hielt, bemüht sich die Verfasserin den Dichter Shakespeare 
zu vernichten und in ihrem Leben steigert sich ihre schwärmerische Bewun- 
derung für denselben bis zum Irrsinn! "^as konnten ihr Shakespeare und 
Shakespeare's Grab sein, wenn doch nicht Shakespeare, sondern Bacon der 
Verfasser der unsterblichen Dichtungen war? In Bacon's Grabe hätte sie 
ihre Ruhestätte suchen sollen! — Vergl. N. and Q. 5*^» S. Vol. II, Sept. 26, 
1874, 246. 

1) Nach Bacon and Shakespeare 153 scheint es, dass der Verfasser 
der bekannte Showman Albert Smith war, und dass die Vornamen Wm Henry 
nur angenommen oder vorgeschoben sind. — S. Athen. Sept. 13, 1856. — 
Vergl. auch: Who wrote Shakspere? In: Fraser's Magazine, August 1874. 

2) Wm Shakespeare not an Impostor; by an English Critic. Allibone, 
s. Shakespeareana No. 633 und No. 815. 



313 

Bacon's erklärt. * Die ganze Angelegenheit ist keiner ein- 
gehenden Besprechung oder ernsthaften Widerlegung werth. 
'Durch mühsame Arbeit, sagt AUibone, haben wir das 
Recht erworben zu behaupten, dass in den iioo Seiten von 
Delia Bacon und Nath. Holmes sich nicht der leiseste 
Schatten eines Argumentes vorfindet, um ihre abenteuerliche 
und höchst absurde Hypothese zu unterstützen. Bacon war 
so wenig als irgend ein anderer Mensch im Stande, Shake- 
speare's Dramen zu schreiben.' Bei einem so unmethodi- 
schen und willkürlichen Verfahren, wie es die Erfinder und 
Vertheidiger der Bacon - Hypothese eingeschlagen haben, 
und mit einer solchen souveränen Beiseitesetzung geschicht- 
licher Zeugnisse und Thatsachen lässt sich schliesslich alles 
auf den Kopf stellen. Wie so oft, muss man auch hier den 
beklagenswerthen Uebelstand über sich ergehen lassen, dass 
die Geschichte der modernen Literatur nicht wie die der 
klassischen den Zudringlichkeiten und Albernheiten des 
Dilettantismus entrückt ist und es ihrer Natur nach nicht 
sein kann. 

Shakespeare's Werke sind seine Werke und seine 
Werke allein; man möchte, wenngleich mit einiger Ueber- 
treibung behaupten, es lasse sich kein Vers ihm rauben, so 
erfüllt ist ein jeder von dem unvergänglichen Gepräge 
seiner geistigen Persönlichkeit. 

Within that circle none durst walk hut he, 

um mit Dryden zu sprechen. Dziss sie zu den unvergleich- 
lichsten Schöpfungen des menschlichen Geistes gehören und 
wenigstens im gesammten Reiche der dramatischen Poesie 
unerreicht dastehen, darüber sind alle Urtheilsfahigen einig, 
und die Dichter und Denker aller Nationen beugen sich in 
Demuth vor ihnen. De Quincey (Shakespeare 90 fg.) geht 
so weit, dass er Shakespeare's Werke gar nicht als mensch- 
liche Kunstwerke angesehen wissen will, sondern als grosse 
Naturphänomene wie Sonne und Meer, Sterne und Blumen, 
* which are to be studied witli eniire std>mission of our own 



i) The Authorship of Shakespeare. New York 1867. — Athenaeum 
Feb. 23, 1867, 249. 



- 314 

faculties and in the perfect faith that in them there can 
be fio too nttich or too Utile ^ nothing useless or inert — but 
that, the farther we press in our discaveries , the more we 
shall see proofs of design and self-supporting arrangement 
where the careless eye had seefi nothing btit accident,^ Wie 
wahr das auch in hohem Grrade ist, so wäre es doch in 
strengem Wortsinne verstanden Abgotterei, und es ist der 
höchste Preis für den Dichter, dass er, und er ganz 
allein, zu solcher Abgötterei verfuhren kann. In der Haupt- 
sache mit De Quincey übereinstimmend spricht sich auch 
Carlyle aus. ^ 'Shakespeare, sagt er, ist was ich einen 
unbewussten Verstand nennen möchte, in dem viel mehr 
des Guten enthalten ist, als er selbst glaubt. Seine Dra- 
men sind Producte der Natur, so tief wie die Natur selbst. 
Es ist der grösste Lohn der Natur für eine einfache, wahre, 
grosse Seele, dass sie selbst ein Theil der Natur wird. Die 
Werke eines solchen Mannes wachsen, so viel er auch 
durch den höchsten Aufwand bewusster und vorbedachter 
Thätigkeit erreichen mag , xmbewusst aus unbekannter Tiefe 
in ihm hervor, wie die Eiche aus dem Schooss der Erde 
hervorwächst, wie die Gebirge und Gewässer sich selbst 
hervorbringen.' 

Deutscherseits hat sich sowohl über das Geheimniss des 
unbewussten Schaffens wie über die Höhe, auf welcher 
Shakespeare über allen andern Dichtem steht, namentlich 
Goethe in bekannten Stellen mehrfach ausgesprochen. Er 
gesteht unumwunden, dass er zu Shakespeare emporblickt, 
sich nich{; mit ihm vergleicht, und ihm, dem Stern der 
schönsten Höhe, seines Werthes Vollgewinn verdankt; er 
weiss, dass Satumus - Polyphem sich Shakespeare aufhebt, 
um ihn zuletzt zu speisen. Die Gedanken - Fabrik vergleicht 
er in den berühmten Versen im Faust mit einem Weber - 
Meisterstück, 

Wo Ein Tritt tausend Fäden regt, 

Die Schifflein herüber hinüber schiessen. 

Die Fäden ungesehen fliessen. 

Ein Schlag tausend Verbindungen schlägt. 

I) S. Carl Stark, König Lear (Stuttgart 1871) 96, 



— - 315 — 
Er erklärt es für das rechte Gleis, 

Dass man nicht weiss 

Was man denkt, 

Wenn man denkt; 

Alles ist als wie geschenkt. 

Damit übereinstimmend sagt er an einer andern Stelle: 

All unser redlichstes Bemühn 
Glückt nur im unbewussten Momente ; 
Wie möchte denn die Rose blühn, 
Wenn sie der Sonne Herrlichkeit erkennte? 

Eingehender äussert er sich in einem Briefe an Schiller 
(1800): *Ich glaube, dass Alles, was das Genie als Genie 
thut, unbewusst geschieht. Der Mensch von Genie kann 
auch verständig handeln, nach gepflogener Ueberlegung, 
aus Ueberzeugung ; das geschieht aber alles nur so neben- 
her. Kein Werk des Genies kann durch Reflexion und ihre 
nächsten Folgen verbessert, von seinen Fehlem befreit 
werden; aber das Genie kann sich durch Reflexion und 
That nach und nach dergestalt hinauf heben, dass es end- 
lich musterhafte Werke hervorbringt. ' ^ Die ausgefiihrteste, 
thatsächlichsfe und desshalb unwiderleglichste Schilderung 
des dichterischen Schaffens, wie es dem wahren, gottbe- 
geisterten Dichter eigen ist , hat Grrillparzer gegeben ; * so 
wie dieser seine Ahnfrau und sein Goldenes Vliess geschrie- 
ben hat, so componirt das Genie, so und nicht anders muss 
auch Shakespeare componirt haben. Man kann '^nutatis 
mutandts auf das Schaffen des Genies Shakespeare 's eigene 
Verse im Julius Cäsar H, i anwenden : 

Bis zur Vollführung einer furchtbaren That, 
Vom ersten Antrieb, ist die Zwischenzeit 
Wie ein Phantom, ein grauenvoller Traum. 
Der Genius und die sterblichen Organe 
Sind dann zu Rath vereint; und die Verfassung 
Des Menschen, wie ein kleines Königreich, 
Erleidet dann den Zustand der Empörung. 



1) Bei LancizoUe, Geistesworte aus Goethe's Briefen und Gesprächen 
(1860) 13 fg. 

2) Grillparzer's Werke, 2. Ausg., X, 76 fg. 96. 119 fg. 124. 



3i6 

Die Thatsache, dass Shakespeare's Dramen in der That 
Hervorbringungen solchen unbewussten, instinktiven Schaf- 
fens sind, wird auch durch äussere oder geschichtliche 
Anzeichen dargethan. Namentlich spricht dafür die bekannte, 
von B. Jonson bestätigte Versicherung von Heminge und 
Condell, dass er nichts ausstrich — he scarcely blotted a line. 
Genau derselbe Fall war es bei Scott, der durch Ausstrei- 
chen und Aendern nur verdarb, wie die noch vorhandenen 
Handschriften beweisen. Sowohl von Shakespe.are wie von 
Scott wird bezeugt, dass sie. mit ausserordentlicher Schnel- 
ligkeit arbeiteten , denn wie soll man Webster's Aeusserung 
bezüglich der ^right happy and copious indusiry of Mr 
Shakespeare^ anders verstehen?* Die Dramen des ersten 
waren wie die Romane des zweiten Prima -Malerei, Erzeug- 
nisse eines glücklichen Wurfes. Shakespeare's Dramen 
sind in Einem einzigen gewaltigen Gusse entstanden und 
nicht wie Goethe's Faust bruchstückweise in die Welt ge- 
^ kommen und erst im Laufe langer Jahre zu einem Ganzen 
zusammengefügt oder wie die Iphigenie dreimal umgear- 
beitet worden , ehe der Guss gelang. * Auch wo Shake- 
speare seine Stücke überarbeitet hat (newly torrccted a7id 
augmented), war es jedenfalls mehr ein theilweises Um- 
giessen als ein kleinliches, mühsames Ausfeilen der Diction 
oder des Versbaus; überdies geschah es gewiss nicht viel 
weniger, um dem Publikum von Zeit zu Zeit etwas neues 
aufzutischen als aus innerem Verbesserungsdrange. Gleich 
Lord Byron wird er wol lieber und leichter etwas neues 
geschaffen als das alte umgeformt haben, was mit dieser 
Art des dichterischen Schaffens vollständig in Einklang 
steht. 3 Es ist danach nicht zu verwundern, dass Shake- 
speare's und Scott's Werke im Wesentlichen dieselben Vor- 
züge und dieselben Mängel mit einander gemeinsam haben. 



1) Shakespeare -Jahrbuch VII, 43. 

2) Dieser Punkt muss um so mehr betont werden, als Rümelin und 
andere Kritiker behaupten, Shakespeare habe scenenweise componirt und dann 
die einzelnen, zu verschiedenen Zeiten geschriebenen Seenen wie ein metteur 
en pages zusammenj^estellt. 

3) Vergl. Knight, Wm Sh.; a B. 283. — Elze, Lord Byron 399. 



- 317 

diejenigen nämlich, welche mit innerer Nothwendigkeit aus 
dieser Kompositions -Weise hervorgehen. Zu den Mängeln 
gehören beispielsweise hier und da loses Gefuge, mangel- 
haftes Gleichmass in der Durchfuhrung der Fabel, gelegent- 
liche episodische Breite und übereilter Schluss. Hinsichtlich 
des letztem möge nur der Ausgang der beiden Veroneser 
mit seiner plötzlichen und ungenügend motivirten Character- 
Wandlung mit Woodstock und Anna von Geierstein ver- 
glichen werden , bezüglich deren Scott in seinem Tagebuche 
selbst ausruft: *Wie soll ich meine Katastrophe in den ihr 
angewiesenen Umfang einpacken? Ich muss eine taur de 
force machen und Zeit und Raum vernichten. ' * Die Be- 
mühungen der deutschen Aesthetikei* von der strengen Ob- 
servanz Shakespeare's Dramen bis in ihre kleinsten Züge 
als organische Kunstwerke von imtadeliger Vollkommenheit 
anzusehen, an denen jeder I-Punkt ihrem ästhetischen 
Systeme entsprechen und sich in Formeln fassen lassen 
müsse, gehen daher unleugbar zu weit. Man darf allerdings 
nicht vergessen, dass das Genie nicht bloss angeborene 
Schopfungskraft, sondern auch instinktives Kunstbewusst- 
sein in sich träg^ und mit g^rösserm Recht als A. W. Schle- 
gel in seiner bekannten Grabschrift sich zugleich als Muster 
und Bild der Regel aufstellen darf. Wie wir aber von 
Goethe gehört haben, ist auch beim Genie dieses Kunst- 
bewusstsein, dieser innere Regelsinn der Läuterung und 
Erhöhung auf dem Wege der Reflexion fähig. Wie wenig 
jedoch die äussere Regelrechtigkeit und der mühselig er- 
worbene Kunstverstand die geniale Schöpfungskraft zu 
ersetzen vermag, das zeigt, wenigstens im Bereiche der 
englischen Literatur, kein Dichter deutlicher als B. Jonson. 
Noch ein Zug, welcher Shakespeare und Scott gemeinsam 
ist, entfliesst ihrer SchafFensweise , der nämlich, dass beide 
ziemlich gleichgültig auf ihre Werke herabsahen und ihnen 
nur als 'Goldbergwerken', um Scott's Ausdruck zu gebrau- 
chen, Werth beimassen; selten hat ein Dichter Ruhm und 
Unsterblichkeit gleichmüthiger an sich herankommen lassen 



I) Elze, Sir W. Scott 11, 91—93. — Shakespeare -Jahrbuch VT, 367. 



— 3i8 — 

als sie. Pope's bitteres Epigramm auf Shakespeare trifft 
Scott nicht minder als Shakespeare: 

Shakespeare , whom you and every playhouse hill 
Style de divine, the matchless, wkat you will, 
For gain, not glory, wing'd his roving flight 
And grew immortal in his own despight. ' 

Wir haben es hier jedoch nicht mit einer kritischen Wür- 
digung von Shakespeare's Werken zu thun, sondern ledig- 
lich mit ihrer literaxgeschichtlichen und philologischen Er- 
läuterung; wir haben sie nicht als Ausflüsse göttlicher Ein- 
gebimg, sondern im Gegentheil von ihrer menschlichsten, 
äusserlichsten Seite zu betrachten. 

Dass zu Shakespeare's Zeit die dramatische Poesie noch 
nicht als ein ebenbürtiger Zweig der bleibenden Literatur 
angesehn wurde , ist bereits in einem frühem Abschnitt zur 
Sprache gekommen. Ein merkwürdiges Beispiel von dem 
Umschwung der öffentlichen Meinung und der Verhaltnisse 
in dieser Beziehung giebt Sir Thomas Bodley (1545 - 161 7), 
der gerade in Shakespeare's Tagen den Grund zu seiner 
weltberühmten Bibliothek legte. Er soll seiner verächtlichen 
Abneigung gegen die dramatische Poesie unverhohlenen Aus- 
druck gegeben haben, indem er erklärte, dass solche ^riffe 
raff es' wie Schauspiele nie Eingang in seine Bibliothek fin- 
den sollten. Und heutigen Tages gehören gerade die Ori- 
ginal-Ausgaben Elisabethanischer Dramen zu den grössten 
und unbezahlbarsten Schätzen der Bodleiana!* Die Regel 
zu Shakespeare's Zeit war, dass der Dichter sein Werk an 
eine Schauspieler - Gesellschaft verkaufte, in deren Eigen- 
thum es überging und die ihren literarischen Besitz eifer- 
süchtig hütete. Obwohl sich der Verfasser damit des Rechtes, 
sein Stück durch den Druck zu veröffentlichen, begab, so 
brachte es doch der natürliche Verlauf der Dinge mit sich, 
dass im Publikum bald das Verlangen entstand, die aufge- 



1) Elze, Sir W. Scott II, 39. 116 fgg. 243 fgg. 

2) Abgesehn von den Dramen besitzt die Bodleiana u. a. die Ed. pr. 
von Venus und Adonis von 1593, die ein Unicum ist. S. Shakespeare - Jahr- 
buch III, 415. 



- 319 

führten Schauspiele zu lesen und schwarz auf weiss getrost 
nach Hause zu tragen. Dieses Verlangen konnte nur auf 
unrechtmässige Weise befriedigt werden und zwar so, dass 
die Stücke bei der Aufführung stenographisch nachgeschrie- 
ben und dann von speculiren^en Buchhändlern mit weitem 
Gewissen in Verfe^ genommen wurden. Die Verleger Bo- 
nian und Walley sprechen sich in ihrer Vorrede zu Troilus 
imd Cressida (1609) ganz offen über die Unrechtmässigkeit 
ihres Vorgehens aus: ^But thank Fortune for the scape it 
hath made amongst you, since by the grand possessors^ wills 
I believe you should hceoe prayed for them rather than been 
prayedJ Von allen Buchhändlern scheint Pavier das Raub- 
system am methodischsten betrieben zu haben.* Die Nach- 
welt hat jedoch alle Ursache diesen piratischen Verlegern 
dankbar zu sein, denn ohne sie* würde nur sehr wenig oder 
nichts von der dramatischen Poesie der Elisabethanischen 
Periode auf uns gekommen sein; ohne sie hätten wir ver- 
muthlich keinen Shakespeare , und es zeigt sich hier auf dem 
literarischen Gebiete , was sich so oft auf dem politischen 
bewährt hat, dass die Welt hauptsächlich durch das Unrecht 
Fortschritte macht. Denn da begreiflicher Weise die auf 
so unregelmässige Art zu Stande gekommenen Ausgaben 
ausserordentlich mangelhaft und entstellt waren, so wurden 
die Verfasser um ihrer Uterarischen Ehre willen genothigt, 
nicht nur in den Druck zu willigen, sondern ihre Werke in 
authentischer Gestalt selbst zu veröffentlichen, und die Schau- 
spieler-Gesellschaften sahen sich nicht in der Lage ihren 
Widerstand dagegen aufrecht zu erhalten. Dieser Hergang 
ergiebt sich aus zahlreichen ausdrücklichen Zeugnissen. So 
sagt Marston in der Vorrede zu seinem Malcontent (1604): 
^Only one thing afflicts me: to think that scenes invented 
merely to be spoken^ should be inforcively published to be ready 
and that the least hurt I can receive is to do myself the wrong. 
But since others otherwise would do tne more, the least incon- 
venience is to be accepted' Zwei Jahre später schreibt der- 



i) Vergl. Shakespeare - Jahrbuch HI, 180. Transactions of the New 
Shakspere Society I» 197. 



i) Die Parenthese (scarce one word true) scheint zu beweisen, dass die 
Stenographie noch weit von ihrer heutigen Vollkommenheit entfernt war. 
Ueber die damalige , von Dr. Timothy Bright erfundene, von Peter Bales (geb. 
1547) verbesserte Brachigraphy [sie!] vergl. Nash*s Suramer's Last Will and 
Testament bei Dodsley (1825) IX, 34 fg. mit CoUier's Anmerkung. Wie aus 
Webster's The Devil's Law Case hervorgeht, wurden auch interessante Ge- 
richtsverhandlungen stenographirt , um zu *scuny Pamphlets* und *lewd bal- 
lads* verarbeitet zu werden. 



*» o 



320 g^- 

9 l| 
selbe Marston in der Vorrede zu seinem Parasitaster: *If g- J h 

any shall wofider why I print a comedy, whose life rests much « 'Sg 

tn the actor's voice, let such know that it cannot avoid fublish^ \ ►^ 

ing ; let it, therefore, stand with good excuse that I have "? v^ 

been my own setter out! Thomas Heywood berichtet im g Ra 

Prolog zu seinem *If you know not me^you know nobody' ^^ fS 

{1623; ed. Collier for the Shakespeare - Society VI fg.): \\\ 

Some hy Stenography drew n ij 9 

The plot , put it in print {scarce one word true) ^ 

And in that lameness it hath limp^d so long, 
The Author now, to vindicate that wrang , 
Hath took the pains upright upon its feet 
To teach it walk: so please you, sit and see^t."^ 

In der Vorrede zu Heywood's Rape of Lucrece (1630) endlich 
heisst es ebenso : ^For though sotne /lave used a double sale 
of their labours, first to the stage and after to the press, for 
my own part I here proclaim myself ever fatthful to the first, 
a7td never guilty of the last: yet since sotne of my plays have 
(unknown to me , and without any of my direction) acciden- 
tally come into the print er" s hands, and, therefore, so corrupt 
and mangled (copied only by the ear) that I have been as 
unable to know them as ashamed to chaUenge them, &c/ Die 
Stellung, welche die Schauspieler - Gesellschaften in der An- 
gelegenheit einnahmen, lässt sich aus einer Notiz in Hens- 
lowe's Tagebuche (ed. Collier 167) erkennen, nach welcher 
ein Drucker durch ein Geschenk von 40 Schillingen vermocht 
wurde, von dem Druck der Patient Grrissill von H. Chettle, 
T. Dekker und W. Haughton abzustehn. 

Das Format, in welchem sämmtliche unechte wie echte 
Einzelausgaben dramatischer Werke erschienen, was das be- 



321 — 

kannte kleine Quartformat, nach welchem sie mit dem ge- 
meinschaftlichen Namen der Quart os bezeichnet werden. 
Dies Format war für leichte poetische Waare ganz ange- 
messen und zugleich für die weiteste Verbreitung im Volke 
geeignet. Der Preis war allerdings, wenn wir den Massstab 
der jetzigen billigen Volksliteratur anlegen, nicht so gering- 
fugig als man erwarten sollte; er betrug nämlich laut der 
in einigen (nicht allen!) Exemplaren der Quarto von Troilus 
und Cressida (1609) enthaltenen Vorrede einen *testerne\ 
d. h. 6 Pence, nach heutigem Geldwerth also etwa eine halbe 
Krone. Man kann daher zweifeln, ob dieser Preisangabe 
eine allgemeine Gültigkeit für alle Quartos zugestanden wer- 
den darf, oder ob nicht auch je nach dem Massstabe der 
Bogenzahl oder nach dem Geschäftsgebrauch des Verlegers 
billigere Preise Statt fanden.^ Wie dem auch sei, so ist 
sicher, dass die Quartos allen Schichten der Gesellschaft 
zugänglich waren und zugänglich sein sollten * und wir dürfen 
kein Bedenken tragen, sie neben den Chapbooks, Ballads 
und Broadsides der Volksliteratur zuzurechnen. Freilich 
hatte dieses kleine Format andererseits den Nachtheil, dass 
es den verderblichen Einflüssen der Zeit nur äusserst gerin- 
gen Widerstand zu leisten vermochte, und dass der grosste 
Theil der leicht beschwingten, im Volke umherflatternden 
Bändchen oder Hefte Sich verzettelte und zu Grunde ging. 
Die Gesammtzahl der sämmtlichen, auf uns gekommenen 
Quartos Shakespeare'scher Stücke möchte schwer zu be- 
rechnen sein, doch ist sie im Verhältniss zu der Zahl der 
erhaltenen Folios jedenfalls gering. Noch ungleich schwerer 
dürfte freilich die Gesammtzahl der überhaupt erschienenen 
Quartos — nicht der Ausgaben, sondern der Exemplare — 
sich abschätzen lassen, da wir keine Kunde von der üblichen 
Stärke der Auflagen besitzen.* Neil (59) hat berechnet, dass 



r) Bolton Comey, The Prices of the Shakespeare Quartos. In : N. and Q. 
1865, Aug. 12, No. 189, S. 124. — Brinsley Nicholson in N. and Q. 4"* S., 
Vol. V, 490 und 4**» S., Vol. VI (July 2, 1870) ii. — Thornbury, Shake- 
speare's England I, 53. 

2) Aus der Entschädigung von 40 Schill, für den Verleger von Chettle's 
Patient Grissill könnte man vielleicht den Schluss ziehen, dass die Stärke 
Else , Shakespeare. 2 I 



1 



322 

bis zu Shakespeare's Tode zwischen 60 bis 65 Ausgaben 
seiner Werke — einschliesslich der Gedichte — erschienen ; 
viele Stücke fanden nämlich so grossen Beifall, dass sie 
wiederholt aufgelegt werden mussten. 'Rechnen wir nur 
60 Ausgaben und die Stärke jeder Auflage zu 300 Exempla- 
ren, so waren noch bei Shakespeare's Lebzeiten nicht we- 
niger als 18,000 Exemplare seiner bis dahin gedruckten 
Werke im Volke verbreitet, eine sehr bedeutende Anzahl, 
wenn wir erwägen, dass sich die Fertigkeit des Lesens auf 
einen kleinem Theil des Volkes beschränkte als heutzutage. 
Die Quartos stehen jetzt hoch im Preise, wenngleich selbst- 
verständlich je nach Massgabe der vorhandenen Exemplare 
eines bestimmten Stückes wie nach der Makellosigkeit und 
Schönheit des Exemplars darin eine grosse Verschiedenheit 
herrscht. Das zweite, in Dublin entdeckte Exemplar der 
ersten Quarto (1603) von Hamlet, auf welches wir zurück- 
kommen werden, wurde von Halliwell mit 120 Pfd. bezahlt, 
während die Quarto des Sommemachtstraums (1600, James 
Roberts) im J. 1865 mit 2^ Pfd. und die Quarto von Hein- 
rich V (vom J. 1608) im J. 1864 mit 12 Pfd. bezahlt wurde. 
Die Quarto von Venus und Adonis 1636, von der es nur 
zwei vollständige Exemplare giebt, wurde im J. 1871 mit 
55 Pfd.^ und die Quarto von Love's Labour's Lost (1598) im 
J. 1864 sogar mit 346 Pfd. 10 Schill, bezahlt. Der höchste 
Preis, der unseres Wissens bis jetzt für eine Shakespeare'- 
sche Quarto gezahlt worden ist, beträgt 350 Pfd. fiir Venus 
und Adonis 1596 (auf der DanieVschen Auktion 1864). 

Von den Gedichten abgesehen giebt es Quartausgaben 
von 16 Shakespeare'schen Stücken (einschliesslich des Pe- 
ricles und die beiden Theile Heinrich's IV nur fiir Ein Stück 
gerechnet), von denen 15 bei seinen Lebzeiten und die des 
Othello wenige Jahre nach seinem Tode (1622) erschien; alle 



der Auflage 500 Exemplare und der Preis des Exemplars i Penny betrug; 
dann wären nämlich mit 40 Schill, gerade 480 Exemplare , d. h. nahezu die 
ganze Ainlage bezahlt. 

i) Athen. 1871» I, 240. — Vergl. die vortreflfliche Bibliographie bei 
Allibone s. Shakespeare. 



323 

übrigen Dramen wurden zuerst in der Folio veröffentlicht. 
Die 1 5 Stücke sind : Die lustigen Weiber von Windsor, Viel 
Lärmen imi Nichts, Verlorene Liebesmüh, Sommemachts- 
traum, Kaufmann von Venedig, Richzird 11, Heinrich IV 
(erster imd zweiter Theil), Heinrich V, Richard DI, Troilus 
und Cressida, Titus Andronicus, Romeo und Julie, Hamlet, 
Lear und Pericles.* Diese Quartos sind sämmtlich in latei- 
nischer Schrift gedruckt, keine einzige in Blackletter. Von 
den Titeln der frühesten unter ihnen hat Collier (On the 
Earliest Quarto Editions öf the Plays of Shakespeare in den 
Shakespeare - Society 's Papers DI, 58 — 83) Facsimile- Ab- 
drücke mit den erforderlichen Erläuterungen gegeben. Dass 
der marktschreierische Stil der Titel lediglich das Werk der 
Buchhändler war, welche dabei nicht die mindeste Rücksicht 
auf die Verfasser nahmen, beweist die Beschwerde von Nash 
in seinem Pierce Penniless (ed. Collier p. XTTT fg.). Nash 
beklagt sich darüber, dass der Verleger während seiner 
Abwesenheit auf dem Lande seinem Buche einen solchen 
geschmacklosen Titel vorgesetzt hat und bestimmt für die 
zweite Ausgabe einen ganz einfachen Titel. * Now , this isy 
schreibt er dem Verleger, that I woulde haue you to do in 
this second edition. First, cut off that langt ayled title, and 
let mee not, in the forefront of my booke, make a tedious 
mountebank's oration to the reader, when in the whole there 
is nothing praise'worthie* Die Collier'schen Facsimiles haben 
übrigens ihr Interesse verloren, seitdem durch Halliwell in 
den Jahren 1861 — 67 photo-lithographirte Abdrücke sämmt- 
licher in Quart erschienenen Stücke veranstaltet worden sind. 
Leider hat der Herausgeber die Anzahl der Abdrücke bei 
jedem Stücke auf 50 beschränkt und von diesen sogar noch 



I) [Halliwell?] A Brief Hand- List of the Early Quarto Editions of the 
Plays of Shakespeare. London 1860. Vergl. Katalog des Shakespeare - Mu- 
seums zu Stratford 156, No. 1092. — Fleay, On the Quarto Editions of Shake- 
speare's Works in den Transactions of the New Shakspere Society I, 40 — 50. 
— A Bibliography of the Original Quartos and Folios of Shakespeare with 
Particular Reference to Copies in America. By Justin Winsor, Superintendent 
of the Boston Public Library. With Sixty two Heliotype Facsimiles. Boston 
and London, 1875. 

21 * 



- — 324 

je 19 vernichtet, so dass nur je 31 übrig bleiben. Es ist 
klar, dass, selbst abgesehn von dem hohen Preise dieser 
Abdrücke, eine so geringe Anzahl nicht einmal den Bedarf 
in England geschweige denn in den übrigen Landern zu 
decken vermocht hat , und man kann nur tief beklagen, dass 
ein Unternehmen, welches fiir die Shakespeare - Forschung 
so bedeutsam und erspriesslich hätte werden können, auf 
diese Weise zur Befriedigung einer bibliographischen Lieb- 
haberei herabgesunken ist.^ Auch die Quartos von Venus 
und Adonis und von der Lucretia hat Halliwell im Anschluss 
an diese Dramen -Reihe unter denselben Bedingungen photo- 
lithographiren lassen. 

Welche von den Quartos als piratisch, welche als echt 
anzusehn sind, ist eine schwer zu lösende Frage, da wir 
hierbei in Ermangelung äusserer Kennzeichen lediglich von 
einer kritischen Untersuchung des Textes und seines Ver- 
hältnisses zum FoUo-Text ausgehen und mithin nicht fug- 
lich zu feststehenden Ergebnissen gelangen können. Knight 
(Wm Sh.; a B. 375) macht darauf aufmerksam, dass Shake- 
speare namentlich in den drei Jahren 1597 1600 sich mit 
der Herausgabe seiner Stücke in ihrer echten Gestalt be- 
schäftigt zu haben scheine, dass er jedoch nach 1600 davon 
abgestanden habe, wahrscheinlich um die Interessen seiner 
Theater - Kollegen nicht zu sehr zu schädigen. Die nach- 
stehende chronologische Uebersicht wird dazu dienen, die 
Sachlage in ein möglichst klares Licht zu stellen. 



i) Es sind im Ganzen 54 Bändchen, deren Verzeichniss sich in Halli- 
well's Shakespeariana 1867, 37 — 51 und im Shakespeare -Jahrbuch X, 387 fg. 
vorfindet. Vergl. Shakespeare - Jahrb. 11, 394 und III, 414. — Ausser dieser 
Halliweirschen Sammlung giebt es von einzelnen Stücken noch anderweitige 
Photolithographien, so von Much Ado (1600), veranstaltet von Staunton, 1864 
(s. Shakespeare -Jahrbuch I, 420); Facsimiles der beiden Hamlet -Quartos 
1858 und 1859 für den Herzog von Devonshire in je 40 Exemplaren veran- 
staltet und von diesem verschenkt; femer einen Facsimile - Druck der Sonette 
und von A Lover's Complaint (1609) (Lond. J. R. Smith, 1870; s. Shakespeare- 
Jahrb. V, 381); endlich einen Facsimile -Druck von Venus und Adonis (1599) 
und The Passionate Pilgrim (die sog. Isham- Reprints von Charles Edmonds^ 
Lond. 1870. Vergl. Shakespeare -Jahrbuch VI, 364 und 373). 



325 - - 

*597* — Drei Quartos, sämmtlich ohne des Dichters 
Namen: Romeo und Julie (Danter); Richard 11 (Valentine 
Simmes for Andrew *Wise); und Richard m (Valentine Sims 
for Andrew Wise). 

1598. — Zwei Quartos, Heinrich IV erster Theil (P[eter] 
S[hort] for Andrew Wise), und Verlorene Liebesmüh (W[il- 
liam] W[aterson] for Cuthbert Burby); die erste ohne, die 
zweite mit des Dichters Namen. 

1600. — Acht Quartos, mit des Dichters Namen, aus- 
genommen die beiden zuletzt zu nennenden: Viel Lärmen 
um Nichts (V[alentine] Spmmes] for Andrew Wise); Som- 
memachtstraum (for Thomas Fisher); Sommemachtstraum 
(James Roberts); Kaufmann von Venedig (James Roberts); 
Kaufmann von Venedig (I[ames] R[oberts] for Thomas Heyes); 
Heinrich IV, zweiter Theil (V[alentine] Spmmes] for Andrew 
Wise and Wm Aspley); Heinrich V (Thomas Creede for Tho. 
Millington und John Busby); Titus Andronicus (I[ames] 
R[oberts] for Edw. White). 

1602. — Eine Quarto, mit dem Namen des Dichters: 
Die lustigen Weiber (T[homas] C[reede] for Arthur Johnson). 

1603. — Eine Quarto, mit dem Namen des Dichters: 
Hamlet (for N[icholas] L[ing] and John Trundell). 

1608. — Eine Quarto, mit dem Namen des Dichters: 
König Lear (for Nathaniel Butter). 

1609. — Zwei Quartos, beide mit dem Namen des 
Dichters: Troilus und Cressida (G. Eid for R. Bonian und 
H. Walley); Pericles (for Henry Gosson). 

1622. — Eine Quarto, mit dem Namen des Dichters: 
Othello (N. O. for Thomas Walkley). 

Dies sind selbstverständlich nicht die sämmtlichen Quar- 
tos, sondern nur die Editiones Principes, wobei der merk- 
würdige Fall eintritt, dass vom Kaufmann von Venedig wie 
vom Sommemachtstraum je zwei Ausgaben in demselben 
Jahre erschienen; die beiden Ausgaben des erstgenannten 
''Stückes gingen sogar aus derselben Druckerei für zwei ver- 
schiedene Verleger hervor. Dass übrigens die Daten dieser 
Editiones Principes keinen andern Anhaltpunkt für die Ab- 
fassungszeit der Stücke darbieten als den terminus ad quem, 



326 

mag zum Ueberfluss ausdrücklich hinzugefügt werden, ob- 
wohl es sich aus der bisherigen Darstellung von selbst er- 
giebt. Es ist eine allbekannte, durchgehende Erscheinung 
in der Elisabethanischen Literatur, dass nicht bloss Dramen, 
sondern Schriften der verschiedensten Art Jahre lang hand- 
schriftlich existirten, ehe sie zum Druck gelangen konnten. 
Theilweise mag sich das aus der Sitte der Zeit erklaren, 
nach welcher ein Buch nicht ohne einen vornehmen Patron 
in die OefFentlichkeit treten konnte. Auf die Quartos den 
Shakespeare'schen Dramen leidet dies jedoch keine Anwen- 
dung, im Gegentheil ist keine einzige von ihnen irgend einem 
Gönner gewidmet; bei den piratischen Ausgaben verbot sich 
dies von selbst, und die echten Quartos wurden Niemandem 
zugeeignet, weil sie, wie bemerkt, nicht als würdigfe litera- 
rische Werke betrachtet wurden. Die Verzögerung des 
Druckes bei den Schauspielen ging unzweifelhaft aus den 
bestehenden Rechtsverhältnissen und dem Widerstreben der 
Verfasser wie der Schauspieler -Gesellschaften gegen diese 
Veröffentlichung hervor. 

Dass Shakespeare persönlich den Druck einer Anzahl 
Quartos geleitet haben sollte, ist, nach der Beschaffenheit 
des in ihnen enthaltenen Textes zu urtheilen, immerhin nicht 
leicht glaublich ; denn wenn auch Unterschiede in Bezug auf 
Genauigkeit und Sorgfalt des Druckes, auf eine mehr oder 
minder authentische Wiedergabe des Textes nicht hinweg- 
zuleugnen sind, so sind dieselben doch nicht so ausserordent- 
lich, dass sie die persönliche Mitwirkung des Dichters bei 
den besseren Quartos ausser Frage stellen sollten. Vielleicht 
erklären sich die Unterschiede lediglich daraus , dass die un- 
echten Quartos nach stenographischen Aufzeichnungen, die 
als echt angesehenen dagegen nach den von den Schauspielern 
dem Drucker überlassenen Handschriften angefertigt wurden, 
die möglicher und wahrscheinlicher Weise nur Abschriften 
des Originals oder Zusammenstellungen der einzelnen Rollen 
waren. Auf dem Titel der zweiten Quarto des Hamlet (1604) 
steht allerdings 'according to the true and perfect coppie^ 
allein eine Mitwirkung des Dichters beim Druck wird selbst 
durch diese Angabe nicht bewiesen. Die rechtmässige Be- 



327 

sitzerin der true and per/ect coppie war die Schauspielerge- 
sellschaft — wie der Verleger sie von dieser erlangte, bleibt 
ein noch ungelöstes Räthsel. Eine Betheiligung des Dich- 
ters selbst beim Drucke anzunehmen, dafür scheint nirgends 
ein zwingender Grund vorzuliegen. Im Gegentheil leiden 
alle Quartos ohne Ausnahme an Nachlässigkeiten und Män- 
geln verschiedener Art imd die Schilderung, welche Skot- 
towe (Life of Sh. I, 82 fgg.) von ihnen entwirft, lässt sich 
nicht als übertrieben bezeichnen. Dass keine Quarto, mit 
einziger Ausnahme des Othello von 1622, eine Akt- und 
Scenen-Eintheilung besitzt, soll ihnen nicht als Nachlässig- 
keit zur Last gelegt werden ; aber sie lassen öfters Personen 
auftreten, welche nicht an der Handlung TheU nehmen, wäh- 
rend andere Personen sich an der Handlung betheiligen, 
deren Auftreten nicht angegeben wird; Abgänge werden 
häufig am unrechten Orte vermerkt; Bühnenweisungen sind 
sehr selten und dürftig; Reden werden oft den unrechten 
Personen zugetheilt und bisweilen wird anstatt des Namens 
der Person der Name des sie darstellenden Schauspielers 
angegeben. Die Orthographie ist durchweg abscheulich, und 
seltenere Worte sind oft bis zur Unkenntlichkeit entstellt; 
Prosareden sind häufig als Verse imd umgekehrt Verse als 
Prosa gedruckt. Würde das alles in solchem Masse der 
Fall sein , wenn Shakespeare selbst seine Originalhandschrift 
in die Druckerei gegeben imd die Druckbogen gar vor dem 
Drucke durchgesehen hätte? Die späteren Ausgaben über- 
treffen nach Skottowe die früheren noch an Fehlerhaftigkeit. 
Trotz aller ihrer Mängel sind jedoch die Quartos ein un- 
schätzbares und unentbehrliches Hülfsmittel zur Herstellung 
des Shakespeare'schen Textes , ja in einzelnen Fällen bieten 
sie einen entschieden bessern und echtem Text dar als 
selbst die Folio, so z. B. die Quartausgabe des Hamlet von 
1604 und vielleicht die Quarto von Richard DI (s. dagegen 
Delius im Shakespeare -Jahrbuch VIT, 124 — 169). Die bei- 
den berühmten Quartos des Hamlet 1603 und 1604 enthalten 
überdies, wenn nicht alles trügt, zwei verschiedene Bear- 
beitungen und erofEhen uns dadurch einen Blick in die geistige 
Werkstatt des Dichters. Selbst in dem wenigst günstigen 



328 

Falle gewähren die Quartos ein nicht von der Hand zu 
weisendes Verbesserungsmittel für die Folio. 

Das gewaltige Aufstreben des Dramas, sein Wachsthum 
an Bedeutung imd Ansehn spiegelt sich sogar im Aeusser- 
lichsten ab. Die Dramen machten bald genug Anspruch 
auf den Titel von 'Werken', und das Quartformat wuchs zum 
Folio an, welches bis dahin das geheiligte imd bevorrechtete 
Format der Gelehrsamkeit, insbesondere der theologischen, 
gewesen war. In diesem Sinne kann man sagen, dass mit 
den Folio -Ausgaben das Drama in die Literatur eintrat. 
Der ehrgeizige und anmassende B. Jonson, der sich, wenn 
er guter Laime war, emphatisch 'The PoeV zu nennen liebte,* 
war der erste, der diesen Uebergang vollzog, indem er 1616 
(im Todesjahre Shakespeare's) eine Folioausgabe seiner dra- 
matischen Werke veranstaltete. Dann folgte 1623 (im Todes- 
jahre von Shakespeare's Wittwe) die Folioausgabe von 
Shakespeare, dann Beaumont und Fletcher 1647, Killigrew 
(Comedies and Tragedies) 1664 imd (Four New Plays) 1666, 
Davenant 1673, imd endlich Dryden 1701 — 1706. *Some 
play-books, sagt Prynne, are grown from Quart o into Folio; 
which yet bear so good a price and sale^ that I cannoi but 
with j^rie/e relate iL — — Shackspeer^s [sie?] Plaies are 
printed in the best Crowne-paper^ far better than most Btbles* ^ 
Das ist das echte Puritaner -Geheul! Das vortreffliche 
Kronen -Papier, um diesen Punkt gleich hier zu erledigen, 
war übrigens aller Wahrscheinlichkeit nach deutsches Fabri- 
kat aus John Spielmann's berühmter Papiermühle bei Dart- 
ford (Kent), so da^s die Deutschen auch in dieser Hinsicht 
schon von der ersten Folio an einen gewissen Antheil an 
dem grossen Dichter geltend machen können.* Aber nicht 



• 

i) Conversations with Wm Drummond ed. Laing 38. 

2) Bei Farmer, Essay &c. 3* Ed. 33. — Malone's Shakespeare by Bos- 
well (1821) I, 320. — Ingleby, Shakespeare*s Centurie of Prayse 124. 

3) Nach Rye LXXII war Spielmann aus Lindau im Bodensee gebürtig 
und errichtete seine Papierfabrik im J. 1588. Elisabeth, deren Hofjuwelier 
er überdies war, gewährte ihm im folgenden Jahre ein zehnjähriges Privile- 
gium (special licence) auf das Lumpensammeln. Die Papiermühle beschäftigte 
600 Menschen, und Tausende strömten zu ihrer Besichtigung herbei , denn 



329 - 

allein von der ersten Folio an, sondern jedenfalls war schon 
das zu den Quartos verwendete Papier Spielmann'sches 
Fabrikat, und Herrn. Kurz (FalstafF und seine Gesellen 75 fg.) 
muthmasst nicht unwahrscheinlich, dass Shakespeare selbst 
sich des Dartforder Papiers zum Schreiben bedient habe. 
Vergl. Zomlin, Two Additional Notes on the Play of Henry VI, 
Pt. n in The Shakespeare - Society's Papers IV, 50 — 56. 

Die erste FoUo wurde, wie bekannt, von Shakespeare's 
Kollegen John Heminge und Henry Condell herausgegeben, 
und von ihnen Ihren Hoheiten den Grrafen Wm Pembroke 
und Philip Montgomery, dem unvergleichlichen Brüderpaar, 
als besonderen 'Gönnern des verstorbenen Dichters zuge- 
eignet.* Dass diese Herausgabe nicht nur in literarischer, 
sondern auch in finanzieller oder geschäftlicher Hinsicht ein 
bedeutendes Unternehmen war, geht aus dem Umstände her- 
vor, dass sich nicht weniger als vier Verleger dazu ver- 
banden, um 'Viribus unitis' einem solchen Wagniss gewachsen 
zu sein; es waren Wm Jaggard, Ei Blount, J. Smethwick 
und Wm Aspley, von denen die beiden ersten zugleich den 
Druck übernahmen. Aus dieser Arbeitstheilung unter zwei 
Herausgeber , vier Verleger und zwei Drucker lassen sich 
wol manche Ungleichheiten und Zusammenhangslosigkeiten 
in Format, Paginirung u. s. w. herleiten, an denen die Folio 
leidet und die noch nicht genügend erforscht und erklärt 
sind. Ungleichheiten im Format sind nämlich insofern vor- 
handen, als zwar die bei weitem überwiegende Zahl der 



England hatte bis dahin nur ein paar vereinzelte und unvollkommene Ver- 
suche in der Papierfabrikation gematht. Thomas Churchyard beschrieb Spiel- 
manns Fabrik und den Segen des Papiers in einem eigenen Gedichte (1588), 
und Jakob I erhob 1605 den grossen Fabrikanten in den Ritterstand. Spiel- 
mann starb 1626 und wurde in der Kirche zu Dartford beigesetzt. — In 
2 K. Henry VI, FV, 7 wüthet Jack Cade auch gegen die Papiermühle. * Whereas, 
before, so fahrt er Lord Say an, our forefathers had no other books but the 
score and the tally, thou hast caused printing to be used, and, contrary io 
the king, his crown and dignity, thou hast built a paper -mill* 

i) S. über FA: The First Edition of Shakespeare, 1623. In: The Retro- 
spcctive Review, Vol. I. — Collier, Memoirs of the Principal Actors 65 — 69. 
— Einer öfter ausgesprochenen Vermuthung zufolge wären Widmung und Vor- 
rede von B. Jonson verfasst worden. Malone's Shakspeare by Boswell II, 663 fgg. 



— 330 

Bogen aus sechs Blättern besteht, die beiden Bogen gg 
in Heinrich IV, zweiter Theil, und in Romeo und Julie da- 
gegen je acht enthalten, und der zwischen Timon von Athen 
und Julius Cäsar fehlende Bogen ii augenscheinlich nur auf 
vier Blätter (S. loi — 109) berechnet war.^ Noch grössere 
Unregelmässigkeiten weist die Paginirung auf. Julius Cäsar 
beginnt mit S. 109, anstatt, wie er sollte, mit S. loi; im 
Hamlet springt die Seitenzahl von 156 auf 257 und fahrt 
dann regelmässig im zweiten Hundert fort; einzelne Seiten- 
zahlen wiederholen sich, wie z.B. S. 81 imd 82 im Timon; 
Troilus imd Cressida ist fast gänzlich unpaginirt. Derglei- 
chen mag aus Nachlässigkeit, vielleicht aber auch aus dem 
Umstände hervorgegangen sein , dass möglicher Weise zwei 
Druckereien gleichzeitig und nicht immer mit der erforder- 
lichen Uebereinstimmung an dem Werke arbeiteten. Jeden- 
falls nahm der Druck eines so umfänglichen Folianten 
geraume Zeit in Anspruch, woraus sich auch das Vorhanden- 
sein eines — nach anderer Angabe zweier — Exemplare 
mit der Jahreszahl 1622 erklären dürfte.* Brinsley Nicholson 
(N. & Q. 4"" Ser. VI, July 2, 1870, 11) bemüht sich, die Un- 
regelmässigkeiten der Paginirung durch die Annahme zu 



i) S. die Schlegel -Tieck'sche Uebersetzung , herausg. von der Deutschen 
Shakespeare -Gesellschaft X, 322. XI, 179. — N. & Q. 1867, No. 294, S. 122. 

2) Ein Exemplar mit der Jahreszahl 1622 weist Allibone als im Besitze 
eines Mr J. Lenox in New York nach und fügt hinzu, Mr Lenox halte es für 
möglich, dass die letzte 2 der Jahreszahl aus einer 3 geändert sei. Wo das 
angebliche andere Exemplar sich befindet, ist nicht herauszubringen, und es 
lässt sich daher nicht sagen, was es damit für eine Bewandtniss haben mag. 
Vergl. Collier, Memoirs of the Principal Actors 65 — 69. — Von der zweiten 
Folio soll nach Lowndes gleichfalls ein Exemplar mit der Jahreszahl 1631 
(statt 1632) vorhanden sein; Bohti glaubt jedoch nicht daran, sondern hält 
diese Angabe für irrthümlich. Lowndes -Bohn 2256. — In The Shakespeare- 
Society's Papers I, 38 weist ein Ungenannter darauf hin, dass auch von der 
dritten Folio ein von 1663 anstatt 1664 datirtes Exemplar vorhanden sei. 
Leider giebt er nicht an wo.' Nach Allibone sind sogar mehrere Exemplare 
von 1663 und einige mit beiden Jahrzahlen 1663 und 1664 datirt. Die 
Exemplare von 1663 enthalten die sieben zweifelhaften Stücke nicht. S. 
Lowndes -Bohn 2258. — Noch auffalliger kehrt dasselbe Schwanken der 
Datirung bei Milton's Paradise Lost wieder. Vergl. The Poetical Works of 
J. Milton ed. Masson (1874) I, 7 fgg. 



— 331 - 

erklären, dass die drei Theile der Folio — Historien, Ko- 
mödien und Tragödien — hätten von einander getrennt 
werden können und für den Einzelverkauf eingerichtet ge- 
wesen seien. Dafür spreche, dass diese drei Theile geson- 
derte Paginirung und Bogensignaturen haben und dass, 
obwohl die Lustspiele wie die Historien auf einem unvoll- 
ständigen Bogen (zwei und vier statt der gewohnlichen sechs 
Blätter) endigen, dennoch der folgende Theil mit einem 
neuen Bogen beginne. Dagegen spreche, dass bis jetzt 
«noch nie ein einzelner dieser drei Theile oder ein Exemplar 
der vollständigen Folio mit besondem Titeln für die drei 
Abtheilungen aufgefunden worden sei. Dass die Stücke 
nicht einzeln abgegeben worden seien, gehe daraus hervor, 
dass, wenn ein Stück gegen die Mitte eines Bogens von 
sechs Blättern ausgehe, das nächste auf der folgenden Seite 
beginne, selbst wenn dies die zweite Seite eines Blattes sei. 
Brinsley Nicholson unterstützt seine Hypothese durch eine 
Vergleichung mit den Folioausgaben von B. Jonson und 
von Davenant. Dass die erstere aus vier gesonderten 
Theilen besteht , ist unbestreitbar , denn , wie aus Jonson's 
Briefen erhellt, sandte er selbst einzelne Theile seiner Folio 
an einen seiner Gönner (vergl. Gifford, Memoirs of B. Jon- 
son). Gleichwohl laufen in seiner Folio von 1616 Paginirung, 
Signaturen und Blattzahl der Bogen imunterbrochen und 
regelmässig fort. In der posthumen Folio -Ausgabe von 1640 
dagegen beginnt im ersten Theil bei den Epigrammen eine 
neue Paginirung, Signatur u. s. w., so dass offenbar die Ab- 
sicht dahin ging, dadurch den Einzelverkauf der Schauspiele 
einerseits, wie der Epigramme, Forest und Maskenspiele 
andererseits zu ermöglichen. Zu gleicher Zeit konnte auch 
jedes einzelne Stück, oder Epigramme und Forest, oder The 
King's wie The Queen's Entertainments, oder die Masken- 
spiele für sich abgegeben werden, da (mit Ausnahme des 
Forest) jeder der genannten TheUe mit einem besondem 
Titelblatt versehen ist. Ganz übereinstimmend hiermit ist 
die Einrichtung des zweiten Bandes dieser Ausgabe; er 
besteht aus vier gesonderten Abtheilungen, nämlich i. Bar- 
tholomew Fair, Staple of News, The Devil is an Ass; 2. The 



332 - 

Magnetic Lady, Tale of a Tub, The Sad Shepherd; 3. Ho- 
race's Art of Poetry, English Grammar, Timber; 4. Masques, 
Underwood, and, as an after edition, Mortimer. Ueberdiess 
besitzt auch hier jedes Stück seinen besondem Titel. Es 
leuchtet ein, dass durch eine solche Theilbarkeit des Inhalts 
die Verkäuflichkeit des Buches wesentlich befordert und die 
Einträglichkeit des Unternehmens erhöhet werden musste. 
Schon aus diesem Grrunde ist es keineswegs unglaublich, 
dass Herausgeber und Verleger der ersten Folio ihr Augen- 
merk auf eine solche Einrichtung gerichtet haben sollten. 
Freilich kann es fraglich scheinen, ob nicht durch die Los- 
losung einzelner Stücke oder Abtheilungen einerseits der 
Absatz der Quartos — und Smethwick und Aspley waren 
im Besitze einzelner Quartos — sowie andererseits der des 
Gesammtwerkes geschädigt worden sein möchte. 

Das fuhrt uns auf die Frage nach Preis und Auflagen - 
Stärke, die, wie immer, weit leichter gestellt als beant- 
wortet ist. Es fehlen uns wieder alle Anhaltpunkte. Als 
Preis der ersten Folio nimmt man gewöhnlich i Pfd. an — 
Brinsley Nicholson meint, dass jede der drei Abtheilungen 
einzeln etwa 5 Schillinge gekostet haben möge — und die 
Stärke der Auflage schätzt man, gleichwie auch bei den 
spätem drei Folios, auf je 500 Exemplare, so dass das 
Geschäft nach dem damaligen Geldwerthe in der That ein 
sehr ansehnliches gewesen wäre. Von diesen muthmass- 
lichen 500 Exemplaren ist etwa der sechste Theil auf uns 
gekommen, wenigstens hat der vor etlichen Jahren ver- 
storbene bekannte Buchhändler und Antiquar Thomas Rodd 
im Jahre 1848 einen Katalog sämmtlicher vorhandenen 
Exemplare angefertigt und deren etwa 80 gezählt, von 
denen ungefähr 25 auf öffentliche Bibliotheken kommen, 
während sich die übrigen im Privatbesitz befinden. * Diese 
Zahl wird nicht erreicht von AUibone s. Shakespeare, der 
ein sehr sorgfältiges Verzeichniss der zum Verkauf gekom- 
menen Exemplare mit genauer Angabe der Besitzer, der 
Preise, der Grrösse und Beschaffenheit der betreffenden 



l) Fennell's Shakespeare -Repository 4. 



333 

Exemplare u. s. w. zusammengestellt hat; er zählt nur 37 
solcher Exemplare auf, so dass sich, wenn wir die Zahl der 
Bibliotheks- Exemplare als feststehend annehmen dürfen, die 
Simime von 62 ergeben würde. Es ist jedoch wahrschein- 
lich, dass seine Liste, wie danken^werth auch immer, doch 
nicht auf Vollständigkeit Anspruch machen darf, und dass 
die Gesammtzahl der vorhandenen Exemplare der von Rodd 
angegebenen Summe nahe kommen mag. In dem Monats- 
berichte des Bibliothekars der Bostoner Bibliothek fiir April 
1874 werden 17 mehr oder weniger vollständige Exemplare 
der ersten Folio aufgezählt, welche sich in Amerika be- 
finden; davon kommen 4 auf Boston, 6 auf Neu -York, 3 auf 
Philadelphia und je i auf Newport, Providence, Cincinnati 
imd Chicago. Vermuthlich ist jedoch auch diese Aufzählimg 
nicht vollständig. * Diese Exemplare sind natürlich sehr 
verschieden an guter Erhaltung und Schönheit, ja eine nicht 
unbedeutende Anzahl derselben ist nicht frei von Lücken 
und künstlichen Ergänzungen derselben. * Nach Boaden's 
Angabe * fehlt namentlich häufig der Titel, besonders bei 
den späteren Folios, nicht weil er der Zerstörung mehr 
ausgesetzt gewesen wäre als die übrigen Blätter, sondern 
weil er oft absichtlich herausgenommen und des Droeshout'- 
schen Stiches wegen in Bildniss- Sammlungen übertragen 
worden ist. Man hat in solchen Fällen öfters seine Zuflucht 
zu den verschiedensten und künstlichsten Operationen ge- 
nonunen, die den Laien täuschen können. Ein andrer Mangel 



i) Athen. June 6, 1874, 764. 

2) Eine humoristisch -satirische Schilderung der Art und Weise, wie 
die Exemplare der Folio mit dem nichts weniger als verschönernden Schmutz 
der Jahrhunderte bedeckt wurden, giebt Steevens (bei Drake 593). Am 
Schlüsse derselben sagt er, die erste Folio sei das theuerste englische Buch 
'/or vfhat otker English volume without plates, and printed since the year 
1600, is known to have sola, more tkan once, for S? 35. 14 J.r** Drake fügt 
hinzu : ' Since this note was written , a copy of the first folio hos produced 
the enormous price of one hundred pounds.^ Vergl. Roxburghe Catalogue, 
112, No. 3786. Und jetzt?!! 

3) James Boaden, An Inquiry into the Authenticity of the Various 
Pictures and Prints of Shakespeare (Lond. 1824) 619. 



334 

ist nach Fennell 1. 1. der, dass in vielen Exemplaren das 
Vorsetzblatt mit B. Jonson's Versen ^To the Reader' ver- 
loren gegangen ist. Unvollständige Exemplare sind häufig 
durch Blätter oder ganze Theile der zweiten oder dritten 
Folio vervollständigt worden. Vollständige und tadellose 
Exemplare — wobei grosser Werth darauf gelegt wird, dass 
sie nicht zu stark beschnitten sind^ — sind nicht bloss auf 
das Sorgfaltigste chemisch gereinigt, sondern meist mit 
verschwenderischer Pracht eingebunden worden; der be- 
rühmte Schauspieler Kemble bewahrte das seinige sogar in 
einem kunstvoll gearbeiteten, verschliessbaren Kasten auf. 
Sein Exemplar, obwohl ausgebessert und ergänzt (inlaid)^ galt 
früher für das schönste, während gegenwärtig das im Besitz 
der Lady Burdett Coutts befindliche (die sog. Daniel -Moore 
Copy) als das Juwel aller vorhandenen Folios angesehen 
wird. * Jedenfalls ist es dasjenige, für welches bis jetzt der 
höchste Preis gezahlt worden ist, nämlich nicht weniger als 
716 Pfd. 2 Seh.! Boaden konnte im J. 1824 sein Erstaunen 
über den Preis des damals theuersten Exemplars, des 
Kemble'schen, nicht unterdrücken, der doch nur 107 Goiineen 
betrug, wogegen heutigen Tags für ein gut erhaltenes 
Exemplar mindestens die drei- bis vierfache Summe bezahlt 
wird. Diese ausserordentliche Preissteigerung wird weniger 
der allgemeinen Geldentwerthung als der vornehmen Biblio- 
manie und dem künstlichen Emporschrauben durch Anti- 
quare und Auktionatoren verdankt, die dabei nur zu sehr 
ihre Rechnung finden. Den Hergang solcher Auktionen 
mit besonderm Bezug auf die erste Folio hat kürzlich das 
Athenaeimi 1872, I, 561 (May 4) enthüllt." Unvollständige 
und geringe Exemplare sind dagegen noch immer für 25 



i) Die Grösse der Folio schwankt zwischen 12^/2 bis 13^1 engl. Zoll 
Höhe bei 8 bis 9 engl. Zoll Breite. 

2) Vergl. The Times July 27, 1864 und Künzel, "Wm Shakespeare 
(Darmstadt 1864) 39. 

3) Vergl. dazu : Säle of the Shakespearian Library of Wm Nansom Lett- 
som im Athen. 1865, II, 810 (Dec. 9). — Shakespearian Säle im Athen. 1867, 
II, 85 fg. — Athen. 1868, I, 75 (ein Exemplar für 345 Pfd. angeboten). — 
Athen. 1869, I, 690. — N. and Q. 4"* Ser., V, March 19, 1870, 307 (FA 



335 

bis 40 Pfund käuflich. Nicht minder schwankend, wenn- 
gleich im Ganzen bedeutend massiger, sind die Preise der 
spätem Folios, um diese hier gleich einzufügen; alles hängft 
von der Liebhaberei imd der Beschaffenheit des betreffen- 
den Exemplars ab, so dass sich allgemein gültige Durch- 
schnittspreise nicht aufstellen lassen. 

Unter diesen Umständen ist es leicht begreiflich, dass 
sich die kostbaren Ueberbleibsel der ersten Gesammtaus- 
gabe von Shakespeare's Werken ausser in den grossen 
Bibliotheken in den Händen der vornehmen und reichen 
Liebhaber befinden ; Forscher und Gelehrte müssen sich mit 
geringem Ersatzmitteln begfnügen und dankbar sein, dass 
ihnen die neueste Zeit wenigstens diese in ziemlich genü- 



360 Pfd.; FB 25 Pfd. 10 Seh.; FC 200 Pfd.; FD 20 Pfd. 10 Seh.). — Athen. 
1868, r, 800 (FB 30 Pfd.). — Athen. 1871, I, 240 (Mr CorsePs Library: FA 
160 Pfd. ; FB 49 Pfd.; FC 77 Pfd.; FD 12 Pfd.; Sonnets (1609) 45 Pfd.). — 
N. and Q., 4*»» Scr., VII, Feb. 25, 1871, 181. — Im Athen. No. 2368, Mar. 15, 
1873, 333 bietet B. Quaritc)i aus: FA (i2Vt by 8 inchcs) zu 200 Pfd.; FA 
(i2'/4 by 8«/g inches, Title and B. Jonson's Verses, Lines to the Memorie &c., 
List of Actors and a portion of the last Leaf in facsimile) 90 Pfd. ; FB 
(Title, Portrait, and Verses in facsimile) 42 Pfd.; FB (quite perfect) 72 Pfd.; 
FC (gutes Exemplar) 200 Pfd.; FC (wanting Portrait and Title, Dedication 
defective, otherwise good, i3»/g by S'/g inches) 48 Pfd.; FD (very fine, large, 
clean copy) 21 Pfd. — FA 'the same copy which brought only HO /. 
5 s, at Mr Dent's sale was run up at the sale of the Perkins Library 
(June 1873) to 585 /. which is the highest price it has ever fetched, ezcept- 
ing the Daniel copy, which, in 1864, sold for 716 V Athen. 1873, I, 763. — 
Thomas Hayes in Manchester bietet im Athen. 1873, 11, 133 aus: FA 'very 
fine and perfect copy, from the Perkins Library, red morocco extra 715 /.'; 
FA 'another copy, wanting Title, Verses, four preliminary leaves, and last 
two leaves, calf 105 /. ' (ausdrücklich zur Vervollständigung eines andern 
defekten Exemplars); FB, 'fine copy, crimson morocco,' 40 Pfd.; FD, fine copy, 
calf, 25 Pfd. Bei der Versteigerung von Sir William Tite's Bibliothek im 
Mai 1874 wurden folgende Preise bezahlt: FA 440 Pfd; FB 45 Pfd; FC 
79 Pfd.; FD 18 Pfd. — Hamlet (1611) 33 Pfd.; K. Lear (1605) 40 Pfd. 10 Seh.; 
Lochrine (1595) 45 Pfd.; Lucrece (1594) i lO Pfd.; Merch. of Vcn. (1600) 46 Pfd.; 
Midsummer Night's Dream (1600) 39 Pfd. 10 Seh.; Perides (1609) 53 Pfd. 
10 Seh.; Romeo and luliette (1609) 43 Pfd. 10 Seh.; Shakespeare's Poems (1640) 
25 Pfd. 10 Seh. A complete set of facsimiles of the early quarto editions 
of the separate plays of Shakespeare, by Ashbee, under the superintendence 
of Mr. Halliwell 136 Pfd. Nach Athen. No. 2432, June 6, 1874, 763. 



— 33(> — 

gender Weise zugänglich gemacht hat. * Obenan unter 
diesen Ersatzmitteln steht die unter Howard Staunton's Lei- 
tung veranstaltete photo - lithographische Nachbildung nach 
den Originalen in Bridgewater House (Graf Ellesmere) und 
im Britischen Museum (8 Ghiineen). Eine gleichfalls auf 
photographischem Wege hergestellte Reproduction in ver- 
kleinertem Massstabe erschien bei Chatto und Windus 
(1875).* Ausserdem giebt es zwei Facsimile- Drucke, den 
jetzt vergessenen von 1807 (fol. , 5 Guineen) und den von 
Lionel Booth (1864, je nach dem Format 1V2 bis 5 Guineen). 
Der erstgenannte ist sehr unzuverlässig — Upcott hat bei 
einer genauen Vergleichung mit dem Original nicht weniger 
als 368 Fehler und Versehen darin nachgewiesen;' gegen 
die zweite hat sich noch kein Tadel erhoben, und sie 
empfiehlt sich für den Handgebrauch auch durch ihr ver- 
kleinertes Format. 

Auf die erste Folio folgte 1632 eine zweite, 1664 eine 
dritte und 1685 endlich eine vierte und letzte, sämmtlich, 
wie man — freilich ohne jeden Anhaltspunkt — vermuthet, 
von der nämlichen Auflagenstärke wie die erste Folio. Sie 
sind von der ersten abgedruckt, und die zweite und dritte 
stimmen sogar Seite für Seite mit ihr überein. * Selbst- 



i) Auf das Bedürfniss eines Facsimiledruckes der ersten Folio hat znerst 
Home Tooke in den Diversions of Purley hingewiesen; s. Allibone u. Shake- 
speare. 

2) The First Edition of Shakespeare, 1623. Mr Wm Shakespeare*s 
Comedies, Histories, and Tragedies &c. In reduced Facsimile, by a Photo- 
graphic Process; thus ensuring the strictest Accuracy in every Detail. With 
an Introduction by J. O. Halliwell-Phillipps, Esq. 10 s. 6ä, 

3) Vergl. N. & Q. VH, 47. 

4) Smith, Bacon and Shakespeare 149. — Ueber die späteren Fs s. 
Lowndes-Bohn, Allibone und Skottowe, Life of Shakespeare I, 82 — 86. 
'The second folio , sagt Skottowe, is described by all the editors of Shake^ 
speare^ with the exception of Steevens, as utterly worthless. It is a reprint 
of the former folio, with hundreds of additional errors, the producttons of 
Chance, negligence and ignorance* Nur durch Eine Zuthat zeichnet sich die 
zweite Folio vor der ersten aus, indem sie zuerst das schöne * Epitaph on 
the Admirable Dramatic Poet W. Shakespear' von Milton enthält, welches 
bekanntlich das erste Gedicht von ihm ist, das dem Druck übergeben wurde. 
Dabei mag der Möglichkeit gedacht werden, dass der sechsjährige Milton 



337 

redend ist danach ihr kritischer Werth für die Textgestal- 
tung ein seW geringer; sie verbessern zwar hier und da 
'einen Fehler, im Ganzen aber wächst die Zahl der, häufig 
ganz unsinnigen Druckversehen und die durchgehende Lie- 
derlichkeit des Satzes. Dessenungeachtet sind auch die 
Preise dieser Folios gegen früher beträchtlich in die Höhe 
gegangen ; wer die erste Folio nicht erlangen kann, begnügt 
sich gern mit einer spätem, während der wahre Bibliomane 
(gleich den Bibliotheken) natürlich seinen Stolz darein setzt, 
sämmtliche vier Folios zusammenzubringen. Allibone zählt 
38 verkaufte Exemplare der zweiten, 35 der dritten und 2^ 
der vierten Folio auf; die Gesammtzahl der vorhandenen 
Exemplare wird sich danach etwa auf das Doppelte schätzen 
IcLssen. Die dritte Folio wird häufig für sehr selten ausge- 
geben, da der grosste Theil derselben bei dem grossen 
Londoner Brande 1666 zu Grunde gegangen sei, allein diese 
durch nichts unterstützte Annahme wird nicht mit Unrecht 
bezweifelt.^ Unter den Exemplaren der zweiten Folio hat 
eins eine grosse, fireilich wenig beneidenswerthe Berühmt- 
heit erlangt, dasjenige, welches die gefälschten, von Collier 
veröffentlichten handschriftlichen Correcturen enthält.* Der- 
artige mit älteren oder jüngeren Randbemerkungen ausge- 
stattete Exemplare finden sich übrigens öfter, so z. B. eins 
von der vierten Folio, das sich im Besitze G. Daniel's be- 
findet und dessen Correcturen Josiah Phillips Quincy her- 
ausgegeben hat.^ Von der dritten Folio ist das denkwür- 
digste Exemplar dasjenige , welches sich im Besitze Karl's I 



Shakespeare bei seinem letzten Aufenthalt in London gesehn haben kann, 
indem Milton's Vater in Breadstreet dicht an der Mermaid wohnte. S. Mas- 
sen, The Life of John Milton &c. (Cambridge, 1859) I, 32 fg. 

1) S. Lowndes-Bohn 2257. — ' The puhlishers of the 4** Folio appear 
to have considered the destruction of the third so effectual as to render it a 
nonentity, and accordingty say on tkeir title 'page "unto wkich is added 
Seven Playes never hefore printed in folio*\* Quaritch im Athen. 1873, I, 333. 

2) Delins, J. P. Collier's alte handschriftliche Emendationen zum Shake- 
speare gewürdigt. Bonn, 1853. — Tycho Mommsen, Der Perkins - Shakespeare. 
Berlin, 1854. 

3) MS Corrections from a Copy of the Fourth Folio of Shakespeare's 
Plays. Boston (?) 1854, pp. 51. — Allibone s. Quincy. 

Elze, Shakespeare. 22 



— 33» 

befand und von diesem an Sir Thomas Herbert, seinen 
Groom of the Bedchamber, geschenkt wurde; nachmals von 
Georg m angekauft, wird es gegenwärtig in der königlichen 
Privatbibliothek zu Windsor aufbewahrt. Es trägt eigen- 
händige Inschriften von Karl I (seinen Wahlspruch: Dum 
Spiro spero, C. R,)y von Thom. Herbert, B. Jonson und 
Georg in. * Von der wichtigsten Eigenthümlichkeit , durch 
welche sich die dritte und vierte Folio von den beiden 
ersten unterscheiden, wird alsbald die Rede sein; es ist be- 
kanntlich die Hinzufugung von sieben weitem — den sog. 
zweifelhaften — Stücken, von denen jedoch nur der Pericles 
in die spätem Ausgaben übergegangen ist, die andern da- 
gegen als unecht ven^^^orfen worden sind. 

Ueber den kritischen Werth der Folio sind die entgegen- 
gesetztesten Urtheile gefallt worden, von einer fast blinden 
Verehrung bis herab zu fast gänzlicher Verwerfung. Wäh- 
rend Home Tooke in seinen Diversions of Purley sie fiir 
die einzig beachtenswerthe Ausgabe erklärt , ist das London 
Quarterly No. m der Ansicht, es sei gar keine Ausgabe, 
denn *editedy in a?iy proper sense of the wordy sagt es, it is 
noi;'^ — — 'bad as the editing was, fahrt es fort, the 
printing of this volume was no better' In der That wird 
eine geschulte, kritikverständige Hand bei der Textbehand- 
lung, wie eine geübte und sichere Hand beim Satz durchaus 
vermisst. Malone verehrte die Folio , wogegen Steevens in 
seiner Anmerkung zu dem berüchtigten Ullorxa (Timon von 
Athen DI, 4) den bittersten Tadel über sie ausgiesst; ' types, 
sagt er, shook out of a hat, or shot front a dice-box, would 
often assutne forms as legitimate as the proper natnes trans^ 
mitted to us by Messrs Heminge^ Condell and Co,, who very 
probably did not accustom themselves to spell even their own 
appellations with accuracy, or always in the same manner' 
Wenngleich sachlich nicht unbegründet, lässt doch dieses 
Verdammungsurtheil auch die bissige Gegnerschaft gegen 
Malone durchblicken, der sich nicht gescheut hatte, das 



i) Lowndes-Bohn 2257. 

2) Vergl. Cornhill Magazine, Oct. 1867. 



339 

mehr als unsinnige Ullorxa in seinen Text au&unehmen; 
*like the cock in the fable ^ sag^ Steevens, I am content to 
leave this gern on the stercoraceous spot where tt was disco- 
veredJ * Sicherlich kann von nichts weniger die Rede sein, 
als davon, den Massstab eines heutigen Herausgebers oder 
auch nur Correctors an Heminge und Condell anzulegen; 
sie hatten keine Ahnung von der Thätigkeit und den Pflich- 
ten, die sie lediglich aus. Liebe zu dem verstorbenen Dichter 
auf sich nahmen, denn dass das Unternehmen ihnen keinen 
Gewinn eintrug, sagen sie in der Widmung an die beiden 
Grafen ausdrücklich, imd waren, um den bekannten Aus- 
druck der Sonett -Widmung zu gebrauchen, offenbar weiter 
nichts als die 'onlie begetters' der Handschriften. Eine Thä- 
tigkeit der Herausgeber lässt sich am Texte nur in folgen- 
den vier Punkten erkennen: sie strichen die marktschreieri- 
schen Titel der Quartos; sie theilten — nach ihren Hand- 
schriften? — die Stücke in Akte und Scenen, was in den 
Quartos noch vermisst wird; sie beachteten und vervollstän- 
digten die Bühnenweisungen, wenngleich* auch in diesem 
Punkte einige Quartos der Folio überlegen sind ; und endlich, 
sie tilgten alle Schwüre und Flüche, da nach dem Statut 
3 Jakob's I, Kap. 2 1 der Missbrauch des göttlichen Namens 
in allen Theaterstücken und Zwischenspielen streng verpönt 
war. Aber auch die Druckereien der Herren Jaggard und 
Blount halten keinen Vergleich mit einer heutigen Druckerei 
zweiten oder dritten Ranges aus. Selbst eine Offizin einer 
mittelgrossen deutschen Provinzialstadt würde sich heutigen 
Tages schämen, solche Arbeit zu liefern. Ja was mehr ist, 
wenn wu- den Vergleich mit der Gegenwart als nicht gerecht 
fallen lassen, so lässt sich doch nicht leugnen, dass die Folio 
auch mit dem Masse ihrer eigenen Zeit gemessen als ein 
schlecht und nachlässig gedrucktes Buch bezeichnet werden 
muss; ein Vergleich mit B. Jonspn's Folioausgabe von 161 6 
oder mit Spenser's Faerie Queene von 1 609 (der sog. ersten 
Folio dieser Dichtung) oder mit einem andern Werke glei- 
chen Ranges thut das zur Genüge dar. Der Abstand fallt 



i) S. Var. Ed. ad 1. 

22* 



um so unangenehmer auf, als Heminge und Condell an die 
Königin im Schauspiel in Hamlet erinnern, von der Hamlet's 
Mutter sagt: The lady protests too much^ methtnks. Die 
beiden Herausgeber betheuern in ihrer Vorrede, deiss, wäh- 
rend die Leser früher ^were abused with divers stolen, and 
surreptious copies, maimed, and de/ormed by the frauds and 
stealths o/ injurtous impostors^ that exposed them ; eventhose, 
are now offered to your view cured, and perfect of their 
linibs, and all the rest, absolute in their numbers, as he con- 
ceived them^ Sie gehen sogar noch weiter und deuten an, 
dass sie des Dichters Handschriften benutzt haben ^and have 
scarce received from him a blot in his papersT Wären wirk- 
lich die makellosen Original -Handschriften des Dichters, in 
denen kaum eine Zeile, ja kaum ein Wort ausgestrichen 
oder corrigirt war, den Setzern in die Hände gegeben wer- 
den, so wäre es völlig unerklärlich, wie diese, wenn sie nicht 
ausgesuchte Idioten waren, eine solche ^ sea of blunders' 
hineinbringen konnten; wie konnten sie da so häufig die 
Personen verwechseln, die Namen der Schauspieler anstatt 
der Personennamen setzen, ^ Verse umstellen, Verse als Prosa 
drucken und umgekehrt, die Eigennamen oft bis zur Un- 
kenntlichkeit entstellen u. s. w. Die Folio leidet genau an 
denselben Mängeln und zwar vielleicht noch in grösserem 
Masse wie die Quartos, welche die Herausgeber in ihrer 
Vorrede so weit von sich weisen, ja es lässt sich nachweisen, 
dass einzelne Stücke, wie Viel Lärmen um Nichts, Kaufmann 
von Venedig u. a. , in der Folio von einer oder der andern 
vorausgegangenen Quarto abgedruckt sind. Es ist schwer 
zu glauben, dass für den Druck der Folio andere handschrift- 
liche Materialien benutzt wurden, als für den der sog. recht- 
mässigen Quartos — von den durch Nachschreiben bei der 
Aufführung zu Stande gebrachten Raubausgaben natürlich 
abgesehen — und dass diese Materialien in etwas Anderem 
bestanden, als in den sog. Regiebüchem (prompteres books), 
in einzelnen Fällen vielleicht gar nur in Zusammenfugungen 

i) Auch in diesem Umstände muss ein Argument dafür erkannt werden, 
dass die der Folio zu Grunde gelegten Handschriften von Schauspielern für 
Schauspieler angefertigt waren. 



341 

der ausgeschriebenen Rollen. Als die Folio gedruckt wurde, 
waren ja die Originalhandschriften der aus dem Ende der 
achtziger und dem Anfange der neunziger Jahre stammenden 
Stücke fast schon ein Menschenalter alt, und selbst diejenigen 
der spätesten Stücke zählten allermindestens schon zehn bis 
zwölf Jahre. Sollen wir glauben, dass sie in dieser Zeit gar 
keine Beschädigimg erlitten hatten? Sie waren doch Jahre 
lang in Gebrauch gewesen und durch verschiedene, nicht 
immer sorgfältige Hände gegangen; ein Theater ist keines- 
wegs ein geeigneter Ort, um Handschriften in ihrer ursprüng- 
lichen Reinheit und Sauberkeit aufzubewahren. Wie ein 
Regiebuch aussieht, das zehn bis zwanzig Jahre gedient hat, 
davon kann man sich an jeder Bühne überzeugen. Oder 
sollen wir glauben, dass die Handschriften des Dichters von 
Anfang an, selbst als sein Ruhm erst im Entstehen war, als 
theure, fiir die Nachwelt zu bewahrende Schätze gehütet 
worden seien? Dass man nie sie selbst in Gebrauch ge- 
nommen , sondern sofort Abschriften angefertigt habe , aus 
denen dann die Rollen ausgeschrieben wurden? Dann hät- 
ten wir schon in diesen Abschriften eine Quelle für Abwei- 
chungen, Unrichtigkeiten und Fehler; dann würden sich die 
eifersüchtigen Besitzer und Hüter der Originalhandschriften 
auch nimmermehr entschlossen haben, sie dem Setzer anzu- 
vertrauen, da eine Druckerei ebenfalls keine geeignete Auf- 
bewahnmgsstätte für werthvolle Handschriften ist. Genug, 
von welcher Seite wir auch die Sache betrachten mögen, 
so ist es höchst zweifelhaft, dass Shakespeare's eigene Hand- 
schriften für den Druck der Folio benutzt worden sind; ja 
wer weiss, ob sie überhaupt je in die Druckerei gekommen 
sind, ausgenommen bei den von ihm selbst herausgegebenen 
Gedichten Venus und Adonis und Lucretia, die demgemäss 
auch im Vergleich zur Folio als typographische Meisterwerke 
erscheinen. Der Abstand zwischen ihrer Correctheit und 
der Incorrectheit der Folio spricht ausserordentlich beredt. 
Wir müssen uns jedoch in das Unabänderliche fugen, und 
der Werth, den die Folio für uns besitzt, darf trotz aller 
ihrer Mängel nicht unterschätzt werden; ist sie doch für 
siebzehn Stücke unsere einzige Quelle ! Nur das darf nicht 



— 342 

verkannt werden, dass bei einer solchen Sachlage der Text- 
kritik ein vergleichsweise weiter Spielraum zugestanden 
werden muss, und dass bei den Stücken, welche nicht aus- 
schliesslich der Folio angehören, nur ein eklektischer Text 
möglich ist, wobei sich die betreffenden Quartos und die 
Folio gegenseitig zur Unterstützung und Berichtigung die- 
nen müssen. Dass in einzelnen Fällen die Quartos einen 
bessern Text bieten als die Folio, ist bereits erwähnt wor- 
den; nur Eine Ursache dieser Erscheinimg mag bezeichnet 
werden, die, dass die sog. rechtmässigen Quartos zu einer 
Zeit erschienen, wo die Verderbniss der Handschriften be- 
ziehentlich Abschriften noch nicht so weit vorgeschritten 
war als bei der Veröffentlichung der Folio. 

Wie erwähnt, enthalten die dritte und vierte Folio sieben 
Stücke mehr als die erste und zweite und fuhren dadurch 
auf die vielfach behandelte und bestrittene Doppelfrage, 
einerseits ob die Folio sämmtliche dramatische Werke des 
Dichters in abgeschlossener Vollständigkeit enthält, anderer- 
seits ob nicht im Gegentheil bereits in die erste Folio ein 
pder das andere unechte oder nicht vollständig echte Werk 
Shakespeare's Eingang gefunden hat. Camden sagt in einer 
spätem Auflage seiner Britannia : ^ In the chancel (der Kirche 
zu Stratford) lies William Shaksperey a native of this place ^ 
who has given ample proof of his genius and great abilities in 
the forty -eight plays he has left behind him* (nach Beisly, 
Shakespeare's Garden, Introduction XTTT) . Danach würden 
also, gegen die erste Folio gerechnet, elf Stücke verloren 
gegangen sein. Oder beruhte diese Angabe vielleicht bloss 
auf einem Versehen, .so dass statt ^ forty eighV etwa ^thirty 
eight' zu lesen wäre? Aber wo wäre alsdann, den Pericles 
als echt angenommen, das 38. Stück? Ganz abgesehen von 
ihrem innem Werthe sind die sechs tmd dreissig Dramen 
der ersten Folio ein dichterisches Vermächtniss , das an 
äusserm Umfange nur in seltenen Fällen übertroffen worden 
ist, wenn wir nicht zu den fabrikmässigen Vielschreibern 

herabsteigen wollen. ^ Aeschylus soll nach Suidas allerdings 

- - ^ 

i) Eine Verszählung sämmtUcher Shakespeare'scher Stücke, welche unter 
Zugrundelegung von Bell's Ausgabe im Bath Herald 1820 erschien und in 



343 

neunzig, Sophokles sogar hundert und Euripides siebzig oder 
neunzig Dramen verfasst haben, allein das sind Angaben, 
deren Zuverlässigkeit bezweifelt werden darf; Goethe hat, 
abgesehen von den kleineren und unvollendeten Stücken, nur 
zehn, und Schiller nur neun grosse Dramen hinterlassen. Die 
EÜsabethanische Zeit zeichnete sich durch ausserordentliche 
literarische Fruchtbarkeit aus, und ihre dramatischen Dichter 
wendeten meist ihre Kraft ausschliesslich der Bühne zu, 
ohne, wie die modernen Dichter, zugleich in andern poeti- 
schen Gattungen oder gar in Prosa aufzutreten, so dass die 
durchgehends grosse Zahl ihrer dramatischen Schöpfungen 
dadurch einigermassen erklärbar wird. Wenn wir erwägen, 
dass Beaumont und Fletcher 53 Dramen geschrieben, dass 
Henry Chettle nach Henslowe's Diary in den sechs Jahren 
vom Februar 1597 bis März 1603 t>6i der Abfassung von 
nicht weniger als 38 Stücken betheiligt gewesen ist; dass 
Thomas Dekker ausser seinen vermischten Schriften 32 Stücke 
schrieb oder schreiben half; dass Thomas Middleton 24 Stücke 
verfasste ; dass endlich Thomas Heywood nach seiner eigenen 
Angabe sogar bei 220 Stücken die Hand im Spiele gehabt 
haben will, so will es scheinen als entsprächen Shakespeare's 
36 oder 37 Stücke nicht ganz dem bereits erwähnten Lob- 
spruche, welchen ihm John Webster in der Vorrede zu seiner 
Vittoria Corombona (1612) mit den Worten ertheilt hat: *fAe 
right happy and copious industry of Mr Shakespeare^ B. Jon- 



Fenneirs Shakespeare -Repository 5 abgedruckt ist, ergiebt, dass sich die 
Mehrzahl zwischen 2 — 3000 Zeilen bewegt ; die übrigen enthalten über 3000. 
Nar Ein Stück, das kürzeste von aUen, bleibt unter 2000, das ist die Komödie 
der Irrungen mit 1 807 Zeilen. Das längste Stück ist bekanntlich Hamlet mit 4058 
Zeilen; nächstdem kommen der 3. Theil von Heinrich VI mit 3913, Coriolan 
mit 3767 und Cymbeline mit 3718 Zeilen. Die Prosa ist natürlich mitgezählt. 
Von den Sophokleischen Tragödien erreicht dagegen keine 2000 Zeilen; die 
längste, Oedipus auf Kolonos, zählt ungefähr 1780, die kürzeste, die Tra- 
chinierinnen, 1280 Verse. — Eine andere Zählung von Richard Simpson in 
den Transactions of the New Shakspere Society I, 1 1 5 stimmt jedoch hier- 
mit nicht überein, selbst wenn in Anschlag gebracht wird, dass sie nach einer 
andern Ausgabe gemacht ist; nach ihr hat Antonius und Cleopatra den gröss- 
ten Umfang, nämlich 3964 Zeilen, Hamlet dagegen nur 3924 und die Komödie 
der Irrungen 1770. 



344 

son, der bei seinen Zeitgenossen als ein sehr langsamer Ar- 
beiter galt (s. Shakespeare -Jahrbuch Vn, 42), hat nichtsdesto- 
weniger 17 Dramen und 31 Maskenspiele hinterlassen, wobei 
das im Verein mit Chapman und Marston geschriebene East- 
ward Ho I nicht mitgezählt ist. Auch seine lyrischen Dichtun- 
gen wie seine prosaischen Schriften sind ziemlich umfangreich. 
Ajus einer bekannten Stelle in Francis Meres' Palladis Tamia * 
geht hervor, dass Shakespeare bereits im J. 1598, also in 
seinem 34. Lebensjahre mehr als zwölf Dramen geschrieben 
hatte, denn es kann keinem Zweifel unterliegen, dass Meres 
keineswegs sämmtliche von Shakespeare bis dahin verfassten 
Stücke aufzählen, sondern nur die hervorragendsten bei- 
spielsweise anfuhren wollte, — von jeder der beiden Gat- 
tungen sechs (die Historien sind den Tragödien beigezählt). 
Ueberdiess ist sein Buch, wie fast alle Bücher der Elisa- 
bethanischen Zeit, möglicher Weise schon einige Zeit vor 
der Veröffentlichung geschrieben, eine Vermuthung, die 
bereits wiederholt ausgesprochen worden ist. 

Diese Erwägungen fuhren uns auf die allgemein ver- 
breitete Ansicht, nicht nur dass einige der zweifelhaften 
Stücke in der That von Shakespeare herrühren sollen, son- 
dern mehr noch dass Shakespeare in der Eigenschaft als 
Theaterdichter seiner Gesellschaft vielfaltig mit dem Ueber- 
arbeiten älterer Stücke beschäftigt gewesen sei, ja dass er 
vermuthlich seine dichterische Laufbahn mit derartigen 
Ueberarbeitungen begonnen habe.* Da es hierbei an einem 

i) Der Wortlaut der Stelle ist folgender: As Plautus and Seneca are 
accounted the best for Cotnedy and Tragedy among the Latines: so Shake- 
speare among ye Englisk is the most excellent in both kinds for the stage ; 
for Comedy, witnes his Gentlemen of Verona, his Errors , his Love Labors 
lost, his Love labours wonne, his Midsummers night dreame, and his Mer- 
chant of Venice : for Tragedy his Richard the 2. Richard the 3. Henry the 4. 
King John, Titus Andronicus and his Romeo and yuliet. — Ausserdem sind 
aller Wahrscheinlichkeit nach vor 1598 geschrieben: Pericles, Heinrich VI, 
Zähmung der Widerspenstigen, Hamlet (erste Bearbeitung), d. h. also (Hein- 
rich VI dreifach gerechnet) noch sechs, im Ganzen 18 Stücke; auch die 
Lustigen Weiber gehören vielleicht hierher. Von den spätem Stücken werden 
manche ohne jeden Anhaltspunkt völlig willkürlich angesetzt. 

2) Vergl. The Early Authorship of Shakespeare. In : The North British 
Review No. 103, Apr. 1870. 



345 

äussern, thatsächlichen Anhaltspunkte gänzlich gebricht, so 
hat die auf innere Beweisgründe , auf stylistische Aehnlich- 
keiten u. s. w. gestützte subjective Kritik völlig freien Spiel- 
raum, und die betreffenden Untersuchungen haben demge- 
mäss zu keinem Ergebniss gefuhrt und können der Natur der 
Sache nach zu keinem fuhren, welches auf eine auch nur 
annähernd allgemeine Anerkennung rechnen dürfte. Die 
englischen Kritiker sind ziemlich einig in der Verwerfung 
der zweifelhaften Stücke, während die deutschen nach dem 
Vorgange Tieck's wenigstens einige derselben für Erzeug- 
nisse von Shakespeare's Feder imd für ebenbürtig mit sei- 
nen anerkannten Schöpftmgen ansehen. Innere Kennzeichen 
sind allerdings höchst unsicher, und Styl und Versbau kön- 
nen täuschen. Shakespeare trat an die Spitze einer Schule 
oder doch einer Richtung, und es ist sehr begreiflich, dciss 
die Eigenthümlichkeit seines Styles theils absichtlich nach- 
geahmt wurde, theils imabsichtlich auf andere Dramatiker 
überging, beides ohne Zweifel in einem Masse, dass es uns 
in einer Zeitfeme von nahezu drei Jahrhunderten unmöglich 
ist, mit Sicherheit ein entscheidendes Urtheil darüber abzu- 
geben. Hat sich doch dieselbe Erscheinung in imserm 
eigenen Jahrhundert bei W. Scott, und zwar sowohl bei 
seinen Epyllien wie bei seinen Romanen, in schlagender 
Weise wiederholt, so dass Scott gegen das Ende seiner 
Laufbahn selbst geäussert hat, er habe hundert andere 
Herren gelehrt, beinahe,' wenn nicht ganz eben so gut zu 
schreiben wie er selbst.* Warum sollten also nicht ein 
halbes oder doch ein Viertel Dutzend Dramatiker gelernt 
haben, sich Shakespeare's Styl in so weit anzueignen, dass 
wir dadiirch getäuscht werden? Muss uns also schon diese 
Erwägung zur grössten Vorsicht bezüglich der sog. zweifel- 
haften Stücke mahnen, so werden wir darin noch mehr be- 
stärkt durch den Gedanken, dass Heminge und Condell 
schwerlich beschuldigt werden können, wissentlich oder un- 
wissentlich eine so grosse Lücke in den Werken ihres ver- 
storbenen Freimdes gelassen zu haben, wie sie sich aus der 



I) Elze, Sir W, Scott II, 120. 



346 

dritten Folio ergeben würde. Es lassen sich gar keine 
stichhaltigen Grründe denken, warum sie bei ihrer ausge- 
sprochenen Pietät die sieben Stücke weggelassen haben 
sollten, wenn sie echt wären, wogegen es keineswegs ein 
ungewöhnliches Verfahren ist, todten wie lebenden Dichtem 
Werke zuzuschreiben, die nicht von ihnen herrühren. Viel- 
leicht aber könnten die zweifelhaften Stücke als solche an- 
gesehn werden, die Shakespeare überarbeitet oder im Verein 
mit andern geschrieben hat, und die desshalb von den 
Herausgebern ausgeschlossen worden seien, indem diese 
nur diejenigen Dramen aufnahmen, welche des Dichters 
alleiniges und unbestrittenes Eigenthum waren. Beides, 
sowohl die Ueberarbeitung älterer Stücke als auch gemein- 
same Arbeit mehrerer Verfasser, entsprach bekanntlich 
durchaus der Sitte der Zeit, und es wäre insoweit ganz ge- 
rechtfertigt, Shakespeare von dieser Sitte nicht auszu- 
schliessen. Für eine gemeinsame Arbeit Shakespeare's und 
Fletcher's geben sich bekanntlich die 1684 erschienenen 
Two Noble Kinsmen aus; es fragt sich jedoch, wie weit 
diese Titelangabe — denn nur auf dieser beruht die An- 
«nahme — glaubwürdig ist. Titelangaben und Verleger - 
Ankündigungen waren zu Shakespeare's Zeit keineswegs 
von klassischer Zuverlässigkeit, und das Stück fehlt zwar in 
der ersten Ausgabe von Beaumont und Fletcher (1647), ^^^ 
aber in allen spätem unangefochtene Aufnahme gefunden 
(Shakespeare -Jahrbuch VUI, 370).^ Die von mehreren Ver- 
fassern gemeinschaftlich ausgeführte Anfertigung des poe- 
tischen Bühnenbedarfs wurde in der That in Shakespeare's 
Tagen nicht viel weniger fabrikmässig betrieben als im 
modernen Paris zur Zeit der Scribes und der Dumas. Die 
verschiedenen Kategorien der Mitarbeiter lernen wir durch 
B. Jonson kennen, welcher sich im Prolog zum Volpone 



i) Vergl. Letter on Shakespeare's Authorship of the Two Noble Kins- 
men, a Drama, commonly ascribed to John Fletcher. [By Professor W. Spal- 
ding] Edinburgh 1833. — Shakespeare's Share in The Two Noble Kinsmen 
distinguisht from Fletcher*s, by the late Samuel Hickson, Esq. ; with Notes 
of Confirmation by the Rev. F. G. Fleay, M. A., and F- J. Furnivall, Esq., 
M. A. In den Transactions of the New Shakspere Society, I, 25 fgg. 



N • 347 - 

rühmt, dieses Stück binnen fünf Wochen geschrieben zu 
haben und zwar ganz allein und eigenhändig 'without a 
coadjutor^ Tiovice, jaurneyman, or tutor' Die Ansicht, dass 
in der letzten Eigenschaft Shakespeare bei der Abfassung 
von *A Lamm for London; or, The Seige of Antwerp' (1602, 
doch bereits 1600 in die Buchhändler -Register eingetragen) 
betheiligt gewesen sei, ist erst neuerdings von R. Simpson 
nicht ohne Scharfsinn und gründliche Erörterung aufgestellt 
worden, und es wird dadurch bewiesen, wie richtig Gisbert 
Vincke's Aeusserung ist, dass sich ein abschliessendes Ver- 
zeichniss derjenigen Stücke, an denen Shakespeare nach 
den Ankündigungen der Buchhändler oder den subjectiven 
Ansichten der Kritiker in einer oder der andern Weise 
betheiligt gewesen sein soll, gar nicht aufstellen lässt, indem 
noch täglich neue Anwärter auftauchen können.^ Gegen 
die allgemeine Annahme, dass Shakespeare als Theater- 
dichter seiner Gesellschaft vielfach mit der Ueberarbeitimg 
und Erneuerung älterer, zurückgelegter Stücke beschäftigt 
gewesen sei, ja dass er seine literarische Laufbahn damit 
begonnen habe, haben sich ftüher schon Tomlins und neuer- 
dings V. Friesen (Shakespeare -Jahrbuch 11 , 39 fg.) ausge- 
sprochen. Es scheine weit annehmlicher, sagen sie nicht mit 
Unrecht, sich Shakespeare bei seiner grossen Begabung von 
dem unwiderstehlichen Drange nach selbständigen Schopftm- 
gen beseelt vorzustellen, als sich zu denken, dass er nur 
mit Flickarbeit beschäftigt gewesen sei. Auch seien die 
dem jungen Shakespeare gemeinhin zugetrauten Umarbei- 
tungen weit mehr die Aufgabe eines erfahrenen und geprüf- 
ten Schriftstellers als die eines ungeübten Anfangers. Wäre 

i) Shakespeare- Jahrbuch VUI, 368 — 376, wo nicht weniger als 33 der- 
artige Dramen aufgezählt werden. — Simpson (The School of Shakespeare 
No. I. ALarum. for London; or, The Seige of Antwerp, &c. Lond. 1872) nimmt 
an, dass das in Rede stehende, im Globus -Theater von Shakespeare*s Gesell- 
schaft aufgeführte Stück 'was written on tke foundation of a tract of Gas* 
coigne^s , hy Marston as the journeyman , under the direction and with the 
help of Shakespeare as manager and Controller, — Shakespeare^ s skare in 
the work need not have amounted to ntore than a general supervision and 
direction, — Perhaps Van Ende*s message to Davila (p. 48) may come front 
his pen* 



350 

gänglich gemacht sind.^ Das sind jedoch nur die allbe- 
kannten Hauptquellen, jene Novellen, aus denen Shakespeare 
die vollständigen Fabeln entlehnt hat. Je mehr aber die eng- 
lische, italienische und franzosische Literatur durchforscht 
worden sind, desto mehr ist man aufmerksam geworden auf 
Dramen und andere Dichtungen, auf Essays und andere 
Prosaschriften, welche Shakespeare gelesen und benutzt 
und aus denen er, wenn auch nur einzelne Züge, Schil- 
derungen, auffallige Wendimgen und Gedanken entlehnt zu 
haben scheint. Es ist das einer von den Punkten, auf 
welche die jüngste Shakespeare - Forschung vorzugsweise 
ihr Augenmerk gerichtet hat, namentlich in Deutschland. 
Ein vollständiges Verzeichniss solcher Schriftstellen imd 
Schriften aufzustellen, die Shakespeare aller Wahrscheinlich- 
keit nach gekannt und benutzt hat, ist hier nicht möglich 
und würde auch keinen Zweck haben; das gehört der Einzel- 
erklärung und Einzelkritik an, imd nur beispielsweise mögen 
einige solcher jüngst entdeckten Quellen namhaft gemacht 
werden. Kle in hat in seiner Geschichte des Dramas (IV, 
548 fgg.) die Virginia , ein Lustspiel des Italieners Bemardo 
Accolti (15 13), als eine Quelle von 'Ende gut, Alles gut' 
nachzuweisen versucht, wie er überhaupt auf verschiedene 
italienische Stücke hingewiesen hat, welche seines Erachtens 
von Shakespeare benutzt oder doch mindestens gekannt 
worden sind. Dass auch das spanische Drama Shakespeare 
nicht fremd gewesen sei, ist von Carriere, von F. W. Cosens 
u. A. gemuthmasst worden. * Neue Quellen zum Sturm 
glaubt Joh. Meissner in seinen Untersuchungen über den 



i) Shakespeare^» Library. A Collection of the Novels, Tales, and Ro- 
mances used by Shakespeare in the Fabrication of his Dramas; now first 
coUected and printed from the early Editions, with introductory Notes by 
J. Payne Collier. Lond. 1843. 2 vols. — Die QueUen des Shakspeare in 
NoveUen, Märchen und Sagen mit sagengeschichtlichen Nachweisungen. Von 
K. Simrock. 2. Aufl. Bonn 1870, 2 Thle. 

2) Shakespeare -Jahrbuch VI, 367 fgg. — Cosens hat die beiden Stücke 
Castelvines y Monteses von Lope de Vega und Los Bandos de Verona von 
Rojas y Zorillas ins Englische übersetzt, um eine Vergleichung derselben mit 
Romeo und Julie zu ermöglichen; Shakespeare - Jahrbuch V, 348. X, 376. 



351 

Sturm (1872) aufgefunden zu haben und P. Wislicenus hat 
in der Zeitschrift *Die Literatur' (1874, No. i und 3) den Nach- 
weis angetreten, dass Shakespeare in der Komödie der 
Irrungen ausser den Menächmen auch den Plautinischen 
Amphitruo zu Grunde gelegt hat.* Dass sich verschiedene 
Lesefnichte aus Montaigne bei Shakespeare finden (so der 
Naturstaat im Sturm ü, i , die Sphärenmusik im Kaufmann 
von Venedig V, i u. a.) ist wiederholt bemerkt worden; 
aber auch Entlehnungen aus Rabelais hat W. Konig ent- 
deckt (Shakespeare- Jahrbuch IX, 195 fgg.)> während B. 
Tschischwitz (Shakspere- Forschungen I, 50 fgg.) den Spu- 
ren nachgegangen ist, welche auf eine Beeinflussung Shake- 
speare's durch Giordano Bruno hinfuhren.* Dass der Dichter 
den Vasari und in demselben die beiden lateinischen Grab- 
schriften auf Julio Romano benutzt hat, scheint sich aus 
dem Umstände zu ergeben, dass er im Wintermärchen den 
Romano als Bildhauer einfuhrt, vorausgesetzt, dass er diese 
Kenntniss nicht in Italien selbst erworben hat.* Tho ^nbury 
(Shakespeare's England n. 68 fg.) macht auf Spenser's Faerie 
Queene als eine reichhaltige Quelle Shakespeare's aufmerk- 
sam ; Don John's Verschwörung um Hero's Ruf zu vernichten 
sei aus Buch 2, Canto 6 entnommen; aus dem 10. Gesänge 
des I . Buches und nicht aus Geoffrey von Monmouth sei 
die Geschichte von Lear entlehnt; die Namen Imogen und 
Oberon, die Liebesgeschichte von Venus und Adonis (bei 
Spenser Anchises) und Anderes stammen gleichfalls aus 
Spenser; selbst den Shylock habe Spenser's Geizhals Mal- 
becco an die Hand gegeben. In den Einleitungen und 
Commentaren zu den einzelnen Stücken sind reichliche Nach- 
weise und Hindeutungen dieser Art verstreut, doch lässt 
sich nicht leugnen, dass auf diesem Felde grosse Vorsicht 
geboten ist, insofern Uebereinstimmungen dieser Art eben- 
sowohl auf einem zufalligen Zusammentreffen, wie auf be- 



1) Vergl. Shakespeare -Jahrbuch IX, 330. s 

2) YergL W. König, Shakespeare und Giordano Bruno im Shakespeare - 
Jahrbuche XI, 97 fgg. 

3) Shakespeare -Jahrbuch VIII, 70 fgg. 



352 

wusster Entlehnung oder auf unabsichtlicher Reminiscenz 
beruhen können. Es giebt ohne Fra,:^e eine grosse Anzahl 
von Gedanken und Bildern, die fast allen Dichtem unwill- 
kürlich so ziemlich in denselben Ausdrücken in die Feder 
fliessen und die daher einem Plagiat täuschend ähnlich sehen, 
ohne dass an ein solches gedacht werden dürfte. Das Haupt- 
interesse derartiger Nachweisungen liegt darin, das geistige 
Ineinandergreifen der verschiedenen Literaturen anzuzeigen, 
sowie bezüglich Shakespeare's die verschiedenen Richtungen 
und den Umfang seiner Leetüre und folglich seiner Bildung 
gewissermassen durch sichere Marksteine festzus,tellen. 

Eins der schwierigsten Kapitel in der ganzen Shake- 
speare -Forschimg, das schwerlich je zu einem befriedigen- 
den Abschluss gefuhrt werden dürfte, ist die Chronologie 
der Dramen. Wenn wir von der Einen unschätzbaren Notiz 
bei Francis Meres absehen, die wenigstens fiir zwölf Stücke 
eine unverrückbare Zeitgränze zieht, so gebricht es uns an 
allen zuverlässigen Anhaltpunkten, die uns in dieser Unge- 
wissheit zur Führung und Leitung dienen könnten. Dass 
die Daten der Quartausgaben ohne wesentlichen Nutzen 
sind, geht aus dem oben Gesagten hervor ; sie kommen uns 
nur bei der kleinem Hälfte der Dramen zu Statten und 
geben auch für diese in der That nichts als den terminus 
ad quem an. Auch die Eintragungen in die Register der 
Buchhändler -Gilde, auf welche Malone grosses Gewicht 
legte, besagen im Grrunde nicht mehr, indem ein Stück 
füglich mehrere Jahre existirt haben und gespielt worden 
sein kann, ehe es ein Verleger behufs der Veröffentlichung 
• in diese Register eintragen liess. Der terminus a quo bleibt 
nach wie vor imgewiss. Auch ist es fraglich, ob sich nicht 
die Fälschung bis in die Buchhändler -Register erstreckt 
hat. Kein Wunder, dass unter solchen Verhältnissen der 
Hypothesenfabrikation Thür und Thor geöffnet ist, imd es 
kann nicht geleugnet werden, dass fast alle Zeitbestimmun- 
gen Shakespeare'scher Dramen mehr oder weniger hypo- 
thetisch sind; selbst die hochverdienstliche imd auf diesem 
Felde bahnbrechende Arbeit Malone's, welche durch die 
neueren Forschungen noch nicht ersetzt oder verdrängt ist, 



— 353 

lasst sich von diesem Urtheil nicht ausnehmen.* Verschie- 
dene Principien sind bei diesen Untersuchungen als leitende 
an die Spitze gestellt worden, die billiger Weise Hand in 
Hand gehen müssen, wenn sie zu einem beachtenswerthen 
Ergebniss fuhren sollen. Die nächstliegende, wenngleich 
anscheinend unwissenschaftliche Verfahrungsweise ist qiie- 
jenige, welche äusseren Kriterien die Entscheidung einräumt, 
namentlich den Zeugnissen und Erwähnungen durch zeit- 
genössische Schriftsteller, oder solchen unzweideutigen inne- 
ren Anzeichen, wie die Bezugnahme auf politische Ereig- 
nisse oder andere Vorgänge. Dies ist die von den altem 
englischen Kritikern bevorzugte Methode, die im Ganzen zu 
den sichersten Schlüssen führt, wenngleich auch sie den 
Irrthum nicht ausschliesst. Ihr gegenüber steht die bei den 
Deutschen Shakespeare -Gelehrten vomämlich in Ansehen 
stehende ästhetische Methode — wenn ein solcher Ausdruck 
erlaubt ist — die das Alter der einzelnen Stücke nach ihrem 
Styl und den Eigenthümlichkeiten der Diction wie der Kom- 
position und Charakteristik festzustellen unternimmt. Es 
leuchtet ein, dass das Stylgefühl, welches hierbei das ent- 
scheidende Moment ist, in hohem Grade subjectiv und un- 
sicher ist; nicht nur auf dem literarischen, sondern auch 
auf dem Gebiete der bildenden Künste hat dieses Stylgefühl 
zu den schreiendsten MissgrifFen geführt, wie beispielsweise 
die Geschichte des von Michel Angelo verfertigten und ver- 
grabenen Cupido beweist, der beim Ausgraben von allen 
Kennern für ein Meisterstück antiker Kunst erklärt wurde, 
bis Michel Angelo den vor dem Vergraben abgebroche- 
nen Arm zum Vorschein brachte imd die Kennerschaft zu 
Schanden machte. ^ Wenn Shakespeare aus dem Grabe 
auferstehn und mutatis mutandis das von Michel Angelo 
gegebene Beispiel nachahmen konnte, so würde ebenfalls 
mancher Kenner beschämt und manches mühsam errungene 
Hypothesen -Ergebniss umgestossen werden. Die Aesthetik 



1) An Attempt to ascertain the Order in which the Plays of Shakspeare 
uoere written. In; Malone's Shakspeare by Boswell (1821) n, 288 — 468. 

2) Ulrici, Shakspeare's Dramatische Kunst III, 65. 

fiUe, Shakespeare. 2^ 




354 - - 

muss also bei der Betrachtung der Shakespeare'schen Stücke 
sich mindestens der von der Philologie ihr dargereichten 
Stützen und Handhaben bedienen, unter denen die metri- 
schen Eigenthümlichkeiten bezüglich der weiblichen Vers- 
ausgänge, der nichtgeschlossenen Verszeilen {Enjambement s\ 
des Reims, der Cäsur, der eingemischten Alexandriner, 
Doggerei -Verse und Halbverse gegenwärtig die hervor- 
ragendste Stelle einnehmen. Welcher Kritiker zuerst auf 
den Procentsatz der weiblichen Ausgänge und der Enjambe- 
ments ak chronologisches Kriteriimi hingewiesen hat, dürfte 
schwer zu ermitteln sein; einer der ersten war jedenfalls 
Spedding in seiner Ahandlung 'Who wrote Shakespeare's 
Henry Vm?' in The Gentleman's Magazine Aug. 1850, 115 
— 123.^ Ihm folgte von deutscher Seite, und zwar allem 
Anschein nach ohne Kenntniss seiner Arbeit, Hertzberg in 
der Shakespeare -Uebersetzung der Deutschen Shakespeare - 
Gesellschaft. * Eine systematische Durchführung dieser Un- 
tersuchung hat die neue englische Shakespeare -Gesellschaft 
hauptsächlich auf Anregung von Fi G. Fleay unternommen, 
der dem Gegenstande ein ganz besonderes Augenmerk ge- 
widmet hat und darin am weitesten gegangen ist. ^ Ledig- 
lich mit Hülfe der metrischen Kriterien hat er nicht nur die 
Dramen in vier Perioden getheilt und jedem einzelnen seine 
bestimmte Stelle angewiesen, sondern er scheidet danach 
auch in Heinrich VIII, in der Zähmung der Widerspenstigen, 
im Timon, Pericles u, s. w. diejenigen Scenen, welche nicht 
von Shakespeare's Hand herrühren sollen, mit beneidens- 
werther Sicherheit aus, ohne sich dadurch irre machen zu 
lassen, dass er zu Ergebnissen gelangt, welche allen andern 
Indicien gegenüber unmöglich sind und die Unzulänglichkeit 
solcher einseitigen, durch Prinzipienreiterei übertriebenen 
Massstäbe ins hellste Licht setzen. Von den Axiomen aus- 



i) Wieder abgedruckt in den Transactions of the New Shakspere So* 
ciety I, I* — 18*, nebst Zusätzen von Hickson, Fleay und Fumivall. 

2) Shakespeare -Uebersetzung IV, 5 und 22; Vm, 288; XI, 347 fg.; 
XII, 292. 

3) Der erste Band der Transactions beschäftigt sich fast ausschliesslich 
mit diesen Untersuchungen. 



355 

gehend, dass die Reime bei Shakespeare in beständiger 
Abnahme, die weiblichen Ausgänge dagegen in bestän- 
diger Zunahme begriffen seien, hat er beispielsweise für 
Die beiden Veroneser eine merkwürdig späte Abfassung 
gewissermassen mathematisch berechnet; er setzt sie nach 
dem Sommemachtstraum , nach Romeo und Julie, nach 
Richard 11 und IQ, nach Heinrich IV und V, ist jedoch, wie 
sich nicht anders erwarten Hess, bei seinen eigenen Vereins- 
genossen damit auf entschiedenen Widerspruch gestossen. ^ 
Gegen die bisher allerdings weitverbreitete Annahme, dass 
Shakespeare in seinen frühesten Stücken eine Vorliebe für 
den Reim gehegt habe (Fleay bezeichnet die erste Periode 
als die des Reims und rechnet dahin Verlorene Liebesmüh, 
Sommemachtstraum, Komödie der Irrungen, Romeo und 
Julie und Richard U) ist von Simpson, Haies, Dr. Nicholson 
u. A. mit Recht geltend gemacht worden, dass Shake- 
speare's unmittelbare Vorgänger wie Marlowe und Greene 
keineswegs dem Reim besonders zugethan waren; dass die 
früheste Notiz, die wir über Shakespeare besitzen, die von 
Greene im J. 1592, nichts vom Reim erwähnt, sondern im 
Gegentheil sagt, er halte sich für eben so gut im Stande 
*ü? bombast out a blank verse as the besf ; dass die Anwen- 
dung oder Nichtanwendung des Reims keineswegs bloss 
von der frühem oder spätem Abfassungszeit, sondern viel- 
mehr vom Styl und Character der Dichtung abhängig ist; 
u. s. w. Dr. Nicholson hat die Reimprobe (in der von Fleay 
angegebenen Weise) auf B. Jonson angewandt und gefun- 
den, dass ihre Ergebnisse keineswegs mit der authentisch 
feststehenden Chronologie übereinstimmen. So enthält bei- 
spielsweise das spätere Stück Every Man out of his Humour 
einen grossem Procentsatz von Reimen als Every Man in 
his Humour. 

Es würde zu weit führen, in weitere Einzelheiten ein-, 
zugehen, um so mehr als das Gesagte hinreichend klar- 
stellt, dass die metrischen Kriterien nichts weniger als die 
Sicherheit eines mathematischen Gesetzes beanspruchen 



I) Transactions I, i6fgg. 

23* ^ 



— 356 -- 

können, welches bestimmt wäre alle andern Massstäbe aus 
dem Felde zu schlagen. Es ist nur ein gleichberechtigtes 
Kriteriimi neben den übrigen, und nur von der Verflechtung 
und Uebereinstimmung aller Kriterien lässt sich, wie be- 
merkt, ein Ergebniss erwarten, das wehigstens eine relative 
Gewissheit in sich trägt, obgleich es auch so den hypo- 
thetischen Character nicht völlig abzustreifen vermag. Bei 
verschiedenen Dramen, wo die genannten Kriterien theils 
gar nicht, theils nur in wenig bemerklichem Grade vorhan- 
den sind, wird sich die Zeitbestimmung schwerlich je über 
die Stufe einer Conjectur erheben; sie lassen sich wol einer 
bestimmten Periode, aber nicht einem bestimmten Jahre 
zuweisen. Noch grösser ist die Unsicherheit — und wird 
es stets bleiben — wo es sich um die spätere Ueberarbei- 
timg eines Stückes durch den Dichter selbst oder um die 
Annahme verschiedener Hände in einem und demselben 
Stücke handelt; selbst bei der grössten Vorsicht lässt sich 
hier nicht über mehr oder minder gut unterstützte Ver- 
muthungen hinauskommen, so zwar, dciss eine Erklärungs- 
weise die andere nicht ausschliesst und mehrere Hypo- 
thesen neben einander mit gleicher Berechtigung bestehen 
können. So will es beispielsweise scheinen, als sei die von 
Ulrici (Shakspeare's Dram. Kunst 11, 178 fgg.) aufgestellte 
und dann in der Uebersetzung der Deutschen Shakespeare - 
Gesellschaft X, 321 fg. modifizirte Hypothese bezüglich 
Timons von Athen durch Fleay's Annahme eines von den 
Herausgebern der Folio während des Druckes angenom- 
menen Bearbeiters der unvollständig hinterlassenen Hand- 
schrift (Transactions I, 137) keineswegs widerlegt oder ver- 
drängt, sondern als böten sich hier eben verschiedene 
gleichberechtigte Möglichkeiten zur Wahl dar, wobei frei- 
lich in jedem Falle die Zeitbestimmimg des Stückes selbst 
ausserordentlich unsicher bleibt. 

Ehe an die Aufzählung der einzelnen Stücke selbst ge- 
gangen wird, will noch eine Frage in Betracht gezogen 
sein, die nach den beiden Endpunkten von Shakespeare's 
schriftstellerischer Thätigkeit. Malone, Chalmers, Drake 
und Fleay stimmen darin überein, dass sie das erste Stück 



357 

in das Jahr 1591, das letzte 1613 (Malone 161 1) setzen, wo- 
bei sie sich der Ueberzeugnng hingeben, dass der Dichter 
auch in seiner Zurückgezogenheit in Stratford noch für die 
Bühne thätig geblieben sei. Die Angabe Ward's, ^ dass 
Shakespeare nach seiner Rückkehr nach Stratford alljähr- 
lich zwei Stücke geliefert habe, verdient jedoch aus ver- 
schiedenen Gründen gar keinen Glauben, so dass über die 
Zeit, zu welcher Shakespeare der Poesie entsagt haben 
niag, gar nichts fest steht. Eben so wenig feststehend ist 
der Anfangspunkt, und verschiedene Shakespeare -Kritiker 
wie Knight (Wm Sh. ; a B. 347 fg.), Delius u. A. haben 
sich entschliessen müssen, denselben bereits in die achtziger 
Jahre hinaufzurücken. * DcLzu nöthigt eine Fülle von Grün- 
den verschiedener Art, welche im Shakespeare -Jahrbuch 
in, 158 fg. und Vn, 41 fgg. ausfuhrlich entwickelt sind und 
hier nur kurz angedeutet werden können. Shakespeare weir 
nicht minder frühreif als alle andern grossen Genien — seine 
Verheirathung reicht hin das zu beweisen — und als er 
Stratford 1585 verliess, hatte er möglicher Weise, wie in 
einem frühem Abschnitte angedeutet ist, bereits ein oder 
das andere dramatische Manuscript in der Tasche; keines- 
falls wird er sechs Jahre gewartet haben, ehe er mit seiner 
ersten Leistung in die Oeffentlichkeit trat; wer das glaubt, 
hat keine Ahnung von dem Ungestüm dichterischen Jugend- 
feuers. Ein solches Warten ist um so weniger glaublich, 
als Shakespeare im Jahre 1592 nach Greene's bissigem 
Ausdrucke bereits ^the onelie Shake-scene in a countrie* war; 
wäre eine solche Bezeichnung des Dichters möglich ge- 
wesen, wenn er erst im Jahre zuvor sein erstes Stück auf 
die Bühne gebracht hätte? Richard Simpson hat wahr- 
scheinlich den Nagel auf den Kopf getroffen mit der An- 
nahme, dass die Komödie der Irrungen um Weihnachten 
1585 oder im folgenden Januar entstanden ist.* Aber nicht 



i) Ingleby, Shakespcare's Centurie of Prayse 241. 

2) Vergl. The Early Authorship of Shakespeare. In : The North British 
Review, No. CHI, Apr. 1870. {* Fixes the date of several plays , by their 
allusions to contemporary politics* The Academy, May 14, 18 70, 20 1). 

3) The North British Review, July 1870. Vergl. N. and Q., July i, 1871, 3. 



35« 

nur der Beginn, sondern auch das Ende von Shakespeare's 
poetischer Schaffenszeit ist demgemäss frühzeitiger anzu- 
setzen als von den bisherigen Kritikern geschehen ist, und 
triftige Gründe sprechen dafür, das Jahr 1604 — 5 als den 
Endpunkt der regelmässigen schriftstellerischen Production 
anzunehmen, wobei ein paar nachträgliche Ausnahmen nicht 
ausgeschlossen sein mögen, * Danach würde sich also 
Shakespeare's Thätigkeit als dramatischer Dichter über 
einen Zeitraum von zwanzig Jahren erstrecken, also dieselbe 
Dauer aufweisen, wie nach Malone's Schema auch. * Chal- 
mers , Drake und Fleay dehnen dagegen Shakespeare's 
dramatische Productivität auf 22 j Delius auf 24 Jahre aus, 
Zeitunterschiede, die von keiner wesentlichen Bedeutung 
sind. 

Angesichts dieser Schwankungen in der chronologi- 
schen Anordnung empfiehlt es sich, bei der folgenden Ueber- 
sicht die einzelnen Werke Shakespeare's nicht in irgend 
einer, doch nur für ihren Urheber völlig überzeugenden 
chronologischen Reihenfolge vorzuführen, sondern in der 
allgemein bekannten Ordnung, welche sie in der ersten 
Folio einnehmen. Den Anfang mögen die lyrisch -epischen 
Gedichte machen, da sie ja rücksichtlich der Veröffent- 
lichung allen und rücksichtlich ihrer Abfassung der Mehr- 
zahl der Dramen vorangingen. Ihnen schliessen sich dann, 
obwohl später erschienen, am passendsten die Sonette an. 

I. Venus and Adonis. Ed. pr. Venus and Adonis. 

Vilia miretur vulgus: mihi flauus Apollo 
Pocula Castalta plena ministret aqua. 

London, Imprinted by Richard Field, and are to be sold at 
the signe of the white Greyhound in Faules Church-yard, 
1593- 4*°- 27 Blätter. 3 — Eingetragen in die Buchhändler- 



1) Shakespeare- Jahrbuch VII, 29 — 47. 

2) De Quincey, Shakespeare 65. 

3) Venus und Adonis. Tarquin und Xukrezia. Zwei Gedichte aus dem 
Englischen von H. C. Albrecht. Nach Lowndes-Bohn 2308 a mit dem eng- 
lischen Text. Halle 1783. — Venus und Adonis übersetzt v. F. Freiligrath. 
Düsseldorf 1849. 



359 

Register am 13. (oder 18?) April 1593, und vom Erzbischof 
von Canterbury (Whitgift) mit Licenz versehen. Auf dem 
Titel befindet sich Vautrollier's Devise (Vignette), welche 
Field mit einer kleinen Aenderung angenommen hatte, näm- 
lich ein Anker mit der Umschrift: Anchora spei. Von der 
Persönlichkeit des Druckers ist bereits S. 136 ausführlich 
die Rede gewesen. Wie häufig in der Elisabethanischen 
Zeit war der Drucker zugleich der Verleger, und hier tritt 
uns wieder eines jener Räthsel entgegen, denen wir in der 
Shakespeare -Forschimg leider nicht zu entrinnen vermögen. 
Shakespeare's Venus und Adonis war — wie die Auflagen- 
zahl unzweideutig beweist — durchaus das, was die Buch- 
händler einen gangbaren Artikel nennen. Statt dass nun 
aber der ursprüngliche Verleger einen solchen Schatz hätte 
festhalten und ausbeuten sollen, sehen wir das Verlagsrecht 
von Hand zu Hand gehen. Nach den Verzeichnissen der 
Buchhändler -Gilde ging es schon am 25. Juni 1594 auf 
John Harrison über; später — wann, ist nicht zu ermitteln 
oder wird wenigstens nicht angegeben — erwarb es Wil- 
liam Barrett, der es seinerseits im März 1620 an John Par- 
ker verkaufte. Auch dieser war noch nicht der letzte Be- 
sitzer, vielmehr wurden die Ausgaben von 1630 und 1636 
von I. H. gedruckt und von Francis Coules verkauft (nach 
Angabe des Titels), und noch später kam das Verlagsrecht 
an Edward Wright, der es seinerseits am 4. April 1655 
an William Gilbertson abtrat. Auch bei den Quartaus- 
gaben von Shakespeare's Dramen ist der Wechsel der Ver- 
leger auffällig; kein Dichter hat je so viele Verleger gehabt 
als Shakespeare. Unter allen Ausgaben Shakespeare'scher 
Werke zeichnet sich nach Collier (in The Shakespeare - 
Society's Papers IV, 38) die Ed. pr. von Venus und Adonis 
durch Correctheit und Sauberkeit aufs vortheilhafteste aus, 
imd ihr zunächst steht in dieser Hinsicht die Ed. pr. der 
Lucretia. Nur Ein Exemplar dieser Ausgabe ist vorhanden 
und zwar in der Bodleiana, in welche es aus dem Nachlass 
Malone's gekommen ist, der 25 Pfd. dafür bezahlt hatte. 
Die von Ashbee 1866 für Halliwell ausgeführte Facsimile- 
Ausgabe ist bereits erwähnt. 



36o 

Ueber die folgenden zwölf Einzelausgaben bis 1675 
findet sich die ausfuhrlichste und zuverlässigste Auskunft in 
dem schönen Facsimile -Druck des von Charles Edmonds 
im J. 1867 zu Lamport Hall entdeckten einzigen Exemplars 
der Ausgabe von 1599.^ Diese Ausgaben sind sämmtlich 
von ausserordentlicher Seltenheit, und die Bodleiana besitzt 
die angebliche Ausgabe von 1600 wie die eine der beiden 
Ausgaben von 1602 imd die Ausgaben von 161 7 und 1630 
als Unica. Man darf hierin unbedenklich ein Anzeichen fiir 
die ausserordentliche Verbreitung des Gedichtes auch in 
den mittlem und untern Schichten des Volkes erblicken; 
wäre es bloss oder doch vorwiegend in aristokratische 
Hände gekommen, so hätten unmöglich so viele Auflagen 
bis auf die letzte schwache Spur verschwinden können. 
Diese Annahme wird durch die verschiedenen Anspielungen 
auf das Gedicht erhärtet, welche beweisen, dass es ein 
Gemeingut der verliebten Jugend beiderlei Geschlechts — 
und zwar nicht bloss der anständigen — war. Die bekann- 
teste Anführung ist die handschriftlich (in Speght's Chaucer) 
erhaltene Notiz von Gabriel Harvey (1598): The younger 
sort take much delight in Shakespeare^ s Ve?ius and Adonts ; 
but his Lucrece , and his Tragedy 0/ Hamlet Prince 0/ Den- 
mark, have it in them to please the wiser sort. John Davies 
(16 10) bezeugt insbesondere, dass das Gedicht bei den 
Frauen Beifall fand: 

the coyest Dames, 
In private reade it for their Ciossei 'games &c. ' 

Noch interessanter und drastischer ist eine Scene aus Tho- 
mas Heywood's Fair Maid of the Exchange (1607), wo der 
Liebhaber Bowdler seine Geliebte dadurch zu gewinnen 
sucht, dass er Stellen aus Venus und Adonis citirt und sie 
thatsächlich in Ausfuhrung bringen will. Die Stelle lautet: 

Crip[ple]. But hear you, sir! reading so muck as you have done, 
Do you not rememher one pretty phrase, 
To Scale the walls of a fair wencfCs loveP 



1) Vol. I der sog, Isham- Reprints, London 1870 (nur in 131 Exem- 
plaren gedruckt). Shakespeare -Jahrbuch VI, 364 und 373. 

2) Ingleby, Shakespeare's Centurie of Prayse 44. 



301 

Bow[dler]. / never read anyihing hut ' Venus and Adonis,^ 

Crip. IVhy , tkafs the very quintessence of love, 
If you remember but a verse or two, 
ril pawn my head , goods, lands , and all, *twill do, 

Bow. * Why , then, have at her! 

* Fondling, I say, since I have hemnCd thee here, 
Within the circle of this vvory pale, 

ril he a park —' 

Moll. Hands off, fond sir! 

Bow. — — — 'and thou shalt he my deer. 
Feed thou on me, and I will feed on thee; 
And love s hall feed us both* 

Moll. Feed you on woodcocks ; I can fa^t awhile. 

Bow. 'Vouchsafe, thou wonder , to alight ihy steed.* 

Crip, Take heed; she*s not on horseback. 

Bow. IVhy , then, she is alighted. 

* Come , sit thee down, where never serpent hisses; 
And, being set, Pll smother thee with kisses,* ^ 

Nach einer solchen Anwendung des Gedichtes kann es uns 
nicht Wunder nehmen, wenn wir noch einen Schritt weiter 
gehen müssen und es in Thomas Cranley's Amanda (1635) 
unter dem Hausrath einer öffentlichen Buhlerin aufgeführt 
finden ; 

And then a heap of bookes of thy devotion 
• L,yi^g upon a shelf dose undemeath, 

JVhi'ch thou more ihink*st upon than on thy death; 
They are not prayers of a grieved soul 
That with repentance doth his sins condole; 

But amorous pamphlets, that best like ihine eyes. 
And songs of love and sonnets exquisite. 
Among these Venus and Adonis lies, 
IVith Salmacis and her Hermaphrodite : 
Pygmalion* 5 there, with his transfornCd delight. 



i) Die Citate sind nicht ganz genau; bei Shakespeare heisst es z.B.: 
Feed where thou wilt, on mountain or in dale. Die Worte : Fll be a park &c. 
beweisen übrigens , dass Heywood nach einer der beiden ersten Ausgaben 
(1593 oder 1594) citirt hat, denn in den späteren Ausgaben von 1596 ab 
heisst es: Fll be the park &c. Vergl. Hugh Anderson, Shakespeare's Venus 
and Adonis illustrated by his contemporary, Thomas Heywood. In: The 
Shakespeare -Society's Papers HI, 54 fgg. — Dieselben Stellen werden in 
Lewis Machin's Dumb Knight (1608) so zu sagen an den Pranger gestellt. 



— 3^2 

And many merry conudies vnth this, 
H^Ture the Aienian hPhryne acted is. > 

Je betrübender es ist, des Dichters Werk in so tiefgesunk- 
ner Umgebung zu sehen, um so willkommener ist der be- 
reits auf S. 157 erwähnte Versuch einer sittlichen Ehren- 
rettung desselben, den Benno Tschischwitz gemacht hat. 
Leugnen lässt sich freilich nicht, dass Venus und Adonis, 
wie glänzend es auch den Stempel des Genies an der Stirn 
tragen mag, in der That ein Opium -Rausch sinnlicher Liebe 
ist, und dass ein ähnlicher Geist darin weht wie in den viel- 
besprochenen Gemälden eines modernsten Malers, nämlich 
— Hans Makarts. Wir haben es hier keineswegs mit jener 
Nacktheit zu thun, die in ihrer Reinheit etwas Gottliches 
an sich trägt, sondern mit der ungezügelten und verzehren- 
den Glut der Begierde, welche, wie früher bemerkt, oben- 
ein in die weibliche Brust verlegt ist. Verse, wie die fol- 
genden : 

Lieb' ist ein Geist, von Feuer ganz gewoben 

und: 

Die See hat Gränzen, keine das Verlangen 

geben den Accord für die ganze Dichtung an. Shakespeare 
hat hier dem tobenden Blute des Jünglingsalters ein für alle 
Mal seinen Zoll abgetragen und ist in solcher Weise nicht 
wieder darauf zurückgekommen; er hat hier, um Gervinus' 
Ausdruck zu gebrauchen (I, 47 fg.), 'Sinnenglut ohne Mass 
mit Poesie verwechselt. Das Ganze ist von dieser Seite 
ein einziger blendender Fehler, wie ihn junge Dichter so 
gern begehen.' 

In der für den Styl der damaligen Zeit mass- und würde- 
vollen Widmung an den Grafen Southampton bezeichnet 
der Dichter bekanntlich Venus und Adonis als den * ersten 
Erben seiner Erfindung.' Wie bereits erwähnt, sind auch 
hier Zweifel über die wahre Bedeutung dieser Worte an- 
geregt worden. Möglicher Weise war es im eigentlichen 
Wortverstande Shakespeare's erste Dichtung, und er brachte 



I) Bei Collier, H. E. Dr. P. IH, 412. 



3^5 

sie aus Stratford mit nach London, wo sie handschriftlich 
circulirte, bis Southampton die Widmung annahm und sich 
in Folge dessen ein Verleger fand. Mittierweile hatte aber 
Shakespeare verschiedene Dramen theils bearbeitet, theils 
geschrieben — für deren Aufführung es keines Patrons be- 
durfte — so dass Venus und Adonis nicht das erste Werk 
war, das von Shakespeare bekannt wurde . oder an die 
Oeffentlichkeit trat, wol aber das erste, das er gedichtet 
hat. Es ist jedoch auch eine andere Erklärung zulässig. 
Die Erstlinge der Shakespeare'schen Muse können immer- 
hin der dramatischen Poesie angehört haben, da jedoch das 
Drama noch nicht als der anerkannten Literatur angehörig 
betrachtet wurde, so mag der Dichter diese Versuche nicht 
mitgezählt haben, als er Venus und Adonis als den ersten 
Erben seiner Erfindung bezeichnete — man könnte in die- 
sem Falle sogar die Andeutimg oder das Bekenntniss in 
den Worten finden wollen, dass Shakespeare's dramatische 
Erstlinge nicht Erzeugnisse seiner eigenen Erfindung ge- 
wesen seien. Es kommt im Ganzen wenig auf die Entschei- 
dung dieser Frage an, da Venus und Adonis auf alle Fälle 
als eins der frühsten Jugendwerke angesehn werden muss. 
Von ungleich grösserm Belang ist ein anderer Punkt, wel- 
cher durch den Ausdruck *der erste Erbe meiner Erfindung ' 
angeregt wird, und das ist das Verhältniss, in welchem 
Venus und Adonis zu Henry Constable's Gedicht The Shep- 
heard's Song of Venus and Adonis und zu Lodge's Scil- 
la's Metamorphosis stand. Constable's Shepheard's Song 
erschien zwar erst im J. 1600 in der bekannten Sammlung 
England's Helicon, mag aber wol bereits viel früher ge- 
schrieben sein, da Constable schon 1579 als B. A. in Cam- 
bridge promovirte und also wol einige Jahre älter war als 
Shakespeare. Das ist alles, was wir über ihn wissen. * 
Sollte The Shepheard's Song wirklich älter sein als Venus 
und Adonis, so kann doch Shakespeare bei der Kürze des- 
selben nicht mehr als eine Anregung oder einen Anklang 
daraus geschöpft haben. Lodge's bereits 1589 erschienenes 



i) Drake 296. 



- - 364 — 

Gedicht ist nach Reardon ^ nicht nur in derselben Strophe 
geschrieben, sondern spielt im Anfange auf dieselben Vor- 
gänge an wie Venus und Adonis und scheint überhaupt in 
verschiedener Hinsicht Venus und Adonis zum Muster ge- 
nommen zu haben, wobei natürlich vorausgesetzt wird, dass 
Lodge Shakespeare's Gedicht in der Handschrift kennen 
gelernt hat. Diese Voraussetzung kann aber keineswegs 
als eine unbedingte oder selbstverständliche auf Treu und 
Glauben angenommen werden; die beiden Jahreszahlen 1589 
und 1593 als die Veröffentlichungsjahre der beiden Dich- 
tungen sind eine harte Thatsache, und es ist ein missliches 
Unterfangen, dieselbe durch eine blosse Vermuthung um- 
stossen zu wollen. Shakespeare hat Lodge's Rosalynde in 
Wie es Euch gefallt benutzt, warum kann er nicht auch, 
wenn entschiedene Aehnlichkeiten vorhanden sind, Scilla's 
Metamorphosis benutzt haben? Das würde mit seinem lite- 
rarischen Charakter keineswegs in Widerspruch stehn. Auf 
keinen Fall kann man ohne Weiteres Collier beitreten, der 
in seinem Leben Shakespeare's mit grosser Bestimmtheit 
behauptet, Venus und Adonis sei vollständig neu in seiner 
Art und auf keinerlei altes oder neues Muster gegiiöndet 
gewesen. Mag das vielleicht auch vom Inhalt gelten, so 
muss doch auch die Form in Betracht gezogen werden. 
Lodge's Scilla's Metamorphosis machte offenbar kein Glück; 
es erschien nur noch Eine Auflage davon (16 10), die nach 
Reardon's bestimmter Versicherung nur eine Titel -Auflage 
ist. Von Venus und Adonis hingegen erschienen bis 1600 
nicht weniger als vier oder fünf Auflagen, was ganz den 
Eindruck macht, als sei Lodge durch Shakespeare, wie man 
zu sagen pflegt 'ausgestochen.' An einer (satyrisch gemein- 
ten?) Nachahmimg von Venus und Adonis hat es allerdings 
nicht gefehlt, das ist John Marston's The Metamorphosis of 
Pygmalion's Image (1598), auf welche Shakespeare in Mass 
für Mass IH , 2 selbst anspielt. * Wie es Nachahmern zu 

1) Shakespeare's Venus and Adonis and Lodge's Scilla's Metamorphosis. 
By James P. Reardon. In: The Shakespeare - Society's Papers III, 143 — 146. 

2) What, is ihere none of Pygmalion* s images , newly made wo- 
man, to be had now, for putting the hand in the pocJiet and extracting 



— 365 — 

ergehn pflegt, so ist es auch hier gescheht! ; der poetische 
Glanz und Schwung ist bei Marston verloren gegangen, und 
nur die Sinnlichkeit, die hier zur Obsconität wird, ist ge- 
blieben. 

Von der letzten Frage, welche in Bezug auf Venus und 
Adonis aufgeworfen werden könnte, ob nämlich Shakespeare 
bei Abfassung dieses Gedichts Kunde von Marini's Adone 
gehabt haben möge, ist S. 157 die Rede gewesen. 

* 

n. LucRECE. Ed. pr. Lucrece. London. Printed by Ri- 
chard Field, for lohn Harrison, and are to be sold at the 
signe of the white Greyhound in Paule's Churchyard, 1594, 
4*". 47 Bl. — Am 9. Mai 1594 unter dem Titel 'A Booke 
intitled the Ravyshement of Lucrece' in die Register der 
Buchhändler -Gilde eingetragen. Im Besitze des Verlegers 
John Harrison befand sich zu dieser Zeit, wie wir gesehen 
haben, auch Venus und Adonis. — Mindestens sechs Exem- 
plare sind davon vorhanden, indem Lowndes-Bohn so viele 
anfuhrt. Nach derselben Autorität erschienen bis 1655 noch 
sieben Einzelausgaben; von der fünften Ausgabe (16 16) ab 
lautet der Titel : The Rape of Lucrece , was schon in der 
Ed. pr. als laufender Titel d. h. als Ueberschrift über den 
Seiten dient. Diese Aenderung steht wol mit einem 
Wechsel des Verlegers in Verbindung, indem von dieser 
Ausgabe an Roger Jackson an die Stelle John Harrison's 
tritt. Die letzte Ausgabe (1655) erschien in dem gemein- 
samen Verlage von John Stafford und demselben William 
Gilbertson, welcher, wie wir gesehen haben, im nämlichen 
Jahre auch deis Verlagsrecht von Venus imd Adonis an 
sich brachte. 

Auch Lucretia ist dem Grafen Southampton gewidmet, 
imd Fassung imd Ton der Widmung beweisen, dass das 
achtimgsvoU freundschaftliche Verhältniss zwischen dem 
Dichter und dem Aristokraten sich seit der ersten Widmung 
befestigt hatte. Nichtsdestoweniger ist diese Widmimg das 



it clutchedF Vergl. Warton, H. E. P. (1840) m, 337 a. 410. 441. Knight, 
Wm Sh.; a B. 397. 



366 — 

letzte, was wir über dies Verhältniss erfahren, wie sie zu- 
gleich die letzte von Shakespeare ausgegangene Dedica- 
tion ist. 

Dass diese Dichtung nur ein Jahr nach Venus und 
Adonis erschienen ist, beweist nichts für den Zeitabstand 
zwischen der Entstehung der beiden Gedichte, der immerhin 
ein paar Jahre mehr betragen kann. Allerdings hat Shake- 
speare in der Widmung von Venus und Adonis dem Grafen 
' verheissen, er wolle zum Dank für die Annahme der Wid- 
mung und die dadurch bewiesene Gönnerschaft alle seine 
Mussestunden anwenden, //'// / hafve honoured you with some 
graver labour. Diese 'ernstere Arbeit' wäre nach Delius 
(Einleitung zu Lucrece) nichts anderes als die Lucretia, die 
mithin nach der Veröffentlichung von Venus und Adonis im 
J» ^593 geschrieben sein müsste. Mag sich das verhalten 
wie es will, jedenfalls zeigt sich ein bedeutsamer Fortschritt 
in der Entwicklung des Dichters. Zwar nimmt auch hier 
die Schilderung glühender Sinnlichkeit eine hervorragende 
Stelle ein, allein diesmal ist ein Mann zum Träger der 
Liebesglut gewählt, \md seiner Sinnenlust wird die Keusch- 
heit der Matrone gegenüber gestellt, in der die Macht des 
Willens und der Sittlichkeit einen tragischen Sieg feiert. 
Dieser sittliche Fortschritt ist übrigens schon von den Zeit- 
genossen erkannt worden, und das Gedicht von der keu- 
schen Lucretia wird allenthalben der nicht - keuschen Dich- 
tung von Venus und Adonis entgegen gestellt. Shake- 
speare, heisst es in einem gleichzeitigen Gedichte von 
Thomas Freeman (1614), sei gleich gross in der Schilderung 
der Tugend wie des Lasters; wer Keuschheit liebe, solle 
sich die Lucretia zum Muster nehmen, wer etwas Buhleri- 
sches lesen wolle , für den sei Venus und Adonis da. * 

In stylistischer Hinsicht unterscheidet sich Lucretia von 
Venus und Adonis nur durch die Wahl einer andern Strophe; 



i) Ingleby, Shakespeare's Centurie of Prayse 63. Auch in Dekker's 
The Owles Almanacke (1618) wird *Chaste Lucrece* erwähnt (nach Athen. 
1871, II. 90), und von Thomas Heywood giebt es eine oft aufgelegte Tra- 
gödie The Rape of Lucrece, die zuerst 1608 erschien. 



— 367 - - 

im Uebrigen leidet das Gedicht an derselben Breite, einem 
Fehler, von dem in Shakespeare's Dramen keine Spur zu 
finden ist. Die Erzählung, die Ovid in etwa 140 Hexa- 
metern abthut, ist hier zu nicht weniger als 265 sieben- 
zeiligen Strophen angeschwollen, obwohl dem Dichter, da 
sich die ganze Erzählung im Innern des Hauses abspielt, 
hier die Gelegenheit zu jenen Naturschilderungen entging, 
mit denen er Venus und Adonis so reich und reizend aus- 
gestattet hat. Diese Breite ist jedoch nur die Kehrseite 
eines ausserordentlichen Vorzuges, der beide Gedichte nicht 
weniger auszeichnet als später die Dramen, das ist die psy- 
chologische Vertiefung, die seltene Kenntniss des mensch- 
lichen Herzens, das der Dichter trotz seiner Jugend bereits 
in jeder Falte und Faser ergründet hat, so dass ihm nicht 
die leiseste und verborgenste Regung entgeht. Seine früh- 
zeitige Verheirathung mag ihm hierbei freilich als eine treff- 
liche Lehrmeisterin gedient haben. 

in. The Passionate Pilgrim. Ed. Pr. The Passionate 
Pilgfrime. By W. Shakespeare. At London. Printed for 
W. laggard , and are to be sold by W. Leake, at the Grey- 
hound in Paules Churchyard. 1599. 16"". 30 Bl. — Auf 
Blatt 18 befindet sich ein besonderer Titel 'Sonnets to Sun- 
dry Notes of Musicke.' Das Exemplar in Capell's CoUection, 
Trinity College, Cambridge, galt als Unicum, bis im Sept. 
1867 von Charles Edmonds in Lamport Hall ein zweites 
entdeckt wurde. ^ Von der zweiten Ausgabe ist gar kein 
Exemplar erhalten, und man schliesst auf die Existenz einer 
solchen nur aus dem Erscheinen einer dritten Ausgabe im 
J. 161 2. Diese dritte Ausgabe ist durch zwei Liebesbriefe 
von Paris an Helena und von Helena an Paris vermehrt, 
welche von Thomas Heywood herrühren, der noch im näm- 
lichen Jahre in einem Briefe an seinen Verleger Nicholas 



i) Zusammengebunden mit Venus and Adonis, 1620. Am Ende des 
Bandes befindet sich eine alte handschriftliche Notiz, dass das Buch trotz 
der Beschädigung eines Blattes (Venus and Adonis , C 7) anderthalb Pence 
gekostet habe. Heute ist es auch für den höchsten Preis nicht feil. 



^ 



368 

Okes (im Anhange an seine Apology for Actors) sein Eigen- 
thum daran in Anspruch nahm. Zugleich Hess er in diesem 
Briefe einfliessen, dass Shakespeare selbst über diesen 
Missbrauch seines Namens aufgebracht sei. ^ In Folge des- 
sen konnte Jaggard nicht umhin ein anderes Titelblatt mit 
Weglassung von Shakespeare's Namen drucken zu lassen, 
so dass es Exemplare mit und ohne Namen des angeblichen 
Verfassers giebt. Diese Thatsache liefert einen der stärk- 
sten Beweise, einmal mit welcher ehernen Stirn die Piraterie 
von den Buchhändlern betrieben wurde, sodann aber auch 
mit wie beispielloser Sorglosigkeit und Gleichgültigkeit 
Shakespeare diesen Dingen ihren Lauf Hess und sich weder 
um das Schicksal seiner echten, noch der ihm unterge- 
schobenen Werke kümmerte. Selbst in diesem Falle be- 
gnügte er sich damit, seinen Verdruss im Privatverkehr 
auszusprechen, während heutzutage — soweit dergleichen 
Vorkommnisse überhaupt noch möglich sind — eine öffent- 
liche Erklärung unerlässlich und unausbleiblich wäre. Es 
lässt sich hiemach von vornherein ermessen, welchen An- 
spruch auf Echtheit der übrige Inhalt de» Passionate Pilgrim 
erheben kann. In der That lässt sich selbst nach den sorg- 
faltigsten Untersuchungen nicht sagen, wie viel Echtes 
darin ist, und nur so viel steht fest, dass das allenfallsige 
Echte sehr unbedeutend ist. * Einzelne der darin enthal- 
tenen Gedichte stehen auch in den Sonetten, eins auch in 
QA von Love's Labour's Lost (1598); andere finden sich 
bereits in dem im Jahre vorher erschienenen 'Encomium of 
Lady Pecunia' von Richard Bamfield. Collier erklärt diese 
letztem nichtsdestoweniger für Shakespeare's Eigenthum 
(Athen. May 17, 1856. N. and Q. July 5, 1856). 



1) As I musi acknowledge my lines not worthy his fatronage und er 
whom he haih püblished them, so the author I know much offended with 
M. Jaggard, that (altogether unknown to htm) presumed io make so hold 
•with his name. Ingleby, Centurie of Prayse 54. Delius, Shakspere*s 
Werke 11, 787. 

2) Höhnen, A., Shakespeare's Passionate Pilgrim (Dissertation). Jena 
1867, pp. 31. 



3^9 

rV. The PpoENix and the Turtle. Dies Gedicht ist in 
einer von Robert Chester 1601 unter folgendem Titel heraus- 
gegebenen Sammlung enthalten: 'Love's Martyr, or Rosa- 
lin's Gomplaint , allegorically shadowing the Truth of Love 
in the constant fate of the Phoenix and Turtle. A poem, 
enterlaced with much varietie and raritie ; now first trans- 
lated out of the venerable Italian Torquato Caeliano, by 
Robert Chester, With the true legend of famous King 
Arthur, the last of the nine worthies ; being the first Essay 
of a new British poet: collected out of authenticall records. 
To these are added some new compositions of several mo- 
dern writers; whose names»are subscribed to their severall 
workes; upon the first subject; viz. the Phoenix and Turtle.' 
Diesen *new compositions' ist noch folgender besondere 
Titel vorgedruckt: 'Hereafter foUow diverse poetical essaies 
on the former subject; viz. the Turtle and Phoenix. Done 
by the best and chiefest of our modern writers, with their 
names subscribed to their particular workes. Never before 
extant. And now first consecrated by them all generally 
to the love and merit of the truly noble Knight, Sir John 
Salisburie.' — 'Das einzige bekannte Exemplar dieser Samm- 
lung, sagt Drake 349, befand sich im Besitz des Major 
Pierson, und nur von Malone, dem wir auch die obigen Titel 
verdanken, erfahren wir die Namen der hauptsächlichsten 
Mitarbeiter, nämlich Shakespeare, Ben Jonson, Marston und 
Chapman. ' — Wo sich dies Unicum gegenwärtig befindet, 
scheint nicht zu ermitteln zu sein. Die Bürgschaft für die 
Echtheit des Gedichts ist daher nicht eben glänzend; kann 
hier nicht eben so gut ein Namensmissbrauch Statt gefun- 
den haben wie beim Passionate Pilgrim? In sich selbst 
tVägt das Gedicht keinen Beweis der Echtheit und besten 
Falls ist es ein dem Dichter für dieses poetische Album 
abgepresster Schnitzel. 

V. SoNNETs. Ed. pr. Shake-speares Sonnets. Neuer 
before Imprinted. At London By G. Eid for T. T. and are 
to be solde by lohn Wright, dwelling at Christ Church 
gate. London, 1609. 4***. 40 Bl. — Einige Exemplare haben 

Elie, Shakespeare. 2A 



370 

einen abweichenden Titel insofern es auf ihnen heisst : * and 
are to be solde by William Aspley.' — Der Name des Ver- 
legers erg^ebt sich aus dem Eintrag in die Buchhändler - 
Register , welcher lautet : 20. May 1609. TAo. Thorpe. * 
A booke called Shakespeare^ s Sonnet s, — Exemplare be- 
finden sich im Britischen Museum, in der Bodleiana, im 
Trinity College zu Cambridge (unvollständig) und in verschie- 
denen Privatbibliotheken; ein photo-zinkographischer, unter 
Leitung des Obersten Sir Henry James angefertigter Facsi- 
mile- Druck des dem Grafen Ellesmere gehörigen Exem- 
plars erschien 1862 (London, Lovell, Reeve, loj. 6^.). Weitere 
Quartausgaben sind bis zu der% Ausgabe der Poems 1640 
nicht vorhanden. 

Die Sonette sind bekanntlich eine Crux der Shake- 
speare - Gelehrten ; gleich an ihrer Schwelle liegt ein grosser 
Stein des Anstosses, das ist die vielbesprochene Widmung, 
über die sich englische, deutsche und franzosische Kritiker 
um die Wette den Kopf zerbrochen haben. Folgendes ist 
ihr Wortlaut : To . the . o7ilie . begetter . 0/ . \ these . insving . 
sonnet s . | Mr> W. H. alL happtnesse . \ and . that . eternitie. \ 
promised. \by ,\ ovr . ever-liuing . poet, \ wisheth . | the . well- 
wishing , | adventvrer . m . | setting . \forth .\T. T.^ Das heisst 
also : Thomas Thorpe , der das Wagniss des Verlags über- 
nommen hat, widmet die nachstehenden Sonette ihrem ein- 
zigen ^ begetter \ Mr W. H. Was aber bedeutet * begetter?' 
Die einen sagen so viel als 'insptrer\ die andern so viel als 
'obtainer\' es ist entweder derjenige, welcher den Dichter 
zu den Sonetten begeistert, oder derjenige, welcher dem 
Verleger das Manuscript verschafft hat.' Diejenigen Kri- 



. i) Nach den im Britischen Museum aufbewahrten Manuscripten des 
Rev. J. Hunter wäre Thomas Thorpe aus Warwickshire gebürtig gewesen. 
Henry Brown, The Sonnets of Shakespeare Solved 11. 

2) In der zweiten Ausgabe der Sonette (Poems 1640) ist die;3e Dedica- 
tion in Wegfall gekommen — wol auch ein Anzeichen, dass ihr kein grosser 
Werth beigelegt wurde, und dass sie nicht einer hochstehenden Person galt. 
Freilich kann ihre eigentliche Bedeutung in der Zwischenzeit sehr wohl in 
Vergessenheit gerathen sein. 

3) Nach Ingleby ist *onlte begetter* so viel als *sole author\ und W. 
H. soU ein Druckfehler für W. S. sein, so dass mit Einem Worte die Sonette 



371 

tiker, welche der ersten Erklärung huldigen, suchen also 
unter der Maske der Buchstaben W. H. entweder Henry 
Wriothesly Grafen Southampton oder den Grafen Pembroke, 
der als Master William Herbert bezeichnet sein soll. Die 
erste Hypothese rührt von Drake, die zweite von Boaden 
(The Gentleman's Magaizine 1832, 217 fgg.) her; beide lassen 
unerklärt, warum Thorpe seinen angeblichen Gönner nicht 
bei seinem Titel nennt, und bezüglich Southampton's oben- 
ein die Anfangsbuchstaben des Namens Henry Wriothesly 
umkehrt.' Etwa bloss um mit dem hohen Patron Versteckens 
zu spielen? Was hätte ihm ein vornehmer Gönner genützt, 
wenn er ihn nicht wenigstens für Jedermann erkennbar 
bezeichnen konnte? Wer mit den Gesetzen der englischen 
Etikette nur einigermassen vertraut ist, muss die Unmög- 
lichkeit einsehen, von oder gar mit einem Lord in solcher 
Weise zu sprechen. Southampton als Mr Henry Wriothesly 
oder Pembroke als Mr William Herbert anzureden, zu einer 
Zeit, wo beide nachgewiesener Massen bereits im Besitz 
ihrer Titel waren, wäre nichts als eine unerhörte Flegelei 
oder lächerliche Narrheit gewesen. Man halte nur die beiden 
Shakespeareschen Dedicationen oder diejenige der ersten 
Folio dagegen, wo die beiden Grafen Pembroke und Mont- 
gomery als 'Ihre Hoheiten* angeredet werden. Im Jahr 
1610 wurde eine Uebersetzung von Augxistinus De civitate 
Dei dem Grafen Pembroke von Th. Th.. gewidmet, und 
dieser Th. Th. wird von Henry Brown (The Sonnets of 
Shakespeare Solved 11) für denselben Thomas Thorpe er- 
klärt, in dessen Verlag die Sonette erschienen; allein weit 
entfernt etwas für Master William Herbert zu beweisen, 
wie Brown will, spricht dieser Umstand vielmehr entschie- 
den gegen diese Deutung. Denn wie lautet die Widmung 
des Augustinus? ^To the Hon. Patron of Muses and good 
M indes Lord William Earl of Pembroke y Knight of the 
Hon, Order* &c. &c. Noch zutreffender ist ein Vergleich 
mit der Dedication von Davies' Mirum in Modum (1602), 



dem Dichter selbst gewidmet wären. Athen. 1873, II, 18 fg. 147 fg. Daran . 
ist nicht zu denken. 

24* 



372 

insofern darin nicht bloss Graf Pembroke, sondern auch ein 
Herbert vorkommt. Sie lautet (nach Henry Brown 183 fgg.): 
^To the most fwble^ judicious, and my best beloved Lord 
Williafn^ Earle 0/ P^nibroke, the niost honouräble Sir Robert 
Sidney, Knight y and the right worshipful Edward Herbert, 
0/ Montgomery y Esquire, my most honoured and respected 
friendsJ' Das ist der echte Dedications - Styl der damaligen 
Zeit, und die Bezeichnung des Grafen als Master William 
Herbert ist geradezu undenkbar. Aber Graf Pembroke, 
oder nach Drake Graf Southampton, soll ja nach dieser 
Erklärung der Dedication diejenige Persönlichkeit gewesen 
sein, an welche die Sonette gerichtet sind. . Es ist unnöthig 
alle hiergegen sprechenden Gründe in Reihe und Glied auf- 
marschiren zu lassen, ein einziger reicht hin. Den Aus- 
druck ^begetter' in der Bedeutung 'inspirer' aufzufassen, 
verbietet schon die Thatsache, die kein Erklärer abzuleug- 
nen vermag, dass keineswegs die sämmtlichen Sonette an 
eine und dieselbe Persönlichkeit gerichtet sind, dass also 
von einem ^ onlie begetter^ in diesem Sinne gar nicht die 
Rede sein kann. ^ Vielmehr ist es unzweifelhaft , dass * be- 
getter' hier gar nicht den Veranlasser, sondern den Be- 
schafFer der Sonette bedeutet, wie es von Chalmers u, A. 
richtig erklärt wird. Dass ' to beget* in diesem Sinne ge- 
braucht werden kann, unterliegt keinem Zweifel und ist aus 



i) Soll der Gegenstand einer Zahl der Sonette (namentlich i — 26) 
durchaus einer dieser beiden Grafen sein, so scheinen sich noch mehr Gründe 
auf Graf Pembroke als auf Graf Southampton zu vereinigen. Graf Pem- 
broke (1580 — 1630) war zunächst ein grosser Freund und Patron der Poesie, 
dem zahlreiche Schriften und Gedichte dedizirt wurden (u. a. auch B. Jon- 
son's Catiline, 16 16). Dass er dem Heirathen abgeneigt war, bezeugt Rowland 
White in einem Briefe an Sir Robert Sidney (1599): '/ don*t find any 
disposition at all in this gallant young Lord to marry* — Pembroke galt 
lebenslänglich für einen ' voluptuary. * Auch Davies redete ihm in einem 
Sonett dringend zu sich zu vermählen (in Wit's Pilgrimage, nach Henry 
Brown 187). Waren die betreffenden Sonette Shakespeare's wirklich an ihn 
gerichtet, so waren sie von gutem Erfolg begleitet, denn Graf Pembroke 
vermählte sich in der That am 17. September 1603. Für die Würdigung der 
Sonett -Widmung mag noch bemerkt werden, dass Pembroke 1601 den Titel 
erbte und 1604 das Hosenband erhielt. 



373 

Minsheu's Dictionary (1616) und andern Autoritäten darge- 
than,^ und wenn englische Erklärer an diesem Gebrauche 
des Wortes keinen Anstoss nehmen, so können sich die 
deutschen sicherlich dabei beruhigen. Dass die Dedication 
in einem gekünstelten und gezierten Stile abgefasst ist, soll 
dabei um so weniger geleugnet werden, als sie allem An- 
schein nach schon von den Zeitgenossen in diesem Lichte 
betrachtet worden ist, wenigstens lässt sich das aus der 
witzigen Parodie entnehmen, welche George Wither davon 
geliefert hat, indem er (zwei Jahre nach dem Erscheinen 
der Sonette) seine satirischen Gedichte sich selbst mit den 
Worten dedizirte : *G. IV, wisheth himself all happtness. ' * 
Uebrigens möchte er diese Persiflage wol schwerlich ge- 
wagt haben, wenn hinter dem Mr W. H. wirklich ein hoher 
Aristokrat verborgen gewesen wäre; dass man einem Manne 
wie dem Grafen Pembroke ^all happtness' wünschte, hätte 
Wither nach der damaligen Zeitsitte nur in der Ordnung 
finden können; dass aber ein so feierlicher Wunsch in so 
hochtrabenden und geschraubten Worten 'irgend einem dun- 
keln Ehrenmanne, einer untergeordneten Mittelsperson zu- 
gerufen wurde, welche kein anderes Verdienst besass als 
dem Verleger ein, wie dieser hoffte, einträgliches Manu- 
script besorgt zu haben, das musste als eine mit den Ge- 
bräuchen der Zeit in Widerspruch stehende und lächerliche 
Uebertreibung seinen Spott herausfordern. 

Machen wir uns den Hergang der Sache klar , so fallen 
die Schwierigkeiten ganz von selbst zu Boden. Wie wir 
aus der bekannten Stelle in Meres' Palladis Tamia wissen, ® 
circulirten bereits im J. 1598 Shakespeare's Sonette hand- 
schriftlich unter seinen vertrauten Freunden; Meres hätte 
das nicht wissen können, wenn er nicht entweder selbst zu 
diesen vertrauten Freunden gehörte, oder wenn nicht, was 



i) Vergl. Drake 376. 

2) Nach Henry Brown ii fg. 

3) As the soule of Euphorhus was thqught to live in Pythagoras ; so 
the sweete, wittie soule of Ovid lives in mellifluous and honey " tongued 
Shakespeare» Witness his ' Venus and Adonis*, his ' Lucrece* , his sugred 
sonnets among his private friends, &c. 



374 — 

wahrscheinlicher ist, die Kunde von diesen Sonetten bereits 
über den engem Kreis hinausgedrungen gewesen wäre. 
Durch die Erwähnung in Meres' Pamphlet wurde die Exi- 
stenz der Sonette, die sich überdies ohne Zweifel von Jahr 
zu Jahr vermehrten, stadtkundig, sie wurden, so zu sagen, 
ein öffentliches Geheimniss. * Kein Wunder, dass entweder 
ein rühriger Buchhändler oder eine andere dem betreffen- 
den Kreise nahestehende Persönlichkeit auf den Gedanken 
kam, diesen literarischen Schatz zu heben, um so mehr als 
der Dichter selbst gegen diese Kinder seiner Muse sich wo 
möglich noch gleichgültiger verhielt als gegen die Dramen. 
Von diesem Standpunkte aus betrachtet, empfiehlt sich von 
allen Hypothesen am meisten die von Samuel Neil aufge- 
stellte, nach welcher die Buchstaben W. H. Shakespeare's 
Schwager William Hathaway bedeuten,* der dabei, wenn 
das Gleichniss erlaubt ist, drei Fliegen mit Einer Klappe 
schlug, indem er den Ruhm seines Schwagers erhöhen half, 



i) Nach Bodenstedl (Gesammelte Schriften VTII, 216 fg.) waren die von 
Meres erwähnten Sonette wahrscheinlich die im Passionate Pilgrim enthal- 
tenen, während die übrigen erst später entstanden. Die Veröffentlichung des 
Passionate Pilgrim wurde ihm zufolge durch die lobende Erwähnung bei 
Meres hervorgerufen. 

2) Samuel Neil, Shakespere, A Critical Biography. London 1863, 
104 fg. — Philarfete Chasles hat Neil die Priorität dieser Hypothese streitig 
gemacht und mindestens behauptet, dass er selbständig ebenfalls zu diesem 
Resultate gekommen sei, wogegen Neil erklärt hat, er habe ein Exemplar 
seines Buches an Chasles geschickt und dieser seine Hypothese daraus ent- 
nommen. Vergl. Ph. Chasles im Athen. Jan. 25, 1862 und den Briefwechsel 
zwischen beiden im Athenaeum 1867, I, 223 fg. 254. 323. 355. 486 fg. 551 fg. 
662 fg. Bolton Corney, The Sonnets of Wm Shakespeare: a critical Dis- 
quisition suggested by a Recent Discovery. London 1862, pp. 16 (privately 
printed). Vergl. auch N. and Q. 1865 No. 205, 449. No. 206, 482. Ulrici, 
Shakspeare's Dramatische Kunst UI, 221 — 232. Delius, Shakspere's Werke 
n, 752. — William Hathaway wurde nach Halliwell, Life of Sh. 114, am 
30. Nov. 1578 getauft und kommt in seines Vaters Testamente (1581) sowie 
in dem Settlement of Shakespeare's Property, 1647 (bei Halliwell 314 fgg.) 
als Partei vor. Im letztem wird er als Yeoman von Weston-upon-Avon in 
der Grafschaft Gloucester bezeichnet, doch ist dies vermuthlich nicht er 
selbst, sondern sein Sohn; er müsste wenigstens zu dieser Zeit 69 Jahre alt 
gewesen sein. Vergl. Halliwell, New Place 130 fg. 



375 

dem Buchhändler ein gewinnversprechendes Unternehmen 
ermöglichte und — last^ not least — für sich selbst dem 
Verleger ein gewiss nicht unwillkommenes Honorar ent- 
lockte — Shakespeare wird ihm diesen Verdienst sicherlich 
nicht gemissgönnt haben, auf den er durch die Sammlung 
imd die (allerdings wenig kritische) Zusammenstellung der 
zerstreuten Handschriften sich ein Anrecht erworben hatte. 
Was war unter solchen Umständen natürlicher als dass ihm 
Thorpe das Büchlein dedizirte und ihm die nämliche Un- 
sterblichkeit anwünscht, die der Dichter dem Gegenstande 
seiner Sonette verheisst? Ja, wer weiss, ob der schlaue 
imd geriebene 'Adventurer' diese ?)edication nicht bei der 
Honorarzahlung in Anschlag brachte und sie als ein Mittel 
benutzte, um etwas billiger in den Besitz des Manuscriptes 
zu gelangen. Die Worte ^the onlie begeüer* haben aber 
möglicher Weise noch einen tiefern Sinn. Warum ^ onlie' 1 
Wenn Thorpe die Sonette herausgeben wollte, so war das 
natürlichste und ordnungsmässige Verfahren offenbar dies, 
dass er sich an den Verfasser selbst wandte und ihn um 
die Handschrift bat. Dieser aber schlug seinen Antrag ab. 
Auch bei einem oder dem andern der Freunde, die sich im 
Besitz der zuckersüssen Sonette befanden, mag Thorpe eine 
Fehlbitte gethan haben, bis er in Master William Hathaway 
seinen Mann fand , den Einzigen, der sich seinen Wünschen 
fugte und die Sache zu Stande brachte. 

Dieser Erklärungsweise scheint eine neuerdings ge- 
machte interessante Entdeckung in den Weg zu treten. 
Charles Edmonds hat nämlich 1873 zu Lamport Hall ein 
leider unvollständiges Exemplar eines bisher unbekannten 
Werkes von Robert Southwell aufgefunden, das weniger 
um seiner selbst als um seiner mit W. H. unterzeichneten 
Vorrede willen bemerkenswerth ist. * Das Werk umfasst 
nämlich vier verschiedene Dichtungen Southwell's (a foure- 
fould Meditation 0/ the foure last Things &c.^, welche die- 



i) Herausgegeben als No. 3 der Isham Reprints. — Athen. 1873, II, 
528 fg. Shakespeare -Jahrbuch IX, 333. Eine Entgegnung Athen. 1873, H, 
661 fg. 



376 

ser W. H. zusammengebracht imd zum Druck befordert hat. 
Sie hätten lange im Verborgenen existirt, so berichtet er, 
und wären wahrscheinlich nie an das Licht der Oeffentlich- 
keit gelangt, wenn sie nicht durch einen Zufall in seine 
Hände gefallen wären. Edmonds hält es danach für sehr 
wahrscheinlich, dass Southwell's W. H. und Shakespeare's 
W. H. ein und dieselbe Person sind, um so mehr als South- 
weirs Werkchen im J. 1606 von G. Eid für Francis Burton 
gedruckt wurde, während Shakespeare's Sonette nur drei 
Jahre später aus derselben Offizin hervorgingen. Dass 
innerhalb dieses kurzen Zeitraumes zwei verschiedene Per- 
sönlichkeiten desselben Namens (wenigstens mit denselben 
Initialen ihres Namens) der gleichen Beschäftigung obge- 
legen und sich dabei derselben Druckerei bedient haben 
sollten, diese Annahme erklärt Edmonds für zu unwahr- 
scheinlich, als dass sie einer Widerlegung bedürfte. Ein 
Grund, wesshalb dieser doppelte W. H. nicht Shakespeare's 
Schwager gewesen sein kann, liegt nicht vor, es sei denn, 
dass man Bedenken tragen sollte, derartige literarische 
Interessen und Bemühungen bei ihm vorauszusetzen, zirnial 
wenn er wirklich sein Leben als Ackerbauer zu Weston- 
upon-Avon beschloss, obgleich auch das im Grunde der- 
gleichen Nebenerwerb nicht ausschliessen würde. Uebrigens 
kommt es schliessUch weniger darauf an nachzuweisen, wer 
der räthselhafte W. H. war, als wer er nicht war, imd in 
dieser Hinsicht darf es wol als feststehend angesehen wer- 
den, dass er nicht der Addressat der Sonette war und mit 
diesem überhaupt in keinem Zusammenhange stand. Der 
Frage, an wen die Sonette gerichtet wurden, ist überhaupt 
die Spitze abgebrochen, seitdem die Auffassung der Sonette 
als autobiographischer Bekenntnisse in den Hintergrund 
getreten ist. Auf diesen Punkt wird an einer andern Stelle 
zurückzukommen sein, und es sind hier nur noch einige ab- 
gethane Erklärungsversuche zu erwähnen, welche als Parade- 
stücke in der Raritäten -Klammer ihren Platz behaupten. 

Dass Dr. Farmer glauben konnte, die Sonette seien an 
William Hart, den Neffen des Dichters, gerichtet, und 
dass Tyrwhitt aus Sonett 20 (A man in kue , all Hews in 



377 

his cantroUutg) einen William Hughes oder Hews als den 
Gegenstand der zärtlichen Freundschaft des Dichters con- 
struirte, hält sich wenigstens in den Schranken der Metho- 
dik; gegen die erste Muthmassung spricht nur, dass Wil- 
liam Hart erst im J. 1600 geboren wurde, während die 
Sonette schon 1598 von Meres gepriesen werden; gegen die 
zweite, dass eine solche Folgerung aus der angeführten 
Verszeile nur mit Gewalt herausgepresst werden kann. * 
.Ganz unhaltbar sind die Romane, zu denen Ch. A. Brown 
und Gerald Massey die Sonette ausgesponnen haben. * 
Ch. A. Brown betrachtet die sämmtlichen Sonette als ein 
einziges zusammenhängendes Gedicht und sieht' die einzel- 
nen Sonette nur als Strophen desselben an. Allein die 
Sonette sind. nichts weniger als planvoll geordnet, und in 
der zweiten* Auflage (Poems, 1640) ist, abgesehn von eini- 
gen Auslassungen und Hinzufugningen, ihre Reihenfolge eine 
ganz andere; auch sind sie dort mit Ueberschriften ver- 
sehen. Eine methodische Anordnung ist erst neuerdings 
von Bodenstedt, Frangois V. Hugo, Charles Kjiight, Gerald 
Massey u. A. versucht worden. Nach Gerald Massey ent- 



i) Im Athen. 1873, II, 277 und 335 fg. hat C. EUiott Browne nach- 
träglich allerdings einen William Hewes, wie auch einen John Hewes nach- 
gewiesen, welche beide dem Kreise unseres Dichters angehört haben mögen. 
Beide waren Musiker; der erste, ein Günstling des Grafen Essex, wird in 
Waterhousc's Schilderung der letzten Stunden des Grafen (in Hearne's Aus- 
gabe von Camden's Annais) erwähnt, der zweite kommt in der Widmung von 
Drayton's Oden an Sir Henry Goodere (um 1605) vor, wo Drayton seine 
Leier rühmt: 

Which oft at Powlsworth by the fire 
Hath made us gravely merry, 

Powlesworth liegt wenige englische Meilen von Stratford entfernt. Ob diese 
beiden Hewes mit einander in einem verwandtschaftlichen oder freundschaft- 
lichen Zusammenhange standen, ist völlig unbekannt. Unmöglich wäre es 
nicht, dass Wm Hewes (Hughes) der Mr W. H. der Dedication wäre, nur 
der Gegenstand oder Addressat der Sonette war er nicht. 

2) Ch. A. Brown, Shakespeare's Autobiographical Poems. Being his 
Sonnets clearly developed with his Character drawn chiefly from his Works. 
London, 1838. — Gerald Massey, Shakespeare 's Sonnets never before inter- 
preted. London, 1866. 



378 

halten die Sonette die Liebesgeschichte zwischen South- 
ampton und Elisabeth Vemon und sind von Shakespeare 
zum grössten Theil im Auftrage der Liebenden geschrieben 
worden. Der Annahme, dass Shakespeare die Mehrzahl 
der Sonette an seine Frau gerichtet habe, ist bereits Er- 
wähnung geschehen. Die Auslegung bewegt sich hier in 
den seltsamsten Sprüngen und Gegensätzen, und wenn man 
an George Chalmers, Henry Brown, Bamstorff und Karpf 
denkt, so weiss man nicht, ob man den beiden Engländern 
oder den beiden Deutschen die Krone der Wunderlichkeit 
reichen soll. ^ Chalmers nimmt an, sämmtliche Sonette seien 
an die Konigin Elisabeth gerichtet, welche der Dichter, wie 
er sich einbildet, als Mann darstellt, um ihre Souveränität da- 
durch anzudeuten; Henry Brown stellt die Ansicht auf, dass 
die Sonette Satiren auf die verliebte Sonettdichtung und 
die Sonettisten der Shakespeareschen Zeit seien und sich 
im Besondem gegen Drayton und Davies richten, wobei er 
nichtsdestoweniger an ihrer autobiographischen Bedeutung 
festhält. Den Gipfel der Sonderbarkeit haben Barnstorff 
und Karpf erklommen, welche meinen, der Dichter habe 
die Sonette an sich selbst oder an seinen Genius gerichtet. 
Bamstorff enträthselt die Dedication dadurch, dass er liest: 
Mr William Himself, und erklärt die Sonette Shakespeare's 
für 'Zurufe seines sterblichen an seinen unsterblichen Men- 
schen', während Karpf die Construction der Widmung auf 
den Kopf stellt und sie folgendermassen übersetzt: *Dem 
alleinigen Erzeuger dieser folgenden Sonette wünscht Mr 
W. H. alle Glückseligkeit und die Ewigkeit, verhiessen 



i) G. Chalmers, Apology for the Believers in the Shakspeare Papers 
(1799) und Supplemental Apology (1799). — Henry Brown, The Sonnets of 
Shakspeare Solved and the Mystery of his Friendship, Love, and Rivalry 
Revealed. London, 1870. — D. Bamstorif, Schlüssel zu Shakespeare's Sonet- 
ten. Bremen, 1861 (A Key to Shake^peare's Sonnets by D. Bamstorff, 
transl. from the German by T. J. Graham. Lond. 1862). — Carl Karpf, To xC 
fiv eivat. Die Idee Shakespeare's und deren Verwirklichung. Sonetten- 
erklärung und Analyse des Drama's Hamlet (indirecter Beitrag zur Zeitfrage 
'Glauben und Wissen'). Hamburg, 1869. Vergl. Shakespeare -Jahrbuch V, 

335 fgr- 



379 

(sie!) von unserm unsterblichen Poeten. — Der wohl wün- 
schende Aventurier bei der Herausgabe T. T. '* Karpf, 
der seinen Vorgänger BamstorflF nicht gekannt zu haben 
scheint, macht Shakespeare zum Aristoteliker und lässt ihn 
die Sonette an die * Vemunftthätigkeit in ihrem An- und 
Fürsichsein, in welcher der Mensch Gemeinschaft mit dem 
gottlichen Wesen habe' richten; er soll sie geschrieben 
haben, um sich des Göttlichen, .das er in sich fühlte, *ge- 
wissermassen noch besonders zu certificiren', sowie neben- 
bei 'zum Zwecke der Certification seines Geisteszustands 
für alle Nachwelt.* Der Verfasser scheint sein Buch auch 
zur * Certification seines Geisteszustands' geschrieb.en zu 
haben, wenn auch nicht für die Nachwelt. 

Shakespeare's Zeitgenpssen waren einstimmig in der 
Bewunderung seiner Sonette; dann hören wir längere Zeit 
nichts von ihnen, und im i8. Jahrhundert fielen sie einer 
solchen Missachtung anheint, dass ein so geist- und ge- 
schmackvoller Kritiker wie Steevens sie von seiner Aus- 
gabe des Dichters ausschliessen konnte, weil, wie er sich 
ausdrückt, selbst die stärkste Parlamentsakte nicht im Stande 
sei, Leser für sie herbeizuschaffen.* Hätte Shakespeare, 
so fügt er hinzu, nur diese Sonette geschrieben, so würde 
er eben so wenig Berühmtheit erlangt haben, als sein Zeit- 
genosse Watson, der ein viel besserer Sonettist gewesen 
sei. Die Gegenwart hat dieses Urtheil Lügen gestraft, in- 
dem die Sonette seit dem Anfange unseres Jahrhunderts in 
zunehmendem Masse, ein Lieblings - Gegenstand für die 
ästhetische Kritik und die Uebersetzungskimst geworden 
sind. * Man wird darin schwerlich einen übertriebenen 



i) Diese Construction der Widmung ist (unseres Wissens) zuerst von 
Philarite Chasles (Athen. Jan. 25, 1862) in Vorschlag gebracht worden. 

2) Malone's Shakspeare by Boswell (182 1) I, 258. 

3) Shakespeare's Sonette übersetzt von K. Lachmann. Leipzig 1820. — 
Shakespeare's Sonette in Deutscher Nachbildung von F. Bodenstedt. Berlin 
1862 (mehrmals aufgelegt). — • Shakespeare's Sonette übersetzt von F. A. 
Gclbcke. Hildburghausen. — Shakespeare's Sonette übers, von H. v. Friesen. 
Dresden 1869. — Shakespeare's Sonette deutsch von Benno Tschischwitz. 
Halle 1870. — Shakespeare's Sonette übers, von Otto Gildemeister. Leipzig 



38ö 

Shakespeare -Kultus erblicken können, denn selbst diejeni- 
gen Aesthetiker, welche die Gattung* verurtheilen , werden 
doch zugestehen müssen, dass die Sonette in ihrer Gattung 
unübertreflflich sind und an der Spitze der englischen Sonett- 
dichtung stehen; AI. Dyce stellt ihnen nur diejenigen Mil- 
ton*s an die Seite, die sich aber bekanntlich auf eine sehr 
geringe Zahl beschränken. Man darf im Gegensatz zu Stee- 
vens behaupten, dass Shakespeare als der erste englische 
Sonettist unsterblich gewesen sein würde, auch wenn er 
nichts als die Sonette geschrieben hätte. Sein unmittelbares 
Vorbild als Sonettist — denn auch hier lehnte er sich an 
seine Vorgänger an — war übrigens Samuel Daniel. * Es 
verhält sich mit diesen lyrischen Dichtungen Shakespeare's 
wie mit seinen dramatischen; sie führten eine vorausgegan- 
gene, stufenweise Entwickelungsreihe auf den Gipfel und 
zum' Abschluss. Shakespeare hat in den Sonetten nicht 
allein ^ie Form, wie sie seine Vorgänger mit einiger Ab- 
weichung vom italienischen Original ausgebildet hatten, mit 
Meisterschaft gehandhabt, er hat auch in diese Form den 
vollsten, höchsten und reichsten Inhalt gelegt, dessen sie 
fähig war. An Adel der Gesinnung, an Tiefe und Reich- 
thum der Empfindung und des Gedankens wie an Weite des 
Gesichtskreises überflügeln seine Sonette alle Vorgänger 
und Mitstrebenden. Von ihrem Inhalte wird später noch- 
mals die Rede sein. 

VI. A Lover's Complaint. Findet sich ursprünglich als 
Anhang in der Ed. pr. der Sonette und schliesst sich nach 
Inhalt und Form an Venus und Adonis und Lucrece an; 
die Strophe ist dieselbe wie in Lucrece. Statt der liebe- 
dürstenden Göttin in Venus und Adonis, die um den Genuss 
wirbt, haben wir hier das verlassene irdische Mädchen, das 
den Genuss bereut, aber nichtsdestoweniger in der Erinne- 



1871. — Shakespcare's Southampton- Sonette. Deutsch von Fritz Krauss. 
Leipzig 1872. 

I) Brinsley Nicholson, ParaUel Passages in Shakespeare and Daniel. 
N. and Q. 1865, No. 174 p. 335. 



I 



— 381 — 

rung an die bezaubernde Schönheit des Geliebten schwelgt 
und sich eingesteht, dass sie einer erneuten Versuchung 
keine grossere Stärke entgegenzusetzen hat als vorher. 

Vn. The Tempest. Zuerst in FA. Zeit der Abfassung 
nach Malone, Chalmers und Drake 161 1, nach Fleay 16 10; / 
mit grösserer Wahrscheinlichkeit ist das Stück jedoch in y 
das J. 1604 zu setzen; s. die Abhandlung 'Die Abfassungs- ( 
zeit des Sturms' im Shakespeare -Jahrb. VII, 29 — 47. Vergl. 
Johannes Meissner , Untersuchungen über Shakespeare's 
Sturm (Dessau, 1872). Shakespeare -Jahrb. V, 183 — 226. 
Jedenfalls ist es eins der letzten Stücke. Was die Aehn- 
lichkeit zwischen dem Sturm und Jakob Ayrer's 'Comedia 
von der schönen Sidea' anlangt, so sind darüber Meissner 
1. 1. S. 1 — 16, Alb. Cohn, Shakespeare in Germany II, i — 75, 
u. A. nachzusehn. 

VUI. The Two Gentlemen of Verona. Zuerst in FA. 
Eins der frühsten Stücke, nach Delius vor 1591, nach Ma- 
lone 1591, nach Chalmers, Drake und Fleay 1595. Wahr- 
scheinlich vor 1590. 

IX. The Merry Wives of Windsor. Ed. pr. A Most 
pleasaunt and excellent conceited Comedie, of Syr John Fal- 
stafife , and the merrie Wiues of Windsor. Entermixed with 
sundrie variable and pleasing humors, of Syr Hugh the 
Welch Knight, lustice Shallow, and his wise Cousin M. 
Slender. With the swaggering vaine of Auncient Pistoll, 
and Corporall Nym. By William Shakespeare. As it hath 
bene diuers times Acted by the right Honorable my Lord 
Chamberlaines seruants. Both before her Maiestie, and 
else-where. London, Printed by T. C. for Arthur Johnson, 
and are to be sold at his shop in Powles Church-yard, at 
the signe of the Flower de Leuse and the Crowne. 1602. — 
T. C. ist Thomas Crede. Es ist ein schlechter Raubdruck, 
zu dem John Busby dem Verleger das Manuscript beschafft 
haben soll; so versichert wenigstens Collier, Shakespeare 
Society's Papers HI, 75. Die im gleichen Verlage erschie- 



382 

nene Quarto von 1619 ist nichts als eine Wiederholung der 
Ed. pr. mit allen ihren Fehlem. — Abfassung^zeit nach 
Malone» Drake und Fleay 1601, nach Chalmers 1596, nach 
Delius 1598, nach Herrn. Kurz 1595; muss nach dem auf 
S. 128 Gesagten vor 1600 geschrieben sein, indem in 
^ diesem Jahre Sir Thomas Lucy mit Tode abging. Eine 
erste Skizze hat Halliwell veröflFentlicht (The First Sketch 
of Shakespeare 's Merry Wives of Windsor ed. by J. O. Hal- 
liwell, London 1842.) Die Anekdote, dass dies Stück auf 
Wunsch der Konigin Elisabeth und zwar in der kurzen Zeit 
von vierzehn Tagen geschrieben sein soll, tritt zuerst auf 
bei Dennis, The Comical Gallant; or, The Amours of Sir 
John Falstaff, 1702, wo sie in der Epistle Dedicatory fol- 
gendermassen erzählt wird: *Iknew very well^ that it heul 
pleased one of the greatest queens that ever was in the worldy 
great not only for her wisdom in the arts 0/ government, but 
for per knowledge of polite learning, and her nice taste of 
the drama, for such a taste we may be sure she had^ by the 
relish which she had of the ancients, This comedy was writ- 
ten at her command, and by her direction, and she was so 
eager to see it acted, that she commanded it to be finished 
in fourteen days, and was afterwards, as tradition teils us, 
very well pleased at the representation, ' ^ Im J. 1 709 wurde 
dann diese Anekdote von Rowe wiederholt und hat sich 
seitdem traditionell fortgepflanzt. Ueber die interessanten 
Zeitanspielungen in diesem Lustspiel vergl. namentlich Herm. 
Kurz Zu Shakespeare's Leben und Schaffen (München 1868) 
und Knight, Wm Sh. ; a B. 362 fgg. 

X. Measure for Measure. Zuerst in FA. Nach Malone, 
Drake und Fleay 1603, nach Chalmers sogar erst 1604 ge- 
schrieben — ein offenbar zu später Termin. Sowohl in 
Deutschland wie in England hat man dieses Stück häufig 
umgearbeitet, um es für die moderne Bühne möglich zu 
machen. Ueber die Davenant'sche Bearbeitung desselben 



i) Nach (Townsend) Shakespeare not an Impostor (1857) iii. 



383 

in seinem 'Law against Lovers' vergl. Shakespeare -Jahrb. 

IV, 153 %g. 

XI. The Coäceöy of Errors. Von Meres in Palladis 
Tamia 1598 erwähnt, doch erst in FA erschienen. Nach 
Malone 1592, nach Chalmers, Drake und Delius 1591, nach 
Fleay 1593 geschrieben; "Scheint jedoch in die achtziger 
Jahre hinaufgerückt werden zu müssen, da es eins der 
frühesten Stücke ist; vergl. die auf S. 357 erwähnte Hypo- 
these von Richard Simpson. Damit stimmt eine Bemerkung 
von Thombury (Shakespeare's England IE, 39), dass Shake- 
speare zu diesem Stücke jedenfalls durch die Geburt seiner 
eigenen Zwillings -Kinder (Ende Januar 1585) angeregt wor- 
den ist. Die durch dieses Ereigniss in ihm hervorgerufenen 
Ideen -Verbindungen beschäftigten ihn so vielfach und an- 
haltend, dass er in Twelfth Night nochmals deirauf zurück- 
gekommen ist. Wenn man erwägt, wie stark die Menäch- 
men und der Amphitruo (s. S. 351) in diesem Lustspiel be- 
nutzt worden sind, so darf man wol sagen, dass es nach 
der Schule riecht und aller Wahrscheinlichkeit nach noch 
zu Stratford alsbald nach der Geburt der Zwillinge entwor- 
fen ist. Aus einer politischen Anspielung (HI, 2 : Ant. S. 
Where France? Dro. S. In her forehead; arnied and 
revertedy making war against her hetr) hat schon Hallam 
(Introd. Lit. Eur. ü, 177) gefolgert, dass di,s Stück vor der 
Einnahme von Paris durch Heinrich IV (1594) geschrieben 
sein müsse. Dadurch gewinnen wir aber wieder nur einen 
terminus ad quem, und die Annahme des J. 1591 findet Hal- 
lam als zu früh bedenklich. 

Xn. MucH Ado aboüt Nothing. Ed. pr. Much adoe 
about Nothing. As it hath been sundrie times publikely 
acted by the right honourable, the Lord Chamberlaine his 
seruants. Written by William Shakespeare. London Printed 
by V. S. for Andrew Wise, and William Aspley. 1600. 4***. 
(ohne Akteintheilung). — V. S. ist Valentine Simmes. Exem- 
plare im Britischen Museum, in der Bodleiana und in Ca- 
pell's Collection, Trinity College, Cambridge. Ein anderes, 



384 

gut erhaltenes Exemplar wurde 1868 mit 235 Pfd. bezahlt 
(s. Athen. June 6, 1868 p. 800). Nach Malone und Fleay 
1600, nach Chalmers, Drake und Delius 1599 geschrieben. 
Der Stoff stammt aus Ariost. * TAe tale\ heisst es in Har- 
rington's Ariosto (1591) 39, ^is a fretie comicall matter, and 
hath bin written in English verse some few years fast, 
learnedly and with good grace, by M. George Turbervü,^ 
Wie Dr. Farmer (3^ Ed. 2^^ glaubt, beschränkte sich Shake- 
speare auf diese Turberville'sche Bearbeitung (Geneura), 
ohne sich um Ariost selbst zu kümmern. 

Xin. Love's Laboür's Lost. Ed. pr. A pleasant Con- 
ceited Comedie called, Loues labors lost. As it was pre- 
sented before her Highnes this last Christmas. Newly cor- 
rected and augmented By W. Shakespere. Imprinted at 
London by W. W. for Cutbert Burby. 1598. — W. W. be- 
deutet wahrscheinlich William Waterson. Merkwürdig ist 
es, licLss eine Ed. pr. als 'newly corrected and augmented' 
bezeichnet wird, und wir dürfen daraus wol den Schluss 
ziehen, dass die eigentliche Ed. pr. untergegangen und die 
gegenwärtig dafür geltende, ursprünglich die zweite oder 
dritte Ausgabe war. Andernfalls müsste man die Worte 
auf den den Vorstellungen zu Grunde gelegten Text bezie- 
hen oder für eine Tendenzlügö des Verlegers halten, der 
dadurch dem Publikum Sand in die Augen streuen wollte. 
Bemerkenswert^ ist auch die Schreibung Shakespere ohne 
a in der zweiten Silbe, die sich auf keiner andern Quarto 
wiederfindet. Weitere Quartos dieses Stückes giebt es bis 
zur ersten Folio nicht; erst im J. 1631 erschien eine zweite 
\md letzte. — Exemplare von QA besitzen die Bodleiana, 
Capell's CoUection und der Herzog von Devonshire. — 
Nach Malone 1594, Chalmers 1592, Drake, Fleay and Delius 
1591. — J. O. Halliwell, Account of Tofte's Alba, 1598, con- 
taining the earliest Notice of Love's Laboür's Lost. London 
1865 (10 copies). Vergl. Ingleby, Shakespeare's Centurie 
of Prayse 28. 

XIV. A MiDsuMMER Night's Dream. Edd. prr. i . A Mid- 
sommer nights dreame. As it hath beene sundry times 



— 385 

publickely acted, by the Right honourable, the Lord Cham- 
berlaine bis seruants. Written by William Shakespeare. 
Imprinted at London, for Thomas Fisher, and are to be 
soulde at his shoppe , at the Signe of the White Hart , in 
Fleetestreete. 1600. 

2. A Midsommer nights dreame. As it hath beene 
sundry times publikely acted, by the Right Honourable, the 
Lord Chamberlaine his Seruants. Written by William Shake- 
speare. Printed by James Roberts. i6oo. 

Wieder ein Shakespeare -Räthsel: zwei verschiedene 
Edd. prr. in Einem und demselben Jahre. Fisher's Aus- 
gabe wurde im Oktober 1600 in die Register der Buch- 
händler-Gilde eingetragen; die von Roberts ist nicht ein- 
getragen, und wir wissen daher nicht, ob sie früher oder 
später als die Fisher'sche erschien; Halliwell (Sh's Works 
V, 11) hält sie für die ursprüngliche Ausgabe, während 
Steevens die Fisher'sche für die erste erklärt hatte, und 
diese demgemäss allgemein als solche galt. Die Ausgabe 
von Roberts ist sehr fehlerhaft gedruckt, allein dessen- 
ungeachtet haben sie die Herausgeber der Folio abgedruckt, 
ohne den bessern Text von Fisher zu Rathe zu ziehen, den 
sie gar nicht gekannt zu haben scheinen. Roberts war 
vielleicht nur ein Drucker und nicht auch Buchhändler zu- 
gleich. — Exemplare beider Quartos im British Museum, 
der Bodleiana und in CapelVs Collection. — Nach Chalmers 
1598, Delius 1595, Malone 1594, Drake 1593, Fleay 1592; 
aller Wahrscheinlichkeit nach 1590 zu Essex's Hochzeit ge- 
schrieben und am i. Mai dieses Jahres zuerst aufgeführt. 
S. die Abhandlung Zum Sommernachtstraum im Shakespeare- 
Jahrb. DI, 150—174 und Herm. Kurz, Zum Sommemachts- 
traum, Shakespeare -Jahrb. IV, 268 fgg. Den räthselhaften 
Zusammenhang des Peter Squenz mit dem Sommemachts- 
traum zu erörtern, ist vielmehr Aufgabe der deutschen als 
der englischen Literaturgeschichte; möglicher Weise bil- 
deten die sog. englischen Comödianten das Bindeglied, wo- 
bei jedoch nicht zu übersehen ist, däss Gryphius seiner 
eigenen Angabe (in der Vorrede) zufolge nicht der Verfas- 
ser, sondern nur der Ueberarbeiter des Peter Squenz war. 

Elze, Shakespeare. 25 



386 

Vergl. A. Cohn, Shakespeare in Germany. Uebrigens ist 
auch in England der komische Theil dieses Lustspiels früh- 
zeitig losgelöst und bereits um 1646 selbständig unter dem 
Titel: The Merry conceited Humours of Bottom, the Wea- 
ver von Robert Cox herausgegeben worden. Zu einer 
Oper ist es nicht erst von Mendelssohn, sondern bereits 
1692 von einem Ungenannten, dann von J. F. Lampe und 
endlich von Garrick und Smith (1755) umgewandelt worden. 
Unter den Illustrationen zu diesem Stücke verdienen die 
Konewka'schen Schattenrisse eine ehrenvolle Erwähnung. — 
Vergl. übrigens Shakespeare- Jahrb. V, 358 fgg. IX, 337 fg. 

XV. The Merchant of Venice. Edd. prr. i. The ex- 
cellent History of the Merchant of Venice. With the ex- 
treme cruelty of Shylocke the lew towards the saide Mer- 
chant, in cutting a iust pound of his flesh. And the obtain- 
ing of Portia, by the choyse of three caskets. Written by 
W. Shakespeare. Printed by J. Roberts. 1600. 

2. The most excellent Historie of the Merchant of 
Venice. With the extreame crueltie of Shylocke the lewe 
towards the sayd Merchant, in cutting a iust pound of his 
flesh : and the obtayning of Portia by the choyse of three 
chests. As it hath beene diuers times acted by the Lord 
Chamberlaine his Seruants. Written by William Shake- 
speare. At London, Printed by I. R. for Thomas Heyes, 
and are to be sold in Paules Church-yard, at the signe of 
the Greene Dragon. 1600. 

Wir stehen hier vor dem nämlichen Räthsel wie beim 
Sommemachtstraum, und derselbe James Roberts ist es, der 
es uns aufgiebt. Das Verhältniss dieser b^feiden, in der- 
selben Offizin gedruckten, aber verschiedenen Ausgaben zu 
einander, ist noch nicht festgestellt. Man nimmt an, dass 
die Ausgabe von Roberts (No. i) dieselbe ist, welche am 
22. Juli 1598 in die Register der Buchhändler- Gilde ein- 
getragen wurde, während Heyes die seinige (No. 2) am 
28. Oktober 1600 eintragen liess; aber diese Annahme ist 
nach Lowndes-Bohn nicht unwidersprochen. Steevens, Dyce 
und Halliwell halten die Ausgabe von Heyes für die eigent- 






387 

liehe Ed. pr. ; sie hat auch, freilich nicht ohne Aenderungen, 
dem Abdruck in der Folio zu Grrunde gelegen und hat in 
der Folio zuerst eine Akteintheilung erhalten. Die einzige 
Aufklärung über die beiden Verleger ist die, dass Roberts 
Heyes' Tochter heirathete, dass er aber ein eigenes Ver- 
lagsgeschäft erst dann eröffnete, als sein Schwiegervater 
das seinige aufgab (nach Lowndes-Bohn). Exemplare bei- 
der Quartos befinden sich im Britischen Museum, in der 
Bodleiana, CapelFs Collection und der Bibliothek des Her- 
zogs von Devonshire. — Nach Malone und Delius 1594, 
nach Chalmers, Drake und Fleay 1597; man muss sich ent- 
schieden auf Malone's und Delius' Seite stellen. Vergl. die 
Abhandlung Zum Kaufmann von Venedig im Shakespeare - 
Jahrb. VI, 1 29 fgg. 

XVI. As Yoü LiKE It. Nach einem Eintrag im Regi- 
ster der Buchhändler -Gilde zu schliessen war eine Quart- 
ausgabe dieses Stückes allerdings beabsichtigt, sie unter- 
blieb aber aus unbekannten Gründen, und das Stück wurde 
zuerst in der Folio gedruckt. ^ Nach Malone und Fleay 
1599, Drake i6oi, Chalmers 1602; nach Delius zwischen 
1598 — 1600, weil das Stück nicht von Meres erwähnt wird 
und weil die obige Einzeichnung im Gildenregister höchst- 
wahrscheinlich in das Jahr 1600 fallt, da der vorangehende 
Eintrag diesem Jahre angehört. Wie schon bemerkt, be- 
weist jedoch die Nicht -Erwähnung eines Stückes bei Meres 
nichts für seine Existenz oder Nicht -Existenz; vergl. was 
bei The Winter's Tale über die Abfassungszeit gesagt ist. 
Den Stoff hat der Dichter aus Lodge's Rosalynde (zuerst 
1590, dann 1592) entlehnt; vergl. Delius, Lodge's Rosalynde 
and Shakespeare's As You Like It im Shakespeare -Jahrb. 
VI, 226 fgg. 

XVn. The Taähng of the Shrew. Zuerst in FA. Nach 
Malone 1596, Chalmers 1599, T)rake und Delius 1594, Fleay 



I) Der Eintrag lautet: 4. August. As you like yt, a book, Henry the 
ffift, a hook. Every man in his /tumot{r, a hook. The Commedie of Much 
adoo about nothinge, a book. To be staicd. Malone's Shakspeare by Bos- 
wcU (1821) II, 367. 

25* 



--- 388 - - 

• 

i6oo. Shakespeare hat sich an ein älteres Stück angelehnt, 
das I5Q4 unter dem Titel: A Pleasant Conceited Historie, 
called The Taming of a Shrew &c. erschien , und hat ausser- 
dem die von Gascoigne übersetzten Suppositi des Ariost 
benutzt. Nach Pope's Vermuthung wäre das ältere Stück 
eine Jugendarbeit desJDichters selbst, während Hickson es 
für eine Nachahmung Shakespeare's gehalten wissen will. 
Vergl. darüber die Einleitungen in Delius' Ausgabe und in 
^.. der Uebersetzung der Deutschen Shakespeare - Gesellschaft 
(VII, 3 — 12). Der StoflF lässt sich bis in die Märchen der 
Tausend und Einen Nacht zurückverfolgen ; besonders be- 
kannt ist die Erzählung im Conde Lucanor. Aber auch in 
dänischen Märchen findet er sich; s. R. Kohler, Zu Shake- 
speare's The Taming of the Shrew im Shakespeare- Jahrb. 
m, 397 fgg. In Deutschland scheint dieses Lustspiel bald 
nach Shakespeare's Tode, wenn nicht schon bei seinen Leb- 
zeiten bekannt geworden zu sein; wie wir von Gottsched 
erfahren, wurde 'Die wunderbare Heurath Petruvio mit der 
bösen Catharine' im März 1658 von den kurfürstlich säch- 
sischen Comödianten in Zittau aufgeführt und in Dresden 
wurde 1672 der erste und zweite Theil *Von der bösen 
Catharina' gegeben. Vergl. Kunst über alle Künste Ein 
bös Weib gut zu machen. Eine deutsche Bearbeitung von 
Shakespeare's The Taming of the Shrew aus dem J. 1672. 
Neu herausgegeben &c. von Reinhold Köhler. Berlin, 1864. 

XVm. All's Well that Ends Well. Zuerst in FA. — 
Nach Malone und Chalmers i6o6, nach Drake und Delius 
1598, nach Fleay 1602. Knight rechnet dies Stück zu den- 
jenigen, von denen sich nicht im geringsten beweisen lasse, 
dass sie nicht vor 1590 entstanden seien; man wird jedoch 
nicht umhin können, mit Gervinus und v. Friesen eine spä- 
tere Ueberarbeitung anzunehmen. Allem Vermuthen nach 
ist es identisch mit dem von Meres angeführten Love's 
Labour's Won. Der Stoff stammt aus äem Decamerone und 
wurde in William Paynter's Palace of Pleasure (1566 fg.) 
ins Englische übertragen. Vergl. die Abhandlung *Zu Ende 
gxit, Alles gut' im Shakespeare -Jahrb. \TI, 214 — 237. 



- 389 - 

XIX. TwELFTH Night: or, What you Will. Zuerst in 
FA. Nach Malone 1607, Chalmers und Drake 1613, Delius 
vor 1602, Fleay 1598. In B. Jonson's Every Man out of 
his Humour HI, i (that the argunient of his comedy might 
have bccn of some other nattire &c.) wird unzweideutig auf 
Twelfth Night angespielt, und nach John Manningham's 
Tagebuch (ed. by John Bruce for the Camden Society 1869) 
soll Twelfth Night im Febr. 1601-2 bei einem Fest im 
Middle Temple aufgeführt worden sein; s. S. 201. Der Stoff 
findet sich in den Novellensammlungen von Bandello und 
Belleforest, sowie in Riche his Farewell to the Military 
Profession (1581, neu herausgegeben 1846). 

XX. The Winter's Tale. Zuerst in FA. — Nach Ma- 
lone , Chalmers und Fleay 1 6 1 1 , nach Drake und Delius 
1610. Dr. Simon Forman erzählt in seinem Tagebuche, dass 
er das Stück am 15. Mai 161 1 auf dem Globus - Theater 
aufführen sah, sagt aber nicht, dass es ein neues gewesen 
sei; auch bei Hofe scheint es in demselben Jahre gegeben 
worden zu sein, wenn der bezüglichen Notiz zu trauen ist. 
Wie immer wird durch diese Angaben aber nur der /^r- 
minus ad quem bestimmt, und das Wintermärchen, obwohl 
in der jetzigen Gestalt eins der spätesten Stücke, kann sehr 
wohl früher als 161 1 geschrieben sein. Der Stoff ist einer 
Novelle von Robert Greene entnommen, welche zuerst 
(1588) unter dem Titel The Triumph of Time und später 
unter dem Titel The Historie of Dorastus and Fawnia (der 
ursprünglich nur ein Nebentitel war) erschien und sich so 
grosser Beliebtheit erfreute, dass sie 14 Auflagen erlebte 
(nach Neil 28). ^ Bei keinem Stücke hat sich Shakespeare 



l) VergL The Fortunate Lovers; or, The History of Dorastus, Prince 
of Sicily, and Fawnia, only Dau^hter and Hcir to the King of Bohemia. 
London 1735. — Dorastus and Fawnia. The Foundation Story of Shakespeare's 
Winter's Tale. Ed. by J. O. Ilalliwell. London 1859 (26 copies privately 
printed). — The Fisherman's Tale of the famous Actes, Life and Love of 
Cassander, a Grecian Knight, founded on the Story used by Shakespeare in 
the Winter's Tale, by F. Sabie (in Verse) 1595. Ed. by J. O. Halliwell, Lon- 
don 1867 (10 cppies). 



390 

so eng an seine novellistische Vorlage angeschlossen, als 
hier und in As You Like It, ein Umstand, der durchaus 
geeignet ist, einer von Sam. Neil (S. 28) aufgestellten Con- 
jectur zur Stütze zu dienen. Wenn wir nämlich annehmen, 
sagt Neil, dass diese beiden Stücke vor der Abfassung von 
Greene's Groatsworth of Wit auf die Bühne gebracht (und 
später umgearbeitet) wurden, so gewinnen wir nicht allein 
eine befriedigende Grundlage fiir das von Greene unserm 
Dichter Schuld gegebene Plagiat {an upstart crow beautified 
with our feathers)y sondern auch eine Aufklärung über die 
Existenzmittel Shakespeare's in den Anfangen seiner Lon- 
doner Laufbahn. Auch die Stelle in Nash's Dido, Queen 
of Carthage DI, 4 (1594 erschienen) gewänne dadurch ihre 
richtige Beleuchtimg: 

Wko would not undergo all kinds of toil, 
To be well stored with such a Winter^ s Tale. 

XXL The Life and Death of Kjng John. Zuerst in 
FA. — Nach Malone und Fleay 1596, Chalmers und Drake 
1598. Bei Meres erwähnt. Ein älteres Drama gleichen 
Inhalts, an welches sich Shakespeare anlehnt, erschien 
ohne Namen des Verfassers 1591. Das Verhältniss zwischen 
beiden Stücken ist zur Genüge besprochen; wegen der ver- 
meintlichen Anspielungen auf den Krieg gegen Spanien 
s. S. 152. 

XXn. The Life and Death of King Richard II. Ed. 
pr. The Tragedie of King Richard the second. As it hath 
beene publikely acted by the right Honourable the Lorde 
Chamberlaine his Seruants. London Printed by Valentine 
Simmes for Androw Wise, and are to be sold at his shop in 
Paules church yard at the signe of the Angel. 1597. 37 Bl. 
— Ohne Shakespeare's Namen. Nur zwei Exemplare sind 
bekannt, eins in Capell's CoUection, das andere in Privat- 
besitz. Bis zur ersten Folio erschienen noch vier Quartos, 
sämmtlich mit dem Namen des Dichters; die Quarto 1608 
hat ^new additions of the Parliament sceane' ; s. S. 2^^. 
Nach Malone 1593, nach Chalmers xmd Drake 1596, nach 



39» 

Fleay 1594. Nach Knight hätte Shakespeare ausser Holin- 
shed noch Samuel Daniers Gedicht The Civil Wars (1595) 
als Quelle benutzt, wogegen Delius mit Recht die Möglich- 
keit betont, dass Shakespeare's Drama vor dem DanieV- 
schen Gedicht erschienen sein könne. 

XXm. King Henry IV, Part i. Ed. pr, The History 
of Henrie the Fovrth; With the batteil at Shrewsburie, 
betweene the King and Lord Henry Percy, sumamed Hen- 
rie Hotspur of the North. With the humorous conceits of 
Sir lohn FalstafFe. At London, Printed by P. S. for An- 
drew Wise, dwelling in Paules Churchyard, at the signe of 
the Angell. 1598. 40 Bl. — Ohne den Namen des Verfassers. 
Exemplare im Britischen Museum, Capell's Collection und 
der Bibliothek des Herzogs von Devonshire. Bis zur Folio 
folgten noch vier Quartos mit dem Namen des Dichters; 
die zweite (1599) bezeichnet sich als ^newly corrected,^ Nach 
Malone, Chalmers, Fleay imd Delius 1597, nach Drake 1596. 
— In einzelnen Scenen lehnt sich Shakespeare an ein älte- 
res, vor 1588 geschriebenes Stück an: The famous Victo- 
ries of Henry the Fifth, containing the honourable Battel 
of Agin Court, ein eben so volksbeliebtes als hölzernes 
Stück, das seit 1598 wiederholt aufgelegt wurde; von der 
ersten Auflage (1598) existirt kein Exemplar mehr, von der 
zweiten (1617, im Britischen Museum und in Capell's Col- 
lection) hat Halliwell 10 photographische Facsimiles her- 
stellen lassen. Auch ist es in Nichols' Six Old Plays abge- 
druckt. 

XXrV. King Henry IV, Part ii. Ed. pr. The Second 
part of Henrie the fourth, continuing to his death, and coro- 
nation of Henrie the fift. With the humours of Sir lohn 
FalstafFe, and swaggering Pistol. As it hath been sundrie 
times publikely acted by the right honourable, the Lord 
Chamberlaine his seruants. Written by William Shake- 
speare. London Printed by V. S. for Andrew Wise, and 
William Aspley, 1600. 43 Bl. — V. S. ist Valentine Sim- 
mes. — Exemplare im Britischen Museum, in der Bodleiana, 



392 

Capeirs Collection und der Bibliothek des Herzogs von 
Devonshire. — Nach Malone 1599, Chalmers 1597, Drake 
1596, Fleay 1598. — Erst im J. 1700 erschien eine zweite 
Quartausgabe mit Aenderungen von Betterton. — Vergl. 
J. Gairdner, The Historical Element in Shakespeare's Fal- 
staiF. In der Fortnightly Review, März 1873. 

XXV. King Hexry V. Ed. pr. The Chronicle History 
of Henry the fift, With his batteil fought at Agin Court in 
France. Togither with Auntient Pistoll. As it hath bene 
sundry times playd by the Right honorable the Lord Cham- 
berlaine his seruants. London Printed by Thomas Creede, 
for Tho. Millington and lohn Busby. And are to be sold 
at his house in Carter Lane, next the Powle head. i6oo. 
27 Bl. — Exemplare im Britischen Museum, in der Bod- 
leiana, Capell's Collection und der Bibliothek des Herzogs 
von Devonshire. Diese wie die folgenden Quartos (1602 
und 1608) scheinen Raubdrucke zu sein, worauf schon die 
Abwesenheit des Namens des Verfassers hindeutet. Der 
Text derselben ist sehr fehlerhaft und unvollständig, wo- 
gegen derjenige der FoUo sorgfaltig durchgesehn und über- 
arbeitet ist; der erstere besteht (nach Delius) aus etwa 1800 
Zeilen, der der Folio dagegen aus etwa 3500. Möglich ist 
es jedoch , dass die Quartos einen ersten Entwurf des Dich- 
ters enthalten, ähnlich wie bei Hamlet und Romeo und 
Julie, und dass das Stück erst nachträglich den gegenwär- 
tigen Umfang erhalten hat. Malone, Drake, Fleay und 
Delius 1599, nach Chalmers 1597. Aus dem Prolog zum 
fünften Akt ergiebt sich, dass das Stück aufgeführt wurde 
(doch nicht nothwendiger Weise zum ersten Male) während 
Graf Essex in Irland war, d. h. zwischen März und Septem- 
ber 1599. Meres erwähnt Heinrich V nicht, was unter die- 
sen Umständen allerdings ins Gewicht fallt. S. Knight, 
Wm Sh. ; a B. 401 fg. 405 fg. Eine Stelle in Nash' Pierce 
Penniless (ed. Collier 60; vergl. VI fg.) führt darauf, dass 
es ausser den Famous Victories of Henry V noch ein zwei- 
tes älteres Stück desselben Inhalts gegeben haben muss. 
*W7iat a glorious thing it isy sagt Nash, ' to have Henry the 



393 

Fifth reprcsented on the stage , leading the Frcnch ktng pri- 
soncr, and farcing both htm and the Dolphin sweare /ealHeJ 
Eine derartige Scene , bemerkt Collier , kommt weder in 
Shakespeare's Stück, noch in den Famous Victories vor, so 
dass nichts übrig bleibt, als die Annahme eines dritten 
Heinrich V. (Vergl. S. 74.) 

XXVI. King Henry VI, Part i — 3. Sämmtliche drei 
Theile erschienen, der erste überhaupt und die beiden 
andern in ihrer gegenwärtigen Gestalt, zuerst in FA. Der 
2. und 3. Theil stimmen nämlich in auffallendster Weise mit 
zwei anonymen Dramen überein, welche bereits 1594 und 
1595 unter folgenden Titeln veröffentlicht wurden: i. The 
First part of the Contention betwixt the two famous Houses 
of Yorke and Lancaster , with the death of the good Duke 
Humphrey : And the banishment and death of the Duke of 
Suffolke, and the Trag^call end of the proud Cardinall of 
Winchester, with the notable Rebellion of lacke Cade: 
And the Duke of Yorkes first claime vnto the Crowne. 
London Printed by Thomas Creed, for Thomas Millington, 
and are to be sold at his shop vnder Saint Peters Church 
in Comwall. 1594. -- 2. The True Tragedie of Richard 
Duke of Yorke , and the death of good King Henrie the 
Sixt, with the whole contention betweene the two Houses 
Lancaster and Yorke, as it was sundrie times acted by the 
Right Honourable the Earle of Pembrooke his seruants. 
Printed at London by P. S. for Thomas Millington, and are 
to be sold at his shoppe vnder Saint Peters Church in 
Cornwal. 1595. Von beiden Ausgaben existirt nur je Ein 
Exemplar und zwar in der Bodleiana; im J. 1600 wurden 
beide Stücke neu aufgelegt und 16 19 erschienen sie ver- 
einigt unter dem Titel: The whole Contention betweene 
the two famous Houses Lancaster and Yorke. With the 
Tragicall ends of the good Duke Humfrey, Richard Duke 
of Yorke, and King Henrie the Sixt. Diuided into two Parts : 
and newly corrected and enlarged. Written by William 
Shakespeare, Gent. Printed at London for T[homas] P[a- 
vier]. N. d. (16 19). 4*°. — Im Britischen Museum imd der 



394 

Bodleiana. — Neu herausgegeben wurden beide Stücke für 
die erste englische Shakespeare - Gesellschaft durch J. O. 
Halliwell unter dem Titel : The First Sketches of the Second 
and Third Parts of King Henry the Sixth. London, 1843. 
Später sind sie auch in der Cambridge Edition wie in der 
Ausgabe von Delius abgedruckt worden. 

Das thatsächliche Verhältniss dieser Stücke zu den in 
FA enthaltenen beiden letzten Theilen Heinrich's VI g^ebt 
AI. Schmidt (Schlegel- Tieck'sche Shakespeare -Uebersetzung 
herausgegeben durch die Deutsche Shakespeare - Gesell- 
schaft in, 7) mit treffenden Worten dahin an, dass dabei 
nicht von einer freien Nachbildung die Rede sei, * welche 
durch neue Grruppirung, Vertiefung der Mo^jve und erhöhten 
Ideen -Gehalt das fremde Werk zum Eigenthum macht.' 
'Vielmehr, fahrt Schmidt fort, ist die ganze Oekonomie und 
Scenirung der Millington'schen Stücke, die ganze Anlage 
und Ausführung der Charaktere dieselbe wie bei Shake- 
speare ; ja auch die grössere Hälfte der Verse stimmt wört- 
lich überein.' Nach Malone's Berechnung enthalten in der 
That die beiden Theile 1 1 7 1 Verse , welche unverändert, 
2373 f welche mit Abweichungen mit den altem Stücken 
übereinstimmen, und nur 1899, ^^^ "^^ hinzugefugt sind.* 
Um diese Uebereinstimmung zu erklären, bieten sich drei 
Möglichkeiten dar, die sämmtlich von namhaften Shake- 
speare-Gelehrten vertreten worden sind, wenngleich die 
erste und die letzte sich diametral entgegengesetzt sind. 
Malone, Collier und Dyce sprechen den 2. und 3. Theil von 
Heinrich VI unserm Dichter ab; Coleridge, Hallam, Halli- 
well und die Cambridge - Herausgeber meinen, er habe die 
älteren Stücke überarbeitet, während die deutschen Kritiker, 
Schlegel, Tieck, Ulrici, Delius und AI. Schmidt, mit einziger 
Ausnahme von Gervinus, die beiden Theile und folglich 
auch die beiden älteren Stücke unbedingt Shakespeare zu- 
»schreiben. Von den englischen Shakespeare - Gelehrten ist 
der letztern Ansicht bis jetzt nur Knight beigetreten. Es 



i) Dissertation on the Thrce Parts of King Henry VI in Malone's 
Shakspeare by Boswell (1821) Vol. XVIII. 



395 

ist hier nicht der Ort, eine neue kritische Untersuchung an- 
zustellen, und zwar um so weniger, als dieselbe doch nur 
bei der namentlich von Ulrici und Schmidt entwickelten 
Theorie stehen bleiben könnte. Die äusseren Beweismittel 
für Shakespeare's Urheberschaft sind an sich schon völlig 
ausreichend, denn wäre er nur der Bearbeiter der älteren 
Stücke gewesen, so würden sicherlich Heminge und Condell 
diese Bearbeitungen nicht unter seine eigenen Werke auf- 
genommen und ihn dadurch zu einem Plagiator ohne Glei- 
chen gestempelt haben. Ein zwar nicht ausdrückliches, aber 
doch nicht misszuverstehendes Zeugniss haben wir überdies 
vom Dichter selbst, der im Epilog zu Heinrich V die Stücke 
mit folgenden Worten als sein Eigenthum in Anspruch 
nimmt : 

Henry the Sixth, in Infant hands crown*d King 
Of France and England , did tkis King succeed; 

Whose State so many had the managing, 

That they lost France and made his England hlced: 

Which oft our stage has shown; and, for their sake. 

In your fair minds let tkis acceptance take. 

Dazu kommt, dass auf der Ausgabe von 1619 Shakespeare 
als der Verfasser genannt ist, und dass Thomas Pavier, 
welcher von Thomas Millington das Verlagsrecht der beiden 
altem Stücke erwarb, dieselben am 19. April 1602 als i. und 
2. Theil Heinrich's VI in die Buchhändler -Register eintragen 
liess — wobei freilich die Echtheit dieses Eintrags voraus- 
gesetzt wird. Die vermittelnden Kritiker, welche Shake- 
speare für den Ueberarbeiter der altem Stücke erklären, 
stützen sich auf die bekannte Beschuldigung Robert Greene's, 
dass sich Shakespeare mit fremden Federn geschmückt habe 
(s. S. 164), welche sie auf den vorliegenden Fall gemünzt 
glauben und dem entsprechend Grreene für den Verfasser 
der altem Stücke halten möchten. Dagegen spricht, von 
stylistischen Gründen abgesehen, zweierlei. Hätte sich das 
wirklich so verhalten, so könnte Chettle unmöglich so rück- 
haltlos widerrufen haben, sondern hätte seinen verstorbenen 
Freund in Schutz nehmen und seiner Anklage beitreten 
müssen, und Nash, der schwerlich sehr freimdlich gegen 



39^ 

Shakespeare gesinnt war, würde Greene's Flugschrift nicht 
a scaldy trivial ^ lying Pamphlet genannt haben. Zweitens 
aber wäre Greene's Ausfall völlig ohne Stachel gewesen, 
wenn der von ihm parodirte und schon in der True Tragedy 
(The First Sketches &c. 132) vorkommende Vers: 

O! Tiger s hcart , wrapt in a womarCs hide 

nicht von Shakespeare, sondern von ihm selbst herrührte. 
Dass Marlowe, welchem Malone und Dyce die beiden altern 
Stücke zuschreiben , nicht ihr Verfasser sein kann , ist 
deutscher Seits aus inneren Gründen fast zur Zweifellosigkeit 
erhoben worden. Nicht unbemerkt bleiben darf aber auch hier 
die Unsicherheit des innern Beweises und des Stylgefuhls. 
Die Shakespeare - Gelehrten gehen hier so weit auseinander, 
dass der eine für echt Shakespearisch erklärt, was der 
andere als Shakespeare 's durchaus unwürdig und als nim- 
mermehr aus seiner Feder geflossen bezeichnet; dass der 
eine in den fraglichen Stücken mit Entschiedenheit Producte 
Marlowe's zu erkennen glaubt, die der andere Niemandem 
w(?niger als Marlowe zutraut. Es zeigt sich also auch hier 
wieder die grössere Sicherheit, die den äussern Beweismit- 
teln innewohnt. Der Wahrheit am nächsten sc'heint nach 
den bisherigen Untersuchungen folgendes zu kommen. Die 
beiden altern Stücke rühren von Niemand anders als von 
Shakespeare selbst her, enthalten aber vielfache Entstellun- 
gen und Verstümmelungen, da sie offenbar in stenographisch 
zusammengestoppelten Raubausgaben vorliegen, deren Un- 
zuverlässigkeit bereits auf S. 320 durch die Aeusserungen 
von Heywood u. A. in genügend helles Licht gesetzt ist. 
Es sind Jugendwerke Shakespeare's, vermuthlich seine ersten 
Versuche auf dem Felde der Historien, und Ulrici hat mit 
Recht auf den Irrthum hingewiesen, in welchem diejenigen 
Kritiker befangen sind, die in den Jugendwerken des Dich- 
ters dieselben glänzenden Merkmale zu finden erwarten, 
durch welche sich seine Meisterwerke auszeichnen, und die 
alles das als un - shakespearisch verwerfen, was nicht dem 
von den Meisterwerken abgezogenen Massstabe entspricht. 
Es ist schwerlich zu bezweifeln, dass Shakespeare den ersten 



397 

Theil später geschrieben hat als den zweiten und dritten; 
die beiden letzteren sind — nach Ulrici — um 1589^—1590 
auf die Bühne gekommen, und der erste ist ihnen 1591 ge- 
folgt. Dass dies die spätesten Daten sind, ergiebt sich aus 
der Anspielung in Greene's Groatsworth of Wit , die spä- 
testens in der ersten Hälfte des Jahres 1592 geschrieben 
sein muss, und aus der oben auf S. 74 erwähnten Stelle 
aus dem gleichfalls 1592 erschienenen Pierce Penniless, 
w^onach der tapfere Talbot nach zweihundertjähriger Ruhe 
neue Triumphe auf der Bühne feiert; diese Stelle lässt sich 
nämlich nur auf den zweiten Theil Heinrich's VI beziehen, 
wenigstens ist kein anderes Stück bekannt, dem sie gelten 
könnte. — Wie sich die jüngste Shakespeare -Kritik zu 
diesem Drama stellt, ist aus F. G. Fleay's Aufsatz: Who 
wrote Henry VI? in Macmillan's Magazine Nov. 1875 zu 
ersehen. 

XXVn. The Tragedy of K. Richard III. Ed. pr. The 
Tragedy of King Richard the third. Containing, His trea- 
cherous Plots against his brother Clarence : the pittiefull 
murther of his innocent nephewes : his tyrannicall vsurpation : 
wdth the whole course of his detested life, and mo$t deser- 
ued death. As it hath beene lately Acted by the Right 
honourable the Lord Chamberlaine his seruants. At London, 
Printed by Valentine Sims, for Andrew Wise, dwelling in 
Paules Church-yard, at the signe of the Angell. 1597. 
47 Bl. — Exemplare in der Bodleiana und in Capell's Col- 
lection. — Der Name des Dichters wurde erst im nächsten 
Jahre auf der zweiten Quarto (gleicher Verlag, doch anderer 
Drucker) hinzugefugt. Die folgenden Quartos (bis zur Folio 
erschienen überhaupt sieben) sind falschlich als ^ ncwly aug- 
mcnfe(r bezeichnet, während eine Aenderung und Vermeh- 
rung des Textes erst in FA eintritt. * Malone hielt den 
Quarto -Text für den bessern, Steevens und neuerdings 
Delius erklären sich zu Gunsten der Folio; vergl. Delius, 
lieber den ursprünglichen Text des King Richard III im 
Shakespeare - Jahrbuche VII, 124 — 169. — Nach Malone 1593, 
nach Chalmers 1596, nach Drake und Fleay 1595; Delius 



398 

ivSt geneigt Malone beizustimmen und will das Stuck 'schwer- 
lich \'lel später' angesetzt wissen; es wird bekanntlich von 
Meres erwähnt. — Der Stoff ist schon vor Shakespeare 
mehrfach dramatisch behandelt worden; bereits im J. 1579 
wurde im St. John's College zu Cambridge ein lateinischer 
Richardus Tertius von Dr. Legge mit Beifall aufgeführt, und 
ein englisches Trauerspiel gleichen Inhalts von einem imbe- 
kannten Verfasser erschien 1 594 unter dem Titel : The True 
Tragedie of Richard the third: Wherein is showne the 
death of Edward the fourth, with the smothering of the two 
yoong Princes in the Tower: With a lamentable ende of 
Shore's wife, an example for all wicked women. And lastly, 
the coniunction and ioyning of the two noble Houses, Lan- 
caster and Yorke. As it was playd by the Queene's 
Maiesties Players. London, Printed by Thomas Creede, 
and are to be sold by William Barley &c. 1594.^ — Dass 
Shakespeare dies Drama nicht benutzt, sondern sich nur an 
Hall und Holinshed gehalten hat, spricht fiir die frühere 
oder doch gleichzeitige Entstehung des seinigen. Uebrigens 
wurde selbst Shakespeare's Stück nicht als endgültiger dra- 
matischer Abschluss dieses Stoffes angesehen, vielmehr 
erhielt B. Jonson im J. 1602, also noch bei Shakespeare's 
Lebzeiten, von Henslowe einen Vorschuss von 10 Pfd. für 
ein Drama Richard Crookback, das er schreiben sollte und 
wollte, um seinem Freunde Concurrenz zu machen. — Vergl. 
Oechelhäuser, Essay über Richard III im Shakespeare -Jahr- 
buch in, 27 — 149. 

XXVm. King Henry VIU. Zuerst in FA erschienen. — 
Nach Malone und Chalmers 1603, Drake 1602, nach Fleay 
*und Delius 161 3 geschrieben. Collier und Halliwell -^The 
Shakespeare Society 's Papers 11, 151 fgg.) setzen Hein- 
rich VIII in das Jahr 1604. Aller Wahrscheinlickeit nach 
im Winter 1 602 — 3 entstanden und 1 6 1 2 — 1 6 1 3 überarbeitet ; 



i) Diese True Tragedie of Richard the Third ist zusammen mit Dr. Legge's 
Richardus Tertius von Barron Field für die Englisch« Shakespeare -Gesell- 
schaft herausgegeben worden (1844). 



399 

s. die Abhandlung *Zu Heinrich Viii' im Shakespeare -Jahr- 
buch IX, 55 — 86. James Spedding", Shakspere's Share in 
Henry YJH distingnisht from Fletcher's in den Transactions 
of the New Shakspere Society (1874) I, i fgg. Aus Brie- 
fen Thom. Lorkin's und Sir Henry Wotton's ist bekannt, 
dass am 29. Juni 16 13 bei einer Vorstellung dieses Stückes 
das Globus - Theater abbrannte. 

XXIX. Troilus and Cressida. -Ed. pr. The Famous 
Historie of Troylus and Cresseid. Excellently expressing the 
beginning of their loues, with the conceited wooing of Pan- 
darus Prince of Licia. Written by William Shakespeare. 
London Imprinted by G. Eid fon R. Bonian and H. Walley, 
and are to be sold at the spred Eagle in Paules Church- 
yeard, ouer against the great North doore. 1609. 46 Bl. — 
Exemplare im British Museum, der Bodleiana, CapeU's 
Collection imd in der Bibliothek des Herzogs von Devon- 
shire. Eine neue Titelauflage dieser Quarto erschien im 
gleichen Verlage noch in dem nämlichen Jahre; wahrschein- 
lich war nämlich die erste Auflage vor der Auffuhrung des 
Stückes im Globus veröffentlicht, und der neue Titel wurde 
nur gedruckt, um diese Thatsache darauf anzubringen. Die 
Inhaltsangabe auf dem Titel wie die aufklärende Vorrede 
konnte dagegen wegbleiben, da das Stück selbst dem Publi- 
kum nunmehr hinlänglich bekannt und geläufig war. Der 
Text der zweiten Auflage unterscheidet sich von dem der 
ersten nur durch ein paar Buchstabenverbesserungen, welche 
offenbar während des Druckes gemacht wurden. Der Titel 
der zweiten Auflage lautet : The Historie of Troylus and 
Cresseida. As it was acted by the Kings Maiesties ser- 
uants at the Globe. Written by William Shakespeare. 
London Irfiprinted by G. Eid for R. Bonian and H. Walley, 
and are to be sold at the spred Eagle in Paules Church- 
yeard, ouer against the great North doore. 1609. 45 Bl. — 
In die Buchhändler -Register wurde das Stück am 28. Jan. 
1 608 — 1 609 unter der Bezeichnung The History of Troylus 
and Cressula eingetragen. Nach Malone und Fleay ist es 
1602, nach Chalmers 1610, nach Drake 1606 geschrieben; 




400 

Dryden dagegen rechnet es in der Vorrede zu seiner 
Umarbeitung des Stückes zu Shakespeare's jugendlichen 
Stücken: ^Shakespeare, sagt er, in the apprenticeship of 
his writingy 7nodelled it into that play which is noiv called 
by the name of Troilus and CressidaJ' — Das Stück hat 
namentlich in neuester Zeit Anlass zu vielfachen Untersu- 
chungen und Erläuterungen gegeben. Schon Shakespeare's 
Zeitgenossen scheinen zweifelhaft gewesen zu sein, zu wel- 
cher Klasse seiner Dramen sie es rechnen sollten; in der 
Vorrede zu QA wird es zu den Komödien gezählt und den 
besten von Terenz oder Plautus an die Seite gestellt; in 

* 

dem Register der Buchhändler - Gilde und auf dem Titel der 
Quartos heisst es eine Historie und in der Folio wird es 
eine Tragödie genannt. Die Stellung, die es in der Folio 
zwischen den Historien und den Tragödien und ohne Pagi- 
ninmg einnimmt, ist überhaupt eigenthümlich und hat ver- 
schiedene Erklärungsversuche hervorgerufen.' Die Frage, 
zu welcher Kategorie der Shakespeare'schen Stücke Troilus 
und Cressida gehört, ist keineswegs eine bloss äusserliche, 
sondern steht im engsten Zusammenhang^e mit der Frage, 
ob wir dasselbe als eine Parodie antiker Geschichte und 
Weltanschauung, oder vielmehr als ein aus den mittelalter- 
lichen Ausläufern der griechischen Sagengeschichte hervor- 
gegangenes 'durch antike Anschauungen interpolirtes roman- 
tisches Gemälde' anzusehen haben, welche letztere Auifas- 
sung Hertzberg mit eben so viel Scharfsinn als gründlicher 
Gelehrsamkeit zum höchsten Grade der Wahrscheinlichkeit 
erhoben hat, s. Die Quellen der Troilus - Sage in ihrem Ver- 
hältniss zu Shakespeare^s Troilus und Cressida im Shake- 
speare-Jahrbuch VI, 169 — 225; vergl. die Schlegel-Tiecksche 
Uebersetzung herausgegeben von der Deutschen Shake- 
speare-Gesellschaft XI, 167 fgg. — Vergl. Eitner, Die 
Troilus -Fabel in ihrer literatur- geschichtlichen Entwicklung 
und die Bedeutung des letzten Akts von Shakespeare's 



i) Drnkc 470 schliesst aus dem Mangel der Paginining, dass das Stück 
beim Druck vergessen und erst, nachdem das ganze Buch gedruckl war, 
nachträglich hinzugefügt wurde. 



40I 

Troilus und Cressida im Verhältniss zum gesammten Stücke 
im Shakespeare -Jahrbuch III, 252 — 300. Ulrici, Ist Troilus 
und Cressida Comedy oder Tragedy oder History? im 
Shakespeare - Jahrbuch IX, 26 — 40. 

XXX. CoRioLANUs. Zuerst in FA. Nach Malone 1610, 
nach Chalmers und Drake 1609, nach Fleay 1606, nach 
Delius der letzten, etwa 1608 beginnenden Periode angehö- 
rig. Dieses Trauerspiel hat nach keiner Richtung hin viel 
Stoff zu kritischen Untersuchungen und Streitfragen darge- 
boten. Knight, Wm Sh. ; a. B. 523 glaubt, dass Coriolanus 
seiner Länge wegen bei Shakespeare's Lebzeiten nicht auf- 
geführt worden sei. Als ob der Hamlet nicht (nach der 
einen Zählung) nock einige hundert Zeilen mehr enthielte ! 

XXXI. TiTus Andronicus. Ed. pr. The most lamentable 
Romaine Tragedie of Titus Andronicus. As it hath sundry 
times beene playde by the Right Honourable the Earle of 
Pembrooke, the Earle of Darbie, the Earle of Sussex, and 
the Lorde Chamberlaine theyr Seruants. At London, Prin- 
ted by I. R. for Edward White, and are to bee solde at 
his shoppe, little North doore of Paules, at the signe 
of the Gun. 1600. 40 Bl. — I. R. ist James Roberts. — 
In die Register der Buchhändler - Gilde wurde Titus An- 
dronicus bereits am 6. Febr. 1593 eingetragen unter dem 
Titel *A booke entitled **A noble Roman historie of Titus 
Andronicus"' und Langbaine (Account of English Dramatic 
Poets, 1691) berichtet, dass die erste Quarto des Stücken 
im J. 1594 erschienen sei, doch ist kein Exemplar dieser 
Ausgabe bekannt. — Die englischen Kritiker sprechen fast 
sämmtlich dieses Stück aus ästhetischen Gründen dem Dich- 
ter ab , lassen sich jedoch nicht auf Beweise ihrer — wie 
sie glauben — selbstverständlichen Behauptungen ein. ^ Der- 
artige Gefühlsäusserungen vermögen daher die äusseren 



i) Einen verunglückten Anlauf zu einem Beweise hat F. G. Fleay in den 
Transactions der New Shakspere Society I, 98 fgg. genommen, indem er eine 
Liste von Wörtern zusammengestellt hat, welche nur im Titus Andronicus 
Elze, Shakespeare. 26 



402 

Zeugnisse (die Erwähnung durch Meres und die Aufnahme 
in die erste Folio) nicht im mindesten zu erschüttern, wie 
von den deutschen Kritikern in überzeugender Weise dar- 
gethan ist, vomämlich von Hertzberg in der von der 
Deutschen Shakespeare -Gesellschaft herausgegebenen Schle- 
gel -Tieck'schen Uebersetzung IX, 289 —304. Wir schliessen 
uns seiner scharfsinnigen und gründlichen Argumentation 
(wie der damit übereinstimmenden Darstellung Ulrici's) 
rückhaltslos an, namentlich auch bezüglich der Abfassungs- 
zeit des Stückes (1587 oder 1588) und des Alters der in 
Percy's Reliques befindlichen Ballade (The Lamentable and 
Tragical History of Titus Andronicus), die jedenfalls dem 
Drama gefolgt ist. Für diese Zeitbestimmung des Stückes 
sprechen nicht nur die gewichtigsten innem Merkmale, son- 
dern auch das nicht zu unterschätzende Zeugniss in der Ein- 
leitung zu B. Jonson's Bartholomew Fair, das die Engländer 
ohne jeden Grund auf ein nicht Shakespeare'sches Stück 
beziehen, und zwar so entschieden, dass Ingleby die Stelle 
gar nicht in Shakespeare's Centurie of Prayse aufgenom- 
men hat. Sie lautet: ^He that will swear, Jeronimo or 
Andronicus are the best plays yet , shaü pass unexceptcd at 
here, as a man whose judgment shows it is constafit ^ and 
Iiath stood still these five-and-twenty or thirty years' 

XXXn. Romeo and Juliet. Ed. pr. An excellent con- 
ceited Tragedie of Romeo and luliet. As it hath been 
often (with great applause) plaid publiquely by the right 



und in keinem unbezwcifelten Stücke Shakespeare's vorkommen. Dies Argu- 
ment ist jedoch schlagend von Mr Richard Simpson (Transactions &c. I, 114 fg.) 
widerlegt worden, welcher die «/r«| kiyou^vu eines jeden Stückes tabellarisch 
zusammengestellt und berechnet hat. Danach nimmt Titus Andronicus (zu- 
sammen mit Mass für Mass , König Johann und Richard II) nur die fünf- 
undzwanzigste und Heinrich V die erste Stelle ein; d. h. Heinrich V enthält 
verhältnissmässig (nach Massgabe seines Umfanges) die grösste Anzahl antt^ 
ktyofjih'n, nämlich 549, d. h. eines auf je 6 Zeilen, während Titus Andronicus 
nur 196, d. h. eins auf je 13 Zeilen aufzuweisen hat. Mr Simpson weist 
dadurch nach, dass die änu^ Xfyofi^vtt durchaus kein Kriterium für die Echt- 
heit oder Unechtheit eines Shakespeare*schen Stückes sind. 



403 

Honourable the L. of Hunsdon his Seruants. London Prin- 
ted by lohn Danter, 1597. 39 Bl. — Exemplare im Bri- 
tischen Museum, der Bodleiana und in Capell's CoUeötion. 
Dies ist wahrscheinlich eine entstellte Raubausgabe einer 
früheren Bearbeitung. Die endgültige letzte Redaction ist 
in der folgenden Quarto enthalten, mit der die späteren 
Quartos und die Folios übereinstimmen. Der Titel dieser 
QB lautet: The most excellent and lamentable Tragedie of 
Romeo and luliet. Newly corrected, augmented, and amen- 
ded: As it hath bene sundry times publiquely acted, by the 
right Honourable the Lord Chamberlaine his Seruants. Lon- 
don Printed by Thomas Creede, for Cuthbert Burby, and 
are to be sold at his shop neare the Exchange. 1599. 46 Bl. — 
Exemplare im Britischen Museum, in der Bodleiana und in 
Capeirs Collection^ — Nach Malone 1596, nach Chalmers 1592, 
Drake und Fleay 1593, nach Delius um 1591. — Die von 
Shakespeare benutzten Quellen sind hinlänglich besprochen, 
sie scheinen bei wenig Stücken so reichlich geflossen zu 
sein als bei diesem. Dass es schon um 1560 ein englisches 
Stück gleichen Inhalts gab, gilt als ausgemacht. Bekannt 
ist die Dichtung von Arthur Brooke. Auf ein älteres italieni- 
sches Gedicht (Llnfelice Amore dei due Fedelissime Amanti 
Giulia e Romeo, scritto in Ottava Rima da Clitia, nobile 
Veronese, ad Ardeo suo. Venegia, 1553) wird in The Shake- 
speare Society's Papers IV, 6 — 16 hingewiesen. Das Ge- 
dicht besteht aus 4 Cantos und stimmt in allen Hauptsachen 
— bis auf Giulia's Todesart — mit Shakespeare überein, 
so dass man glauben muss, Shakespeare habe es gekannt. 
Auch die spanische Bühne hatte sich schon vor Shakespeare 
des Gegenstandes bemächtigt. Vergl. Castelvines y Mon- 
teses. Tragi - Comedia. By Frey Lope Felix de Vega Carpio. 
Translated by F. W. Cosens. London, 1^69. Los Bandos 
de Verona. Monteses y Capeletes. By Francisco de Rojas 
y Zorrilla. Englished by F. W. Cosens. London, 1874. — 
Vergl. Shakespeare^s Romeo und Julia. Eine kritische Aus- 
gabe des überlieferten Doppeltextes mit vollständiger Varia 
Lectio bis auf Rowe, nebst einer Einleitung über den Werth 
der Textquellen und den Versbau Shakespeare's, von Tycho 

26* 



404 

Mommsen. Oldenburg, 1859. — K. P. Schulze, Die Ent- 
wickelung der Sage von Romeo und Julia im Shakespeare - 
Jahrbuch XI, 140 — 225. 

XXXin. TiMON OF Athens. Zuerst in FA. — Nach 
Malone und Chalmers 16 10, Drake 1602, Fleay 1606, Delius 
um 1608. — Es ist keine Frage, dass dieses Stück in ver- 
derbter Gestalt auf uns gekommen ist; so wie es vorliegt, 
kann es unmöglich aus des Dichters Händen hervorgegangen 
sein. Die Erklärung dieser Verderbniss hat den I\ritikern 
viel Kopfzerbrechen verursacht, ohne dass sie über ein all- 
gemein giiltiges Ergebniss einig geworden wären. Von den 
meisten (zuerst von Knight) werden zwei verschiedene Hände 
in dem Stücke angenommen, und Fleay hat den von ihm für 
echt d. h. für Shakespearisch erklärten Theil mit solcher 
Sicherheit ausgeschieden , dass er ihn als Ganzes in den 
Transactions (I, 153 fgg.) der Neuen Shakspere - Gesellschaft 
herausgegeben hat.^ Es gab wahrscheinlich einen altem 
Timon, der, wie Delius sehr glaublich gemacht hat, von 
George Wilkins herrührte und den Shakespeare stellenweise 
überarbeitete. Im Gegensatz zu dieser Hypothese führt 
Tschischwitz aus, dass Shakespeare der ursprüngliche Ver- 
fasser war, und dass sein Stück später von einem andern 
Bühnendichter für die Aufführung zurechtgestutzt woirde. 
Ulrici nimmt eine spätere Ueberarbeitung durch den Dichter 
selbst an (mit Ausschluss einer zweiten Hand) und folgert 
aus den Signaturen und der Paginirung der Folio, dass das 
Manuscript beim Druck nicht bereit war, sondern von den 
Schauspielern aus den Rollenabschriften hastig zusammen- 
gestellt ^vurde. Es scheint nicht unglaublich, dass bei dieser 
Zusammenstellung , absichtlich oder unabsichtlich , einzelne 
Partien aus dem altern Timon mit in das Stück geriethen.* 



1) The Life of Tymon of Athens, as written by "W. Shakspere. Edited 
by F. G. Fleay, from the Folio of 1623. (The usual insertions by another 
band in the Play being left out). 

2) Delius, Ueber Shakespcare*s Timon of Athens im Shakespeare -Jahr- 
buche n, 335 — 361. — Tschischwitz, Timon von Athen. Ein kritischer Ver- 



405 — 

XXXIV. Julius C\esar. Zuerst in FA. — Nach Malone, 
Chalmers, Drake und Fleay 1607, was offenbar zu spät ist, 
nach Delius vor December 1604. Der weniger gedrungene 
Styl, der regelmässigere Versbau und die einfachere Behand- 
lung dfs Stoffes beweisen, wie Delius in seiner Einleitung 
zu Julius Cäsar mit allem Recht hervorhebt, dass wir dies 
Stück früher als die beiden andern Romerdramen anzusetzen 
haben. Der einzige äussere Anhaltpunkt für die Zeitbe- 
stimmung ist eine Stelle in Drayton's The Barons* Wars, 
welche# wie es scheint, geflissentlich an die letzten Worte 
des Antonius über Brutus (V, 5) erinnert, und zwar noch 
auffalliger in der Ausgabe von 161 9 als in der von 1603. 
Ueber das Verhältniss des Shakespeareschen Dramas zu 
Lord Stirling's gleichnamigem Stücke (1604) lassen sich nur 
Vermuthungen bilden, und die Angaben in Henslowe's Diary 
über ein anscheinendes Concurrenzstück im J. 1602 sind wie 
immer mit grosster Vorsicht aufzunehmen. Dass ein solcher 
Stoff mehrfach dramatisch behandelt wurde, konnte natürlich 
nicht ausbleiben. 

XXXV. Macbeth. Zuerst in FA. — Nach Malone, 
Chalmers und Drake 1606, nach Fleay 1603, nach Delius 
zwischen 1603 und 1610. — Dass dies Trauerspiel nach der 
Thronbesteigung Jakob's geschrieben wurde, ergiebt sich 
daraus, dass Macbeth unt^r Banquo's Nachkommen auch 
solche erwähnt, that twofold balls and treble sceptres carry ; 
dass es im J. 1610 vorhanden war, beweist die ausführliche 
Schilderung einer Auffuhrung desselben in dem (von Collier 
entdeckten und desshalb mit Vorsicht zu gebrauchenden) 
Tagebuche Dr. Simon Forman's. Die inneren Gründe 
stimmen damit insofern überein, als sie das Stück der letzten 
Periode Shakespeare's zuweisen, — JJnter den mannich- 
fachen deutschen Bühnenbearbeitungen des Macbeth steht 
noch immer die Schillersche, die lange die Alleinherrschaft 
behauptet hat, obenan. S. R. Gericke, Zu einer neuen 



such im Shakespeare -Jahrbuch IV, 160 — 197. — Schlegel - Tiecksche Ueber- 
setzung herausgeg. von der deutschen Shakespeare - Gesellschaft X, 315 fgg. 



4^6 

Bühnenbearbeitung des Macbeth, im Shakespeare- Jahrbuche 
VI, 19 — 82. 

XXXVI. Haäilet, Prince of DENj^tARK. Ed. pr. The 
Tragicall Historie of Hamlet Prince of Denmarke. By Wil- 
liam Shake-speare. As it hath beene diuerse times acted 
by his Highnesse seruants in the Cittie of London: as also 
in the two Vniuersities of Cambridge and Oxford, and else- 
where. At London printed for N. L. and lohn Trundell. 

1603. ^^ Bl. — N. L. bedeutet Nicholas Ling. — Nur zwei 
Exemplare sind bekannt: dem ersten, 1825 aufgefunci^n und 
für 250 Pfd. vom Herzoge von Devonshire gekauft , fehlt das 
letzte Blatt; dem zweiten, das im J. 1856 in Dublin zum 
Vorschein gekommen ist und sich jetzt im Britischen Mu- 
seum befindet, fehlt der Titel. Diese QA ist eine sog. 
Raubausgabe und enthält unstreitig nicht sowohl einen ver- 
stümmelten Text, als eine frühere, zur Zeit ihres Erschei- 
nens bereits verworfene Redaction; die endgültige Redaction 
ist in der zweiten, ein Jahr später erschienenen Quarto über- 
liefert, deren Titel folgendermassen lautet: The Tragicall 
Historie of Hamlet, Prince of Denmarke. By William Shake- 
speare. Newly imprinted and enlarged to almost as much 
againe as it was, according to the true and perfect Coppie. 
At London, Printed by I. R. for N. L. and are to be sold 
at his shoppe vnder Saint Dunstons Church in Fleetstreet. 

1604. 51 Bl. — Nur drei Exemplare sind bekannt, die sich 
im Besitze des Herzogs von Devonshire, des Lord Howe 
und des Mr Henry Huth befinden. Von QA giebt es einen 
englischen (London, 1825) und einen deutschen (Leipzig, 
1825) Abdruck; von den photo-lithographirten Nachbildun- 
gen von QB ist bereits die Rede gewesen. Einen lehr- 
reichen Neudruck beider Qs auf gegenüberstehenden Seiten 
hat S. Timmins heraAisgegeben (Hamlet, 1603, and Hamlet, 
1604; being exact Reprints of the First and Second Editions 
from the Originals in the Possession of the Duke of Devon- 
shire &c. London, 1859). Ausser diesen beiden sind bis zu 
FA nur noch zwei andere Qs (1605 ^^^ 161 1) mit Sicherheit 
nachweisbar, und selbst hinsichtlich der Quarto 1605 hat 
Halliwell insofern Zweifel angeregt, als er sie für identisch 



— - 407 

mit QB und nur für eine neue Titelauflage von dieser er- 
klärt. — Nach Malone 1600,. nach Chalmers 1598, nach 
Drake die erste Redaction 1597 und die zweite 1600, nach 
Fleay 1604, Delius i6cx3 — 1602. — Viele Kritiker nehmen 
die Existenz eines vor-Shakespeare'schen Hamlet von einem 
unbekannten Verfasser an (dass es Kyd gewesen sei, ist 
nichts als Muthmassung), während nach andern dieser ältere 
Hamlet nichts als Shakespeare's eigene Jugendarbeit und 
eine frühere Redaction des Stückes ist. Diese Frage so 
wie die Zeitbestimmung, die Quellen, das Verhältniss der 
Folio zu den Qs und dieser zu einander und vor allem die 
Frage nach Absicht und Bedeutung des Stückes sind in 
England und Deutschland der Gegenstand noch nicht er- 
schöpfter und in der That unerschöpflicher Untersuchungen 
geworden. Von allen Dramen Shakespeare's hat keines in 
dem Masse eine selbständige Literatur erzeugt wie der 
Hamlet, so dass es an dieser Stelle unmöglich ist, auch 
nur die hervorragendsten Ausgaben, Erläuterungen und Kri- 
tiken aufzuführen. 

XXXVn. King Lear. Edd. prr. M. William Shak- 
speare: His True Chronicle Historie of the life and death 
of King Lear and his three Daughters. With the vnfortu- 
nate life of Edgar, sonne and heire to the Earle of Gloster, 
and his suUen and assumed humor of Tom of Bedlam. As 
it was played before the Kings Maiestie at Whitehall vpon 
S. Stephens night in Christmas HoUidayes. By his Maies- 
ties seruants playing vsually at the Gloabe on the Bancke- 
side, London Printed for Nathaniel Butter, and are to be 
sold at his shop in Paul's Church-yard at the signe of the 
Pide Bull neere St. Austin's gate. 1608. 41 Bl. — M. Wil- 
liam Shake -speare, His True Chronicle History of the life 
and death of King Lear, and his three Daughters. With 
the vnfortunate life of Edgar, sonne and heire to the Earle 
of Glocester, and his sullen and assumed humour of Tom 
of Bedlam. As it was plaid before the Kings Maiesty at 
White -Hall, vppon S. Stephens night, in Christmas HoUi- 
daies. By his Maiesties Seruants, playing vsually at the 



4o8 — 

Globe on the Bancke-side. Printed for Nathaniel Butter. 
1608. 44 Bl. — Exemplare beider Qs befinden sich im Bri- 
tischen Museum, in der Bodleiana, CapelFs CoUection und 
der Bibliothek des Herzogs von Devonshire. Nach Stee- 
vens gäbe es noch eine dritte Quarto von demselben Jahre, 
welche ein Abdruck der ersten wäre. Was es mit diesen 
drei gleichzeitigen Ausgaben in demselben Verlage für eine 
Bewandtniss hat, ist noch nicht aufgeklärt. Die Eintragung 
des Stücks in die Buchhändler - Register geschah von Butter 
und Busby gemeinschaftlich am 26. November 1607. Bis 
zum J. 1655 ist dann keine Quartausgabe wieder erschienen. 

— Nach Malone, Chalmers und Fleay 1605, nach Drake 
1604, nach Delius 1604 — 1605. — Ein älteres Drama: The 
True Chronicle History of King Leir and his three Daugh- 
ters, Gonorill, Ragan and Cordelia, das i5g4 in die Buch- 
händler-Register eingetragen wurde und 1605 erschien, ist 
von Steevens in den Twenty Plays und von Nichols in den 
Six Old Plays wieder abgedruckt worden. Shakespeare 
hat es nur unbedeutend benutzt; seine Hauptquellen waren 
Holinshed, Harsnet's Declaration of Egregious Popish Im- 
postures (1603) und Sidney's Arcadia (für die Geschichte 
Gloster's und seiner Söhne). Uebrigens findet sich die Ge- 
schichte auch in Spenser's Faerie Queene (11, 10) und in 
Iliggins' Mirror for Magistrates, doch hat Shakespeare von 
beiden schwerlich etwas entlehnt. Die Ballade von König 
Leir in Percy's Reliques ist jedenfalls nach-shakespearisch. 

— Vergl. Delius, Ueber den ursprünglichen Text des King 
I-ear im Shakespeare -Jahrbuch X, 50 fgg. Bei der ästhe- 
tischen Würdigung des Stückes ist die kleine aber inhalt- 
reiche Schrift: König Lear. Eine psychiatrische Shake- 
speare-Studie von Dr. Carl Stark (Suttgart, 1871) nicht zu 
übersehen. 

XXX Vm. Othello, the Moor of Venice. Ed. pr. The 
Tragoedy of Othello, The Moore of Venice. As it hath 
beene diuerse times acted at the Globe, and at the Black - 
Friers, by his Maiesties Seruants. Written by William 
Shakespeare. London, Printed by N. O. for Thomas Walk- 



409 



ley, and are to be sold at his shop, at the Eagle and Child, 
in Brittans Bursse. 1622. 48 Bl. — Der Drucker N. O. 
scheint unbekannt. — Exemplare im Britischen Museum, 
der Bodleiana und in CapelVs Collection. In die Buch- 
händler-Register eingetragen 6. Oktober 1621. — Nach 
Malone 1604, Chalmers 161 3, Drake 1612, Fleay 1605. — 
Der Stoff stammt aus Giraldi Cinthio's Hecatommithi, die 
1584 ins Französische übersetzt wurden. Da man keine 
englische Uebersetzung kennt, so muss der Dichter ent- 
weder das italienische Original oder die franzosische Ueber- 
setzung benutzt haben. — Ueber die Aufführungen des 
Othello in den Jahren 1602 und 16 10 s. oben S. 284 fg. 

XXXIX. Antony and Cleopatra. Zuerst in FA. — 
Nach Malone, Chalmers, Drake und Fleay 1608 — eine 
seltene Uebereinstimmung ! Delius entscheidet sich mit 
Recht für kein bestimmtes Jahr. *A book called Anthony 
and Cleopatra' wurde am 20. Mai i6o8 in die Register der 
Buchhändler - Gilde eingetragen. Es gehört zu den von 
Dryden umgearbeiteten Stücken. Auf den beträchtlichen 
Umfang dieser Tragödie gestützt glaubt Knight, Wm Sh.; 
a B. 523, dass dieselbe wie auch Coriolanus bei Shake- 
speare's Lebzeiten nicht aufgeführt worden sei; zu einer 
solchen Annahme reicht jedoch der angegebene Grund in 
keiner Weise aus. 

XL. Cymbeline. Zuerst in FA. — Nach Malone i6og, 
Chalmers 1606, Drake 1605, Fleay vermuthlich 1604, Delius 
nicht lange vor 1610 — 11; Delius stützt sich dabei auf 
Dr. Simon Forman's Tagebuch 16 10 und i6n , in welchem 
eine Aufführung des Stückes geschildert wird. — Als Quelle 
hat dem Dichter theils Holinshed, theils Boccaccio (Gior- 
nata IL, Novella 9) gedient. 

XLI. Pericles. Ed. pr. The late, And much admired 
Play, called Pericles, Prince oftTyre. With the true Rela- 
tion of the whole Historie, aduentures, and fortunes of the 
Said Prince : As also , The no lesse stränge , , and worthy 
accidents, in the Birth and Life, of his Daughter Mariana. 






r 



- 4IO 

As it hath been diuers and sundry times acted by his Maies- 
ties Seruants, at the Globe on the Banck-side. ^ By Wil- 
liam Shakespeare. Imprinted at London for Henry Gosson, 
and are to be sold at the signe of the Sunne in Pater- 
noster row, &c. 1609. 35 Bl. * — Exemplare im Britischen 
Museum, der Bodleiana und Capell's Collection. — Das 
Stück wurde durch Edward Blount am 20. Mai 1608 in die 
Buchhändler -Register eingetragen; wie das Verlagsrecht 
an Gosson kam, ist unbekannt. Möglicher Weise hing 
dieser Wechsel mit dem Umstände zusammen, dass noch 
ehe Gosson's Ausgabe erschien Nathaniel Butter das Ver- 
lagsrecht einer auf das Stück gegründeten Novelle von 
George Wilkins erwarb und dieselbe in der That vor dem 
Drama herausgab. Wie überall sind wir auch hier wieder 
von Räthseln umgeben. Die von Tycho Mommsen neu 
herausgegebene Novelle (Oldenburg 1857) fuhrt den Titel: 
The Painful Adventures of Pericles, Prince of Tyre. Being 
the true History of the Play of Pericles, as it was lately 
presented by the worthy and ancient Poet John Gower. At 
London, Printed by T. P. for Nat. Butter, 1608. 4*^ 40 Bl.» 
Das Drama selbst erschien in vier fernem Quartausgaben 
(von 161 1, 1619, 1^30 ^^^ ^^35) ^^^ wurde dann 1664 in 
FC aufgenommen, nachdem es in den beiden ersten Folio- 
ausgaben gefehlt hatte. Von vielen Kritikern wird der 
Pericles wenigstens theilweise (namentlich in den ersten 
beiden Akten) für unecht gehalten, und Fleay hat auch hier 
die echten Theile unbedenklich ausgeschieden und in den 
Transactions of the New Shakspere Society I, 195 fgg. als 
zusammenhängendes Ganze unter dem Titel: The Strange 



i) Ueber eine Aufführung des Stückes bei Hofe vergl. Herbert, G., 
Leiter to Sir G. Carleton giving an Account of the Performance of 'Pericles' 
at the English Court. Ed. by J. O. Halliwell. London, 1865 (lO copies). 

2) Die Cambridge Editors haben zwei Quartos aus dem J. 1609 nach- 
gewiesen. 

3) Von der History of Amleth, von den Balladen bei Percy u. s. w. 
unterscheidet sich diese Novelle in bemerkenswerther Weise dadurch, dass 
sie ihr Verhältniss zu dem bezüglichen Drama auf dem Titel offen und ehr- 
lich angiebt. ' 



• 411 

and Worthy Accidents in the Birth and Life of Marina. By 
William Shakspere zum Abdruck gebracht. Da er nicht 
weniger als drei Hände unterscheidet, nämlich i. Shake- 
speare, 2. den Verfasser der Bordellscenen und 3. den 
' Arranger ', so liegt es auf der Hand, welcher Grad von Zu- 
verlässigkeit sich einem Verfahren zugestehen lässt, das 
durch keine metrischen Rechenexempel des Characters sub- 
jectivster Willkür entkleidet werden kann. Es ist ein Glück, 
dass kein deutscher Kritiker in solcher Weise vorgegangen 
ist, er würde sonst seinen englischen Kollegen gegenüber 
einen harten Stand gehabt haben. Ungleich vorsichtiger 
und gründlicher geht Delius zu Werke, welcher im Shake- 
speare-Jahrbuch in, 175 fgg. die scharfsinnige Hypothese 
durchführt, dass der Verfasser der Novelle Perictes, George 
Wilkins, zugleich der ursprüngliche Verfasser der Dramen 
Pericles und Timon gewesen sei, die dann beide von Shake- 
speare überarbeitet worden seien. Die Einwendungen, denen 
diese Hypothese unterliegt, hat Ulrici (3. Aufl. in, 45 fgg.) 
glänzend entwickelt, und wir stimmen ihm in allem Wesent- 
lichen bei. Die äussern Zeugnisse, durch welche Pericles 
als ein echtes Stück Shakespeare's beglaubigt wird, sind 
so unzweideutig, dass dagegen weder das Fehlen des 
Stückes in FA und FB, noch die unleugbare und tiefgehende 
Verderbniss des Textes in die Wagschale gelegt werden 
können, zumal die letztere eine Erklärung zuzulassen scheint, 
welche sich mit der Autorschaft Shakespeare's sehr wohL 
verträgt. Es ist gar kein Grund daran zu zweifeln, dass 
Dryden Recht hat, wenn er in der Vorrede zu Davenant's 
Circe (1677) den Pericles als die erste Frucht von Shake- 
speare's Muse bezeichnet: 

Shakespeare* s own Muse his Pericles first bore. 

Jedenfalls war es eine der ersten, womit auch die innern 
Merkmale des Styls, des Versbaus u. s. w. bei richtiger Auf- 
fassung durchaus im Einklang stehen. Die übrigen Stellen, 
in denen der Pericles meist mit hohem Lobe, doch auch 
wieder mit scharfem Tadel erwähnt wird, sind bekannt 
(s. Ingleby, Shakespeare's Centurie of Prayse 58. 64. 117. 
118. 203. 265), nur Eine scheint nicht gebührend berück- 



412 

sichtigt worden zu sein, das ist der Prolog zu Ben Jon- 
son's Every Man in his Humour, wo es heisst: 

Where neither chorus wafts you o*er the seas, 
Nor creaking throne cotnes down the boys io pUase. 

Man mag sich sträuben wie man will, so kann man nicht 
leugnen, dass alle Pfeile, die in diesem Prolog abgeschos- 
sen werden, Shakespeare entweder ausschliesslich oder doch 
im Verein mit andern treffen. Da nun B. Jonson obenein 
in der dem Lustspiel The New Inn angehängten Ode einen 
Tadel gegen den Pericles ausspricht, so muss gewiss die 
obige Zeile des Prologs auf den Pericles, und zwar auf den 
Pericles Shakespeare's gedeutet werden, so dass sie zugleich 
als ein Indizium für die Echtheit des Stückes angesehen wer- 
den darf. Haben wir uns schon beim Timon zu der An- 
nahme gedrängt gesehen, dass das Manuscript nur in einem 
entstellten und lückenhaften Zustande zu beschaffen war, so 
müssen wir auch beim Pericles auf die nämliche Hypothese 
zurückkommen; bei diesem als einem Jugendwerke ist ein 
solcher Sachverhalt noch viel einleuchtender und selbstver- 
ständlicher. Beim erstem hatten sich Heminge und Condell 
entschliessen müssen das Manuscript zusammenzustöppeln 
— by hook and by crook; denn da der Platz für das Stück 
einmal offengelassen war, so blieb ihnen keine Wahl übrig. 
Das Ergebniss war jefloch so unerfreulich imd so wenig 
nach ihrem Sinne, dass sie beim Pericles, wo sie wiederum 
derselben Sachlage gegenüber standen, vorzogen, das Stück 
lieber wegzulassen, als es ihren Lesern in der verstümmel- 
ten Gestalt darzubieten, in welcher es in den Quartos vor- 
lag. An einem solchen Abdruck der Qs sahen sie sich — 
und das war wol das grössere Hindemiss — überdies durch 
den Umstand gehindert, dass sie das Verlagsrecht nicht 
besassen und sich mit dem Verleger nicht einigen konnten. 
Denn das kann nicht bezweifelt werden, dass selbst sog. 
Raubausgaben nicht nachgedruckt werden durften, wie 
durch zwei Umstände bewiesen wird. Einmal wurden die- 
selben so gut wie alle andern Bücher in die Register der 
Gilde eingetragen und zweitens wurde das Verlagsrecht an 
ihnen von einem Buchhändler an den andern verkauft; bei- 



413 

des wäre ohne Sinn und Wirkung gewesen, wenn sie hätten 
beliebig nachgedruckt werden dürfen. Ob die Herausgeber 
zu den sechs und dreissig Stücken ihres Freundes noch das 
sieben und dreissigste fugten oder nicht , darauf kam ihnen 
viel weniger an als uns heutzutage begreiflich scheinen will, 
wo wir jeden Schriftzug des grossen Dichters heilig halten 
möchten. Auch ohne dieses Jugendwerk war es ein monu- 
menium aere perennius y das sie dem Verstorbenen errichtet 
hatten; sie hatten ihre Pflicht an ihm wie an der Nachwelt 
gethan und hatten für diese vor allem die grossen Haupt- 
werke der reifsten Periode sicher gestellt; sie durften da- 
her den Pericles mit gutem Gewissen lieber fallen lassen 
als ihn in verkrüppelter Gestalt auf die Nachwelt bringen. 
Bei dem frischen, thatkräftigen Hauche, welcher das da- 
malige Leben und dichterische Schaffen durchdrang, war 
man weit weniger darauf bedacht als jetzt auch schwäch- 
liche Geisteskinder zu erhalten; ging eines oder das andere 
unter, so schuf man eben ein neues und in jede Bresche 
sprangen sofort Ersatzmänner ein. Pietät gegen Geistes- 
werke ist eine moderne Gesinnung. 

Wie der Text der Qs beschafft worden sein mag, lässt 
sich an dieser Stelle nicht ausführlich erörtern, nur das mag 
angedeutet werden, dass die letzten drei Akte aus den noch 
vorhandenen Fragmenten der Handschrift (des Regiebuches), 
die ersten beiden aus den Rollenabschriften oder noch wahr- 
scheinlicher aus dem Gedächtniss der Schauspieler herge- 
stellt wurden, mit welcher Arbeit irgend ein Johannes 
Factotum der Bühne — George Wilkins so gut wie ein 
anderer betraut wurde , da Shakespeare selbst sich zu 

der Zeit als QA erschien bereits von der Bühne zurück- 
gezogen hatte. War dies der Hergang, so erklärt sich 
auch , wie die ersten beiden Akte hinsichtlich des Versbaus, 
namentlich der vielbesprochenen weiblichen Ausgänge, ein 
moderneres Aussehen erhielten, als ihre drei Nachfolger: 
die Schauspieler hatten sie im Laufe der Jahre unwillkür- 
lich modemisirt, und den streng gebauten Blankvers der 
achtziger Jahre allmählich zu dem freier bewegten des sieb- 
zehnten Jahrhunderts abgeschliffen, während die Handschrift, 



414 

so weit sie noch erhalten war, die ursprüngliche Nieder- 
Schrift des Dichters wenn auch nicht vollkommen, so doch 
ungleich treuer bewahrt hatte. Aber nicht die Schauspieler 
allein trugen die Schuld dieses abweichenden metrischen 
Charakters, sondern der Bühiiendichter , der ihre Recitatio- 
nen niederschrieb und zusammenstellte, hatte vielleicht 
einen noch grossem Antheil daran. Alle diese Umstände 
sorgfaltig und unparteiisch erwogen, so scheinen zwei Punkte 
nicht zweifelhaft, einmal dass der Pericles ein echtes Werk 
Shakespeare's ist, und zwar eines der frühesten, wenn auch 
nicht buchstäblich das erste, wie Dryden will, und zweitens, 
dass uns das Stück namentlich in den beiden ersten Akten 
nicht in seiner ursprünglichen Gestalt vorliegt, und von den 
Herausgebern der Folio eben desshalb weggelassen wurde, 
weil sie das Original nicht herbeizuschaffen vermochten. 
Die dritte Folio war weniger bedenklich und fand es oben- 
ein zweckmässig durch neue Hinzufugungen die Theilnahme 
des Publikums neu anzuregen und Käufer anzulocken. Diese 
Hinzufügungen bestanden bekanntlich ausser dem Pericles 
aus sechs andern Dramen, welche unter dem Namen der 
zweifelhaften Stücke (doubtful plays) zusammengefasst zu 
werden pflegen. Von den englischen Kritikern werden sie 
im Grossen und Ganzen verworfen, während in Deutschland 
sich manche Stimmen zu ihren Gunsten geltend gemacht 
haben. An ihnen zeigt sich recht deutlich, in wie hohem 
Masse es auf die äussere Beglaubigung ankommt, indem 
hier , wo die Entscheidung lediglich auf den innem stylisti- 
schen und metrischen Merkmalen beruht, ein Schwanken 
entstanden ist, das sich schwerlich je zu einem allgemein 
giiltigen Urtheil festsetzen wird, um so weniger als sich 
nicht ermitteln lässt, in wie weit betrügerische Buchhändler - 
Speculation den wahren Sachverhalt absichtlich verdunkelt 
und verwirrt hat. Der hierbei öfter wiederkehrende Name 
Thomas Paviex ist geeignet, auf Schritt und Tritt das Ge- 
fühl der Unsicherheit in uns zu erzeugen. Sein Name findet 
sich nämlich auf keinem unbestrittenen Werke Shake- 
speare's , ausgenommen auf Heinrich V und zwei Theilen 
Heinrichs VI, von welchen Stücken er Ausgaben veröffent- 



415 

lichte, die offenbar piratisch und verstümmelt sind. * Die 
zweifelhaften Stücke sind verschiedentlich herausgegeben 
und übersetzt worden * und verdienen grössere Beachtung, 
als ihnen im Allgemeinen zu Theil wird. Sie sind der Reihe 
nach folgende : ' 

XLn. The London Prodigal. Ed. pr. The London 
Prodigall. As it was plaide by the Kings Maiesties ser- 
uants. By William Shakespeare. London, Printed by T. C. 
for Nathaniel Butter &c. 1605. 4*^ — T. C. ist Thomas 
Creede. — Exemplare im Britischen Museum, in der Bod- 
leiana, CapelFs CoUection und der Bibliothek des Herzogs 
von Devonshire. Eine Eintragung dieses, nach einer Stelle 
im I. Akt 1603 oder 1604 geschriebenen Stückes in die 
Buchhändler- Register hat nicht Statt gefunden. — Malone 
ist zweifelhaft, worüber man sich mehr wundern solle, über 
die Unverschämtheit des Buchhändlers, Shakespeare's Namen 
auf ein Werk zu setzen, von dem er aller Wahrscheinlich- 
keit nach nicht Eine Zeile geschrieben hat, oder die Gleich- 
gültigkeit iShakespeare's , der eine solche Fälschung ruhig 
über sich ergehen Hess. — 'Wenn es wirklich ein Werk 
Shakespeare's war, sagt Hazlitt in seinen Vorlesungen, so 
muss es zu seinen Jugendsünden gehört haben.' Ulrici III, 
76 fgg. erklärt es für zweifellos unecht. 



i) Vergl. Malone's Supplement II, 269. 

2) Supplement to the Edition of Shakespeare's Plays published in 1778 
by Samuel Johnson and George Steevens (by Edm. Malone) London, 1780, 
2 vols. — The Supplementary Works of Wm Shakspeare ed. by Wm Hazlitt. 
London, 1859. — The Doubtful Plays of Wm Shakespeare, Leipzig, Tauch- 
nitz, 1869. — Pseudo-Shakspere'sche Dramen herausgeg. von Nie. Delius. 
Elberfeld, 1856 — 74. 2 Bde. — Tieck; Alt-Englisches Theater, 2 Bde. 
Berlin 181 1. — Tieck, Shakespeare's Vorschule. Leipzig, 1823 — 29, 2 Bde. 
— Tieck, Vier Schauspiele von Shakespeare. Stuttgart, Cotta, 1836. — 
Ortlepp, Nachträge zu Shakespeare's Werken. Stuttgart, 1840. — Döring, 
Supplemente zu Shakespeare's Schauspielen. Erfurt, 1840. 

3) In Malone's Supplement, bei Hazlitt (Supplementary Works) &c. ist 
die Reihenfolge folgendermassen geändert: Locrine, Sir John Oldcastle, Lord 
Cromwell, The London Prodigal, The Puritan, A Yorkshire Tragedy. 



• 4*6 

XLin. Lord Crom\^^ll. Ed. pr. The True Chronicle 
Historie of the whole life and death of Thomas Lord Crom- 
well. As it hath beene sundry times publikely Acted by 
the Kings Maiesties Seruants. Written by W. S. London 
Printed by Thomas Snodham, 1613. 4*". — Exemplare in der 
Bodleiana, in CapelVs CoUection und der Bibliothek des 
Herzogs von Devonshire. — Schon am 11. August 1602 
wurde 'A booke called The Lyfe and Death of the Lord 
Cromwell, as yt was lately acted by the Lord Chamberleyn 
his Servantes ' von William Cotton in die Register der Buch- 
händler-Gilde eingetragen und soll, wie Malone nach münd- 
licher Mittheilung angiebt (Supplement 11, 373), noch in dem- 
selben Jahre gedruckt worden sein; ein Exemplar dieser 
Ausgabe ist jedoch nicht vorhanden. Die Anfangsbuch- 
staben W. S., die von verschiedenen englischen Kritikern 
auf Wentworth Smith gedeutet werden, wurden nach Malone 
nur zur Täuschung des Publikums auf den Titel gesetzt; 
der Verleger habe nämlich den Glauben erwecken wollen, 
als sei das Stück eine Fortsetzung Heinrichs VIII, wess- 
halb er es bei der Erneuerung des letztgenannten Drama's 
im Jahre 161 3 in zweiter Auflage habe erscheinen lassen. 
Dr. Farmer muthmasst auf Thomas Heywood als den Ver- 
fasser. 

XLIV. Sir John Oldcastle. Ed. pr. The first part of 
the true and honorable history of the Life of Sir John Old- 
castle, the good Lord Cobham. As it hath bene lately 
acted by the Right honorable the Earle of Nottingham Lord 
High Admirall of England , his Seruants. Written by Wil- 
liam Shakespeare. London, Printed for T. P. 1600. 4^. — 
T. P. ist Thomas Pavier. — Exemplare im Britischen Mu- 
seum und in CapelFs CoUection. - Es würde am 4. August 
1600 von Thomas Pavier in die Register der Buchhändler - 
Gilde eingetragen unter dem Titel 'The First Part of the 
History of Sir John Oldcastle, Lord Cobham.' Zu gleicher 
Zeit wurde auch *The Second Part of the History of Sir 
John Oldcastle, Lord Cobham, with his Martyrdom' einge- 
tragen; dieser zweite Theil ist jedoch nicht erschienen. Der 



417 - - 

Name des Verfassers wird in beiden Eintragnng-en nicht er- 
wähnt. — Der StoflF ist aus Holinshed entnommen. Aus dem 
Prolog, der den Helden des Stückes in einen tendentiösen 
Gegensatz zu FalstafF stellt, geht deutlich hervor, dass 
Shakespeare nicht der Verfasser von Sir John Oldcastle 
gewesen sein kann, und aus Henslowe's Tagebuche ergiebt 
sich in der That, dass dies Stück 1599 von Munday, Dray- 
ton , Wilson and Hathway geschrieben wurde — wobei frei- 
lich dahingestellt bleiben muss, in wie weit Henslowo*s 
Tagebuch eine ungetrübte Quelle ist. Dr. Farmer schreibt 
auch dieses Stück Heyi;\'^ood zu, während es Schlegel sammt 
Lord Cromwell und dem Trauerspiel in Yorkshire unbezwei- 
felt zu Shakespeare's reifsten und vortrefflichsten Werken 
rechnet (Vorlesungen über dramatische Kunst und Literatur). 

XLV. The Puritan. Ed. pr. The Pvritaine or the 
Widdow of Watling-streete. Acted by the Children of 
Paules. Written by W. S. Imprinted at London by G. Eid, 

1607. 4**. — Exemplare im Britischen Museum, in Capell's 
CoUection und in der Bibliothek des Herzogs von Devon- 
shire. — Die Eintragung des Stückes in die Register der 
Buchhändler -Gilde geschah am 6. August 1607 durch G. Eid 
unter dem Titel *A booke callcd The Comedie of the Pu- 
ritan Wydowe.' Malone deutet die Initialen W. S. auf 
William Smith. 

XLVI. A YoRKsmRE Tragedy. Ed. pr. A Yorkshire 
Tragedy. Not so New as Lamentable and true. Acted by 
his Maiesties Players at the Globe. Written by W. Shak- 
speare. London, printed by R. B. for Thomas Pauier &c. 

1 608 , 4 ***. — Exemplare im Britischen Museum, in der Bod- 
leiana und der Bibliothek des Herzogs von Devonshire. — 
Eine zweite Quarto erschien, ebenfalls . bei Pavier, im Jahre 
1619. — Die Eintragxmg in die Buchhändler - Register be- 
wirkte Pavier am 2. Mai 1608 unter der Bezeichnung *A 
booke called A Yorkshire Tragedy' Nach Ulrici HE, 104 
wäre Shakespeare cds Verfasser in dieser Eintragung ge- 
nannt. Dies Stück wurde auf dem Globus - Theater zusam- 

Eke, Shakespeare. 27 



4i8 

men mit drei andern kurzen Dramen unter dem gemein- 
schaftlichen Titel * Airs One ' aufgeführt, wie aus dem Titel : 
*Airs One, or one of the foure plaies in one, called a 
Yorkshire tragedy' hervorgeht. Der im Jahre 1604 began- 
gene Mord, der dem Stücke zu Grunde liegt, wird in Stowe*s 
Chronicle berichtet. Collier, Dyce, Ulrici u. A. sind geneigt, 
Shakespeare wenigstens einen hervorragenden Antheil an 
diesem Stücke zuzuschreiben, ohne daran Anstoss zu neh- 
men, dass Shakespeare sonst nie bürgerlichen Familien- 
jammer auf die Bühne gebracht und ein gewöhnliches Ver- 
brechen in die Sphäre des Tragischen erhoben hat, 

XLVn. I^cRiNE. Ed. pr. The lamentable Tragedie of 
Locrine, the eklest sonne of King Brutus, discoursing the 
warres of the Britaines and Hunnes, with their Discom- 
fiture : The Britaines victorie with their Accidents , and the 
death of Albanact. No lesse pleasant than profitable. Newly 
set foorth, ouerseene and corrected by W. S. London, 
printed by Thomas Creede 1595. 4***. — Exemplare in Ca- 
peirs CoUection und der Bibliothek des Herzogs von De- 
vonshire. Das Stück wurde am 20. Juli 1594 von Thomas 
Creede ohne Angabe eines Verfassers in die Buchhändler - 
Register eingetragen. In dem 1661 gedruckten Catalogxie 
of Plays von Kirkman wird das Stück noch nicht Shake- 
speare zugeschrieben, und der Herausgeber (Verleger oder 
Drucker) der dritten Folio, also keinesfalls eine gewichtige 
Autorität, scheint der erste gewesen zu sein, der die Initia- 
len W. S. auf unsem Dichter bezog. Dr. Farmer hielt den 
Verfasser für identisch mit dem Dichter des Titus Androni- 
cus, Malone schreibt das Stück Marlowe zu und ist über- 
zeugt, dass W. S. William Smith bedeutet, der das Stück 
nach Marlowe's Tode (1593) für den Druck überarbeitete. 
Ulrici will in den komischen Partien Shakespeare's Hand 
erkennen. 

Hiermit schliesst die Reihe der in den Original -Aus- 
gaben enthaltenen Werke Shakespeare's ab, keineswegs 
aber die Reihe derjenigen Dramen, welchen von diesen 



419 

oder jenen Kritikern der Anspruch auf Shakespeare*s Ur- 
heberschaft zuerkannt worden ist. Diese Reihe ist vielmehr, 
wie bereits gesagt, unerschöpflich, insofern thatsächlich 
täglich neue Bewerber um diese Ehre auftreten. Ausser 
den im Obigen genannten dürfen Edward III, * Arden of 
Feversham, Mucedorus, Fair Em, The Birth of Merlin, The 
Merry Devil of Edmonton, The Double Falsehood &c. 
wenigstens nicht mit Stillschweigen übergangen werden; 
Näheres darüber findet sich in den Ausgaben und Ueber- 
setzungen der zweifelhaften Stücke, wie auch bei Ulrici und 
in dem Vincke'schen Verzeichnisse im Shakespeare - Jahr- 
buche Band VIII. Eine besondere Erwähnung erheischt 
das von Dyce für die Shakespeare - Gesellschaft herausge- 
gebene Drama Sir Thomas More, indem Richard Simpson 
in seinem scharfsinnigen Aufsatze: Are there any extant 
MSS in Shakespeare 's Handwriting? in N. and Q. July i, 
1871 (Vol. VIII, i — 3) den Nachweis antritt, nicht nur dass 
dies Stück von Shakespeare überarbeitet ist, sondern sogar 
dass die von ihm hinzugefugten oder umgeschriebenen 
Scenen in seiner eigenen Handschrift erhalten sind. Seine 
Beschreibung des MS (MS Harleian 7368 im Britischen Mu- 
seum) ist in der That von Interesse und verdient Berück- 
sichtigung, auch wenn man seiner Hypothese nicht beizu- 
stimmen geneigt ist. Er stellt Sir Thomas More in Eine 
Reihe mit Thomas Lord Cromwell und Pericles und schliesst 
seine Argumentation mit folgenden Worten: ^Pericles is 
Shakespeare^ s j Cromwell was printed with his initials in his 
lifetime y and More is much more worthy of him than Crom- 
7velL All three belonged to his Company of actorsJ* 

Aber nicht Dramen allein, auch kleinere Gedichte sind 
in neuerer Zeit mit dem Ansprüche Erzeugnisse von Shake- 

i) Zu Gunsten Edward's III als eines Shakespearc'schen Stückes hat 
sich neuerdings mit grosser Entschiedenheit Collier im Athenaeum 1874, I, 
426 erklärt. Dagegen spricht v. Friesen (Eduard III, angeblich ein Stuck 
von Shakespeare im Shakespeare -Jahrhuche II, ^4 — 89) dies Drama unserm 
Dichter ab. — Ueber die andern Stücke vergl. auch: v. Friesen, Flüchtige 
Bemerkungen über einige Stücke, welche Shakespeare zugeschrieben werden, 
im Shakespeare - Jahrb. I, 160 — 188. 

27* 



420 

speare's Muse zu sein aufgetaucht. Es mag genügen auf 
das wiederholt besprochene Gedicht: ^ My thoughts are 
winged with hopes^ und auf ein zweites, von Halliwell her- 
ausgegebenes hinzuweisen. Das erstere befand sich hand- 
schriftlich und mit den Initialen W. S. unterzeichnet in 
einem Sammelbande der Hamburger Bibliothek, ist jedoch 
nicht mehr aufzufinden. Zuerst wurde es von Benecke in 
der * Wünschelruthe * 1818 S. 134 mitgetheilt; dann ver- 
öffentlichte Goethe eine Uebersetzung und Erklärung davon 
mit der Unterschrift 'Shakespeare' in 'Kunst und Alterthum' 
n, 52; in, I, 56 und endlich ist es von G. v. Löper in 
Gosche's Archiv für Literaturgeschichte 11, 521 besprochen 
worden. * Das zweite Gedicht findet sich in Halliwell's Some 
Account of Rob. Chester's Love's Martyr, including a remark- 
able Poem by Shakespeare, facsimiles by E. W. Asbee 
(London, 1865), von welchem Schriftchen leider nur 10 Exem- 
plare angefertigt worden sind, so dass es wenigstens ausser- 
halb England so gut wie nicht vorhanden ist. In derselben 
Weise hat Halliwell die bereits S. 152 erwähnten Balladen 
auf die Armada drucken lassen , welche er Shakespeare zu- 
schreibt. Mögen diese Entdeckungen auf sich beruhen blei- 
ben, bis sie nicht nur dem Namen, sondern der That nach 
veröffentlicht werden. 



1) Vergl. A. Cohn im Shakespeare - Jahrbuch VIII, 391 fg, — Regis, 
Shakespeare - Almanach 355. 



VI. 



SHAKESPEARE'S BILDUNG. 



Hundert und einige Jahre sind verflossen, seitdem 
Dr. Farmer's berühmte und in gewisser Hinsicht Epoche 
machende Abhandlung über Shakespeare's Gelehrsamkeit 
erschien, von welcher Dr. Johnson geurtheilt hat, dciss sie 
den Gegenstand für immer erledigt habe. * Abgesehen da- 
von, dass heutigen Tages Niemand mehr so leichten Kaufes 
berühmt wird — jeder Anfanger und Dilettant in der Shake- 
speare-Kunde weiss von Farmer's Essay — , ist es erfreu- 
lich an diesem Beispiel recht unzweideutig die Ueberzeu- 
gnng zu gewinnen, dass die ununterbrochene Arbeit und 
Forschung eines Jahrhunderts nicht vergeblich gewesen ist. 
Heute stellen wir die Frage nicht mehr nach Shakespeare 's 
Gelehrsamkeit, von der bei ihm allerdings kaum die Rede 
> sein kann, sondern nach seiner Bildung,* und besitzen ein 



i) An Essay on the Learning of Shakespeare addressed to Joseph Cra- 
dock, Esq. By Richard Farmer, M. A. Cambridge, 1767. Eine zweite, stark 
vermehrte Auflage erschien noch in demselben Jahre. Spätere Auflagen von 
1789 und 1821; ausserdem Basel, 1800. — Farmer war geb. zu Leicester 
28. Aug. 1735 und starb zu Cambridge 8. Septbr. 1797. Auf dem Felde der 
Literatur hat er ausser dieser Abhandlung nichts geleistet, doch hat er sich 
das Verdienst erworben, als einer der ersten eine werthvoUc Bibliothek 
Elisabethanischer Literatur zu sammeln, die ihn ungefähr 500 Pfd. kostete 
und nach seinem Tode für mehr als 2000 Pfd. versteigert wurde. — * See a 
series of learned and spirited papers by Dr. Maginn on Farmer's Essay, 
printed in Fräser* s Magazine 1839.* Knight, Wm Sh.; a B. III. 

2) Um von vornherein jedes Missverständniss auszuschliessen, mag aus- 
drücklich bemerkt werden, dass wir unter Bildung die Gesammtheit des er- 



422 

ungleich reichhaltigeres Material als Farmer, um dieselbe 
von einem freiem, umfassendem und zugleich tiefer ein- 
dringenden Gesichtspunkte zu beantworten, während Farmer 
sich fast nirgends über den Standpunkt der Stellenverglei- 
chung und des Citats erhebt. Der naheliegende Gedanke, 
dass nach abermals hundert Jahren die künftigen Shake- 
speare-Forscher vermuthlich ähnlich über unsere heutigen 
Arbeiten urtheilen werden, wie wir über diejenige Farmer's, 
hat für uns nichts Niederschlagendes, sondern im Gegen- 
theil etwas Erhebendes. Hätten er und seine Zeitgenossen 
uns nicht vorgearbeitet, so würden wir nicht zu der bessern 
Erkenntniss gelangt sein, und wollten wir die Hände in den 
Schooss legen, so würde das nächste Jahrhundert noch bei 
Farmer stehen. So zeigt sich im Kleinsten wie im Grossten 
die Nothwendigkeit und der Segen unablässiger, sich in 
ununterbrochener Kette fortbewegender Geistesarbeit. 

Farmer versteht unter Gelehrsamkeit (learning) aus- 
schliesslich Sprachgelehrsamkeit und zwar vorzugsweise 
Kenntniss der klassischen Sprachen. * Mit welchem Eifer 
seine Vorgänger (Gildon, Sewel, Grey, Whalley, Upton 
u. A.) sich mit dem Nachweise klassischer Gelehrsamkeit 
bei Shakespeare abmühten, davon hat man heutzutage kaum 
noch eine Ahnung. Jedes Bild, jede Sentenz, jede Schil- 
derung, ja fast jeden guten Gedanken, den man bei Shake- 
speare bewunderte , sollte er von den Alten entlehnt haben. 
Upton will sogar die antike Metrik bei Shakespeare wieder- 
finden und erblickt ein tiefes Verständniss darin, dass er 
die Hexen im Macbeth in ithyphallischen Versen (brachy- 
katalektischen trochaischen Dimetem!) reden lässt;^ Gildon 
lässt sich bis zu dem Ausrufe hinreissen : * The nmn who 



worbenen Wissens und Könnens zusammenfassen im Gegensatze zu dem von 
der Natur verliehenen. 

i) Ch. A. Brown j Autobiographical Poems, hat ausser einem Kapitel 
gleicher Ueberschrift und gleichen Inhalts wie Farmer noch ein zweites 
' Shakespeare's Knowledge.' 

2) John Upton, Critical Observations on Shakespeare. London, 1746 
(2** Ed. 1748). Die Schrift ist troudem nicht werthlos. S. R. Gr. White, 
Shakespeare*s Works I, CCLXXV. 



423 

doubts thc learning of Sfiakspeare, hath none of his mvn,' ^ 
In eineu" so einseitig und ohne genügende Grundlage auf 
die Spitze getriebenen Richtung war ein Umschlag unaus- 
bleiblich, und diesen Umschlag vollzog Farmer. Allerdings 
würde, wenn die Erzählung zuverlässig wäre, schon vor ihm 
John Haies von Eton (geb. 1584, gest. 1656), den Malone 
desshalb ' the ever-memorable' getauft hat, das nahver- 
wandte Verdienst in Anspruch nehmen dürfen, die Schön- 
heit der Shakespeare'schen Poesie den Alten gegenüber, ja 
sogar über sie gestellt zu haben, ohne jedoch der Frage 
wegen der Entlehnungen dabei auf den Grund gegangen 
zu sein. Die Geschichte, die zuerst in Dryden's Essay of 
Dramatic Poesy (1667), dann bei Täte (1680), dann in Gil- 
don's Letters and Essays (1694) imd endlich bei Rowe er- 
zählt wird, läuft auf die Aeusserung von Haies hinaus ^ ihat 
there was 7W subject of which any poet ever wrüy but he 
would produce ü much better done in Shakspeare' So lauten 
die Worte bei Dryden. Diese Aeusserung wurde von Hand 
zu Hand weiter ausgeschmückt, bis sie zu einer feierlichen 
akademischen Sitzung auf Haies' Zimmer in Eton ausgebildet 
war, in welcher über die poetischen Verdienste der Alten 
einerseits imd Shakespeare's andererseits Gericht gehalten 
worden sein soll. GifFord hat das stufenweise Wachsthum 
der Anekdote scharfsinnig nachgewiesen, freilich nicht ohne 
daraus Kapital für seinen geliebten Jonson zu schlagen; er 
meint, diese Weiterbildung der Geschichte sei nur ge- 
schehen, um Ben Jonson, der dabei als Tadler Shake- 
speare's eingeführt wird, den obligaten Makel anzuhängen, 
und schliesslich rühre die ursprüngliche Aeusserung nicht 
von Haies, sondern von Jonson her, und Haies sei, wenn 
er sie gleichfalls gethan haben sollte , ein Plagiator. * 

' Had I not stept in to his resctie ^ sagt Farmer in der 
Vorrede zu seiner zweiten Auflage, *poar Shakespeare had 

i) Den entschiedenstem Gegensatz hierzu bildet der Ausspruch von John 
Dennis : * He who allows Shakspeare had learning, and a familiär acquain- 
tance with the Ancients , ought to be looked upun as a detractor from the 
glory of Great'ß ritain.' Farmer (3** Ed.) 6. 

2) Gifford, B. Jonson's Works I, CCLXII. — Drake 623. 



424 

bccn stript as naked of ornament^ as ivhcfi he first held horses 
at thc door of the play-house^ \ denn ^ this was sfoleu from 
onc classick — that from atwthcr,^ Ohne dem, auch von 
ihm verehrten Dichter zu nahe zu treten, weist Farmer mit 
Ivlarheit und Schärfe nach, dass Shakespeare keineswegs 
der gediegene Kenner der alten Sprachen und Literaturen 
war, für den ihn die Zeit auszugeben sich gewöhnt hatte, 
und dass sämmtliche Anführungen und Nachahmungen aus 
klassischen Schriftstellern nicht den Urschriften, sondern 
Uebersetzungen entnommen und daher in der Elisabethani- 
schen Zeit allgemein bekannt waren. * Sein unbestreitbares 
Verdienst ist, dass er diesen 'gelehrten Kehricht' um seinen 
eigenen Ausdruck zu gebrauchen, ausgefegt und im Gegen- 
satze dazu zuerst auf Shakespeare's wirkliche, bis dahin fast 
ungeahnte Quellen hingewiesen hat, wobei es heut zu Tage 
einen fast komischon Eindruck macht, wie er sich deswegen 
entschuldigen zu müssen glaubt. Es ist charakteristisch für 
den Standpunkt seiner Zeit, wo die zünftigen Gelehrten die 
Beschäftigung mit der Volksliteratur tief unter ihrer Würde 
hielten, wenn er meint, man werde vielleicht lächeln über 
^ all such readtngy as was never rcad\ und möglicher Weise 
sei er darin zu weit gegangen, aber dies sei ^the reading 
necessary for a Comment on Shakspcare, ' 

Nicht in dieser Richtung ist Farmer zu weit gegangen, 
sondern darin, dass er schliesslich zu dem Ergebniss kommt, 



i) Die beweiskräftigsten Stellen sind natürlich diejenigen, wo Shake- 
speare Versehen und Abweichungen der ihm vorliegenden Uebersetzung mit 
herübergenommen hat. So ist der Vers: * Redime te captum quam gucas 
minimo* in der Zähmung der Widerspenstigen I, i nicht aus dem Original, 
sondern so citirt, wie er in Lily's Grammatik steht. — Die Verse : * Ye Elves 
of hüls, of Standing Lakes and Groves &c. im Sturm V, i entsprechen fast 
wörtlich der Golding'schen Uebersetzung der Metamorphosen (VII, 197). — In 
Julius Caesar III, sagt Antonius fälschlich ' On this side Tiber\ statt On 
that side Tiber, wie Theobald corrigirt hat. So hat nämlich North übersetzt, 
während im Griechischen steht: 7t^(}(tv rov noxafxov. Eben so ist der Vers: 
'Made her Of lomer Syria, Cyprus, Lydia Absolute Queen* (Antonius und 
Cleopatra III, 6) ein Versehen von North; im Original heisst es ganz richtig 
uiißvris. — Ueber Shakespeare's Vcrhältniss zu Seneca s. Shakespeare - Jahrb. 
VII, 273. 



-- 425 

das Hig^ hag, hog des wälschen Pfarrers Evans in den 
Lustigen Weibern möge der einzige Rest von Latein ge- 
wesen sein, welchen der Dichter aus seiner Schulzeit übrig 
behalten habe. Er tröstet sich und seine Leser darüber mit 
der mehr schönklingenden als sinnvollen Phrase, Shake- 
speare habe nicht die Stelzen der Sprachen bedurft um über 
alle andere Menschen emporzuragen. Den Grundtext für 
seine ganze Untersuchung bildet B. Jonson's bekannter Aus- 
spruch, dciss Shakespeare wenig Latein und noch weniger 
Griechisch besessen habe. Farmer's Pflicht wäre offenbar 
gewesen, zuvörderst B. Jonson s eigenen Standpunkt zu prü- 
fen, um danach seine Urtheilsfahigkeit ermessen zu können 
und zu ermitteln, in welchem Sinne der von ihm gebrauchte 
relative Ausdruck 'wenig' aufzufassen sei. Jonson wollte 
bekanntlich für einen grossen Gelehrten gelten und bildete 
sich auf seine klassische Gelehrsamkeit um so mehr ein, als 
er sie grösstentheils auf dem sauern autodidaktischen Wege 
erworben hatte; erst mit 45 Jahren erhielt er nachträglich 
den Grad als M. A. zu Oxford. ^ Er selbst sprach gelassen 
das grosse Wort aus, ^he was bcttcr versed, and knew niore 
in Greek and Latin ^ thän all the Poets in England^ and 
qumtessence thcir braines \ ^ woran ohne Frage Upton's sehr 
richtige Bemerkung angeknüpft werden muss: 'people will 
aUow others any qualities but those upon which they highly 
value theniselves! (Farmer, 3** Ed., 4). Zum Nachtheil seiner 
Poesie kramt B. Jonson, wie schon oben angedeutet, seine 
Kenntniss des klassischen Alterthums in pedantisch eitler 
Weise aus; in seinen Catilina (Akt IV) hat er eine vollstän- 
dige Rede Cicero's (337 Verse), in den Poetaster (V, i) eine 
Anzahl Verse aus der Aeneis (IV, 1 60 fgg.) und so fort ^ 



1) 'Der blosse Gedanke, dass es Shakespeare zum M. A. hätte bringen 
können, ist entsetzlich (awful)\ sagt Ch. A.Brown, Autobiog. Poems 136. 
— Vergl. V. Friesen im Shakespeare -Jahrbuche X, 128 fg. 

2) B. Jonson's Convcrsations with Drummond ed. D. Laing 37. 

3) * There ü scarce a poet or historian * sagt Dryden in seinem Essay 
of Dramatic Poesy, * atnong the Roman authors of those times, whom he has 
not translated in Sejanus and CatUine, But he has done his robberies so 
openly t that one ntay see he fears not to be iaxed by any law. He invades 



4^6 

eingeflüchten , und seine Miiskenspiele werden fast über- 
wuchert von gelehrten Commentaren, ohne welche sie frei- 
lich Menschen und Göttern unverständlich sein würden. So 
pflegt nur derjenige zu verfahren, dem das Wissen ein müh- 
seliger Erwerb ist. Begreiflicher Weise wurde B. Jonson 
schon von seinen Zeitgenossen desshalb verspottet, und 
Chapman, kein verächtlicher Kenner der alten Sprachen, 
ist ihm dafür mit einem bittem Epigramm zu Leibe ge- 
gangen, welches GifFord nicht anders zu entkräften weiss, 
als dass er solchen ^fnalicious trask^ für unecht erklärt: 

Greate'learned "ajittie Ben, be pleased to light 
The World with that threeforked fire ; nor fight 
All US, tke sub'learrCd, with Luciferus' boast 
That thou art most great, learn*d , of all the earth 
As being a thing betwixt a humane birth 
And an infernal, no humanitye 
Of the divine soule shewing man in thee * &c. 

Der Anekdote , wie Shakespeare selbst einmal die pedan- 
tische Gelehrsamkeit seines Freundes durch die ^ latten 
spoofis^ verspottet haben soll, ist bereits Erwähnung ge- 
schehen. 

Ein Mann, der mit solcher Ueberhebung auf das Wissen 
aller andern herabsah, kann unmöglich als unparteiischer 
Richter über deren Leistungen angesehn werden. Was Jon- 
son 'wenig Latein und noch weniger Griechisch' nennt, 
konnte immerhin achtungswerth genug sein, wenngleich sich 
allerdings kaum annehmen lässt, dass Shakespeare bei der 
kurzen Dauer seines Schulbesuches es zu einer grossen 
Geläufigkeit und Sicherheit in der lateinischen Sprache ge- 
bracht und im Griechischen sich viel mehr als die Elemente 
angeeignet haben sollte. Nicht bloss B. Jonson, sondern 
auch andere Neider haben in ihrem eifersüchtigen Aerger 
geglaubt, ihn bei dieser schwachen Seite anfassen zu sollen, 

authors like a monarch , and what would be theft in other poets, is only 
victory in him* &c. So lässt sich alles vertheidigen und beschönigen. 

i) In den Ashmolean Mss. — Vergl. Chapman, The Iliads of Homer 
cd. Rieh. Hooper (1865) I, XL VII fg. — B. Jonson's Works (in i vol. 

1838) 32. 



427 

vor allem Nash in den bereits S. 98 fg. und S. 164 ange- 
führten Stellen, welche zwar Shakespeare nicht nennen, 
aber schwerlich eine andere Deutung als auf ihn zulassen. 
Ob und in wie weit Nash die Geringfügigkeit von Shake- 
speare s klassischen Kenntnissen übertreibt, mag dahinge- 
stellt bleiben ; Eifersucht und Missgunst stehen ihm zu deut- 
lich auf der Stirn geschrieben, als dass er für einen 
unparteiischen Zeugen angesehn werden könnte. Shake- 
speare muss doch auf dem in der Schule gelegten Grunde 
einigermassen weiter gearbeitet haben; vielleicht sind es, 
wie früher erwähnt , die in VautroUier's Verlag erschienenen 
Phrases Linguae Latinae und ähnliche Hülfsmittel gewesen, 
welche ihm dabei gute Dienste leisteten.- Dass er sich auch 
Kenntniss der klassischen Mythologie erwarb, mag ihm 
nicht gerade hoch angerechnet werden, denn sie war ein 
allgemeiner Besitz der Elisabethanischen Zeit. Gerade in 
seinen frühesten Dichtungen beschäftigt sich Shakespeare 
vorzugsweise mit klassischen Gegenständen, und den Pedan- 
tismus der klassischen Anspielungen hat er erst allmählich 
abgestreift. ' Jedenfalls hat er sich ein richtiges Verständ- 
niss und ein feines Gefühl für das Verhältniss seiner Mutter- 
sprache zum Lateinischen wie für Wortbildung erworben. 
Schon Theobald hat in der Vorrede zu seiner Ausgabe 
darauf aufmerksam gemacht, dass kein Dichter einen so 
ausgedehnten Gebrauch von dem lateinischen Element des 
englischen Wortschatzes macht wie Shakespeare, obgleich 
er an diese sehr richtige und bedeutsame Bemerkung sofort 
die Verwahrung anknüpft, dass man daraus nicht auf eine 
eingehende Vertrautheit Shakespeare\s mit den alten Spra- 



i) Auch finden sich in den frühesten Dichtungen lateinisch -englische 
Wortbildungen eigener Art und vielleicht von des Dichters eigener Erfindung ; 
z.B. A Lover's Complaint: Ami credent soul to that stron^-bonäed oath — 
Appertainings — must your ohlations he — And dialogued for him what he 
would say — The mind and sight distractedly commix*d — These offen 
hathed she in her fluxive iears , &c. — Dabei mögen die falschen Quanti- 
täten Andrönicus und Hyperion erwähnt werden, wiewohl sie wenig gegen 
Shakespeare beweisen; die letztere hat er aus Spenser übernommen, nach 
Farmer's Essay (3** Ed.) 37. 



428 — - 

chen schliessen dürfe. * Allein die sich nirgends auffallig 
oder unpassend hervordrängende , überall angemessene und 
sinnvolle Verwendung dieses Sprachelements legt doch 
ein unverächtliches Zeugniss wenigstens für Shakespeare's 
Sprachverständniss ab. Aber mehr noch, Shakespeare be- 
nutzt auch das lateinisch - englische Sprachelement in aus- 
giebiger Weise zur Charakterisirung abgeschmackter Pedan- 
terei, gespreizter Geckenhaftigkeit oder tölpelhafter Unwis- 
senheit, ein Punkt, den Farmer durchaus mit Stillschweigen 
übergeht. Es braucht zum Beweise nur auf die latinisiren- 
den Phrasen Armado's, auf die Floskeln und Citate des 
Holofernes und Sir NathanieFs wie auf die komischen Wort- 
verdrehungen der Mrs Quickly und der beiden Gobbos hin- 
gewiesen zu werden.* Diesen witzigen Gebrauch der Sprach- 
kenntniss hätte Dr. Farmer mit aller seiner Gelehrsamkeit 
schwerlich fertig gebracht — auch B. Jonson steht darin 
weit hinter Shakespeare zurück — und er beweist denn 
doch, dass der Dichter weiter gekommen war als bis zum 
Hig, hag, hog. 

Trotzdem mag gern zugegeben werden, dass Shake- 
speare kein geläufiger Leser lateinischer und noch weniger 
griechischer Schriftsteller war und dass ihm gründliche, um 
nicht zu sagen zünftige Sprachstudien fern lagen. Aber 



i) Ch. A.Brown, Autobiog. Poems I24fg. — Vergl. auch Hallam, In- 
trod. Lit. Eur. II, i8o, welcher zum Beweis für Shakespeare*s Kcimtniss ein- 
zelne Auhdrücke hervorhebt, die er in ihrer ursprünglichen lateinischen, nicht 
ins Englische übergegangenen Bedeutung gebraucht. Hallam hätte seinen 
Beispielen namentlich auch ' exccss* im Kaufmann von Venedig I, 3: By 
takin^ nor by givin^ of excess hinzufügen können. Shakespeare - Jahrbuch 

VI. 145. 

2) Love*s Labour*s Lost : Tender juvenal — condign praise — festina' 
tely hither — dost thou itifavionise mer — 2 K. Henry IV: rampallian — 
fustilarian — he*s an Infinitive ihing upon my score — excellent good tem- 
pcrality — cannot one bear loith j^inother*s confirmities — aggravate your 
choler, Mcrchant of Venice : as my father shall frutify — the suit is im- 
pertinent to myst'lf — that is the very defect of the matter — he has a 
great infection — my young masier doth expect your reproach — &c. — 
Der Einzige, der in dieser Art des Wortwitzes Shakespeare gleichsteht, ist 
Sheridan in seiner Mrs Malaprop in den Rivals. 



4^9 

bei welchem grossen Dichter wäre das anders gewesen? 
Für Shakespeare wie für Scott, Byron, Goethe, Schil- 
ler u. A. waren die Sprachen nicht Zweck, sondern nur 
Mittel, um ihnen die Schätze fremder Literaturen zu er- 
schliessen, und keiner von allen Dichtem hat die Hülfe von 
Uebersetzungen verschmäht, wenn er durch sie mit gerin- 
germ Zeit- und Kraft -Aufwände zu seinem Ziele gelangen 
konnte. Shakespeare befand sich in der glücklichen Lage, 
dass ihm bereits die meisten Geistesheroen wenigstens der 
römischen Welt durch eine Reihe von Uebersetzungen zu- 
gänglich gemacht waren, die, wie weit sie auch durch die 
seitdem ausserorde